Rezession

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Geschrieben von c3po 04/03/2009 @ 12:23

Tags : rezession, wirtschaft

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Konjunktur

Konjunkturverlauf (Theorie)

Als Konjunktur (lateinisch: coniungere = vereinigen, verbinden) bezeichnet man ein über mehrere Jahre hinweg in einer Volkswirtschaft wiederkehrendes Grundmuster von Auf und Ab der wirtschaftlichen Aktivität. Weiterhin können mehr oder weniger regelmäßige Schwankungen ökonomischer Größen stattfinden wie z. B. Produktion, Beschäftigung, Zinssatz und Preise. Mit der Folge, dass zyklische Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität entstehen können. Gemessen werden kann dieses durch den Grad der Kapazitätsauslastung. Der wichtigste Indikator hierfür ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt).

In der Volkswirtschaftslehre versteht man unter dem Begriff Konjunktur, wenn Nachfrage- und Produktionsschwankungen zu Veränderungen des Auslastungsgrades der Produktionskapazitäten führen (in Abgrenzung von der Entwicklung der Kapazitäten im Sinne von wirtschaftlichem Wachstum selbst) und wenn sie eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen (in Abgrenzung von einmaligen Sondereinflüssen).

Diese wiederkehrende wellenförmige Veränderungsweise des wirtschaftlichen Aktivitätsniveaus innerhalb einer Marktwirtschaft wird durch die Konjunkturtheorien untersucht und zu erklären versucht. Dabei werden unterschiedliche Methoden angewandt, um aus den beobachteten Daten das regelmäßige Ablaufmuster eines Konjunkturzyklus zu gewinnen, insbesondere dessen oberen und unteren Umkehrpunkt.

Im Unterschied dazu betrachtet die Wachstumstheorie den langfristigen Trend des Wachstums einer Volkswirtschaft im Gleichgewicht. Um den Konjunkturverlauf an und für sich zu betrachten, muss demzufolge von dem zugrunde liegenden Wachstumstrend abstrahiert werden. Die konjunkturtheoretische Analyse überschneidet sich zum Teil mit der Beschäftigungstheorie.

Je nach zugrunde gelegter Theorie, verfügbaren zuverlässigen Indikatoren und den für die einzelnen Volkswirtschaften maßgeblichen Gremien gibt es jedoch abweichende Definitionen darüber, etwa was eine „Rezession“ darstellt und wann diese eingetreten ist.

Verbessert sich die Konjunktur in bestimmten Teilbereichen einer Volkswirtschaft aufgrund einer außerordentlichen Situation – zum Beispiel einer Änderung gesetzlicher Rahmenbedingungen – für einen begrenzten Zeitraum, so spricht man auch von einer Sonderkonjunktur.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Abschwächung konjunktureller Schwankungen werden als Konjunkturpolitik bezeichnet.

Unabhängig voneinander haben mehrere Konjunkturforscher Schwankungen unterschiedlicher Länge identifiziert. Kitchin beispielsweise fand Zyklen mit einer Länge von zwei bis vier Jahren, Spiethoff solche mit einer Dauer von sieben bis elf Jahren. Gefunden wurden außerdem Zyklen mit einer Dauer von etwa 40 bis 60 Jahren, die Schumpeter als „lange Wellen“ oder Kondratjew-Zyklen bezeichnete.

Die Länge, die man einem Konjunkturzyklus zuschreibt, hängt wesentlich davon ab, ob man das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (in der Regel gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Bruttoinlandsprodukt) als Maßstab heranzieht, oder die Wachstumsraten. Grenzt man Anfang und Ende eines Konjunkturzyklus danach ab, ob die Wirtschaftsleistung absolut rückläufig war („Klassische Konjunkturzyklen“), so findet man längere Zyklen. Eine Einteilung anhand von Zuwachsraten führt zu einer größeren Zahl von kürzeren „Wachstumszyklen“. Alternativ kann man Konjunkturen daran messen, wie stark die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausgelastet sind. Hier sind Schwankungen zwischen etwa 70 Prozent (Rezession) und 100 Prozent (Boom) denkbar. Entsprechend lautet die betriebswirtschaftliche Definition der Konjunktur nach gängiger Lehrmeinung: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials einer Volkswirtschaft. Hier wird sowohl ein Makrozyklus von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten Dauer beschrieben als auch beinhaltete Mikrozyklen von wenigen Jahren, nicht jedoch unterjährige Saisonzyklen.

Von verschiedenen Forschern und Institutionen werden Konjunkturzyklen in mehrere Phasen eingeteilt. Verbreitet ist ein Zwei-Phasen-Schema, bei dem der Konjunkturzyklus in einen Aufschwung und einen Abschwung eingeteilt wird. Dabei nehmen die Aufschwungphasen meist den weitaus größten Teil des Zyklus ein, während Abschwungphasen im Allgemeinen recht kurz sind. Dieses Schema ist insbesondere in den USA sehr verbreitet. Dort dauerten die Aufschwünge zwischen 1945 und 2001 im Durchschnitt 57 Monate, die Abschwünge hingegen nur 10 Monate. Die letzte, ziemlich schwache Expansionsphase in den USA wird in einem EPI Papier den Jahren 2001 bis 2007 zugeordnet.

Als expansive Phase bezeichnet man die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie ist geprägt durch steigende Auftragsbestände und Produktionen, das Sinken der Arbeitslosenquoten, eine tendenziell wahrnehmbare jedoch noch geringe Preissteigerung (Inflation), niedrige Zinsen mit steigender Tendenz sowie optimistische Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung.

Weiterhin ist sie gekennzeichnet durch verbesserte Kapazitätsauslastung, steigende private Investitionen und Lohnsumme, zunehmendes Volkseinkommen und erhöhten privaten Konsum.

Von nun an nimmt das Bruttoinlandsprodukt zwar noch weiter zu, jedoch mit sinkenden Wachstumsraten. Die Phase des Abschwungs wurde eingeleitet.

In den Vereinigten Staaten beobachtet das Business Cycle Dating Committee des National Bureau of Economic Research die statistischen Daten über die Konjunkturentwicklung, wobei es indes nicht immer die gleichen Messgrößen verwendet. Je nach Datenqualität wird unterschiedlichen Indikatoren die Fähigkeit zugesprochen, das wirtschaftliche Aktivitätsniveau zutreffend abzubilden; so 2007/2008 insbesondere den Beschäftigungszahlen, die bei den Unternehmen erhoben wurden. Eine Rezessionsphase wird dabei bestimmt vom oberen Scheitelpunkt bis zum untersten.

Nach dem Kriterium des Sachverständigenrates liegt eine Rezession dann vor, wenn ein Rückgang der relativen Output-Lücke um mindestens zwei Drittel der jeweiligen Potenzialwachstumsrate mit einer aktuell negativen Output-Lücke einhergeht.

Laut dem Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Österreich ist allein ein Rückgang der Wachstumsraten in zwei aufeinander folgenden Quartalen (immer im Vergleich zur Vorjahresperiode) noch nicht als Rezession zu bezeichnen, sondern erst wenn zwei Quartale mit Negativwachstum vorliegen. Also erst eine schrumpfende Wirtschaft steckt in einer Rezession, nicht aber schon eine nur mehr noch leicht wachsende Wirtschaft.

Während für Schumpeter die Aufschwungphase mit der Einführung einer Innovation mit wirtschaftlicher Schlüsselbedeutung zu tun hat, ist für ihn die Rezessionsphase die "Erntezeit", wo die Ergebnisse der während der Innovationsphase getätigten Investitionen eingefahren werden. Im Vergleich zu den Übertreibungen der Boomphase wird die Wirtschaft im Alllgemeinen wieder "vernünftiger". Einige unter den neuen technologischen Bedingungen nicht mehr lebensfähige Unternehmen verschwinden vom Markt.

Steigert sich der Abschwung weiter oder kommt es zu einer anhaltenden Stagnation, spricht man von „Depression“.

Ein Konjunkturtief ist der Tiefstand, in den eine Volkswirtschaft durch einen Abschwung gerät. Verharrt die Wirtschaft hartnäckig über einen ungewöhnlichen Zeitraum in diesem Tiefstand oder werden noch weitere Abwärtsbewegungen erwartet, wird von „Depression“ (lat.: deprimere = niederdrücken) gesprochen.

Es ist nicht richtig, dass es "keine akademische Definition" von Depression gibt. Joseph A. Schumpeter unterscheidet "Depression" von "Rezession" dadurch, dass Rezession im Ablauf der kapitalitischen Wirtschaft gleichsam ein normaler Vorgang ist, der das Gleichgewicht wieder herstellt. In der Depression hingegen kommt es durch "abnorme Liquidation" zur Vernichtung vieler Dinge, die ohne diese einfach weiter bestehen würden. Während die Abschaffung der Rezession eine Abschaffung des kapitalistischen Prozesses insgesamt gleich käme, ist die Depression indes eine besondere wirtschaftliche Notlage, die das Eingreifen des Staates so gut wie unvermeidlich macht. Dementsprechend spricht Paul Krugman in wesentlichem Unterschied zur geläufigen Konjunkturpolitik von "Depression Economics".

Das Konjunkturtief wird verstärkt durch das Aufbrechen von Strukturkrisen, wie etwa Überkapazitäten in der Autoindustrie. Es geht über einen lange Zeit die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit (wie etwa durch das Bruttoinlandsprodukt angezeigt) zurück, die Börsenkurse fallen, die Arbeitslosigkeit steigt stark an und Tendenzehn zu einer Deflation kommen auf (das Preisniveau sinkt, auch die Endverbraucherpreise fallen).

Der Begriff "Depression" wurde für die Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er Jahre gebraucht (US-Englisch: Great Depression). Diese Depression war geprägt von einer Massenarbeitslosigkeit bis dahin unbekannten Ausmaßes. Als Beginn der damaligen Weltwirtschaftskrise wird der Zusammenbruch der Börsen am so genannten schwarzen Freitag, dem 25. Oktober 1929, bezeichnet. Die internationalen ökonomischen Wachstumsstörungen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts sind ebenso bezeichnet worden, als Große bzw. Lange Depression.

In sozialpsychologischer Sicht liegen die Gründe für eine Depression im Verlust des Vertrauens in das Funktionieren der Wirtschaft. Schumpeter warnt indes vor einer Pseudo-Erklärung, welche vorläge, sobald Erwartungen als exogene Variable verwendet würden. Die Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren und damit das dadurch gesicherte Einkommen, führt zur Verringerung der Konsumausgaben, deren Absinken wiederum zu vermehrtem Arbeitsplatzabbau führt. Andere Erklärungsversuche machen wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen verantwortlich (im Fall der Weltwirtschaftskrise etwa übermäßiger Protektionismus und mangelhafte Maßnahmen, um Einflüsse von Kursverlusten auf wichtige Märkte zu reduzieren), oder andere Faktoren – unter anderem Herdentrieb bei Investoren und/oder exogene Einflüsse.

Diese unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich in den konjunkturpolitischen Empfehlungen wider.

Die konjunkturelle Situation ist auch im Bereich der Fundamentalanalyse von Aktien relevant. Je nach Konjunkturphase ist eine Anlage in Aktien aus zyklischen Branchen mehr oder weniger sinnvoll.

Mittels methodisch kontrollierter empirischer Verfahren sucht man die konjunkturelle Entwicklung einer konkreten Wirtschaft zu diagnostizieren und vorauszusagen. Diese Art von Konjunkturforschung lässt sich somit von der theoretischen Analyse der Konjunktur unterscheiden.

In den USA wurde die Konjunkturforschung von Arthur F. Burns und Wesley Clair Mitchell begründet. Der von ihnen in den 1920er Jahren entwickelte Harvard-Indikator geriet in Misskredit, als er die Weltwirtschaftskrise 1929 nicht anzeigte. Die Konjunkturforschung lebte danach erst wieder in den 1930er Jahren wieder auf.

Diese erstellen seit 1950 zweimal im Jahr eine Gemeinschaftsdiagnose im Auftrag der Bundesregierung. Nach der Wiedervereinigung kam mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in Halle an der Saale ein sechstes Forschungsinstitut hinzu.

Außerdem zu nennen ist hier das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.

Daneben befassen sich die Forschungsinstitute der Arbeitgeber (Institut der Deutschen Wirtschaft) und der Gewerkschaften (seit 2005 das neu gegründete Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung) mit Konjunkturanalysen.

Der 1963 gegründete Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellt ebenfalls einmal pro Jahr eine Konjunkturprognose, die im November veröffentlicht wird. Weitere regelmäßige Prognosen veröffentlichen internationalen Organisationen wie OECD, EU und IWF.

Die Zuverlässigkeit der über die letzten zehn Jahre angestellten Prognosen ist nur wenig besser als die Qualität einer "naiven" Vorhersage. Dabei gehen die prognostizierten Werte der untersuchten Experten zum Teil beträchtlich auseinander; allenthalben wird aber die Höhe des künftigen Wachstums tendentiell überschätzt.

Konjunkturprognosen werden ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit über den Ablauf früherer Konjunkturzyklen, empirisch festgestellten wirtschaftlichen Zusammenhängen (zum Beispiel die Wirkung von Zinsen auf Investitionen oder von Steuern auf die Konsumnachfrage) und schließlich Konjunkturindikatoren abgeleitet.

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefert den definitorischen Rahmen, um die Konsistenz der Prognosen herzustellen. Dabei bedient man sich zum Teil intuitiver Verfahren, zum Teil ökonometrischer Methoden. Ökonometrische Konjunkturmodelle stützen sich auf mathematisch-statistische Verfahren; es können aber zusätzliche Informationen in die Modelle einfließen, die sogenannten Adds (konstante additive), oder aber auch multiplikative Veränderungen der endogenen Variablen. Zum Beispiel müssen neue politische Maßnahmen „per Hand“ in die Modellstruktur aufgenommen werden, die Wirkungen kann das Modell sodann allein ausrechnen.

Jeden Monat bringt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) das DIW-Konjunkturbarometer heraus. Es schätzt ein, wie das reale Bruttoinlandsprodukt des jeweils abgelaufenen Quartals aussehen könnte; denn zu diesem Zeitpunkt liegen noch keine Daten des Statistischen Bundesamtes vor. Dabei stützt es sich auf solche Indikatoren wie Produktion und Umsatz in wichtigen Wirtschaftszweigen; darunter der Großhandelsumsatz und die Auftragseingänge, die Einnahmen aus der Umsatzsteuer und auch die Kfz-Zulassungen.

Einmal im Monat stellt das ifo-Institut diese Frage: „Wird das Geschäft im nächsten halben Jahr besser, schlechter oder laufen die Geschäfte gleich gut?“ Aus den 7000 Antworten darauf wird ein Indikator für die Entwicklung der Wirtschaft berechnet.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragt für seinen ZEW-Index 350 ausgesuchte Börsenexperten zu deren Konjunkturerwartungen.

Der konjunkturelle Ist-Zustand einer Wirtschaft wird durch verschiedene Methoden bestimmt. Zum einen kann eine Zeitreihenanalyse durchgeführt werden wobei bestimmte makroökonomische Größen wie das Bruttoinlandsprodukt, Volkseinkommen, Konsum und Investitionen herangezogen werden. Sollte eine differenzierte Konjunkturdiagnose stattfinden werden eine Vielzahl von weiteren Zeitreihen verwendet. Durch die Zeitreihenanalyse können verschiedene Konjunkturindikatoren konstruiert werden. Weiterhin kann eine Befragung von zahlreichen Unternehmen über den gegenwärtigem Konjunkturzustand stattfinden. In der Bundesrepublik Deutschland werden solche Befragungen vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt zum einen durch den Konjunkturtest und durch eine Tendenzbefragung. Außerdem kann ein Vergleich von Produktionspotenzial und tatsächlicher Produktion stattfinden. Durch diesen Vergleich wird der konjunkturelle Zustand einer Wirtschaft durch den Auslastungsgrad abgeleitet.

Es handelt sich hierbei um eine periodische Berichterstattung mit dem Ziel, Ergebnisse und Daten der Konjunkturforschung auszuwerten und den einzelnen wirtschaftlichen Aktoren nutzbar zu machen. Dazu dienen z. B. folgende Publikationen: der ifo-Schnelldienst des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München; der des iwd, des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln sowie die einer Reihe anderer Wirtschaftsforschungsinstitute.

Im Gegensatz zu den USA, wo es eine „offizielle“ Datierung der Konjunkturzyklen gibt, liegt eine offizielle Klassifikation der Zyklen für Deutschland nicht vor. Betrachtet man nur Konjunkturen im engeren Sinne, die durch absolute Rückgänge in der Wirtschaftsleistung begrenzt werden, so lassen sich seit 1945 fünf volle Zyklen erkennen, die zumeist mit Abschwächungen der Weltwirtschaft zusammenfielen.

Der erste Nachkriegsaufschwung endete 1966, als das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit 1949 sank. Der zweite Zyklus endete mit der Rezession 1974, als es wegen der ersten Ölkrise zu einem Nachfrageentzug kam. Ein dritter Zyklus endete 1981/82, im Gefolge der zweiten Ölkrise. Das Ende des vierten Zyklus markiert die Rezession 1993, der bisher einzigen Rezession in der Bundesrepublik, die binnenwirtschaftlich ausgelöst wurde, wegen der im vorhergehenden Wiedervereinigungsboom aufgetretenen Übersteigerungen und der daraufhin restriktiven Geldpolitik, die wegen der zuvor hohen Inflation auf Bremskurs gegangen war.

Ein fünfter Zyklus endete nach dieser Zählung 2001, ausgelöst unter anderem durch das Ende des Booms in der IT- und Kommunikationsbranche. Die Schwächephase zog sich lange hin (2002–2004). Erst das relativ starke Wirtschaftswachstum seit 2005 läutete den Beginn des sechsten Zyklus in Deutschland ein.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2009 die erste weltweite Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. In Deutschland sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) viertes Vierteljahr 2008 gegen drittes Vierteljahr kalender-, saison- und preisbereinigt um 2,1 Prozent. Gegenüber dem Vorjahresquartal lag das BIP um 1,6 % niedriger.

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Goldenes Zeitalter (Niederlande)

Karte der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande von Johannes Janssonius (1658)

Das Goldene Zeitalter (niederl.: de gouden eeuw) bezeichnet in der Geschichte der Niederlande eine rund einhundert Jahre andauernde wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit, die grob mit dem 17. Jahrhundert zusammenfällt. In dieser Epoche stieg die kleine, gerade gegründete Republik der Sieben Vereinigten Niederlande (Republiek der Zeven Verenigde Provinciën), die 1581 aus der Utrechter Union entstanden war und die Vorläuferin der heutigen Niederlande darstellt, zur führenden Weltmacht und Handelsnation auf, während das übrige Europa mit einer Stagnation, ja Rezession zu kämpfen hatte, die teilweise bis 1750 andauerte. Die in den Niederlanden herrschende Religionsfreiheit zog die unterschiedlichsten, anderswo wegen ihres Glaubens verfolgten Menschen an. Sie flüchteten in die sie bereitwillig aufnehmende junge Republik, die ihnen Bewegungsfreiheit und genügend Arbeit bot. Schriftsteller und Gelehrte kamen, um frei publizieren und lehren zu können; mit der Gründung der Universität Leiden und der Entwicklung von Geistes- und Naturwissenschaften wurde das Land auch zu einem bedeutenden Zentrum des Wissens.

Die Bezeichnung „Goldenes Zeitalter“ wurde jedoch vor allem für eine bis dahin nicht gekannte Blüte von Kultur und Kunst geprägt. Oft wird der Begriff auf die zahllosen Meisterwerke der Malerei des 17. Jahrhunderts beschränkt. In dieser ist der gesellschaftliche und kulturelle Wandel, der sich in dieser Zeit vollzog, besonders deutlich wahrzunehmen.

Die Zeit des Goldenen Zeitalters der Niederlande wird seit einigen Jahren in den Niederlanden intensiver erforscht und diskutiert. Hierzu ist beispielsweise 2000 an der Universität Amsterdam das Amsterdams Centrum voor de Studie van de Gouden Eeuw gegründet worden, das unter anderem die Arbeiten Huizingas aus dem Jahr 1941 aufgreift. Huizingas Geschichtsverständnis war von seinem Studium der Sprachwissenschaften und seiner Begeisterung für die Malerei geprägt. Er verstand Geschichtsschreibung als bildhaft-intuitive Mentalitäts- beziehungsweise Kulturgeschichte. Gleichwohl betonte er, dass das Goldene Zeitalter weder plötzlich über die Niederlande „hereinbrach“ noch gar den mythischen Idealzustand „einer ohne Ackerbau alle Nahrungsbedürfnisse befriedigenden Erde und einer in völligem Frieden, allgemeiner Sorglosigkeit und Unschuld im ewigen Frühling lebenden Gesellschaft“ (wie Ovid den Begriff des Goldenen Zeitalters definierte) brachte, sondern es sich um eine auf der Grundlage generationenlanger harter Arbeit, günstiger Voraussetzungen, vielfältiger Konflikte und natürlich einer Portion Glück und Zufall entstandene Blütezeit handelte, der jede idealtypische Unschuld fehlte. So war fast die Hälfte der Zeit „geprägt von Krieg und Kriegsgeschrei“. Nicht wenige Wissenschaftler sprechen daher bei der Betrachtung dieses Zeitalters zumindest in weltwirtschaftlicher Hinsicht lieber von einer Hegemonie. Huizinga vermutet, dass sich der Begriff des Goldenen Zeitalters dauerhaft festsetzte, nachdem der Historiker Pieter Lodewijk Muller 1897 sein Buch mit dem Arbeitstitel Republiek der Vereenigde Nederlanden in haar bloeitijd („Die Republik der Vereinigten Niederlanden in ihrer Blütezeit“) auf Wunsch des Verlegers Onze Gouden Eeuw („Unser Goldenes Zeitalter“) nennen musste.

1477 kamen die Niederlande unter die Herrschaft der Habsburger. Bereits in jener Zeit war die ökonomische Situation der damals Burgundischen Niederlande günstig; vor allem unter der Herrschaft von Karl V. erstarkten neben Ackerbau, Viehzucht und Fischerei ebenso Handel und Gewerbe. Daneben wuchs der Textilsektor rasch, und Antwerpen entwickelte sich zum ökonomischen Zentrum der Region. Desgleichen erlebten Wissenschaft und Kultur eine Zeit der Sternstunden, nicht zuletzt durch Christoffel Plantijn. Gleichzeitig war die Epoche der Reformation angebrochen und Karl V. sowie sein Sohn und Nachfolger Philip II. – beide strenggläubige Katholiken – läuteten die Gegenreformation ein.

Als Philipp II. den Calvinismus zur Ketzerei erklärte, rebellierten die nördlichen Provinzen unter der Führung Wilhelms von Oranien. Mit seinem Versuch, Brabant zu besetzen, begann 1568 der Achtzigjährige Krieg. 1579 schlossen sich die sieben nördlichen Provinzen zur Utrechter Union zusammen und gründeten 1581 die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande, während die katholischen Südprovinzen – heute Belgien und Luxemburg – bei Spanien blieben (siehe Spanische Niederlande).

