UNICEF

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Geschrieben von goldorak 03/04/2009 @ 15:07

Tags : unicef, uno, internationale organisationen, ausland

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UNICEF

Flagge von UNICEF

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (engl. United Nations International Children’s Emergency Fund, UNICEF) ist eines der entwicklungspolitischen Organe der Vereinten Nationen. Es wurde am 11. Dezember 1946 gegründet, zunächst um Kindern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Heute arbeitet das Kinderhilfswerk vor allem in Entwicklungsländern und unterstützt in ca. 160 Staaten Kinder und Mütter in den Bereichen Gesundheit, Familienplanung, Hygiene, Ernährung und Bildung und leistet humanitäre Hilfe in Notsituationen. Außerdem betreibt es auf internationaler politischer Ebene Lobbying etwa gegen den Einsatz von Kindersoldaten und für den Schutz von Flüchtlingen.

Sitz der internationalen Organisation UNICEF, wie auch der Mutterorganisation UNO, ist New York City. 1965 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis. Der Preis wurde für die Organisation von dem amerikanischen Schauspieler Danny Kaye entgegengenommen. Ab 1989 koordinierte UNICEF in der Operation Lifeline Sudan die humanitäre Hilfe zur Versorgung der Bevölkerung während des Bürgerkriegs in Südsudan.

Aktuell hat UNICEF ca. 7.000 Mitarbeiter in rund 160 Ländern. Anfang Mai 2005 wurde Ann Veneman für eine Amtszeit von fünf Jahren zur neuen Direktorin von UNICEF berufen. Ihre Vorgängerin war Carol Bellamy, die diesen Posten zehn Jahre lang innehatte.

Als eigenständige Nichtregierungsorganisationen fungieren die sogenannten „nationalen Komitees“ in den Industriestaaten. Diese sind vertraglich an die UNICEF gebunden und wurden von den jeweiligen Regierungen anerkannt.

Am 30. Juni 1953 wurde das deutsche UNICEF-Komitee mit Sitz in Köln gegründet. Schirmherrin ist immer die Frau des amtierenden Bundespräsidenten. Derzeit (2009) ist dies Eva Köhler, die Frau von Bundespräsident Horst Köhler. Die Vorsitzende des Deutschen Komitees war seit dem 1. Januar 2006 die frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis. Am 2. Februar 2008 trat sie aufgrund von Unstimmigkeiten im Vorstand von dem Posten zurück. Nach diesem Schritt von Simonis forderten viele UNICEF-Arbeitsgruppen den Rücktritt von Geschäftsführer Dietrich Garlichs, dem eine Verschwendung von Spendengeldern vorgeworfen wurde. Dieser trat am 8. Februar 2008 zurück.

Am 20. Februar 2008 gab das Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) bekannt, dass es UNICEF Deutschland das DZI-Spendensiegel entzogen hat. Ausschlaggebend für die Aberkennung war, dass UNICEF Deutschland „bei den jährlichen Spenden-Siegel-Prüfungen seit 2005 wahrheitswidrig behauptet“ habe, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden zu bezahlen.

Anfang April trat der gesamte Vorstand von UNICEF Deutschland zurück, um einen Neuanfang nach der Affäre zu ermöglichen. Infolge der Affäre hatten rund 37.000 Dauerspender ihre Unterstützung gekündigt; die Spendeneinnahmen waren nach Angaben von UNICEF um 20 Prozent zurückgegangen. Am 10. April 2008 wurde ein neuer Vorstand gewählt, neuer Vorsitzender von UNICEF Deutschland ist seit dem 11. April 2008 der Manager Dr. Jürgen Heraeus. Am 21. April 2008 wurde der frühere Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Wolfgang Riotte, übergangsweise für fünf Monate zum neuen Geschäftsführer von Unicef Deutschland gewählt.

Am 1. Januar 2009 übernahm Regine Stachelhaus, ehemals Geschäftsführerin von HP , die Unicef-Deutschland-Geschäftsführung.

1962 wurde UNICEF Österreich als Österreichisches Komitee für UNICEF gegründet. Derzeitige Präsidentin ist Dr. Martha Kyrle, die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Adolf Schärf. UNICEF-Botschafter für Österreich sind Christiane Hörbiger und Thomas Brezina.

UNICEF Schweiz wurde 1959 als Schweizerisches Komitee für UNICEF mit Sitz in Zürich gegründet. Erster nationaler UNICEF-Botschafter ist Kurt Aeschbacher. Als Sonderbeauftragte unterstützen außerdem die Triathletin Natascha Badmann und Sir James Galway die Arbeit von UNICEF Schweiz. Hauptaufgabe von UNICEF Schweiz ist es, Mittel für die weltweiten UNICEF Projekte zu sammeln, über die weltweite Situation der Kinder zu informieren und die Umsetzung der Konvention über die Rechte des Kindes zu begleiten. UNICEF wird ausschließlich durch freiwillige Spenden finanziert.

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Beschneidung weiblicher Genitalien

Kombination aus Typ I und II: Klitorisvorhaut sowie innere Schamlippen (labia minora) wurden entfernt. Die Klitoris selbst ist erhalten.

Als Beschneidung weiblicher Genitalien (auch Mädchenbeschneidung oder Frauenbeschneidung) werden kulturell verankerte Praktiken bezeichnet, bei denen weibliche Geschlechtsteile teilweise oder ganz entfernt werden. Die Eingriffe erfolgen vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter; in den meisten Fällen jedoch vor Beginn oder während der Pubertät.

Der Eingriff wird ohne medizinische Gründe ausgeübt, ist meist mit starken Schmerzen verbunden und kann schwere körperliche und psychische Schäden verursachen. Aufgrund dieser weitreichenden Folgen für Leib und Leben der betroffenen Mädchen und Frauen steht die Praxis seit längerem weltweit in der Kritik von Menschen- und Frauenrechtsorganisationen. Zahlreiche staatliche Organisationen wie die Vereinten Nationen, UNICEF, UNIFEM und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie nichtstaatliche Organisationen wie Amnesty International wenden sich gegen die Beschneidung und stufen sie als Verletzung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit ein. Zur Betonung dieser Aspekte hat sich international der Begriff Female Genital Mutilation (FGM, engl., Verstümmelung weiblicher Genitalien) etabliert. Im deutschsprachigen Raum ist die Bezeichnung Genitalverstümmelung (auch genitale Verstümmelung) üblich.

Die Praxis ist nach dem Strafrecht vieler Staaten (unter anderem aller Staaten der Europäischen Union) eine Straftat.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitete 1995 eine Klassifikation zur Unterscheidung verschiedener Typen von Eingriffen, die 1997 in eine gemeinsame Erklärung von WHO, UNICEF und UNFPA übernommen wurde. Diese Typisierung wurde 2008 überarbeitet und wird seither von weiteren Organisationen und Programmen der Vereinten Nationen getragen; neben den bereits genannten von OHCHR, UNAIDS, UNDP, UNECA, UNESCO, UNHCR und UNIFEM.

Beschnittene afrikanische Mädchen und Frauen, die älter als 15 Jahre sind, sind zu etwa 90 % von Praktiken der Typen I und II sowie Typ IV betroffen, zu 10 % von Praktiken des Typs III.

Die Klassifizierung dient zunächst als Basis der Verständigung über den Untersuchungsgegenstand in der Forschung und soll die Vergleichbarkeit von Datenerhebungen gewährleisten. Ein solches Raster bedingt allerdings immer Vereinfachung; in der Realität existieren viele Varianten in der Kombination unterschiedlicher Eingriffe.

Für die vierte Kategorie gilt dabei, dass die verschiedenen rituellen Eingriffe, die darin zusammengefasst sind, weil sie nicht in eine der ersten drei Kategorien passen, bezüglich der Hintergründe und der Folgen weit auseinander liegen. Außerdem sind die Praktiken unter Typ IV insgesamt weniger gut bekannt und erforscht als die der ersten drei Typen. Schließlich wird für einige der Eingriffe unter Typ IV bezweifelt, dass sie überhaupt zu Recht in einer Erklärung der WHO als Genitalverstümmelung gelistet sind.

Die invasivste Praktik ist die Infibulation nach Typ III, auch pharaonische Beschneidung genannt: durch Vernähen oder durch bloßes Zusammenfügen der Hautfetzen und Stilllegen der Beine wächst die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre zusammen. Damit wird die Vulva dazu veranlasst zuzuwachsen. Lediglich eine kleine Öffnung wird für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete offen gehalten. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Nach dem Eingriff werden den betroffenen Mädchen und Frauen häufig die Beine zusammengebunden, bis die Wunde verheilt ist. Dies kann mehrere Tage oder Wochen dauern. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass dieser Verschluss wieder geöffnet werden muss (medizinischer Fachbegriff: Defibulation), um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginaöffnung mit einem scharfen Gegenstand geöffnet werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, in der Fachsprache Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zur Verbreitung von Typ I-III der WHO-Klassifikation sind weltweit zwischen 100 und 140 Millionen Frauen und Mädchen an den Genitalien beschnitten (Stand 2008); in Afrika sind in jedem Jahr etwa drei Millionen Mädchen von solchen Eingriffen bedroht.

Hauptverbreitungsgebiete sind 28 Staaten im westlichen und nordöstlichen Afrika. In sieben Ländern – in Dschibuti, Ägypten, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und im Norden des Sudan – ist die Praxis fast flächendeckend verbreitet: über 90 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind dort beschnitten. Die Infibulation (Typ III) ist insbesondere in Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, Somalia und Nordsudan verbreitet, in Dschibuti und Nordsudan ist mehr als die Hälfte der Frauen, in Somalia sind etwa 80 % der Frauen von diesem Eingriff betroffen.

Die Zahlenangaben beziehen sich auf bestimmte Staaten, weil die Datenerhebung innerhalb nationalstaatlicher Grenzen stattfindet. Zwischen einzelnen Regionen dieser bestehen dabei teilweise beträchtliche Unterschiede. Entscheidender Faktor für die Verbreitung von Beschneidungen allgemein wie auch bezüglich des Typs der Beschneidung ist nicht die Staatsangehörigkeit, sondern die ethnische Gruppe, der die Frauen angehören. Ein geografischer Ursprung der Praktiken ist nicht bestimmbar.

Außerhalb Afrikas ist bisher der Jemen das einzige Land mit Beschneidungspraxis, für das die Verbreitung statistisch erfasst wurde: 22,6 % der 15–49-jährigen Mädchen und Frauen sind betroffen. Weiter ist die Beschneidung weiblicher Genitalien für Indien und Indonesien, für Embera-Chamí-Indianer in Kolumbien, für das irakische Kurdistan, für Beduinen in Israel, für muslimische Gruppen in Malaysia und für die Vereinigten Arabischen Emirate dokumentiert. Für diese Länder liegen keine Daten zur Verbreitung vor.

Durch Auswanderung aus Afrika wuchs seit den 1970er Jahren in Europa und Nordamerika die Zahl beschnittener Frauen und Mädchen aus Herkunftsgebieten mit Beschneidungsritualen.Die Schätzungen dazu, wie viele Migrantinnen beschnitten waren, sind bisher (Stand 2008) relativ unsicher; sie beruhen in den meisten Fällen auf der Zusammenstellung von Daten zur Herkunft der Migrantinnen mit Daten zur statistischen Verbreitung der Beschneidungspraktiken in den Herkunftsregionen.

Auf Grundlage der Zahl von rund 60.000 in Deutschland lebenden Frauen aus Ländern, in denen es eine Beschneidungs-Tradition gibt, gehen die Schätzungen der Nichtregierungsorganisationen hier von bis zu 30.000 betroffenen oder bedrohten Mädchen und Frauen aus. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzte 2005, dass in Deutschland mindestens 18.000 Frauen bereits betroffen und weitere 5.000 bis 6.000 Mädchen gefährdet sind. Für die Schweiz schätzt Unicef die Zahl beschnittener oder von Beschneidung bedrohter Mädchen und Frauen auf etwa 6.700.

In den europäischen Staaten gibt es bisher (Stand 2008) lediglich für England und Wales Schätzungen, die zusätzlich auf Datenerfassungen anlässlich gynäkologischer Untersuchungen beruhen. Diesen Schätzungen zufolge sind dort insgesamt etwa 66.000 Migrantinnen beschnitten; etwa 15.000 Mädchen unter 15 Jahren sind von der Infibulation (Typ III) bedroht und über 5.000 Mädchen des Alters sind von Beschneidungen entsprechend Typ I und II bedroht.

Darüber hinaus ist dokumentiert, dass Beschneidungspraktiken bei einem Teil der Migrantinnen trotz gesetzlicher Verbote in den Aufnahmeländern heimlich fortgeführt werden. In Frankreich, Italien und Spanien kam es in diesem Zusammenhang zu Strafprozessen. Die Eingriffe erfolgen entweder im Aufnahmeland oder anlässlich einer Reise in ein Herkunftsland. Datenerhebungen zu diesem Phänomen existieren bisher (Stand 2008) nicht.

Tradition ist die stärkste Rechtfertigung der Praxis. Weil die Beschneidung seit langer Zeit und an praktisch allen Frauen der praktizierenden Gruppe durchgeführt wird, nehmen die Menschen an, dass es sich dabei um etwas absolut Notwendiges handle. Die Beschneidung wird in vielen praktizierenden Kulturen als ein feierlicher Initiationsritus begangen, mit dem ein Mädchen im Mittelpunkt steht und offiziell als erwachsene Frau anerkannt wird. Nicht beschnittene Mädchen riskieren daher auch, sozial ausgegrenzt zu werden und keinen Ehemann zu finden. Die zur westlichen Kultur sehr konträren Vorstellungen gehen sogar so weit, dass die Menschen in praktizierenden Gruppen ein Ausbleiben der Beschneidung als geradezu barbarisch ansehen.

Die ältesten Funde, die einen Rückschluss auf einen operativen Eingriff an den weiblichen Genitalien zulassen, stammen aus Ägypten. Dort entdeckten Forscher Mumien, die entsprechende Anzeichen aufwiesen. Im alten Ägypten glaubte man an Doppelgeschlechtlichkeit (Hermaphroditismus). So war die Vorhaut des Mannes ein Überbleibsel der Frau und die Klitoris ein Überrest des Mannes. Um diese Überreste abzustreifen und voll als Mann oder Frau zu gelten, wurden die Menschen beider Geschlechter im Rahmen einer Zeremonie an ihren Genitalien beschnitten.

Mitunter existieren medizinische Vorstellungen, die aus dem unbeschnittenen Zustand bestimmte Probleme ableiten. So werden für den Fall, dass eine Beschneidung unterlassen wird, negative Konsequenzen für die Gesundheit und Fruchtbarkeit der Frau wie auch für die Gesundheit des Geschlechtspartners und von der Frau geborener Kinder angenommen. Auch bestehen Vorstellungen, wonach weibliche Genitalien ohne Beschneidung weiter wüchsen und etwa die Klitoris die Größe eines Penis erreichen würde. Diese Befürchtungen sind unbegründet.

In den Kulturkreisen, die solche Operationen durchführen, wird eine operativ unveränderte Vulva oftmals als unästhetisch betrachtet. Von Ort zu Ort unterschiedlich sind die genauen Hintergründe; beispielsweise nehmen einige die Klitoris als Überbleibsel des männlichen Penis wahr, eine Entfernung derselben erhöht also nach dieser Vorstellung die Weiblichkeit der Frau. Auch werden abstehende Teile der Genitalien wie die Labien als nicht benötigte, hässliche Überbleibsel gesehen, deren Entfernung den Körper abrundet und somit schöner und auch erotischer macht.

Einige Formen der Praktik können die sexuelle Lust stark einschränken und die betroffene Frau so unter anderem unfähig machen, einen Orgasmus zu erleben. Weiterhin können sie den Geschlechtsverkehr für die Frau umständlich und schmerzhaft machen. Somit kann die Beschneidung als Mittel betrachtet werden, die voreheliche Jungfräulichkeit der Frau und ihre Treue in der Ehe sicherzustellen. Gemäß Kritikern ist die Kontrolle und Unterdrückung der weiblichen Sexualität der eigentliche Grund der Beschneidung, auch wenn sie traditionell anderweitig – etwa mit „Reinheits“vorstellungen und fälschlicherweise angenommenen gesundheitlichen Vorteilen – begründet wird. Da eine Frau so auf ihre bloße Reproduktionsfunktion reduziert werde, hat dieser Umstand die Praktik besonders stark ins Visier von Feministen gerückt.

Die Bekämpfung der als Perversion betrachteten Masturbation war in Europa noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts üblich. Ärztlicherseits wurden dazu auch Klitoridektomien und Kauterisationen vorgenommen, obgleich bekannt war, dass die weibliche Libido insgesamt Schaden nehmen kann.

In feministischen Kreisen ist die Beschneidung heute ein Synonym für die Unterdrückung der weiblichen Sexualität. Diese Einschätzung wird aber von einem Großteil der Frauen, die einen solchen Eingriff hinter sich haben, nicht geteilt.

