Traditionen

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Geschrieben von daneel 10/03/2009 @ 03:11

Tags : traditionen, gesellschaft

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Zwölf Traditionen

Die Zwölf Traditionen der Anonymen Alkoholiker (AA) definieren das Verhältnis einer AA-Gruppe zu deren Mitgliedern, anderen Gruppen, AA als Ganzem und der Gesellschaft. Gemeinsam mit den Zwölf Schritten bilden sie das ethische Programm der Anonymen Alkoholiker.

Als Hilfe für den persönlichen Fortschritt „Ziel ist Genesung“ stehen die Zwölf Schritte, für organisatorische Fragen in den Gruppen „Ziel ist Einigkeit“ sind die Zwölf Traditionen maßgeblich und für die Organisation der verschiedenen Dienste in AA „Ziel ist Dienst“ bilden die 12 Dienstgrundsätze dazu Hinweise.

Zum Schutz der einzelnen Mitglieder und der Gemeinschaft werden die Mitglieder außerdem dazu angehalten, ihre Teilnahme und die Teilnahme anderer nicht in der Öffentlichkeit zu offenbaren.

Nach Ansicht der meisten AA-Mitglieder ist die Einhaltung dieser „Traditionen“ die Voraussetzung dafür, dass die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker weiter besteht und wächst.

Laut dem Verfasser der Zwölf Traditionen, Bill Wilson, sind diese Grundsätze entstanden als Essenz der Erfahrungen der verschiedenen AA-Gruppen in Nordamerika während des ersten Jahrzehnts (1935–1945) der schnell wachsenden Bewegung.

Die Zwölf Traditionen wurden ab 1946 in einer Serie von Artikeln in Grapevine (der amerikanischen AA-Mitgliederzeitschrift) veröffentlicht und stießen zunächst in verschiedenen Gruppen in den USA auch auf Widerstände. Im Juli 1950 wurden sie schließlich auf dem ersten Weltkongress der AA in Cleveland (Ohio) von den gewählten Vertretern der AA-Gruppen als Leitprinzipien der AA beschlossen. Seitdem wurde ihr Wortlaut von den Anonymen Alkoholikern nicht mehr geändert.

Die meisten Zwölf-Schritte-Programme, welche die Zwölf Schritte von den Anonymen Alkoholikern entlehnt haben, haben auch die Zwölf Traditionen fast wörtlich von den AA übernommen.

Es ist behauptet worden, dass diese Grundsätze stark an die nicht-hierarchischen Beziehungen erinnern, welche Anarchisten vor allem seit dem 19. Jahrhundert gefordert haben. Beiläufig erwähnt Wilson diese philosophische Schule in einem seiner Artikel über die Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen (1953) sowie in dem Buch AA wird mündig (1957, deutsch 1990, hier insbesondere Peter Kropotkin).

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Couleur

Voll entwickeltes Tübinger Couleur 1831: Fechtszene mit dem Corps Franconia Tübingen in moosgrün-rosa auf Gold (links) und dem Corps Suevia Tübingen in schwarz-weiß-rot auf Silber (rechts)

Couleur (franz. „Farbe“) ist die Bezeichnung für die Gesamtheit aller Kleidungs- und Schmuckstücke sowie aller Accessoires und Gebrauchsgegenstände, auf denen oder mit denen die Mitglieder farbentragender bzw. farbenführender Studentenverbindungen und Schülerverbindungen ihre als Identitätssymbol festgelegte Kombination von Farben zeigen. Ein Teil dieser Kleidungsstücke und Accessoires dient dazu, die Mitgliedschaft in der Verbindung zum Ausdruck zu bringen. Der Begriff Couleur wird auch zur Bezeichnung dieser Farbkombination im abstrakten Sinne verwendet. Wichtigste Bestandteile des Couleurs eines farbentragenden Verbindungsstudenten sind das um die Brust getragene Band und die Mütze, die als „Mitgliedsabzeichen“ einer Studentenverbindung die größte Bedeutung haben. Des Weiteren tragen viele Verbindungsstudenten am Gürtel einen Zipfelbund, an dem mindestens ein so genannter „Zipfel“ oder „Zipf“ hängt, kleine Stückchen farbigen Bandes, deren Enden in Metall gefasst sind.

Couleur – inklusive der Vorgängerphänomene – war im Laufe der Zeiten immer ein Ausdruck von Loyalität, Zugehörigkeit und Identität, aber auch von Rivalität und Distanzierung. Dementsprechend war in verschiedenen Phasen der Geschichte das Verhältnis von Trägern unterschiedlichen Couleurs, aber auch das Verhältnis von Couleurträgern zu Nicht-Couleurträgern stark emotional aufgeladen, was sich im gesellschaftlichen und politischen Bereich bis heute auswirkt. Autoritäre staatliche Regime gleich welcher politischen Ausrichtung haben das Tragen von Couleur immer wieder verboten. Auch innerhalb der Studentenschaft gab es regelmäßig Bewegungen, die sich gegen das Tragen von Couleur richteten.

Studentische Farben trugen im 19. Jahrhundert auch zur Entstehung von Nationalflaggen bei, so zum Beispiel in Deutschland und Estland .

Im abstrakten Sinne besteht das Couleur einer Verbindung aus einer Kombination von meist drei Farben mit festgelegter Reihenfolge. Es gibt aber auch zumeist sehr alte Corps mit nur zwei Farben. Vier und fünf Farben werden auch verwendet, sind aber meist sekundär aus Zusammenschlüssen von Verbindungen mit unterschiedlichem Couleur entstanden, die sich auf eine Farbfolge festlegen mussten.

Die Farben verlaufen immer quer, haben (zumindest anfänglich) immer die gleiche Breite und weisen keine Musterung oder zweidimensionale Gestaltung in irgendeiner Form auf, wie es Farbfelder in der Heraldik oder der Flaggen in der Vexillologie haben können. Entgegen der Grundregel, dass alle Farbstreifen die gleiche Breite haben sollen, kommt es aber auch vor (auch hier vor allem bei Zusammenschlüssen von Verbindungen), dass zwei Hauptfarben von zwei schmaleren Streifen in einer dritten Farbe umgeben sind nach dem Muster „rot-grün auf weißem Grund“.

Wie auch bei Nationalflaggen haben die Farben eine relevante Reihenfolge, sie können also nicht willkürlich kombiniert werden. Genannt werden sie dabei von oben nach unten. Ausnahmen sind die Universitätsstädte Jena und Halle, deren Verbindungen ihre Farben zum Teil von unten nach oben lesen. Desgleichen tun auch noch einzelne Corps in Deutschland, zum Beispiel in Heidelberg und Freiburg im Breisgau. Die Farben stammen im wesentlichen aus dem Repertoire der Heraldik, am verbreitetsten sind schwarz, blau, rot, grün, aber auch weiß und gelb sowie gold und silber. Verwendet werden ebenfalls die selteneren Farben violett, rosa und orange sowie (ganz selten) grau und braun.

Im Gegensatz zur Farbenlehre der Heraldik sind weiß und silber, aber auch gelb und gold jeweils verschiedene Farben. Dabei fällt auf, dass gold vergleichsweise häufig ist, silber aber selten. Gold und silber werden auch nicht miteinander kombiniert.

Ein weiterer Unterschied zur Heraldik besteht in den Nuancierungen der Farben blau, rot und grün. Dunkelblau ist etwas anderes als blau, hellrot anders als rot. Unterschiedliche Nuancierungen derselben Farbe können auch unmittelbar aufeinander folgen, so ist zum Beispiel auch die Kombination „dunkelblau-hellblau-weiß“ möglich. Bei den Nuancierungen wird meist großes Gewicht auf Mustertreue gelegt, das heißt, dass die überlieferte Farbabstufung akribisch genau eingehalten wird, besonders bei der Fertigung der Bänder. Dies führt vielfach zu metaphorischen Farbbezeichnungen, wie „alpenrosenrot“, „moosgrün“ oder „ätherblau“. Die (Metall-)Farben gold, gelb, silber und weiß sowie schwarz weisen keine Nuancierungen auf. Ebenso die Mischfarben violett und orange.

Die Farben symbolisieren eine bestimmte Verbindung an einem bestimmten Ort beziehungsweise die Zugehörigkeit ihres Trägers zu einer bestimmten Verbindung. Da manche Farbkombinationen häufig sind, gibt es auch Verbindungen, deren Farben sich gleichen, was aber für das Verhältnis der Verbindungen zueinander keine Bedeutung haben muss. Um Verwechslungen möglichst auszuschließen, werden jedoch gleiche Farbkombinationen am selben Hochschulort meist vermieden. Verstöße gegen diese Maxime gab es vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Verbindungen aus östlichen Hochschulorten in den Westen verlegten und dort auf Verbindungen mit gleichen Farben trafen. In Städten mit sehr vielen Verbindungen verschiedener Typen kommen Farbgleichheiten naturgemäß auch sonst vor, nicht zuletzt zwischen Hoch- und Mittelschulverbindungen.

Es gibt auch Dachverbände von Studentenverbindungen, die Farben haben, was unterschiedliche Gründe und Auswirkungen haben kann. Am bekanntesten sind die Burschenschafterfarben Schwarz-Rot-Gold, die von mehreren burschenschaftlichen Dachverbänden geführt werden, die sich auf die Urburschenschaft in Jena von 1815 zurückführen. Diese Bewegung breitete sich von Jena deutschlandweit aus und trug die Farben in viele Universitäten. Da sich die burschenschaftliche Bewegung schnell zersplitterte und bald mehrere Burschenschaften pro Universität existierten, tragen nicht alle Burschenschaften diese Farben. Auch gibt es unterschiedliche Kombinationen und Reihenfolgen (schwarz-gold-rot, schwarz-rot auf Gold etc.). Die weite Verbreitung, die große Popularität und die politische Bedeutung haben dafür gesorgt, dass diese Farben heute die deutsche Nationalflagge bilden.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts formierten sich die ersten christlichen Verbindungen, die oftmals in anderen Städten Tochterverbindungen mit den gleichen oder ähnlichen Farben gründeten. Daraus entstanden Dachverbände mit mehr oder weniger einheitlichem Couleur wie der Wingolfsbund (schwarz-weiß-gold) oder der Unitas-Verband (blau-weiß-gold). Die Farben sind dabei sowohl die Farben des Dachverbandes, als auch das Couleur der weitaus meisten Mitgliedsverbindungen. Dies ist möglich, weil diese Dachverbände nur eine Mitgliedsverbindung pro Universitätsstadt zulassen. Ähnliches gilt für den Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt) mit seinen Farben Schwarz-Weiß-Rot, der diese Farbkombination in den 1880er Jahren aus Begeisterung für den kurz zuvor gegründeten deutschen Nationalstaat wählte.

Eine Farbkombination führt auch der Coburger Convent (weiß-grün-rot-weiß), der Dachverband der pflichtschlagenden Landsmannschaften und Turnerschaften. Diese Farben werden dort aber von keiner Einzelverbindung getragen und treten auch nicht in Form von Band und Mütze auf. Insofern andere Verbindungen diese Farben tragen, besteht kein Zusammenhang.

Konkrete Realisierung findet Couleur in zahlreichen Kleidungsbestandteilen und Gegenständen. Wichtigstes Couleurelement ist für die meisten Verbindungen das Couleurband, das „Mitgliedsabzeichen“ der farbentragenden Verbindungen.

Es handelt sich dabei um ein meist 27 Millimeter breites Seidengewebe (das so genannte Bierband), das über die rechte Schulter gelegt und unter der linken Achsel ungefähr in Höhe des Bauchnabels von einem Bandknopf zusammengehalten wird. Das Band wird unter dem Jackett, aber über Hemd, Krawatte und Weste getragen. Bei Frack oder Smoking wird oftmals ein schmaleres Band (etwa 14 Millimeter), das so genannte Weinband quer über die Brust getragen. Es gibt vereinzelt auch (teilweise sehr alte) Verbindungen, deren Band bis zu 36 Millimetern Breite aufweist.

Wenn ein Student in zwei oder mehreren Verbindungen Mitglied ist, trägt er auch mehrere Bänder, und zwar üblicherweise alle gleichzeitig. Dabei wird sinnvollerweise darauf geachtet, dass die später erworbenen Bänder länger geschnitten sind, damit sie tiefer hängen und die Farben aller Bänder zu sehen sind.

Die Bänder von Schülerverbindungen werden üblicherweise nicht zusammen mit den Bändern von Studentenverbindungen getragen.

An den Rändern ist das Band entweder mit silbernen oder goldenen Metallfäden vernäht, der so genannten Perkussion. Das Metall der Perkussion wird heute oft zur genaueren Unterscheidung zu den Couleurfarben dazugerechnet. Man spricht von „Farbe1-Farbe2-Farbe3 mit silberner (oder goldener) Perkussion“. Ist die Perkussion breiter als normal, so redet man von einem Vorstoß, einer Besonderheit, die vor allem in Österreich vorkommt. Das Metall der Perkussion dient auch als Richtschnur für die (goldene oder silberne) Gestaltung aller anderen Metallelemente des Couleurs einer Verbindung, wie zum Beispiel Metallstickereien auf Band und Tönnchen oder Metalleinfassungen von Zipfeln.

Es gibt auch einige Verbindungen, die andere Perkussionsfarben als Gold und Silber haben. Dies kommt in Deutschland seltener vor als in Österreich; hier ist es auch möglich, dass die Perkussionsfarben auf der oberen und der unteren Seite des Bandes verschieden sind. Bei besonderen Ereignissen oder als Erkennungszeichen einer besonderen Ehrung (zum Beispiel Ernennung zum Ehrenmitglied) werden bei manchen Verbindungen Bänder in der Perkussionsfarbe bestickt – meistens mit dem Wappenspruch der Verbindung.

Für die Füchse (andere Schreibweise „Füxe“), die Neumitglieder einer Verbindung, die noch nicht alle Rechte und Pflichten eines Vollmitgliedes haben, wurden im Laufe der Zeit Bänder mit spezieller Farbgestaltung entwickelt. Fuchsenbänder unterscheiden sich von den Bändern für Burschen (oder Corpsburschen), den Vollmitgliedern. Sie sind meist um eine Farbe reduziert, haben also oft nur zwei Farbstreifen oder wiederholen eine der beiden Farben (zum Beispiel nach dem Muster „Farbe1-Farbe2-Farbe1“). Verbindungen mit zweifarbigem Band setzen im Fuchsenband eine dritte Farbe hinzu, verdoppeln eine der beiden Farben oder ersetzen eine Farbe durch weiß etc.

Der Fuchsmajor, ein Vollmitglied, das für die Betreuung und Ausbildung der Füchse zuständig ist, trägt bei vielen Verbänden das Fuchsenband über Kreuz mit seinem Burschenband.

Bandknöpfe dienen als zierende Verknüpfung der Bandenden. Sie sind entweder aus Metall (in Perkussionsfarbe) oder aus Keramik gefertigt mit einem vorne eingravierten Zirkel oder zeigen ein Wappenschild mit den Couleurfarben. In vielen Verbindungen erhält der Student seinen Bandknopf nach Ende seiner Fuchsenzeit von seinem Leibburschen geschenkt. Auf der Rückseite oder am Rand der Vorderseite ist eine entsprechende Widmung eingraviert.

Quer durch alle Verbände gibt es bei vielen Korporationen die Einrichtung des „Schleifenträgers“, manchmal auch „Conkneipant“ genannt, oder in Kösener und Weinheimer Corps „IdC“ (Inhaber der Corpsschleife). Die Schleife ist ein Stück dreifarbiges Weinband, das entsprechend gebunden am Revers des Jacketts getragen wird. Die Schleife wird solchen Mitgliedern verliehen, die aus wichtigen Gründen nicht alle Verpflichtungen erfüllen können, die die Verbindung von einem Bandträger verlangt (z. B. aus medizinischen Gründen das Fechten bei schlagenden Verbindungen). Bei einigen Studentenverbindungen kann die Bandschleife der Ehefrau oder der Verlobten eines Korporierten verliehen werden.

Bei manchen Verbindungen werden Traditionsbänder getragen, das sind zusätzlich zum eigenen Band getragene Bänder mit Farben, die früher eine besondere Bedeutung hatten und heute nicht in Vergessenheit geraten sollen. Das können die Farben einer aufgelösten, befreundeten Verbindung sein oder frühere Farben der eigenen Verbindung. Traditionsbänder werden häufig nur von den Chargierten oder sogar nur vom ersten Chargierten der jeweiligen Verbindung getragen.

Traditionellerweise wird die Mütze als zweitwichtigstes Element des Couleurs einer Studentenverbindung angesehen. Die Kombination Band und Mütze wird auch als „Vollcouleur“ bezeichnet (Siehe auch: Studentenmütze). Da man nur eine Kopfbedeckung gleichzeitig tragen kann, gibt es Regeln für Studenten, die in zwei oder mehr Verbindungen Mitglied sind; diese sind jedoch je nach Verband verschieden.