Der bei der Gründung der Utrechter Union geschlossene Vertrag räumte den nördlichen Provinzen unter anderem das Recht zur Kontrolle der Schifffahrt auf dem Niederrhein ein, was sich als sehr wichtig für deren weitere wirtschaftliche Entwicklung herausstellte. 1585 eroberten die Spanier Antwerpen, worauf die Niederländer die Schelde sperrten und Antwerpen damit den Zugang zur Nordsee nahmen. So waren die Weichen für Amsterdam als künftiges regionales Handelszentrum gestellt, das seinen Rivalen Antwerpen rasch hinter sich lassen konnte.

1608 kam es in Den Haag zu Friedensverhandlungen mit Spanien, an denen außerdem England und Frankreich teilnahmen, 1609 wurde ein zwölfjähriger Waffenstillstand vereinbart.

Die Grundlagen des Erfolges der niederländischen Wirtschaft lagen im Ostseehandel, der seit dem frühen 15. Jahrhundert vor allem von der Provinz Holland und Amsterdam aus systematisch betrieben wurde und die Provinzen – trotz der Belagerung durch die Spanier – zu einer blühenden Handelsnation machten. Kleinere und schnellere Schiffe als die ihrer Konkurrenten, die zudem weniger Personal benötigten, machten die Amsterdamer Händler zu den flexibelsten ihrer Zeit. Schon Ende des 16. Jahrhunderts begann die Blüte Amsterdams beziehungsweise Hollands.

Bereits um 1600 hatte sich erhebliches Investitionskapital in Amsterdam angesammelt, das für neue Aufgaben zur Verfügung stand. Erste Schiffsexpeditionen wurden finanziert, um Handelsmöglichkeiten in Asien und Amerika zu erkunden. Die niederländischen See- und Kaufleute hatten Glück, weil die Hanse im Niedergang begriffen und die anderen Konkurrenten durch Kriege und Aufstände andernorts abgelenkt waren. Nur ein Beispiel dafür ist die Zerstörung der spanischen Armada durch die Engländer 1588. Da sich die Spanier weiter auf die Engländer und Franzosen als Kriegsgegner konzentrierten, wagten sich die niederländischen Handelsschiffe immer weiter auf die Meere hinaus, erschlossen weitgehend ungestört neue Seewege und gründeten Kolonien. In jener Zeit handelte es sich indessen noch um einzelne Unternehmungen, die anfänglich nur zu geringen Erfolgen führten.

Der wirtschaftliche Aufstieg des kleinen Staatenbundes von nicht einmal zwei Millionen Niederländern, der über keine Rohstoffe verfügte und in der landwirtschaftlichen Produktion unbedeutend war, zur führenden Groß- und Kolonialmacht des 17. Jahrhunderts ist ein bis heute verblüffendes und faszinierendes Phänomen. Sir William Temple, zeitgenössischer englischer Botschafter in den Niederlanden, identifiziert in seinen Observations upon the United Provinces of the Netherlands die hohe Bevölkerungsdichte des Landes als entscheidende Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg. Dadurch seien alle lebensnotwendigen Güter teuer; Leute mit Besitz müssten sparen, die ohne Besitz seien zu Fleiß und Arbeit gezwungen. Aus der Not erwüchsen sozusagen die Tugenden, die die Grundlage des Erfolges bildeten.

Die Niederlande des angehenden 17. Jahrhunderts wiesen in der Tat den höchsten Urbanisierungs- und Verstädterungsgrad Europas auf und waren die am dichtesten besiedelte Region Westeuropas. Die Lebenswelt war in starkem Maß durch die Stadt und nicht-agrarische Tätigkeiten geprägt; fast 50 Prozent der Bevölkerung wohnten städtisch und nur noch ein Drittel war in der Landwirtschaft tätig. Doch die Bauernschaft und die Landarbeiter machten ebenso eine einschneidende Entwicklung durch. Da die Grundlage der bäuerlichen Wirtschaft das Besitzrecht bildete, besaßen die Bauern je nach Provinz bis zu 40 Prozent des genutzten Landes selbst und konnten somit über dessen Erträge frei verfügen. Die ländliche Einkommensentwicklung zeigt, dass ein Landarbeiter des 17. Jahrhunderts deutlich besser gestellt war als ein freier Bauer hundert Jahre zuvor.

Der Staatenbund war zwar oligarchisch geprägt, doch demokratischer als andere europäische Länder, politisch defensiv eingestellt und von einem ökonomischen System geprägt, das nicht auf Landwirtschaft, sondern auf Handel und Seefahrt aufbaute.

Die Steuerbelastung der niederländischen Bevölkerung war deutlich höher als die der angrenzenden Länder, bis zu doppelt so hoch wie in England und mehr als dreimal so hoch wie in Frankreich. So verfügte der Staat aufgrund der starken Kommerzialisierung der Wirtschaft, der hohen Einkommen und der leichten Verfügbarkeit von Kapital trotz der geringen Bevölkerung über eine breite Ressourcenbasis.

Der soziale Status in der niederländischen Gesellschaft wurde neben dem familiären Hintergrund und der Ausbildung maßgeblich durch Vermögen und Einkommen bestimmt – ungewöhnlich im Europa des 17. Jahrhunderts, wo der persönliche Status noch überwiegend durch die Ständeordnung, also durch Geburt, vorgezeichnet war.

An der Spitze der Gesellschaft in den Niederlanden rangierten Adel und Regenten, jedoch hatte die Aristokratie das Land zusammen mit den Spaniern weitgehend verlassen oder viele ihrer Privilegien an die Städte verkauft. Bedeutende holländische Regentendynastien des Goldenen Jahrhunderts waren die Geschlechter De Graeff, Bicker und Paauw in Amsterdam, die De Witt und Van Slingelandt in Dordrecht, sowie die Van Foreest in Alkmaar. Im Prinzip hatte jede Stadt und jede Provinz ihre eigene Regierung und eigenen Gesetze, und wurde von den miteinander eng verwandten Regenten in einem oligarischen System beherrscht.

Während der Adel im restlichen Europa weiter die politisch und sozial privilegierte Führungsschicht bildete, gab es in den Niederlanden kaum mehr Geburtsadel. Selbst der Klerus konnte nur wenig weltlichen Einfluss ausüben: Die katholische Kirche war weitgehend unterdrückt, die junge protestantische Kirche geteilt. Hier herrschte also kein König, kein Adel und kein Klerus, sondern bestimmten die Regenten zusammen mit den Bürgern der Oberschicht (reichen Kaufleuten, Reedern, Bankiers, Unternehmern, hochrangigen Offizieren) das politische und gesellschaftliche Leben, gefolgt von einer breiten Mittelschicht aus Handwerkern, Händlern, Schiffern, kleineren Beamten und niederrangigen Offizieren, die in kleineren Städten und weniger wichtigen Gemeinden bereits politische Verantwortung übernahmen. Nicht zuletzt durch die Einwanderung religiös Verfolgter, unter ihnen zahlreiche Angehörige der Oberschicht und des Bildungsbürgertums, Schriftsteller und Gelehrte, wies das Land die niedrigste Zahl an Analphabeten in Europa auf.

Gleichzeitig half eine ausgeprägte Spendenbereitschaft der Bürgerschaft, die rasante wirtschaftliche Entwicklung sozial verträglich abzufedern. Armenküchen, Waisenhäuser, Altenheime und andere soziale Einrichtungen verdankten ihre Existenz der Mildtätigkeit der Bürger. Aufgrund dieses – natürlich erst rudimentär vorhandenen – sozialen Netzes war für die Randgruppen, die Armen und die Schwachen so weit gesorgt, dass sich Unruhen im Gegensatz zum übrigen Europa weitgehend auf politische oder religiöse Themen beschränkten.

Eine wichtige Rolle spielt die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie oder VOC), die sich rasch zum größten Handelsunternehmen des 17. Jahrhunderts entwickelte und ein niederländisches Monopol im Asienhandel aufbaute, das sie zwei Jahrhunderte lang innehaben sollte. Ihre Handelsrouten erstreckten sich längs der afrikanischen und asiatischen Küste mit Stützpunkten in Indonesien, Japan, Taiwan, Ceylon und Südafrika. Für den Handel mit Westafrika und Amerika wurde die Niederländische Westindische Kompanie (Geoctroyeerde West-Indische Compagnie oder WIC) gegründet, die in Nordamerika die niederländische Besitzung Nieuw Nederland mit dem Verwaltungssitz Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York, verwaltete. Weitere Handelszweige waren der Ostseehandel, der Handel mit Russland und die straatvaart, auch als Levantvaart bekannt (der Handel mit Italien und der Levante, den Ländern an der Ostküste des Mittelmeeres).

1609 wurde die Amsterdamer Wechselbank gegründet – die weltweit erste Zentralbank und eine der ersten europäischen Notenbanken – und 1611 die Amsterdamer Warenbörse. Die Wechselbank verbesserte die Voraussetzungen für den Handel und förderte den Zahlungsverkehr, der bis dahin aufgrund der Vielzahl in Umlauf befindlicher unterschiedlicher Währungen erschwert wurde. Günstige Zinssätze, feste Devisenkurse und eine hohe Darlehensbereitschaft der niederländischen Banken zogen Kapitalanleger und Finanzleute aus ganz Europa an.

Spätestens nach der Erlangung der vollständigen Handelsfreiheit (einem durch Schutzzölle nicht mehr beengten internationalen Handel) im Rahmen des Westfälischen Friedens 1648 beherrschten die Niederländer den Welthandel. Um 1670 verfügte die Republik über etwa 15.000 Schiffe, das Fünffache der englischen Flotte, was einem Transportmonopol auf dem Meer gleichkam. Besonders der Handel mit den Kolonien bescherte den Niederlanden großen Reichtum. Aus Niederländisch-Indien, Bengalen, Ceylon und Malakka wurden Gewürze, Pfeffer, Seide und Baumwollstoffe eingeführt. Mit dem Westen Afrikas, Brasilien, den karibischen Inseln und Europa wurden vor allem Plantagenerzeugnisse gehandelt, etwa Zucker, Tabak und Brasilholz. Später begann man ebenfalls mit dem Sklavenhandel, von dem man sich anfänglich betont ferngehalten hatte. Im Laufe der Zeit siegte doch die Habgier, denn es handelte sich dabei um ein sehr lukratives Geschäft. Man berief sich zur Rechtfertigung auf die Bibel: Schließlich seien die Afrikaner die Söhne und Töchter Hams, der von seinem Vater Noah verflucht worden sei, was die Ausbeutung der „frei“ zur Verfügung stehenden schwarzen afrikanischen Arbeitskraft rechtfertige (siehe Hamitentheorie).

Da die Vereinigten Provinzen der Niederlande aus dem Widerstand gegen religiöse Unterdrückung entstanden waren, gewährten sie ihren Bürgern von Anfang an Religionsfreiheit. Die Kunde dieser Toleranz verbreitete sich schnell und hatte zur Folge, dass Protestanten, Juden, Hugenotten und andere religiös Verfolgte aus Spanien, Portugal und anderen Nationen – vor allem aus den spanisch besetzten Südprovinzen – ins Land strömten. Calvinismus wurde zum vorherrschenden Glauben, jedoch wurde das Land zu Anfang des Jahrhunderts durch den Streit über die Prädestinationslehre zwischen Remonstranten, den Anhängers des Arminius, und Contraremonstranten, die den Lehren des Franciscus Gomarus folgten, gespalten.

Auch der Humanismus mit seinem einflussreichsten Vertreter Erasmus Desiderius hatte sich etabliert und war für den kulturellen und sozialen Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ebenso verantwortlich wie für die Bildungsbewegung und teilweise für das Klima der Toleranz. Diese Toleranz gegenüber Katholiken aufrecht zu erhalten, war nicht einfach, nachdem die Religion im Unabhängigkeitskrieg eine wichtige Rolle gespielt hatte. Feindliche Neigungen pflegte man dennoch möglichst mit Geld zu überbrücken. Deshalb konnten sich Katholiken die Privilegien zur Abhaltung von Feierlichkeiten beispielsweise erkaufen, öffentliche Ämter blieben ihnen indes versagt. Gleiches galt für die niederländischen Mennoniten (Täufer) und Juden. Das Niveau der religiösen Toleranz war jedenfalls ausreichend hoch, um Religionsflüchtlinge aus anderen Ländern anzuziehen, wobei besonders jüdische Händler aus Portugal viel Wohlstand mitbrachten (siehe Portugiesische Synagoge Amsterdams). Auch ließ die Annullierung des Edikts von Nantes in Frankreich (1685) zahlreiche französische Hugenotten in die Niederlande einwandern; viele von ihnen waren ebenfalls Kaufleute. Jeder konnte für acht Gulden – was freilich immerhin der Jahresheuer eines niederländischen Seemanns entsprach und so zusätzlich die Staatskassen füllte – in die Provinzen einwandern, in denen sich bald viele der klügsten Köpfe Europas sammelten.

Die Toleranz hatte jedoch ihre Grenzen. Der Philosoph Baruch de Spinoza veröffentlichte seinen Tractatus theologico-politicus, in dem er sich für Glaubensfreiheit und Toleranz einsetzt und einen Staat fordert, der die Freiheiten seiner Bürger wahrt, anonym und mit einer falschen Angabe der Herausgeberadresse, weil er kirchliche und staatliche Konsequenzen fürchtete. Schließlich war schon Adriaan Koerbagh, ein Freund und Anhänger Spinozas, wegen der angeblichen Publikation aufhetzender Schriften verhaftet worden und war nach einem Jahr in Gefangenschaft gestorben. Der Tractatus wurde 1674 tatsächlich verboten.

Die Niederlande waren die große Wirtschaftsmacht des mittleren 17. Jahrhunderts, Konkurrent Großbritannien schickte sich erst in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts an, diese Position zu übernehmen. Wirtschaftskraft lag in jener Zeit weniger im Geldbesitz als in der Fähigkeit, aus Warenhandel und Finanzverkehr Mehrwerte zu schaffen und die Wertschöpfung zu optimieren. Die Niederlande demonstrierten dies als räumlich kleiner, einwohnerschwacher Staatsverband, der über keine Rohstoffe verfügt und dessen landwirtschaftliche Produktion unbedeutend war. Amsterdam wurde zum wichtigsten europäischen Handelsplatz. Theoretisch bewegten finanzielle Transfers Unsummen an Edelmetall, mit denen die aus dem Handel resultierenden Zahlungen beglichen wurden; tatsächlich wurde an der Börse über ein Wechselsystem weitgehend bargeldlos gehandelt: Geld blieb als finanzielle Deckung der Handelsgeschäfte an den Orten, die miteinander handelten. Je größer die Warenlieferungen, die eine Handelsstadt anbieten konnte, desto größer wurde ihre Bedeutung – das ist verkürzt das System, das im 17. Jahrhundert Amsterdams Börse zum dominierenden Finanzumschlagplatz machte. Die niederländische Wirtschaft im Goldenen Zeitalter war so stark, dass nicht einmal die Tulpenmanie merkbaren Einfluss auszuüben vermochte.

Die wirtschaftliche Stärke des Landes kam auf breiter Basis der sozialen und kulturellen Lebensqualität seiner Bürger zugute. Durch den Aufstieg des Bürgertums in die Oberschicht wurde die Kunst ebenfalls bürgerlich. Ein ganz trivialer Grund der kulturellen Blütezeit und des einsetzenden Bilderüberflusses war der vorhandene enorme Überhang an Kapital, erwirtschaftet aus spekulativen oder riskanten Geldgeschäften anlässlich Seefahrts- und Kolonialabenteuern, das nutzbringend angelegt werden sollte. Einrichtungs- und Dekorationsgegenstände, besonders Bilder, wurden zu einer beliebten Geldanlage, an der sich auch kleine Leute beteiligen konnten.

Gleichzeitig befand sich ganz Europa mitten in einem geistigen Umbruch, der als eine rund 1450 begonnene „Renaissance der Naturwissenschaften“ bezeichnet und mit einem tiefgreifenden Wandel der Perspektive verbunden wird, die das Entstehen moderner wissenschaftlicher Denkweisen ermöglichte. Hatten sich die Gelehrten um 1450 noch darauf konzentriert, die Entdeckungen der Antike zu sichten und zu begreifen, lagen bis 1630 die grundlegenden wissenschaftlichen Schriften in verschiedenen volkssprachlichen Übersetzungen vor, ebenso die Werke zeitgenössischer Wissenschaftler, die sich mit jenen Inhalten auseinandergesetzt und sie weiterentwickelt hatten. Der Buchdruck erleichterte diese Verbreitung des Wissens: Antikes Gedankengut und seine Weiterentwicklungen wurden – gedruckt und jedermann verständlich – nicht nur Gelehrten, sondern auch weniger Gebildeten zugänglich.

Die in den Niederlanden herrschende weitgehende Lehr- und Forschungsfreiheit und die 1575 gegründete renommierte Universität Leiden zogen zahlreiche Wissenschaftler und Denker aus ganz Europa an. Auch der französische Philosoph René Descartes lebte in Leiden, vermutlich von 1628 bis 1649.

Viele Bücher über Religion, Philosophie und Naturwissenschaft, die im Ausland verboten worden oder der Inquisition anheimgefallen wären, konnten in den Niederlanden gedruckt und frei verbreitet werden. So entwickelte sich die Niederländische Republik während des 17. Jahrhunderts zu Europas „Verlagshaus“. Amsterdam, das erst 1500 seine erste Druckerei erhalten hatte, nahm Antwerpen die Führungsrolle ab und errang neben Leiden insbesondere durch die an beiden Orten tätige Druckerfamilie Elzevir hohe Bekanntheit als Druckplatz (siehe unten, Abschnitt Druckkunst).

Niederländische Rechtswissenschaftler waren für ihr Wissen im internationalen Recht geschätzt. Hugo Grotius legte den Grundstein für das moderne Seerecht; er begründete das Konzept der Freien Meere (Mare liberum), das von den Engländern, den Hauptrivalen der Niederlande, aufs Schärfste angefochten wurde. Auch formulierte Grotius in seinem Buch De iure belli ac pacis (Über Gesetze von Krieg und Frieden) Rechtsgedanken in Hinsicht auf Nationenkonflikte. Sein Kollege Cornelis van Bynkershoek gilt als der Vater der 3-Meilenzone und erreichte ebenfalls Bedeutung in der Entwicklung des Völkerrechts. Daneben stehen gleichberechtigt die Zivilrechtler, die in Europa bestimmend waren. Das zivilrechtliche Werk von Hugo Grotius zum römisch-holländischen Recht, die Inleydinge tot de Hollantsche rechtsgeleertheit, wurde auch in Deutschland stark beachtet und fand über viele, zum Teil wörtliche Zitate im weitverbreiteten Werk des Arnold Vinnius auch in der spanischen und südamerikanischen Rechtswissenschaft Berücksichtigung. Werke dieser Autoren, neben Grotius und Vinnius ist noch Johannes Voet zu nennen, gelten bis heute als Autoritäten im südafrikanischen Recht aufgrund der Kolonisation durch die Niederländer.

Christiaan Huygens war Mathematiker, Physiker und Astronom. Zu seinen Verdiensten in der Astronomie zählen die Erklärung der Saturnringe, die Entdeckung des Saturnmondes Titan und der Rotation des Mars. Auch auf dem Gebiet der Optik und Mechanik war er aktiv. Er erfand die Pendeluhr, die einen großen Schritt in Richtung exakter Zeitmessung darstellte. Er wurde als erster ausländischer Wissenschaftler Ehrenmitglied der britischen Royal Society und war der erste Direktor der 1666 gegründeten französischen Akademie der Wissenschaften. Isaac Newton lobte ihn als „elegantesten Mathematiker“ seiner Zeit.

Auf dem Gebiet der Optik war der aus Delft stammende Antoni van Leeuwenhoek der bekannteste niederländische Wissenschaftler dieser Zeit. Er entwickelte das Mikroskop entscheidend weiter, indem er die Linsen selbst schliff und Vergrößerungen bis zum 270-fachen erreichte. Er war der erste, der methodisch mikroskopisches Leben erforschte. Er lieferte zusammen mit Jan Swammerdam die erste Beschreibung der roten Blutkörperchen, was die Grundlage der Zellbiologie schuf. Allerdings nahm er seine Kenntnisse der Kunst des Linsenschleifens mit ins Grab, so dass erst im 19. Jahrhundert mit verbesserten Linsen an diese Untersuchungen angeknüpft werden konnte.

Berühmte niederländische Wasserbauingenieure waren Simon Stevin, der die Unmöglichkeit des Perpetuum Mobile beweistechnisch nahelegte und die Dezimalzahlen im täglichen Gebrauch einführte, sowie Jan Leeghwater aus De Rijp, der, als Jan Adriaenszoon in einem Dorf inmitten eines Moores geboren, Methoden zur Trockenlegung von Moorgebieten und zur Umwandlung von Seen in Polder entwickelte und dazu Mühlen entwarf. Aus hohem Wasserstand machte er niedrigen - und nannte sich folgerichtig Leeghwater, „Niedrigwasser“. Er war der Begründer des modernen niederländischen Entwässerungs- und Landgewinnungssystems.

Die Niederlande durchliefen im Goldenen Zeitalter eine kulturelle Entwicklung, die sich von der ihrer Nachbarstaaten deutlich unterschied und allgemein als Höhepunkt der holländisch-niederländischen Zivilisation angesehen wird. Während in anderen Ländern reiche Aristokraten Schirmherren und Gönner der Künste waren, spielten in den Niederlanden wohlhabende Händler und andere Patrizier diese Rolle. Hier bildete die aufstrebende, ungewöhnlich breite Mittelschicht zusammen mit den reichen Bauern das entscheidende Potential für die ökonomische wie auch für die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung des Landes.

Sie alle stellten einen riesigen Markt für den Absatz gewerblicher und künstlerischer Erzeugnisse dar. Durch ihr wachsendes gesellschaftliches Ansehen entstand bei Händlern, Handwerkern, kleinen Beamten oder Offizieren das Bedürfnis, ihren Status zur Schau zu stellen, und zwar auf eine vergleichbare Weise, wie es im Hochadel und Klerus gang und gäbe war. Dank ihrer Kaufkraft konnten sie sich diese Wünsche erfüllen. Durch das allgemein gesteigerte Interesse an der Beschreibung der sichtbaren Welt wurde der Wunsch nach Kunstbesitz geradezu unersättlich, und die Nachfrage nach weltlicher Malerei blühte auf wie nie zuvor und nirgendwo sonst. Porträts beispielsweise sollten den gesellschaftlichen Rang der eigenen Person darstellen, wenn nicht erhöhen. Das über die unbedingt erforderlichen Einrichtungsgegenstände hinausgehende Mobiliar wurde als Statussymbol betrachtet, was sich im Besitz prächtiger Eichentruhen, achteckiger Tische und teurer Betten bei den Bauern und in kostbaren Uhren, Spiegeln, Porzellan oder Besteck der Bürgerschaft ausdrückte. Der teilweise ins Unerhörte wachsende Reichtum der Niederländer garantierte somit die Lebensgrundlage der Künstler des 17. Jahrhunderts (selbst wenn nur die wenigsten vollständig davon leben konnten) und hatte zur Folge, dass es eine ungleich bessere „Kunstversorgung“ der Bevölkerung gab, als irgendwo sonst in Europa.

Kunst und Kultur, dabei besonders die Malerei, entwickelten sich zusammen mit ihren neuen „Kunden“ zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Den schon damals gültigen Gesetzen der freien Marktwirtschaft folgend, wurde das „Dienstleistungsgewerbe Kunst“ immer differenzierter, es bildeten sich zum Beispiel Fachbetriebe für bestimmte Gattungen der Malerei aus und gleichzeitig entstanden Bildgattungen, deren Motive für die Malerei Neuland waren, wie beispielsweise die Landschaftsmalerei und das Genre der Sittengemälde. Auch stilistisch wurde die Kunstlandschaft immer vielfältiger, so dass die Auftraggeber sogar Malweisen, sei es der flämisch-italienischen oder der holländischen Schule selbst bestimmen konnten.