Zu den Gruppen, bei denen die Beschneidung weiblicher Genitalien praktiziert wird, zählen in erster Linie Muslime, aber auch Christen verschiedener Glaubensrichtungen, äthiopische Juden und Anhänger traditioneller Religionen. Die Praxis geht auf vorchristliche und vorislamische Zeit zurück. In den Ländern, in denen die Mädchenbeschneidung üblich ist, nehmen vor allem ungebildete Gläubige häufig an, sie sei religiös vorgeschrieben. Im Islam ist dies je nach Auslegung auch Lehrmeinung (s.u.).

Allgemein gibt es Religionsvertreter, die sich für die Beschneidung aussprechen, solche, die sich nicht dazu äußern und andere, die sich dagegen einsetzen. Ein Aufruf der koptischen Kirche im Jahr 2001, dass die Beschneidung unchristlich sei, hat die Praxis unter den ägyptischen Kopten nahezu vollständig beendet. In Kenia ist Mungiki im Zusammenhang mit erzwungenen Beschneidungen in die Medien gekommen.

Der Koran erwähnt weder die Beschneidung von Frauen noch diejenige von Männern. In der Regel wird die Genitalbeschneidung unter Berufung auf einige Hadithe im Islam religiös legitimiert, denn Hadithe (Aussprüche, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden) bilden neben dem Koran die zweite Quelle des islamischen Rechts. Hierbei handelt es sich allerdings um eine bestimmte Eingriffsform, die sogenannte „leichte Beschneidung“ (arab. الخفاظ القليل). Bei dieser Beschneidungart findet nur ein leichtes Entfernen des äußerlich sichtbaren Teils der Klitorishaut statt. Extreme Formen wie die Infibulation werden vom Islam also in keiner Weise legitimiert, auch sind keine islamischen Rechtsquellen vorhanden, die eine Beschneidung der kleinen oder großen Schamlippen erwähnen.

Dieses Hadith wird verschieden interpretiert. Eine Ansicht besagt, dass sich das „ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt“ auf das „zerstöre nicht“ bezieht. Mohammed hätte dann mit der vorislamischen Tradition nicht brechen wollen, bevorzugte selbst aber deren Unterlassung. Eine andere Deutung geht davon aus, dass es sich um ein Makruma handelt, eine freiwillige ehrenvolle Tat, deren Unterlassung nicht bestraft wird – im Gegensatz zur Sunna, die ein alle Muslime verbindendes Brauchtum darstellt, das eingehalten werden soll. Zu diesen Deutungen kommt hinzu, dass der Islam das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung, wenn sie verheiratet ist, ausdrücklich anerkennt. Die männliche Beschneidung ist jedoch im Islam unumstritten.

Keine der vier sunnitischen Rechtsschulen (Madhhab) spricht sich gegen die Mädchenbeschneidung aus, denn sie findet Erwähnung in den Überlieferungen. Die Schafiiten halten sie sogar für eine religiöse Pflicht. In den Ländern des Nahen Ostens und Ostafrikas, in denen die schafiitische Rechtsschule dominiert, ist sie deshalb auch allgemein verbreitet. Auch einer überlieferten hanbalitischen Position zu Folge ist die Mädchenbeschneidung Pflicht. Die Malikiten sehen die Beschneidung von Mädchen als Prophetentradition (sunna) und dementsprechend als empfehlenswerte Tat an. Die Hanafiten wie auch manche Hanbaliten halten sie für lediglich ehrenhaft (makruma).

Der oben zitierte Hadith gilt aber als daif, also als schwach. Dies bedeutet, der Hadith ist inhaltlich und bezüglich des Isnad unzulänglich: er hat demzufolge eine unvollständigen Isnad (Zeugenkette), einen Sammelisnad, der die Rücküberprüfung, ob der Prophet dies tatsächlich aussagte, nicht zulässt. Es war den Muslimen bereits im 2. Jh. islamischer Zeitrechnung bekannt, dass Hadithe gefälscht wurden.

Auf Initiative des Menschenrechtsaktivisten Rüdiger Nehberg beschloss am 23. November 2006 eine internationale Konferenz von Islam-Gelehrten in der al-Azhar-Universität Kairo, dass die Beschneidung weiblicher Genitalien nicht mit der Lehre des Islams zu vereinbaren sei. Bereits im Jahre 2005 hatten islamische Gelehrte in Somalia – wo die Infibulation nahezu flächendeckend praktiziert wird – eine Fatwa veröffentlicht, die sich gegen die Beschneidung an Mädchen richtet.

In ethnischen Gruppen, in welchen die Beschneidung weiblicher Genitalien Tradition hat, ist meist die große Mehrzahl aller Frauen betroffen. Das Beschneidungsalter variiert von Gruppe zu Gruppe: Manche Mädchen werden schon in der ersten Lebenswoche, manche erst in der Pubertät oder bei der Eheschließung beschnitten. Die meisten Mädchen sind zum Zeitpunkt ihrer Beschneidung zwischen vier und zwölf Jahre alt. Erwachsene Frauen werden manchmal kurz vor der Eheschließung oder sogar noch danach zwangsweise einer Beschneidung unterzogen. Dies liegt dann meist darin begründet, dass dem Ehemann oder der Schwiegermutter die bestehende Genitalbeschneidung als nicht ausreichend erscheint.

Je jünger die Mädchen sind, desto geringer ist zum einen ihr Kenntnisstand; zum anderen können sie sich nicht gegen den Eingriff wehren oder sich ihm gar entziehen. Laut Zahlen von UNICEF kommt die Beschneidung von Frauen in der ländlichen Bevölkerung häufiger vor als in der städtischen: In der ländlichen Bevölkerung findet demnach die Praktik bei etwa 73 % der Bevölkerung Zuspruch, in der städtischen Bevölkerung bei etwa 67 %. Als Grund hierfür wird der – insbesondere für Frauen – geringe Zugang zu Schulbildung auf dem Land angesehen. Damit geht ein stärkeres Festhalten an Traditionen und eine größere soziale Kontrolle als in der Großstadt einher. Die gesellschaftliche Abhängigkeit und das Fehlen einer ökonomischen Perspektive sind demnach auch die tragenden Faktoren, welche eine Beendigung der Praktiken erschweren.

Sozialwissenschaftler - wie erstmals 2003 die Anthropologie-Professorin und WHO-Mitarbeiterin Carla Makhlouf Obermeyer - stellten in anderen Untersuchungen dagegen fest, dass es in der Durchführungshäufigkeit keine Unterschiede gebe, die auf einem anderen intellektuellen Niveau beruhen. Lediglich die Art und Weise unterscheidet sich: in gebildeteren Kreisen ist der Trend zur sogenannten Medikalisierung, also der Durchführung der Beschneidung in Krankenhäusern oder durch professionelles medizinisches Personal und unter hygienischeren Bedingungen zu beobachten. Generell halten über 90 % der Betroffenen an der Tradition fest und nur etwa 4 % wollen die Beschneidungen an ihren eigenen Töchtern nicht durchführen lassen. Gebildete Frauen entschließen sich auch im Erwachsenenalter noch selbst dazu, beschnitten zu werden. Hierbei werden allerdings nicht die extremen Formen der Beschneidung (wie z. B. die Infibulation) gewählt.

Untersuchungen in Europa haben ergeben, dass auch Migranten zum Teil an der Praxis festhalten. Die Mädchen werden legal (hier gibt es Einschränkungen, siehe Rechtliche Beurteilung) im Herkunftsland der Eltern oder illegal in einem europäischen Land beschnitten.

Die Ausführenden einer Beschneidung weiblicher Genitalien sind in der Regel Frauen. Es kann sich dabei um traditionelle Hebammen, Heilerinnen oder professionelle Beschneiderinnen handeln. Eher selten kommt es vor, dass Medizinmänner oder Barbiere die Mädchen beschneiden, so beispielsweise im Norden der Demokratischen Republik Kongo. In den Städten wird in den reichen Schichten die Prozedur von Ärzten, ausgebildeten Krankenschwestern oder Hebammen unter klinikähnlichen Bedingungen durchgeführt (so genannte Medikalisierung).

Traditionelle Beschneiderinnen lernen das Handwerk von ihren Müttern. Es ist eine hochangesehene Tätigkeit, die der Familie der Beschneiderin ein relativ hohes Einkommen sichert. Die Beschneiderinnen verfügen meistens nicht über fundierte anatomische Kenntnisse. Dies kann zu weiteren schweren Verletzungen führen, zumal im Alter die Sehkräfte und die motorischen Fähigkeiten nachlassen und die Beschneidung dann trotzdem noch durchgeführt wird.

Als Werkzeuge werden bei der Beschneidung ohne Medikalisierung (Spezial-)Messer, Rasierklingen, Scheren, Glasscherben, selten auch Fingernägel oder Zähne benutzt. Oft werden mehrere Mädchen mit demselben Werkzeug beschnitten, was das Infektionsrisiko und die Übertragung von Krankheiten stark erhöht. Um die Wunde zu verschließen, werden Akaziendornen, Bindfaden, Schafdarm, Pferdehaar, Bast oder Eisenringe verwendet. Substanzen wie Asche, Kräuter, kaltes Wasser, Pflanzensäfte, Blätter oder Wundkompressen aus Zuckerrohr sollen die bei der Amputation der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane meist auftretende starke Blutung stoppen. Die Eingriffe finden meistens unter unhygienischen Bedingungen außerhalb von Krankenhäusern statt. Die Betroffenen erhalten meistens keinerlei Narkose. Da der Genitalbereich mit vielen Nerven versorgt ist, führen Eingriffe ohne Narkose zu besonders starken Schmerzen, so dass die Mädchen oder Frauen von mehreren Erwachsenen festgehalten werden müssen. Der Verzicht auf Betäubung oder Narkose wird allerdings von manchen auch freiwillig gewählt, um sich mit der Beschneidung als eine Art Mutprobe selbst zu beweisen.

Manche Wissenschaftler vermuten, dass sich besonders bei den eher leichten Formen der Beschneidung die Komplikationen und Todesfälle durch medizinische Ausbildung und hygienischere Bedingungen wie bei der Medikalisierung drastisch verringern ließen. Sie kritisieren damit auch die Ansicht vieler Beschneidungsgegner, die die negativen Folgen alleine der Praxis selbst zuschreiben und daher auf ihre vollständige Abschaffung hinarbeiten, anstatt zunächst für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen und damit die Komplikationen auf ein Minimum zu reduzieren.

Die Folgen einer Beschneidung weiblicher Genitalien hängen vom Typ des Eingriffs, seinen Durchführungsbedingungen und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Mädchens oder der Frau ab. Als besonders folgenschwer gilt die Infibulation, die schätzungsweise 20 % aller beschnittenen Frauen betrifft.

Die Beschneidung der äußeren weiblichen Genitalien stellt eine oft irreparable Schädigung der sexuellen funktionellen Einheit von Frauen dar. Die gesundheitlichen Konsequenzen erstrecken sich auf akute (zum Beispiel Schock oder hoher Blutverlust), chronische (zum Beispiel Harnwegsinfektionen) und psychische sowie psychosomatische Folgen (Psychotrauma). Der Eingriff hat großen Einfluss auf die sexuelle Erlebnisfähigkeit der Frauen, wobei zu bemerken ist, dass die Frauen je nach kulturellem Hintergrund in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sind und daher der Grad der Einschränkung variieren kann. Der Geburtsvorgang wird bei infibulierten Frauen erschwert; es kann zu starken Komplikationen und im Extremfall zu Schäden für Mutter und Kind kommen.

Einer 2006 veröffentlichten Studie der WHO zufolge, an der 28.373 Schwangere in Afrika teilgenommen haben, starben von 100 Babys beschnittener Mütter im Durchschnitt 1 bis 2 mehr als unter den Kindern unversehrter Frauen. Dies entspricht einem Anstieg des Todesrisikos der Kinder durch die Beschneidung der Mütter um ein Viertel bis ein Drittel.

Die FAZ meldete unter Berufung auf einen bevorstehenden Beitrag in The Lancet , in einer Studie an etwa 280 Frauen, die 2003 und 2004 an zwei Krankenhäusern in Khartum untersucht wurden, seien 99 als unfruchtbar erkannt worden (mehr als jede Dritte), 180 waren erstmals schwanger. Alle waren als Mädchen beschnitten worden. Die Forscher stellten fest, dass vor allem schwere Genitalbeschneidung das Risiko einer Frau merklich steigern, unfruchtbar zu werden. Die Wissenschaftler hoffen mit diesem Argument den Glauben vieler Befürworter der Genitalbeschneidung zu widerlegen, ein Mädchen könne nur dann eine gute Ehefrau und Mutter werden, wenn sie beschnitten sei.

Internationale Organisationen wie die Unicef und die Weltgesundheitsorganisation streben die vollständige Abschaffung der Beschneidung weiblicher Genitalien an. Auch zahlreiche lokale Organisationen und Initiativen in Ländern mit Beschneidungstradition arbeiten auf dieses Ziel hin, vor allem indem die Praktizierenden über die (möglichen) negativen Auswirkungen informiert werden. Dies hat dazu geführt, dass verschiedene ethnische Gruppen und Dorfgemeinschaften die Abschaffung der Praxis erklärt haben. In einer Reihe von afrikanischen Ländern wurde die Beschneidung weiblicher Genitalien auch gesetzlich verboten, die Umsetzung dieser Verbote ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich und oft lückenhaft.

Ein weiterer Ansatz besteht darin, alternative Berufsmöglichkeiten für die traditionellen Beschneiderinnen zu schaffen. Allerdings kehren manche Beschneiderinnen trotz solcher Programme wieder zu ihrer früheren Tätigkeit zurück, da diese hoch angesehen, gut bezahlt und weiterhin nachgefragt wird.

Gemäß Zahlen der Unicef ist in 14 von 15 untersuchten Ländern der Anteil der befragten 15- bis 49jährigen Frauen, die die Fortführung der Beschneidung befürworten, kleiner als der Anteil derer, die selbst beschnitten sind. Vor allem in Burkina Faso – wo der Staat Bemühungen zur Abschaffung unternommen hat – ist der Anteil der Frauen, die die Beschneidung befürworten (17 %) deutlich kleiner als der Anteil der Beschnittenen (77 %). Einzig in Niger befürworten mehr Frauen (9 %) die Beschneidung, als selbst davon betroffen sind (5 %). Allerdings hat Nichtbefürwortung/Ablehnung der Praxis nicht immer zur Folge, dass die betreffenden Frauen ihre Töchter tatsächlich nicht beschneiden lassen.

Einer weiteren Untersuchung zufolge ist in neun von 16 Ländern (Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Eritrea, Kenia, Jemen, Nigeria, Tansania und Zentralafrikanische Republik) der Anteil beschnittener Frauen in jüngeren Altersgruppen (15–25jährige) niedriger als bei älteren Frauen, was auf einen Rückgang der Praxis hinweist; in den übrigen 7 Ländern (Ägypten, Elfenbeinküste, Guinea, Mali, Mauretanien und Sudan) gibt es kaum Unterschiede nach Altersgruppen.

In Äthiopien ist gemäß einer Untersuchung einheimischer nichtstaatlicher Organisationen die Prävalenz landesweit von 61 % 1997 auf 46 % 2007 gesunken. Am stärksten ist sie in den Regionen Tigray, Oromiyaa und im Süden sowie in den Stadtregionen Addis Abeba und Dire Dawa zurückgegangen, während in den Regionen Somali und Afar – wo die Infibulation üblich ist – kaum ein Rückgang festzustellen ist. Bei 29 ethnischen Gruppen, 18 davon in der Südregion, beträgt der Rückgang um die 20 %. In Togo ist laut einer Studie der Regierung und der UNO die Beschneidungsrate von 1996 bis 2008 um die Hälfte zurückgegangen und liegt nun bei 7 %.

Bei solchen Studien, die auf Umfragen beruhen, ist aber zu beachten, dass Befragte möglicherweise Falschaussagen machen und Beschneidungen verschweigen, insbesondere wenn sie hierfür tatsächlich mit Strafverfolgung rechnen müssen. Der Rückgang ist daher möglicherweise weniger stark, als es Befragungen nahelegen.

Andere Untersuchungen und Daten deuten darauf hin, dass die Abschaffungsbestrebungen zu Veränderungen in der Durchführung – hin zu weniger gesundheitsgefährdenden Umständen – beigetragen haben, nicht aber unbedingt zur Abschaffung der Praxis. So halten Massai in Kenia – bei denen die Beschneidung in Form der Klitoridektomie im Rahmen eines jährlichen Rituals erfolgt – mehrheitlich an dieser Tradition fest, verwenden aber mittlerweile für jedes einzelne Mädchen ein anderes Schneidwerkzeug, um die Infektionsrisiken durch Mehrfachbenutzung zu vermeiden. Nur mehr 14 % der Beschneider sollen Klingen mehrfach verwenden. Auch wird die Infibulation zum Teil durch leichtere Beschneidungsformen ersetzt. Der Anteil der Eingriffe, die von medizinisch geschultem Personal und unter hygienischen Bedingungen durchgeführt werden, hat namentlich in Ägypten, Guinea, Kenia, Nigeria, Nord-Sudan und Jemen deutlich zugenommen. Unicef führt diesen Trend zur Medikalisierung wesentlich darauf zurück, dass Kampagnen gegen Mädchenbeschneidung vor allem die Gesundheitsrisiken betont haben. Sie vertritt dazu die Ansicht, dass jegliche Beschneidung, auch mit Medikalisierung, eine mit der Würde der Frau unvereinbare Menschenrechtsverletzung darstelle und dass Kampagnen diesen Aspekt verstärkt aufgreifen sollen.