Die Grundstruktur der Mützen ist im Prinzip bei allen Verbindungen gleich. Sie bestehen aus einem Kopfteil, an dessen unterem Rand ein Farbstreifen angebracht ist. Dazu kommt ein Schirm aus schwarzem Leder. Die Form vor allem des Kopfteils kann jedoch sehr stark variieren. Es gibt sehr große Mützen, bei denen der obere Rand des Kopfteils einen deutlich größeren Durchmesser hat als der Kopfumfang (Tellermütze). Der „Bonner Teller“ ist oben durch einen eingearbeiteten Metallring versteift (vergleichbar mit den Mützen der Polizei), sodass er sich nicht zusammendrücken und etwa in der Manteltasche transportieren lässt. Bei manchen besonders großen Variationen kann der Kopfteil sogar in Form eines Baretts zu einer Seite herunterhängen. Auf der anderen Seite gibt es sehr kleine Mützen, die mehr auf dem Kopf aufliegen, als um ihn herum führen. Sie werden meist auf der hinteren Kopfseite getragen (Hinterhauptcouleur).

Typisch für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist eine Mützenform, die sich durch einen kleinen Kopfteil und einen besonders langen, nach vorn ragenden Schirm auszeichnet. Man spricht hier auch von der Biedermeiermütze. Die Mützenformen sind meist für eine Verbindung spezifisch, können also nicht individuell gewählt werden. Bei baltisch-deutschen Verbindungen heißt die Mütze „Deckel“ und ist mit dem Baltenstern bestickt. Eine weitere Sonderform ist die Kranzmütze.

Der Kopfteil der Mütze ist grundsätzlich einfarbig in der „Hauptfarbe“ des Bandes. Das ist meistens die erste Farbe in der Aufzählung, aber nicht immer. Manchmal kann die Mütze auch in einer Farbe gehalten sein, die überhaupt nicht im Band vorkommt. Das ist bisweilen in Österreich üblich oder bei Fusionen von Verbindungen, wobei die eine Verbindung den Farbstreifen beiträgt, die andere die Mützenfarbe.

Der Farbstreifen, der am unteren Rand der Mütze umläuft, ist meistens analog zum Band (oft auch inklusive Perkussion) gestaltet. Wenn die Mütze die erste (obere) Farbe des Bandes aufweist, kann es sein, dass der Farbstreifen nur die beiden unteren Farben zeigt. Eine Spezialität ist der so genannte „Göttinger Streifen“ (auch „Göttinger Couleur“), der auch außerhalb Göttingens vorkommt. Die Mütze ist dabei in der ersten Farbe gehalten. Der umlaufende Farbstreifen zeigt die dritte Farbe, umgeben von zwei schmalen Rändern in der zweiten Farbe. Es gilt die Faustregel: „Die zweite Farbe schließt die dritte ein“.

Bei vielen Verbindungen tragen die Füchse eine farblich anders gestaltete Mütze. So kann der umlaufende Farbstreifen die Farben des Fuchsenbandes zeigen. Oder die Fuchsenmütze weist besondere Merkmale, zum Beispiel eine zusätzliche Litze, auf. Bei baltischen Verbindungen tragen die Füchse einen schwarzen „Deckel“ ohne jegliche Farben.

Manche Verbindungen haben als offizielle Kopfbedeckung den so genannten Stürmer. Diese Mützenform sieht aus wie eine Mütze mit einem zylinderartigen Aufsatz, der nach vorn umgeklappt ist. Ähnlichkeiten bestehen mit den Uniformmützen der Mannschaften und Unteroffiziere im amerikanischen Sezessionskrieg und mit dem französischen Képi.

Stürmer haben auch einen schwarzen Schirm, über dem Schirm verläuft ein Riemen. Anstelle eines umlaufenden Farbstreifens gibt es Verzierungen mit Kordeln in den Couleurfarben, vor allem an der Rückseite. Die meisten, aber nicht alle Stürmer sind weiß. Manche Verbindungen tragen ihre Stürmer auch nur im Sommersemester, im Winter tragen sie eine reguläre Mütze. Die Herkunft dieser Kopfbedeckung ist weitgehend unklar, Studentenhistoriker vermuten, dass sie in den 1840er Jahren in Bonn entstanden ist. Manche behaupten, sie gehe auf polnische Reitermützen aus der Zeit des Polenaufstandes 1830 zurück (siehe auch: Konfederatka).

Eine Kopfbedeckung für mehr inoffizielle Anlässe ist das so genannte „Tönnchen“ (eigentlich „Biertonne“). Dabei handelt es sich um eine kleine, kreisförmige, flache Kopfbedeckung ohne Schirm, die vorzugsweise am Hinterkopf getragen wird. Das Tönnchen ist bei allen Verbindungen von der Form her praktisch gleich. Die Mitte ist in der Mützenfarbe gestaltet und kann mit dem Zirkel der Verbindung in der Farbe der Perkussion (gold oder silber) bestickt sein. Außen laufen die Farben des Bandes als vergleichsweise breiter Streifen um – oben und unten mit einer Litze in Perkussionsfarbe. Vereinzelt gibt es auch Tönnchen mit Pelzbesatz.

In der Version als „Prunktönnchen“ (auch „Straßencerevis“ genannt), die bei vielen Verbindungen aus den unterschiedlichsten Gründen getragen wird, ist das ganze Tönnchen mit umfangreichen Metallstickereien versehen – bei Corps zum Beispiel in der Form von Weinlaub, Burschenschaften tragen Eichenlaub.

Der Zipfel (in einigen Regionen auch Zipf genannt) ist ein Schmuckanhänger aus zwei übereinander gelegten, unterschiedlich langen Stücken in Metall gefassten Couleurbands und einem aufgezogenen Metallschieber. Der Schieber ist auf der Vorderseite mit Wappen und/oder Zirkel versehen und auf der Rückseite mit einer Widmung. An der oberen Metallfassung befindet sich ein Kettchen mit einem Karabinerhaken, mit dem der Zipfel am Zipfelhalter befestigt wird. Der Zipfelhalter wiederum wird mit einem Clip am Hosenbund oder an der Westentasche getragen.

Zipfel werden von Verbindungsstudenten an andere Verbindungsstudenten verschenkt, mit denen sie ein besonderes Freundschaftsverhältnis verbindet. In den weitaus meisten Fällen beruht die Schenkung auf Gegenseitigkeit, man spricht vom „Zipfeltausch“. Ein Anlass kann der Abschluss eines sogenannten Leibverhältnisses sein, also eines engeren Verhältnisses eines jüngeren („Leibfuchs“) zu einem etwas älteren Studenten („Leibbursch“), der ersterem als eine Art Mentor während seiner ersten Semester dient. Verbreitet ist auch die Sitte, Zipfel anlässlich einer Mensur, dem akademischen Fechten mit scharfen Waffen, zu tauschen. Dabei tauschen die beiden „Gegenpaukanten“. Manchmal ist der Grund auch nur gegenseitige Sympathie oder ein besonderes gemeinsames Erlebnis. Der mit einem Zipfel Beschenkte ist meist ebenfalls ein Verbindungsstudent, er kann derselben oder aber auch einer anderen Verbindung angehören. Der Zipfel ist dabei in den Farben des Schenkenden (nicht des Empfängers) gehalten.

Von der Funktion her hat der Zipfel die Eintragung in das Stammbuch abgelöst, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Mode kam. Zur Herkunft des Zipfels gibt es unterschiedliche Darstellungen. Zum einen verwendeten nach den Karlsbader Beschlüssen und dem Verbot von Studentenverbindungen die Korporierten ein kurzes Stück ihres Burschenbandes („Das Band ist zerschnitten“), das sie in der Tasche trugen, als Erkennungsmerkmal. Zum anderen könnte der Zipfel zur Markierung des eigenen Bierkruges verwendet worden sein, auch unter dem Aspekt der Vermeidung von Infektionskrankheiten. Auch heutzutage wird der Zipfel in dieser Weise verwendet. Andere Quellen gehen davon aus, dass der Zipfel lediglich als Chatelaine zum Befestigen der Taschenuhr diente. Wahrscheinlich ist, dass alle drei Möglichkeiten Einfluss auf die Entstehung des Zipfel hatten.

Bei vielen Verbindungen ist der Zipfelbund ein Teil des Vollcouleurs. Bei nichtfarbentragenden Verbindungen, also Verbindungen, die nicht Band und Mütze tragen, ist der Zipfelbund oft das einzige Erkennungsmerkmal. Damen kann zu besonderen Anlässen von einer Verbindung für besondere Verdienste oder einem Partner ein Sektzipfel verliehen werden (Sektband ist etwa 7–9 mm breit). Schnapszipfel sind sehr selten, im Wingolfsbund werden sie z. B. nur unter leiblichen Brüdern, die beide Wingolfiten sind, getauscht (Schnapsband ist ca. 4 mm breit).

Bei offiziellen Veranstaltungen (nicht bei Damenveranstaltungen) tragen die aktiven Mitglieder vieler farbentragender Verbindungen so genannte Kneipjacken oder Pekeschen. Dabei handelt es sich um eine vorne mit Kordeln verschnürte Jacke aus Samt oder Filzstoff, die in der Farbe der Studentenmütze gehalten ist, alternativ auch in den Farben weiß oder schwarz. Weitere Kordeln, Paspeln oder Litzen in Couleurfarben finden sich am Kragen, an den Ärmeln und am Rücken. Gelegentlich gibt es auch für Chargierte zur Unterscheidung Kneipjacken in einer anderen Farbe. Das Band (oder die Bänder) wird – im Gegensatz zur Trageweise mit Anzug – über der Kneipjacke getragen, da die Kneipjacke bis zum Hals geschlossen ist und das Band sonst nicht zu sehen wäre. Einige Verbindungen tragen ihre Kneipjacken bei bestimmten Anlässen oder grundsätzlich offen. In diesen Fällen wird das Band unter der Jacke getragen. Historisch stammt die Kneipjacke aus Polen. Polnisch bekiesza bezeichnet einen mit Schnüren verschlossenen und mit Pelz besetzten Überrock, der von polnischen Freiheitskämpfern, die vor russischer Verfolgung geflohen waren, um 1830 nach Preußen eingeführt worden ist (Siehe auch: Novemberaufstand). Verschiedene studentische Kleidungsstücke dieser Zeit zeugen von einer Solidarität der deutschen akademischen Jugend mit osteuropäischen Freiheitsbewegungen. Bis heute erhalten hat sich die Kneipjacke.

Bei Verbindungen mit besonderer fachlicher Ausrichtung kann die Kneipjacke auch durch andere Traditionsbekleidung ersetzt werden. So tragen forstlich und jagdlich ausgerichtete Verbindungen oft eine Art Försterjacke in Grün, Verbindungen an ehemaligen Bergakademien gern den schwarzen Bergkittel, der dort hohe Popularität genießt und selbst als Abendgarderobe zugelassen ist.

Anlässe zum Tragen des Vollwichses sind feierliche Kommerse (zum Beispiel zu großen Stiftungsfesten oder Universitätsjubiläen) aber auch Hochzeiten, Totenehrungen und Beerdigungen. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war es teilweise üblich, dass die Chargierten im Vollwichs zu Pferde auftraten. Katholische Verbindungen tragen Vollwichs auch bei kirchlichen Feiern (Messen, Prozessionen, Begräbnissen etc.).

Vollwichs wird zum Teil sogar von ansonsten nicht farbentragenden Verbindungen zu Repräsentationszwecken angelegt. Teilweise verwenden diese Verbindungen bei derartigen Anlässen auch den Salonwichs. Dieser bildet eine weniger feierliche Form und besteht aus Schärpe, Cerevis, Handschuhen und Schläger. Der Salonwichs wird über einem Anzug getragen. Weiterhin wird der Salonwichs auch von verschiedenen Verbindungen beim Inoffiz von Kneipen verwendet.

Die in den entlegenen Universitäten Dorpat und Riga konservierte Tradition der Baltischen Corporationen kennt weder die Kneipjacke noch den Chargenwichs. Bei offiziellen Anlässen treten die Chargierten im Frack mit Schärpe und dem üblichen baltischen Deckel mit Baltenstern auf.

Besonders beliebte Gebrauchsgegenstände mit Couleur sind Bierkrüge und Weingläser sowie die im 19. Jahrhundert weit verbreiteten langen Tabakspfeifen mit bemalten Porzellan-Pfeifenköpfen und bunten Quasten in Couleurfarben. Aber nicht nur Utensilien zum Konsum von Alkohol und Tabak wurden verziert. Zeitweise wurden auch mit Couleurmotiven aufwändig bemalte Mokkatassen (mit Untertassen) angefertigt. Praktisch alles, was als geschirrähnlicher Gegenstand (sogar Blumenvasen) auf dem Tisch Platz fand und zu bemalen war, konnte als Fläche für Couleurelemente genutzt werden.

Kleidungsaccessoires, die nicht zum klassischen Couleurbestand gehören, wurden ebenfalls genutzt. So zum Beispiel gravierte oder mit Email eingelegte Manschettenknöpfe oder Ringe, teilweise mit Edelsteinen in Couleurfarben besetzt, soweit vom Material und den Farben möglich (siehe auch: Flohbein).

Gemäß einer alten Tradition werden Couleurgegenstände nicht zum eigenen Gebrauch gekauft (oder als Sonderanfertigung bestellt), vielmehr ist es üblich, sie mit einer Widmung zu versehen und zu verschenken („dedizieren“). Durchaus akzeptiert ist es auch, Gegenstände vereinbarungsgemäß zu „tauschen“, das heißt, sich gegenseitig zu dedizieren. Dabei verschenkt jeder ausschließlich seine eigenen Farben und erhält die des anderen.

Couleurkarten sind Postkarten, die üblicherweise zur Übermittlung von Grüßen von einer Veranstaltung versendet werden. Zu diesem Zweck sind sie mit Couleurmotiven (Farben, Wappen, Zirkel etc.) der betreffenden Verbindung versehen.

Besonders kunstvoll war die Fertigung von Couleurgegenständen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Daraus entstand ein bis heute sehr lebhafter Sammlermarkt für diese oftmals auch als Couleurkitsch bezeichneten Gegenstände, die mit den Couleurartikeln im engeren Sinne und allgemein hochschulgeschichtlichen Erinnerungsstücken wie Stammbuchblättern unter dem Oberbegriff Studentica eine wichtige Sparte im Antiquitätenmarkt darstellen.

Die Darstellung der Couleur ist mit dem Kneipbild eng verbunden. Zusätzlich zu den Stammbuchblättern treten schon im 18. Jahrhundert Sammlungen von Scherenschnitten oder Silhouetten, die zunehmend auch in den Farben der Verbindungen koloriert werden. Etwa um 1820 entstehen beispielsweise bei den frühen Corps geschlossene Sammlungen solcher Bilder der Angehörigen einer Verbindung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Kneipsälen der dann zunehmend erbauten neuen Verbindungshäuser als geschlossene Reihe gehängt wurden. Etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Sammlung entweder über eine Periode von Lithografien oder auch direkt in die schwarz-weiß Fotografie über. Die Farben der Verbindungen wurden auf diesen Fotografien durch Wasserfarben nachcoloriert. Dieser Brauch wird bei fast allen Verbindungen bis heute in Kontinuität fortgesetzt. Die Form der Darstellung, alle werden im gleichen Format und Rahmen in Reihe des Beitritts gehängt und keiner durch Formatabweichung besonders hervor gehoben, zeigt die vorherrschend egalitäre Grundeinstellung im Verhältnis der Korporierten untereinander als Einfluss und Resultat des erstarkenden Bildungsbürgertums in Folge der Aufklärung. Etwa ab Ende der 1840er Jahre wurden diese Kneipbilder durch die Möglichkeiten des seit Anfang des 19. Jahrhunderts aufgekommenen Steindrucks durch Semesterbilder ergänzt, die alle Angehörigen einer Verbindungen mit ihren Gästen in einem großen Format zumeist in einer für den Studienort typischen Landschaft kneipend zeigten. Die Nachfrage nach diesen Darstellungen war so groß, dass sich Lithographen wie Gesell auf diese Arbeiten spezialisierten. Dabei wurden aber oftmals nur die Portraitstudien der Köpfe in vorbereiteten Standardlandschaften auf korporierte Standardkörper gesetzt. Auch hier wurde die Couleur oftmals in Wasserfarben ergänzt. Eine Abart dieser Semesterbilder stellen die ab etwa 1880 vermehrt aufkommenden, zumeist sommerlichen Stiftungsfestfotos dar. Diese haben etwa ab 1890 ihre Entsprechungen in den Gruppenaufnahmen aus Anlass der Weihnachtskneipen mit den Alten Herren auf den dann noch neuen Verbindungshäusern. Mit der im Kaiserreich an Bedeutung zunehmenden Mensurfrage entstanden als dritte Gruppe von in diesem Zusammenhang anzusprechenden Darstellungstypen etwa ab 1880 eine Vielzahl von Fotografien, die Mensurszenen stellten oder andeuteten, die ebenfalls durch Nachcolorierung die Angehörigen der dargestellten, beteiligten Korporationen leichter erkennbar werden ließen. Alle vorgenannten Motivgruppen des Kneipbildes beeinflussen mit dem Aufkommen der Postkarte ab Mitte der 1860er Jahre auch die Gestaltung der Couleurkarten.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert ist belegt, dass die landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse von Studenten im deutschen Sprachraum sich durch farblich unterschiedene Kleidung auszeichneten. Dieser Brauch wurde zumindest unterstützt durch die Tatsache, dass in diesem Jahrhundert viele Herrscher ihren Hofbeamten, aber auch der Ritterschaft ihres Landes eine bestimmte Kleiderordnung auferlegten, um einen Wettbewerb der Adligen um besonders prunkvolle Kleidung zu vermeiden. Die Kleidervorschriften legten auch die Farbkombinationen fest, meist unterschieden nach Oberbekleidung und deren Aufschlägen sowie Unterbekleidung.