So bestimmten bürgerliche Auftraggeber die Kunstproduktion, die auf dem Selbstverständnis einer frühkapitalistischen Republik fußte, was zu einem höheren Realismus und zur Bevorzugung bestimmter Kunstgattungen wie Porträtmalerei (Einzel- und Gruppenbildnis), Genrebilder oder Stilllebenmalerei führte. Die schutterij, die Schützen mit ihrer Schützengilde und die rederijkers, die Dichter, organisiert in der rederijkerskamer, der Dichtergilde (seinerzeit „Redekammer“ genannt), waren gleichzeitig kulturelle Zentren und Förderer der Künste. Die Schützen hatten sich zu einer Art städtischen Bürgerwehr organisiert und sorgten nachts für Ruhe und Ordnung in den Städten. Alle männlichen Einwohner waren ihr zu Dienst verpflichtet. Die Dichtergilden stellten Vereinigungen auf Stadtebene dar, die literarische Aktivitäten begünstigten und unterstützten. Die Städte waren ebenso stolz auf diese Gilden wie die Bürger auf ihre Mitgliedschaft, die sie sich viel kosten ließen. Große niederländische Dichter, wie zum Beispiel Pieter C. Hooft und Joost van den Vondel, waren Mitglieder einer Rederijkerskamer. Die einzelnen Gilden und Gildenmitglieder ließen sich gerne und oft bei der Ausübung ihrer Ehrenaufgabe porträtieren. Ein Beispiel dafür ist das Bild der Nachtwache von Rembrandt van Rijn.

Im 17. Jahrhundert erreichte die Malerei in den Niederlanden eine derartige Blüte, dass sie gelegentlich alleine mit dem Begriff des Goldenen Zeitalters verbunden wird.

Die traditionellen kirchlichen Bildthemen wurden seit der Reformation indessen als „katholisch“ abgelehnt (siehe Bildersturm); die protestantischen Bürger wollten ihre Religiosität, ihre Lebensführung und ihre ureigenen Themen und Probleme – in erster Linie also sich selbst in ihrem beruflichen und privaten Umfeld, und in möglichst vorteilhafter Weise – verewigt sehen. Dies führte zur Ausprägung neuer Bildgattungen und Erfindung neuer Bildthemen. Es entstanden geradezu massenweise Einzelporträts und Gruppenbildnisse, auf denen die Familie, die Verwandtschaft, die Gildemitglieder, das Ratskollegium oder Festivitäten und Feierlichkeiten festgehalten waren; Stillleben gewährten Einblicke in das tägliche Leben des Bürgertums mit protzigen, sinnesfreudigen Interieurs hinter äußerlich unscheinbar und klassizistisch streng daherkommenden, schmalen Bürgerhäusern. Vanitas-Motive rechtfertigten die Zurschaustellung von Reichtum und Macht durch ihre warnende Botschaft.

Eine nie da gewesene Spezialisierung innerhalb der Malerei setzte ein. Willem Claesz. Heda und Willem Kalf malten nur Stillleben. Ihre „Ontbijtjes“, ihre „Frühstücks“-Stillleben, hatten sie sogar auf wenige Gegenstände reduziert, die sie mit geringen kompositorischen Änderungen wieder und wieder variierten. Jan van Goyen, Jacob van Ruisdael und Meindert Hobbema standen für die Landschaftsmalerei, Jan Steen, Adriaen van Ostade und Adriaen Brouwer für die Bauernsatire, Gerard Terborch und Pieter de Hooch für das Gesellschaftsstück (einer Variation des Genrebildes, das bäuerliche Festlichkeiten thematisiert), Pieter Jansz Saenredam und Emanuel de Witte für die Architekturmalerei, Thomas de Keyser und Frans Hals für Porträts. Willem van de Velde hatte sich auf Schiffe spezialisiert, Paulus Potter malte Tierbilder, bald nur noch Rinder, Philips Wouwerman Pferde, hauptsächlich Schimmel, Melchior d’Hondecoeter beschränkte sich fast ausschließlich auf Vögel, Jan van Huysum auf Blumen und Abraham van Beijeren auf Austern, Hummer und Früchte, während Pieter Claesz der Mann für feines Silberzeug war.

Die Preise der zunächst meist auf offener Straße, auch auf Jahrmärkten, angebotenen Bilder waren im Allgemeinen sehr niedrig, und der wachsende Bedarf zog eine rasante Erhöhung der Produktion und damit ein stetiges Anwachsen des Malerstandes nach. Diese Überzahl von Künstlern innerhalb einer regelrechten Bilderindustrie führte zur Entwicklung eines Kunstproletariats. Viele, heute hochgeschätzte Maler mussten ihren Lebensunterhalt anderweitig finanzieren, die wenigsten konnten allein vor der Malerei leben. Jan Steen betrieb ein Wirtshaus, Jakob Ruisdael war Arzt, Jan van Goyen handelte mit Tulpen, Meindert Hobbema war Steuereintreiber, die Malerfamilie van de Velde betrieb ein Leinwandhaus. Viele Künstler nahmen auch Tätigkeiten als sogenannte Grobmaler – also Anstreicher – an, wenn die Aufträge als Feinmaler ausblieben. Beide Gruppen, Grob- und Feinmaler, gehörten ohnehin lange derselben Gilde an.

Singuläre Spitzenkräfte wie Rembrandt oder Vermeer waren keineswegs zeittypisch und wurden in ihrer Genialität damals von nur wenigen erkannt. Im Gegensatz zu ihren hoch spezialisierten Kollegen machten sie sich verschiedene Genres zu Eigen und hinterließen ein vielseitiges Œuvre.

Das große Geld hingegen verdienten andere, wie zum Beispiel Gerard Dou und Gerrit van Honthorst: Maler, die für die Hofhaltung des Statthalters arbeiteten oder – wie Rubens – sich gleich im feudal und klerikal gebliebenen Flandern niederließen beziehungsweise Hofmaler in Italien, Frankreich oder Spanien wurden.

Mit dem breiten Interesse am Gemälde und dem Beginn der Kommerzialisierung der Kunst entwickelte sich ein anderes Verhältnis zwischen Maler und Auftraggeber; der Beruf des Kunsthändlers beziehungsweise Bildermaklers entstand. Gehandelt wurden ausschließlich Staffeleibilder mit vorwiegend profanen Themen, eine Nachfrage nach Altarbildern oder anderen großformatigen religiösen Gemälden bestand wegen des protestantischen Bekenntnisses nicht. Da die meist kleinformatigen und dementsprechend mobilen Bilder oft nicht auf Bestellung, sondern für den freien Markt und einen sich beständig erweiternden Kreis an bürgerlichen Sammlern geschaffen wurden, entwickelte sich sowohl ein reger Kunsthandel als auch das Ausstellungswesen.

Auch auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus haben die Niederlande eine lange Tradition vorzuweisen. Stand das 16. Jahrhundert noch ganz im Zeichen einer Auseinandersetzung mit der italienischen Renaissance, die in ihrer niederländischen Umsetzung oftmals völlig anders interpretiert wurde, so leitete das Ende des Jahrhunderts vom Manierismus zum Frühbarock über (hier besonders die Arbeiten des städtischen Baumeisters Lieven de Key mit dem Rathaus und der Fleischhalle in Haarlem) und setzte ansonsten schon Anfang des 17. Jahrhunderts ein an Palladio angelehnter, sich schnell zum strengen holländischen Klassizismus entwickelnder Stil ein, der mit seinem fast puritanischem Willen zur Vereinfachung dem damaligen „Zeitgeist“ als Gegenmodell zum barocken Feudalismus sehr entgegenkam.

Als Meisterwerk von Jacob van Campen, dem Begründer des nordniederländischen Klassizismus, gilt das 1642 bis 1648 errichtete ehemalige Amsterdamer Rathaus (stadhuis), in dem sich heute der Königliche Palast befindet. Es demonstrierte die Vormachtstellung der Stadt Amsterdam in der einflussreichsten Provinz Holland der niederländischen Generalstaaten und ist zugleich der größte Bau dieser Art in seiner Zeit – im übrigen gleichzeitig eine ingenieurtechnische Meisterleistung, mussten doch zunächst 13.569 Pfähle in den sumpfigen Boden gegründet werden.

Durch die florierende Wirtschaft breiteten sich die Städte schnell aus. Der auf der morastigen Amstelmündung entstandene Amsterdamer Grachtengürtel mit seinen Grachtenhäusern spiegelt die wirtschaftliche und kulturelle Blüte wider, die die Stadt erlebte. Hier und in den anderen niederländischen Städten wirkte besonders der Architekt Hendrick de Keyser, der neben zahlreichen Amsterdamer Kirchen, öffentlichen Gebäuden und privaten Herrenhäusern das Delfter Rathaus errichtete.

Dem stand Den Haag nur wenig nach, das sich zur eleganten Diplomatenstadt entwickelte, wo van Campen und Pieter Post 1640 Moritz von Nassaus Stadtpalais Mauritshuis errichteten (im übrigen der erste in den Niederlanden in Grund- und Aufriss rein klassizistische Bau) und wo Bartholomeus van Bassen Kirchen, Brücken, öffentliche Gebäude und Hofjes baute, in denen ein Teil der ärmeren Bevölkerung unterkam. Utrecht am Rheindelta erlebte mit seinen hochherrschaftlichen Giebelhäusern und vielen Kirchen und Klöstern genauso einen Bauboom, wie Leiden, Haarlem oder Gouda. Auch Delft, wo Architekten wie Hendrik Swaef oder Paulus Moreelse wirkten, entwickelte sich zu einem blühenden Handelszentrum, in dem Tuchweberei, Bierbrauerei und Porzellanmanufakturen angesiedelt waren. Hier wurden nur wenige öffentliche Gebäude im klassizistischen Stil errichtet, hingegen vermehrt auf bereits bestehende Gebäude zurückgegriffen. Das beste zeitgenössische Beispiel ist die Vleeshal (Fleischhalle) von Swaef aus dem Jahr 1650.

Typisch für viele zeitgenössische Architekten war es, dass sie ursprünglich Architekturmaler oder Bildhauer waren und zusätzlich Innenräume und sogar Möbel entwarfen und somit das gesamte Interieur der Bauwerke komponierten. Die Innenausstattung der Zunft- und Wohnhäuser zeigte im Übrigen weiter deutliche französische, teilweise barocke Einflüsse.

Auch Buchdruck und die Buchverlage erlebten eine Blüte. Die Niederlande hatten bereits im 16. Jahrhundert eine führende Stellung im Druckgewerbe inne und sollten sie im 17. Jahrhundert beibehalten. Der Schwerpunkt der niederländischen Buchproduktion verschob sich von Antwerpen nach Leiden und Amsterdam als neue Druckzentren. So erschienen sogar die späteren Werke Galileis in Leiden, und da blieb es natürlich nicht aus, dass viele andere Autoren dort nicht nur drucken ließen, sondern sich vor Ort niederließen, um ihre literarischen Aktivitäten dorthin zu verlagern. Jedoch konnte der Standard der Buchdruckerkunst eines Christoph Plantin, dessen Antwerper Druckerei als „achtes Weltwunder“ die Augen der gelehrten Welt auf sich zog, nicht gehalten werden. Es entwickelte sich vielmehr – wegen der nachkriegsbedingten Materialknappheit und der extrem hohen Nachfrage – eine deutlich geringere Qualität in Papier, Druckfarben und Einband; auch erschienen die ersten Paperbacks auf dem Markt.

Noch in den Kriegswirren des ausgehenden 16. Jahrhunderts war Plantin – um dem massiven Eingriff der staatlichen und kirchlichen Zensur zu entgehen – von Antwerpen nach Leiden übersiedelt. Innerhalb von zwei Jahren baute er wieder einen großen Betrieb auf, den er – mittlerweile im fortgeschrittenen Alter – seinem Schwiegersohn Franciscus Raphelingus zur Weiterführung überließ, der indes nicht so erfolgreich war und 1620 die Bestallung als Akademiedrucker an Isaac Elzevir verlor. Mit Plantin war ebenso Louis Elzevir aus Antwerpen geflüchtet. Da er kein Kapital für eine eigene Druckerei aufbringen konnte, eröffnete er ein Buchgeschäft und knüpfte gute Beziehungen zur Leidener Universität, von denen seine Erben nach seinem Tod profitierten. Seine Söhne Mathijs und Bonaventura wurden Buchhändler, Louis der Jüngere übernahm die Filiale in Den Haag und Joost die in Utrecht. Wenige Jahre später begründete Neffe Isaac Elzevir (1596–1651), nachdem er reich geheiratet hatte, eine Universitätsbuchdruckerei in Leiden. Dieses sehr schnell erfolgreich gewordene Druckhaus ging im frühen 18. Jahrhundert unter, wohingegen aus dem Den Haager und Utrechter Zweig der Familie später weitere Druckereien hervorgingen, die den Namen bis heute bekannt gehalten haben.

Die Elzevirs waren keine gelehrten Buchdrucker wie etwa Manutius oder Estienne, doch sie verfügten über wichtige Kontakte in der damaligen wissenschaftlichen Welt. So ließ „alles, was Rang und Namen hatte“, bei ihnen drucken: Bacon, die Brüder Pierre und Thomas Corneille, Comenius, Descartes, Thomas Hobbes, Hugo Grotius, Milton, La Rochefoucauld, um nur einige Namen zu nennen, und nicht zu vergessen Molière, von dem die Elzevier 24 Theaterstücke herausbrachten, dazu zwei Gesamtausgaben.

Auf dem Gebiet der Kartographie waren hingegen andere führend. Mit den Mercatorkarten, die von Jodocus Hondius publiziert wurden, begann die große Zeit der niederländischen Kartenkunst und wurde Amsterdam ferner zum Zentrum der Karten- und Globenproduktion, wo sich unter anderem der bedeutendste Hersteller, Willem Janszoon Blaeu niedergelassen hatte.

In der Renaissancezeit entwickelte sich ein von der Reformation geprägter Humanismus. Den starken Einfluss der klassischen Dichter, besonders des Tacitus, zeigen die Nederlandsche histooriën (1642–54) des Historikers P. C. Hooft, der mit seinen Gedichten die französische und italienische Lyrik in den Niederlanden einführte und daneben Hirtenspiele und Dramen schrieb. Klassische Dramen wurden mit der Einheit von Ort, Zeit und Handlung geschrieben, wie es von Aristoteles vorgeschrieben war.

Mit seinen biblischen und vaterländischen Dramen gilt Joost van den Vondel als Dichter von klassischem Rang. Seine bekanntesten Werke sind Gijsbrecht van Aemstel (1637) und Lucifer (1654), die heute noch verlegt und aufgeführt werden. Als Komödiendichter (De Spaanse Brabander von 1617) wurde der auch als Lyriker bedeutende Gerbrand Adriaenszoon Bredero geschätzt.

Weitere bedeutende Autoren waren der Moralist Jacob Cats, der Diplomat Constantijn Huygens, der Kupferstecher Jan Luyken, der führende zeitgenössische Dichter des niederländischen Südens Justus de Harduwijn‎, der religiöse Lyriker Jacob Revius, dessen Statenbijbel 1637 erschien, der Dichter und Dramatiker Willem Godschalk van Focquenbroch (1630–1674), der Dichter und Illustrator Jan Luyken (1649–1712), dessen Werke teilweise bis heute verlegt werden, Karel van Mander, der unter anderem Schilderboeck, ein Buch über die Malerei, schrieb sowie der Komödienschreiber Thomas Asseleyn (1620–1701).

Auch der Universalgelehrte Grotius muss als Literat genannt werden. Sein Hauptwerk ist die juristische Studie De Jure Belli ac Pacis libri tres, in der er den Krieg rechtfertigt, wenn es keine anderen Mittel zur Bewältigung eines Konfliktes gibt und mit der er wichtige Grundlagen des Völkerrechts legt. In der Studie mit dem Titel Mare Liberum erklärt er die Meere zu internationalen Gewässern, die nicht einem bestimmten Herrscher gehören können. Dieses Werk wurde zur Grundlage des modernen Seerechts.

Das berühmteste Werk des niederländischen Philosophen Spinoza, Ethica, ordine geometrico demonstrata, in dem er mit Hilfe der Mathematik die jüdisch-mystische Tradition und das von Vernunft geprägte, wissenschaftliche Denken in einer allumfassenden Vision miteinander vereint, wurde 1677 postum veröffentlicht. Gemeinsam mit Descartes und Voltaire war Spinoza einer der Begründer der Aufklärung.

Das 17. Jahrhundert galt bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als das bibliographisch am schlechtesten erschlossene Jahrhundert, da zum einen die gewundenen langen Titel die Erfassung in Ordnungswörtern erschwerten, zum anderen auch häufig durch die herrschende Zensur in Europa viele Drucke anonym und ohne Zuordnungsmöglichkeit, wie Ort oder Verlag, erschienen waren. Für die Niederlande trifft dies nicht in dem Maße zu; als das von der Zensur am wenigsten betroffene europäische Land dieses Jahrhunderts, konnten die Autoren weitgehend frei publizieren und waren nicht zur Verschleierung der wahren bibliographischen Daten gezwungen waren. Deswegen wichen selbst berühmte ausländische Autoren dorthin aus.

Die niederländische Bildhauerkunst konnte von den Errungenschaften des 17. Jahrhunderts nicht in dem Maße profitieren wie die anderen Schönen Künste.

Ab 800 n. Chr. wurden Bildhauerarbeiten hauptsächlich als architektonischer Schmuck für Fassaden und Grabmäler verwendet und ab dem 11. Jahrhundert kamen Kult- und Heiligenbilder hinzu. Widersprachen schon die gradlinigen, schnörkellosen Formen des Klassizismus gegenüber der Verspieltheit und Figurbetonung von Rokoko und Barock einem Einsatz allzu vieler dekorativer Elemente, so betrafen gerade Statuen das gespannte Verhältnis der protestantischen Kirche zur Bildenden Kunst. Ein weiterer Grund für die schwache Nachfrage war der Rückzug der Aristokratie aus dem Land.

Dennoch wurden Skulpturen für Regierungs- und private Gebäude sowie kirchliche und weltliche Außenanlagen in Auftrag gegeben. Daneben gab es einen größeren Kundenkreis für profane Kunst; beispielsweise waren Skulpturen für Grabsteine und Büsten begehrt.

Die führenden niederländischen Bildhauer des 17. Jahrhunderts waren der bereits oben als Architekt besprochene Hendrick de Keyser, der 1618 das erste nicht religiöse Standbild der Niederlande, die Erasmus-Statue in Rotterdam, schuf, sowie Artus Quellinus I., Artus Quellinus II. und Rombout Verhulst, alle aus den südlichen Niederlanden. Weiterhin zu nennen sind Bartholomeus Eggers, der zwar einen Auftrag für das Mauritshuis erhielt, ansonsten hauptsächlich für den Kurfürsten von Brandenburg arbeitete, sowie Johannes Blommendael.

Die große Zeit der Musikgeschichte der Niederlande ist eng verknüpft mit der Niederländer Schule und endet mit ihr ausgangs des 16. Jahrhunderts. Unter dem dominierenden Einfluss der calvinistischen Kirche konnten sich die großen Formen der Musik – Oper, Passion, Kantate – nicht entfalten; die Musik beschränkte sich auf die Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft. So bestimmten Einflüsse aus dem Ausland, allen voran durch Komponisten wie Jean-Baptiste Lully und Johann Sebastian Bach, die zeitgenössische Musik, die in den Niederlanden keinen eigenen Stil ausbildete.

Das Orgelspiel nahm einen bedeutenden Rang ein. Auch Musizieren in den Familien war ein bevorzugter Zeitvertreib des 17. Jahrhunderts, die Hausmusik wurde intensiv gepflegt, es bildeten sich Collegia musica genannte private Musikverbände. Gebräuchliche Instrumente waren Laute, Cembalo, Gambe und Flöte. Viele Gesangbücher wurden veröffentlicht, wenngleich ab Mitte des 17. Jahrhunderts die instrumentale Musik deutlich vorherrschte.

Lyrische Dramen, Ballett und Opern wurden in dem 1638 eröffneten Amsterdamer Opernhaus aufgeführt, die meist französischen und italienischen Ursprungs waren. Lediglich Constantijn Huygens, Jan Pieterszoon Sweelinck, Organisten und Komponisten von Oratorien und Kantaten, Adriaen Valerius, Dichter von geistlichen und patriotischen Liedern, auch der sogenannten Geusenlieder (Geusen waren im 16. Jahrhundert niederländische Freiheitskämpfer gegen die Spanier), der Glockenspieler Jacob van Eyck sowie der bereits als Autor besprochene Constantijn Huygens mit schätzungsweise 800 Musikstücken, konnten eine gewisse, wenn auch heute weitgehend in Vergessenheit geratene Bedeutung erlangen und landestypische Akzente setzen.

Das Jahr 1672 ist in den Niederlanden als Rampjaar, das Katastrophenjahr, bekannt. Zunächst kam es zu innenpolitischen Unruhen. Zwei bekannte Politiker in der statthalterfreien Zeit, die Brüder Johan und Cornelis de Witt, wurden in Den Haag grausam ermordet. Johan de Witt hatte versucht, die Ernennung Wilhelms III. zum Statthalter zu verhindern, was zusammen mit der sich zuspitzenden wirtschaftlichen und kolonialen Rivalität zwischen den Niederlanden und England zum zweiten Englisch-Niederländischen Seekrieg führte. Unter der Führung de Witts brachte die niederländische Flotte den Engländern schwere Niederlagen bei. 1667 akzeptierte Karl II. von England den Vertrag von Breda, mit dem der Krieg beendet wurde. Bereits ein Jahr später, 1668, verbündeten sich die ehemaligen Kriegsgegner zusammen mit Schweden in einer Tripelallianz gegen Frankreich, das in die Spanischen Niederlande eingedrungen und zum Abbruch des Devolutionskrieges gezwungen war. Als 1672 der dritte Englisch-Niederländische Seekrieg ausbrach und gleichzeitig Ludwig XIV. von Frankreich zusammen mit Köln und Münster der Republik den Krieg erklärten, kam es zum Holländischen Krieg. De Witt wurde gestürzt und zusammen mit seinem Bruder Cornelis in Den Haag von einer Meute der Anhänger Wilhelms gelyncht; Wilhelm III. von Oranien wurde zum Statthalter berufen. Der Krieg verlief für England nur wenig erfolgreich und wurde 1674 beendet; der Krieg gegen Frankreich konnte erst 1678 mit dem Frieden von Nimwegen beendet werden.

Nach der „Glorreichen Revolution“ von 1688 floh der englische König Jakob II. nach Frankreich. Jakobs Tochter Maria wurde zur Königin erklärt; sie sollte zusammen mit ihrem Ehemann Wilhelm III. herrschen, der seit 1672, nach dem Sturz Johan de Witts, Statthalter, Generalkapitän und Admiral der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande war. Damit wurden Holland und England faktisch in Personalunion vereint, und die Republik wurde zu einem festen Bestandteil der antifranzösischen Koalition unter Wilhelm III.

