Prinzessin Victoria

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Geschrieben von bishop 27/02/2009 @ 17:41

Tags : prinzessin victoria, schweden, europa, ausland

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Victoria (Vereinigtes Königreich)

Prinzessin Victoria im Alter von 4 Jahren, 1823 (Gemälde von Stephen Poyntz Denning)

Victoria (deutsch auch: Viktoria, eigtl. Alexandrina Victoria; * 24. Mai 1819 im Kensington Palace, London; † 22. Januar 1901 in Osborne House, Isle of Wight) war von 1837 bis 1901 Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland, sowie ab 1876 die erste Kaiserin von Indien. Sie war die Tochter von Eduard August, Herzog von Kent und Strathearn und Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld.

Mit ihrer Thronbesteigung endete, aufgrund des in Hannover geltenden salischen Gesetzes, das Frauen von der Thronfolge ausschließt, die Personalunion zwischen Hannover und dem Vereinigten Königreich. Sie war die erste britische Monarchin, die den Titel einer Kaiserin von Indien trug. Mit Victorias Tod endete die Herrschaft des Hauses Hannover auf dem britischen Thron, mit ihrem Sohn König Eduard VII. begann die Herrschaft des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha.

Als konstitutionelle Monarchin war sie pro forma Herrscherin über mehr als ein Fünftel der Erde und ein Drittel der Weltbevölkerung. Während ihrer Regierungszeit erlebten die Ober- und Mittelschichten Englands eine beispiellose wirtschaftliche Blütezeit, und das Britische Weltreich stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Prägend für ihre Regentschaft war der Einfluss ihres Ehemannes Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und ihr fast völliger Rückzug aus der Öffentlichkeit nach dessen Tod 1861. Sie handhabte die konstitutionelle Monarchie sehr eigenwillig und selbstbewusst, obwohl sie bereits bei der Parlamentseröffnung die vorgeschriebene Rede des jeweiligen Premierministers verlesen musste – ein „Staatstheater“, bei dem sie sich zumeist vom Lordkanzler vertreten ließ. Victoria regierte 63 Jahre und 7 Monate, länger als jeder andere britische Monarch vor ihr. Durch ihre zahlreichen Nachkommen erhielt sie auch den Beinamen „Großmutter Europas“. Sie wurde aufgrund ihrer langen Regentschaft Namensgeberin für das Viktorianische Zeitalter.

Nachdem die mit Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld verheiratete präsumtive britische Thronfolgerin Prinzessin Charlotte Augusta im Jahr 1817 nach einer Totgeburt gestorben war, fehlte es dem herrschenden Königshaus an legitimen Nachkommen. Von den sieben überlebenden Söhnen Georg III. waren zu diesem Zeitpunkt nur der Prinzregent Georg sowie zwei seiner Brüder standesgemäß verheiratet. Die Ehen des Herzogs von York und des Herzogs von Cumberland waren bislang kinderlos geblieben und die des Prinzregenten mit Caroline von Braunschweig galt als zerrüttet. Der Tod Charlotte Augustas war daher für die bislang unverheirateten Söhne Georg III. der Anstoß, unter den protestantischen Prinzessinnen Europas nach geeigneten Ehefrauen Ausschau zu halten.

Der verwitwete Prinz Leopold machte 1814 seine Schwester Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld, die verwitwete Fürstin von Leiningen, mit Eduard August, Herzog von Kent und Strathearn, bekannt. Am 13. Juli 1818 verheiratete sich in einer Doppelhochzeit der Herzog von Kent mit der Fürstin von Leiningen und Herzog von Clarence mit Adelheid von Sachsen-Meiningen. Die Sicherung legitimer Nachfolger für das Haus Hannover war für den Herzog von Kent allerdings nicht der einzige Heiratsgrund. Hochverschuldet und wegen seiner pedantischen und häufig auch sadistischen Amtsausübung war er seit 1803 seiner militärischen Ämter enthoben. Mit der Heirat verband er auch die Hoffnung, dass seine Apanage deutlich erhöht werden würde.