Teilweise war es ausdrücklich erlaubt, dass die Söhne dieser Würdenträger als deren Erben ab einem gewissen Alter ebenfalls diese „Civil“-Uniformen tragen durften. So lag es nahe, während des Studiums an der Universität einheitlich aufzutreten, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck zu bringen. Teilweise erfüllten diese Funktion auch die Offiziersuniformen beliebter Regimenter des Heimatlandes, die sich von den Hofbeamten-Uniformen meist nicht sehr unterschieden.

Das je nach Herkunftsland unterschiedliche Auftreten wurde von den Universitätsbehörden streng verfolgt, wenn der Verdacht bestand, dass es sich bei diesen Zusammenschlüssen um „nicht autorisirte Verbindungen“ handelte, also selbstverwaltete, demokratisch verfasste „Landsmannschaften“ mit eigenen „Vorständen“ und gemeinschaftlicher Kasse. In ihnen sahen die Behörden den Ursprung aller studentischen Laster und Exzesse, da sie sich dem Einfluss des Lehrpersonals und der staatlichen Kontrolle entzogen. Durch diese Gemeinschaften wurden auch die Unsitten der studentischen Subkultur an jüngere Studenten weitergegeben, was es zu unterbinden galt (siehe auch: Pennalismus). Auch wollten die Behörden damit die Gruppenbildung innerhalb der Studentenschaft unterdrücken, der sie die Rivalitäten und das häufige Duellieren anlasteten.

Die Unterscheidung, was jetzt als Abzeichen eines verbotenen Zusammenschlusses oder als erlaubte Anwendung von Landesfarben zu gelten hatte, war und blieb bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Problem, das die Universitätsverwaltungen teilweise intensiv beschäftigte.

Die hauptsächlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts existenten Studentenorden trugen metallene Abzeichen in Kreuzform („Ordenskreuze“) an Schleifen befestigt – zur Tarnung meist unter der Kleidung. Diese Kreuze haben zur Herausbildung des modernen Couleurs wenig beigetragen. Diese Orden sahen sich als Geheimbünde, die auf Repräsentation nach außen keinen Wert legten.

In der Zeit der Französischen Revolution und den nachfolgenden, europaweit ausgetragenen kriegerischen Auseinandersetzungen sowie der napoleonischen Besatzungszeit veränderte sich die studentische Mode - wie auch die gesamte studentische Kultur - drastisch. Zwar konnten nur etwa fünf Prozent der Gesamtzahl der Freiwilligen in den Befreiungskriegen als Studenten gelten, aber keine gesellschaftliche Gruppe hatte einen so hohen Anteil an Freiwilligen. Historiker schätzen, dass etwa 20 bis 50 Prozent der Studenten an diesen Kriegen teilnahmen. Sie brachten militärisch anmutende Uniformteile in die studentische Tracht ein. Typische Kopfbedeckungen waren der Zweispitz (auch Sturmhut oder Napoleonshut genannt), die Konfederatka oder andere, teilweise phantasievolle Neukreationen. Als Oberbekleidung war der ungarische Dolman populär. Dazu wurden häufig lange Stiefel mit Sporen getragen.

Großen Einfluss auf die Entwicklung des studentischen Couleurs nahm die Einführung der bunten Mütze, die etwa im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Mode kam und von den jungen Leuten an den Universitäten sofort aufgegriffen wurde. Anfänglich war noch eine große Vielfalt der Formen festzustellen, im Laufe der Zeit bildete sich jedoch eine Art von Standardform heraus, die sich gegen Ende der 1820er Jahre weitgehend durchgesetzt hatte (siehe auch: Studentenmütze).

Die Farben wurden noch bis in die 1820er Jahre möglichst konsequent als Mützenfarbe und als Farbe der Oberbekleidung gezeigt. Besonders wichtig schienen die damals üblichen langen Tabakspfeifen mit langem Holzschaft und Porzellankopf gewesen zu sein. Die Pfeifenköpfe wurden kunstvoll mit Couleurmotiven bemalt und der Schaft wurde mit farbigen Kordeln dekoriert, die in Quästen endeten. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die 1820er Jahre schienen die Mützenfarbe und die Farbe der Pfeifenquäste die wichtigsten Identitätsmerkmale der Studenten gewesen zu sein.

Die Form der bunten Mütze verfestigte sich zu Beginn der 1830er Jahre zur so genannten Biedermeiermütze. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Proportionen wieder vielfältiger, wobei aber die Grundstruktur (schwarzer Schirm, Mützensteg mit Farbband und einfarbiger Mützenkörper) beibehalten wurde. Das farbige Brustband, das heute als eigentliche Realisation der Farben angesehen wird, begann sich erst während der 1820er Jahre einzubürgern und wird ab etwa 1830 zum festen und bald auch wichtigsten Bestandteil des Couleurs. Als Ausdruck eines neuen deutschen Nationalgefühls kam ab etwa 1813 die Altdeutsche Tracht in Mode, die sich auch an den Universitäten großer Beliebtheit erfreute. Diese Tracht war farblich indifferent, die dominierende Farbe war schwarz. Als Kopfbedeckung wurde dabei ein Barett getragen.

In die Zeit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert fiel die Entstehung der ältesten heute noch existierenden Art von Studentenverbindung, der Corps, die damals aber noch anders genannt wurden. Teilweise wurde der traditionelle Name „Landsmannschaft“ aus dem 18. Jahrhundert übernommen, teilweise wurden auch die Bezeichnungen „Kränzchen“, „Gesellschaft“ oder gar „Clubb“ verwendet. Diese neuen Verbindungen standen in ihrer Frühzeit noch in Gegnerschaft zu den Studentenorden, die sich aber weitgehend im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auflösten. Das war auch die Entstehungszeit der Idee, einer Verbindung – unabhängig von Kleidungsstücken – eine Kombination von zwei bis drei Farben mit festgelegter Reihenfolge als Identitätssymbol zuzusprechen. Diese Farbkombination tauchte – außer in den Kleidungsstücken – zuerst als Farbstreifen in den neu entstehenden Studentenwappen auf. In den Bundeszeichen werden sie oftmals ausgeschrieben oder als Abkürzung mit Einzelbuchstaben angegeben, so als „b r w“ (blutrot-weiß) des Corps Onoldia Erlangen (gegründet 1798).

Die ersten Couleurfarben waren landsmannschaftlichen Ursprungs und führten die Tradition der alten Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts weiter. Die Farbwahl erfolgte dabei auf unterschiedliche Weise.

Bei Bezug auf große Länder mit starken Herrscherdynastien kamen bei der Bildung studentischen Couleurs die heraldischen Farben der Herrscherhäuser zum Zuge.

Bei Bezug auf kleinere Länder wurden die Farben oft von den Uniformen der Landstände, der Ritterschaft oder der Hofbeamten hergeleitet.

Bei diesen Uniformen waren oft die Stickereien und Applikationen sowie die Knöpfe einheitlich entweder in Silber oder in Gold ausgeführt. Dies führte ab den 1820er Jahren zur goldenen oder silbernen Perkussion (Einfassung) der Couleurbänder. Teilweise wurden auch die Metalle zu Couleurfarben, also zur vollwertigen Farbe im Band.

Bereits aus dem 18. Jahrhundert gibt es Belege von studentischen landsmannschaftlichen Zusammenschlüssen, deren Tracht sich aus Militäruniformen ihrer Heimat herleiten ließ. So zeigt das im Städtischen Museum Göttingen verwahrte Stammbuch Rupstein in Wasserfarben getuscht die Uniformen der Landsmannschafter, die bei den Hannoveranern und den Braunschweigern schon mit den Farben der späteren Corps übereinstimmen.. Diese Farbkombinationen werden auf anderen Stammbuchblättern in ähnlicher Form bestätigt und sind daher nicht als willkürlich gewählt anzusehen.

Bei politisch stark zersplitterten Landschaften, deren Bewohner trotzdem ein gemeinsames Identitätsbewusstsein hatten, entstanden teilweise speziell studentische Landesfarben, die sich deutschlandweit verbreiteten.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm bei der Wahl neuer Farben der Bezug auf die landsmannschaftlichen Traditionen des 18. Jahrhunderts ab. Farben wurden teils willkürlich gewählt oder hatten vollkommen neue Bezüge.

Die katholischen Verbindungen besonders in Österreich verwenden oft die Farben gelb/gold-weiß/silber, womit häufig, aber nicht immer, auf die katholische Kirche Bezug genommen werden soll, besonders im Falle österreichischer Verbindungen und des Unitas-Verbands. Einige katholische Verbindungen, die zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie auf deren Territorium gegründet wurden, tragen häufig auch die kaiserlichen Farben schwarz-gold.

Die Farbwahl folgte aber auch gelegentlich politischen Überzeugungen. So wandelte sich beispielsweise das von den Farben der Stadt Ulm abgeleitete schwarz–weiß-schwarz der Tübinger Landsmannschaft Ulmia im Jahr 1848 zu schwarz-weiß-gelb in Ablehnung des reaktionären Preußens, dessen Farben ebenfalls weiß und schwarz waren. Aus Sympathie mit den Aufständischen in Baden wählte man als dritte Farbe das badische Gelb.

Etwa in der zweiten Hälfte der 1820er Jahre verschwanden die studentischen Farben aus der regulären Oberbekleidung und verdichteten sich in speziellen Couleurabzeichen, zusätzlich zur Kleidung getragenen Accessoires: Es entstand das mehrfarbige Seidenband, das um die Brust getragen wurde, und die einfarbige Mütze mit Farbstreifen. So finden wir am Anfang der 1830er Jahre das studentische Couleur in seinen wesentlichen, noch heute bestehenden Elementen vor. Lediglich bei den Kopfbedeckungen und bei der Entstehung des so genannten Vollwichses, also der festlichen Tracht, gab es noch im Laufe des 19. Jahrhunderts zusätzliche Entwicklungen.

Nach dem Ende der Urburschenschaft in Jena im Jahre 1819 zersplitterte sich aber die burschenschaftliche Bewegung ebenfalls. Außerdem blieben die landsmannschaftlich ausgerichteten Corps an den anderen Universitäten trotz Ausbreitung der burschenschaftlichen Ideen bestehen. Bereits wenige Jahre später trugen die Burschenschaften Couleur wie die Corps, jedoch bevorzugt Schwarz-Rot-Gold.

Zum gleichen Zeitpunkt, als sich in Deutschland die bis heute gültigen Couleurelemente bildeten, wurden in der Schweiz die wichtigen Universitäten Zürich und Bern gegründet. Viele Schweizer, die bis dahin in Deutschland studiert hatten, kehrten in ihr Land zurück und brachten die studentische Kultur, zu der auch das Couleur gehörte, mit in die Schweiz. Hier bestanden auch schon studentische „Gesellschaften“, die aber jetzt in den frühen 1830er Jahren begannen, studentische Gebräuche wie das Couleur zu übernehmen. Typisch für die Schweiz war aber bereits damals wie heute, dass sich viele Studentenverbindungen als überregionale Organisationen betrachteten, die an verschiedenen Hochschulen „Sektionen“ hatten. So haben alle Sektionen einer solchen Studentenverbindung an ihren verschiedenen Universitäten jeweils die gleichen Farben.

Die Schweizer Studentenverbindungen litten auch schon von Anfang an nicht unter behördlichen Verfolgungen, was wohl zum wesentlichen darauf beruhte, dass die Universitäten Zürich und Bern die ersten Universitäten waren, die von demokratischen Staatsgebilden, den Schweizer Kantonen, gegründet wurden und nicht von Monarchen oder der Kirche. Die studentische Kultur konnte sich hier frei entwickeln.

Im Deutschen Bund wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Tragen von Couleur weiterhin als das Bekenntnis zu verbotenen studentischen Zusammenschlüssen bewertet und behördlich verfolgt. Seit den Karlsbader Beschlüssen kam jedoch noch ein weiterer Aspekt hinzu. Das Bekenntnis zu selbstverwalteten Zusammenschlüssen wurde nicht nur als mangelnde studentische Disziplin, sondern als politisches Problem betrachtet. Besonders die Burschenschaften, aber auch die weiterhin bestehenden Corps wurden als eine Gefahr für die herrschende politische Ordnung gesehen. Und das Couleur galt als das äußere Zeichen, in dem sich diese Bedrohung manifestierte. Als besonders bekämpfenswert erschien den Behörden das Bestreben, überregionale Organisationen zu bilden, in denen sich Studenten verschiedener Universitäten zusammenschlossen, ein Bestreben, das vor allem die Burschenschaften mit ihrer überregional verwendeten Farbkombination Schwarz-Rot-Gold verfolgten (Universitätsgesetz §3 ). Diese Befürchtung war nicht ganz unberechtigt, denn auf dem Hambacher Fest 1832 wurden diese Farben erstmals auch von Nicht-Studenten als Bekenntnis zur Demokratie verwendet. Weitere Meilensteine der Geschichte waren der Frankfurter Wachensturm und die Märzrevolution.

Im Rahmen der bürgerlichen Bewegung im Vormärz entstanden auch in der Studentenschaft reformerische Bestrebungen. Das Abgrenzen der Studenten von der bürgerlichen Gesellschaft erschien nicht mehr zeitgemäß. Die so genannte Progressbewegung hatte das Ziel, akademische Privilegien abzuschaffen sowie studentische Zusammenschlüsse und bürgerliche Vereine einander anzunähern. So entstanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten „nicht-farbentragenden“ Studentenverbindungen, deren Mitglieder sich als Studenten nicht vom Rest der Bevölkerung abheben wollten. Einige Verbindungen legten ihre Farben ab.

Die neu einberufene deutsche Nationalversammlung erklärte 1848 das studentische Schwarz-Rot-Gold zu den offiziellen Farben des deutschen Bundes. Als die Karlsbader Beschlüsse im selben Jahr aufgehoben wurden, änderte sich die gesellschaftspolitische Stellung der studentischen Verbindungen und damit auch des Couleurs grundlegend.

Nach der Lockerung der strengen Regelungen und mit der zunehmenden Liberalisierung an den Hochschulen wandelte sich das Couleur vom verbotenen Erkennungszeichen aufmüpfiger Jugendlicher zum Abzeichen des akademischen Nachwuchses der Nation. Das Couleur wurde zum Symbol der privilegierten Stellung der Universitätsangehörigen und zunehmend auch der berufstätigen Akademiker. Denn aufgrund der Liberalisierung waren die ehemaligen Studenten nicht mehr gezwungen, ihre „Jugendsünden“ geheim zu halten, sondern konnten sich auch als „Alte Herren“ zu ihrer Studentenverbindung bekennen und mit den jungen Leuten feiern. Dies führte zu einer massiven Etablierung couleurstudentischer Elemente in der deutschen Gesellschaft.

Im Gegenzug fand das im deutschen Sprachraum entwickelte Konzept des Couleurs auch bei Studenten in anderen Ländern Anklang. So hatten die Burschenschaften schon früh im 19. Jahrhundert ähnliche Gründungen in Polen ausgelöst. Die Deutschbalten hatten im russischen Zarenreich ab 1802 ihre eigene Universität in Dorpat und brachten die Sitten und Gebräuche von ihren früheren Universitäten in Deutschland mit. Im Baltikum formierten sich ab der Mitte des Jahrhunderts dann auch Studentenverbindungen der lettischen, estnischen, russischen und polnischen Volksgruppen. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft und der Unabhängigkeit der baltischen Länder erfuhren diese Verbindungen eine Renaissance und tragen heute wieder nach deutschem Muster Couleur.

Bereits 1842 bildete sich in Deutschland die erste Schülerverbindung. Weitere Zusammenschlüsse dieser Art wurden vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gegründet, besonders in Franken, Baden, in Österreich und der Schweiz, vereinzelt aber auch in Norddeutschland. Diese Verbindungen orientieren sich bis heute stark an studentischen Sitten und Gebräuchen und tragen fast alle auch bis heute Couleur.

Im Zuge des Skandinavismus entstand auch in Dänemark, Schweden und Norwegen in den 1840er Jahren die Sitte, eine Studentenmütze zu tragen, deren Grundmuster der deutschen Mütze sehr ähnelte, für die es aber kein Vorbild in der Alltagskleidung der betreffenden Länder gab. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass dieser Brauch von Deutschland aus zumindest inspiriert war. Die skandinavischen Studentenmützen haben grundsätzlich einen weißen Mützenkörper und sind durch Abzeichen, die Farben der Vorstöße und des Futters sowie durch eventuell angebrachte Quäste differenziert. Durch diese Kennzeichen werden nicht die Angehörigen verschiedener selbstverwalteter studentischer Zusammenschlüsse kenntlich gemacht, sondern die Studenten nach Hochschule, Hochschultyp oder Studienfach unterschieden, bzw. nach der Art ihres studienqualifizierenden Schulabschlusses.