Im Laufe der Regierungszeit des Paares gelang es dem englischen Parlament gegen königlichen Widerstand, seine Rechte wesentlich zu erweitern. So wurde beispielsweise die Bill of Rights verabschiedet, die die parlamentarische Verantwortlichkeit von Ministern durchsetzte. Die politische Elite begann, die wirtschaftlichen Interessen zu koordinieren und zu unterstützen. 1694 wurde die Bank von England als erste Staatsbank gegründet; das Parlament garantierte die Deckung der Staatsanleihen und schaffte so Vertrauen. Staatsinteresse und Kapitalinteresse begannen, sich eng zu verknüpfen. Das Erstarken Englands läutete gleichermaßen das schleichende Ende des Goldenen Zeitalters der Niederlande ein, selbst wenn der Geschichtsverlauf nicht so verkürzt auf eine These von Aufstieg, Blüte und Verfall beschränkt beschrieben werden kann und das anbrechende 18. Jahrhundert eher als Zeit der Stagnation denn eines Niedergangs der Niederlande beschrieben wird.

Nach 1680 verschlechterte sich für die Niederländische Ostindien Kompanie erstmals die Situation. In Europa sanken die Pfefferpreise und stieg gleichzeitig die Nachfrage nach Textilien aus Indien, Kaffee aus Mokka und Tee aus China. Die Kompanie verfügte jedoch zum einen über zu wenig Edelmetall zum Ankauf dieser Produkte in Asien, was zu ständigen Kreditaufnahmen führte; zum anderen hatte sie sich bei diesen nicht monopolisierten Produkten mit der englischen Konkurrenz auseinanderzusetzen, die gerade finanziell erstarkte. Die wachsenden Kosten des Überseehandels wurden für die Kompanie, wie für das ganze Land, zu einer immer stärkeren Belastung.

Andere signifikante Ereignisse geschahen 1702: Der Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges und der tödliche Reitunfall des 52-jährigen Statthalters Wilhelm III. Da er keinen männlichen Erben hinterließ und kein zweifelsfreier Nachfolger bestimmt war, ruhte die Statthalterwürde und es trat eine Rückbesinnung auf die antizentralistische Tradition der städtischen Regenten ein. Erst 1747 wurde Wilhelm IV. Statthalter aller Provinzen. Nach dem Frieden von Utrecht hatten die Regenten den Standpunkt eingenommen, die Republik solle in der internationalen Politik keine führende Rolle mehr spielen. Dieser Beschluss war eigentlich nur die Anerkennung der Realität, denn aufgrund der Uneinigkeit zwischen den Staaten und des komplizierten Regierungssystems hatte die Republik seit 1715 auf internationaler Ebene kaum noch Einfluss geltend machen können.

Freilich spielten finanzielle Gründe ebenso eine Rolle. Die schlechte wirtschaftliche Lage wurde unter anderem dadurch verursacht, dass reiche Bürger ihr Geld in den Nachbarländern und nicht im eigenen Land anlegten. In dieser Zeit wurde das Land noch von zwei weiteren Plagen heimgesucht. Der aus dem karibischen Raum eingeschleppte Schiffsbohrwurm richtete an Schiffen und den zahlreichen Holzpfählen der Deiche immense Schäden an. Immer wieder kam es deshalb zu Überschwemmungen. Zeitgleich wütete die Rinderpest, die nicht nur die Bauern hart traf, sondern den Export von Käse und Butter zum Erliegen brachte.

Das von Frankreich ausgehende Zeitalter der Aufklärung erreichte schließlich auch die Niederlande, wo sich die so genannten Patrioten formierten, die sich für eine Modernisierung und Demokratisierung der maroden Republik einsetzten. Auch vergrößerte sich die soziale Kluft im Lande immer mehr, die Regierenden entfremdeten sich zunehmend von ihrem Volk. Unruhen, Anprangerung der Missstände und Systemkritik an der unbegrenzten Herrschaft der Regenten breiteten sich aus.

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US-Konjunkturprogramm 2008

Das US-Konjunkturprogramm 2008, im deutschen auch Impulsprogramm oder Impulspaket genannt, englisch Economic Stimulus Act of 2008, ist ein Gesetz der Vereinigten Staaten von Amerika, welches verschiedene konjunkturpolitische Maßnahmen vorsieht, um 2008 die Wirtschaft der USA zu stützen und eine mögliche Rezession zu vermeiden oder abzumildern. Das Gesetz wurde von Präsident George Bush am 13. Februar 2008 unterzeichnet.

Als Volumen für das Konjunkturprogramm waren 152 Mrd. US-Dollar für 2008 vorgesehen. Weitere 124 Mrd. US-Dollar sollen während der nächsten zehn Jahre verausgabt werden.

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Köln-Kalk

Lagekarte des Stadtteils Kalk im Stadtbezirk Köln-Kalk

Kalk ist ein rechtsrheinischer Stadtteil innerhalb des gleichnamigen Kölner Stadtbezirks 8. Der Ort, der über Jahrhunderte nur aus einigen Hofgemeinschaften und einer Pilgerkapelle bestanden hatte, entwickelte sich durch die Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer wohlhabenden Industriestadt, die im Jahre 1910 von der Stadt Köln eingemeindet wurde.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Stadtteil zu 90 Prozent zerstört. Nach schnellstmöglichem Wiederaufbau war Kalk über Jahrzehnte einer der größten Industriestandorte Kölns. Seit der Rezession in den 1970er-Jahren und den damit verbundenen Werksschließungen durchläuft Kalk einen Strukturwandel zum Wohn- und Verwaltungsstandort. Der hohe Ausländeranteil trägt zur Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft bei. Durch die im Vergleich zu anderen Stadtteilen erhöhte Kriminalitätsrate sowie eine hohe Arbeitslosenquote gilt Kalk als sozialer Brennpunkt. Das Stadtbild wird heute von Wohnhäusern aus der Gründerzeit, Kriegsbaulücken füllenden Mietshäusern aus den 1950er- und 1960er-Jahren in Schlichtbauweise, einigen Industriedenkmälern, Verwaltungsbauten sowie von großen Industriebrachen geprägt.

Der ursprüngliche Siedlungskern des Ortes lag auf einer Geländerinne der Niederterrasse des Rheins westlich eines mittlerweile verlandeten Rheinarms. Nördlich der Kalker Höfe lag ein Sumpfgebiet, welches sich vom Buchenforst bis nach Bensberg erstreckte.

Der Stadtteil Kalk grenzt im Osten mit den Gleisanlagen der Güterverkehrsstrecke Mülheim an der Ruhr–Köln an die Stadtteile Höhenberg und Vingst. Der Bahndamm der rechten Rheinstrecke und Siegstrecke trennt den Ort im Süden von dem Stadtteil Humboldt/Gremberg und im Westen von Deutz ab. Im Norden verläuft die Grenzlinie zu Buchforst entlang der Bundesstraße 55a.

In einer Schenkungsurkunde überschrieb Heribert von Köln im Jahre 1003 der neugegründeten Abtei Deutz zahlreiche Pfründen, so unter anderem die Pfarrkirche Deutz mit dem ihr aus den umliegenden Höfen Deutz, Kalk, Vingst, Poll, Rolshoven und Westhoven zustehenden Zehnten. Die Ortsbezeichnung Villa Kalka oder Calke, wie der Ort in einer anderen Urkunde genannt wurde, leitet sich vermutlich von dem mittelhochdeutschen Wort Kolk ab, denn das Hofgut (lateinisch: villa) lag am Rande einer feuchten Niederung. Eine zweite Deutung vermutet den Baustoff Kalk als Namensgeber. Es könnte sein, dass die Römer während des Baus von Colonia Claudia Ara Agrippinensium das Gebiet als Lagerplatz für Kalk benutzt haben, der in den Kalksteinbrüchen auf heutigem Bergisch Gladbacher Gebiet abgebaut wurde.

Zur Bewirtschaftung der Ländereien existierten schon vor der Überschreibung an die Abtei Deutz im Bereich der heutigen Höfe- und Engelstraße die Kalker Höff. Die Frage, ob es sich dabei um einen Hof oder um mehrere Höfe handelte, ist genauso wenig beantwortet wie die, ob zu diesem Zeitpunkt Grundherrschaft oder Lehen anderer kirchlicher Institutionen oder Adliger am Kalker Gebiet bestanden.

Das Kölner St.-Severins-Stift muss spätestens im 13. Jahrhundert über Landbesitz verfügt haben, denn im Jahre 1298 verpachtete es 50 Morgen Land auf Lebenszeit an den Chorbischof Winricus aus Troisdorf. Er verpflichtete sich, jährlich neun Malter Roggen an das Stift zu liefern (1 rhein. Malter ≈ 416 Liter). Wahrscheinlich das gleiche Stück Land wurde im Jahre 1330 den Eheleuten Sophie und Heinrich Körngin in Erbpacht gegeben. Im Jahre 1394 erwarb das Severinstift aus dem Nachlass des verstorbenen Ritters Johann vamme Hirtze den in Kalk gelegenen Hirtzhof und ein Jahr später den Kapitelshof. Mit diesen Höfen erwarb das Stift auch große Flächen außerhalb von Kalk. Der gesamte Grundbesitz wurde zu diesem Zeitpunkt neu aufgeteilt und als Lehen vergeben. Der Kapitelshof, in manchen Quellen auch Stiftshof genannt, wurde vom Severinstift zum Fronhof für seine rechtsrheinischen Besitzungen erweitert. Als weiterer Hof auf Kalker Gebiet wurde im Jahre 1626 erstmalig der Broicher Hof erwähnt, der östlich des Kapitelshofes lag. Vermutlich ist dieser Hof identisch mit dem Hirtzhof, dies kann aber nicht belegt werden. Belegbar ist, dass es sich bei den Bezeichnungen Stiftshof, Hellingshof und Knevelshof um den Kapitelshof handelt; der Broicherhof wurde ab 1673 in Wolfskehlhof umbenannt.

Dem Kapitelshof wurde spätestens 1529 ein Hofgericht zugeordnet, welches für Rechtsfragen der niederen Gerichtsbarkeit der zum Stift St. Severin gehörenden rechtsrheinischen Höfe zuständig war. Das Gericht trat dreimal jährlich unter Vorsitz eines Schultheißen zusammen, jeweils an den Donnerstagen nach dem Dreikönigstag, dem Weißen Sonntag und dem Johannistag. Die Dingbank des Hofgerichtes befand sich an einer Gerichtslinde in unmittelbarer Nähe der Kalker Kapelle. Das Gericht bestand bis zur Säkularisation des Severinsstifts im Jahre 1803.

Etwas abseits der Höfe, an der Straße nach Brück, stand das im Jahre 1423 erstmals urkundlich erwähnte Heiligenhäuschen, das die bemalte Pietà der „schmerzhaften Muttergottes“ beherbergte. Der Bildstock wurde vermutlich als Gebetsstätte für die Bewohner des in unmittelbarer Nähe gelegenen Siechenhauses errichtet. Die an Lepra erkrankten Bewohner des Hauses durften wegen der Ansteckungsgefahr ihren Heimatort Deutz nicht mehr betreten. Sie lebten von Almosen, die sie von Passanten auf dem Hauptweg von Köln in das Bergische Land erbettelten.

Vom Dreißigjährigen Krieg war Kalk insbesondere während des Schwedenkrieges betroffen. Aufzeichnungen von Pater Rupertus Hollwegh aus dem Jahre 1715 ist zu entnehmen, dass am 20. Dezember 1632 die schwedische Truppen unter der Führung des kursächsischen Generals von Baudissin, nachdem sie Deutz überfallen hatten, das Kalker Gebiet verwüsteten.

Im Jahre 1784 waren die Kalker Höfe von einer Naturkatastrophe betroffen. Nachdem der Rhein ab Sankt Goar über Monate zugefroren war, führte die zuerst einsetzende Eisschmelze der Mosel dazu, dass sich durch den enormen Druck des Wassers das Eis bei Köln auf zwei bis drei Meter Höhe türmte. Daraufhin brachen die Poller Köpfe, ein Damm, der zum Hochwasserschutz von Deutz und Köln errichtet worden war. Das nachfolgende Wasser überschwemmte große Bereiche am Rande des ehemaligen Rheinarmes in Poll, Vingst und Kalk. Zwischen Stammheim und Mülheim trafen die beiden Wasserströme wieder aufeinander. Die Kalker Höfe standen nach mündlicher Überlieferung „bis ans zweite Ofentürchen“ unter Wasser. Wie viele Kalker ihr Obdach verloren oder getötet wurden, ist nicht überliefert.

Während der Franzosenzeit wurde Kalk wie auch das andere rechtsrheinische Gebiet zum Schlachtfeld der österreichischen und französischen Truppen. Nachdem die Franzosen in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1795 den Rhein überquert hatten, wurden die Österreicher bis weit in des Bergische Land zurückgedrängt. Nach einem Gegenangriff durch Erzherzog Karl mussten die Franzosen bereits eroberte Gebiete wieder freigeben. Über drei Monate lagerte das französische Heer im Nachbarort Mülheim. In dieser Zeit wurden die Kalker Höfe oft von den französischen Soldaten geplündert und die Bewohner drangsaliert. Als die Österreicher endgültig vertrieben waren, wurde der Ort nach Zeitzeugenberichten noch mehrfach von nachrückenden Truppen geplündert.

Die Soldaten seien auf den Vorschlag eingegangen, und Bauer Wiemich und seiner Magd sei es zu verdanken, dass die Figur der schmerzhaften Muttergottes noch heute in Kalk ist.

Nachdem Kalk fast 800 Jahre politisch zum kurkölnischen Amt Deutz gehörte, wurde die Verwaltung während der französischen Herrschaft im Jahre 1802 dem Herzogtum Nassau-Usingen und ab dem Jahre 1806 dem Großherzogtum Berg übertragen. Schließlich wurde Kalk im Jahre 1808 ein Teil der Mairie Deutz, die nach dem Ende der französischen Besetzung in Bürgermeisterei Deutz umbenannt wurde. Im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses wurden die rechtsrheinischen Besitztümer des Severinsstifts im Jahre 1803 säkularisiert. Das Eigentum an den Höfen und den dazugehörenden Ländereien wurde den damaligen Pächtern übertragen.

Durch die private Bewirtschaftung der Höfe entfiel oftmals die Grundlage für eine regelmäßige Bezahlung der Landarbeiter. Da die Anzahl der Wallfahrer zur schmerzhaften Muttergottes stetig zunahm, bauten einige ehemalige Landarbeiter, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, entlang des Pilgerweges einfache Holzverschläge und richteten dort Kaffee-, Tee- und Heißwasserausgabestellen ein. Auch bei den Familien der Kölner Kaufleute wurde Kalk aufgrund des ländlichen Charakters als Naherholungsgebiet immer beliebter. An den Wochenenden kombinierten sie das stille Gebet mit einem Picknick im Grünen. Die primitiven Wirtshäuschen genügten allerdings nicht den Ansprüchen der vornehmeren Kölner Gesellschaft, sodass bald die ersten eleganten Kaffeehäuser und Restaurants errichtet wurden. Zu einigen dieser gastronomischen Betriebe gehörten schöne Gartenanlagen, Grottenbauten, großflächige Tiergehege und Volieren, um den Stadtkindern das ländliche „Viehzeugs“ näher zu bringen. Die Einwohnerzahl erhöhte sich trotz dieser Entwicklung nur gering. Von im Jahre 1817 gezählten 59 Einwohnern erhöhte sich die Zahl im Jahre 1831 auf 63, erst als einige wohlhabende Kölner Unternehmer ihre Landsitze in Kalk erbauten, stieg diese Zahl bis zum Jahre 1843 auf 96 an.

Im Zeitraum von 1815 bis 1850 erhöhte sich die Einwohnerzahl im benachbarten Köln von 48.000 auf 100.000. Um den erhöhten Bedarf an Baumaterialien zu decken, wurden rund um das Stadtgebiet Lagerplätze für Kalk, Sand und Ziegel eingerichtet. Die Ziegel wurden meist vor Ort in kleinen Ziegeleien produziert. Zum Vortrocknen wurden die noch feuchten Ziegel in die Sonne gelegt und anschließend gebrannt. Es war für die Kalker Bauern lukrativer, ihre Felder als Rohstoff- Trocknungs- und Lagerfläche an die Ziegeleien zu vermieten, als die Felder selbst zu bewirtschaften. Als die rege Bautätigkeit aufgrund fehlender Erweiterungsmöglichkeiten in Köln nachließ, lagen die Felder brach und wurden später als günstige Bauflächen an Kölner Unternehmer veräußert.

Die Landgemeinde profitierte in der Mitte des 19. Jahrhunderts von der Nähe zur Stadt Köln, da laut den preußischen Rayonbestimmungen innerhalb der zweiten Rayonlinie keine Industrieansiedlungen erlaubt waren. Deshalb griffen die Kölner Kaufleute für ihre Fertigungsanlagen auf Standorte außerhalb dieser Linie, wie Ehrenfeld, Mülheim am Rhein und Kalk zurück. So entstanden im westlichen Teil der Kalker Hauptstraße die ersten Fabriken der Textil-, Nahrungsmittel- und metallverarbeitenden Industrie, unter anderem im Jahr 1856 die Maschinenfabrik für den Bergbau von Sievers & Co (eine Keimzelle der heutigen Deutz AG) und die 1858 von Julius Vorster und Hermann Julius Grüneberg gegründete Chemische Fabrik Vorster & Grüneberg (die spätere Chemische Fabrik Kalk), welche Kalisalpeter herstellte. Damit die Gasversorgung der aufstrebenden Gemeinde sichergestellt werden konnte, wurde im Jahre 1862 ein privat betriebenes Gaswerk errichtet.

Der Bedarf an Kohle stieg im Dampfmaschinenzeitalter enorm, und es war für die Fabriken wichtig, sie kostengünstig aus dem näheren Umfeld zu erhalten. Deshalb suchte ein Konsortium in den Jahren 1854 bis 1856 rund um die Industriestandorte Mülheim und Kalk nach Kohlevorkommen. Nach mehreren erfolglosen Bohrungen wurde im Osten der Gemeinde ein Braunkohleflöz gefunden, dessen Größe einen Abbau zu rechtfertigen schien. Am 1. September 1856 wurde das Bergrecht an Wilhelm Eckardt übertragen. Die daraufhin gebildete Gewerkschaft Neu-Deutz begann nur wenig später mit dem Bau der Maschinen- und Förderanlagen. Als die Maschinen in Betrieb gingen, stellte sich heraus, dass das in den zirka 36 Meter langen Stollen eintretende Grundwasser nicht ausreichend abgepumpt werden konnte. Dies machte die Braunkohleförderung unmöglich. Nach nur zwei Jahren war einer von insgesamt zwei Versuchen, Braunkohle im Rheinland untertage abzubauen, gescheitert. Die Gebrüder Sünner kauften 1858 das Zechengelände und bauten dort die Brauerei & Brennerei Gebrüder Sünner.

Kalk gehörte bis 1857 zusammen mit den Orten Vingst und Poll zur Bürgermeisterei Deutz, deren Bürgermeister Gerhard Schaurte war. Als Deutz die Stadtrechte verliehen bekam, wurde die Bürgermeisterei geteilt. Es gab ab diesem Zeitpunkt die Stadt Deutz mit einer Verwaltung unter Bürgermeister Schaurte und die Landbürgermeisterei Deutz mit den Orten Vingst, Poll und Kalk, welche in Personalunion von der Stadtbürgermeisterei Deutz verwaltet wurde. Vom Jahre 1843 an, in dem 96 Einwohner im Ort lebten, erhöhte sich die Einwohnerzahl bis zum Jahre 1860 aufgrund der Industrialisierung auf 1800. Da die Kalker Kinder bis 1850 noch auf die Bildungseinrichtungen der benachbarten Orte Deutz und Vingst angewiesen waren, wurde in unmittelbarer Nähe der Kalker Kapelle die erste Schule errichtet.

Die Gemeinde war auch weiterhin als Naherholungsgebiet beliebt. Um den Bürgern der Stadt Köln die Anreise zu erleichtern, wurden ab Mitte der 1860er-Jahre von zwei Kaffeehaus-Besitzern zwei Pferdeomnibus-Linien betrieben. Da viele junge Fabrikarbeiter in ihrer Freizeit an Sonn- und Feiertagen nach erhöhtem Alkoholgenuss über die Stränge schlugen, wurde auf Anweisung von Bürgermeister Schaurte in den Hinterräumen einer Gastwirtschaft an der Hauptstraße ein Arrestlokal eingerichtet.

Im Jahre 1867 wurde die Landbürgermeisterei Deutz ausgegliedert und in Landbürgermeisterei Kalk umbenannt. Der neue Bürgermeister Wilhelm Wiersberg sollte in Kalk eine Gemeindeverwaltung mit Bürgermeisteramt aufbauen und betreute neben Kalk auch die Gemeinden Poll und Vingst, die eigene ehrenamtliche Ortsvorsteher hatten. Bis zum Bau des neuen Rathauses an der Kalker Hauptstraße im Jahre 1877 war die Gemeindeverwaltung in provisorischen Räumen untergebracht.

Während des Deutsch-Französischen Krieges in den Jahren 1870/1871 wurde bei Kalk ein großes Kriegsgefangenenlager mit zahlreichen Baracken erbaut. Die Versorgung der Kriegsgefangenen wurde durch ortsansässige Bäckereien und Metzgereien sichergestellt. Für die verwundeten Soldaten und für die im Lager an Pocken und Ruhr erkrankten Gefangenen wurde auf dem Werksgelände von Vorster & Grüneberg ein Lazarett eingerichtet. Sonntags wurden in der 1866 fertiggestellten Marienkirche Gottesdienste in französischer Sprache gehalten.

Unmittelbar nach Kriegsende war es für die Kalker Fabrikanten bedeutend einfacher, an Gelder für die Erweiterung ihrer Industrieanlagen zu gelangen, denn der Bedarf an Gütern war enorm gestiegen. Dieser Boom wurde durch die Gründerkrise im Jahre 1873 gestoppt, bei der viele Banken insolvent wurden und zusätzliche Finanzierungen schwer durchzusetzen waren. Einige jüngere Industrieunternehmen mussten schließen, da die Eigentümer ihre Geldmittel in Aktien der insolventen Banken investiert hatten.

Aufgrund der Konjunkturflaute fehlten der Gemeinde Kalk erhebliche Steuereinnahmen, die einen zügigen Ausbau der Infrastruktur ermöglicht hätten. Nur die Hauptstraße und die Victoriastraße (heutige Vietorstraße) waren durch Straßenpflaster befestigt. Der restliche Teil des mittlerweile 14 Kilometer langen Straßennetzes bestand aus unbefestigten Lehmwegen. Nach stärkeren Regenfällen waren großflächige Bereiche des Ortes nicht erreichbar. Das abfließende Wasser mit dem mitgeschwemmten Unrat sammelte sich in tiefer gelegenen Mulden, da es durch den lehmigen Boden schlecht im Erdreich versickern konnte. Um diesen unhygienischen Zustand zu beseitigen, wurde 1877 eine Schlinggrube an der nicht besiedelten Ortsgrenze zu Mülheim angelegt. Diese wurde mit einen 284 Meter langen Kanal mit der tiefsten Stelle Kalks an der Ecke Mülheimer Straße/Hochstraße (heute Kalk-Mülheimer-Straße/Peter-Stühlen- Straße) verbunden. Im selben Jahr erhielt der Ort einen Anschluss an das Leitungswassersystem der Stadt Mülheim. Drei Jahre später folgte auch der Anschluss an das Mülheimer Abwassersystem.