Alexandrina Victoria wurde am 24. Mai 1819 im Kensington Palace geboren und stand zu diesem Zeitpunkt an fünfter Stelle in der britischen Thronfolge. Wenig sprach dafür, dass sie auf dem englischen Thron nachfolgen würde. Der vor ihr thronfolgeberechtigte Herzog von Clarence hatte nicht weniger als zehn illegitime Kinder. Es schien daher sehr wahrscheinlich, dass aus den Ehen der älteren Brüder ihres Vaters noch Nachkommen hervorgehen würden. Am 24. Juni 1819 wurde Alexandrina Victoria im Kuppelsaal des Kensington Palace getauft. Für diesen festlichen Anlass hatte man das königliche Taufbecken aus dem Tower gebracht. Zuvor war es zu einem Eklat mit dem Prinzregenten Georg gekommen. Victorias Eltern hatten eine Reihe damals übliche Namen in der königlichen Familie vorgeschlagen (u.a. Charlotte und Georgina). Georg lehnte diese ab und ließ nur zwei, eher ungewöhnliche, Namen zu. Die Taufpaten der Prinzessin wurden der Prinzregent Georg, der russische Zar Alexander I. (ihm zu Ehren erhielt sie ihren ersten Vornamen), Victorias Tante väterlicherseits Königin Charlotte Auguste von Württemberg und die Großmutter mütterlicherseits Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Die kleine Victoria wurde innerhalb der Familie Drina gerufen, erst später wurde sie Victoria genannt, dem vermeintlich „englischeren“ der beiden Vornamen.

Acht Monate nach der Geburt verstarb Prinzessin Victorias Vater, der Herzog von Kent. Die Herzogin von Kent musste angesichts des hohen Schuldenbergs das Erbe ihres verstorbenen Mannes ausschlagen. Bei der Familie ihres Mannes fand sie nur wenig Unterstützung. König Georg IV., der wenige Tage nach dem Tod des Bruders den englischen Thron bestiegen hatte, hatte der Ehe zwischen seinem Bruder mit der Fürstin von Leiningen skeptisch gegenüber gestanden. Er ignorierte seine Schwägerin und ihre Tochter und hätte es am liebsten gesehen, wenn die Herzogin mit ihrer Familie nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Auf Anraten und mit der finanziellen Unterstützung ihres Bruders Prinz Leopold blieb die Herzogin weiter im Kensington Palace wohnen.

Die Herzogin von Kent geriet zunehmend unter den Einfluss von John Conroy, den der Herzog von Kent als Nachlassverwalter eingesetzt hatte. John Conroy setzte darauf, dass Prinzessin Victoria noch unmündig den Thron besteigen würde unter der Regentschaft der Herzogin von Kent. Für John Conroy hätte dies bedeutet, über diese Regentin zu Einfluss und Macht zu gelangen. Um seinen Einfluss zu sichern, sorgte er dafür, dass die Herzogin und ihre Tochter weitgehend isoliert von den englischen Hofkreisen blieben. John Conroy gelang es beispielsweise, der Herzogin von Kent einzureden, dass der Herzog von Cumberland – nach Victoria der nächste in der Thronfolge – der Prinzessin nach dem Leben trachte und daher ein abgeschottetes und isoliertes Leben notwendig sei. Victoria wuchs dadurch in einer Umgebung auf, in der sie nur wenige Kontakte zu anderen Personen hatte. Zu ihren wenigen Spielgefährtinnen zählte John Conroys Tochter Victoire und Victorias um zwölf Jahre ältere Halbschwester Feodora. John Conroy streute unter anderem das Gerücht, dass die Prinzessin geistig nicht stabil sei und deshalb ihre Regentschaft nicht ausüben könne. Diese in den Geschichtsbüchern gelegentlich als Kensington System bezeichnete Machtsicherung setzte sich auch nach dem Thronwechsel zu Wilhelm IV. (1830) fort, der anders als sein älterer Bruder seine Nichte und präsumtive Thronfolgerin gern häufiger in seinen Hofkreisen gesehen hätte. So wurde es Victoria nicht einmal gestattet, an den Krönungsfeierlichkeiten ihres Onkels teilzunehmen.

Als zunehmend absehbar war, dass Prinzessin Victoria zum Zeitpunkt des Thronwechsels bereits volljährig sein würde, versuchte Conroy ihr 1835 die Unterschrift abzuringen, ihn nach dem Thronwechsel zu ihrem Privatsekretär zu ernennen. Prinzessin Victoria konnte trotz des enormen Drucks, den auch ihre Mutter ausübte, und einer soeben überstandenen schweren Erkrankung (vermutlich Typhus) diesem Druck standhalten und unterschrieb nicht. Daraufhin kam es zu einem vollständigen Bruch mit ihrer Mutter. Bis zum Zeitpunkt der Thronbesteigung wechselten die beiden kaum noch ein Wort miteinander. Diese Versuche, die Prinzessin zu manipulieren, führten auch am englischen Königshof zum Eklat. Während des Geburtstagsdinners anlässlich des 18. Geburtstags der Prinzessin – dem Tag, an dem sie volljährig wurde – erklärte König Wilhelm IV., dass er dankbar sei, diesen Zeitpunkt zu erleben, da er auf diese Weise eine Regentschaft vollständig ungeeigneter Personen verhindert habe.