Die in verschiedenen Ländern beobachtete Tendenz, dass das Beschneidungsalter nach unten verschoben wird, ist möglicherweise ebenfalls auf die Abschaffungsbestrebungen zurückzuführen. Mädchen werden vermehrt bereits im Kleinkindesalter beschnitten, auch wenn traditionell ein späterer Zeitpunkt üblich ist – so können Beschneidungen eher vor den Behörden verheimlicht werden, zudem könnten sich Mädchen in höherem Alter, insbesondere wenn sie Schulbildung und Aufklärung erhalten haben, gegen den Eingriff widersetzen.

In Folge der zunehmenden Bestrebungen, die Beschneidung weiblicher Genitalien zu unterbinden und abzuschaffen, hat sich sowohl in den betreffenden afrikanischen als auch in westlichen Ländern eine Gegenbewegung entwickelt. Diese wird unter Anderem von prominenten afrika-stämmigen Frauen getragen, die selber beschnitten sind; so z.B. die an der Florida Atlantic University lehrende Kenianerin Prof. Dr. Wairimu Njambi oder Dr. Fuambai Ahmadu von der University of Chicago, die ursprünglich aus Sierra Leone stammt. Von letzterer wurde 2008 die Organisation African Women Are Free to Choose (AWA-FC)gegründet, die es sich zur Aufgabe macht, die aus Sicht der Verfechter stark negativ verzerrte Berichterstattung zu dem Thema zu versachlichen.

Die Kritik richtet sich vor allem auf die übertrieben negative Darstellung der gesundheitlichen Risiken und der Auswirkung auf die Sexualität der Frau, die aus der Sicht der Verfechter dieser Position unsachlich oder schlichtweg falsch sind. Dabei wird nicht zwangsläufig die Frauenbeschneidung verteidigt, es wird jedoch zu einem rationalen Dialog aufgerufen und die emotional aufgeladene Rhetorik und Methoden kritisiert, mit der die Beschneidungsgegner agieren.. Für einen detaillierten Überblick über die Kontroverse, siehe Politische Aktionen und Gegenkritik.

Eine ablehnende Haltung gegenüber der Beschneidung weiblicher Genitalien kann aus Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte - dem „Recht auf Sicherheit der Person“ - abgeleitet werden. Der Artikel 30 der Erklärung kann als Verbot herangezogen werden, für den Fall, dass sie als Kulthandlung in Ausübung der Religionsfreiheit gemäß Artikel 18 der Erklärung ausgelegt werden sollte.

Gemäß Art. 13a der arabischen Charta der Menschenrechte ist „grausame und erniedrigende Behandlung“ als strafbare Handlung zu bekämpfen. Mangels Ratifikationen ist die Charta nicht in Kraft getreten.

Artikel 2 Buchstabe d der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam erklärt die körperliche Unversehrtheit zu einem garantierten Recht. Der Staat hat dieses Recht zu schützen und es darf nur im Rahmen der Schari'a, beispielsweise zur Verhängung von Körperstrafen, gebrochen werden. Artikel 6 der Erklärung garantiert Frauen zudem ein Recht auf Würde.

Nach deutschem Recht erfüllt die oben beschriebene Verstümmelung weiblicher Genitalien den Straftatbestand der Gefährlichen Körperverletzung (§ 224 StGB) da sie schlechterdings ohne ein gefährliches Werkzeug (dies sind zum Beispiel Messer, Glasscherben und andere scharfkantige Gegenstände) nicht durchführbar ist. Die gefährliche Körperverletzung wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Ob eine Strafbarkeit sogar als Schwere Körperverletzung (§ 226) gegeben ist, kann noch nicht als abschließend geklärt betrachtet werden.. In Frage käme bei § 226 StGB das Merkmal „in erheblicher Weise dauernd entstellt“. Die schwere Körperverletzung wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Eine Erhöhung des Strafrahmens kommt in Frage, wenn (insbesondere bei der Verstümmelung der Geschlechtsteile minderjähriger Frauen beziehungsweise Mädchen) auch noch eine Misshandlung von Schutzbefohlenen § 225 in Idealkonkurrenz gegeben sein sollte.

Strafbar ist nicht nur die erstmalige sogenannte Beschneidung, sondern auch die Wiederherstellung dieses Zustandes. Wenn ein Arzt die Geschlechtsorgane einer infibulierten Frau für eine Geburt operativ öffnet und danach wieder zunäht (Refibulation), macht er sich somit strafbar.

Ungeklärt bleibt, ob ein Arzt seine Schweigepflicht brechen muss, um ein gefährdetes Mädchen davor zu schützen, in ihrem Heimatland oder auch in Deutschland beschnitten zu werden. Bislang haben Ärzte in diesem Fall das Recht, ihre Schweigepflicht zu brechen, eine Meldepflicht wie zum Beispiel in Frankreich existiert in Deutschland jedoch nicht.

Der für Familienrecht zuständige Senat des Bundesgerichtshofs bestätigte am 15. Dezember 2004 eine Entscheidung, wonach eine Mutter einer vierzehnjährigen Tochter gambischer Staatsangehörigkeit nicht darüber bestimmen darf, ob Ihr Kind nach Gambia reise. Dies wurde damit begründet, dass in Gambia etwa 80 bis 90 Prozent aller Frauen beschnitten seien und die Mutter auf das vorentscheidende Gericht nicht den Eindruck gemacht habe, dass sie selbst einer Beschneidung klar im Weg stehe. So hatte die Mutter betont, dass sie ihre Tochter hierüber selbst entscheiden lassen wolle, was angesichts des Alters des Mädchens als zweifelhaft beurteilt wurde. Dies seien nachvollziehbare Anzeichen dafür, dass die Mutter selbst nicht in der Lage sei, die immensen Gefahren einer Beschneidung für das leibliche und psychische Wohl des Kindes zu erkennen oder gar abzuwenden.

Zur weiteren Entscheidung, ob im im konkreten Fall allein diese Teilentziehung des Aufenthaltsbestimmungsrechtes ausreiche, oder ob weitergehende Maßnahmen (wie z. B. eine "beaufsichtigend Pflegschaft" oder eine Verpflichtung zu regelmäßigen Kontrollen bei einem Kinderarzt) erforderlich seien, verwies der Bundesgerichtshof den Fall allerdings wieder an das vorentscheidende Oberlandesgericht zurück.

Soweit in solchen Fällen (zum Beispiel bei der Frage der rechtfertigenden Einwilligung) von den Befürwortern des Eingriffs versucht wird, die Religionsfreiheit (oder das Erziehungsrecht der Eltern) ins Feld zu führen, so geht jedenfalls das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Menschenwürde des betroffenen Mädchens/der betroffenen Frau vor.

Wird die Tat durch einen Arzt oder mit dessen Hilfe begangen, so kann dieser auch standesrechtlich belangt werden. Die Bundesärztekammer hat hierzu eindeutig Stellung bezogen.

In den Staaten der Europäischen Union ist der Eingriff als Verletzung der körperlichen Unversehrtheit eine Straftat; in Belgien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und Spanien gibt es darüber hinaus spezielle Gesetze gegen die Genitalverstümmelung.

Auch in einigen Ländern, in denen Beschneidung traditionell verbreitet ist, bestehen gesetzliche Verbote, so in Ägypten (seit 2007 vollständiges Verbot), Benin (2005), Burkina Faso (seit 1997), Dschibuti (1995), der Elfenbeinküste (1998), Eritrea (2007), Ghana, Guinea (1989), Senegal (1999), Niger, mehreren Bundesstaaten Nigerias, in Tansania, Togo, Tschad und der Zentralafrikanischen Republik.

In Sierra Leone lehnte es das Parlament 2007 ab, die Praxis unter Strafe zu stellen. In Sudan ist lediglich die Infibulation verboten.

In jüngerer Zeit wird Flucht vor Beschneidung in europäischen Ländern zunehmend als Asylgrund anerkannt. Auch in einigen außereuropäischen Ländern ist eine drohende Beschneidung Asylgrund (siehe Fall Kasinga/Kassindja).

Die Bezeichnung Beschneidung weiblicher Genitalien und das englischsprachige Pendant „female genital cutting“ beziehungsweise „female circumcision“ sind gängige, aber von Menschenrechtsorganisationen und anderen Kritikern der Praxis als Euphemismus betrachtete Bezeichnungen für die oben beschriebene Praxis, da der Begriff den Vergleich mit der Beschneidung von Männern nahelegt. Die häufigste Form der männlichen Beschneidung, die Zirkumzision, ist aber gemessen am Ausmaß des Eingriffes nur mit dem Entfernen der Klitorisvorhaut oder der inneren Schamlippen vergleichbar. Solche Eingriffe, bei welchen die Klitoris selbst betroffen ist oder aber der Vaginaleingang verschlossen wird, sind dagegen weitaus schwerwiegender. Weniger bekannt ist, dass es bei Männern ebenfalls schwerwiegendere Eingriffe in die Genitalien als die Zirkumzision gibt, die ebenfalls mit dem Sammelbegriff der „Beschneidung“ bezeichnet werden. In Deutschland wird „Beschneidung“ meist als Synonym für „Zirkumzision“ angesehen.

Andererseits wird auch die Bezeichnung Genitalverstümmelung kritisiert, da sie einerseits den Umstand und die Folgen aufgrund der sehr unterschiedlichen Formen und Ausprägungen nicht unbedingt treffend beschreibt und andererseits auch dazu führen könnte, Betroffene als „Verstümmelte“ zu stigmatisieren. Betroffene Frauen sehen einigen Studien zufolge die Operation in über 90 % der Fälle nicht als eine Verstümmelung.

In der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung findet man im Englischen den Begriff „female genital cutting“ bzw. „Beschneidung weiblicher Genitalien“. In den Veröffentlichungen von Organisationen und staatlichen Einrichtungen, die die Praktik bekämpfen, findet sich dagegen der die negativen Folgen hervorhebende Begriff „Verstümmelung der (weiblichen) Genitalien“, „genitale Verstümmelung“, international oft auch die Abkürzung FGM („female genital mutilation“) aus dem Englischen.

Weiterhin gestaltet sich die Übertragung dieses Begriffs in die deutsche Sprache als teilweise kompliziert. Der Begriff cutting heißt wörtlich übersetzt „Schneidung“ oder „Beschneidung“ (von engl. to cut - schneiden). Wie bereits erwähnt wird im deutschen Sprachraum wird mit dem Begriff „Beschneidung“ jedoch oftmals alleinig (und inkorrekterweise) die männliche Beschneidung, also die Zirkumzision bezeichnet. Dies trägt zur sprachlichen Verwirrung bei und setzt den Begriff „Beschneidung weiblicher Genitalien“ derjenigen Kritik aus, die ursprünglich dem veralteten und lange nicht mehr gebräuchlichen englischen Terminus „female circumcision“ galt.

Während die Beschneidung bei Männern im westlichen Kulturkreis schon immer bekannt und je nach Region durchaus verbreitet war (in Nordamerika variiert der Anteil beschnittener Männer zwischen 40 und 70 % und stellt die Norm statt einer Ausnahme dar), war bis zu Beginn der 1990er Jahre im Westen nahezu unbekannt, dass Genitalbeschneidungen bei Frauen in Afrika eine weitverbreitete Tradition sind. Zwar existierten schon seit der Kolonialzeit anthropologische Berichte , welche ihrer Zeit entsprechend oftmals rassistisch und überheblich gefärbt waren, und seit den 1970er Jahren fanden sich vereinzelte Berichte in der Fachpresse. Jedoch war dieses Wissen nur einem kleinen Kreis von Personen zugänglich, die sich entweder akademisch mit dem Thema befassten oder vor Ort tätig waren. Eine breitere Öffentlichkeit wurde erst mit dem sogenannten Hosken-Report im Jahr 1994 auf das Thema aufmerksam.. Der vorherigen nahezu vollständigen Nichtbeachtung folgte eine extensive und teilweise stark emotional gefärbte Berichterstattung der Medien sowie zahlreiche Bücher (starke Resonanz erfuhr etwa Wüstenblume, 1998 von Waris Dirie), die die Frauenbeschneidung einhellig verurteilten. In Folge der Berichterstattung – und diese wiederum verstärkend – setzte ein gegen die Praktik agierender Aktivismus ein, der vorerst von Frauen- und Menschenrechtsgruppen sowie kleineren NGOs getragen wurde. Zunehmend nahm sich die Politik des Themas an, große übernationale Organisationen wie die WHO oder die UNO setzten sich für die Bekämpfung der Frauenbeschneidung ein, und in den meisten westlichen Ländern wurde die Beschneidung unter (teilweise strenge) Strafe gestellt.

Neben den internationalen bestehen zahlreiche lokale Initiativen, die – teils mit internationaler Unterstützung – durch Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit die Beschneidung von Frauen und Mädchen zu beenden versuchen. Weltweite Aufmerksamkeit erlangte das senegalesische Dorf Malicounda Bambara, als die Einwohner 1997 die Abschaffung der Beschneidung erklärten. Seither gaben etwa 2.657 Dörfer in Senegal, Guinea und Burkina Faso ähnliche Erklärungen ab. Allerdings sollen einige Bewohner dieser Dörfer die Praxis dennoch weiterführen.

Diese Punkte wurden wiederum von einigen Fachleuten kritisch hinterfragt. Es stellte sich in Metaanalysen (Obermeyer: 1999,2003,2005) der Großteil jener Studien, die die negativen gesundheitlichen Folgen der Beschneidung belegen sollten, als absolut unzureichend und methodisch schwach heraus . Keine einzige der zwischen 1997 und 2005 zu dem Thema veröffentlichten Studien konnte statistisch signifikante Effekte vorweisen, bei einem Großteil wurde die Untersuchung ohne geeignete Kontrollgruppe durchgeführt, Informationen über die Art der Datengewinnung wurden nicht angegeben, hohe Anteile an nicht- oder falsch ausgefüllten Fragebögen blieben unerwähnt, Befrager wurden nicht geschult oder waren für die jeweilige Bedingung nicht geblindet, oder konfundierenden Variablen wurde nicht weiter nachgegangen. Dennoch wurden und werden diese Studien oft als Beleg der Schädlichkeit des Eingriffs herangezogen und für Lobbyarbeit genutzt. Die längerfristigen gesundheitlichen Folgen (Harnwegsinfekte, Komplikationen bei der Geburt, schmerzhafter Koitus etc.), so sie denn belegbar sind, beziehen sich ausschließlich auf die Infibulation (Typ III nach WHO); diese stärkste Form macht in der Gesamthäufigkeit jedoch weniger als 10 % aus und ist regional stark begrenzt. Dennoch wird diese Form in den westlichen Medien als repräsentativ für das gesamte Phänomen herausgestellt. Auch Morison (2001) fand in einer groß angelegten Feldstudie in Gambia, die einen Vergleich mit einer unbeschnittenen und vergleichbaren Kontrollgruppe herstellte, keine oder geringe Abweichungen in zahlreichen gesundheitlichen Parametern.

Zweifellos wird ein Großteil der Eingriffe unter unhygienischen Bedingungen, ohne Betäubung und von nicht medizinisch geschultem Personal durchgeführt. Manche Fachleute sind der Meinung, die Kritik an diesen Umständen sei berechtigt, die angemessene Gegenmaßnahme sei jedoch nicht ein Verbot von Beschneidungen, sondern deren Durchführung durch medizinisches Fachpersonal in Kliniken oder zumindest unter sterilen Bedingungen (Medikalisierung). Gerade dieser Schritt werde jedoch durch die Gesetzgebung in vielen Ländern verhindert, wodurch der Eingriff nur außhalb eines medizinschen Rahmens möglich sei.