Für eine Gemeinde mit über 9000 Einwohnern und 17 Industrieunternehmen verfügte Kalk über eine mangelhafte Brandvorsorge. Diese bestand aus einer Feuerspritze, einem Hanfschlauch, zwei Brandhacken und 30 ledernen Feuereimern. Die Gerätschaften waren an verschiedenen Lagerplätzen untergebracht, sodass eine organisierte Brandbekämpfung nicht möglich war. Bei Bränden wurden die Kalker Bürger deshalb durch die Werkfeuerwehr der Maschinenbauanstalt AG Humboldt unterstützt. Um diesen desolaten Zustand zu ändern, wurde auf Initiative von fünf Kalker Bürgern am 19. November 1877 die Freiwillige Feuerwehr Kalk gegründet. Innerhalb eines Jahres konnten durch Spenden von Unternehmen und Bürgern die nötigen Gerätschaften angeschafft, ein Gerätehaus erbaut sowie 30 Hydranten an das Wasserleitungssystem angeschlossen werden. Die Feuerwehrleute wurden von der Berufsfeuerwehr Köln ausgebildet.

Die Erreichbarkeit Kalks verbesserte sich mit der Eröffnung des Rheinischen Bahnhofs am 1. Oktober 1875, der von der Rheinischen Eisenbahngesellschaft betrieben wurde. Nach der Verstaatlichung der Eisenbahngesellschaft wurde der Personenbahnhof in Kalk-Nord umbenannt. Am 20. Mai 1877 wurde durch die belgische Firma Ernst Hardt & Co die Pferdebahnlinie von Deutz nach Kalk eingerichtet, gleichzeitig wurde der Pferdeomnibusbetrieb eingestellt.

Im Jahre 1881 wurden Kalk aufgrund der erreichten Größe die Stadtrechte nach der Rheinischen Städteordnung verliehen. Im Jahre 1882 übernahm Aloys Thumb von Bernhard Harling das Bürgermeisteramt, welches dieser seit dem Tode von Wilhelm Wiersberg im Jahre 1880 kommissarisch übernommen hatte. Die neugegliederte Landbürgermeisterei Kalk mit den Orten Vingst und Poll wurde in Personalunion durch den Kalker Bürgermeister und seine Stadtverwaltung mitbetreut. Nachdem die Gemeinde Poll im Jahre 1888 zusammen mit der Stadt Deutz nach Köln eingemeindet worden war, konnte die verbliebene Gemeinde Vingst verwaltungsmäßig in die Stadtbürgermeisterei integriert werden, daher löste Bürgermeister Thumb die Landbürgermeisterei Kalk auf. In den Folgejahren versuchte Thumb mehrfach die selbständige Gemeinde Vingst einzugemeinden, was aber am Widerstand der Vingster Bürger scheiterte. Deshalb wurde Vingst im Jahre 1900 aus der Stadtbürgermeisterei ausgegliedert und musste eine selbständige Bürgermeisterei mit eigener Verwaltung gründen. Im selben Jahr starb Bürgermeister Thumb. Sein Nachfolger wurde Max Albermann, der bis zur Eingemeindung in die Stadt Köln Bürgermeister blieb.

Da die Stadt Kalk über kein historisches Ortswappen oder Ortssiegel verfügte, welches die Verwaltung als Stadtwappen hätte nutzen können, beschloss der Stadtrat am 1. März 1882 die Bildung einer Kommission für den Entwurf eines Wappens. Grundlage für die Gestaltung des Wappens war, im Schildhaupt auf blauem Grund die Wallfahrtskapelle darzustellen und im silbernen Schildfuß Symbole der Industrie zu zeigen. Die Kommission beauftragte keinen namhaften Heraldiker mit dem Entwurf, denn die acht vorgelegten Zeichnungen entsprachen alle nicht den Grundsätzen der Wappengestaltung. Nachdem der Stadtrat sich für einen Entwurf entschieden hatte, legte Bürgermeister Thumb diesen dem zuständigen Landrat des Kreises Köln zur Genehmigung vor. Auf dem üblichen Dienstweg gelangte der Entwurf zum Königlich Preußischen Heroldsamt in Berlin. Das Heroldsamt erklärte sich im Wesentlichen damit einverstanden, hatte aber einige Korrekturvorschläge und ließ das Wappen deshalb im eigenen Haus neu zeichnen. Für die Farbgebung wurde festgelegt: oberes Feld in Kobaltblau mit dunkelblauen Schattierungen. Das Mauerwerk der Kapelle ist weiß, die Tür- und Fensteröffnungen sowie die Schlagschatten sind durch dunklere Schraffierungen dargestellt. Die Dächer sind in einem Schieferton gehalten, das Kreuz und die Wetterfahne sind vergoldet. Zahnrad, Amboss, Hammer und Fäustel sind schwarz, die Hammerstiele und der Ambossklotz holzfarben in Terra di Siena abgetönt. Die Mauerkrone mit fünf Kronen ist hellziegelrot mit Schattierungen in sepiabraun. Wilhelm I. verlieh der Stadt Kalk am 20. Juli 1883 in seiner Eigenschaft als König von Preußen das Wappen.

Eine der Hauptaufgaben der Stadtverwaltung war neben dem Ausbau der technischen Infrastruktur der Aufbau einer funktionierenden sozialen Infrastruktur, denn zeitgleich mit der Stadtwerdung war das Konjunkturtief überstanden, infolgedessen strömten zahlreiche arbeitssuchende Menschen aus ländlichen Gebieten in die Stadt. Nicht alle fanden Arbeit, und so nahm die Verelendung in der Bevölkerung zu. Finanziell wurde die Stadt durch die Kirchen und die ansässigen Industrieunternehmen, insbesondere von der Maschinenbauanstalt AG Humboldt und der Chemischen Fabrik Kalk unterstützt.

Bereits seit 1864 wurde von mehreren Franziskanerschwestern eine häusliche Krankenpflege durchgeführt, fünf Jahre später wurden in einem angemieteten Wohnhaus an der Paradiesstraße (heutige Hollweghstraße) einige Krankenzimmer zur stationären Betreuung eingerichtet. Die Nonnen betreuten außerdem die Kranken in einem städtischen Pflegehaus an der Hochstraße (heutige Kapitelstraße). Als der letzte Kalker Landwirt Engels, dessen Tochter eine Franziskanerschwester war, ein großes Grundstück in der Paradiesstraße stiftete, wurde 1883 das durch die katholische Pfarre und die Stadt finanzierte katholische St.-Joseph-Hospital mit 60 Betten erbaut. Im Jahre 1896 wurde das Krankenhaus auf eine Kapazität von 200 Patienten ausgebaut. Auch die evangelische Gemeinde unter Leitung von Pastor Vietor plante seit den 1880er-Jahren einen Krankenhausbau, der aber an der Finanzierung scheiterte. Erst als die CFK umfassende Geldmittel zur Verfügung stellte, konnte der Bau des evangelischen Krankenhauses mit 56 Betten im Jahre 1904 realisiert werden.

Da es im 19. Jahrhundert noch keinerlei staatliche Hilfe gab, waren die Armen auf Spenden von wohlhabenden Bürgern, fürsorglichen Arbeitgebern, Kirchengemeinden und andere Gruppierungen angewiesen. Schon im Jahre 1874 wurde ein Armen-Unterstützungs-Verein gegründet, der eine Pfennigsparkasse verwaltete. Diese war eine Art Selbsthilfe-Sozialkasse, in welche die Armen selbst Pfennige einzahlen konnten, um im Gegenzug in Notlagen Geld zu erhalten. Von diesen Geldern und zusätzlichen Spenden wurde beispielsweise die Schulmilch bedürftiger Kinder bezahlt. Ab dem Jahre 1885 organisierte der Verein in den Herbstferien so genannte Milch-Kuren für arme Kinder. Bis zu 300 Kinder erhielten morgens einen halben Liter Milch und ein großes Brötchen. Anschließend wurden unter der Aufsicht von Lehrern lange Spaziergänge durchgeführt. Jährlich entsandte der Verein eine Anzahl skrofulöser Kinder zur Kur nach Bad Kreuznach.

Für die öffentlich geförderte Armenunterstützung wurde auf Anregung des Vorsitzenden des Unterstützungsvereins Dr. Reipen das Elberfelder System angewendet, das ausschließlich von ehrenamtlichen Helfern begleitet wurde, um Verwaltungskosten zu sparen. Das Stadtgebiet wurde dabei in Armenbezirke aufgeteilt, die jeweils von mehreren Armenhelfern betreut wurden. Die Bedürftigen wurden mit einem Formular erfasst, in dem sie ihre persönlichen Verhältnisse, die Anzahl der zu unterstützenden Personen sowie den Grund ihrer Armut angeben mussten. Mit diesen Angaben war eine gerechte Verteilung der Fürsorgegelder durch die zuständigen Armenbezirksvorsteher gewährleistet. Die Zuschüsse wurden jeweils für 14 Tage gewährt – danach wurde die Bedürftigkeit erneut überprüft. Zusätzlich wurde eine medizinische Grundversorgung der Bedürftigen sichergestellt. Das System wurde mit privaten Spenden und einem von der Stadt jährlich neu festgelegtem, den Gegebenheiten angepassten Zuschuss finanziert.

Als zusätzliche soziale Einrichtung richtete die Firma Humboldt 1886 eine Suppenanstalt für die verarmten Bürger ein. Dort war es möglich, gegen einen geringen Geldbetrag eine Mahlzeit zu erhalten. Diese Suppenanstalt wurde im Jahr 1904 durch eine von der Stadt finanzierte Armenküche ersetzt. Andere Unternehmen kauften im Winter mehrere Waggonladungen Kohle und verteilten diese an Bedürftige. Die katholische Gemeinde errichtete das katholische Waisenhaus Maria Hilf mit einer Aufnahmekapazität von 120 Kindern. Evangelische Waisen wurden in Nachbarorten untergebracht.

Die Stadt Kalk hatte große Schwierigkeiten, die Aufnahmekapazitäten der sechs Volksschulen (fünf katholische und eine evangelische) an das ständig ansteigende Schüleraufkommen anzupassen. Sobald die preußische Regelklassengröße für Volksschulen von ≈80 Schülern erreicht wurde, erweiterte die Stadtverwaltung die bestehenden Schulen durch Anbauten oder Nebengebäude. Während des Folgeschuljahres erhöhte sich die durchschnittliche Schülerzahl je Klasse durch neuzugezogene Kinder auf über 100 und ein erneuter Ausbau wurde erforderlich. Die Schulen wurden bis 1895 im Vierklassensystem geführt, bei dem jeweils zwei Schuljahre in einer Klasse unterrichtet wurden. Mit der Anordnung eines Siebenklassensystems durch die königlich-preußische Regierung konnten die Klassengrößen zwar deutlich reduziert werden, da nur noch das 7. und 8. Schuljahr gemeinsam unterrichtet wurden, aber für die gleiche Anzahl an Schülern wurden fast doppelt so viele Klassenräume benötigt. Erst mit dem Bau von zwei direkt nebeneinander liegenden Volksschulen an der Bismarckstraße (heutige Hauptschulen Falckensteinstraße und Albermannstraße) in den Jahren 1902 und 1906 waren ausreichende Räumlichkeiten für die Kalker Volksschüler vorhanden. Neben den Volksschulen wurde zu Ostern 1896 ein Progymnasium für Jungen eröffnet, welches auch eine Realabteilung besaß. Zwei Jahre später wurde auch eine Höhere Mädchenschule angesiedelt.

Nachdem 1884 mehrere Industrielle der Stadt Kalk 1700 Bücher gestiftet hatten, wurde die erste Volksbücherei des Rheinlands in von der Firma Humboldt zur Verfügung gestellten Räumen eröffnet und von vier Kalker Lehrern betreut. Im Jahre 1898 wurde unter Leitung von Rektor Heinrich Bützler eine Fortbildungsschule eingerichtet, die mit der heutigen Berufsschule vergleichbar war. War die Teilnahme in den Anfangsjahren noch freiwillig, wurde ab dem Schuljahr 1904 durch den Stadtrat eine Schulpflicht für Kalker Lehrlinge angeordnet. Die Schulklassen waren nach Berufssparten gegliedert. Zur Bekämpfung des Bildungsdefizits bei Kindern mit Lernbehinderung wurde auf Initiative von Heinrich Welsch, einem Verwalter der Kalker Volksbibliothek, die Hilfsschule an der Paradiesstraße gegründet. Lehrer Welsch wurde Direktor der Schule. Aufgrund seines sozialen Engagements wurde ihm mit dem Lied „En d’r Kayjass Nummero Null“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. Das Lied wurde zwei Jahre nach seinem Tod im Jahre 1937 erstmalig veröffentlicht und zählt noch heute zu den Kölner Karnevalsevergreens.

Im Jahre 1882 beschloss der Kalker Stadtrat erstmals einen Bebauungsplan für das Stadtgebiet, damit ein strukturierter Aufbau gewährleistet werden konnte. Vorher wurden die Gebäude nach freiem Ermessen an bestehenden Flurwegen und Straßen gebaut. Die einzige geordnete Bebauung war bis zu diesem Zeitpunkt die durch die Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft errichtete Eisenbahnerkolonie im Nordosten des Stadtteils. Dort wurden jeweils vier Wohngebäude mit gleichen Grundstücksgrößen zu einem Block zusammengefasst. Die 20 Wohnblocks wurden durch befestigte Straßen voneinander getrennt. Nach dem Ratsbeschluss wurden alle bestehende Straßen erschlossen und gepflastert und neue angelegt. Die Erben des Landwirts Trimborn verkauften im Jahre 1888 eine großzügige Landfläche westlich der Rolshover Straße an die Stadt Kalk. Neben zahlreichen Gründerzeithäusern wurde an der Corneliusstraße (heutige Robertstraße) in den Jahren 1889/1890 das Kaiserliche Postamt im neugotischen Baustil errichtet. Auf dem Vorplatz der Post wurde ein kleiner Park angelegt, in dem 1908 zum fünfzigjährigen Jubiläum der CFK das Denkmal des Arbeiters der Chemischen Fabrik Kalk errichtet wurde.

Um neben der Industrie ein weiteres wirtschaftliches Standbein zu erhalten, bemühte sich die Stadt Kalk darum, Garnisonsstandort zu werden. Nach schwierigen Verhandlungen mit der preußischen Regierung wurde an der Kaiserstraße (heutige Eythstraße) in den Jahren 1894 bis 1896 die Kronprinzen-Kaserne erbaut. In dem Kasernenkomplex wurden zwei Bataillone des 5. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 53 stationiert. Gleichzeitig wurde das Gebiet zwischen Kaserne und Hauptstraße mit einer anspruchsvollen Wohnbebauung versehen, vornehmlich für Offiziere und höhere Beamte.

Die hygienischen Zustände in den ortsansässigen Fleischereien wurden schon im Jahre 1883 vom Stadtrat als schlecht bewertet, deshalb wurde eine Kommission mit Planungen für den Bau eines städtischen Schlachthofes beauftragt. An der Mülheimer Straße kaufte die Stadt noch im selben Jahr ein Grundstück für dieses Bauvorhaben. Die Planungen wurden anscheinend sehr detailliert ausgeführt, denn erst im Jahre 1897 wurde mit dem Bau des Städtischen Schlachthofes begonnen. Am 4. Mai 1898 wurde die Schlachtanstalt feierlich eröffnet. Da die Stadtverwaltung vermutete, dass das in den Sommermonaten des Jahres 1906 aufgetretene hohe Säuglingssterben auf mindere Milchqualität zurückzuführen war, wurde zur kontrollierten Abgabe von hygienisch einwandfreier Milch auf dem Gelände des Schlachthofs eine Säuglingsmilchanstalt eingerichtet. Im Sommer des folgenden Jahres stellte sich heraus, dass die minderwertige Milch nicht allein die Ursache der hohen Säuglingssterberate war, denn diese erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr. Erst mit einem umfangreichen Beratungsangebot zur Säuglingspflege und einer Prämie für stillende Mütter konnte die Sterberate erheblich gesenkt werden. Musste die Milch der Säuglingsmilchanstalt anfänglich noch in verschiedenen Ausgabestellen abgeholt werden, wurde sie ab dem Jahre 1908 kostenfrei an die Abnehmer geliefert.

Am 1. April 1900 kaufte die Stadt von den Erben des Ingenieurs Otto Kellner das Kalker Gaswerk. Nach umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen konnte die Gasproduktion des Werkes binnen weniger Jahre um 40 Prozent auf über 1.400.000 Kubikmeter gesteigert werden. Trotz der Erweiterung konnte der Bedarf der Stadt ab dem Jahre 1905 nicht mehr gedeckt werden, sodass ein Anschluss an das Gasleitungsnetz der Stadt Köln notwendig wurde. Über diesen Anschluss konnte zusätzliches Kokereigas angesaugt werden, welches für den Bedarfsfall in einem Gasometer gespeichert wurde.

Da die Stadt seit 1886 mit Kalk-Süd über einen zweiten Personenbahnhof verfügte und der Güterverkehr per Eisenbahn um die Jahrhundertwende sehr stark zunahm, entschloss sich die Preußische Staatseisenbahn, den alten Personenbahnhof Kalk-Nord stillzulegen und an gleicher Stelle den Rangier- und Güterbahnhof Kalk-Nord zu bauen. Dieser wurde erhöht auf einer Aufschüttung über der Fläche von 3,2 Quadratkilometern errichtet. Am Südteil des Güterbahnhofs wurde zeitgleich ein großes Bahnbetriebswerk gebaut. Das Bahnbetriebswerk Kalk-Nord verfügte neben den üblichen Betriebswerk-Ausstattungsmerkmalen über einen 32-ständigen Lokschuppen, der über zwei Drehscheiben erreicht werden konnte. Der Bahnhof und das Betriebswerk (anfänglich noch Betriebswerkstatt genannt) wurden 1910 ihrer Bestimmung übergeben.

Die Stadt Köln übernahm im Jahre 1900 den Pferdebahnbetrieb von Deutz nach Kalk. Umgehend wurde mit der Elektrifizierung sowie der Verlängerung der Strecke bis zum Kölner Heumarkt begonnen, sodass im Jahre 1902 die erste elektrische Kleinbahn die Kalker Hauptstraße erreichte. Diese Strecke wurde im Jahre 1904 bis zum Königsforst verlängert, zusätzlich wurde im Jahre 1906 eine Strecke nach Brück in Betrieb genommen.

Als die Kapazität des 1857 angelegten Gemeinschaftsfriedhofes Kalk/Vingst an der Kirchstraße (heute Kapellenstraße) nicht mehr ausreichte, wurde der Stadt im Jahre 1900 von Brauereibesitzer Joseph Bardenheuer ein Grundstück im benachbarten Merheim zur Anlage eines neuen Friedhofs gestiftet. Als Bürgermeister Aloys Thumb am 3. November 1900 starb, wurde er auf dem neuen Areal beerdigt. Die offizielle Eröffnung des Kalker Friedhofs erfolgte zu Ehren des in der Bevölkerung sehr beliebten Bürgermeisters an seinem fünften Todestag, dem 3. November 1904. Die Inschrift des Grabsteins des Bürgermeisters lautet: „Unserem Bürgermeister Thumb – die dankende Stadt Kalk“.

Ferner waren der Bau einer öffentlichen Badeanstalt zwischen Deutz und Köln bis zum Jahre 1913, die Anlage eines Promenadenweges nach Gremberg, der Bau von Spielplätzen und die Erhaltung des Schlachthofes von Kalk bis zum 1. April 1917 im Vertrag aufgeführt; weiter verpflichtete sich die Stadt Köln, jährlich 30.000 Mark für Straßenbauarbeiten aufzuwenden. Die städtischen Beamten Kalks mussten in den Dienst der Stadt Köln übernommen werden und die bessere Besoldung nach Kölner Ordnung erhalten.

Zum Zeitpunkt der Aufgabe der Stadtrechte am 1. April 1910 waren in Kalk 33 Industrieunternehmen angesiedelt, und es lebten 27.700 Einwohner im Ort. Damit war Kalk eine der größten und wohlhabendsten Industriestädte im gesamten Lande Preußen.

Da die Pflegekapazität des Evangelischen Krankenhauses bereits im Jahre 1911 nicht mehr ausreichte, finanzierten die Hermann Grüneberg-Stiftung und die Julius Vorster-Stiftung den Ausbau des Ostflügels auf 200 Betten. Als Pflegepersonal wurden Diakonissen aus Kaiserswerth eingesetzt.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs stellten viele der ansässigen Industriebetriebe ihre Produktion auf kriegsrelevante Güter um. Die wehrtauglichen Männer wurden eingezogen, was zu einem Personalmangel in den Fabriken führte. An den Arbeitsplätzen wurden zunehmend Frauen eingesetzt, die für die gleiche Arbeitsleistung allerdings nur 60 Prozent des vergleichbaren Männerlohns erhielten. Hatte die Bevölkerung zu Anfang des Krieges gehofft, dass der Krieg ähnlich dem Franzosenkrieg 1870/1871 nach kurzer Zeit siegreich beendet sein würde, stellte sich dieses schon 1915 als Trugschluss heraus. Der extrem hohe Bedarf an Kriegsmaterial führte zu einem akuten Rohstoffmangel. Viele Firmen mussten deshalb ihre Produktpalette reduzieren oder komplett umstellen. Die Sensenfabrik Wippermann fertigte anstelle von Messern, Sicheln und Sensen nun Geschosshülsen, die Chemische Fabrik Kalk produzierte Munition und entwickelte Sprengstoffe und in der Maschinenbauanstalt Humboldt wurde die Fertigung auf Lokomotiven und Geschosspressen beschränkt. Andere Fabriken mussten aufgrund des Rohstoffmangels gänzlich stillgelegt werden. Auch in der Lebensmittelversorgung kam es zu Engpässen, sodass viele Grundnahrungsmittel rationiert werden mussten. Um einer Hungersnot vorzubeugen, wurden im gesamten Stadtteil fahrbare Stadtküchen, so genannte Gulaschkanonen aufgestellt, damit die Bevölkerung zumindest einmal täglich einen warmen Eintopf erhielt. Der Unmut der Arbeiterinnen über die schlechtere Bezahlung, die wenige Freizeit und die mangelhafte Lebensmittelversorgung führte im Mai 1917 zu ersten Streiks in den Fabriken. Im Juni schlossen sich die Straßenbahnerinnen und die Munitionsarbeiterinnen der CFK an. Als sich am 6. Juli noch über 12.000 Arbeiterinnen der Metallindustrie aus Kalk und Deutz beteiligten, lenkten die Arbeitgeber ein und erfüllten die Forderungen.

Während des Ersten Weltkrieges starben fast 3800 Soldaten des Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 53, das in der Kalker Kronprinzen-Kaserne beheimatet war. Nach Kriegsende wurde die Kaserne von der englischen Besatzungsmacht genutzt. Die wirtschaftlich stark geschwächte Industrie versuchte trotz des immer noch bestehenden Rohstoffmangels die Produktion wieder auf Zivilgüter umzustellen, was sich als sehr schwierig herausstellte. Heimkehrende ehemalige Kriegsgefangene fanden deshalb nur schwer eine neue Anstellung. Viele Menschen hatten ihre Ersparnisse während des Krieges als Kriegsanleihe investiert, da sie darauf hofften, dass sie nach einem erfolgreichen Verlauf des Krieges eine hohe Rendite erhalten würden, doch durch die Niederlage verloren sie alles.