Als Erzieherin der jungen Prinzessin war die Baronin Louise Lehzen bestimmt, zu der Victoria ein sehr enges Verhältnis hatte, die aber nur wenig geeignet war, die Prinzessin auf ihre zukünftige Rolle als Monarchin vorzubereiten. Ab 1829 kam noch ein offizieller Hauslehrer hinzu: Hochwürden George Davys, ein liberaler evangelischer Geistlicher. Victoria erhielt eine oberflächliche Erziehung, die der junger Damen der besseren Gesellschaft ihrer Zeit entsprach. Der Schwerpunkt lag auf biblischer Unterweisung, Studium alter und neuer Sprachen, Tanz-, Gesangs- und Zeichenunterricht und Geschichte (Victorias Lieblingsfach). Die Lernbereitschaft der Schülerin soll sich dabei in Grenzen gehalten haben. Victoria sollte später fließend Deutsch und Französisch sprechen. Im täglichen Umgang sprach Victoria mit ihrer deutschen Mutter Englisch und nicht Deutsch, da die Herzogin dies für politisch klüger hielt.

Vermutlich im März 1829 erfuhr Victoria von ihrem Platz in der Thronfolge. Sie fand in einem Buch über englische Geschichte eine Seite, die vorher entfernt worden war, die Thronfolge dargestellt. Victoria soll daraufhin zu Lehzen gesagt haben: „Ich will mein Bestes geben“. Manche Autoren verweisen derartige Aussagen aber auch in den Bereich der Legenden.

Zu den wenigen Personen, die sie auf ihre Rolle als Monarchin vorbereiteten, zählte ihr Onkel Leopold. Prinz Leopold war im Jahr 1830 in Belgien gekrönt worden und regierte seitdem als Leopold I. in Brüssel. Er beriet die Prinzessin schriftlich und empfahl ihr Bücher und Manuskripte, die sie auf ihre Rolle als Königin vorbereiten sollten. In den Wochen, in denen Wilhelm IV. im Sterben lag und der Thronwechsel unmittelbar bevorstand, stellte er ihr als Berater außerdem Christian von Stockmar zur Seite. Mit dessen Hilfe gelang es der Prinzessin, die letzten Versuche John Conroys abzuwehren, sich die Macht zu sichern.

Victoria bestieg am 20. Juni 1837 im Alter von 18 Jahren, nach dem Tod ihres Onkels Wilhelm IV. den Thron. Am 21. Juni erfolgte die Proklamation im St. James’s Palace. Victoria zeigte sich in der folgenden Zeit bei zahlreichen feierlichen Anlässen, um sich dem Volk als neue Herrscherin zu präsentieren. Die junge Königin wurde nach zwei sehr unpopulären Vorgängern in ihrem Reich mit Begeisterung aufgenommen. Einen Monat nach ihrer Thronbesteigung zog die Königin vom Kensington Palace um in den Buckingham Palace, der damit zum ersten Mal als offizielle Residenz eines Monarchen diente.

Ihre neue Unabhängigkeit nutzte sie, um sich von dem dominierenden Einfluss ihrer Mutter und vor allem John Conroys zu befreien. Ihrer Mutter wurde nur die Rolle im englischen Hofleben zugebilligt, die das Protokoll für sie vorsah, ihre Beziehung sollte sich erst nach Victorias Heirat wieder bessern. John Conroy erhielt keine Stelle am englischen Hof; er blieb aber weiterhin Mitglied des Haushalts der Herzogin von Kent. Am 28. Juni 1838 fand in einer fünfstündigen Zeremonie die königliche Krönung in der Westminster Abbey statt. Das Parlament bewilligte ihr 200.000 Pfund für dieses Ereignis, das vierfache, was man Wilhelm IV. zugebilligt hatte. Im „Krönungs-Juni“ überschwemmten angeblich vierhunderttausend Besucher London. Zum ersten Mal nahmen auch die Mitglieder des Unterhauses an der Zeremonie teil, was die zunehmende Demokratisierung des Landes unterstrich.