Die Einschränkung oder auch gänzliche Unterbindung des weiblichen Lustempfindens wird in der Regel als Hauptmotiv dargestellt und als notwendige Folge des Eingriffs angesehen. So spricht Hosken (1994) beispielsweise von einer „sexuellen Kastrierung“ der Frau. Auch diese Sichtweise bleibt nicht unwidersprochen. Einer wissenschaftlich, methodisch korrekten Stützung dieser Auffassung steht das Problem entgegen, dass Daten diesbezüglich nur aus Befragungen gewonnen werden können. Gerade in den betroffenen Regionen stellt sich eine Befragung der Frauen jedoch als schwierig dar, da diese kulturell bedingt nicht sonderlich dazu geneigt sind, mit Fremden über ihre sexuellen Empfindungen und Probleme offen zu reden. Somit stützen sich viele Studien auf die Aussagen einiger weniger Probanden, deren Repräsentativität fraglich ist. Auch die Frage der Vergleichbarkeit steht aus: Da der Eingriff oft vor der Pubertät erfolgt, kennt die Mehrzahl der Betroffenen Frauen nur die Sexualität aus der Perspektive des beschnittenen Zustands. Weiterhin ist die Einschätzung sowohl von Schmerz als auch von sexueller Lust vom kulturellen Hintergrund mitgeprägt, die Übertragung von westlichen Konzepten nicht ohne weiteres möglich. Oftmals wird auch der Eingriff selbst als unmittelbare Evidenz für die Behauptung herangezogen: Vom Entfernen von empfindlichem Gewebe im Genitalbereich wird auf eine zwangsläufige Verringerung der Lust geschlossen. Dem lässt sich entgegenhalten, dass auch im Westen die Entfernung von Gewebe im Bereich der inneren Schamlippen und der Klitorisvorhaut aus ästhetischen Motiven inzwischen üblich ist. Die Frauen unterziehen sich dabei freiwillig diesem Eingriff und sind in ihrem Lustempfinden dadurch nicht beeinträchtigt. Unter Umständen kann die Beschneidung der Klitorisvorhaut sogar zu einem gesteigerten Lustempfinden führen. Zwar wird die Klitoris bei diesen Eingriffen nicht verändert, dies ist jedoch auch bei der afrikanischen Frauenbeschneidung auch nicht unbedingt der Fall. Selbst eine Entfernung des äußeren Teils der Klitoris bedeutet nicht, dass die Lustfähigkeit verloren ist. Wie sich inzwischen in pathologischen Untersuchungen herausstellte, ist die Anatomie der Klitoris nicht auf den kleinen sichtbaren Teil beschränkt, sondern besteht zum überwiegenden Teil aus Strukturen unterhalb der äußeren Schamlippen. Somit sind auch Studien nachvollziehbar, die keinerlei negativen Einfluss auf das weibliche Lustempfinden feststellten: Der Befund, dass beschnittene Frauen gegenüber unbeschnittenen keine Einbußen haben, überwiegt. So gaben in einem strukturierten Interview 91 % der beschnittenen (infibulierten) Frauen an, Sex als lustvoll zu empfinden, 73 % gaben an, die vaginale Penetration als lustvoll zu erleben und 86 % erlebten regelmäßig einen Orgasmus.

Während die Beschneidung weiblicher Genitalien ohne medizinische Indikation aufgrund des Rechts auf körperliche Unversehrtheit und gerade in Bezug auf Minderjährige insbesondere in westlichen Ländern strafverfolgt wird, werden entsprechende Maßstäbe nur sehr begrenzt auf die männliche Beschneidung angewandt. Diese wird oftmals ebenfalls mit allein kultureller Begründung durchgeführt, bei der jüdischen Brit Mila beispielsweise einige Tage nach der Geburt.

Obwohl auch an der Beschneidung männlicher Neugeborener Kritik geübt wird und Rechtsexperten den Straftatbestand der Körperverletzung als gegeben ansehen, ist diese in allen westlichen Ländern (mit Ausnahme von Schweden) ohne effektive Strafbedrohung der Sorgeberechtigten oder des Arztes durchführbar. Religiöse und kulturelle Motive werden gesellschaftlich als Rechtfertigung für die Zirkumzision weitgehend akzeptiert. Dies steht in offenem Widerspruch zum Umgang mit der weiblichen Beschneidung, bei der entsprechende Begründungen nicht nur abgelehnt, sondern zudem als Rückständigkeit und Aberglaube interpretiert werden.

Unbestritten kommen bei den betroffenen Mädchen und Frauen rituelle Eingriffe vor, die wesentlich schwerer wiegen als eine Zirkumzision. Der Umfang des Eingriffs unterliegt hier allerdings weder in der strafrechtlichen noch in der moralischen Bewertung einer Differenzierung. Nach Meinung einiger Fachleute gibt es keinen Grund, die Beschneidung bei Mädchen und Frauen, sofern sie auf die Entfernung von Klitorisvorhaut und inneren Schamlippen beschränkt bleibt, anders zu werten als die bei Jungen und Männern.

Wenn aufgrund der mangelnden Einwilligungsfähigkeit im Fall kleiner Kinder eine ablehnende Position eingenommen wird, bleibt weiterhin die Frage zu klären, inwiefern eine erwachsene, mündige Frau freiwillig und selbstbestimmt in den Eingriff einwilligen kann. Die Frage stellt sich vorerst in Bezug auf die in westlichen Ländern lebenden, erwachsenen Frauen mit Migrationshintergrund, die den Eingriff am eigenen Körper und unter sterilen medizinischen Bedingungen von Fachpersonal ausführen lassen wollen. Obwohl generell die Einwilligung in eine Körperverletzung möglich ist, ist dies bei schwerer Körperverletzung nur im Falle eines „höheren sittlichen Wertes“ möglich.

Einerseits ist die Frage des Vorliegens einer schweren Körperverletzung unklar: Bei Amputation des äußeren Teils der Klitoris ist dies umstritten, bei Klitorisvorhaut und Schamlippen ist eindeutig nicht von einer schweren Körperverletzung auszugehen (vgl. : „Was das Abschneiden der Schamlippen betrifft, wäre dies wohl zu verneinen, weil es sich nicht um vergleichbar bedeutende erogene Zonen handelt“'). Andererseits ist die Frage nach dem Wert für die Frau schwer von außen zu beurteilen. Dennoch sind in den meisten westlichen Ländern die Verbote für den Eingriff in jeglicher Form auch auf erwachsene Frauen erweitert. So wird davon ausgegangen, dass ein „rechtlicher Anspruch auf die Unversehrtheit ihrer Genitalien“ von keiner Frau veräußert werden kann, eine rechtlich wirksame Einwilligung zur Beschneidung daher nicht möglich sei. Begründungen wie Tradition und Religion werden in diesem Fall nicht zugelassen.

Es besteht also die Situation, dass die Entfernung der männlichen Vorhaut mit religiöser Begründung selbst bei kleinen Kindern geduldet wird, während sich der Arzt von langjährigen Haftstrafen bedroht sieht, wenn er bei einer erwachsenen Frau mit Migrationshintergrund auf deren Wunsch und ohne medizinische Indikation z. B. die Entfernung der Klitorisvorhaut vornimmt. Im Fall operativer Geschlechtsangleichung von Intersexuellen kann diese Bewertung zu juristischen Problemen bei einer Frau-zu-Mann-Umwandlung führen.

Im Jahr 1996 wurde vom Harbor View Medical Center, einem Krankenhaus in Seattle, die Möglichkeit eingeräumt, einen kleinen Einschnitt an der Klitorisvorhaut vorzunehmen. Der Eingriff wurde von Seiten der Ärzteschaft als „symbolische Beschneidung“ aufgefasst, hatte keinerlei negative Folgen und blieb im Ausmaß sogar weitaus hinter der männlichen Beschneidung zurück. Es sollte somit die illegale Durchführung der Prozedur außerhalb eines Krankenhauses verhindert werden und eine Option zur Wahrung der kulturellen Identität geschaffen werden. Außerdem ließ sich aus Sicht der Krankenhausleitung eine Ungleichbehandlung der Geschlechter bei Operationen vergleichbarer Ausmaße nicht rechtfertigen (es wurden, wie in den USA üblich, auch viele Beschneidungen an Jungen vorgenommen). Einem umfangreichen juristischen Gutachten (Coleman, 1998, Duke University.) zufolge war das Vorgehen sowohl rechtlich als auch moralisch vertretbar. Als der sogenannte „Kompromiss von Seattle“ jedoch bekannt wurde, setzte eine Welle der Empörung von Seiten der Anti-FGM-Bewegung ein. Unter dem Druck zahlreicher Lobbygruppen, geführt von der Frauenrechtlerin Patricia Schroeder, gab das Krankenhaus nach und beendete dieses Vorgehen..

Die übliche Haltung der meisten westlichen Regierungen wie auch internationaler Organisationen gegenüber jeglicher Form von Beschneidung bei Frauen ist eine bedingungslose Ablehnung und meist auch ein striktes Verbot, unabhängig vom Grad der Operation und dem Alter des Mädchens oder der Frau. So wird selbst die Diskussion über das Thema als frauenverachtend abgelehnt (“even talking about cutting female genitals legitimizes a barbaric practice, one that disempowers women and serves to keep them out of the American mainstream.” - Mimi Ramsey).

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Vereinte Nationen

Flagge der Vereinten Nationen.

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Die Vereinten Nationen (VN; engl. United Nations, UN; häufig auch UNO für United Nations Organization, Organisation der Vereinten Nationen) sind ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss von 192 Staaten und als globale Internationale Organisation uneingeschränkt anerkanntes Völkerrechtssubjekt.

Die wichtigsten Aufgaben der Organisation sind die Sicherung des Weltfriedens, die Einhaltung des Völkerrechts, der Schutz der Menschenrechte und die Förderung der internationalen Zusammenarbeit.

Ihre Wurzeln haben die Vereinten Nationen in den Haager Friedenskonferenzen und im Völkerbund, der nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Ziel gegründet wurde, den Frieden auf der Welt dauerhaft zu sichern. Allerdings erhielt der Völkerbund durch mangelndes Beitrittsinteresse (so waren etwa die USA kein Mitglied im Völkerbund) nicht den nötigen Einfluss, um seine Ziele durchsetzen zu können, und war mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges praktisch gescheitert.

US-Präsident Franklin D. Roosevelt unternahm nach dem Scheitern des Völkerbundes noch während des Zweiten Weltkrieges einen zweiten Versuch, eine Organisation zur Sicherung des Friedens zu schaffen, und erarbeitete zusammen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill die Atlantik-Charta. Am 1. Januar 1942 beriefen sich 26 Staaten in der Deklaration der Vereinten Nationen auf die Prinzipien der Atlantik-Charta. Durch die Mitarbeit der Sowjetunion und der Republik China an der neuen Friedensordnung kam es am 30. Oktober 1943 zur Moskauer Deklaration der Vier Mächte, die auf eine schnellstmögliche Schaffung einer allgemeinen, auf dem Prinzip der souveränen Gleichheit aller friedliebenden Staaten aufbauenden Organisation zur Aufrechthaltung des Friedens und der internationalen Sicherheit zielte. Bei der Konferenz von Dumbarton Oaks wurde weiter über die Gründung der UN beraten. Nach Einbeziehung Frankreichs in den Kreis der hauptverantwortlichen Mächte konnte die Charta der Vereinten Nationen 1945 auf der Konferenz von Jalta fertig gestellt werden. Sie wurde am 26. Juni 1945 in San Francisco von 50 Staaten unterzeichnet. Polen unterzeichnete die Charta erst später, zählt aber zu den 51 Gründungsmitgliedern.

Die Charta ist die „Verfassung“ und Rechtsgrundlage für die Vereinten Nationen und wurde am 26. Juni 1945 im Theatersaal des Veterans War Memorial Building in San Francisco unterzeichnet. In Kraft trat die Charta am 24. Oktober 1945. Polen, das 51. Gründungsmitglied, hatte an der Konferenz nicht teilnehmen können und unterschrieb später. Die Charta ist ein zeitlich nicht begrenzter völkerrechtlicher Vertrag und wurde seit ihrer Gründung an nur vier Stellen geändert, nämlich die Artikel 23, 27, 61 und 109. Sie besteht aus einer Präambel und 19 Kapiteln mit 111 Artikeln. (Im Gegensatz dazu hatte die Satzung des Völkerbundes nur 26 Artikel.) Die Kapitel beschäftigen sich unter anderem mit den verschiedenen Hauptorganen der UN, der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten, den Maßnahmen bei Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen sowie ihren Zielen und Grundsätzen.

Die Charta trat am 24. Oktober desselben Jahres in Kraft, nachdem die Republik China, Frankreich, die Sowjetunion, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Mehrheit der Gründungsstaaten die Charta ratifiziert hatten.

Die Vereinten Nationen haben ihren Hauptsitz in New York und drei weitere Sitze in Genf (Büro der Vereinten Nationen in Genf), Nairobi (Büro der Vereinten Nationen in Nairobi) und Wien (Büro der Vereinten Nationen in Wien). In Den Haag befindet sich der Internationale Gerichtshof. Die UN-Sitze befinden sich nach offiziellem Sprachgebrauch nicht in dem jeweiligen Staat, sondern sind nur von diesen Staaten umgeben, d. h. dass der Internationale Gerichtshof in Den Haag ist, oder der Hauptsitz der UN in New York. In den UN gelten Regeln eigener Art, und die Staatsmacht des jeweiligen Sitzlandes darf dort keine Zwangsmaßnahmen ausüben, wodurch ihre Souveränität insoweit nicht infrage steht. Dass Einrichtungen der UN eine Art „Internationales Territorium“ darstellen würden, ist völkerrechtlich nicht anerkannt. Jedoch genießen ihre Einrichtungen völkerrechtliche Immunität, ähnlich wie Botschaften.

1994 wurde in Ruanda eines der schwersten Verbrechen der Geschichte begangen. Durch einen Gewaltausbruch kamen 800.000 Angehörige der Volksstämme Hutu und Tutsi ums Leben. Diesem Völkermord mussten die Blauhelmsoldaten der UN tatenlos zusehen, da ihre Anzahl erstens viel zu gering war und die Blauhelmsoldaten zweitens nicht mit einem Mandat ausgestattet waren, das ein Eingreifen überhaupt gestattet hätte. Dieses Ereignis gilt gemäß Aussage von Kofi Annan als das größte Versagen der UN.

Ende Mai 1995 kam es in Bosnien und Herzegowina nach NATO-Luftangriffen auf ein Munitionsdepot der bosnischen Serben in Pale zu einer Aufsehen erregenden Geiselnahme von UN-Soldaten. Als Folge der Luftangriffe wurden von bosnischen Serben ausgewiesene NATO-Schutz-Zonen überfallen, UN-Soldaten als Geiseln genommen, an taktischen Positionen angekettet und zur Schau gestellt.

Die Tätigkeitsfelder liegen damit hauptsächlich bei der Friedenssicherung, Menschenrechtspolitik und Entwicklungszusammenarbeit.

Die Friedenssicherung ist eine der Hauptaufgaben der Vereinten Nationen. Sie sind der Vermeidung und Beendigung internationaler Konflikte zentral verpflichtet. Der hohe Stellenwert wird dadurch deutlich, dass bereits im ersten Artikel der UN-Charta das Ziel formuliert wird, …

Trotz des allgemeinen Gewaltverbots schließt die Charta die Gewaltanwendung nicht völlig aus. Sie ist neben dem individuellen Selbstverteidigungsrecht jedes Landes auf den Sicherheitsrat konzentriert: Kollektive Maßnahmen gegen Friedensstörer unter Beachtung des Kapitels VII, wie wirtschaftliche, kommunikative und sonstige nichtmilitärische Sanktionen bis erforderlichenfalls hin zur Gewaltanwendung. Der Sicherheitsrat wird dadurch zum Träger des „Gewaltlegitimationsmonopols“. Bevor der Sicherheitsrat entsprechende Maßnahmen in einer friedensbedrohenden Situation beschließen kann, muss er zunächst untersuchen, ob ein Bruch des Friedens vorliegt. Sollte dies der Fall sein, so hat er grundsätzlich zwei Möglichkeiten, auf einen solchen Bruch zu reagieren: Er kann sowohl Empfehlungen an die UN-Mitglieder als auch Zwangsmaßnahmen gegenüber dem Friedensstörer selbst sowie gegenüber allen anderen Mitgliedstaaten aussprechen.

Bei Zwangsmaßnahmen sind sowohl nichtmilitärische Sanktionen als auch ein direktes militärisches Eingreifen durch die UN selbst oder durch entsprechend mandatierte Mitglieder möglich. Das Aufstellen von UN-Truppen ist in der Charta zwar vorgesehen, kam jedoch nie zustande. Zu den nichtmilitärischen Sanktionen gehören die „vollständige oder teilweise Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen, des Eisenbahn-, See- und Luftverkehrs, der Post-, Telegraphen- und Funkverbindung sowie sonstiger Verkehrsmöglichkeiten und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen“ (UN-Charta, Art. 41).

Eine Skulptur auf der Visitor’s Plaza vor dem UN-Gebäude in New York versinnbildlicht das Ziel der Friedenssicherung durch die Darstellung eines Revolvers mit zugeknotetem Lauf. Die Skulptur wurde geschaffen von dem schwedischen Künstler Carl Fredrik Reuterswärd und trägt den Namen „Non-Violence“ (Gewaltlosigkeit). Sie ist ein Geschenk der Regierung Luxemburgs an die Organisation.