In den Jahren 1922/1923 war die Inflation infolge der kriegsbedingten Staatsverschuldung so hoch, dass immer mehr Menschen ihre Arbeitsstelle verloren. Es kam im November 1922 zunächst in Kalk zu Demonstrationen, später auch in den Stadtteilen Deutz und Ehrenfeld sowie in der Kölner Innenstadt. Diese Demonstrationen eskalierten in die Kölner Hungerunruhen, bei denen es zu Plünderungen von Geschäften und zu blutigen Gefechten mit der Polizei kam. Mit der 1923 eingeführten Rentenmark und deren Ablösung durch die Reichsmark entspannte sich die Lage, und die Wirtschaft erholte sich allmählich. Die Einführung neuer Produktionsmethoden, beispielsweise der Fließbandarbeit, war ebenfalls förderlich für die Entwicklung einiger Kalker Firmen. Die Arbeitszeit der Arbeitnehmer wurde 1923 wieder auf zehn Stunden täglich erhöht, dadurch verringerte sich die Anzahl der Arbeitslosen nur unwesentlich. Einige Kalker Unternehmen schlossen sich den Wirtschaftsyndikaten an, wie beispielsweise der I.G. Farben. Durch die dort getroffenen Produktions- und Preisabsprachen profitierten diese Firmen, andere nichtorganisierte Kalker Unternehmen mussten mangels Konkurrenzfähigkeit ihre Pforten für immer schließen. Nach der im Jahre 1929 eingetretenen Weltwirtschaftskrise wurden abermals viele Kalker Bürger arbeitslos. Rund die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung verdiente ihr Geld in dieser Zeit als Tagelöhner oder war ganz ohne Arbeit.

Die Kalker Hauptstraße entwickelte sich zu dieser Zeit allmählich zur Wohn- und Geschäftsstraße, da viele der dort vorher ansässigen Industriebetriebe in Konkurs gegangen waren oder ihre Produktionsstätten aufgrund mangelnder Erweiterungsflächen in andere Stadtteile verlagert hatten. Am Ende des Jahrzehnts eröffnete auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Kalker Trieurfabrik an der Kalker Hauptstraße das erste Warenhaus des Stadtteils – das Kaufhaus Leonhard Tietz (heute Kaufhof AG).

Die NSDAP fand in einigen Wohnvierteln, so zum Beispiel in der Eisenbahnersiedlung, rasch Anklang und war entsprechend gut organisiert. In den traditionell „roten“ Arbeitervierteln, wie beispielsweise zwischen der Kalk-Mülheimer Straße und der Vietorstraße fand die Partei keinen Rückhalt. Die regelmäßig zur Provokation durch das Viertel ziehenden Nazi-Gruppen wurden von Anwohnern mit Pflastersteinen beworfen. Organisierter Widerstand, wie beispielsweise von den Edelweißpiraten in Ehrenfeld, entwickelte sich in Kalk allerdings nicht.

Zahlreiche Bürger wurden aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer Homosexualität drangsaliert, in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der sechsköpfigen jüdischen Familie Katz, aus der die Eltern Jakob und Berta sowie die Geschwister Bernhard und Amalie in Konzentrationslager verbracht wurden und dort den Tod fanden. Ein weiterer Sohn namens Max arbeitete im Büro der Chemischen Fabrik Kalk. Er wurde in den Düngerkeller der Fabrik zwangsversetzt. Infolge der gesundheitsgefährdenden Arbeiten erkrankte er an Leber- und Magenkrebs und starb im Jahre 1941. Nur die Tochter Johanna Katz überlebte, da sie von ihrem nicht-jüdischen Ehemann bis zum Kriegsende versteckt wurde. Als mahnende Erinnerung wurde die Geschwister-Katz-Straße nach der Familie benannt. Der Künstler Gunter Demnig verlegte drei Stolpersteine als Erinnerung an die Familie vor dem ehemaligen Wohnhaus an der Remscheider Straße 67. Insgesamt wurden rund 200 Kalker Bürger in der NS-Zeit getötet, beziehungsweise wurden für tot erklärt, da ihr Schicksal nicht geklärt werden konnte.

In der eisenverarbeitenden Industrie wurden in der Vorkriegszeit wieder vermehrt Rüstungsgüter produziert. Wichtigster Betrieb war das 1938 fusionierte Werk Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD), in dem Lokomotiven sowie Motoren für U-Boote und Panzer produziert wurden. Durch den 1939 ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg, der für viele Berufstätige den Einsatz an der Front bedeutete, herrschte erneut Personalmangel in den Fabriken. Diesmal wurde dieser nicht nur durch den Einsatz von Frauen kompensiert, sondern zusätzlich mit Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten. KHD forderte schon im Mai 1940 Zwangsarbeiter an, die für die kriegswichtige Produktion eingesetzt wurden. In den Fabriken Kalks waren bis zu 1500 Zwangsarbeiter überwiegend polnischer Herkunft im Einsatz. Diese wurden zusammen mit vielen anderen Zwangsarbeitern, die vorwiegend bei der Reichsbahn arbeiten mussten, in 17 Baracken-Lagern untergebracht. Die Belegkapazität der Kalker Zwangsarbeiterlager lag bei 3200 Personen.

Im Jahre 1940 wurden die Wallfahrten zur Kalker Kapelle verboten. Die Kapelle wurde am 8. August 1941 durch eine Fliegerbombe zerstört, nur die Marienfigur blieb erhalten. Bedingt durch die örtliche Kriegsindustrie sowie die exponierte Lage an zwei Bahnstrecken war Kalk eines der Hauptziele der britischen und amerikanischen Bomber in der Region. Insgesamt wurden 20 Bombenangriffe auf den Stadtteil durchgeführt, bei denen 90 Prozent der Industrieanlagen und Zivilgebäude stark beschädigt oder vollständig zerstört wurden. Den schlimmsten Bombenangriff, bei dem auch große Teile des KHD-Werkes zerstört wurden, erlebte Kalk in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1943. Die Zivilbevölkerung wurde zum Schutz vor weiteren Bombenangriffen in ländliche Gebiete evakuiert, sodass bei Kriegsende nur noch zirka 300 Menschen in Kalk lebten. Das Evangelische Krankenhaus wurde im Oktober 1944 nahezu vollständig zerstört. In Attendorn mietete der Krankenhausvorstand bis 1946 ein Convict als Ausweichkrankenhaus an.

Kurz nach Kriegsende kehrten 1945 die ersten Bewohner, zumeist Frauen mit ihren Kindern, in das stark zerstörte Kalk zurück. Die so genannten Trümmerfrauen enttrümmerten mit Unterstützung der schon heimgekehrten Männer den Stadtteil. Mit provisorisch errichteten Trümmerbahnen wurden die Schuttmassen in den rechtsrheinischen Grüngürtel abtransportiert. Durch die Aufschüttung entstanden dort Trümmerberge, wie zum Beispiel der Vingster Berg. Nach der Wiederinbetriebnahme der ersten Industrieanlagen ging es wirtschaftlich allmählich aufwärts. Die Fabriken waren zunächst führungslos, da ihre Besitzer oft als Wehrwirtschaftsführer verhaftet worden oder untergetaucht waren. Betriebs- oder Ortsausschüsse übernahmen die Leitung und sorgten dafür, dass die Grundversorgung des Stadtteils sichergestellt wurde.

Als die meisten Kriegsgefangenen wieder in ihre Heimat Kalk zurückgekehrt waren, kam der Wiederaufbau schneller in Gang. Allerdings wurde, im Gegensatz zu den Vorkriegsjahren, fast ausschließlich die metallverarbeitende und chemische Industrie in Kalk ansässig. Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, wurden in den Fabriken sehr viele Arbeitskräfte benötigt. Als Wohnraum für die Arbeiter wurden bombenbeschädigte Häuser schnellstens wieder aufgebaut. Dabei wurde oftmals auf die Wiederherstellung der teilweise aufwendigen Vorkriegs-Fassaden verzichtet. Als Ersatz für komplett zerstörte Bauten wurden Häuser in Schlichtbauweise errichtet. Im Gegensatz zu den benachbarten Stadtteilen wurden in Kalk nach dem Krieg mangels großflächiger Bauplätze keine neuen Wohnsiedlungen gebaut. Nur die schon vor dem Krieg bestehende Siedlung zwischen Steinmetzstraße und Remscheider Straße wurde um einige Wohnblocks erweitert.

Um das geänderte Konsum- und Freizeitverhalten der Bevölkerung in Zeiten des Wirtschaftswunders zu befriedigen, eröffneten verschiedene neue Geschäfte, Gastwirtschaften sowie mehrere Kinos im Ort. Anfang der 1960er-Jahre kamen die ersten Gastarbeiter nach Kalk, da es, bedingt durch die Vollbeschäftigung, nicht mehr genügend deutsche Arbeitskräfte gab. Durch die Anzahl der verfügbaren Arbeitsplätze und die günstigen Mietpreise entwickelte sich Kalk zu einem Stadtteil mit einem hohen Migrantenanteil.

Damit waren die größten Industrieanlagen vom Kalker Boden verschwunden. Zusätzlich wurde vielen von den großen Firmen abhängigen Zulieferbetrieben die Existenzgrundlage entzogen. Insgesamt verloren über 8500 Menschen ihre Arbeitsstelle. Die Arbeitslosenquote des Stadtteils fiel seit dieser Zeit nie wieder unter 25 Prozent.

In dieser Zeit sanken durch die steigende Arbeitslosigkeit die Umsätze des Kalker Einzelhandels. Weiter umsatzmindernd war der Mitte der 1970er-Jahre begonnene Bau der U-Bahn. Die Schächte wurden nicht, wie heute üblich, mit Tunnelbohrmaschinen durchgeführt, sondern oberirdisch abgetragen. Dadurch war die Kalker Hauptstraße jahrelang eine Großbaustelle und für die potenziellen Kunden der Geschäfte sehr unattraktiv, woraufhin viele Geschäfte endgültig schlossen. Beim U-Bahn-Bau gab es größere Probleme, weil genau wie beim 120 Jahre zuvor gescheiterten Untertage-Kohleabbau Grundwasser in die Baugruben drang. Deshalb musste der Tunnel zusätzlich abgedichtet werden. Nach der Fertigstellung der Tunnelstrecke im August 1980 wurde die Hauptstraße anstatt vierspurig nur noch zweispurig geführt, dadurch konnten die Bürgersteige verbreitert werden, was sich als vorteilhaft für die angrenzenden Geschäfte darstellte.

Im Jahre 1979 wurde der Neubautrakt des evangelischen Krankenhauses an der Buchforststraße eröffnet. Gleichzeitig wurde das veraltete katholische St.-Joseph-Krankenhaus geschlossen. Der Altbautrakt des evangelischen Krankenhauses wurde 1989 durch einen weiteren Neubau ersetzt. Das Großkrankenhaus hat sechs Hauptabteilungen (Innere Medizin, Geriatrie, Chirurgie, Frauenklinik, Anästhesie und Radiologie) sowie eine große Notaufnahme. Andere Bereiche werden durch Belegärzte abgedeckt. Innerhalb des Krankenhauses wurde eine ökumenische Kapelle eingerichtet.

Seit dem Abriss der großen Güterabfertigungshalle im Jahre 1986 wurde Kalk-Nord, der zeitweilig größte Güterbahnhof Westdeutschlands, zum reinen Rangierbahnhof mit Ablaufberg. Der Personenbahnhof Kalk wurde 1991 im Zuge des Ausbaus der S-Bahn Rhein-Ruhr stillgelegt, abgerissen und durch den moderneren und zentraleren Haltepunkt Trimbornstraße ersetzt.

Mit finanzieller Förderung im Rahmen des Modellprojektes zum Sozialkulturellen Stadtteilmanagement des Landes Nordrhein-Westfalen wurden Maßnahmen wie die Einrichtung von zusätzlichen Bildungsangeboten für die Bürger, Freizeiteinrichtungen für Jugendliche, Beratungsstellen für Langzeitarbeitslose sowie betreute Drogencafés für Abhängige unterstützt. Mit der Initiative Schäl Sick ist schick der Stadt Köln wird versucht, kleine und mittelständische Gewerbebetriebe in Kalk anzusiedeln, um neue Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Maßnahmen zur Sanierung und Verbesserung der Infrastruktur sowie neue Ansiedlungen von Behörden und Unternehmen gelten als erste Erfolge auf dem Weg zur Aufwertung und Umwandlung des Stadtteils.

Durch die Revitalisierung vieler Gründerzeitbauten, diverse Neubauten und Begrünung vieler Straßen und Hinterhöfe wurde die Wohnqualität im Stadtteil deutlich gesteigert. Von manchen geschlossenen Fabriken waren nur noch die unter Denkmalschutz gestellten Schornsteine übriggeblieben. Das fast 40 Hektar große Gelände der ehemaligen Chemischen Fabrik Kalk (CFK) musste komplett saniert werden. Zur Entgiftung wurde fast das gesamte Erdreich abgetragen, da dieses stark mit chemischen Substanzen wie beispielsweise Schwefel und Schwermetallen verseucht war. Nachdem das Gelände Anfang 2001 endgültig gift- und gebäudefrei war, wurde das Terrain mit einer neuen Straßenstruktur sowie mit einem direkten Anschluss an die Zoobrücke ausgestattet. Das großflächige Areal der Klöckner-Humboldt-Deutz-Werke musste nicht im großen Umfang saniert werden. Denkmalgeschützte Werkshallen und Bürogebäude wurden neu vermietet. Die Flächen der abgerissenen Teile des Werkes stehen neuen Investoren als gewerbliche Grundstücke oder zur Errichtung von Wohngebäuden zur Verfügung. Die ehemalige Werksstraße wurde zur Umgehungsstraße für das Stadtteilzentrum an der Kalker Hauptstraße ausgebaut.

Wegen des Mangels an Flächen für Eigenheime und der unattraktiven Wohnlage in Industrienähe zogen viele Kalker seit den 1980er-Jahren in Stadtrandgebiete oder Nachbargemeinden. Durch die gute Verkehrsanbindung des Umlandes war es nicht mehr zwingend erforderlich, in direkter Nachbarschaft des Arbeitsplatzes zu wohnen. Viele Gastarbeiter dagegen investierten ihre Ersparnisse in ihren Heimatländern und blieben in Kalk. Bei annähernd gleichbleibender Bevölkerungsanzahl erhöhte sich deshalb der Ausländeranteil von 30,2 Prozent im Jahre 1985 auf 40,9 Prozent im Jahre 2000. Erst seit der Jahrtausendwende ist dieser Trend leicht rückläufig (37,9 % in 2007).

Durch die vielen im Ort vertretenen Nationalitäten entstand eine große Religionsvielfalt. 34,2 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken und 12,1 Prozent Protestanten, zirka 15,2 Prozent sind Muslime. Die übrigen Kalker gehören anderen Religionen und Weltanschauungen an oder sind konfessionslos.

Der Bahnhof Trimbornstraße ist ein Haltepunkt an den S- und Regionalbahnstrecken Köln–Siegburg beziehungsweise Köln–Overath und bietet auch eine direkte Anbindung zum Flughafen Köln/Bonn zum Stadttarif. Zwei Stadtbahnlinien (1, 9) und zwei Buslinien (153, 159) verbinden Kalk mit dem Stadtzentrum sowie mit den umliegenden Vororten. Von der A 559 führt die Abfahrt Kalk/Poll an der Rolshover Straße in den Stadtteil. An die nördlichen und westlichen Stadtteile sowie an das Autobahnkreuz Köln-Ost ist Kalk über die autobahnähnliche B 55a angebunden. Die Straßen sind, bis auf wenige Ausnahmen, nach Erfindern des 19. Jahrhunderts, nach historisch bedeutenden Kalker Persönlichkeiten und nach Orten im Bergischen Land benannt. Durch die enge Bebauung sind die meisten Nebenstraßen für den Einrichtungsverkehr ausgelegt. Durchgehend ausgebaute Fahrradwege gibt es in nur beidseitig der Kalk-Mülheimer Straße und der Dillenburger Straße sowie an Teilbereichen der Kalker Hauptstraße und der Kapellenstraße.

Die zentrale Geschäftsstraße in Kalk ist die Kalker Hauptstraße (B 55). Dort befinden sich neben dem Einkaufszentrum Köln Arcaden auch verschiedene kleinere Läden unterschiedlicher Branchen sowie eine Filiale der Kaufhof AG. Infolge der Ansiedlung des Einkaufszentrums erlitten die alteingesessenen Geschäfte große Umsatzeinbußen, so dass viele aufgeben mussten. Viele leerstehende Ladenlokale wurden an Discounter oder an Anbieter von Restbeständen vermietet.

Die Deutz AG betreibt eine Produktionsstätte für landwirtschaftliche Rüttler und ein Logistikzentrum im Ort. Der Technikhof Köln wurde in historischen, kernsanierten ehemaligen KHD-Traktoren-Produktionshallen angesiedelt. Dort fanden kleine und mittlere Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen ihre Heimat. Bedingt durch Asbestverseuchung und Platzmangel im alten Polizeipräsidium am Waidmarkt in der Innenstadt wurde am Walter-Pauli-Ring (der ersten nach einem im Dienst getöteten Polizeibeamten benannten Straße Deutschlands) das neue Kölner Polizeipräsidium errichtet. Aufgrund eines erneuten Mangels an Raumkapazitäten wurde im Juni 2008 mit der Demontage des an das Präsidium angebauten Parkhauses begonnen, um Baufläche für einen großen Erweiterungsbau zu schaffen. Nach der Fertigstellung im Jahre 2010 wird die bisher dezentral an der Kapellenstraße gelegene Polizeiinspektion Südost in den neuen Erweiterungsbau verlagert. Auf einem Teil des ehemaligen Geländes der Klöckner-Humboldt-Deutz-Werke wurde das Kalk-Karré gebaut, dort ist die Sozial- und Jugendverwaltung der Stadt Köln untergebracht.

Neben zwei Grundschulen an der Kapitelstraße verfügt Kalk über zwei Hauptschulen (Albermann- und Falckensteinstraße), eine Schule für Lernbehinderte (Martin-Köllen-Straße) sowie mit der Kaiserin-Theophanu-Schule (Kantsstraße) über ein Gymnasium. Außerdem sind Außenstellen der Volkshochschule und der Stadtbücherei im Bezirksrathaus Kalk untergebracht. Für Kinder im Vorschulalter gibt es acht Kindergärten. Mit dem Evangelischen Krankenhaus verfügt der Ort über eine moderne Großklinik mit über dreihundert Betten. Für ältere pflegebedürftige Menschen sind zwei Altenheime errichtet worden. In Köln-Kalk sitzt auch die Kriseninterventionsstelle bei häuslicher Gewalt für das rechtsrheinische Köln. Die Beratungsstelle Kalk der Diakonie Michaelshoven bietet Frauen bei Problemen oder Krisen, aber auch bei vielfältigen Sorgen und Fragen des Alltags Beratung und Unterstützung an.

Für Kleinkunstdarbietungen steht das Bürgerhaus Kalk zur Verfügung. In einer ehemaligen Produktionshalle der KHD-Werke an der Neuerburgstraße wurde 1994 von den Bühnen der Stadt Köln für experimentelles Theater die Halle Kalk eingerichtet.

In ehemaligen KHD-Hallen an der Christian-Sünner-Straße wurden als Freizeit- und Jugendeinrichtung im Jahr 2006 die AbenteuerHallenKalk eingerichtet. In den Hallen gibt es einen von Suzuki und anderen Sponsoren finanzierten Skatepark sowie eine Kletterwand. Außerdem werden neben typischen Jugendsportarten wie Soccer, Fahrrad-Trial, Inlineskating und Streetball auch integrativer Streetball für behinderte und nichtbehinderte Menschen angeboten.

Schon seit Anfang der 70er Jahre bietet die Evang. Kirchengemeinde Köln-Kalk ein breitgefächertes Angebot für alle Kinder- und Jugendlichen des Stadtteiles, gleich welcher Konfession, Religion, Nationalität oder sozialen Herkunft an. Hausaufgabenbetreuung, der bundesweit bekannte Kinder- und Jugendzirkus "miniMUMM", Jugendchor- und Musicalarbeit, Sport, Jugendcafé und Computerarbeit prägen die Arbeit im Jugendzentrum in der Lilienthalstraße. Zudem existiert eine Projektpartnerschaft mit der Evang. Kirchengemeinde Kairo und der Kaiserin-Theophanu-Schule in Kalk, bei der in Ägypten Sozialprojekte mit Straßenkindern und Flüchtlingen aus dem Sudan im Rahmen der Kalker Jugendarbeit unterstützt werden.

Im Jahre 2006 wurde auf einem Teil des Areals der alten Chemischen Fabrik mit der Errichtung des Bürgerparks Kalk begonnen, eine 2,8 Hektar große Parkanlage anzulegen. Nach Eröffnung wird der Bürgerpark neben dem Stadtgarten Kalk auf der Kalker Hauptstraße und dem alten Stadtfriedhof an der Kapellenstraße die dritte Parkanlage in Kalk sein.

Der SC Borussia 05 Kalk und die DJK Siegfried Kalk sind zwei alteingesessene Fußballvereine im Ort. Faustkämpfer Kalk ist der erfolgreichste Boxverein in Köln. Der Bürgerverein Kalk bietet Aktivitäten und Hilfe für die Kalker Bewohner an. Mit der St. Hubertus Schützenbruderschaft 1860 gibt es in Kalk auch einen Schützenverein. Der Stamm Hohenstaufen der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg ist seit 1948 in Kalk ansässig und betreibt für die Kalker Kinder- und Jugendarbeit.

Alljährlich findet auf der Kalker Hauptstraße ein großes Straßenfest statt. Neben diversen Verkaufsständen gibt es drei Bühnen auf der Festmeile, auf denen zumeist Kölner Karnevalskünstler auftreten. Am Karnevalsdienstag zieht der große Karnevalszug durch die Kalker Straßen. Die Kalker Schützen richten einmal jährlich ein Schützenfest aus.

Die katholische italienische Gemeinde an St. Marien in Kalk pflegt in der Fremde noch heimatliche Bräuche. So wird Karfreitag auf den Straßen Kalks zwischen den Kirchen St. Josef und St. Marien durch Laienschauspieler die Passion Christi in italienischer Sprache dargestellt. Für dieses jährliche Ereignis, das viele Zuschauer aus der Region anzieht, wird sechs Wochen lang geprobt. Beim heiligen Abendmahl am Gründonnerstag werden speziell gebackene Gebildbrote ausgeteilt.

Bedingt durch die industrielle Vergangenheit sind in Kalk noch viele typische Arbeiterkneipen vorhanden. Mit der 1874 eröffneten Gaststätte Reissdorf em Cornely verfügt Kalk über eine Traditionsgaststätte im Brauhausstil, in der sich das Erscheinungsbild seit Gründung kaum verändert wurde. Der 1996 auf dem Gelände der Sünnerbrauerei wiedereröffnete Zechengarten bietet im Sommer die Möglichkeit zum Bierkonsum und Verzehr deftiger rheinischer Kost unter freiem Himmel. Dem angesiedelten studentischen Publikum stehen Kneipen wie die Vorstadtprinzessin, das Trash Chic und das Cafe Blauer König zur Verfügung.