Das erste Regierungsjahr der jungen Königin, die kaum auf ihre neue Rolle vorbereitet war, verlief dank der Unterstützung von Premierminister Lord Melbourne erfolgreich. Lord Melbourne wurde neben ihrem Onkel Leopold der zweite väterliche Freund und Lehrer in Victorias Leben. Sie schenkte dem 58 Jahre alten Premierminister ihr volles Vertrauen. Melbourne ließ sich nie anmerken, wie sehr ihn ihre Naivität und Unwissenheit überraschten, und bemühte sich, die Lücken ihrer Erziehung zu füllen. Er war in den ersten Jahren ihr Mentor, der sie in politischen, privaten und sogar modischen Dingen beriet, und stärkte so ihr Selbstvertrauen. Diese Intimität wurde oft als Verliebtheit gedeutet. Victoria war sich bewusst, dass sie viel zu lernen hatte, wenn sie als konstitutionelle Monarchin ohne schriftliche Verfassung nicht nur die Galionsfigur des Staatsschiffes sein wollte, und die theoretisch keine andere Meinung haben durfte als ihre Minister.

Von Melbourne lernte Victoria, die führenden Politiker einzuschätzen, ihre Stärken und Schwächen herauszufinden; dies waren Fähigkeiten, die für sie in den kommenden Jahren unschätzbar werden sollten. Diese guten Dienste Melbournes währten allerdings nur so lange, wie seine Regierung stabil blieb.

Nachdem die Whigs die Mehrheit im Unterhaus verloren hatten, stellte Lord Melbourne im Mai 1839 sein Amt als Premierminister zur Verfügung. Da weder die Torys noch die Whigs über eine ausreichende Mehrheit im Parlament verfügten, hoffte Melbourne auf ein Scheitern der neuen Regierung und anschließende Neuwahlen, die die Whigs stärken sollten. Dies blieb der politisch ungeübten Königin verborgen, für sie war der Gedanke unerträglich, dass die Torys und damit Sir Robert Peel die Regierung übernehmen sollten. Sir Robert Peel, der zur Regierungsbildung bereit war, erwartete von der Königin, deren Hofstaat ausschließlich aus Whigs bestand, auch einige Damen aus den Tory-Kreisen als Hofdamen aufzunehmen. Er hielt diese personelle Anpassung an die künftigen Machtverhältnisse für unumgänglich. Victoria lehnte dies kategorisch ab, da sie die Wahl ihrer Hofdamen als ihre Privatsache ansah. Daraufhin gab Peel den Regierungsauftrag zurück, und Lord Melbourne blieb weiter Premierminister. Die Königin feierte dies als politischen Sieg und war überzeugt, ihre Würde verteidigt zu haben.

In dieser so genannten „Hofdamenaffäre“ bewegte Victoria sich mit ihrer strikten Weigerung in einer verfassungsrechtlichen Grauzone. Die Hofdamenaffäre und ihr unkluges Verhalten in der Flora-Hastings-Affäre, in der Flora Hastings, eine an einem Lebertumor erkrankte Ehrendame, zu Unrecht einer unehelichen Schwangerschaft verdächtigt wurde, kostete Victoria in der Öffentlichkeit Ansehen und Sympathien. Lord Melbourne hatte weder in der Hofdamenaffäre noch in der Flora-Hastings-Affäre so entschieden reagiert, wie man es von ihm als Ratgeber und Vertrauter einer unerfahrenen Monarchin hätte erwarten dürfen. Victoria selbst beurteilte ihr Verhalten in ihrer ersten politischen Aktion 60 Jahre später mit dem Satz: „Es war ein Fehler“. Die britische Öffentlichkeit forderte nun zunehmend, dass die britische Königin heiraten solle. Man erhoffte sich von einem Ehemann einen mäßigenden Einfluss auf die oft sehr emotional handelnde Königin.