Die Blauhelme sind die Friedenssoldaten der UN. Sie waren als Mittel der passiven Friedenssicherung nicht in der Charta vorgesehen. Doch Dag Hammarskjöld und Lester Pearson entwarfen die Idee der Friedenssoldaten in Krisensituationen. Blauhelmsoldaten tragen zur leichteren Erkennbarkeit neben der Uniform ihres Landes entweder einen blauen Helm oder ein blaues Barett mit einem UN-Abzeichen. Die getragenen Waffen sollen aber nur der Selbstverteidigung dienen. Ein Mandat zur Entsendung von Blauhelmen kann nur der UN-Sicherheitsrat erteilen, doch die Regierung jedes Landes darf selbst entscheiden, ob sie Soldaten zu einem solchen Einsatz entsendet. Bis 1990 haben die UN bereits 500.000 Soldaten und Zivilpersonen zu Maßnahmen zur Erhaltung des Friedens eingesetzt – nicht aber zur Friedensherstellung.

Derzeit sind 192 Staaten Mitglied der Vereinten Nationen.

Für eine vollständige Liste, siehe: Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (alphabetisch) oder Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (chronologisch).

Die 51 Gründungsmitglieder der UN im Jahre 1945 waren: Ägypten, Äthiopien, Argentinien, Australien, Belorussische SSR, Belgien, Bolivien, Brasilien, Chile, China, Costa Rica, Dänemark, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Frankreich, Griechenland, Guatemala, Haiti, Honduras, Indien, Irak, Iran, Jugoslawien, Kanada, Kolumbien, Kuba, Libanon, Liberia, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, Nicaragua, Niederlande, Norwegen, Panama, Paraguay, Peru, Philippinen, Polen, Saudi-Arabien, Sowjetunion, Südafrika, Syrien, Tschechoslowakei, Türkei, Ukrainische SSR, Vereinigte Staaten von Amerika, Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland, Uruguay und Venezuela.

Österreich trat den UN im Jahr 1955 bei. 1973 folgten die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland als 133. und 134. Mitglied. Liechtenstein schließlich 1990 und die Schweiz 2002.

Keine Mitglieder sind unter anderem die Vatikanstadt (dessen völkerrechtliche Vertretung, der Heilige Stuhl, jedoch Beobachterstatus hat) und die nicht von allen Ländern anerkannten Staaten Palästina, (West-)Sahara (Demokratisch-arabische Republik Sahara), die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ), die Republik Kosovo, die Cookinseln und die Republik China (Taiwan). Die Republik China nimmt hier jedoch eine Sonderstellung ein, da sie von 1945 bis 1971 das Gründungsmitglied China innerhalb der Vereinten Nationen repräsentierte und damit auch den chinesischen Sitz im UN-Sicherheitsrat innehatte. Im Jahr 1971 wurde auf eine Resolution der Generalversammlung hin die Vertretung Chinas dergestalt geändert, dass China seit dem nur noch von Delegierten der Volksrepublik China repräsentiert wird. Faktisch führte dies zu einem Ausscheiden Taiwans aus den Vereinten Nationen; eine eigene Mitgliedschaft ist aufgrund der Ein-China-Politik der Volksrepublik China nicht zu erwarten.

Obwohl die Vereinten Nationen eine Weltorganisation sind, werden schon aus praktischen Gründen nicht alle Sprachen der Welt offiziell benutzt. Tatsächlich beschränkt man sich auf sechs Amtssprachen: Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. Von diesen sechs sind zwei – Englisch und Französisch – Arbeitssprachen. Dies ist in der Resolution 2 festgelegt, die von der Generalversammlung im Jahr 1946 angenommen wurde.

Amtssprache bedeutet, dass in jeder offiziellen Sitzung eine Übersetzung nach und aus diesen Sprachen zu erfolgen hat und dass alle sitzungsvorbereitenden Dokumente, alle Resolutionsentwürfe und alle Protokolle und Berichte in angemessenem zeitlichen Rahmen in diesen Sprachen zur Verfügung stehen müssen. Für die Arbeitssprachen gilt, dass alle organisationsinternen Arbeitsabläufe (mündlich und schriftlich) in diesen beiden Sprachen ablaufen können. Im Umgang mit dem Sekretariat der Vereinten Nationen hat jeder Delegierte das Recht, sich mündlich und schriftlich in der Arbeitssprache seiner Wahl auszudrücken. Auch müssen alle offiziellen Äußerungen des Sekretariats in den beiden Arbeitssprachen ablaufen (Anzeigen, Beschilderungen, etwa das bekannte „Security Council/Conseil de sécurité“ in New York, Broschüren, Führungen usw.). Dieses Regelwerk schließt einsprachige Auftritte prinzipiell aus. Der Deutsche Übersetzungsdienst der Vereinten Nationen, gemeinsam finanziert von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Belgien, bietet die wichtigsten Dokumente zeitnah in deutscher Sprache an.

Einige interessante Einzelheiten waren in dem populären Film Die Dolmetscherin – einem Thriller aus dem Jahre 2005 von Sydney Pollack – zu sehen; erstmals wurde die Erlaubnis erteilt, im Hauptsitz der UN zu filmen.

Gemäß Artikel 7 der UN-Charta setzen sich die Vereinten Nationen aus sechs Hauptorganen zusammen, die für die Entscheidungsprozesse maßgeblich sind. Neben den Hauptorganen gehören eine Reihe von Nebenorganen und Sonderorganisationen zum System der Vereinten Nationen, die mit der Wahrnehmung spezifischer Aufgaben befasst sind.

Nebenorgane der UN-Generalversammlung werden zur Wahrnehmung spezieller Tätigkeiten gegründet. Sie haben ihr eigenes Verwaltungssystem, aber keine eigene völkerrechtliche Grundlage und sind nicht Völkerrechtssubjekte wie die UN selbst. Zurzeit gibt es insgesamt 22 Nebenorgane, neben dem wohl bekanntesten, dem Kinderhilfswerk UNICEF, sind dies u. a. das Umweltprogramm UNEP, das Welternährungsprogramm WFP, das Flüchtlingskommissariat UNHCR und das Entwicklungsprogramm UNDP.

Sonderorganisationen sind rechtlich, organisatorisch und finanziell selbständige Internationale Organisationen, jedoch durch Abkommen mit den Vereinten Nationen verbunden. Einige Organisationen sind zum Teil sogar älter als die UN selbst. Mittlerweile gibt es 16 dieser zwischenstaatlichen Organisationen. Die UN arbeiten unter anderem mit den folgenden autonomen Organisationen eng zusammen: UNESCO, WHO, IAO, IWF und andere. Die Arbeit der Sonderorganisationen wird durch den UN-Wirtschafts- und Sozialrat koordiniert.

Die UN finanzieren sich hauptsächlich aus Beiträgen ihrer Mitgliedstaaten. Man unterscheidet Pflichtbeiträge, Pflicht-Beitragsumlagen und freiwillige Beitragsleistungen.

Die Pflichtbeiträge der einzelnen Mitgliedstaaten dienen der Finanzierung des ordentlichen Haushaltes der Organisation sowie teilweise auch der Verwaltungsaufgaben ihrer Spezial- und Nebenorgane. Die Höhe der prozentualen Pflichtanteile aller Mitgliedstaaten wird mit Hilfe eines Beitragsschlüssels berechnet. Dieser wird alle drei Jahre auf Empfehlung eines Beitragsausschusses neu von der Generalversammlung festgelegt. Die letzte und derzeit gültige Änderung des Berechnungsschlüssels wurde im Dezember 2000 beschlossen und trat am 1. Januar 2001 in Kraft. Die Höhe der Beiträge wird seitdem auf Grundlage des Bruttoinlandproduktes eines Landes im Durchschnitt der letzten viereinhalb Jahre (davor sechs Jahre) sowie in Abhängigkeit von der Schuldenbelastung, des Pro-Kopf-Einkommens und der Währungsschwankungen berechnet. Dabei ist festgelegt, dass jedes Land mindestens 0,001 Prozent zum ordentlichen Haushalt beitragen muss und höchstens 25 Prozent des Haushalts tragen darf. Staaten wie Südkorea, Singapur und Brasilien mussten nach einer Übergangsphase ab 2004 einen höheren Prozentanteil des UN-Haushaltes übernehmen. Japan konnte aufgrund seiner rückläufigen Wirtschaftsentwicklung mit einer leichten Beitragssenkung rechnen. Die Beiträge der USA wurden reduziert, der Anteil Deutschlands blieb in etwa gleich. Einnahmeverluste, die infolge der dreijährigen Übergangsphase entstanden, wurden durch eine Privatspende des Medienunternehmers Ted Turner (CNN) in Höhe von 34 Mio. US-Dollar ausgeglichen. Die größten Finanzierer in den Beitragsjahren 2004–2006 sind die USA mit 22 Prozent, Japan mit 19,5 Prozent, Deutschland mit 8,7 Prozent, Vereinigtes Königreich mit 6,1 Prozent und Frankreich mit 6 Prozent. Alle anderen Länder tragen weniger als 5 Prozent bei, etwa die Hälfte bezahlt nur den Mindestbeitrag von 0,001 Prozent. Der Stichtag zur Begleichung der Beiträge der einzelnen Mitgliedstaaten ist der 31. Januar des jeweiligen Jahres. Das Zweijahresbudget (nur Pflichtbeiträge) der UN für 1998/1999 betrug 2,8 Mrd. US-Dollar. Die regulären Budgeteinnahmen der UN sanken jedoch von 405 Mio. US-Dollar 1997 auf nur noch 279 Mio. US-Dollar 1998. Zum Stichtag im Jahre 1998 hatten lediglich 27 von 185 Mitgliedstaaten ihre Beiträge in voller Höhe gezahlt. Ca. 75 Prozent der Rückstände am regulären Budget und ca. 50 Prozent der Beiträge beim Peacekeeping waren zu diesem Zeitpunkt auf die Beitragseinbehaltung der USA zurückzuführen.

Bei den Pflichtbeitragsumlagen handelt es sich ebenfalls um von den Mitgliedstaaten zu zahlende Pflichtbeiträge. Diese dienen jedoch ausschließlich der Finanzierung von Friedensoperationen. Die derzeit gültigen Beitragssätze für die Pflicht-Beitragsumlagen wurden 1973 von der Generalversammlung festgelegt. Die wirtschaftlich am wenigsten entwickelten UN-Staaten zahlen demnach nur 10 Prozent ihres Pflichtbeitrags am ordentlichen UN-Haushalt, also 0,0001 Prozent. Die übrigen Entwicklungsländer müssen Mittel in Höhe von 20 % ihres Pflichtbeitrags entrichten. Die Industrieländer bezahlen einen Betrag in Höhe ihres vollen Pflichtbeitrags. Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates entrichten Beträge in Höhe ihrer Pflichtbeiträge zuzüglich der infolge der Entlastung der Entwicklungsländer entstandenen Mindereinnahmen. Letztere werden nach dem Verhältnis der Höhe der einzelnen Pflichtbeiträge gewichtet umgelegt. Für die Pflicht-Beitragsumlagen werden vom ordentlichen Haushalt getrennte Konten verwendet.

Freiwillige Beitragsleistungen werden für die Finanzierung von Spezial- bzw. Nebenorganen der UN wie z. B. dem UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen), UNICEF (Kinderhilfswerk), UNFPA (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen), UNHCR (Amt des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge) und WFP (Welternährungsprogramm) verwendet. Staaten können durch die freie Entscheidung der Höhe ihrer freiwilligen Leistungen erheblichen Einfluss auf die Schwerpunkte der Tätigkeiten der UN geltend machen.

Mit Beginn der Regierungszeit Reagans (1981–1989) begannen die USA, einen zunehmenden Teil ihrer Pflichtbeiträge zum UN-Haushalt sowie zum Friedenssicherungs-Budget der UN zurückzubehalten. Diesen Verstoß gegen die Vereinbarungen begründeten die USA anfangs mit politischer Kritik an einigen UN-Programmen, seit Ende der 1980er Jahre unter Präsident George Bush warfen sie den UN Ineffizienz und Geldverschwendung vor. Bis 1992 war der Schuldenbetrag der USA an die Vereinten Nationen auf 1,5 Mrd. US-Dollar angewachsen. Der US-Kongress bezifferte den Schuldenbetrag 1997 unter Verweis auf angeblich erbrachte nichtgeldliche Leistungen an UN-Friedenssicherungseinsätze auf 926 Mio. US-Dollar und setzte die Zahlung als Druckmittel zur Reduzierung des prozentualen Pflichtanteiles der USA ein. Zudem nutzten sie die Zurückhaltung ihres Budgetbeitrages wie im Falle des ehemaligen Generaldirektors der Organisation für das Verbot chemischer Waffen José Bustani, des Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali oder im Falle der Besetzung von UN-Kommissionen im Jahre 2001 als Druckmittel, um personelle Änderungen innerhalb der Vereinten Nationen zu erzwingen. Die US-Regierung unter Bill Clinton handelte am 10. Juni 1997 im sogenannten Helms-Biden-Abkommen eine Senkung des US-Beitrages zum regulären UN-Budget von 25 Prozent auf 20 Prozent und eine Senkung des US-Beitrages für Friedenssicherungseinsätze von 31 Prozent auf 25 Prozent aus.

Ein wichtiger Punkt ist die historisch bedingte Zusammensetzung des Sicherheitsrats. Die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats machen regen Gebrauch von ihrem Vetorecht, um Verurteilungen und Sanktionen gegen sich selbst oder befreundete Staaten abzuwenden. So legte von 1946 bis 1964 etwa die Sowjetunion 103 Mal ein Veto gegen im Übrigen einstimmige Mehrheiten ein. Bei 69 Konventionen zu Israel legten die USA in 20 Fällen ein Veto ein.

Betrachtet man die Anteile an der Weltbevölkerung, die die Einwohner der ständigen Mitglieder stellen, stehen diese in keinem ausgeglichenen Verhältnis zu den ihnen eingeräumten privilegierten Kompetenzen. Beispielsweise verfügen Länder wie das Vereinigte Königreich oder Frankreich mit jeweils 60 Millionen Einwohnern über einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat, Indien, in dem über 1 Mrd. Menschen leben, jedoch nicht. Dieses Problem lässt sich auf keine einfache Weise lösen, denn die hierarchische Architektur des Sicherheitsrates, die einigen wenigen Staaten größere Machtbefugnisse zubilligt, reflektiert letztlich die große Diversität in der Entwicklung der realen Macht der Nationen. In diesem Sinne ist der Sicherheitsrat ein Machtkonzentrations- und Handlungsorgan und dient nicht der Repräsentation. Selbst mit 15 Mitgliedern stößt er wegen der widerstreitenden Interessen, die durch jedes Mitglied transportiert werden, oft und schnell an die Grenze seiner Handlungsfähigkeit.

Ein Sicherheitsrat, in dem jeder Mitgliedstaat gemäß seinem Bevölkerungsanteil gerecht repräsentiert und mit Vetorecht ausgestattet wäre, wäre praktisch handlungsunfähig, da es nahezu unmöglich ist, für konkrete und bindende Entscheidungen einer gewissen Tragweite einen Konsens von über 190 Staaten zu erwirken. Eine wirklich „gerechte“ Umgestaltung des Weltsicherheitsrats könnte somit nur in Verbindung mit einer grundlegenden Reform der gesamten Charta der Vereinten Nationen vonstatten gehen, unter Konsolidierung von Rolle und Kompetenzen der Generalversammlung.

Die Ursachen dafür, dass es bislang nicht zu einer solchen Reform kam, scheinen sich auszubalancieren: Eine entschlossene Umgestaltung, die dem Gedanken einer Weltorganisation Rechnung trüge, implizierte einen Machtverlust der bisher privilegierten ständigen Mitglieder – überwiegend Industrieländer, die den größten Teil der Finanzierung der UN aufbringen.

Ein zentrales Problem der Vereinten Nationen sind und bleiben die kaum vorhandenen Kompetenzen. Es gelang den Vereinten Nationen vor allem deshalb nahezu alle Staaten der Welt unter einem Dach zu vereinen, weil die Charta an entscheidenden Stellen so flexibel interpretierbar ist, dass sie von praktisch allen kulturellen Überzeugungen und politischen Ideologien – auch wenn diese sich z. T. gegenseitig ausschließen – in deren Sinne und zu deren Gunsten entsprechend der Situation ausgelegt werden kann. Damit das Konzept einer handlungsfähigen Weltorganisation vollständig aufgehen kann, wäre eine massive Abgabe nationalstaatlicher Kompetenzen an diese Organisation in allen drei Bereichen der Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative und Judikative) notwendig. Dazu ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum ein Staat bereit.

Letztlich vereiteln nationale Alleingänge die meisten Ansätze, zu mehr Verbindlichkeit innerhalb der UN zu gelangen. Beispiel dafür sind etwa die USA, die die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs für eigene Bürger ablehnen und sich für den Fall eines gegen ihren Willen dort herbeigeführten Prozesses sogar die militärische „Befreiung“ vorbehalten, was die Legitimation des Internationalen Strafgerichtshofs insgesamt in Frage stellt. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass die Vereinten Nationen kaum – oder gar nicht – in Kollision mit den Interessen der USA Politik betreiben können, da sie mit den Vereinigten Staaten finanziell, historisch, personell und konstitutionell zu stark verwoben sind.