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Finanzkrise ab 2007

Werbung eines Hypothekenmaklers für Kreditnehmer mit geringer Bonität

Die Finanzkrise ab 2007 ist eine Banken- und Finanzkrise, die im Frühsommer 2007 mit der US-Immobilienkrise (auch Subprimekrise) begann. Diese Krise äußerte sich weltweit in Verlusten und Insolvenzen bei Unternehmen der Finanzbranche, aber seit Ende 2008 auch in der Realwirtschaft. Die Krise wurde wesentlich durch fallende Immobilienpreise in den USA beeinflusst, die sich nach einer langen Preissteigerungsphase zu einer Immobilienblase entwickelt hatten. Gleichzeitig konnten immer mehr Kreditnehmer ihre Kreditraten nicht mehr bedienen, teils wegen steigender Zinsen, teils wegen fehlender Einkommen. Weil über Weiterverkauf der Kredite (Verbriefung) diese in aller Welt verstreut waren, weitete sich die Krise auf die ganze Welt aus.

Zunächst waren von diesen Problemen im Immobilienbereich in erster Linie Subprime-Kredite betroffen, die überwiegend an Kreditnehmer mit geringer Bonität vergeben worden waren. Die Subprimekrise gilt als Auslöser der Krise, nicht als Ursache, doch veranlasste sie die Regierung, die Kontrolle über die beiden größten Hypothekenbanken der USA zu übernehmen.

Im Januar 2009 ging der Internationale Währungsfonds von Abschreibungen auf US-Kredite und verbriefte Wertpapiere für das Bankensystem in Höhe von 2,2 Billionen US-Dollar aus.

Der Krise ging weltweit ein längerer Zeitraum vergleichsweise niedriger realer und nominaler Zinssätze voraus. Andererseits wird darauf hingewiesen, dass die Zinsen seit den 80er Jahren weltweit höher lagen als die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (vgl. Abb. links), was zur „außerordentlich dynamischen Entwicklung der globalen Finanzmärkte“ beigetragen haben könnte.

Weltweit reichliche Ersparnisse suchten nach Rendite auf den Finanzmärkten und führten zu einer (aus heutiger Sicht) Unterschätzung der mit Krediten verbundenen Risiken. Im Juni 2003 wurde die Federal Funds Rate auf 1 % abgesenkt, um die amerikanische Konjunktur zu stimulieren. Dazu kommt, dass das Außenhandelsdefizit der USA durch Kapital finanziert wurde, das auf dem US-Kapitalmarkt angelegt wurde, was die Zinssätze in den USA niedrig hielt. So legte China seine Erlöse aus seinem Exportüberschuss in den USA in Staatspapieren an, was die Effektivverzinsung von Staatspapieren drückte. Ein Anlagenotstand in Form von „relativ spärlicher werdenden Realinvestitionen“ trieb ebenfalls die Kurse nach oben und die Effektivverzinsung nach unten.

Die niedrigen Zinsen hätten nicht zu einer Abwertung der Währungen dieser fortgeschrittenen Länder geführt, weil die „aufstrebenden Volkswirtschaften“ gegen eine Aufwertung ihrer Währungen intervenierten. China kaufte 2007 460 Mrd. Dollar. Die Währungsreserven Chinas und des Industriestaats Japan, der eine vergleichbare Strategie verfolgte, stiegen somit auf jeweils mindestens 1 Bio. US-Dollar. Um seinen Export zu fördern, hält Japan den Leitzins seit Jahren sehr niedrig, was den Kurs der japanische Währung niedrig hält. Investoren nutzen dies, um in Japan billige Kredite aufzunehmen und damit in anderen Wirtschaftsräumen Vermögenswerte aufzukaufen. Insgesamt hat dies zusammen mit Finanzmarktinnovationen zu den hohen Vermögenspreisen geführt. Hohen Vermögenspreisen entspricht eine niedrige Effektivverzinsung, die langfristigen Zinssätze blieben niedrig. Als Mitte 2004 die US-Konjunktur so gefestigt war, dass die US-Zentralbank daran ging, den Leitzins anzuheben, führte dies aus diesen Gründen nicht, wie beabsichtigt, auch zu einem Anstieg der langfristigen Zinssätze, so dass sich die Immobilienhausse fortsetzte.

Niedrige Zinssätze werden nicht nur als Vorlauf der Krise, sondern auch als eine Folge der Krise genannt.

Wegen des niedrigen Zinsniveaus konnten sich untere Einkommensschichten ein Eigenheim leisten. Ermutigt durch die Politik (siehe Kontroverse um Community Reinvestment Act) vergaben US-Banken Kredite mit variablem Zinssatz an Schuldner mit mäßiger Bonität. Wegen des niedrigen Zinsniveaus waren die Raten zunächst niedrig. Das Risiko einer Zinserhöhung lag bei den Schuldnern, denen dies häufig nicht bewusst war.

Wegen der steigenden Nachfrage stiegen die Preise von Immobilien und somit deren Wert als Kreditsicherheiten. Die Banken nutzten diese Entwicklung, um den Schuldnern Zusatzkredite zu verkaufen. Darüber hinaus wurden Kredite an Kunden mit schlechter Bonität vergeben. Bei stetig steigenden Immobilienpreisen kann im Falle einer Zahlungsunfähigkeit die Immobilie zu einem höheren Marktwert verkauft werden. Die Banken waren bei steigenden Preisen abgesichert und Schuldner glaubten daran, im Notfall ihr Haus mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Einige Banken spezialisierten sich auf zweitklassige Hypothekenkredite (Subprime Loans).

Die Immobilienhausse führte so zu einer Belebung der Bauindustrie und der Konsumnachfrage.

Um das notwendige Kapital für immer neue Kredite zu beschaffen, wurden Kreditforderungen in großem Stil verbrieft, von einer Ratingagentur bewertet und an andere Banken und Investoren zu einem dem Rating entsprechenden Preis weiterverkauft. Für die Bank hat der Weiterverkauf eines verbrieften Kredits den Vorteil, dass sich dadurch die bankaufsichtlichen Eigenkapitalanforderungen reduzieren. Freilich musste dann die Bank, welche den verbrieften Kredit gekauft hatte, das entsprechende Eigenkapital vorhalten. Da jetzt aber solche Kredite in die ganze Welt verkauft wurden, stand das Eigenkapital der Banken weltweit für Kredite an den US-Immobilienmarkt zur Verfügung. Dies ermöglichte eine gewaltige Ausweitung des Kreditvolumens an den US-Immobilienmarkt. Dazu kommt, dass Nicht-Banken wie Hedgefonds oder Zweckgesellschaften (SIVs) keinen bankaufsichtlichen Eigenkapitalanforderungen unterliegen, wenn sie diese Papiere kaufen.

Die wirtschaftliche Abschwächung in den USA etwa ab 2005 und der spätere Anstieg des US-Leitzinses auf bis zu 5,25 % im Juni 2006 löste eine Kettenreaktion aus. Einkommensschwache Schuldner konnten die gestiegenen Raten für ihre variabel verzinslichen Kredite nicht mehr bezahlen und mussten ihr Haus verkaufen. Wegen der zunehmenden Immobilienverkäufe brachen die Häuserpreise – Höhepunkt war Juli 2006 – ein, und durch den fallenden Wert der Immobilien hatten die Banken und Investoren zunehmend ungesicherte Kreditforderungen. Die Zahlungsunfähigkeit von Schuldnern bescherte den Banken und den Investoren (Hedgefonds, SIVs) nun Verluste.

Im Frühjahr 2007 erreichten in den Vereinigten Staaten die Zahlungsausfälle auf Subprime-Kredite den höchsten Stand der letzten Jahre. Einige Immobilienfonds, die in strukturierte Finanzprodukte investiert hatten, setzten die Annahme von Fondsanteilen aus, weil sie sonst in finanzielle Schwierigkeiten geraten wären. Im Juni 2007 teilte Bear Stearns den Kunden zweier seiner Hedgefonds mit, dass die Einlagen, die Ende 2006 noch mit 1,5 Mrd. US-Dollar bewertet worden waren, jetzt fast nichts mehr wert seien. Dutzende Baufinanzierer, die sich gerade auf diese Kredite spezialisiert hatten, mussten Gläubigerschutz beantragen.

Weiterreichende Auswirkungen ergaben sich dadurch, dass die Subprime-Kredite über strukturierte Anlageformen (Collateralized Debt Obligations CDO oder Asset Backed Securities ABS) im Kapitalmarkt refinanziert wurden. Die Hauskredite, d. h. die Rückzahlungs- und Zinszahlungsansprüche gegen die Schuldner, wurden als Wertpapiere in Form von Asset Backed Securities verkauft. Die Verbriefung erfolgte über zwischengeschaltete Zweckgesellschaften (Conduits), die die Rückzahlungs- und Zinszahlungsansprüche übernahmen und zu deren Refinanzierung die ABS emittierten. Teilweise erfolgte die Refinanzierung über die Emission von kurzlaufenden Asset-backed Commercial Paper, d. h. längerfristige Geldanlagen wurden also durch laufend neu aufzunehmende kurzfristige Kredite refinanziert (Fristentransformation). Darüber hinaus wurden auch Conduits gegründet, die auf Hauskrediten beruhende forderungsbesicherte Wertpapiere in den Bestand nahmen und neu verbrieften.

Durch die Verbriefung von Hauskrediten über Conduits konnten die verbriefenden Banken bankaufsichtlich vorgeschriebenes Eigenkapital sparen. Der Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beschreibt dies so, dass über die Auslagerung dieser Geschäfte aus den Bankbilanzen mit Hilfe der als „Schattenbanken“ bezeichneten Conduits bankaufsichtsrechtliche Regeln zur Risikostreuung und zur Absicherung durch Eigenkapital umgangen werden konnten.

Aufkäufer der längerfristigen Wertpapiere waren vielfach Fonds, Versicherungen und andere Banken. Die Kreditgeber waren allerdings nur dann bereit, diesen Zweckgesellschaften kurzfristige Kredite zu geben, wenn die als Sicherheit dienenden Wertpapiere von Ratingagenturen eine gute Bonität bescheinigt bekamen. Diese Kreditwürdigkeit musste von den Banken, die hinter den Zweckgesellschaften standen, garantiert werden. Die Zweckgesellschaft „Rhineland Funding“ beispielsweise erhielt ein gutes Rating von einer Rating-Agentur, weil die IKB Deutsche Industriebank eine Liquiditätsgarantie an diese Zweckgesellschaft geleistet hatte.

Unter den Fonds waren nicht nur risikobereite Hedgefonds, sondern auch eher konservative Investmentfonds vertreten. Da aber insbesondere Hedgefonds stark in die stärker risikobehafteten Wertpapiertranchen investierten, kam es bei diesen zu Verlusten, die teilweise zur Schließung und Abwicklung der Hedgefonds führten. Aber auch Investmentbanken waren betroffen.

Die Schließung von Hedgefonds und die Verluste bei den Investmentbanken führten zu einer Abnahme der Risikobereitschaft privater und institutioneller Anleger. Diese zogen daraufhin in kurzer Zeit erhebliche Beträge aus dem Kapitalmarkt ab oder hielten sich mit neuen Investitionen in risikoreiche Anlagen zurück. Die abnehmende Risikobereitschaft der Investoren brachte die Refinanzierung der von Banken gegründeten Zweckgesellschaften (Conduits und Structured Investment Vehicles) durch Asset-backed Commercial Papers (ABCP) kürzerer Laufzeit zum Stillstand. Investoren waren aus Unsicherheit über die den Investmentvehikeln der Zweckgesellschaften zugrunde liegenden Vermögensanlagen nicht mehr bereit ABCP jedweder Art zu kaufen. Dies führte dazu, dass die auslaufenden ABCP nicht durch neue abgelöst werden konnten. Daher wurden die Banken, welche meist zu 100 % diese Zweckgesellschaften sponserten, über die von ihnen für die Zweckgesellschaften gestellten Liquiditätslinien in Anspruch genommen. Dies bedeutet, dass die betroffenen Banken die Liquidität zur Verfügung stellen mussten, die die Zweckgesellschaften im Normalfall von den ABCP-Investoren erhalten hätten. Dies trug zur Vertrauenskrise zwischen den Banken bei, der sich am Geldmarkt durch einen Anstieg der Geldmarktzinsen widerspiegelte. Am 9. August 2007 – dieser Tag gilt inzwischen als der Beginn der eigentlichen Finanzkrise – stiegen die Aufschläge für Interbankkredite im Vergleich zum Zentralbankleitzins weltweit, vor allem in den USA, sprunghaft an. Mit der Insolvenz von Lehman Brothers am 15. September 2008, nachdem eine staatliche Rettung ausgeblieben war, kam der Interbankenmarkt weltweit zum Erliegen.

Seit Dezember 2007 stellt die Europäische Zentralbank (EZB) in Absprache mit der US-amerikanischen Federal Reserve den Banken US-Dollar zur Verfügung und nimmt dafür auf Euro lautende Wertpapiere als Sicherheit an, um die Lage auf dem Geldmarkt zu entspannen. Die EZB übernimmt insoweit Wechselkursrisiken der privaten Banken.

Am 18. September 2008 haben die Zentralbanken weltweit konzertiert mehr als 180 Milliarden US-Dollar angeboten, um Spannungen auf dem Geldmarkt zu lindern. Bei der Europäischen Zentralbank konnten die Banken am Donnerstag, 18. September 2008, bis zu 40 Milliarden US-Dollar für einen Tag aufnehmen, hinzu kommt ein Euro-Schnelltender mit einem offen gelassenen Volumen. Die Bank of Japan bietet erstmals US-Dollar an.

Am 8. Oktober 2008 senkten in einer konzertierten Aktion sieben der führenden Notenbanken, darunter die Federal Reserve, die EZB, die Bank of England und die Schweizerische Nationalbank (SNB), weltweit die Leitzinsen. Die japanische Nationalbank senkte die Zinsen nicht, sprach der Aktion aber ihre Unterstützung aus.

Die Europäische Zentralbank senkte am 6. November 2008 mit Wirkung 12. November 2008 den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 3,25 %. und am 4. Dezember abermals auf 2,5 % , sowie am 15. Januar 2009 auf 2,0 % . Die Bank of England senkte ebenfalls am 6. November ihren Leitzins um 1,5 Prozentpunkte auf 3,0 Prozent – das niedrigste Niveau seit 1954 - und abermals Anfang Dezember auf 2,0 %. , sowie am 8. Januar 2009 erneut auf 1,5 % . Die Schweizerische Nationalbank reduzierte Anfang November ihre Schlüsselzinsen für die eigene Finanzwirtschaft um 0,5 Prozent auf 2,0 Prozent und abermals Anfang Dezember auf 0,08 % (3-Monats-LIBOR-Zielband: 0,5-1,5 %). Dänemarks Nationalbank reduzierte ihre Zinsen im November um 0,5 auf 5,0 %. Anfang Dezember wurden sie erneut auf 3,0 % gesenkt.

Am 9. November 2008 gab die chinesische Regierung ein Konjunkturprogramm in Höhe von umgerechnet 460 Mrd. Euro bekannt, das mit der Finanzkrise begründet wird.

Infolge der Finanzkrise verstießen im Dezember 2008 fünf Mitgliedsstaaten gegen den Stabilitäts- und Wachstumspakt, ebenso wie Vereinigte Königreich. Für die Mitgliedsstaaten Litauen, Lettland und Frankreich wird 2009 ebenfalls mit dem Überschreiten des Maastricht-Kriteriums der Neuverschuldung von 3 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes gerechnet. Ähnliches erwartet Deutschlands Finanzminister, der mit einer Staatsverschuldung von 4 % rechnet.

Am 28. September 2008 wurde bekannt, dass die Regierungen der Benelux-Staaten – Belgien, Luxemburg und die Niederlande – den Finanzdienstleister Fortis mit 11,2 Milliarden Euro stützen. Zwei Tage später griff die belgische Regierung zusammen mit Luxemburg und Frankreich erneut ein, um die drohende Schieflage von Dexia mit einer Kapitalerhöhung von 6,4 Milliarden Euro zu verhindern. Am 3. Oktober übernahm die niederländische Regierung für weitere 16,8 Mrd. Euro die restlichen 100 Prozent der niederländischen Bank- und Versicherungsaktivitäten von Fortis einschließlich des Anteils an ABN AMRO, nachdem zahlreiche Großkunden ihr Geld trotz der ersten Rettungsmaßnahme abgezogen hatten. Die französische BNP Paribas übernahm am 6. Oktober 2008 75 Prozent des belgisch-luxemburgischen Teils der Fortis-Gruppe für 14,5 Mrd. Euro.

Der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende gab am 13. Oktober 2008 bekannt, „eine beachtliche Summe” zu investieren, „mit der das Vertrauen in das Finanzsystem gestärkt und der Geldfluss wieder belebt werden soll”. So will die niederländische Regierung eine Bürgschaft bis zu 200 Milliarden Euro übernehmen, die für Kredite der Banken untereinander vorgesehen sind.

Die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten und der Liquiditätsengpass des Marktes mit forderungsbesicherten Wertpapieren brachten im Jahre 2007 die IKB Deutsche Industriebank und Sachsen LB in existenzbedrohende Krisen, da sie ihre angekauften Forderungen nicht mehr im Geldmarkt refinanzieren konnten. Die BayernLB und WestLB mussten wegen fehlender Marktwerte Milliardenbelastungen verbuchen. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank verfügten die „Finanziellen Kapitalgesellschaften“ 2007 insgesamt über ein Geldvermögen von 9 387,4 Mrd. Euro, dem Verbindlichkeiten in Höhe von 9 267,7 Mrd. Euro gegenüber standen, so dass ein Nettogeldvermögen (Geldvermögen abzüglich Verbindlichkeiten) von 119,8 Mrd. Euro verblieb. Dabei hatten die „Monetären Finanzinstitute“ (Kreditinstitute, Bausparkassen, Geldmarktfonds) ein Nettogeldvermögen von 226,3 Mrd. Euro mit einem Geldvermögen insgesamt von 6 686,5 Mrd. Euro, während „Sonstige Finanzinstitute“ (z.B. Investmentfonds) und „Versicherungen“ negative Nettogeldvermögen (-29,8 Mrd. Euro und -76,8 Mrd. Euro) aufwiesen.

Auch private deutsche Banken wie die Deutsche Bank mussten Abschreibungen in erheblicher Höhe vornehmen. In Folge dessen stieg der Euribor (Geldhandel unter Banken) auf ein Zinsniveau, welches zeitweilig deutlich über den Refinanzierungssätzen der EZB lag. Die EZB steuerte dem mit einer erhöhten Liquiditätsbereitstellung auf dem Geldmarkt entgegen, indem sie den Banken über kurzfristige Refinanzierungstender bis zu 258 Mrd. € zur Verfügung stellte.

Am 12. August 2008 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Begrenzung der mit Finanzinvestitionen verbundenen Risiken, das die Gestaltung von Kredit- und Sicherungsverträgen sowie die Abtretung von Kreditforderungen regelt.

Die BaFin untersagte Leerverkäufe von Aktien für elf Unternehmen der Finanzwirtschaft – vorläufig begrenzt bis zum 31. Dezember 2008. Das Verbot der BaFin bezieht sich nur auf Leerverkäufe, die nicht durch eine Wertpapierleihe gedeckt sind.

Ende September 2008 drohte der Hypo Real Estate die Insolvenz wegen Refinanzierungsschwierigkeiten der irischen Tochter Depfa am Interbankenmarkt. Zunächst hieß es, für Ausfälle bis 14 Milliarden Euro werde der deutsche Staat zu 40 Prozent und der Bankenverband zu 60 Prozent bürgen. Für weitere 21 Milliarden Euro bürge allein der Staat. Später wurde bekannt, dass die Hypo Real Estate einen größeren Finanzierungsbedarf habe, als zunächst angenommen. Ein erneuter Krisengipfel am 5. Oktober 2008 zwischen Bundesregierung und Finanzindustrie führte zu einer Aufstockung des Paketes um weitere 15 Milliarden Euro..

Am 8. Oktober 2008 gab die deutsche Bundesregierung eine Garantieerklärung für die Spareinlagen in Deutschland ab. Die Garantie gilt für jedes Institut und für jeden Sparer eines Institutes, das Teil der deutschen Einlagensicherung ist.

Am 9. Oktober 2008 erklärte Bundesfinanzminister Steinbrück, dass wegen der Unsicherheiten auf den Finanzmärkten der Börsengang der Deutschen Bahn verschoben werde.

Am 17. Oktober 2008 wurde mit der Verabschiedung des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes (FMStG) ein Fonds des Bundes unter der Bezeichnung „Finanzmarktstabilisierungsfonds“ (FMS) angelegt. Der Fonds wurde ermächtigt, für Schuldtitel und Verbindlichkeiten begünstigter Unternehmen Bürgschaften bis zu einer Gesamthöhe von 400 Milliarden Euro auszusprechen. Von diesen 400 Mrd. Euro wurden vorsorglich 20 Mrd. Euro in den Bundeshaushalt eingestellt. Weiterhin darf der Fonds Kredite bis zu einer Höhe von 80 Milliarden Euro aufnehmen, um Beteiligungen an begünstigten Unternehmen zu erwerben sowie „problematische Vermögenswerte” zu übernehmen. Der Haushalt ist also unmittelbar mit 100 Mrd. Euro belastet. Die Haushaltsbelastung würde sich erhöhen, wenn von der Garantie in Höhe von 400 Mrd. Euro mehr als 20 Mrd. Euro tatsächlich abgerufen würde. Begünstigte Unternehmen im Sinne des Gesetzes sind Kreditinstitute, Finanzdienstleistungsinstitute, Versicherungsunternehmen, Pensionsfonds, Kapitalanlagegesellschaften sowie Betreiber von Wertpapier- und Terminbörsen. Das Bankenrettungspaket wurde am 28. Oktober 2008 von der EU-Kommission genehmigt.

Zur Inanspruchnahme des Finanzmarktstabilisierungsfonds siehe ausführlichen Artikel Finanzmarktstabilisierungsfonds!

Das Bundeskabinett hat am 5. November 2008 ein Maßnahmenpaket „Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung“ beschlossen.

Am 13. Februar 2009 hat der Deutsche Bundestag das Konjunkturpaket II verabschiedet; es wurde am 20. Februar vom Bundesrat gebilligt.

Die französische Regierung hatte auf Weisung des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ein Hilfspaket von 360 Milliarden Euro verabschiedet, darin sind 320 Milliarden Euro Absicherungsgarantien bis Ende Dezember 2009 für Darlehen ab fünf Jahren Laufzeit zwischen den Banken sowie rund 40 Milliarden Euro Kapital direkt an gefährdete Banken enthalten. Auch eine zwischenzeitliche Verstaatlichung von Banken oder Anteilen an Banken ist möglich.

Als Präsident des Rats der Europäischen Union für das zweite Halbjahr 2008 hatte Sarkozy ferner angeregt, dass die europäischen Mitgliedstaaten ein gemeinsames Hilfspaket auflegen sollten. Seine Initiative wurde jedoch von den anderen europäischen Staaten abgelehnt, zugunsten individueller Hilfsaktionen der betroffenen Länder.