Victoria heiratete am 10. Februar 1840 ihren Cousin mütterlicherseits, Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, den zweiten Sohn des Herzogs Ernst I. (Sachsen-Coburg und Gotha) und Louise von Sachsen-Coburg-Altenburg. Albert und Victoria waren, obwohl die Ehe von beider Onkel, König Leopold I. von Belgien, arrangiert war, schon vor der Ehe ineinander verliebt. Kennengelernt hatte das Paar sich bereits 1836 bei einem Besuch Alberts in Großbritannien. Die damals 17-jährige Victoria war, wie ihre Tagebuchaufzeichnungen zeigen, „bezaubert“ und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie „die Aussicht großen Glücks“. Am 10. Oktober 1839 kam es zu einem erneuten Besuch durch Albert, und schon vier Tage später hielt Victoria um Alberts Hand an. Die anschließende Verlobungszeit war durch einige Unstimmigkeiten getrübt. Die Öffentlichkeit war wenig begeistert von der Verbindung der englischen Königin mit einem unbedeutenden deutschen Prinzen, einem weiteren „glücklichen Coburger“. Durch die fehlende Stimmenmehrheit Lord Melbournes im Parlament konnte Victoria nicht durchsetzen, dass Albert zum Prinzgemahl (engl. „Prince Consort“) ernannt wurde. So blieb Albert mit der Hochzeit zunächst ein einfacher Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha und wurde erst später zum Prinzgemahl erhoben. Auch wurde Alberts Apanage auf vergleichsweise niedrige 30.000 Pfund im Jahr festgelegt – wenig im Vergleich zu Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld, der 23 Jahre zuvor, nach seiner Vermählung mit der britischen Thronfolgerin Prinzessin Charlotte, 50.000 Pfund im Jahr erhalten hatte.

In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe bekam das Paar fünf Kinder. Dies hatte zur Folge, dass Albert zunehmend Victoria bei ihren Aufgaben als Königin unterstützte. Mit der Geburt des ersten Kindes wurde Albert laut Anson, dem Sekretär Alberts, „in der Tat, wenn auch nicht dem Titel nach, der Privatsekretär ihrer Majestät“. Auch der Einfluss Alberts auf den königlichen Haushalt und die Finanzen wurde spürbar. Diese Aufgaben unterlagen bisher der Baronin Lehzen, die in Alberts Augen dafür aber nicht geeignet war und schließlich auf Druck des Prinzen 1842 ihren Abschied nehmen musste. Als das Ende der Ära Melbourne immer mehr absehbar und ein Premierminister Peel unausweichlich wurde, verhinderte Albert durch sein rechtzeitiges und diplomatisches Eingreifen eine erneute „Hofdamenaffäre“. Peel selbst sollte später von Victoria sehr geschätzt werden. Melbourne riet Victoria bei seinem Abschied 1841, sich von ihrem Mann in politischen Angelegenheiten beraten zu lassen; ein Rat, den die Königin befolgen sollte. Die Königin wuchs in diesen ersten Ehejahren immer mehr in ihre Rolle hinein, und Prinz Albert hatte dazu wesentlich beigetragen.

Schon bald nach der Hochzeit verlegten Victoria und Albert ihren Lebensmittelpunkt nach Windsor Castle, da vor allem Albert das Landleben der Hauptstadt vorzog. Um sich mehr Privatsphäre verschaffen zu können, erwarb das Paar 1845 Osborne House, einen 400 Hektar großen Landsitz auf der Isle of Wight. Dem Gebäude wurde nach Alberts Plänen eine italienische Fassung gegeben, auch der Garten wurde nach seinen Vorgaben gestaltet. Für die Kinder wurde ein Schweizerhaus importiert, in dem die Prinzen Schreinern und Gärtnern und die Prinzessinnen Haushaltsführung und Kochen lernen sollten. Der Kauf konnte finanziert werden durch beträchtliche Einschränkungen privater Ausgaben der Königin, die Alberts Rat zu verdanken waren, und durch den Verkauf des Royal Pavilion in Brighton.

Die Königin sollte aber auch weiterhin keinen nennenswerten Einfluss auf die Sozialpolitik des Landes nehmen. Zum einen, weil sie diesen Bereich in guten Händen wusste – Prinz Albert ließen die sozialen Konflikte schon aus christlicher Glaubensüberzeugung nicht gleichgültig –, zum anderen, weil dies eine Welt war in der sie sich nur schwer zurechtfand. Dort, wo sie Elend persönlich mitbekam, zeigte sie sich hilfsbereit, vor allem die einfachen Menschen im Hochland machten ihr die Lasten der Armut durchaus begreifbar. Die unterprivilegierten Klassen jenseits des Bürgertums blieben ihr jedoch fremd. Als Witwe sollte Victoria in den achtziger Jahren sozialpolitische Maßnahmen mehrfach anmahnen, doch dürfte dieses Engagement eher als Verpflichtung gegenüber dem Gatten zu verstehen sein, denn als persönliche Notwendigkeit aus innerster Überzeugung.