In Österreich und den habsburgischen Gebieten Ost- und Mitteleuropas konnte die Unterdrückung der (verbindungs-)studentischen Kultur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Metternich'schen Unterdrückungsapparat wirkungsvoller umgesetzt werden, als in anderen Ländern des Deutschen Bundes. So konnte sich auch studentisches Couleur hier erst nach 1859 entwickeln (siehe auch: Schillerfest), stark beeinflusst durch Studenten aus anderen Teilen des deutschen Sprachraums. Jedoch gestaltete sich hier die Farbwahl anders, da die Traditionen aus dem 18. Jahrhundert abgebrochen waren. Auch gab es einige Sonderentwicklungen, die österreichisches Couleur von dem Couleur aus anderen Gebieten unterscheidet.

Im Gegensatz zu Polen und dem Baltikum wurde in einigen Ländern der Habsburger Monarchie studentisches Couleur als typisches Kulturgut der deutschen Volksgruppe innerhalb der Nationenvielfalt des Vielvölkerstaates betrachtet. Bei den nationalistischen Auseinandersetzungen, die die Monarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark belasteten, spielte studentisches Couleur als Identitätssymbol deutscher Nationalität eine wichtige Rolle. Das wurde speziell an den Universitäten in Gegenden, wo die deutsche Volksgruppe tendenziell in der Minderheit war, oft zum Anlass teilweise tätlicher Auseinandersetzungen, so vor allem in Prag und Brünn. Zur Unterstützung des „Deutschtums“ in sprachlich und ethnisch gemischten Gebieten produzierte und vertrieb der Deutsche Schulverein Couleur-Postkarten. Aus Czernowitz ist bekannt, dass es dort ein mehr oder weniger friedliches Nebeneinander von deutschen, jüdischen, polnischen, rumänischen und ruthenischen Studentenverbindungen gab, die allesamt Couleur trugen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ganz besonders im deutschen Kaiserreich ab 1871 wurden die studentischen Verbindungen zu Stützen des Staates. Der typische preußisch-wilhelminische Student war in Bildern gar nicht mehr anders darzustellen als mit Band und Mütze. Selbst die Söhne regierender Herrscherhäuser schlossen sich nun zunehmend Studentenverbindungen an und ließen sich in Couleur fotografieren und malen. So auch viele Hohenzollernprinzen, unter ihnen der spätere Kaiser Wilhelm II.

Couleur wurde so sehr zum Merkmal des (Bildungs-)Bürgertums, dass ab den 1870er Jahren auch alle Schüler, teilweise auch Schülerinnen, weiterführender Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealschulen) mit Schülermützen ausgestattet wurden. Diese Schülermützen entsprachen dem Aussehen ganz genau den Couleurmützen der Studenten, hatten aber eine andere Funktion. Mit den Farben, Vorstößen und eventuell anderen Applikationen wurden die Schüler nach Schule und Klassenstufe identifiziert. Die Farbsysteme wurden von den Schulbehörden festgelegt und waren von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Volksschulen waren davon ausgenommen.

Gesellschaftliche Gruppierungen, die ihre Position in der wilhelminischen Gesellschaft stärken wollten, sahen sich veranlasst, dies im studentischen Bereich mit der Gründung farbentragender Verbindungen zu unterstützen. So trug der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich stark zur Gründung katholischer farbentragender Studentenverbindungen bei, die sich dann im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) zusammenschlossen. Dieser Verband ist heute der größte Zusammenschluss farbentragender Studentenverbindungen in Europa.

Auch die jüdisch-deutschen und die zionistischen Studentenverbindungen, die sich ab den 1880er Jahren als Reaktion auf die zunehmende Ausgrenzung jüdischer Studenten aus den meisten Verbindungen formierten, verwendeten Couleur, aber auch Mensur und Duell als Manifestation ihrer gesellschaftlichen Position.

Im Zeitalter der hohen gesellschaftlichen Etablierung der Studentenverbindungen veränderte sich das Verbindungsleben und die Art des Couleurtragens für den einzelnen Studenten. Der Einzelne wurde durch ein straffes Semesterprogramm so eingenommen, dass während der ersten Semester an den Besuch universitärer Veranstaltungen gar nicht mehr zu denken war. Dadurch wurde die Einrichtung des inaktiven Verbindungsstudenten notwendig, der sich nach Ableistung seiner Aktivensemester, die ganztägig in Couleur verbracht wurden, zum Studium – meist an eine andere Universität – zurückzog. Inaktive trugen im Alltag kein Couleur mehr sondern nur noch auf verbindungsstudentischen Veranstaltungen bzw. auf den Wegen hin und zurück. Couleur war an den Hochschulen immer seltener zu sehen, dafür umso mehr auf den Straßen und in den Lokalitäten, wo sich in der Kaiserzeit eine ziemlich strenge Etikette entwickelte.

Im Ersten Weltkrieg, in den auch die Verbindungsstudenten begeistert zogen, trugen viele ihr Couleurband unter der Uniform.

Ab etwa 1896 bildete sich mit der Jugendbewegung an den deutschen Universitäten die Freistudentenschaft, deren Mitglieder nicht nur die bürgerlichen Ideen der Studentenverbindungen und ihre Organisationsform, sondern auch ihre Erkennungszeichen, das Couleur, ablehnten. Sie bevorzugten „einfache Kleidung“, die dem Motto „Zurück zur Natur“ entsprach. Das studentische Couleur wurde wiederum – bereits zum dritten Mal in diesem Jahrhundert – als etwas Überlebtes, als Relikt einer alten Zeit, betrachtet.

Diese Bewegung überdauerte den Ersten Weltkrieg und bildete eine der weltanschaulichen Strömungen, die sich dem Couleurstudententum in der Weimarer Republik entgegenstellten.

Dies war die erste Gegenbewegung gegen die traditionelle Kultur der Studentenverbindungen, die nicht wieder in diese Traditionen zurückfiel. Die hier aufgebauten Alternativen bildeten die Grundlage für die nicht-korporierte studentische Kultur des 20. Jahrhunderts, die sich bis heute nur durch sehr wenig Eigenarten von der allgemeinen Jugendkultur ihrer Zeit unterscheidet.

Der Beginn der Weimarer Republik war von schweren politischen Erschütterungen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen geprägt, die die Gesellschaft polarisierten. Mit der festen Einbindung in eine akademische Gemeinschaft verbanden viele Studenten auch die persönliche Hoffnung auf eine Sicherung ihrer Karrierechancen, die sozialen Abstieg vermeiden sollte. Es ist davon auszugehen, dass in diesen Jahren aufgrund der hohen Nachwuchszahlen der Verbindungen mehr Studenten Couleur trugen als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der deutschen Universitätsgeschichte.

In der Weimarer Republik nahm die Mehrheit der deutschen Studenten Positionen in der rechten Hälfte des politischen Spektrums ein. Linke oder jüdische Hochschulgruppen erlangten bei den Wahlen zu den Allgemeinen Studentenausschüssen (AStA) bestenfalls einstellige Prozentzahlen. Deutschnational oder katholisch-konservativ waren die Hauptströmungen, die die couleurtragenden Studenten in der Hochschulpolitik und in der Gesellschaft vertraten. Mit diesen politischen Überzeugungen wurde in der Folge (und wird teilweise bis heute) auch das Couleur in der breiten Bevölkerung assoziiert.

Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) wurde im Jahre 1926 gegründet und fand schnell großen Zulauf. Ideologisches Ziel war die Erziehung der Studenten im nationalsozialistischen Sinne sowie die Aufhebung der Klassenschranken zwischen Akademikern und dem Rest der Bevölkerung. Die Studentenverbindungen mit ihren traditionellen Symbolen und basisdemokratischen, autonomen Strukturen standen der Gleichschaltung – trotz vielfacher ideologischer Nähe – im Sinne der Nationalsozialisten im Wege.

Die nationalsozialistischen Jugendorganisationen wie Hitlerjugend (HJ) und NSDStB orientierten sich bei ihren Uniformen und Abzeichen mehr an „modernen“ Vorbildern, wie der Bündischen Jugend, die aus den Pfadfindern und den Wandervögeln der früheren Jugendbewegung hervorgegangen war. Klassenunterschiede sollten dabei keine Rolle mehr spielen. Deshalb schafften die Nationalsozialisten auch bald nach der Machtergreifung die amtlicherseits verordneten Schülermützen wieder ab, die die Schüler weiterführender Schulen von den Volksschülern unterschieden. Diese Mützen wurden als „Eierschalen der Reaktion“ gebrandmarkt.

Dazu wurden drei jüdische Studenten in Couleur abgebildet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 versuchten sie, möglichst viele gesellschaftliche Gruppierungen in ihre Aktionen zu integrieren. So soll auch bei den von der Deutschen Studentenschaft organisierten Bücherverbrennungen 1933 das Tragen von Couleur erlaubt oder gar erwünscht gewesen sein. Das demonstrative Auftreten in Vollwichs war jedoch ausdrücklich verboten.

Ab dem Jahre 1934 folgten Verbote des Tragens von Couleur an den Hochschulen und in der Öffentlichkeit, gegen die in provokativer Weise verstoßen wurde. Die darauf folgenden Auseinandersetzungen zwischen Vertretern nationalsozialistischer Organisationen und Verbindungsstudenten arteten teilweise in regelrechte Straßenschlachten aus, so im Jahre 1934 in Göttingen (Göttinger Krawalle).

In den Jahren 1934 bis 1936 wurden die meisten studentischen Verbände in die Selbstauflösung gedrängt, die verbliebenen im Jahre 1938 durch Erlass von Reichsführer-SS (und ehemaligem Verbindungsstudenten) Heinrich Himmler verboten. Die Studenten wurden in die so genannten Kameradschaften des NSDStB eingegliedert.

Den Behörden und Parteigremien kamen jedoch immer wieder Gerüchte zu Ohren, dass in den nationalsozialistischen Kameradschaften alte, unerwünschte Traditionen weiter gepflegt würden, wie zum Beispiel der Tausch von Couleurzipfeln, was zu immer strengeren Strafandrohungen führte. Funktionäre sprachen von „Erscheinungen, die sich in Ermangelung besserer Gedanken vielfach an Überlebtes anlehnen“, was eine „geistlose Nachahmung längst überlebter Formen“ darstelle.

Derartige Aktivitäten konnten nicht geheim bleiben. Die Aktion zur Neugründung des KSCV flog auf und die Gestapo strengte ein Verfahren, unter anderem wegen Hochverrats an. Im Chaos der letzten Kriegsmonate kam es aber zu keinerlei Konsequenzen mehr.

Ähnliche Urteile ergingen auch an anderen Hochschulorten und in der Rektorenkonferenz setzte sich bis 1952 die Rechtsauffassung durch, das Couleur nicht verboten werden könne. Vereinzelt wurden Verbote des Couleurtragens auf dem Hochschulgelände erlassen, die teilweise erst in den 1980er Jahren aufgehoben wurden.

In der Sowjetischen Besatzungszone und in den abgetrennten Ostgebieten, ebenso wie in Polen und in den baltischen Ländern, die ihre Unabhängigkeit verloren und in die Sowjetunion eingegliedert wurden, galten nach dem Krieg die studentischen Verbindungen mit ihren Identitätssymbolen als Merkmale des Bürgertums, die durch die Einführung des Sozialismus hinfällig geworden seien.

In der Schweiz überlebte das Couleurstudententum die Zeit der beiden Weltkriege ohne bedeutende Einschnitte.

Mit der seit 1965 aufkommenden Studentenbewegung erwuchs den Verbindungen starke Gegnerschaft . Das von der Bewegung angestrebte Vertreiben des „Muffs von 1000 Jahren unter den Talaren“ betraf auch die Sitten und Gebräuche der Studentenverbindungen, darunter das Couleurtragen. Mit den Talaren der Professoren verschwand auch zunehmend das Couleur aus der Öffentlichkeit deutscher Universitätsstädte. Das Tragen von Couleur beschränkte sich auf verbindungsstudentische Veranstaltungen und eigene Räumlichkeiten (siehe auch: Korporationshaus). Die Verbindungen mussten auch zunächst einen Rückgang des Anteils an Korporierten und der absoluten Mitgliedszahlen hinnehmen. Viele Verbindungen mussten ihren aktiven Betrieb einstellen. Einige, vor allem musische und christliche Verbindungen begannen schließlich auch Frauen aufzunehmen. Die rückläufige Entwicklung der Bedeutung der Studentenverbindungen kam erst ab 1980 zum Stillstand.

In der DDR waren die couleurstudentischen Traditionen bald untersagt. Generell wurde die Neuentwicklung von eigenständigen studentischen Zusammenschlüssen mit eigenen Traditionen wirksam verhindert, da die Jugend in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) organisiert und damit von der staatstragenden Partei und Staat kontrolliert sein sollte. Offizielles Abzeichen waren das blaue Hemd mit dem Sonnenemblem am Ärmel. Der Aufbau selbstverwalteter studentischer Strukturen stand dem Führungsanspruch der Partei im Wege.

Doch bereits in den frühen 60er Jahren gab es erste zaghafte Versuche von Studenten, etwas über die alten studentischen Traditionen zu erfahren (siehe auch: DDR-Studentenverbindung). Es war keine Literatur und selten Couleur vorhanden. Mancher Student fand zu Hause alte Erbstücke (Band, Mütze und Bierseidel des Urgroßvaters), mit dem die jungen Leute der damaligen Zeit noch nicht viel anfangen konnten.

Zeitzeugen berichten, dass interessierte Studenten begannen, durch verschlüsselte Zeitungsanzeigen alte Couleurgegenstände zusammenzusuchen. Teilweise wurden Couleurartikel (Studentenmützen, Bierseidel, Bier- und Weinzipfel etc.) in Antiquitätenläden oder direkt bei Haushaltsauflösungen angeboten. Später nähten sich einige Studenten selbst Kneipjacken und Schärpen. Auch wurde dreifarbiges Geschenkband als Bandersatz verwendet. Es wurden Mützen angefertigt, wobei zum Beispiel Mützenschilder von Fleischermützen verwendet wurden.

Das Erscheinungsbild der Studenten während der heimlichen Zusammenkünfte glich zu der Zeit mehr einem Verkleiden in historischen Kostümen und einem Nachspielen der Traditionen (siehe auch: Living History), zumal das Couleur noch wie auf den Dachböden gefunden kunterbunt gemischt getragen beziehungsweise laienhaft zusammengenäht wurde.

Aufgrund des Mangels an Literatur über alte Traditionen bildeten sich bald auch neue. Eine eigene Kreation der DDR-Verbindungen war zum Beispiel der Gebrauch der „Bierkordel“. Dabei wurde eine rund 30 Zentimeter lange Kordel an alle Teilnehmer eines Kommerses ausgegeben. Nach jedem Salamander wurde ein Knoten in die Bierkordel eingefügt. Die Bierkordel ist auch nach der Wiedervereinigung in Gebrauch .

Häufig wurden bei den Kneipen, ähnlich der altdeutschen Tracht, schwarze Hose, weißes Hemd (mit Krawatte oder buntem Halstuch), schwarze Weste und ein Gehrock getragen. Gegen Ende der DDR-Zeit wurden durch Kontakte zu westdeutschen und österreichischen Verbindungen professionell gefertigte Bänder und auch Mützen besorgt.

Bereits Monate vor der deutschen Wiedervereinigung haben sich ursprünglich im Osten entstandene Studentenverbindungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik gegangen waren, wieder an ihre alten Universitätsstädte auf dem Gebiet der DDR verlegt. So entstand auch hier wieder ein Verbindungsleben, zu dem auch die alten Farben gehören. Nach einer Gewöhnungsphase in den neuen Bundesländern hat sich das Verhältnis der Öffentlichkeit zu couleurtragenden Verbindungsstudenten deutschlandweit angenähert und weitgehend vereinheitlicht. Während in der Bevölkerung – zumindest außerhalb der Hochschulorte – studentisches Couleur weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden ist, gibt es Gruppen, die dem Phänomen sehr positiv gegenüberstehen, aber auch Gruppen, die vehement Kritik üben.

Eine weitere Form der Diskreditierung besteht darin, die Sitten und Gebräuche von Studentenverbindungen mit militärischen Handlungsweisen zu vergleichen. Couleurelemente werden dabei als „Uniformen“ bezeichnet. Dies dient dazu, Studenten, die ihre Militärzeit mit schlechten Erinnerungen hinter sich gebracht oder den Wehrdienst verweigert haben, von Verbindungen abzuschrecken.

Dessen ungeachtet gibt es in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in ihrer Studentenzeit Couleur getragen haben und in den meisten Fällen heute noch tragen. Zu diesem Personenkreis gehören in Deutschland im Jahre 2006 der amtierende Bundespräsident Horst Köhler sowie drei Ministerpräsidenten und ein stellvertretender Ministerpräsident verschiedener Bundesländer. Als sich Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Mitglied der schlagenden und farbentragenden Verbindung Landsmannschaft Ulmia Tübingen, im Jahre 2005 zusammen mit den in Vollwichs gekleideten Vertretern mehrerer Studentenverbindungen fotografieren ließ, wurde dieses Foto von der Partei Bündnis 90/Die Grünen im Landtagswahlkampf gegen die CDU eingesetzt. Ein Plakat zeigte zum Beispiel das Bild mit dem Untertitel „51 bunte Hunde und ein schwarzes Schaf“ (Siehe dazu: Landsmannschaft Zaringia Heidelberg).