Manche Kritiker werfen den UN deshalb vor, für viel Geld, das anderweitig sinnvoller ausgegeben werden könnte, vor allem stapelweise bedrucktes Papier zu produzieren – ein allerdings sehr pointierter Standpunkt. Denn mehr Verbindlichkeit bedeutet notwendig auch mehr Uniformität. Wenngleich es den UN nur auf einer sehr rudimentären Ebene gelang, einheitliche kulturelle und politische Vorstellungen der Menschheit zu definieren, waren doch einige UN-Missionen durchaus erfolgreich, und ob die zwischenstaatliche Konfliktbewältigung ohne die UN-Vermittlung besser abliefe, darf ebenfalls bezweifelt werden. Realistisch betrachtet kann es auf längere Sicht keine echte Weltregierung geben, solange sich die Völker der Welt nicht auf eine widerspruchsfreie und trotzdem scharfe Definition ihrer kulturellen und politischen Werte mitsamt den sich daraus ergebenden Implikationen einigen können, und an diesem Anspruch sollten die UN auch nicht gemessen werden.

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Operation Lifeline Sudan

Solche Lagerhallen für Baumwolle im Hafen von Port Sudan wurden als Umschlagplätze für Hilfsgüter angemietet. 1985 konnten pro Tag 15.000 Tonnen Nahrungsmittel abgeladen werden, die Eisenbahn konnte nur 2000 Tonnen wegschaffen.

Die Operation Lifeline Sudan, kurz OLS (deutsch: Aktion Überlebensbrücke Sudan) war eine humanitäre Operation der Vereinten Nationen in Sudan. Die OLS wurde im März 1989 angesichts einer sich ab Mitte der 1980er Jahre abzeichnenden Hungersnot in Südsudan auf dem Höhepunkt des zweiten Sezessionskrieges beschlossen. Unter Führung der UNICEF wurden Hilfeleistungen verschiedener humanitärer Organisationen koordiniert. Bekannt wurde die OLS durch tägliche Nahrungsmittelflüge von der Basis Lokichoggio in Kenia in verschiedene Orte Südsudans. Es war die erste großangelegte Hilfsaktion, bei der die Bevölkerung während eines Bürgerkrieges innerhalb des Kampfgebietes versorgt wurde.

Mit der Friedensvereinbarung von 1972 in Addis Abeba (Addis Abeba Peace Agreement), der den ersten Bürgerkrieg in Südsudan beendete, war für Südsudanesen die Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung verknüpft. Es wurden in den folgenden Jahren zwar einige Entwicklungsmaßnahmen durchgeführt, aber diese waren deutlich zu gering und regional ungleichmäßig verteilt. Geld für Infrastrukturverbesserungen floss nur in den Straßenbau der Distrikte von Torit, Yambio und Yei in den südlichen Äquatoria-Provinzen und vor allem in den Bau des von der lokalen Bevölkerung abgelehnten Jonglei-Kanals. Der Export von Rindern und Trockenfischen in den Norden, der für einige Regionen einen hohen Marktanteil hatte, konnte zwar gesteigert werden, die grundsätzliche Unterentwicklung und Unzufriedenheit des Südens wurde damit nicht behoben.

Nach einem Jahrzehnt Frieden begann der zweite Bürgerkrieg in Südsudan konkret mit einem Aufstand des in Bor stationierten Bataillons 105 im Mai 1983. Der von Khartum aus zur Untersuchung der Angelegenheit losgeschickte Oberst John Garang schlug sich bei der Ankunft in Bor auf die Seite der Meuterer. Am 31. Juli 1983 wurde offiziell die SPLA gegründet, die anfangs nur mit wenigen Waffen Anschläge auf Regierungseinrichtungen verübte, ab 1984 aber von Muammar al-Gaddafi und Äthiopiens Staatschef Mengistu unterstützt wurde. Hintergrund für das Wiederaufflammen des Bürgerkrieges war die Islamisierung des Staates mit der Einführung der Scharia im September 1983 durch Präsident Numairi, die sich vor allem gegen die Christen im Süden richtete. In den folgenden Jahren stattete die Regierung arabischsprachige Baggara-Nomaden (islamische Milizen allgemein: Murahileen) mit Waffen aus und ermunterten diese zu Plünderungen und Grausamkeiten an der schwarzafrikanischen Bevölkerung (Dinkas und Nuer). Ebenso verhielten sich betrunkene Militärs. Es begann eine Massenflucht der Bevölkerung zur SPLA und damit eine Ausweitung der Kämpfe.

Für die Millionen Rinder in Südsudan wurden ab 1983 die staatlichen Impfprogramme eingestellt, der bisherige Viehhandel kam zum Erliegen. Mangels Geld wurden nun in privaten Transaktionen Rinder gegen Hirse getauscht. Tierkrankheiten und Diebstähle reduzierten die Viehbestände. Regierungssoldaten zerstörten als strategisch wertvoll eingestufte Dorfbrunnen. 1983 war der Niederschlag in Südsudan geringer als üblich, im Sommer 1984 fiel abgesehen von den südlichsten Provinzen fast kein Niederschlag. Sechs Millionen Einwohner von Kordofan und Darfur begannen zu hungern, eine Kommission von USAID untersuchte die Ernteausfälle, fand die Lage in den beiden Regionen verzweifelt und veranlasste die Lieferung von 82.000 Tonnen Sorghum, von dem ab November nur wenig über Port Sudan ins Land kam. Wegen der Dürre wurde im Winter 1984 auch in den mechanisierten Feldbaugebieten der Gezira-Ebene nur die Hälfte der Getreidemenge geerntet. Im Mai und Juni 1985 wurden 400.000 Tonnen Durra im Hafen von Port Sudan abgeladen, der mit dieser Menge völlig überfordert war. Der Weitertransport per Bahn oder LKW verlief wegen unzureichender Transportkapazitäten, schlechter Straßen und verbreiteter Korruption nur schleppend. So kam auf dem Höhepunkt der Hungersnot im zentralen Sudan einmal ein völlig leerer Frachtzug in Nyala (Darfur) an. Für diese Verluste wurde USAID kritisiert, obwohl diese Organisation für die von ihr zur Verfügung gestellten 425.000 Tonnen Nahrungsmittel andere Transportunternehmen beauftragte und bezahlte. Etwa 250.000 Menschen wurden ernährt, ebenso hoch könnte die Zahl der Todesopfer gewesen sein. Möglicherweise einige 10.000 wurden vor dem Tod bewahrt.

Präsident Numairi wurde im Zusammenhang mit der Hungersnot Gleichgültigkeit und Missmanagement vorgeworfen; keine der Südprovinzen hatte Hilfe aus Khartum erhalten. Das gehörte zu den Gründen, weshalb er am 6. April 1985 gestürzt wurde. Die anderen Gründe waren: die Entlassung der Muslimbrüder unter Hasan at-Turabi aus der Regierungskoalition, die hohe Inflation und eine durch die andauernden Kämpfe demoralisierte Armee. Der im April 1986 zum Nachfolger gewählte Sadiq al-Mahdi äußerte sich gegenüber der Hungersnot im Süden ähnlich indifferent und erklärte, die Hungerhilfe läge allein „in der Verantwortlichkeit des reichen Westens, nicht irgendeiner sudanesischen Regierung.“ Der „reiche Westen“ war, abgesehen von USAID, in Südsudan in Gestalt der Hilfsorganisationen Oxfam, Band Aid, Norwegian Church Aid, ACROSS (African Committee for the Relief of the Southern Sudanese) und protestantischen Kirchen vertreten. Es darf als Vorstufe der OLS gewertet werden, dass diese Organisationen sich ab 1985 unter dem Titel CART (Combined Action Relief Team) koordinierten.

Wie im Verlauf des Bürgerkrieges Kämpfe um knappe Ressourcen entlang ethnischer Trennlinien ausgetragen wurden, zeigt sich besonders am Beispiel von El Diein (Ed Daein), einer Kleinstadt an der Bahnlinie östlich von Nyala. Der Ort war früher einer der Umschlagplätze für Sklaven, wurde wegen des 2003 ausgebrochenen Darfur-Konflikts Ende 2007 von USAID als für Hilfsorganisationen besonders gefährlich eingestuft und war 20 Jahre zuvor, Anfang 1987, Schauplatz eines Massakers. Bis Mai 1986 waren 17.000 Dinka aus dem Süden in das vermeintlich ruhige El Diein geflohen, wo es an den knappen Wasserstellen gelegentlich Streit mit den ansässigen Fur und Zaghawa gab. Zur Eskalation kam es, als Baggara im Januar 2007 Dinka-Dörfer überfielen. SPLA-Kämpfer griffen daraufhin diese arabischen Milizen an, töteten über 150 Baggara und brachten 4000 Rinder wieder in Dinka-Besitz. Am 27. März 1987 griff zunächst eine Gruppe bewaffneter Baggara Dinka an, die sich in einer Kirche versammelt hatten. Es bildete sich ein Mob, der durch Dinka-Stadtviertel wütete und mit Stöcken auf die Fliehenden einschlug. Am nächsten Tag wurde Feuer an einen zur Abfahrt bereiten und mit Dinka vollbesetzten Zug gelegt. UNICEF schätzte die Zahl der Todesopfer auf bis zu 1500, Amnesty International bestätigte später 426 getötete Dinka. Davon waren die meisten Frauen und Kinder.

1987 gelangten, behindert durch Bürokratie und Sicherheitslage, nur wenige Nahrungslieferungen in die Städte im Süden; am Anfang des Jahres wurde besonders im Distrikt Aweil über Hungersnot berichtet. Sadiq hielt sich nicht nur an seine Aussage, die Versorgung der Bevölkerung den Hilfsdiensten zu überlassen, es gab auch gezielte Maßnahmen der Regierung gegen diese Hilfe. Im Februar 1988 wurden auf Anweisung aus Khartum 20 OXFAM-Lkw im Wert von 600.000 US-Dollar, die Nahrungsmittel in die südliche Region bringen sollten, in Juba von der Armee beschlagnahmt, um Truppen für einen Angriff auf das ganz im Südosten gelegene Kapoeta zu transportieren, das kurz zuvor an die SPLA gefallen war. Die Fahrzeuge waren von der britischen Regierung gekauft und OXFAM überlassen worden, weshalb es zu Schlagzeilen in der britischen Presse kam.

Als es im August 1988 im gesamten Zentrum des Landes zu einer Überschwemmungskatastrophe kam, bei der 80 Prozent der Fläche Khartums unter Wasser stand und hunderttausende Menschen obdachlos wurden, traf in kürzester Zeit Nothilfe aus überwiegend arabischen Ländern ein. Saudi-Arabien flog mit 42 Militär- und 19 Zivilflugzeugen Nahrungsmittel ein, die von der Armee in Stadtteilen mit Regierungsanhängern verteilt und teilweise abgezweigt wurden. Auch USAID spendete 7100 Tonnen Nahrungsmittel, die über kirchliche Organisationen zu Flutopfern in den Randgebieten der Hauptstadt gelangten.

Die mühseligen internationalen Verhandlungen Anfang 1989 bis zur Einführung der OLS-Hilfsaktion geschahen zu einer Zeit, als sich Sadiq innenpolitisch in einer Krise befand und wegen des andauernden Krieges und vor allem als nach Einbezug der National Islamic Front (NIF) von Turabi im Februar in die Regierungskoalition auch seine Legitimität im Ausland schwand. Sadiqs Regierung verfügte zwar über eine ausreichende Mehrheit, dennoch wurde ihm die Unfähigkeit zu Wirtschaftsreformen zur Bekämpfung der Inflation (im Februar 80 Prozent) und der Auslandsverschuldung vorgeworfen (seit 1982 nahm die Wirtschaftsleistung ab). Wegen zunehmender Kriegsmüdigkeit forderte die Armee im Februar in einem einwöchigen Ultimatum Friedensgespräche mit der SPLA. Im Süden benötigten im März 1989 1,6 Millionen Flüchtlinge Hilfe, über eine Million Flüchtlinge befanden sich in Khartum.

Im März 1989 fand in Khartum eine UN-Konferenz statt, bei der James Grant, der Direktor von UNICEF und Leiter der geplanten OLS, seine Positionen durchsetzen konnte. Die Zugeständnisse der Regierung betrafen den Umtauschkurs in sudanesische Pfund für Spendenüberweisungen und Garantien für sichere Transportrouten, zu deren Einrichtung Sadiq einen Monat Ruhe versprach. Die SPLA unter John Garang erklärte sich ebenfalls mit der Einrichtung von Korridoren einverstanden, auf denen Hilfsgüter ab Malakal auf dem Nil, über die Eisenbahnverbindung von Norden nach Aweil und per LKW aus Uganda transportiert werden könnten, widersetzte sich aber einem Waffenstillstand. Der Beginn der Aktion wurde auf den 1. April festgelegt und sollte unter der Regie von UNICEF sechs Monate dauern. Das Sadiq aufgezwungene Hauptzugeständnis war die Zustimmung zu einem Friedensprozess, welcher auch in der von ihm am 25. März 1989 neu gebildeten Regierung (der fünften Regierung in drei Jahren) eine Mehrheit fand. Turabi verließ die Regierung und lehnte ein geplantes Treffen zwischen Sadiq und Garang ab.

Zu diesem Treffen kam es nicht mehr. Nach einem Putsch islamistischer Offiziere am 30. Juni 1989 übernahm Umar Hasan Ahmad al-Baschir die Macht. Baschir erklärte James Grant am Tag nach dem Staatsstreich zwar, die OLS werde fortgesetzt. Dennoch wurde für einen Monat die Reiseerlaubnis für Helfer ausgesetzt. Bis August 1989 wurde ein Flugverbot verhängt, danach wurden die Sicherheitsprozeduren derart verschärft, dass die Hilfsflüge von Khartum drastisch reduziert wurden. Allgemein erreichten Hilfsgüter nur teilweise und nach Verzögerungen ihr Ziel. Im November suspendierte die Regierung erneut alle Hilfsflüge und machte deren Fortsetzung von der Bedingung abhängig, dass künftig 80 Prozent aller Hilfsgüter in die von der Armee beherrschten Gebiete gehen müssten. Zuvor waren es 50 Prozent gewesen. Es begann ein Feilschen um Quoten. Allein die Lutheran World Federation scherte aus dem Konsens der Hilfsorganisationen aus, akzeptierte diese Bedingung und flog Hilfsgüter in die Garnisonsstadt Juba. Baschir wollte außerdem Armeeoffiziere an den Verladestellen der Hilfsgüter in Kenia und Uganda positionieren, was aber abgelehnt wurde.

Im Oktober war der ursprüngliche Vertrag abgelaufen und von Baschir auch nicht verlängert worden. Direkte Verhandlungen für eine Fortsetzung als OLS II fanden im November 1989 unter Vermittlung von Jimmy Carter in Nairobi statt. Sie waren erfolglos. Es kam zu keiner Vertragsverlängerung, stattdessen wurde die OLS ohne genaue Absprachen weitergeführt. Die internationalen Geber erklärten im März 1990 die zweite Phase der OLS für eröffnet. Diesmal sollten auch die Flüchtlinge in Khartum einbezogen werden. Bis zum offiziellen Ende im Oktober 1990 standen nun 118 Millionen Dollar zur Verfügung. Die ersten Hilfsflüge starteten von Lokichoggio im April. Der Beginn von OLS II war zögerlich, besonders nachdem die sudanesische Regierung ihre Unterstützung für den Irak erklärte: als dieser im August 1990 in Kuwait einmarschierte, schwand das Interesse der USA vollends. Sudan hatte sich nun auch von den arabischen Ländern politisch isoliert. Vorausschauend hatte Baschir im Februar die Selbstversorgung des Landes proklamiert, um „die Ehre und Würde des Sudan zu bewahren.“ Nicht in dieses Bild passt, dass die Regierung im September 1990 in Kosti 40.000 Tonnen Hilfsgüter aus dem Besitz von USAID beschlagnahmte, was zu internationalen Protesten führte. Eine Weiterführung von OLS schien daher fraglich, wurde aber trotz geringeren Interesses der Geber für das kommende Jahr beschlossen. Anfang der 1990er Jahre erhielten nur wenige Ausländer die Erlaubnis, die Lage vor Ort zu überprüfen.

Anfang 1991 verschob sich die militärische Lage zuungunsten der SPLA. In Äthiopien wurden nach dem Sturz der sozialistischen Regierung die sudanesischen Flüchtlingslager, die eine Versorgungsbasis der SPLA gewesen waren, aufgelöst und 100.000 Sudanesen zur Rückkehr in den Sudan gezwungen. Deren Versorgung musste nun dezentral und mitten im Kriegsgebiet erfolgen.