Das sozialpolitisch raue Klima zwischen 1840 und 1850 war sicherlich auch dafür verantwortlich, dass fünf der sieben Attentate, die Victoria alle ohne nennenswerte Verletzungen überstehen sollte, in dieses Jahrzehnt fielen, die beiden letzten in den Jahren 1872 und 1882. Es war sicher auch kein Zufall, dass die Gerichte allen Angeklagten geistige Zerüttung attestierten und darauf bedacht waren, politische Motive auszuschließen. Es lag nicht im Interesse des Staates, die Brisanz der gesellschaftlichen Konflikte durch Verschwörungen gegen die Königin bestätigen zu lassen. Natürlich machte es in der Bevölkerung Eindruck, mit welcher Selbstbeherrschung – für Victoria eher ungewöhnlich – sie diese Anschläge auf ihr Leben ertrug.

Irland war ein Sonderfall im Vereinigten Königreich: Nach dem Gesetz war es Teil des Königreichs mit einer Vertretung im Parlament, wurde aber in vieler Hinsicht behandelt wie eine Kolonie. Die Politik der englischen Großgrundbesitzer in Irland führte zusammen mit der Kartoffelfäule zur Hungersnot von 1845–1849. Bis zu 1,5 Millionen Iren sollten dabei verhungern, und viele weitere wanderten nach Amerika aus. Der 1845 regierende Premierminister Robert Peel konnte sich nicht durchsetzen in seinen Forderungen nach Aufhebung der Kornzölle, um billigeres Getreide nach Irland einführen zu können. Prinz Albert verfasste auch im Namen Victorias ein Memorandum, in dem er ihre Bestürzung zum Ausdruck brachte und geeignete Maßnahmen vorschlug, um die größte Not zu lindern. Diese Maßnahmen, wie sie in anderen von der Kartoffelfäule betroffenen Ländern mit Erfolg getroffen worden waren, beinhalteten beispielsweise die Öffnung der Häfen, fanden jedoch zunächst kein Gehör. Als für das Jahr 1846 eine noch schlechtere Kartoffelernte vorauszusehen war, erreichte Peel die Abschaffung der Kornzölle, verlor dadurch jedoch die Unterstützung seiner Partei. Victoria, die ihr Mitgefühl mit den Iren nur privat äußern durfte, spendete der „Britischen Gesellschaft zur Erleichterung der größten Not in den abgelegenen Gemeinden von Irland und Schottland“ 2000 Pfund (nicht nur 5 Pfund, wie manchmal behauptet wurde).

Um die irische Bevölkerung zu unterstützen, plante Victoria zunächst, einen irischen Landsitz zu erwerben. Sie distanzierte sich aber wieder von diesem Vorhaben, da dies wahrscheinlich als „irisches Landlordgebaren interpretiert worden wäre“. Im Jahr 1849 entschloss sie sich zu einer königlichen Rundreise durch Irland. Die Iren brachten ihr während ihres Besuches Begeisterung und Zuneigung entgegen. Die Abreise und Wiedereinschiffung fand unter „allen nur denkbaren Zeichen der Zuneigung und des Respekts“ statt, so Victoria selbst. Viele Zeitgenossen sahen in diesem Besuch die Gelegenheit zur Versöhnung, doch sie wurde von Victorias Ministern nicht genutzt. Es gab weitere Besuche in den Jahren 1853, 1861 und 1901, die aber nicht die Chancen boten, die beim ersten Mal möglich gewesen wären. Sie verstärkten im Gegenteil sogar das Gefühl der Iren, im Stich gelassen worden zu sein. Dies sollte zu weiteren Schwierigkeiten führen; letztendlich kam es zur Teilung.

1852 erwarb das Paar, fasziniert von der schottischen Landschaft, das Schlösschen Balmoral in der Grafschaft Aberdeenshire. Genau wie Osborne wurde es nach Alberts Plänen im viktorianischen Baronialstil neu errichtet. Diese Neuerwerbung wurde ermöglicht durch eine unerwartete Erbschaft. James Camden Neild (genannt „Geizhals Neild“) hatte seinen gesamten Besitz – allein sein Grundbesitz war über 250000 Pfund wert – der Königin vermacht. Wie Osborne House war Schloss Balmoral Privateigentum des Paares. Trotz der anfänglich sehr beengten Verhältnisse hielt sich Victoria lieber weit abseits in Osborne und Balmoral auf als in der „finsteren Pracht“ Windsors oder der städtischen Atmosphäre von Buckingham Palace. In ihren vierzig Witwenjahren waren Osborne und Balmoral, sehr zum Leidwesen ihrer Politiker, die dorthin zitiert wurden, fest in den Jahresablauf integriert. Selbst zu Zeiten von Regierungskrisen war sie kaum zu bewegen, nach London zu kommen, um einen effizienten Kontakt mit ihren Ministern zu ermöglichen.