Papst Benedikt XVI. war zwar als Student Mitglied in einer nichtfarbentragenden Verbindung, hat aber später als Geistlicher mehrere Ehrenmitgliedschaften farbentragender katholischer Studentenverbindungen angenommen und im Jahre 1986 eine in deutscher Tradition stehende farbentragende Studentenverbindung in Rom (K.A.V. Capitolina Rom) als „Gründungsphilister“ mitbegründet.

In den 1990er Jahren kam es auch in Deutschland zu einer Gründungswelle von Damenverbindungen, also von Verbindungen, die nur weibliche Mitglieder aufnehmen. Diese Verbindungen sind praktisch alle farbentragend, so dass heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch in Chile und dem Baltikum vermutlich mehr Frauen Couleur tragen, als jemals zuvor.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr das studentische Couleur im Frühjahr 2008 durch die Flaggeninstallation „Nationalgalerie“ des in Kreuzberg lebenden rumänischen Künstlers und Villa-Romana-Preisträgers Daniel Knorr. Im Rahmen der 5. Berlin Biennale brachte er Flaggen im Stil der Farbfeldmalerei in den Farben der 58 Berliner Studentenverbindungen rund um das Dach der Neuen Nationalgalerie an. Diese werden als „Hinweis auf die separierte Gesellschaft und das Scheitern des modernen Ideals der Transparenz“ verstanden.

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Tradition

Beispiel einer Tradition: Wandernde Gesellen

Tradition (von lat. tradere „hinüber-geben“ bzw. traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, z. B. Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung oder spielerisches Nachahmen erfolgen. Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur. Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind. Dazu gehören einfache Handlungsmuster wie der Gebrauch von Werkzeugen oder komplexe wie die Sprache. Die Fähigkeit zur Tradition und damit die Grundlage für Kulturbildung beginnt bei Tieren (vgl. Krähen, Schimpansen) und kann im Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche religiös-sittliche, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Systeme erreichen, die durch ein kompliziertes Bildungssystem weitergegeben werden.

Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie.

Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliches Können gehören ebenso dazu, wie Rituale, künstlerische Gestaltungsauffassungen, moralische Regeln und Speiseregeln. Traditionen im Sinne von Brauchtum und kulturellem Erbe begegnen beispielsweise bei Hochzeiten, Dorffesten und im Zusammenhang mit kirchlichen Feiertagen. Auch Alltagsgesten bei Begrüßung und Verabschiedung sind Brauchtumstraditionen. Die Ethnologie untersucht, wie solches Brauchtum konkret entsteht und tradiert wird.

Neben hochkulturellen Inhalten werden zuweilen auch nur temporär gültige Üblichkeiten als Tradition bezeichnet. In diesem Sinne wird der Ausdruck „traditionell“ gebraucht; es ist das Übliche und Gewohnte. Der eher bildungssprachliche Ausdruck „traditional“ wird dagegen auf die hochkulturellen Inhalte bezogen.

Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet. Die ältere Traditionstheorie hat den Traditionsprozess als einen Vorgang beschrieben, bei dem ein Tradent einem Empfänger etwas überliefert. Neuere Ansätze kritisieren diese Auffassung als zu starke Vereinfachung. So wie das schlichte Sender-Empfänger-Modell in der Kommunikationstheorie tatsächliche Kommunikation unsachgemäß beschreibt, ist das vergleichbare Tradent-Empfänger-Modell unzulänglich. Die Entdeckung des Subjekts in der Neuzeit macht es nach dieser Auffassung nötig, eine Wechselbeziehung anzunehmen, wie es beispielsweise der Kultursoziologe Stuart Hall für das Sender-Empfänger-Modell vorgeschlagen hat. Der vormalige "Empfänger" wird als aktiver Teil von Traditionsprozessen verstanden (Tradent-Akzipient-Modell).

Traditionstheorien gibt es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: In der Ethnologie, der Volkskunde, der Soziologie, der Philosophie, der Theologie, der Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft. Dabei konzentrieren sich die einzelnen Wissenschaften jeweils auf Teilaspekte des Phänomens Tradition. Bislang liegt kein Ansatz für eine systematisch entwickelte Traditionstheorie vor.

Da Tradition zu den Grundlagen des sozialen Lebens und Handels gehört, hat sich insbesondere die Soziologie mit dem Phänomen Tradition befasst. Robert Spaemann sieht im Französischen Traditionalismus gar eine der Wurzeln der Soziologie selbst. In jedem Fall hat die soziologische Auseinandersetzung mit der Tradition die geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskussionen insgesamt geprägt. Insbesondere Max Webers Verständnis von Tradition als einem von vier Grundtypen sozialen Handelns ist wirkungsgeschichtlich kaum zu unterschätzen. Weber grenzt die Orientierung an Tradition von der zweck- und wertrationalen Orientierung des Handelns ab. Er greift damit ein Traditionsverständnis auf, das am Ende des 19. Jahrhunderts vorrationale Tradition und rational orientierte Moderne gegenüberstellt. Diese Gegenüberstellung ist auch die Folge einer kritischen Abwendung vom Traditionsverständnis des Traditionalismus.

Neben seinem Versuch, den Traditionsbegriff mit vier Grundtypen sozialen Handelns greifbar zu machen, formuliert Weber gleichsam eine Theorie der politischen Herrschaft, wobei er zwischen charismatischer, rationaler, legaler und traditioneller Herrschaft unterschied. Hierbei knüpfte er den Begriff der Tradition eng an eine herrschende Einzelperson, die über einen von ihm abhängigen Verwaltungsstab verfügt. Merkmal der auf Tradition beruhenden Herrschaft sei Weber zufolge, dass die politische Ordnung primär auf überliefertes Wissen beruhe, auf persönlichen Gehorsam basiere und - im Gegensatz zur charismatischen Herrschaft - einen alltäglichen Charakter habe.

Das Traditionsverständnis von Max Weber ist aber nur bedingt geeignet, das Phänomen der Überlieferung und Übernahme zwischen den Generationen und den Einfluss auf die Bildung sozialer Gruppen angemessen zu beschreiben. Allein die Gegenüberstellung von vorrationaler Tradition und rationaler Moderne greift nicht. Wäre es so, dass der Modernisierungsprozess das Überkommene allmählich abstreifen würde, müsste dieses Phänomen weltweit auch zu beschreiben sein. Tatsächlich bietet der Modernisierungsprozess aber ein differenziertes Bild: Zum Teil werden Traditionen von modernen Entwicklungen und Auffassungen abgelöst (Traditionsabbruch), zum Teil geraten Moderne und Tradition in einen unüberwindbaren Konflikt (Traditionalismus, Fundamentalismus), zum Teil bestehen Tradition und Moderne konfliktlos nebeneinander oder ergänzen sich sogar (Alternativmedizin). Wie wenig sich die Begriffe ausschließen, zeigt sich aber insbesondere daran, dass Modernität selbst zu einer neuen "großen Tradition" geworden ist. Statt Tradition als vormodern zu betrachten, was zu kurz greifen würde, gilt es darum, die soziale Funktion der Tradition auch in modernen und post-modernen Gesellschaften zu beschreiben. Für Anthony Giddens besteht diese Funktion darin, das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft zu organisieren.

Für die soziologische Analyse des Phänomens Tradition bieten sich drei Aspekte an: 1. formal, 2. inhaltlich und 3. strukturell. In formaler Hinsicht ist Tradition abhängig vom Prozess der Tradierung. Inhalte, die nicht tradiert wurden bzw. werden, mögen kulturhistorisch interessant sein, sind aber soziologisch uninteressant für die Betrachtung von Tradition. Inhaltlich zeichnen sich Traditionen durch eine besondere Wertschätzung oder einen besonderen Anspruch aufgrund der Vergangeheitsorientierung aus. Strukturell ist Tradition auf Wiederholung, Weitergabe und Ritualisierung angelegt. In der Perspektive dieser drei Aspekte wird deutlich, wie Tradition kulturelle Leitmuster (guiding patterns) ausbildet und so die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht und diese beeinflusst..

Die ethnologische Forschung konzentriert sich auf die Untersuchung und Beschreibung von konkreten Überlieferungsbeständen in verschiedenen Kulturen. Dazu bedienen sich Ethnologen in der Regel der soziologischen Begriffsbildung; ein originär ethologischer Traditionsbegriff liegt nicht vor. Besondere Bedeutung kommt in den Untersuchungen neben Brauchtum und Riten der Erzählkultur zu: Mündlich überlieferte Geschichte (oral history) sowie Märchen und Mythen gehören in allen Kulturen zu den prägensten Elementen von Gruppen.

So waren auf den Gesellschaftsinseln die Arioi als Angehörige eines Geheimbundes Hüter und Weiterträger der Tradition. In einer Gesellschaft, die keine Schrift kannte, war es wichtig, die religiösen Texte durch ständige Rezitation öffentlich zu verkünden, zu bewahren und zu verbreiten.

Auch die Geschichtswissenschaft versteht unter dem Begriff Tradition alles, was von Begebenheiten in irgendeiner Form überliefert worden ist und durch menschliche Auffassung hindurchgegangen und wiedergegeben ist.

In den vergangenen Jahren sind so genannte „erfundene Traditionen“ (invented traditions, vergleiche Eric Hobsbawm), die zur Legitimierung bestimmter Dinge und Handlungsweisen dienen sollen, zunehmend ins Blickfeld der Historiker gekommen. Die Entdeckung erfundener Traditionen verweist darauf, dass alle Tradition in hohem Maße sozial konstruiert ist. Was wie überliefert wird, ist deutlich auch davon beeinflusst, wie sich eine Generation den folgenden präsentiert.

In der philosophischen Diskussion spielt der Traditionsbegriff kaum eine Rolle. Selbst in etablierten Handbüchern zur Philosophie fehlt häufig eine Erörterung des Themas und eine Analyse des Begriffs. Der Philosoph Karl Popper sah die Entwicklung einer Traditionstheorie vor allem als Aufgabe der Soziologie, nicht der Philosophie. Insofern wird in der Regel auf soziologische oder sozialanthropologische Begriffsklärungen zurück gegriffen. Dennoch haben sich einige Philosophen wie Josef Pieper, die so genannte Ritter-Schule und Alasdair MacIntyre mit der Theorie der Tradition befasst. Pieper hat vor allem die Verbindung von mittelalterlicher Philosophie und Katholizismus in den Blick genommen. Die Ritter-Schule hat Tradition vor allem wegen der geschichtlichen Einbettung allen kulturellen Lebens diskutiert. MacIntyre hat als Kommunitarist auf die Notwendigkeit traditionaler und regional gültiger Maßstäbe für die gegenwärtige Ethik und Politik verwiesen.

In der antiken Rechtssprache (Römisches Recht) war Tradition (traditio) der Übergabeakt einer (beweglichen) Sache zum Beispiel bei der Vererbung und beim Kauf. Daher auch die noch heute manchmal begegnende Verwendung von Tradition als Auslieferung (vergleiche englisch: trade).

Auch im heutigen deutschen Zivilrecht ist zur rechtsgeschäftlichen Übertragung des Eigentums an einer beweglichen Sache grundsätzlich neben der dinglichen Einigung die Übergabe der Sache erforderlich, es gilt also das Traditionsprinzip. Jedoch wird das Traditionsprinzip häufig durchbrochen, indem die Übergabe durch eines der gesetzlich vorgesehenen Übergabesurrogate ersetzt wird (z. B. Vereinbarung eines Besitzkonstitutes oder Abtretung des Herausgabeanspruchs).

In der modernen Rechtswissenschaft bezeichnet Traditionstheorie einen bestimmten Ansatz zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht. Die Traditionstheorie bezeichnet danach die Auffassung, dass bestimmte Rechtsgebiete traditionell dem öffentlichen Recht zugeordnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Rechtsstreitigkeiten innerhalb des Polizei-, des Ordnungs- und des Verwaltungsrechtes. Neben der Traditionstheorie gibt es als weitere Abgrenzungstheorien die Interessentheorie, die Subordinationstheorie (auch: Subjektstheorie) und die Sonderrechtstheorie (auch: modifizierte Subjektstheorie).

Tradition ist im Judentum immer im Zusammenhang von Tradierung, Lehre und Erinnerung gesehen worden. In Deuteronomium 6 (5. Mose 6) findet sich die Anweisung, das jüdische Glaubensbekenntnis als Summe des (göttlichen) Gesetzes an den Sohn weiter zu geben, dass dieser es an seinen Sohn weiter gebe. Außerdem soll die Erinnerung an die Geschichte des eigenen Volkes, seine Entstehung und an den mit Gott am Berge Sinai geschlossenen Bund tradiert werden.

Kern des jüdischen Traditionsverständnisses ist das Gesetz, die Tora. Bei der Überlieferung der Tora wird unterschieden zwischen der schriftlichen Tora (die so genannten fünf Bücher Mose) und der mündlichen Tora, der (zunächst) mündlich überlieferten Auslegung der schriftlichen Tora. Diese ist wiederum zum Teil verschriftlicht im Talmud.

Einen eigenen Begriff für solche Tradition gibt es im Tanach nicht. Es gibt wohl das Wort magan, das überliefern im Sinne von ausliefern meint, nicht aber im hier behandelten Sinn. Ein solches Wort entwickelt sich erst später aus dem Wort masorät (das Verpflichtende, Bindende). Daraus leiten sich die Bezeichnung Masoreten ab, die im speziellen für eine jüdische Gelehrtengruppe des Mittelalters gebraucht wird. Die Masoreten bemühten sich um eine möglichst genaue schriftliche Überlieferung der Tora. Sie erstellten unter hinzufügen der Masora, einem umfangreichen textkritischen Apparat, den sogenannten Masoretischen Text. Masora gilt heute als Kernbegriff des jüdischen Überlieferungsverständnisses.

In der römisch-katholischen Kirche wird unter Tradition die neben der Bibel stehende, aber genauso verbindliche Glaubenslehre seit den Aposteln und Kirchenvätern verstanden. Als Traditionsprinzip dient diese Glaubenslehre in der römisch-katholischen Exegese zur Auslegung der christlichen Heiligen Schrift; nach römisch-katholischer Auffassung kann die wahre Aussage christlich-biblischer Texte nur durch die Auslegungstradition der Kirche verstanden werden. Das Traditionsprinzip ergänzt demnach das Schriftprinzip.

Der Begriff der Orthodoxie verweist bereits auf die beiden wesentlichen Aspekte des orthodoxen Traditionsverständnisses: Orthodoxie heißt zugleich „richtiger Glaube“ und „richtiger Lobpreis“. Die „Rechtgläubigkeit“ bezieht sich vor allem auf die biblische Überlieferung. Für den orthodoxen Glauben ist wichtig, sich dem Ursprünglichen zuzuwenden und diesem Ursprünglichen treu zu bleiben. Der biblische Text gilt als Garant, Herzstück und Kern der Tradition. An diesem Punkt unterscheidet sich die Orthodoxie wesentlich vom römischen Katholizismus, der die kirchliche Lehrtradition eher gleichberechtigt neben die Bibel stellt. In den Anfängen der Reformation sahen die ersten Reformatoren in den orthodoxen Kirchen mögliche Verbündete. Erste Kontaktaufnahmen bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben am Ende aber folgenlos.

Der „rechte Lobpreis“ bezieht sich auf den liturgischen Gottesdienst. Die sogenannte „Göttliche Liturgie“ geht im Kern auf jüdische und frühestchristliche Formen zurück; seit gut 1000 Jahren wird sie in unveränderter Form gefeiert. Allerdings haben sich unterschiedliche Varianten dieser Liturgie entwickelt. Die bekannteste Form geht auf die Liturgie aus Konstantinopel zurück und ist in allen Orthodoxen Kirchen in Gebrauch. Diese liturgische Tradition, zu der neben den Texten auch Melodien, Handlungsabläufe, Gewänder, liturgische Geräte, der Kirchenbau selbst, Ikonen etc. gehören, hat eine ebenso große Bedeutung wie die biblische Lehre und wird auch oft zur Auslegung der Bibel herangezogen.

Seit der Reformationszeit, in der das römisch-katholische Traditionsverständnis kritisiert wurde, entwickelte sich der Begriffsgegensatz von christlicher Heiliger Schrift und Tradition. Das Traditionsprinzip wurde zugunsten des Schriftprinzips als notwendiges Element des wahren Schriftverständnisses aufgegeben; nach evangelischer Lehre ist die heilige Schrift selbsterklärend und deshalb allein die Schrift verbindlich für Fragen des Glaubens (vergleiche sola scriptura). In einer gewissen Spannung hierzu stehen die neuen Traditionen, die sich in den einzelnen evangelischen Konfessionen herausgebildet haben.