Am 20. September 2008 hatte der irische Finanzminister Brian Joseph Lenihan die Garantien für Einlagen bei irischen Banken von 20.000 auf 100.000 Euro erhöht. Wenige Tage später wurde beschlossen, alle Einlagen bei den sechs größten Banken des Landes (Allied Irish Banks, Bank of Ireland, Anglo Irish Bank, Irish Life and Permanent, Irish Nationwide Building Society und die Educational Building Society) bis September 2010 zu garantieren. Im Januar 2009 wurde die Anglo Irish Bank von der irischen Regierung verstaatlicht.

Die isländische Regierung beschloss Ende September 2008 Glitnir, die drittgrößte Bank des Landes, zu verstaatlichen. Ein Anteil von 75 Prozent wurde für umgerechnet 600 Millionen Euro übernommen. Am 6. Oktober 2008 kündigt der isländische Ministerpräsident Geir Haarde ein Notstandsgesetz zur Verstaatlichung der drei großen isländischen Banken an. Betroffen hiervon sind die Kaupthing Bank, Landsbanki und Glitnir. Haarde will mit diesen Maßnahmen nach eigenen Angaben einen drohenden Staatsbankrott abwenden. Zuvor hatte die Isländische Krone Anfang Oktober 2008 innerhalb einer Woche rund ein Viertel ihres Wertes gegenüber dem Euro verloren, seit Oktober 2007 ist der Kurs um mehr als 70 % gesunken. Am 16. Oktober 2008 gab die Regierung Islands an, eine fällige Anleihe der verstaatlichten Glitnir-Bank in Höhe von 750 Millionen US-Dollar nicht zurückzuzahlen, womit Island de facto zahlungsunfähig ist. Am 30. Oktober hat die isländische Einlagensicherungsbehörde indes den Entschädigungsfall für die Kaupthing Bank festgestellt.

Der italienische Finanzminister Giulio Tremonti erklärte am 13. Oktober 2008, dass die italienische Regierung die Absicht habe, „alles, was nötig ist” bereitzustellen, um die Banken und das nationale Finanzsystem zu stützen. Staatliche Garantien solle es für Sparereinlagen bis zu einem Zeitraum von 36 Monaten geben. Die italienische Nationalbank will den Banken Refinanzierungsgeschäfte bis zu 40 Milliarden Euro gewähren.

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Finanzminister Wilhelm Molterer bestätigten am 13. Oktober 2008 erneut die staatlichen Garantien für Kredite zwischen Banken mit bis zu 85 Milliarden Euro. Weitere 15 Milliarden Euro Kapital sind für notleidende Banken direkt vorgesehen, der Staat übernimmt im Gegenzug als Teilverstaatlichung Anteile an den Instituten, wofür eine ÖIAG-Tochter errichtet wird. Nachdem der ATX an der Wiener Börse in der Woche vor dieser Zusage um 29 % gefallen ist, ist er an jenem Tag wieder um 12,8 % gestiegen. Dies stellt einen Rekordwert der Börse dar. Nachdem in Deutschland bekannt gegeben wurde, dass der Staat Spareinlagen in unbegrenzter Höhe garantiert, wurde in Österreich einige Tage später mit einer Befristung bis Ende 2009 das Gleiche beschlossen.

Am 17. Oktober 2008 konnte die Insolvenz der Constantia Privatbank nur durch Übernahme durch fünf große Banken, der UniCredit Bank Austria, der Erste Group Bank, der Raiffeisen Zentralbank Österreich, der Österreichische Volksbanken und der BAWAG P.S.K., um „einen symbolischen Betrag“ von einem Euro abgewendet werden. Der Staat Österreich haftet für 400 Millionen Euro Liquidität, die OeNB bürgt für weitere 50 Millionen Euro. Die Bank geriet durch Probleme mit Immobiliengesellschaften, der Immoeast sowie der Immofinanz, in Schwierigkeiten. Die Rettung der Constantia Privatbank, zur Eröffnung eines Kontos war eine Mindesteinlage von 500.000,- Euro notwendig, auf Kosten des Steuerzahlers ist nicht unumstritten.

Am 29. Oktober einigten sich die Bundesregierung mit dem Finanzmarktstabilitätsgesetz, (FinStaG) auf ein Bankenhilfsprogramm im Wert von 100 Milliarden Euro, wobei 15 Milliarden direkte Kapitalzuschüsse an die Banken gegeben werden können. 85 Milliarden dienen als Ausfallhaftungen. Das Kapital wird über die Finanzmarktbeteiligung Aktiengesellschaft, einem Tochterunternehmen der ÖIAG, vergeben und verwaltet. Der Staat nimmt keinerlei Einfluss auf die Banken. Die Kapitalzuschüsse sind von den Banken mit 8 % zu verzinsen und spätestens nach fünf Jahren zurückzubezahlen.

Am 30. Oktober nahm als erste Großbank die Erste Bank die kurz vorher durch die Bundesregierung ausgehandelte Möglichkeit wahr, ihr Kapital durch Partizipationsscheine im Wert von 2,7 Milliarden Euro aufzustocken. Am 3. November 2008 wurde die Kommunalkredit Austria, achtgrößte Bank in Österreich, um einen symbolischen Kaufpreis von 2 Euro verstaatlicht und so vor dem Zusammenbruch bewahrt.. Im Dezember 2008 sagte das Österreichische Finanzministerium zu, dass die zum Konzern der BayernLB gehörende Hypo Group Alpe Adria 900 Mio. Euro an Partizipationskapital aus dem Bankenhilfspaket der Republik Österreich bekommt. Die Kernkapitalquote der Hypo steigt dadurch zum Jahresende 2008 auf 8,4 Prozent.

Im Sommer 2007 musste die Schweizer Großbank UBS ihren hauseigenen Hedgefonds Dillon Read Capital Management schließen, der sich mit US-Hypothekenpapieren im Wert von 150 Mio. Franken verspekuliert hatte. Im Juli trennte sich die UBS daraufhin von ihrem Vorstandsvorsitzenden Peter Wuffli. Bis Dezember 2007 musste UBS total 15 Milliarden Schweizer Franken abschreiben. Zur Stärkung der Eigenkapitalbasis wurden von einem Staatsfonds aus Singapur sowie von einem bisher unbekannten Investor aus dem Nahen Osten insgesamt rund 13 Milliarden Schweizer Franken mittels einer Zwangswandelanleihe aufgebracht. Damit gehört die UBS zu 9 % dem Stadtstaat. Ende März 2008 mussten weitere 25 Milliarden Franken abgeschrieben werden und am 1. April 2008 gab die UBS bekannt, dass weitere 19 Milliarden Schweizer Franken abgeschrieben werden müssen. Mit beinahe 59 Milliarden Schweizer Franken Abschreibungen wurde die UBS weltweit am stärksten getroffen. Im Zuge der neuerlichen Abschreibungen gab UBS-Präsident Marcel Ospel bekannt, dass er an der nächsten Generalversammlung nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren werde.

Am 16. Oktober 2008 wurde bekannt, dass der Schweizer Staat eine Pflichtwandelanleihe der UBS in Höhe von 6 Mrd. CHF gezeichnet hat und die Schweizerische Nationalbank eine Zweckgesellschaft errichtet hat, in die die UBS nicht handelbare Wertpapiere bis zum Wert von 60 Mrd. USD auslagern kann, um diese aus ihrer Bilanz zu entfernen und damit die drohende Überschuldung abzuwenden. Dies führte in der Schweiz zu einer intensiven, emotional geführten Debatte über die Ausschüttung von Bonuszahlungen.

Die durch die Subprime-Krise ausgelöste Vertrauenskrise zwischen den Banken führte dazu, dass sich die viertgrößte britische Hypothekenbank Northern Rock nicht mehr bei anderen Banken refinanzieren konnte. Zudem zogen Kunden im September 2007 in wenigen Tagen 3 Milliarden Pfund (4,35 Milliarden Euro) aus dem Geldhaus ab. Die von Großbritannien gewährte staatliche Garantie der Einlagen erzielte nicht die gewünschte Wirkung. Am 18. Februar 2008 gab die britische Regierung die vorübergehende Verstaatlichung von Northern Rock bekannt. Im September 2008 führte die Krise zudem zum Notverkauf der Großbank HBOS an den Konkurrenten Lloyds TSB, nachdem diese im Sommer nur mit Schwierigkeiten eine Kapitalerhöhung durchgeführt hatte und weitere Verluste angefallen waren. Am 28. September 2008 wurde bekannt, dass die britische Regierung eine Verstaatlichung des Bankunternehmens Bradford & Bingley durchführt, um Verbindlichkeiten in Höhe von umgerechnet 63 Milliarden Euro zu übernehmen und damit einen Zusammenbruch der Bank zu verhindern. Davon stammen allein 52 Milliarden aus als risikoreich eingeschätzten Hypotheken. Nach der Verstaatlichung sollen das Filialnetz und die Sparkonten der Kunden von der spanischen Banco Santander übernommen werden.

Die britische Regierung stellte Anfang Oktober einen Rettungsplan für den Finanzsektor vor, der sich auf rund 500 Milliarden Pfund (rund 663 Milliarden Euro) belief. Davon sollten 50 Milliarden Pfund als Kapital direkt den angeschlagenen Banken zur Verfügung stehen. Am 13. Oktober wurde bekannt, dass die drei britischen Banken Royal Bank of Scotland (RBS), die HBOS und die Lloyds TSB insgesamt 37 der 50 Milliarden Pfund in Anspruch nehmen werden. Im Januar 2009 erhöhte der britische Staat seinen Anteil an der RBS von 58 auf 70 %.

Die Bank of England senkte wegen ungünstiger wirtschaftlicher Entwicklung am 6. November 2008 den Leitzins um 1,5 Prozentpunkte auf 3,0 % , am 4. Dezember 2008 um weitere 1,0 auf 2,0 % und am 8. Januar 2009 erneut um 0,5 auf 1,5  % .

Die EU-Kommission erwartete bis Mitte Januar eine Neuverschuldung von 8 % des Bruttoinlandsprodukts, erhöhte diese Prognose aber am 19. Januar auf knapp 10 %.

Präsident Dmitri Medwedew hatte den russischen Banken Kredite mit einer Laufzeit von mindestens 5 Jahren von bis zu 950 Milliarden Rubel (rund 27 Milliarden Euro) zugesagt, um deren Eigenkapitalbasis zu stärken. Mehrere Gesetze zur Stabilisierung des Finanzsektors wurden erlassen, deren Umfang auf rund 112 Milliarden Euro geschätzt wird. Zusätzlich zu den unmittelbaren Wirkungen der Finanzkrise wird Russland durch einen massiven Kapitalabfluss ins Ausland, der z. T. auf ein weiter gesunkenes Vertrauen ausländischer Investoren in die russische Wirtschaft zurückzuführen ist, sowie durch den infolge der Finanzkrise stark gefallenen Ölpreis belastet. Russland und seine wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre sind in hohem Maß vom Öl- und Gasexport abhängig.

Viele Hedgefonds mussten geschlossen und liquidiert werden. Mehrere speziell auf das Subprime-Segment ausgerichtete Hypothekenfinanzierer mussten Gläubigerschutz beantragen. Die großen amerikanischen Investmentbanken verzeichneten Verluste in Milliardenhöhe.

Allein die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch musste 8,4 Milliarden Dollar an Abschreibungen verbuchen, überwiegend aufgrund von Neubewertungen von Investmentprodukten, die im Zusammenhang mit Subprimehypothekendarlehen stehen (wie z. B. Collateralized Debt Obligations und Asset Backed Securities). Diese Verluste führten zum Rücktritt des Unternehmensvorsitzenden Stanley O’Neal. Auch das Unternehmen Citigroup meldete Milliardenabschreibungen und den damit verbundenen Rücktritt des Unternehmensvorsitzenden Charles Prince.

Am 22. Januar, 30. Januar und 18. März 2008 senkte die Fed den Hauptzinssatz in Stufen erst von 4,25 % auf 3,50 %, dann auf 3,00 % und schließlich auf 2,25 % um einer befürchteten Rezession entgegenzuwirken. Aufgrund der Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten wurde Countrywide Financial an das US-amerikanische Unternehmen Bank of America verkauft.

Am 16. März unterbreitete JPMorgan Chase & Co. mit Unterstützung der Fed ein Übernahmeangebot für Bear Stearns. Der Übernahmekandidat war durch Liquiditätsprobleme und Gerüchte über diese Probleme in Schieflage geraten.

Im Juli einigten sich US-Senat und US-Repräsentantenhaus auf die Grundzüge einer umfassenden sogenannten Housing Bill, in der unter anderem auch die Ermächtigung des US-Finanzministeriums untergebracht ist, die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac im Notfall mit Krediten oder Eigenkapital zu unterstützen. Um dies gegebenenfalls zu finanzieren wird in dem Gesetz die höchstzulässige Staatsverschuldung der USA um 800 Mrd. US-Dollar auf 10,6 Bio. US-Dollar angehoben. Im selben Monat wurde die IndyMac Bank unter die Kontrolle der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) gestellt. Die Unsicherheit um die Zahlungsfähigkeit löste einen Bank Run aus, bei dem Anleger innerhalb weniger Tage mehr als 1,3 Milliarden Dollar abgehoben haben. Der Zusammenbruch von IndyMac ist der zweitgrößte Bankencrash in der Geschichte der USA. Am 7. September 2008 übernahm die zuständige Aufsichtsbehörde der US-Bundesregierung Federal Housing Finance Agency (FHFA) die Kontrolle über Fannie Mae und Freddie Mac. Fannie und Freddie haben zusammen Darlehen in Höhe von 5,3 Bio. US-$ vergeben, was fast die Hälfte aller Hypothekenkredite der USA ausmacht.

Am 15. September musste die viertgrößte US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden, was laut Sachverständigenrat einen völligen Vertrauensverlust auslöste und zu völligem Austrocknen des Interbankenmarktes führte. Die US-Regierung hatte eine Rettung der Bank und ihrer überwiegend ausländischen Gläubiger abgelehnt.Die offenen Verbindlichkeiten von Lehman Brothers werden auf mehr als 600 Milliarden Dollar geschätzt. Am selben Tag einigte sich die Investmentbank Merrill Lynch mit der Bank of America. Letztgenannte kauft die Investmentbank. Am 16. September erhielt der ebenfalls in eine finanzielle Notlage geratene, größte amerikanische Versicherer AIG von der Fed einen Überbrückungskredit in Höhe von 85 Milliarden US-Dollar und wurde im Gegenzug verstaatlicht: Die US-Regierung übernimmt 79,9 Prozent der AIG-Anteile.

Die Securities and Exchange Commission hat am 19. September 2008 Leerverkäufe von Finanzpapieren „vorübergehend“ „bis sich die Märkte wieder stabilisiert haben“ untersagt. Am 22. September wurde bekannt, dass die Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs sich in normale Geschäftsbanken umwandeln wollen.

US-Finanzminister Henry Paulson schlug einen umstrittenen Rettungsfonds mit einem Volumen von 700 Milliarden US-Dollar zur Bekämpfung der Krise vor. Dies wurde am 29. September noch von 228 Parlamentariern abgelehnt, wodurch der bisher größte absolute Kursverlust an der Wallstreet ausgelöst wurde. Am 3. Oktober wurde die ursprünglich dreiseitige Vorlage als mehr als 400 Seiten starker Gesetzesentwurf („Emergency Economic Stabilization Act of 2008“) neuerlich vorgelegt und mit 263 zu 171 Stimmen angenommen. Am selben Tag wurde bekannt, dass Wachovia für 15,1 Milliarden US-Dollar in Aktien von Wells Fargo übernommen wird.

Der US-Versicherungskonzern American International Group (AIG) erhielt am 8. Oktober von der US-Notenbank eine weitere Kapitalspritze im Umfang von 37,8 Milliarden US-Dollar. Die Fed übernimmt Investmentpapiere von AIG und im Gegenzug das Bargeld bereitstellen. Am 21. Oktober 2008 stützte die US-Notenbank Geldmarktfonds mit 540 Milliarden US-Dollar. Die Nachrichtenagentur Bloomberg gab am 12. November 2008 bekannt, gegen die mangelnde Transparenz der Fed bei der Kreditvergabe unter Berufung auf den Freedom of Information Act zu klagen. Zudem habe sich das ursprüngliche Volumen des Rettungspaketes von 700 Milliarden auf 7,7 Billionen US-Dollar erhöht.

Am 23. November gaben das Finanzministerium der Vereinigten Staaten, die Federal Reserve und die FDIC gemeinsam eine Erklärung über einen staatlichen Hilfsplan zur Stabilisierung der Citigroup ab. Durch das Abkommen soll ein Vermögen von etwa 306 Mrd. US-Dollar durch staatliche Bürgschaften gegen Verluste geschützt werden. Im Gegenzug erhalten das US-Finanzministerium und die FDIC Vorzugsaktien in Höhe von 7 Mrd. US-Dollar. Außerdem wird das Finanzministerium 20 Mrd. US-Dollar aus dem „Troubled Asset Relief Program“ (TARP) des Emergency Economic Stabilization Act in Vorzugsaktien der Citigroup mit einer Dividende von 8 % anlegen.Am 25. November erklärte die Federal Reserve, dass sie bereit sei, während der kommenden Quartale hypothekenunterlegte Wertpapiere, in erster Linie von Fannie Mae und Freddie Mac, in Höhe von bis zu 600 Mrd. US-Dollar aufzukaufen, um den US-Häusermarkt zu beleben. Die Federal Reserve senkt am 16. Dezember 2008 den Leitzins auf null bis ein Viertel Prozent. Die US-Notenbank führt der Wirtschaft auch Liquidität zu, indem sie Wertpapiere aufkauft. Ihre Bilanzsumme ist dadurch von rund 900 Milliarden Dollar im September 2008 auf 2,2 Billionen im Dezember angewachsen. Zuvor am 9. Dezember 2008 war bei der Ausgabe von US-Staatspapieren mit vier Wochen Laufzeit die Nachfrage so groß gewesen, dass die Rendite auf null Prozent absank. Die Rendite von dreimonatigen Papieren war aufgrund der großen Nachfrage der Anleger erstmals seit 1940 unter null Prozent gesunken.

In einer Rede vom 13. Januar 2009 gibt der Vorsitzende der US-Zentralbank Ben Bernanke an, eine Geldpolitik im Sinne eines „credit easing“ im Unterschied zu einer quantitativen Lockerung zu betreiben.

Die US-Regierung gewährt der Bank of America 20 Milliarden Dollar frisches Kapital plus Garantien für bis zu 118 Milliarden Dollar aus problematischen Anlagen. Die Bank hatte im vierten Quartal 2008 einen Verlust von 2,39 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) gehabt, die im September übernommene Investmentbank Merrill Lynch von 15,3 Milliarden Dollar.

Der Senat hat unterdessen die zweite Hälfte des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets der Regierung für die Finanzbranche freigegeben. Damit kann das US-Finanzministerium auf die verbliebenen 350 Milliarden Dollar zurückgreifen.

US-Präsident Barack Obama gab am 18. Februar 2009 in dem von der US-Immobilienkrise besonders stark betroffenen Phoenix (Arizona) ein weiteres Hilfspaket für bedrohte Hausbesitzer bekannt. Danach sollen bis zu 9 Millionen Familien mit einem 75 Milliarden US-Dollar Rettungspaket vor der Zwangsversteigerung ihrer Häuser gerettet werden. Außerdem sollen die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac gestärkt werden.

Im Gegensatz zu den USA war Kanadas Immobilienmarkt und auch die Bankenbranche wenig anfällig. Zudem profitierte das Land noch von den stark gestiegenen Rohstoffpreisen, als in den USA die Anzeichen einer Rezession deutlich erkennbar waren. Da Kanadas Exportwirtschaft jedoch stark von der Wirtschaft des südlichen Nachbarn abhängt, sorgte dies, zusammen mit den fallenden Preisen für Öl und andere Rohstoffe, für einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Daher erwartet die Bank of Canada seit Anfang Dezember 2008, dass das Land in eine Rezession geraten wird, und senkte daher den Leitzins von 2,25 auf 1,5 %.

Nachdem die auch stark in Ontario investierten US-Autokonzerne von der Regierung unterstützt werden sollten, und die Einzelhändler über eine Umsatzrückgang von 1,6 % klagten, entschied sich die Regierung ebenfalls für eine Art Rettungsplan. Im Budget für 2009 sind 30 Milliarden Kanadische Dollar für die Bekämpfung der Rezession vorgesehen.

Die kanadische Zentralbank rechnet mit einem Rückgang der Wirtschaft um 1,2 % im Jahr 2009.

Im Verlauf des Jahres 2008 hat sich die Finanzkrise zunehmend auf die Realwirtschaft ausgewirkt. Effekte waren zunächst in den USA, dann in Westeuropa und in Japan sowie seit Herbst 2008 auf der ganzen Welt zu erkennen. In Folge verzeichneten die Aktienkurse weltweit ab Oktober 2008 nach einem ersten Einbruch aufgrund der Finanzkrise einen zweiten starken Rückgang aus Angst vor Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Auch auf den Rohstoffmärkten kam es vor allem ab Beginn des vierten Quartals 2008 zu starken Preisrückgängen. Die meisten Automobilhersteller in den Industrieländern haben Ende Oktober/Anfang November deutliche Produktionskürzungen angekündigt, um auf Absatzeinbrüche in zweistelliger Größenordnung zu reagieren. Nach Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes befindet sich Deutschland nach zwei Quartalen mit negativen Wachstumsraten seit Oktober 2008 in einer Rezession. Dauer und Intensität der Auswirkungen der Finanzkrise auf die weltweite Realwirtschaft lassen sich schwer einschätzen.

Auf nationaler Ebene werden in vielen Ländern Konjunkturprogramme erarbeitet. So hat die Bundesregierung das Maßnahmenpaket "Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung" im November 2008 verabschiedet und beabsichtigt seit Januar 2009 unter dem Titel Konjunkturprogramm „Entschlossen in der Krise, stark für den nächsten Aufschwung“ ein weiteres Programm.

Die EU-Kommission rechnet nach einer am 3.November 2008 veröffentlichten Prognose für 2009 bei den Ländern der Eurozone nur noch mit einem ganz geringen Wachstum von 0,1 %. Am 19. Januar 2009 verschärfte sie ihre Prognose auf ein Minus von -2,2 % für die Bundesrepublik und -1,8 % für die Länder der EU insgesamt. Der IWF erwartet in seiner Prognose von Anfang November 2008 für 2009 die erste weltweite Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg; in Deutschland soll die Wirtschaftsleistung gemessen am Bruttoinlandsprodukt um preisbereinigt 0,8 Prozent zurückgehen (im Oktober 2008 hatte der Währungsfonds noch für Deutschland eine Veränderungsrate von 0,0 Prozent erwartet). Im Januar 2009 sagt die Bundesregierung (Deutschland) im Jahreswirtschaftsbericht 2009 für 2009 für Deutschland ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts von -2 1/4 % voraus.

Am 9. Dezember 2008 senkte die Weltbank ihre Prognose für das globale Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr. Sie erwartet nur noch ein globales Wachstum von 0,9 Prozent, im Gegensatz zu 2,5 Prozent im Jahr 2008. Die jüngste Konjunkturprognose fällt damit noch negativer aus als die der Schwesterorganisation IWF: Man rechne mit der schlimmsten Krise seit der Großen Depression in den 1930er Jahren. Neben einem Rückgang des weltweiten Handelsvolumens seien vor allem die Exportmöglichkeiten für Entwicklungsländer in die reicheren Staaten betroffen.

Jedes Teilnehmerland verpflichtet sich, die Maßnahmen in nationales Recht umzusetzen.

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Source : Wikipedia