Irland sollte auch der Auslöser sein für eine weitere Verschärfung eines schon länger brodelnden Konfliktes mit Lord Palmerston. Dieser war fast ununterbrochen seit 1830 Außenminister und sehr beliebt bei der Bevölkerung. Die Königin aber forderte er durch eine Politik der vollendeten Tatsachen heraus: Anweisungen an die Botschafter wurden ohne Victorias Genehmigung herausgegeben, Schreiben an die Monarchin im Außenministerium geöffnet und Ministerentscheidungen über die Zeitung mitgeteilt. Schließlich kam es zu einer Konfrontation, bei der es um den britischen Konstitutionalismus ging. So gab Palmerston zu verstehen, dass sich die Krone nicht in die Außenpolitik einzumischen habe. Gerade dies betrachteten Victoria und Albert aber als unverzichtbares Recht. Als Palmerston im Revolutionsjahr 1848 das Vereinigte Königsreich zum Verbündeten jeder Befreiungsbewegung auf dem Kontinent erklärte, brachte er damit auch die Völker als politischen Machtfaktor ins Spiel. Mit dieser liberalen Außenpolitik entsetzte er die Königin, schon allein aus innenpolitischen Gründen. Sie stellte die Frage, welche Auswirkungen dies auf Irland mit seinen Emanzipationbestrebungen haben würde. Alle Versuche des Hofes, den ungeliebten Außenminister loszuwerden – Victoria nannte ihn auch ihren „Pilgerstein“ – scheiterten.

Als am 2. Dezember 1851 Napoléon III. in Paris ein Staatsstreich gelang, erwartete die Königin eine strikte Neutralität Englands. Außenminister Palmerston aber beglückwünschte den französischen Botschafter zu dem erfolgreichen Umsturz. Palmerstons Entlassung wurde damit unumgänglich. Es sollte das einzige Mal sein, dass Victoria die Entlassung eines Ministers erwirkte, und es sollte sich auch nur als scheinbarer Sieg erweisen. Ihre anschließenden Forderungen an die Regierung, ein Programm mit definitiven Richtlinien für die Außenpolitik vorgelegt zu bekommen, wurden von Premierminister Lord Russell abgelehnt, und schon Ende 1852 war Palmerston wieder Mitglied der Regierung, nun als Innenminister. Für Palmerston dürfte dies trotzdem schmerzhaft gewesen sein, da gerade jetzt die britische Außenpolitik ins öffentliche Bewusstsein trat.

Der Krimkrieg begann als Konflikt zwischen Russland und der Türkei, an deren Seite England und Frankreich, später auch Sardinien in den Krieg eintraten. Ursache war das mit der Schutzherrschaft über die orthodoxen Christen des osmanischen Reiches bemäntelte Expansionstreben Russlands auf dem Balkan, das weder England noch Frankreich zulassen wollten. Durch diesen Krieg kamen zahlreiche Missstände im britischen Militär- und Lazarettwesen zu Tage, die u. a. 1855 zum Rücktritt der Regierung Aberdeen und zu zahlreichen Reformen führte.

Weder Victoria noch Albert konnten direkt den Einfluss nehmen, der ihrem Souveränitätsverständnis entsprach. Aber die Autorität der Krone war groß genug, dass ihre Ratschläge vom Kabinett beachtet und teilweise auch übernommen wurden. Victoria entdeckte ihre landesmütterliche Fürsorgepflicht für die Armee. Sie gab den Anstoß für eine Militärreform und unterstützte die Erneuerung des Lazarettwesens. Zukünftig sollte sie die Meinung vertreten, dass die Truppen dem Einfluss der Politiker soweit wie möglich entzogen bleiben müssten, durch den Oberbefehlshaber aber mit dem Souverän in direkter Verbindung zu stehen hätten.