Seit ihrer Einführung hatte die OLS, von den komplizierten Verhandlungen abgesehen, mit schlechten und teilweise verminten Straßen und mit zumeist durch die SPLA begangenen Überfällen auf diesen Straßen und den Wasserwegen zu kämpfen. Die Versorgung musste daher zu großen Teilen aus der Luft erfolgen. Zum Umschlagplatz für die Versorgungsgüter und zur Basis der Hilfsorganisationen wurde der Flugplatz im kenianischen Lokichoggio. Das World Food Programme schätzte 2004 den Anteil der Transportkosten auf 38–43 Prozent der jährlichen Projektkosten und damit auf etwa doppelt so viel wie den Wert der Ware. Das Einfliegen über Lokichoggio verteuerte die Hilfslieferungen um das drei- bis fünffache. Um 1990 kostete der Transport einer Tonne Hilfsgüter von Kenia in die Krisenregion 700 US-Dollar. Teilweise wurden eine Million US-Dollar pro Tag ausgeben.

Unter Leitung der UNICEF waren den einzelnen Hilfsorganisationen in Südsudan Sektoren zugeteilt: AICF (Action Internationale Contre le Faim) um Kadugli; CARE International in an-Nahud (West-Kordofan); CONCERN Irland in Kosti und Malakal; ICRC in Wau; LRCS (League of Red Cross Societies) in Abyei; MSF in El Meiram (westlich Abyei); WFP in Malakal, Nasir, Kosti, Torit, Nimule (an Uganda-Grenze) und Wau; UNICEF in Kapoeta und UNDP. Nach Beendigung des Bürgerkriegs 2005 standen für die Hilfsorganisationen Minenräumung und Ausbau der Infrastruktur im Vordergrund, der kostspielige Gütertransport per Flugzeug ist deutlich zurückgegangen. In den letzten Jahren sind zahlreiche weitere Nichtregierungsorganisationen hinzugekommen, deren Tätigkeit sich nun als Entwicklungshilfe versteht. Die Projekte werden insgesamt nicht mehr als OLS zusammengefasst.

Hunger als Mittel der Kriegsführung wurde von beiden Seiten instrumentalisiert. Hungersnöte wurden gezielt zur Lenkung der Hilfslieferungen herbeigeführt, Hilfslieferungen wurden gezielt unterbunden, und Hunger war ein Mittel zur Demoralisierung der Bevölkerung. Die Zusicherung ungehinderter Transporte wurde jeweils nur gewährt, wenn die verschiedenen Machthaber ihr Gebiet bei der Verteilung prozentual angemessen berücksichtigt sahen. So bemühten sich die Hilfsorganisationen bereits vor Beginn der OLS ab 1986 besonders um die Versorgung der Bevölkerung in den von der Armee gehaltenen Städten, um die Regierung nicht zu verärgern; für die SPLA war genau dies der Grund, im Juni 1986 eine Feuerpause zur Hilfeleistung abzulehnen. Als Demonstration gegen unabgesprochene Hilfsflüge schoss die SPLA am 16. August 1986 ein Passagierflug der Sudan Airways bei Malakal ab. Es gab 60 Tote. Hilfsflüge wurden in der Zeit danach eingestellt. Die Regierung benahm sich gleichermaßen feindselig und wies im Oktober die für die Flüge verantwortlichen UN-Mitarbeiter außer Landes. Die sogenannte stille Diplomatie war erfolglos.

Wurde die Bevölkerung in Flüchtlingslager vertrieben, erzwang die jeweilige Kriegspartei damit die geballte Lieferung von Hilfsgütern an einen Ort, mit entsprechender Kontrollmöglichkeit. Solche Bevölkerungskonzentrationen wurden auch als Schutzschilde missbraucht: In der Regierungsgarnison Juba war die Einwohnerzahl 1993 auf etwa 300.000 gestiegen. Diese musste aus der Luft versorgt werden, da die Regierung die Zufahrtsstraßen verminen ließ, um zu verhindern, dass die Bevölkerung in Rebellengebiete floh.

Der Hauptvorwurf lautet, mit der OLS seien direkt oder indirekt die Konfliktparteien derart unterstützt worden, dass diese Hilfe zu einer Verlängerung des Krieges beigetragen habe. Indirekte Unterstützung ermöglicht Dreiecksgeschäfte: 1990 exportierte Sudan 98.000 Hirse als Viehfutter in die Europäische Union, während zugleich Nahrungsmittel in ähnlicher Größenordnung in den Sudan geflogen wurden. Einer kriegführenden Partei ließ man auf diese Art Devisen zukommen. Die Hungersnot hätte ohne diese Exporte verhindert werden können. Im andauernden Darfur-Krieg ist Hunger wiederum Kriegsstrategie und es lassen sich auch dort Hilfslieferungen und Nahrungsexporte der Regierung miteinander verrechnen. Es gab Absprachen, die sich ebenso als Unterstützung für die Regierung auswirkten: Hilfsorganisationen wurden gezwungen, die für ihre Projekte vorgesehenen Finanzmittel zu schlechten Kursen in sudanesische Währung umzutauschen und Hilfsgüter auf lokalen Märkten zu kaufen. Ihre Fahrzeuge mussten als Eigentum sudanesischer Behörden registriert werden, damit sie nach Beendigung des Einsatzes garantiert dem Staat zufallen würden.

Dass die SPLA überhaupt zu einer politischen Organisation aufsteigen konnte, die international Beachtung fand, lag auch an den Verhandlungen zur Einführung der OLS. John Garang war vom Aufständler zum anerkannten Gesprächspartner aufgewertet worden, der in seiner „Friedenstour“ im Mai 1989 die USA bereiste, wo er die bisherige Einschätzung seiner Organisation als kommunistisch loszuwerden versuchte.

Allgemein wurde beklagt, wie wenig politischen Druck die Organisationen ausübten, und dass die Einbeziehung ziviler Ziele in den Krieg, einschließlich der Angriffe auf die OLS selbst, von beiden Seiten nicht hinreichend kritisiert wurde. Während des 17-jährigen Bürgerkriegs sind geschätzte 2 Millionen Menschen getötet und 4,3 Millionen zu Flüchtlingen geworden.

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Peter Ustinov

Peter Ustinov (1992)

Sir Peter Alexander Baron von Ustinov CBE (* 16. April 1921 in Swiss Cottage, Camden, London; † 28. März 2004 in Genolier, Kanton Waadt, Schweiz) war einer der international angesehensten Künstler des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts aus den Bereichen Film, Theater, Literatur und Kultur.

Als Filmschauspieler bereicherte Ustinov in Charakterrollen das Kino Hollywoods und wurde zweifach mit dem Oscar ausgezeichnet. Darüber hinaus erweiterte er seine künstlerische Bandbreite als Regisseur und Autor, dem sein literarisches Schaffen persönlich im Vordergrund stand. Mit zeitsatirischen Stücken und Romanen etablierte sich Ustinov als Beobachter des politischen und gesellschaftlichen Weltgeschehens und wurde so auch zu einem beliebten Erzähler und Conférencier.

Ustinov engagierte sich politisch als Weltföderalist und Sonderbotschafter von UNESCO und UNICEF und trat weltweit für Kinder- und Menschenrechte ein. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich aus sozialphilosophischer Sicht der Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen und gründete aus diesem Anlass Universitäten in Budapest und Durham sowie das deutschsprachige Sir-Peter-Ustinov-Institut in Wien.

Von 1968 bis 1974 war Ustinov Rektor der Universität Dundee und amtierte von 1992 bis zu seinem Tod als Kanzler der Universität Durham. 1990 wurde er von Elisabeth II. in den Adelsstand erhoben.

Ustinov wurde am 16. April 1921 als Peter Alexander Baron von Ustinov im Stadtteil Swiss Cottage des Londoner Bezirks Camden geboren. Die Schreibweise des Nachnamens seines Großvaters Michail lautete jedoch noch Ustinow.

Sein Vater war Jona Baron von Ustinov (1892-1962), ein Diplomat und Journalist, der als Kind russischer Eltern in Palästina geboren wurde und in der Schweiz studierte. Während des Ersten Weltkrieges diente er als Flieger in der deutschen Armee. Baron Ustinov, dessen Spitzname „Klop“ war, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und arbeitete einige Jahre als Korrespondent in Berlin und Amsterdam, bis er eine Anstellung bei der deutschen Botschaft in London bekam und sich schließlich 1935 mit seiner Familie in Großbritannien einbürgern ließ, da er aufgrund der Nürnberger Rassengesetze aus dem deutschen Staatsdienst ausscheiden musste. Im Zweiten Weltkrieg war Jona von Ustinov als Agent für den britischen Geheimdienst MI-5 tätig.

Peter von Ustinovs Mutter war Nadjeschda Leontievna Benois (1896-1975), eine Bühnenbildnerin und Tochter des russischen Architekten Leon Benois, der seinerseits französischer Herkunft war. Am 17. Juli 1920 schloss sie die Ehe mit Jona von Ustinov.

Über seine Herkunft erzählte Peter Ustinov später gerne: „Ich wurde in Sankt Petersburg gezeugt, in London geboren und in Schwäbisch Gmünd getauft.“ Verfolgt man die Wurzeln seiner Ahnen, lässt sich feststellen, dass er russischer, französischer, schweizerischer, italienischer und sogar (durch seinen Urgroßvater Moritz Hall) äthiopischer Abstammung war. Offiziell war Ustinov Zeit seines Lebens britischer Staatsbürger, sah sich selbst allerdings stets als Weltbürger, was er mit den Worten auszudrücken pflegte: „Ich bin ethnisch sehr schmutzig und sehr stolz darauf.“ Ende der 1960er Jahre nahm er zusätzlich auch das Schweizer Bürgerrecht an.

Ustinov wuchs in London auf und genoss während seiner Kindheit und Jugendzeit eine pazifistische und darüber hinaus multilinguale Erziehung. Durch seine Eltern lernte er insgesamt vier Sprachen: Englisch, Russisch, Deutsch und Französisch. Sein sich dadurch früh herausbildendes Sprachtalent sollte er in seinen späteren Ämtern zur Völkerverständigung und zudem zum Erlernen weiterer Sprachen nutzen: Italienisch, Spanisch, Neugriechisch und Türkisch. In seinen Auftritten als Erzähler und Komiker gab er später auch seine Begabung zur Darbietung der unterschiedlichsten Dialekte und Akzente von all diesen Sprachen zum Besten.

Nach eigener Aussage war Ustinovs erste Rolle die eines Schweins bei einer kleinen Aufführung in seinem Kindergarten. Ab 1934 besuchte er die Eliteschule Westminster, die er jedoch verabscheute und nach knapp drei Jahren verließ. Er absolvierte eine Schauspielausbildung am London Theatre Studio unter der Leitung von Michael St. Denis und trat schon im Alter von 17 Jahren in „Der Waldschrat“ in seiner ersten professionellen Rolle auf. Seine Leidenschaft zur Schauspielerei und seine Begeisterung für das Theater legten schon bald den Grundstein für das Schreiben eigener Werke: 1942 wurde sein erstes Stück „House of Regrets“ im Arts Club uraufgeführt.

Er kürzte seinen Namen zu „Peter Ustinov“ und es folgten seit dem Ende der 1930er Jahre mehrere Theaterengagements, bis er 1940 seine erste kleine Filmrolle in „Hullo, Fame!“ spielte. Im selben Jahr heiratete er Isolde Denham; aus dieser 1950 geschiedenen Ehe stammt Tochter Tamara Ustinov, die als Schauspielerin in die Fußstapfen beider Elternteile treten sollte. Die erste größere Filmrolle für Ustinov folgte 1942 in „The Goose Steps Out“.

Der als Verfechter des Pazifismus und Equilibrismus bekannte Ustinov, der später als Friedensstifter und Humanist in Erscheinung treten sollte, absolvierte ab 1942 seinen Soldatendienst während des Zweiten Weltkrieges. Sein Vorgesetzter war kein Geringerer als Schauspielkollege David Niven. Später sagte Ustinov, dass ihn die Zeit beim Militär und während des Krieges tief geprägt und in seinem pazifistischen und humanistischen Denken beeinflusst hätte. Um Erfahrungen beim Film zu sammeln, trat er der Schauspieler-Einheit bei und hatte kleinere Rollen; zu dem 1943 erschienenen Film „The New Lot“ schrieb er auch erstmals das Drehbuch.

Nach Beendigung des Armeedienstes begann Ustinov seine künstlerische Vielseitigkeit deutlich zu entfalten: Bei dem Film „School for Secrets“ von 1946 zeichnete er sich für Regie, Produktion und Drehbuch verantwortlich. In den 1940er Jahren folgten weitere Filme unter seiner Regie und aus seiner Feder; außerdem trat Ustinov auch beim Theater weiterhin als Regisseur und Autor in Erscheinung.

Im Jahr 1950 begannen die Probeaufnahmen für Mervyn LeRoys Verfilmung des Romans „Quo vadis?“ von Henryk Sienkiewicz. In diesen stellte Ustinov als römischer Kaiser Nero erstmals den kritischen Hollywood-Produzenten sein enormes darstellerisches Potential unter Beweis; trotz allem zögerten diese ein ganzes Jahr, weil sie den 30-jährigen Schauspieler für zu jung hielten. Doch Sam Zimbalist, der Produzent des Films, erhielt von Ustinov die telegrafische Mitteilung, die Zweifel seien unbegründet, da Nero bereits mit 31 Jahren gestorben war. Ustinov wurde schließlich engagiert und schaffte mit seiner parodistischen Darstellung eines selbstherrlichen, geisteskranken und größenwahnsinnigen Kaisers den internationalen Durchbruch als Filmschauspieler. Für seine Leistung wurde er mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für den Oscar nominiert und hatte sich so den Weg zu einer Karriere als einer der führenden Charakterdarsteller Hollywoods geebnet.

Sein Sprachtalent nutzte Ustinov, um zukünftig Rollenangebote auch außerhalb englischsprachiger Filmproduktionen anzunehmen; zudem synchronisierte er sich selbst auch das ein oder andere Mal ins Deutsche oder Französische. Ebenso widmete er sich weiterhin neuen Theaterstücken, in denen er auch als Darsteller und Regisseur mitwirkte: Sehr erfolgreich war er Mitte der 1950er Jahre mit „Romanoff und Julia“, das den Ost-West-Konflikt parodierte und ihm 1958 zwei Nominierungen für den Tony Award während seiner Laufzeit am New Yorker Broadway einbrachte; filmisch setzte es Ustinov 1961 auch um. In den 1950er Jahren profilierte er sich in Filmen wie „Beau Brummel – Rebell und Verführer“ und „Wir sind keine Engel“. Schließlich wurde er 1960 in seiner Rolle als Sklavenhändler „Batatius“ in Stanley Kubricks Monumentalepos „Spartacus“ endgültig international populär.

1954 heiratete Ustinov die kanadische Schauspielerin Suzanne Cloutier. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Pavla, Igor und Andrea hervor. Igor Ustinov ist als Bildhauer tätig und wahrt als Kuratoriums-Mitglied der Sir-Peter-Ustinov-Stiftung das Vermächtnis seines Vaters. Nach mehreren Jahren wurde aber auch diese zweite Ehe geschieden.

1961 verfilmte Ustinov Herman Melvilles Kurzroman „Billy Budd“ unter dem Titel „Die Verdammten der Meere“. Im selben Jahr erhielt er den Oscar als Bester Nebendarsteller. 1962 konzentrierte sich Ustinov erstmals auf seine Arbeit in der Oper und konnte so auf seine hervorragenden Kenntnisse über die klassische Musik aufbauen: Im Royal Opera House inszenierte er „Die Spanische Stunde“. Bis Ende der 1990er Jahre sollten weitere Inszenierungen in ganz Europa folgen, u. a. von Wolfgang Amadeus Mozarts Werken „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“. Des Weiteren setzte Ustinov auch seine eigenen Theaterstücke, wie z. B. „Endspurt“ (1962) oder „Halb auf dem Baum“ (1967) in Szene.

Gelobt wurde 1964 seine Darstellung in der Gaunerkomödie „Topkapi“ an der Seite von Melina Mercouri und Maximilian Schell. Hierfür wurde er erneut mit dem Oscar ausgezeichnet. 1965 folgte der Film „Lady L.“ mit David Niven und Sophia Loren in den Hauptrollen. Loren war es auch, die im selben Jahr den Oscar für ihren Kollegen Ustinov entgegennahm, da dieser verhindert war. In den nächsten Jahren wirkte er jedoch auch in einigen Filmproduktionen zweitklassiger Qualität mit, die dank seiner Präsenz teilweise große Resonanz fanden, etwa in dem Disney-Film „Käpt’n Blackbeards Spuk-Kaschemme“ u. a. Neben Elizabeth Taylor, Richard Burton und Alec Guinness war Ustinov 1967 in „Die Stunde der Komödianten“ zu sehen. 1968 spielte er gemeinsam mit Maggie Smith in der Filmkomödie „Das Millionending“ und wurde für das Originaldrehbuch, das er zusammen mit dem Autoren Ira Wallach verfasst hatte, für den Oscar nominiert.