Die neuzeitliche Traditionskritik der Aufklärung verdankt sich wesentlich des traditionskritischen Impulses der Reformation, ging aber auch wesentlich darüber hinaus, indem sie auch die Bibel selbst als zu kritisierende Tradition verstand.

Im Kern des islamischen Traditionsverständnisses steht der Begriff der Sunna (arabisch für „Tradition, Überlieferung“). Weil im Koran als dem geoffenbarten Gotteswort nicht für alle Lebensbereiche explizite Regeln bzw. nicht detailliert niedergeschrieben waren, hat sich nach dem Tod Mohammeds ein Lehr- und Rechtssystem entwickelt, das verschiedene säkulare Rechts- und Brauchtumstraditionen aufnahm und in Verbindung mit Mohammed religiös fundierte. Nach zunächst mündlicher Überlieferung in vier verschiedenen Rechtsschulen, die auf verschiedene Imame als Nachfolger Mohammeds zurückgehen, wurde die Sunna gut 200 Jahre nach Mohammeds Tod in mehreren Büchern verschriftlicht. Die überlieferten Rechtssammlungen gelten nicht in allen islamischen Glaubensrichtungen. Die Sunniten halten alle vier Rechtsschulen für orthodox und akzeptieren die gesamte Sunna. Die Schiiten halten nur die Rechtstradition jener Gelehrten für orthodox, die sich zu Ali ibn Abi Talib als einzig legitimen Nachfolger Mohammeds bekennen.

Traditionskritik ist zum einen der Name einer Methode in der historisch-kritischen Textforschung, zum anderen eine Bezeichnung der Kritik an Tradition und den tradierten Inhalten selbst.

1. Traditionskritik als historisch-kritische Methode dient dazu, in verschriftlichten Texten die zugrundeliegenden mündlich verbreiteten Fassungen zu rekonstruieren (beispielsweise bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen, Mythen). Die Traditionskritik steht im Verbund mit anderen historisch-kritischen Methoden, zum Beispiel der Textkritik und der Formkritik, und lässt sich aus diesem Forschungszusammenhang nicht als eigenständige Methode herauslösen.

2. Traditionskritik meint auch Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand. Tradition wird dann problematisch, wenn Formen sich verselbstständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren ging: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe).

In Europa begann mit der Reformation, später mit Rationalismus und Aufklärung, ein kritisches Infragestellen überlieferter Formen des Wissens, Glaubens und der Moral. Mit der Betonung des Vernunftprinzips (das an die Stelle des reformatorischen Schriftprinzips trat) wurde die Gültigkeit jedes Traditionsprinzips in Frage gestellt. Darauf reagierte schon frühzeitig der Französische Traditionalismus, Ausdruck der konservativen Reaktion. Das Kräftemessen von Tradition und Vernunft hält bis in die Gegenwart an. Zusammen mit der Eigendynamik eines rationalisierenden Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung ist derzeit eine weltweite Revision überkommener Werte und Überlieferungen zu beobachten. Als Gegenreaktion sind ebenfalls weltweit fundamentalistische Tendenzen zu verzeichnen. Wie schon der Französische Traditionalismus ist die konservative Reaktion in der Gegenwart häufig religiös legitimiert und gewaltbereit.

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Wicca

Das Pentagramm, ein Symbol, das auch von der Wicca-Religion verwendet wird

Wicca ist eine neureligiöse Bewegung und enthält synkretisch-moderne Mysterienelemente. Wicca versteht sich als die „Religion der Hexen“, und die meisten Anhänger bezeichnen sich auch selbst als Hexen. Manche anderen Glaubensgemeinschaften, insbesondere orthodoxe Christen, sehen im Wicca hingegen eher einen Hexenkult, wobei dieser Begriff, vor allem in der Anfangsphase der Entwicklung von Wicca, auch von Anhängern (z. B. Gerald Gardner oder Starhawk) verwendet wurde und teilweise immer noch verwendet wird. Es bestehen zahlreiche Parallelen zum feministischen Kult der Großen Göttin; im Wicca sind aber, entgegen der reinen Göttinnenspiritualität, eine weibliche Göttin und ein männlicher Gott gleichberechtigte Partner und Repräsentanten einer polaren Natur. Die meisten Wicca (Anhänger dieser Religion) verstehen Wicca als eine Form von wiederbelebter Naturreligion und als eine Glaubensrichtung des Neuheidentums; die meisten der unterschiedlichen Wicca-Richtungen sind aber im Gegensatz zu rekonstruktiven neopaganen Bewegungen explizit synkretistisch und eklektisch sowie anti-patriarchalisch – eine Ausnahme macht nur der „animistische Pfad“. Trotz schamanistischer Einflüsse durch manche Autoren ist die Zuordnung von Wicca zum Bereich des Neoschamanismus sehr umstritten und wird von den meisten Anhängern weitgehend abgelehnt, obwohl einige Ethnologen hier deutliche Zusammenhänge sehen.

Der Begriff Wicca wurde aus dem Angelsächsischen übernommen, wo das Wort wicca (ausgesprochen ) „Hexer, Zauberer“ bedeutet; die weibliche Form war wicce (). Auch das heutige englische Wort witch für „Hexe“ geht sprachgeschichtlich auf wicce bzw. wicca zurück. Der moderne Begriff erscheint zunächst in der Form Wica in Gardners Witchcraft Today (1954) als Bezeichnung für die Vertreter der von ihm beschriebenen „Alten Religion“ (und nicht für die Religion selbst). Die Schreibweise Wicca ist von ihm erstmals 1969 belegt.

Völlig unabhängig von Gardner verwendete J.R.R. Tolkien den Begriff wicca für die beiden Zauberer Gandalf und Saruman bereits 1942 in seinem ersten Manuskript zum Band Die zwei Türme des Werkes Herr der Ringe. Dies ist durch eine Fußnote im Kapitel 20, The Riders of Rohan, im siebten Band der zwölfbändigen Dokumentation seines Schaffens durch seinen Sohn Christopher belegt. In der 1969 gedruckten Ausgabe des Herr der Ringe ersetzte Tolkien jedoch den Begriff wicca durch wizard.

Zur Wortherkunft des altenglischen wicca, wicce gibt es verschiedene Ansichten. Das palatalisierte /ʧ/ spricht für die Ableitung des maskulinen aus dem femininen Substantiv oder aber Ableitung von beiden aus dem zugehörigen Verb wiccian, „behexen“. Möglicherweise verwandt ist wigle, „Wahrsagerei“, das seinerseits auf dem rekonstruierten indoeuropäischen Wortstamm *weg beruht, welcher vermutlich Wachsamkeit und Lebhaftigkeit bezeichnete. Grimm verbindet das Wort dagegen mit Gotisch weihs, „heilig“.

Gerald Gardner und andere Wicca-Autoren haben stattdessen eine Herkunft von dem altenglischen Wort wita für „weiser Mensch“ oder witan für „wissen“ vorgeschlagen, was darauf Bezug nimmt, dass Hexen früher als Weise gegolten haben sollen. Aufgrund dieser Ableitung wird Wicca heute manchmal auch als „Craft of the Wise“ bezeichnet. Diese Etymologie wurde bereits im 19. Jhdt. von Walter William Skeat vorgeschlagen und würde wicca als eine Abwandlung des früheren witga deuten. Da keine altenglische Schreibung mit t bekannt ist, gilt diese Etymologie aber als unwahrscheinlich. Graves (1948) schlägt zudem eine Verbindung zur Wortwurzel *wei vor, die „biegen“ bedeutet, und sieht daher Wortverwandtschaften mit „willow“ („Weide“) und „wicker“ (geflochtene Korbwaren). Der Bezug zur Hexerei sei demnach die Verwendung von Magie zum „biegen“ bzw. „beugen“ der Kräfte der Natur oder auch in abstrakterer Form als Bezug zur Vorstellung der „Schicksalsweber“ (siehe auch Nornen). Auch Graves Vermutung gilt jedoch als unwahrscheinlich.

In Deutschland war „Wicca“ kurzzeitig ein geschützter Begriff, die Eintragung wurde jedoch nach einigen Monaten wieder gelöscht. Ebenfalls üblich sind die Bezeichnungen „Alte Religion“ (vermutlich basierend auf Charles Lelands Buch Aradia – Die Lehre der Hexen von 1899, in dem er den Hexenkult als „la Vecchia Religione“, also als „die Alte Religion“ bezeichnet, wobei schon Friedrich Schlegel 1789 die Verehrung der Natur durch das Weibliche als „die Alte Religion“ definierte) und „Alter Pfad“, die ausdrücken, dass Wicca sich in der Tradition ursprünglicher Kulte sieht, die Magie und Religion nicht trennen.

Wicca gehört zu den mitgliederreichsten Gruppierungen im Spektrum des Neopaganismus und ist insbesondere im angloamerikanischen Raum besonders stark verbreitet. In den Vereinigten Staaten, dem einzigen Land, das eine gesetzliche Anerkennung des Religionsstatus von Glaubensgemeinschaften vorsieht, ist Wicca seit 1994 als Religion staatlich anerkannt. Heute gibt es in den USA ca. zwei Millionen Menschen, welche unter dem Begriff „Wicca“ neuheidnische Religion praktizieren.

Obwohl Angehörige der Wicca-Bewegung meist als Hexen bezeichnet werden, ist nicht jede Hexe zugleich ein Wicca – und umgekehrt. Es gibt verschiedene Strömungen mit unterschiedlichen Glaubens- und Lebensvorstellungen. Im Europäischen Raum „arbeiten“ viele Hexen allein und sehen sich nicht als Wicca, sondern fühlen sich einer anderen Religion (z. B. Christentum) zugehörig. Viele Etymologen definieren den Begriff „Hexe“ als einen Sachbegriff („jemand, der sich mit Naturmagie befasst“), ebenso wie der Begriff „Schamane“. Beide Begriffe sind nicht an eine spezifische Religion gebunden. „Wicca“ ist jedoch ein religiöser Begriff – unabhängig davon, ob diese Religion als Neukonstruktion oder als Fortführung einer älteren Religion von den Ausführenden angesehen wird.

Die Wicca-Religion wurde begründet durch Gerald Brousseau Gardner (1884–1964), der 1954 (allerdings in der Schreibweise wica) den Begriff „Wicca“ einführte. Er gab an, er sei in einen bestehenden Hexencoven, den New Forest Coven, initiiert worden. In späteren Jahren waren neben Gardner Vivianne Crowley und Doreen Valiente weitere führende Personen, die zur Entwicklung dieser Glaubensrichtung beitrugen. Valiente verfasste sehr viele der heute als „traditionell“ bekannten Texte (z. B. The Charge of the Goddess und The Wiccan Creed), ebenso überarbeitete sie verschiedene Passagen des Buches der Schatten, welche von Gerald Gardner aus den Werken von Aleister Crowley übernommen wurden. Gardner und Valiente trennten sich wegen Unstimmigkeiten, und Patricia Crowther trat ihre Nachfolge an.

Die Alexandrische Linie wurde von Alex Sanders gegründet, wobei nicht zweifelsfrei geklärt ist, von wem Sanders initiiert wurde. Die Gründung der Alexandrischen Linie galt zunächst als Schisma, gehört aber mittlerweile zum Wicca im engeren Sinne.

Nach Amerika wurde Wicca durch Raymond und Rosemary Buckland – Initianten der Gardnerischen Linie – gebracht, wo Buckland in späteren Jahren auch eine eigene Linie, das Seax Wica, gründete. In Amerika wurde Wicca unter anderem durch Zsuzsanna Budapest und Miriam Simos (besser bekannt als Starhawk) mit Elementen feministischer Göttinnen-Spiritualität angereichert (Dianic Wicca, Reclaiming-Tradition), während durch Selena Fox schamanistische Einflüsse ihren Einzug fanden, so z. B. afrikanische und indianische Traditionen wie Trommeln, ekstatische Tänze und Visionsarbeit.

Janet und Stewart Farrar veröffentlichten in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche bis dahin nicht allgemein bekannte Rituale in ihren Büchern, insbesondere die meisten der heutigen acht Sabbat-Rituale. Dem Vorwurf, sie hätten mit dieser Bekanntmachung geheimer Rituale gegen das Schweigegebot der Wicca-Coven verstoßen, entgegnete Janet Farrar, dass diese Rituale entweder schon zuvor durch Gerald Gardner selbst oder durch Doreen Valiente öffentlich gemacht worden waren oder sie erst durch die Farrars auf der Grundlage älterer Quellen neu geschaffen worden waren.

Sowohl Raymond Buckland als auch Janet Farrar und ihr neuer Ehemann Gavin Bone (sie heirateten circa ein Jahr nach Stuarts Tod) lehnen die Ausschließlichkeit der Initiation innerhalb der bestehenden Traditionslinien als Dogmatismus ab und befürworten eine Selbstinitiation, die eigentlich eine Initiation durch Göttin und Gott sei, wie schon Doreen Valiente in ihrem Buch 1978 hervorgehoben wurde. Auch Vivianne Crowley lehnte Selbstinitiation nicht grundsätzlich ab, hielt sie aber nur für eine Notlösung. Das moderne eklektische Neowicca der sogenannten „freifliegenden“ Hexen, die selbstinitiiert und nicht in Coven organisiert sind, führte u. a. durch die Bestseller von Scott Cunningham und Silver RavenWolf zu einer enormen Steigerung der Verbreitung von Wicca seit dem Ende der 1980er Jahre, aber auch zu gegenläufigen Bestrebungen, die gardnerianischen und alexandrischen Traditionen zu bewahren.

Die traditionellen Wicca-Anhänger schließen sich üblicherweise einem Konvent oder Coven (englisch für Hexenzirkel) an, einem Arbeits- und Anbetungskreis, einer Organisationsform, die auf den schottischen Hexenglauben zurückgehen soll, aber wahrscheinlich ältere Quellen hat.

Keine zwei Coven gleichen einander in ihren Glaubensansichten, und selbst die beschriebene Grundstruktur ist nicht notwendigerweise in allen Coven gleich. Die Stilrichtungen reichen von ägyptisch über keltisch bis hin zu indianisch oder synkretistischen Mischungen – in der Ethnologie wird dergleichen als eklektische Vorgehensweise bezeichnet. Die meisten Coven legen Wert auf eine Verbindung zu vorchristlichen Religionen.

Ein Coven besteht nach traditioneller Ansicht idealerweise aus 13 Personen (eine Zahl, die bei Wicca eine besondere Bedeutung hat), welche möglichst in Arbeitspaare aus Frau und Mann gegliedert sind. Das Paar Hohepriesterin/Hohepriester wird als eine Einheit und quasi als eine Person gesehen. Größere Coven neigen in der Regel dazu, sich über kurz oder lang aufzuspalten und einen Tochter-Coven hervorzubringen. Ein Coven hat in der Wicca-Tradition eine Hohepriesterin und einen (mindestens zweitgradig initiierten) Hohepriester als Leiter sowie eine Maiden („das Mädchen“ oder „die Jungfrau“) als Stellvertreterin der Hohepriesterin. Allen dreien fallen in den meisten Ritualen bestimmte Aufgaben zu. Der Coven trifft sich insbesondere an den Feiertagen (Sabbat) und den Vollmondtagen (Esbat). Einige, aber nicht alle Coven praktizieren „im Himmelskleid“ (von engl. skyclad, d. h. rituelle Nacktheit), als ein Zeichen ihrer Verbundenheit zur Natur und der persönlichen Freiheit. Andere wiederum tragen besondere Gewänder oder wieder andere nur Alltagskleidung.

Falls die Mitgliederzahl eines Coven zu groß wird, gründet ein Arbeitspaar des Muttercovens mit beliebig vielen mitgenommenen Mitgliedern einen neuen Kreis, traditionell mindestens 3 Meilen (etwa 5 km) vom Muttercoven entfernt. Die Entfernung soll dem Entstehen einer organisierten Religion bzw. Kirche vorbeugen.

Die Zeremonie zur Initiation, d. h. der offiziellen religiösen Einweihung in einen Hexen-Coven, wird von einem/einer gegengeschlechtlichen Hohepriester(in) abgehalten. Durch die Initiation erfolgt (unter anderem) die freiwillige Widmung des Initianten an ein bestimmtes göttliches Wesen und die an antike Mysterienkulte angelehnte Vermittlung von Wissen und tieferer Einsicht. Im Wicca existieren insgesamt drei Grade: Der erste Grad ist der Grad der Göttin und des Wassers. Der zweite Grad ist der Grad des Gottes. Mit dem zweiten Grad wird der Wicca zum Hohepriester geweiht. Mit diesem Rang wäre es bereits möglich, einen eigenen Coven zu leiten. Die Verbindung mit der Universalenergie, die Vereinigung von Gott und Göttin – dem Animus und der Anima (nach Ansicht von Vivianne Crowley, 2004) – ist die Arbeit im dritten Grad, was jedoch von manchen Wicca auch anders gesehen wird.

Im Rahmen der Initiation erfolgt auch die Weitergabe eines handschriftlich angelegten „Buchs der Schatten“. Dieses innerhalb eines Covens weitergegebene Buch ist aber nicht statisch, sondern wird im Laufe der Zeit ergänzt oder erweitert. In einigen Traditionen wird zusätzlich die Urversion der jeweiligen Linie tradiert. Diese enthält vor allem Rituale, weniger Dogmen oder feste Richtlinien. Ferner haben viele Coven noch ein eigenes „Buch der Schatten“, in das geheimes Wissen, Rituale, Anrufungen und eigene Erfahrungen eingetragen werden können.

Wicca glauben daran, dass alles im Grunde eine Einheit und miteinander verbunden ist (Holismus). Sie verehren die Natur als heilig, da sie eins ist mit dem göttlichen Urgrund und dem Menschen in körperlicher und geistiger Hinsicht Kraft spendet. Wicca ist also keine dualistische Religion, die Gott und Schöpfung als voneinander getrennt betrachtet. Wicca ist somit eher panentheistisch statt theistisch zu verstehen. Die beiden polaren Mächte, die im Mittelpunkt stehen, werden als dreifache Mond-Göttin (Jungfrau, Mutter, Weise) oder auch Erdmutter (Gaia) sowie als dualer „Gehörnter Gott“ (Fruchtbarkeitsgott und Todesgott; häufig assoziierte Aspekte: geopferter Jahresgott, Grüner Mann, Himmelsvater, Sonnengott) personifiziert. Basierend auf der Psychologie von Carl Gustav Jung werden diese Gottheiten jedoch von vielen Wicca nur als Archetypen des kollektiven Unbewussten angesehen, oder Göttin und Gott werden als Symbole für Anima und Animus im individuellen Unterbewusstsein angesehen. Oftmals werden die Göttin und der Gott auch als polare Aspekte eines allumfassenden, ungeschlechtlichen und monistischen Eins gesehen, das von Patricia Crowther als Dryghten bezeichnet wurde (ein altgermanisches Wort, welches sich als Dryghtyn als Bezeichnung für Gott in manchen alten englischen Bibeln findet, verwandt dem althochdeutschen trôthin und trëuga, basierend auf dem Proto-Indoeuropäischen *trw). Diese Vorstellung eines All-Einen, die aber nicht von allen Wicca geteilt wird, ähnelt dem hinduistischen Konzept des Brahman oder dem buddhistischen Shunyata sowie dem taoistischen Tao. Da Wicca, wie Anhänger vieler anderen Formen des Neuheidentums auch, im Sinne eines philosophischen Panpsychismus daran glauben, dass alles in der Welt lebendig und beseelt ist, gibt es auch deutliche Bezüge zum Animismus ursprünglicher Naturreligionen.

Wicca „arbeiten“ in ihren Ritualen häufig mit verschiedenen Gottheiten. Im Gegensatz zu echten Polytheisten sehen Wicca diese Gottheiten aber nur als verschiedene Erscheinungsformen oder Facetten ihrer zwei großen Hauptgottheiten, der Göttin und dem Gott. Es gilt bei Vielen der Grundsatz „Alle Göttinnen sind eine Göttin und alle Götter sind ein Gott“ (erstmals zu finden in Dion Fortunes Roman Die Seepriesterin 1938, aber in sehr ähnlicher Form auch schon bei Apuleius in der Antike). Typischerweise steht die Göttin für das passive und lunare weibliche Prinzip (Yin) und der Gehörnte Gott für das aktive und solare männliche Prinzip (Yang), wobei das Horn Zeugungskraft, Macht und Stärke symbolisiert. Diese beiden Prinzipien sind gleichberechtigt und beide notwendig, denn das allganze Göttliche wird als Vereinigung dieser Polaritäten verstanden. Wicca ist daher für einige Theologen nur vordergründig duo-theistisch, da zumindest gewissen Traditionen und Strömungen im Wicca auch monotheistische oder non-duale Aspekte aufweisen. Individuen wählen als Identifikationspunkt ihre persönliche Gottheit aus diversen Gottheiten verschiedener Pantheone, deren Geschichte sie als besonders inspirierend erachten und auf die sie sich zur persönlichen Verehrung am meisten beziehen wollen. Ähnlich werden Coven einige Gottheiten als Gruppenfokus wählen. Manchmal werden diese spezifischen Gottheiten auch geheimgehalten. Wicca legen Wert auf Freiheit und sehen sich als gleichberechtigte Partner der Gottheiten an, die Demutsgesten nicht als angemessenes Mittel der Verehrung betrachten.

Im britischen Wicca ist oft auch noch der Name Herne für den gehörnten Gott gebräuchlich.

Manche Wicca folgen einem stärker pantheistischen Ansatz und verzichten ganz auf die Verehrung personaler Gottheiten. Allen gemeinsam ist der Kern, dass eine ekstatische Vereinigung mit der Natur und die Kommunikation mit dem (personifizierten oder abstrakten) Göttlichen angestrebt wird. Hier scheinen wieder schamanische Grundsätze durch; siehe Mircea Eliade in seinem Buch Schamanische Ekstasetechniken.

Die Glaubensinhalte im Wicca haben teilweise erhebliche Ähnlichkeiten mit den Vorstellungen der Ewigen Philosophie (Philosophia perennis), wie sie im Neuplatonismus, der christlichen Mystik, der jüdischen Mystik (Kabbala) und der islamischen Mystik (Sufismus), im Hinduismus (Advaita Vedanta), Buddhismus (Tantra, Zen) und Taoismus sowie in der Theosophie und Anthroposophie zu finden sind. Aufgrund der starken Ähnlichkeiten mit dem Neoplatonismus wird gelegentlich ein Zusammenhang zwischen Wicca und der untergegangenen Religion der Sabier aus Harran hergestellt. Zu den geistigen „Ahnen“ von Wicca zählen nach Ansicht der Religionshistoriker (z. B. Hutton, 2001) zudem das Rosenkreuzertum und die Freimaurerei sowie die Hermetik, Alchemie, Zeremonialmagie und Ritualmagie (z. B. das mittelalterliche Grimoire Clavicula Salomonis, dem viele von Gardners Ritualen entlehnt sind). Dies stößt jedoch noch immer bei einigen Wicca auf Widerspruch, die Gardner eher für einen Autor halten, der nur „Offensichtliches“ einer weit älteren Religion wieder hervorgebracht habe – so dass nach ihrer Meinung der Einfluss genau umgekehrt war: Die „Alte Religion“ habe die Freimaurer und Rosenkreuzer beeinflusst, und die Entwicklung in unserer modernen Zeit sei nur ein Flashback. Für die Entwicklung von Wicca war insbesondere der Hermetic Order of the Golden Dawn von großer Bedeutung. In jüngerer Zeit sind auch schamanistische Einflüsse unverkennbar sowie eine stärkere Orientierung am keltischen und germanischen Heidentum.

Im Gegensatz zu manchen großen Weltreligionen (z. B. Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus), die das eigentliche Heil eher im Jenseits suchen und die materielle Welt als unrein oder leidvoll betrachten, ist Wicca eine freudvolle, lustbetonte und dieseitsbejahende Religion, die den Körper nicht als ein zu überwindendes Übel ansieht und Körperlichkeit und Natur auch nicht als sündhaft, sondern als im höchsten Maße heilig erachtet.

Da sie alles in der Welt als kreisläufige Prozesse von Werden und Vergehen verstehen, gehen Wicca-Anhänger auch von einer Wiedergeburt der Seele aus. Auf Grund der Regel der dreifachen Wiederkehr glauben sie auch an Karma, aber nicht daran, dass jedes persönliche Unglück durch schlechtes Karma selbstverschuldet sei. Sie glauben auch nicht an Determinismus und Prädestination, sondern vertreten im Gegenteil, dass die eigene Seele frei sei und man selbst die Verantwortung für sein Leben trage. Zwischen den Wiedergeburten soll sich die Seele für gewisse Zeit im „Sommerland“ genannten Jenseits ausruhen. Diese Jenseitsvorstellung beruht auf keltischen, hinduistischen (Devachan) und theosophischen Wurzeln, hat jedoch auch gewisse Anklänge an die christlichen und islamischen Paradiesvorstellungen. Im Gegensatz zu den fernöstlichen Wiedergeburtslehren betrachtet Wicca den Kreislauf der Reinkarnation (Samsara) nicht als etwas Negatives, dessen Folgen nur Leiden sind, die durch spirituelle Entwicklung (Moksha) überwunden werden sollten, sondern als natürlichen und ewigen Kreislauf, der heilig und auch erstrebenswert ist.

Aus den fernöstlichen Religionen und der Theosophie übernommen werden oftmals auch die Vorstellungen von der Existenz mehrerer Schichten von Energiekörpern (Ätherleib, Astralleib etc.), die durch die sieben Chakras sowie die sogenannte Silberschnur mit dem physischen Körper wechselwirken sollen. Energiearbeit ist somit ein zentraler Bestandteil der magischen Rituale. Astralreisen werden ebenfalls als Mittel der Magie gesehen, wobei die Flugsalben früherer Hexen solche Erfahrungen durch Drogen unterstützt haben sollen.

Ein wichtiges Glaubensprinzip ist auch die Regel „Wie oben, so unten“ („As above, so below“), die besagen soll, dass in allen Bereichen des Kosmos, im Großen wie im Kleinen, die gleichen polaren Ordnungsprinzipien am Werk seien und dass sich auch im Kleinsten stets das Ganze widerspiegele. Der Satz stammt ursprünglich aus der hermetischen Schrift Tabula Smaragdina. Er repräsentiert inzwischen eine weit verbreitete Auffassung im Bereich der Esoterik und des New-Age-Denkens.

Wicca versteht sich als eine tolerante Religion und erhebt keinen Anspruch auf Alleingültigkeit. Sie lehnt Dogmatismus, Fanatismus und Diskriminierungen anderer Religionen ab. Als eine egalitäre, freiheitliche, anarchische und ökologische Religion sieht sich Wicca als eine zeitgemäße Alternative für gelebte Spiritualität.

Entsprechend dem Verständnis von eigener Verantwortung dient Magie im Wicca-Kult nur dazu, natürliche Energien zu lenken und notwendige Veränderungen zum Positiven an zu stoßen. Gewaltfreiheit und Naturverbundenheit haben einen hohen Stellenwert.

Die ethischen Grundsätze im Wicca basieren auf der Weisung (Rede) „Solange es niemandem schadet, tu, was du willst“ (An ye harm none do as ye will) und der Regel der (dreifachen) Wiederkehr „Alles, was von dir ausgeht, fällt dreifach auf dich zurück“.

Der Begriff Rede ist vom altenglischen Wort roedan abgeleitet, das führen oder anleiten bedeutet. Der unmittelbare Ursprung der Wiccan-Rede ist Gerald Gardners Buch The Meaning of Witchcraft (1959), in dem er den Ausspruch des Königs Pausole „Do what you like so long as you harm no one“ erwähnt, der aus dem Roman The Adventures of King Pausole (1901) von Pierre Louÿs stammt. Es wird aber allgemein angenommen, dass die Rede auch durch Aleister Crowleys Gesetz von Thelema inspiriert wurde, das lautet: „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“. Crowley könnte dabei seinerseits durch die Augustinus Worte „Liebe und tue, was du willst“ beeinflusst gewesen sein, oder durch die Worte „Do as thou wilt …“ des Autors François Rabelais aus dem Roman Gargantua (1534). Ein bislang weitgehend übersehener, möglicher Ursprung des Wortlautes der Wiccan-Rede könnte die französische Verfassung von 1791 sein, in der definiert wird: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“. Die heutige acht-Worte-Fassung der Rede stammt von einer Ansprache Doreen Valientes am 3. Oktober 1964 und wurde noch im selben Jahr von Gerard Noel veröffentlicht.

Die „Rede“ wird oft auch von Wicca-Anhängern dahingehend interpretiert, dass sie alle Handlungen verbiete, die irgendwie Schaden irgendwelcher Art bewirken könnten. Es gibt aber auch die Ansicht, dass die Freiheit, zu tun, was man will, nur unter der Voraussetzung gilt, dass man dabei niemandem schadet. Handlungen, die schaden, sind also nicht in gleicher Weise frei, sondern müssen gegebenenfalls hinreichend gerechtfertigt und in ihrem Ausmaß angemessen sein. Andere Interpretationen sehen in der Rede eine Forderung, seinen wahren Willen zu erkunden und diesen auszuüben unter der Einschränkung, dabei keinem (anderen oder sich selbst) zu schaden.

Die Regel der dreifachen Wiederkehr stützt sich auf das Prinzip von Ursache und Wirkung und den Gedanken, dass alles, was man tut, auch Konsequenzen hat, wobei kleine Ursachen auch große Wirkungen haben können. Diese Regel ist aber nur entfernt verwandt mit dem östlichen Konzept des Karmas. Die Kombination von „Rede“ und der Regel der Wiederkehr erfüllen in der Wicca-Ethik weitgehend die Funktion der „Goldenen Regel“.

Die Aussage der „Rede“ ist einer der Faktoren, weshalb christliche und andere Gruppen kritisieren, dass Wicca eine hedonistische Religion für die Konsum- und Spaßgesellschaft sei. Ihre Anhänger hingegen sehen Wicca als eine Religion, deren Ethik sehr stark auf dem Gedanken der Eigenverantwortung basiert. Jeder Mensch muss selbst abwägen und überlegen, um wirklich moralisch handeln zu können, und muss für sein Handeln auch die Konsequenzen tragen (Regel der dreifachen Wiederkehr). Diese Betonung von eigener Verantwortung unterscheidet die Ethik neopaganer Religionen im allgemeinen grundsätzlich von der auf Gottesfurcht und Gehorsam basierenden Ethik der großen monotheistischen Religionen, aber hebt sich auch deutlich ab von denjenigen ethischen Maßstäben, die den Willen oder das Wohlergehen der Mehrheit in den Mittelpunkt stellen, wie z. B. Rechtspositivismus und Utilitarismus). Die Wiccan-Rede korrespondiert mit ihrer Betonung von Freiheit, Selbstverantwortung und Schädigungsverbot weitgehend mit der naturrechtlichen Ethik der menschlichen Freiheit und dem Grundprinzip des Aggressionsverzichts im Individualanarchismus und im modernen Libertarismus. Im Gegensatz zu diesen individualistisch-anarchistischen Strömungen betont Wicca jedoch nicht nur die individuelle Freiheit, sondern auch die soziale Eingebundenheit jedes Einzelnen in die gesellschaftliche Gemeinschaft.

Der Jahreskreis, auch Jahresrad genannt, bezeichnet das in der Wicca-Religion gebräuchliche System von acht jahreszeitlichen Festtagen, das den Zyklus von Werden und Vergehen in der Natur symbolisiert. Es hat große Ähnlichkeiten mit dem im keltischen Neuheidentum gebräuchlichen keltischen Jahreskreis. Beide Systeme sind nicht antiken Ursprungs, sondern eine moderne Verbindung der vier keltischen Hochfeste mit den germanischen Sonnenwendfesten und der Verehrung der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen durch bronzezeitliche Kulturen. Auch die Namen für zwei der Festtage (Litha und Mabon), sowie viele der Rituale, sind moderne Neuschöpfungen.

Die acht Haupt-Feiertage, genannt Sabbats, richten sich nach dem Jahreslauf (die teils nach festen Daten, teils nach natürlichen oder astrologischen Ereignissen berechnet werden).

Die vier Feuerfeste gelten als die „höheren“ Festtage und werden daher auch als Große Sabbate bezeichnet. Sie liegen jeweils genau in der Mitte zwischen zwei solaren Festen, und werden deshalb auch als Kreuz-Viertel Tage bezeichnet. Für die Bestimmung der genauen Daten der Drei-Viertel Tage gibt es je nach Tradition unterschiedliche Vorgehensweisen. Traditionellerweise werden die mit den Kalenden übereinstimmenden Daten verwendet, in anderen Traditionen werden diese auch kalendarisch genau zwischen den solaren Festen gefeiert.

Die vier solaren Feste, die nach astronomischen Konstellationen des Sonnenstandes bestimmt werden, werden auch als Kleine Sabbate bezeichnet und sind.

Neben den acht Sabbat-Festen gibt es die 13 Esbats, die zu Ehren der Göttin bei Vollmond (manchmal auch Schwarzmond) veranstaltet werden. Bei ihnen handelt es sich um magische Arbeitstage.

Athame und Zauberstab werden mit der rechten Hand (bei Linkshändern der linken Hand) gehalten. Diese Hand, die auch „Schutzhand“ genannt wird, steht symbolisch für den Punkt, an dem die persönliche Kraft aus dem Körper strömt. Die linke Hand (bei Linkshändern die rechte Hand) dagegen heißt „rezeptive Hand“, weil durch sie Energie in unseren Körper strömt. In manchen Ritualen symbolisiert der Kelch das weibliche Prinzip (den Schoß) und die Athame das männliche Prinzip (den Phallus), ganz im Sinne von Riane Eislers „Kelch und Schwert“, bei einigen Traditionen/Pfaden ist die Bedeutung von Athame und Stab (und die jeweilige Zuordnung zur Himmelsrichtung) vertauscht.

Beim Ernten von Blumen, Kräutern usw. wird zunächst durch die Kraft der Visualisierung eine Verbindung mit der Pflanze hergestellt. Erst dann wird das Benötigte mit der Bolline (einem weißen Messer) geschnitten. Zum Abschluss wird eine kleine Opfergabe vor die Pflanze gelegt (z. B. ein schöner Stein, ein Schuss Wein) und diese bedeckt.