Viele von Ustinovs Theaterstücken bildeten die Grundlage für Fernsehproduktionen. Auch außerhalb des literarischen Feldes trat er in Fernsehspielen und Shows auf und erhielt dreimal den Emmy als Hauptdarsteller in einem Film (1958 für „Omnibus: The Life of Samuel Johnson“, 1967 für „Barefoot in Athens“ und 1970 für „A Storm in Summer“). Im Gegensatz zu anderen Hollywoodstars trat er vermehrt im Fernsehen auf und war ein gern gesehener Talkshowgast. In solchen Gesprächsrunden konnte Ustinov seinen großen Schatz an Erzählungen, Witzen und Anekdoten preisgeben und wandelte sich ab den 1960er Jahren zu einem vielgelobten Unterhaltungskünstler. Dabei trat er, analog zu seiner Filmkarriere, ebenfalls weltweit im Fernsehen und auf Veranstaltungen in Erscheinung.

Ustinov war aber nicht nur ein Beobachter und Kritiker seiner Zeit: Er setzte sich ebenso aktiv für Pazifismus, Völkerverständigung und Equilibrismus ein. In den 1950er Jahren trat er den Weltföderalisten bei und sollte von 1990 bis zu seinem Tod als ihr Vorsitzender fungieren. 1968 wurde er zum Sonderbotschafter des UN-Hilfswerkes UNICEF ernannt; im selben Jahr trat er auch – ohne einen anerkannten Schul- oder Studienabschluss – sein erstes akademisches Amt als Rektor der schottischen Universität Dundee an (1969 wurde er dort außerdem zum Ehrendoktor der Rechte ernannt). Als UNICEF-Botschafter bereiste Ustinov seitdem kontinuierlich die ganze Erde und wollte als „Brückenbauer“ zu einer besseren, demokratischen Welt beitragen. Ziel des World Federalist Movement war zudem eine verstärkte Demokratisierung der Vereinten Nationen und die umfassende Neuordnung internationaler Beziehungen.

1971 heiratete er die Schriftstellerin Hélène du Lau d’Allemans, mit der er bis zu seinem Tod in einem Haus in Bursins am Genfer See lebte. 1972 wurde Ustinov im Rahmen der Berliner Filmfestspiele mit dem Silbernen Bären für seine künstlerische Differenziertheit auf den unterschiedlichsten Gebieten geehrt. 1974 gab er den Rektorstuhl der Universität Dundee an den britischen Autoren und Politiker Clement Freud ab. Ab Mitte der 1970er Jahre konzentrierte er sich auch wieder auf seine Arbeit als Filmschauspieler und trat u. a. 1976 neben Michael York und Jenny Agutter als „Alter Mann“ in dem Science-Fiction-Film „Flucht ins 23. Jahrhundert“ auf.

1977 erschien Ustinovs Autobiographie „Ach du meine Güte! Unordentliche Memoiren“ (engl. Dear Me!), in der er sich auch seiner Anfangsjahre in Hollywood zurückerinnert und die Zusammenarbeit mit anderen Filmkollegen aufarbeitet. Für dieses Buch, das in der deutschen Neuauflage von 1990 unter dem Titel „Ich und ich“ erschien, erhielt Ustinov den französischen Literaturpreis Prix de la Butte.

Großer Beliebtheit erfreute sich Ustinov mit seiner Verkörperung des Meisterdetektivs Hercule Poirot nach der Vorlage Agatha Christies. 1978 kam der starbesetzte Film „Tod auf dem Nil“ in die Kinos; obwohl sich Ustinovs Darstellung im Gegensatz zu der Albert Finneys in „Mord im Orientexpress“ (1974) mehr und mehr an seiner eigenen Person orientierte, brachte das breite Kinopublikum meist ihn zuerst mit dieser Rolle in Verbindung. 1979 wurde der Film mit dem Oscar für die Besten Kostüme ausgezeichnet und Ustinov selbst für einen BAFTA Award als Bester Hauptdarsteller nominiert. Er verkörperte Poirot bis in die 1980er Jahre in zwei weiteren Kinofilmen („Das Böse unter der Sonne“, „Rendezvous mit einer Leiche“) und drei zusätzlichen Fernsehproduktionen („Mord à la Carte“, „Tödliche Parties“, „Mord mit verteilten Rollen“), bei denen jeweils ein Ensemble namhafter Schauspieler mitwirkte.

Peter Ustinov wandte sich auch der Aufarbeitung seiner eigenen Wurzeln zu und produzierte deswegen für das Fernsehen die Dokumentation „Ustinovs Russland“; dazu erschien 1988 eine gleichnamige Sachabhandlung. 1984 wollte er innerhalb seiner Fernsehreihe „Ustinov's People“ Indira Gandhi interviewen, doch kurz davor kam es zu deren Ermordung. Ustinov selbst konnte währenddessen nur Lärm hören, daraufhin die Lage nicht richtig deuten und versuchte die Fernsehzuschauer zu beruhigen. Kurz danach sprach er in die Live-Kamera: „Ich muss gestehen: Als ich eben sagte, es sei nichts Ernstes geschehen, habe ich mir selbst nicht geglaubt. Auf Indira Gandhi ist soeben geschossen worden. Die Wächter stehen nicht mehr in den Winkeln. Aber die Vögel sind noch in den Bäumen.“ Als Roger Willemsen diesen Satz später in dem Nachruf „Der Findling“ zu Ustinovs Lebenswerk als Einleitung wählte, ehrte er ihn für seine Literarizität und sein Pathos.

1989 spielte Ustinov den Mirabeau in dem zweiteiligen Kinofilm „Die Französische Revolution“ und im gleichen Jahr den Detektiv Fix in der Fernsehverfilmung von Jules Vernes' „In 80 Tagen um die Welt“.

1990 wurde Peter Ustinov von Queen Elisabeth II. zum Knight Bachelor ernannt und konnte seitdem das Adelsprädikat „Sir“ anführen. Zwei Jahre später übernahm er das Amt des Kanzlers der nordenglischen Universität Durham. Durham Castle ist das bis heute älteste bewohnte Universitätsgebäude der Welt. In Durham wurde auch ein College nach ihm benannt.

Auch in den 1990er Jahren war Ustinov weiterhin als Schauspieler und Schriftsteller tätig. 1992 trat er in der Rolle eines Professors neben Nick Nolte und Susan Sarandon in dem Filmdrama „Lorenzos Öl“ auf, 1999 in einer Gastrolle als Chris O'Donnells Film-Großvater in „Der Junggeselle“. Außerdem spielte er in mehreren Fernsehfilmen mit, u. a. „Alice im Wunderland“, „Deutschlandspiel“ und „The Salem Witch Trials“. Im Fernsehen präsentierte Ustinov Dokumentationen und Veranstaltungen, zuletzt im Jahr 2003 das „Schleswig-Holstein-Musikfestival“. 2003 eröffnete er außerdem als Schirmherr die zweite Ausstellung der United Buddy Bears in Berlin.

1990 erschien Ustinovs Roman „Der alte Mann und Mr. Smith“, 1998 gefolgt von „Monsieur René“. In seinen Büchern und Erzählungen setzte er sich nicht nur mehr mit der Zeitsatire auseinander, sondern griff auch Themen wie Humor, Lebensweisheiten und Kommunikationsschwierigkeiten auf. Letzteres trage seiner Meinung nach zur fehlenden Völkerverständigung bei und resultiere vor allem aus Vorurteilen. Aus diesem Grund intensivierte Ustinov sein Forschungsfeld mit dem Augenmerk auf der Bekämpfung von solchen Vorurteilen. Dies verarbeitete er in dem 2003 erschienenen, vielbeachteten Band „Achtung! Vorurteile“. 1999 gründete er die internationale Sir-Peter-Ustinov-Stiftung und am 11. August 2003, gemeinsam mit der Stadt Wien, das Sir-Peter-Ustinov-Institut, eine Einrichtung, die sich verstärkt mit der Erforschung von Vorurteilen auseinandersetzt; im Jahr 2004 wurde die Stiftungsprofessur mit dem Psychologen Horst-Eberhard Richter zum ersten Mal besetzt. Ustinov selbst hatte in Wien ebenfalls noch Vorträge gehalten.

Auch noch im Alter sagte er laut seine Meinung zu politischen Fragen, zuletzt im März 2004 als Mitaufrufer zum Ostermarsch der Friedensbewegung im deutschen Ramstein, das einen US-amerikanischen Militärstützpunkt mit vielen atomaren Sprengköpfen beherbergt. Für sein soziales Engagement war Ustinov 1998 von Bundespräsident Roman Herzog mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden. Außerdem erhielt er seit den 1980er Jahren bereits auf der ganzen Welt Auszeichnungen für sein Lebenswerk.

2003 spielte Ustinov seine letzten beiden Rollen in „Luther“ und dem Fernsehfilm „Wintersonne“ nach Rosamunde Pilcher. Seit einigen Jahren war er schwer an Diabetes und Ischialgie erkrankt; zur Premiere des Films „Luther“ war er bereits auf einen Rollstuhl angewiesen.

Sir Peter Ustinov starb am 28. März 2004 im Alter von 82 Jahren in einer Privatklinik in Genolier bei Genf an Herzversagen. Auf die Frage, was auf seinem Grabstein stehen solle, hatte Ustinov - stets humorvoll - geantwortet: „Bitte nicht auf den Rasen treten“. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Bursins in der Schweiz.

Peter Ustinov wird von der großen Masse meist mit seinen Rollen als Kaiser Nero oder Hercule Poirot im Sinne eines Schauspielers assoziiert. Seit den letzten Jahren weisen seine Kritiker jedoch auf Ustinovs teilweise unvorstellbar großes künstlerisches Spektrum hin: Er betätigte sich in den Bereichen Film, Fernsehen, Theater, Literatur, Musik und Kunst und darüber hinaus als selbsternannter Erforscher und Bekämpfer von Vorurteilen in der Ethik und Sozialphilosophie. Internationale Anerkennung gewann er vor allem durch sein soziales Engagement für das UN-Kinderhilfswerk UNICEF und seine Bemühungen um die weltweite Völkerverständigung.

Viele Ereignisse und Begegnungen mit anderen Persönlichkeiten nahm Ustinov in seinen ungemein großen Anekdotenschatz auf und verarbeitete diese auch in Erzählungen und Romanen. Er beobachtete die Gesellschaft humorvoll, aber nie niveaulos, und bildete so die Grundlage für zahlreiche seiner zeitsatirischen Theaterstücke und Bücher. Ustinov war zudem im Laufe der Jahre auch als seriöser Journalist und Kolumnist für den Rundfunk, Magazine, Zeitschriften, eigene Fernsehproduktionen und Dokumentationen tätig. Als vielseitiger Erzähler und Kabarettist war Ustinov ein gern gesehener Gast in unzähligen Talkshows und ebenso beliebter Moderator kultureller Veranstaltungen (u. a. zugunsten von UNICEF) oder eigener Shows (z. B. „Ein Abend mit Peter Ustinov“).

Als großer Kenner klassischer Musik inszenierte er Opern, beispielsweise Mozarts „Don Giovanni“ oder „Die Zauberflöte“; außerdem verfasste er humoristische Begleittexte für musikalische Werke wie z. B. Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“. Ustinov war ein begabter Imitator von Geräuschen, (Tier-)stimmen und Instrumenten und konnte darüber hinaus durch sein linguales Talent auch die Akzente mehrerer Sprachen nachahmen. Insgesamt hatte er acht Sprachen gelernt, sechs davon konnte er fließend sprechen.

Peter Ustinov war auch ein Kunst- und Kulturliebhaber und machte sich als solcher u. a. mit eigenen Bühnenbildern und Karikaturen einen Namen. Ab 1989 gehörte er als Nachfolger Orson Welles' der Pariser Akademie der Schönen Künste an und war zudem Ehrendoktor zahlreicher Institute und Universitäten in Amerika, Europa und Asien. Auch öffentliche Ämter bekleidete er: Etwa als Leiter zweier britischer Universitäten und Vorsitzender des World Federalist Movement.

Aufgrund seiner vielseitigen Interessen und Talente wurde und wird Ustinov heute noch als einzigartiges Universalgenie, Weltbürger oder Kosmopolit bezeichnet, der sein Können auf den unterschiedlichsten Gebieten zeigte.

Die Münchener Boulevardzeitung „tz“ meinte im Nachruf: Am stärksten wird uns das Lächeln im Gedächtnis bleiben. Dieser kleine, listige Gesichtsausdruck, bei dem die Augen immer ein bisschen mehr zu wissen schienen, als der Mund grade sagte. Es war wohl dieser leise, niemals polternde Humor, den die Menschen so geliebt haben am großen Sir Peter Ustinov. Nur nichts allzu ernst nehmen, strahlte er aus... Hat die Zuneigung, die ihm überall entgegenschlug, in Hilfe für andere umgemünzt.

Die FAZ schrieb am 30. März 2004: Er... war einer der raren Allrounder mit europäischer Basis und Hollywood-Überbau: ein an Leibes- und Pointen- und Witzumfang stets zunehmendes Multi-Talent...

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Kindersterblichkeit

Kindersterblichkeitsrate (Tode pro 1000 Geburten)

Mit der Kindersterblichkeit erfasst man den Anteil der Kinder, die im Zeitraum von der Geburt bis zum fünften Lebensjahr sterben, bezogen auf 1000 Lebendgeburten. Die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr bezeichnet man als Säuglingssterblichkeit. Laut UNICEF ist die Hauptursache für Kindersterblichkeit Mangelernährung.

In Deutschland betrug die Kindersterblichkeit 2006 3,8 pro 1000 Lebendgeburten in Österreich 3,6 pro 1000 Lebendgeburten. Für die Schweiz wird die Zahl für 2008 auf etwa 4 geschätzt.

Perinatale Komplikationen sind Hauptursache für die Kindersterblichkeit die vor allem in Entwicklungsländern über 50 Prozent im Zusammenhang mit Mangelernährung steht.In Subsahara-Afrika sind auch Malaria und Aids für einen großen Teil der Kindersterblichkeit verantwortlich.

Die Verringerung der weltweiten Kindersterblichkeit um zwei Drittel gegenüber 1990 ist eines der UN-Millenniumsziele.

Nach Angaben der UNICEF starben 1990 12,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren, 2006 waren es 9,7 Millionen, 2007 9,2 Millionen, was einem Rückgang von 27 % entspricht. Davon starben 2006 4,8 Millionen in Afrika südlich der Sahara, 3,1 Millionen in Südasien. In Lateinarmerika, Osteuropa und Ostasien betrug die Sterblichkeit 1990 55 Todesfälle pro 1.000 Geburten, 2006 waren es 27. Auch innerhalb der Länder sind zum Teil große Unterschiede in der Kindersterblichkeit messbar. Neben Unterschieden in der geographischen Verteilung sind Kinder aus ärmeren Haushalten signifikant stärker gefährdet als Kinder aus reichen. In den Industrieländern sterben etwa 0,7 Prozent der Neugeborenen vor ihrem fünften Geburtstag.

1870 starben in Deutschland fast 250 von 1.000 Kindern. Dabei gab es starke regionale Unterschiede. So lag, im 19. Jahrhundert, die Sterblichkeit in der Donauregion bei etwa 35 Prozent, in Südbaden, der Rheinebene und Nord- Württemberg bei unter 20 Prozent. Zu beachten ist bei diesen Zahlen auch, dass die statistische Erfassung ungenau ist. So war etwa der Erfassungszeitraum nicht immer bis zum 5. Lebensjahr definiert, oder aus religiösen Gründen wurden tot geborene Kinder als nachgeburtliche Sterbefälle deklariert.

Häufigste Todesursache war dabei Durchfall, wobei vor allem Kinder gefährdet waren, die nicht gestillt wurden. Ärmere Gesellschaftsschichten hatten dabei eine höhere Sterblichkeit als reiche.

Die Kindersterblichkeit in Deutschland sank bis 1910 auf etwa 160, 1930 auf unter 100 und 1970 auf etwa 25. Ursache für den Rückgang waren der wachsende Wohlstand, konsequentes Stillen sowie beratende, soziale und hygienische Maßnahmen und auch die Kinderheilkunde. Der Rückgang ab 1970 ist zu einem großen Teil auf eine Weiterentwicklung der Geburts- und Perinatalmedizin zurückzuführen.

In Deutschland gibt es regionale Unterschiede bei der Säuglingssterblichkeit. 2004 starben in Nordrhein-Westfalen 5 Kinder pro 1000 Geburten, wobei im Bundesland selbst eine Ungleichverteilung von 3,3 im Rhein-Sieg-Kreis bis 8,7 in Gelsenkirchen zu verzeichnen war. Auch gab es Unterschiede nach der Staatsangehörigkeit. So starben in Nordrhein-Westfalen 4,6 Kinder pro 1000 Geburten von Eltern deutscher Staatsangehörigkeit, aber 11,1 von Eltern mit ausländischer Staatsangehörigkeit. In Baden-Württemberg und Bayern betrug die Sterblichkeit 3,4.

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Source : Wikipedia