Die klassische Elementelehre ist ein wesentlicher Bestandteil der Weltsicht von Wicca. Jede manifeste Form wird als Ausprägung der vier archetypischen Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer verstanden, die unterschiedlich interpretiert werden (manchmal materialistisch als Aggregatzustände, meist aber esoterisch als subtile Energien). In der Regel kommt noch als fünftes Element oder Quintessenz der Äther bzw. Akasha für den Geist hinzu. Die fünf Spitzen des Pentagramms symbolisieren im Wicca diese fünf Elemente. Bei der Beschwörung des magischen Kreises werden an den Kardinalpunkten neben den vier Himmelsrichtungen und Kreisvierteln oft auch die vier Elemente angerufen, die in Form von vier Elementeherrschern (Elementekönige oder Wachtürme) personalisiert werden, die über die entsprechenden Elementargeister gebieten sollen. Beeinflusst durch seine Beziehungen zum Hermetic Order of the Golden Dawn, wurde das Konzept der Elementarmagie und der Wachtürme von Gerald Gardner aus dem System der henochischen Magie von John Dee und Edward Kelley entlehnt. Die Wicca-Vorstellungen über die Elementargeister basieren weitgehend auf den Werken von Paracelsus sowie der Theosophie bzw. der daraus hervorgegangenen Anthroposophie Rudolf Steiners.

Unter Eclectic Wicca versteht man Wicca-Anhänger, die keiner speziellen Tradition angehören, sich aber bei verschiedenen Traditionen und Kulturen bedienen. Eklektiker können sowohl in einem Coven initiiert werden als auch eine Selbstinitiation gegenüber dem Gott und der Göttin durchführen.

Solitary-Wicca („Freifliegende Hexen“) ist ein besonders „freier“ Wicca-Stil, der die persönliche Freiheit betont und eine hierarchische Struktur vermeidet. Es umfasst alle Wicca, die nicht in Coven organisiert sind und eigenständig lernen.

Neo-Wicca ist keine Tradition im eigentlichen Sinne, sondern der Sammelbegriff für moderne und offenere Interpretationen von Wicca – mit geringerer Betonung von Themen wie Sexualität und Tod, und meist auf der Grundlage von Selbstinitiation.

Ernsthafte Vertreter der Wicca-Religion und anderer neopaganer Kulte verwenden im englischen Sprachraum gerne den Begriff Fluffy Bunnies als zumeist abwertende Bezeichnung für Neulinge, meistens Mädchen im Teenager-Alter, die durch Fernseh-Serien wie Buffy oder Charmed zu Wicca gekommen sind und sich nur oberflächlich aus wenigen Büchern (z. B. von Silver RavenWolf) informiert haben. Kennzeichnend für Fluffy Bunnies ist u. a., dass sie eine relativ einfältige Auffassung von Magie und Wicca-Ethik haben, sowie immer wieder längst widerlegte Geschichtsmythen unkritisch zitieren (z. B. Wicca sei eine uralte Göttinnenreligion aus dem vorgeschichtlichen Matriarchat, oder angeblich seien 9 Millionen Hexen während der „Burning Times“ verbrannt worden, oder in Salem seien Hexen verbrannt worden, usw.).

Die ersten englischsprachigen, wissenschaftlichen Abhandlungen zur geschichtlichen Entwicklung und zum Glaubenssystem von Wicca waren die Bücher der amerikanischen Journalistin Margot Adler (1987) und der amerikanischen Anthropologin Tanya Luhrmann (1989). Erste englischsprachige Dissertationen zu Wicca stammen von Gini Graham Scott (1976), Joan Ludecke (1989) und der Sozialanthropologin Susan Greenwood (2000).

Der Wicca-Autor Aidan Kelly vertrat 1991 in einem Buch die These, dass Wicca eine Kreation von Gerald Gardner sei, und die von diesem behaupteten älteren Traditionen (z. B. hinsichtlich der Person von Dorothy Clutterbuck und des New Forest Coven) nicht authentisch seien. Diese Arbeit wurde jedoch auch aus wissenschaftlicher Sicht kritisiert. Kelly (2008) bekräftigte seine Ansichten und belegte sie ausführlicher in einem neuen Buch.

Der Historiker Ronald Hutton (1999) lieferte die erste unabhängige und ausführliche wissenschaftliche Abhandlung zur Entstehungsgeschichte der modernen Hexenreligion. Auch Hutton kam zu dem Ergebnis, dass Wicca weitgehend eine Neuschöpfung Gerald Gardners sei, aufbauend auf bestehenden magischen Traditionen und Organisationen (Isis Mysterienkult, Theosophische Gesellschaft, Antiquus Mysticusque Ordo Rosæ Crucis AMORC, Rosicrucian Society, Rosicrucian Order Crotona Fellowship, Hermetic Order of the Golden Dawn, Ordo Templi Orientis OTO, Thelema, Ancient Druid Order, Orden der Barden, Ovaten und Druiden OBOD, etc.), Riten der Freimaurerei (insbesondere die, auch Frauen zulassende, Co-Masonry), der romantischen Woodcraft-Bewegung (insbesondere des Order of Woodcraft Chivalry) und sogar des Nudismus, sowie den Büchern von Michelet, Leland, Murray, Frazer und Graves.

Ein neueres Buch von Philip Heselton (2003), zu dem Ronald Hutton das Vorwort verfasste, kommt auf Grund weiterer Nachforschungen hinsichtlich Dorothy Clutterbuck und einigen weiteren Punkten zu anderen Schlussfolgerungen.

Eine persönliche „Innenansicht“ der Geschichte von Wicca wurde von Frederic Lamond (2005) in seinem Buch Fifty Years of Wicca veröffentlicht, kann aber nicht als wissenschaftlich neutrale Studie gelten und beansprucht dies auch nicht.

Die religionswissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass Wicca durch eine Synthese und Neokombination zahlreicher Elemente zustande gekommen ist. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestanden günstige Voraussetzungen für eine Wiederbelebung der alten Naturreligionen. Durch die Romantik am Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ein großes Interesse an vorchristlichen Kulturen Europas geweckt. Auch später noch gab es einflussreiche kulturelle Strömungen, welche die Sehnsucht nach der Verbindung von Mensch, Kultur und Natur ausdrückten (z. B. Woodcraft-Bewegung). Für viele Intellektuelle, die den Glauben an das Christentum verloren hatten, stellte die Natur die Verbindung zwischen dem Menschen und alten heidnischen Religionen dar. Hinzu kommt, dass im Jahr 1951 in Großbritannien der Witchcraft Act, der Hexerei unter Strafe stellte, aufgehoben wurde.

Die Organisation in Coven, die drei Initiationsgrade und auch einige magische Symbole stammen aus der Welt der Freimaurerei. Mitglieder der Freimaurerlogen wurden zur uneingeschränkten Verschwiegenheit verpflichtet, wie heute noch einige Wicca im Bezug auf Einzelheiten ihrer Rituale. Aus dem Freimaurertum entwickelte sich schließlich die Gesellschaft der Rosenkreuzer und der Hermetic Order of the Golden Dawn, dessen Hauptzweck das Studium und die Arbeit mit Ritualmagie war. Namentlich Gardener hatte nach 1938 Kontakt mit Mitgliedern der Rosenkreuzer. Allerdings handelt es sich bei Anleihen aus der Freimaurerei um die Adaption einer äußeren Struktur, die mit anderen Inhalten gefüllt wurde.

Andere Elemente des Wicca stammen tatsächlich aus vorchristlicher Zeit, so die Verehrung von Göttinnen, teilweise auch die einer dreifachen Göttin und viele der Feste des Jahreskreises. So wurden Imbolc, Beltaine, Lugnasadh und Samhain bei keltischen Stämmen der britischen Inseln tatsächlich gefeiert. Sonnenwendfeiern sind bei den Germanen überliefert. Allerdings ist über Einzelheiten dieser Feste nur wenig bekannt. Die Vorstellung vom Sommerland und der Anderswelt stammen ebenfalls von den Kelten. Die Aussagen verschiedener Quellen zum Thema Wiedergeburtsglauben bei den Kelten sind widersprüchlich, aber die aktuelle wissenschaftliche Auffassung ist, dass es bei den Kelten zwar den Glauben an Gestaltwandler, Wiedergänger und Wiederbelebung von Toten gab, es aber keine gesicherten Belege für den Glauben an Reinkarnation oder Seelenwanderung gibt.

Ein für Wicca einflussreiches Werk aus der klassischen Antike ist der Roman Der goldene Esel (ca. 150 n.Chr.) des römischen Schriftstellers Apuleius, welche die Einweihung in die Isis-Mysterien beschreibt. Die erste Erwähnung nachtfahrender Frauen findet sich im Canon episcopi im Jahr 906. Die Vermutung, dass es sich dabei um einen überlebenden heidnischen Kult oder eine Religion handelt ist strittig.

Auch einige moderne Werke übten starken Einfluss auf Wicca aus. Das erste Buch, in dem gesichert die Hexenreligion als überlebende alte heidnische Tradition dargestellt wurde, war offenbar La Sorcière (1862) von Jules Michelet. Im Jahre 1899 veröffentlichte Charles Godfrey Leland ein Buch, in dem er die magischen Traditionen italienischer Hexen niederschrieb. 1921 veröffentlichte die britische Anthropologin Margaret A. Murray das Buch The Witch-cult in Western Europe über die angeblich lange Traditionslinie der 'weisen Frauen' in Europa und bezog sich dabei auf die Hexen als eigenen religiösen/magischen Kult, die in ständiger Konfrontation mit dem Christentum (als Antagonist) lebten und sich gegen den Niedergang ihrer Tradition behaupten mussten. Ein wichtiger Einfluss ging auch von James Frazers religionsgeschichtlichem Buch The Golden Bough („Der goldene Zweig“) (1890) aus, sowie von Robert Graves und seinem Buch The White Goddess („Die weisse Göttin“) (1948). Beide Autoren glaubten aus den überlieferten Mythen und Märchen eine vorgeschichtliche, heidnische Religion rekonstruieren zu können. Auch das Buch Der Heros in tausend Gestalten (1949) des Mythenforschers Joseph Campbell übte nicht unerheblichen Einfluss auf den Wicca-Kult aus, insbesondere auf die Vorstellung des geopferten Jahresgottes. Die in den erwähnten Werken von Michelet, Leland, Murray, Frazer und Graves vertretenen Thesen gelten aus heutiger ethnologischer Sicht jedoch teilweise als widerlegt oder als wenig plausibel. Dies gilt auch für die angebliche Wiederentdeckung alter walisischer Druidentraditionen durch den britischen Autor Edward Williams (1747-1826) (bekannt als Iolo Morganwg), aus dessen Barddas eine ganze Reihe von Ritualen, Mythen und Begriffen im heutigen Wicca entlehnt wurden.

Seit den 1970er Jahren ging ein wichtiger Einfluss auf Wicca auch von der feministisch geprägten Göttinnenspiritualität aus, insbesondere von dem Buch Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin (1983, engl. 1979) von Starhawk und Herrin der Dunkelheit, Königin des Lichts (1987, engl. 1975) von Zsuzsanna Budapest. Die moderne Verehrung der Großen Göttin stützt sich u. a. auch auf Werke der Archäologie und Matriarchatsforschung, wie Die Sprache der Göttin (1995, engl. 1989) und Die Zivilisation der Göttin (1996, engl. 1991) von Marija Gimbutas oder im deutschsprachigen Raum das Buch Die Göttin und ihr Heros (1980) von Heide Göttner-Abendroth. Schließlich beeinflussten auch einige esoterische Romane, wie Die Seepriesterin (1938) von Dion Fortune oder Fantasyromane wie Die Nebel von Avalon (1982) von Marion Zimmer Bradley die Entwicklung und Popularität der Göttinnenspiritualität und Wicca.

Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Fischer führte insgesamt zwölf Interviews mit Wicca-Anhängern aus dem deutschsprachigen Raum durch. Sie stellt dar, wie sich ihre Lebenswelt, der damit zusammenhängende Alltag, Fremd- und Eigenbilder zu einer gruppenspezifischen sozialen Wirklichkeit formen. Anhand dieser Kriterien fand Fischer drei Typen von Wicca, die sich in bestimmten Merkmalen unterscheiden.

Diese Personen gehören dem British traditional Wicca an. Der Weg zum Wiccatum führte sie über eine religiöse Suche, da ihnen das Christentum keine Antworten auf für sie wichtige Lebensfragen mehr geben konnte. Für sie steht ihr Priestertum im Mittelpunkt des Interesses. Wicca stellt ihre Religion dar, in der sie ihre Überzeugungen und ihren Glauben leben. Das bedeutet für sie, dass sie sich auf einem lebenslangen spirituellen Weg befinden, der sie zu ihrem Selbst führen soll. Wiccatum ist ihr Lebensinhalt. Personen dieses Typs sehen keinen Anlass, ihr Glaubenssystem öffentlich zu vertreten und ziehen sich meistens zurück. Sie sind in Coven integriert und legen großen Wert auf klare Strukturen, auch im Bezug auf Glaubensinhalte. Sie sind diejenige Gruppe, die am stärksten auf Geheimhaltung ihrer Kulthandlungen bestehen. Feminismus und die historische Hexenverfolgung haben ihrem Denken keinen besonderen Stellenwert. Magie soll Wicca dieses Typs nicht berechtigen, Macht auszuüben und sie wünschen dies auch nicht.

Hierzu gehören Wicca, die sich besonders der Göttin zuwenden. Sie gehören meistens unkonventionellen Wicca-Traditionen wie dem Dianic Wicca an. Personen dieses Typs sind entweder durch die Frauenbewegung zum Wiccatum gekommen oder haben sich durch dieses politisiert. Die Verbindungen der Mitglieder im Coven sind sehr eng und persönlich. Im Unterschied zum ersten Typus hat für sie der Wiedergeburtsglaube einen hohen Stellenwert. Die historische Hexenverfolgung wird als ein Vernichtungsfeldzug gegen Frauen interpretiert, der sich gegenwärtig aber nicht wiederhole. Personen dieses Typs stehen häufig in der Öffentlichkeit, üben Wahlämter aus, oder sind in der Frauen-, Ökologie- und neuerdings der globalisierungskritischen Bewegung engagiert. Sie sehen keinen Grund, ihre Überzeugungen zu verschweigen, was allerdings häufiger zu Konflikten mit konservativen Teilen der Gesellschaft führt.

Wichtig für diese Gruppe ist der Bezug zur Natur und der animistischen Welt. Sie zeichnen sich durch eine starke Verbindung zu den heimatlichen Wurzeln und durch Bezugnahme auf Flora und Fauna aus. Das Erbhexentum ist für die Angehörigen dieses Typus ausschlaggebend für das Gefühl, Hexe zu sein. Germanische oder keltische Wurzeln dienen als Verbindungselement zwischen der Religion und ihren Fähigkeiten als Hexe. Für sie ist die historische Hexenverfolgung ein Vernichtungsfeldzug gegen das alte Wissen der weisen Frauen. Dieser könne sich auch heute noch wiederholen. Sie fühlen sich davon persönlich betroffen. Eine interviewte Wicca legt z. B. regelmäßig Blumen auf das Denkmal für die letzte in ihrer Stadt verbrannte Hexe. Sie halten ihren Glauben teilweise geheim, teilweise provozieren sie ihre konservative Umwelt aber auch bewusst. Feminismus spielt für sie keine Rolle. Hexen dieses Typs glauben, durch die Magie über Macht zu verfügen. Diese setzen sie auch gegen Fremde als Verteidigung ein.

Durch zahlreiche Romane, Kinofilme und Fernsehserien hat sich das, ursprünglich sehr negative, Image von Hexen und Magie inzwischen in ein weitgehend positives Bild verändert. Während frühere Generationen bei dem Begriff Hexe an eine böse und hässliche alte Frau dachten, die kleine Kinder braten will, assoziieren die meisten heute mit diesem Begriff eher junge, hübsche und selbstbewusste Frauen, die Magie einsetzen, um anderen Menschen zu helfen und die Welt ein wenig besser zu machen. Die Handlung im Allgemeinen und die Darstellung der Kulte im Besonderen hat in der Regel jedoch nur sehr wenig mit der tatsächlichen Praxis in Wicca gemein. Deutliche Bezüge zu Wicca oder Themen gibt es allerdings bei Charmed, Die Nebel von Avalon, Sakrileg, Der Hexenclub und Zauberhafte Schwestern. Auch andere Medienbeiträge sind wegen ihres Einflusses auf die allgemeinen Vorstellungen über das Hexentum in der Gesellschaft relevant für Wicca als neu-religiöse Bewegung geworden, bzw. haben sie insbesondere bei jungen Mädchen und Frauen zu einer Popularisierung von Wicca beigetragen.

Fernsehserien: Verliebt in eine Hexe (1964–1972), Sabrina – total verhext! (1996–2003), Buffy – Im Bann der Dämonen (1997–2003), Charmed – Zauberhafte Hexen (1998–2006).

Verfilmte Bücher: Die Nebel von Avalon (2001), The Da Vinci Code – Sakrileg (2006).

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Source : Wikipedia