Krieg als Mittel der Politik war der Monarchin zuwider; wo sie ihn nicht verhindern konnte, drängte sie auf raschen Frieden, und vor allem in einem Punkt unterschied sie sich von anderen damaligen Herrschern: Sie zeigte Mitleid und persönliche Anteilnahme für ihre Soldaten. Als äußeres Anzeichen dieser Unterstützung nahm Victoria im März 1856 erstmals an einem Manöver teil. Am 26. Juni 1856 verlieh die Königin, anlässlich einer Truppenparade im Hyde Park, Krim-Veteranen die ersten Victoria-Kreuze. Diese waren ein Produkt dieses Krieges, denn Victoria meinte, man brauche eine Medaille für außerordentliche Tapferkeit in der Schlacht, die ohne Ansehen von Rang verliehen werden könne. Nach dem siegreichen Friedensschluss 1856 dankte Lord Palmerston, der seit 1855 Premierminister war, der Königin mit den Worten, dass die Aufgabe, die er und seine Kollegen zu erfüllen hatten, vergleichsweise leicht gemacht worden sei durch die „erleuchteten Ideen, die Eure Majästet in allen großen Angelegenheiten hatte“. Die Beziehung zwischen dem Hof und Lord Palmerston hatte sich merklich entspannt. Palmerstons energische Tatkraft zum Ende des Krimkriegs und Alberts unermüdlicher Einsatz als Ratgeber und Organisator hatten zu einer gegenseitigen Annäherung und Wertschätzung geführt.

Noch zu Beginn des Krimkrieges hatte der Rücktritt Palmerstons als Innenminister zu einem Pressefeldzug gegen Prinz Albert geführt, der vielleicht sogar von Palmerston selbst initiiert worden war. Unter anderem waren von der radikalen The Daily News Gerüchte in Umlauf gesetzt worden, laut denen der Prinz – der noch immer als „Deutscher“ beschimpft wurde – und sogar die Königin selbst als Hochverräter im Tower inhaftiert worden waren. Durch diesen Pressefeldzug war aber auch Alberts verfassungsmäßig zwiespältige Stellung deutlich geworden. Seine Verdienste um England waren unbestritten, auch wenn er nur während der von ihm ins Leben gerufenen ersten Großen Weltausstellung von 1851 wirklich beliebt war. Seine Aufsicht über die Amtsgeschäfte der Krone war von seiner Gemahlin ausdrücklich gewünscht, aber es gab in der Verfassung keinen Präzedenzfall für seine Position. Auch nachdem er schließlich 1857 zum Prinzgemahl (Prince Consort) ernannt worden war – Victoria hatte sich immer den Titel Königsgemahl (King Consort) für ihn gewünscht – fehlte eine Beschreibung der Befugnisse dieser Position. Die Regierung stellte lediglich offiziell fest, der Prinz habe das Recht, die Königin beratend zu unterstützen, das Ausmaß dieser Beratertätigkeit war damit aber keineswegs definiert.

Als Albert im Dezember 1861 nur 42-jährig an Typhus oder einem Krebsleiden starb, begann für Victoria eine fast unablässige Trauerzeit. Sie trug bis an ihr Lebensende nur noch Witwentracht als Ausdruck ihrer tiefen Trauer und Wertschätzung für ihren früh verstorbenen Ehemann. Die Trauer der Königin nahm – auch für die damalige Zeit – sonderbare Formen an: Alberts Schlafzimmer in Windsor blieb unverändert, seine Betttücher und Handtücher wurden regelmäßig gewechselt, jeden Abend wurde warmes Wasser in sein Zimmer gestellt. Für den frühen Tod ihres Mannes machte sie ihren ältesten Sohn Bertie verantwortlich, der in Cambridge in die sogenannte Nellie-Clifden-Affäre verwickelt worden war. Dies hatte Albert dazu veranlasst, in bereits krankem Zustand zu ihm zu reisen, um sich mit ihm auszusprechen. Victoria zog sich zunächst völlig aus der Öffentlichkeit zurück und begab sich in die Einsamkeit von Schloss Balmoral. Sie war für weit über ein Jahr völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden, ihre Rückkehr nach London musste von den Regierungsmitgliedern regelrecht erbettelt werden.

Was die Amtsgeschäfte betraf, zögerte Victoria nicht, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Sie weigerte sich aber konsequent, ihre öffentlichen Pflichten als Repräsentantin des Vereinigten Königreiches zu erfüllen. So erschien sie zur jährlichen Parlamentseröffnung in 40 Witwenjahren nur siebenmal persönlich. Nur zur Einweihung von Albert-Monumenten war sie zu öffentlichen Auftritten bereit, 1865 reiste sie dazu sogar nach Coburg. Durch diese jahrelange Abwesenheit geriet die Königin zunehmend in die Kritik und wurde im Volk unpopulär. Der Zeitungsherausgeber Walter Bagehot formulierte es so: „Aus unschwer zu benennenden Gründen hat die Königin durch ihren langen Rückzug aus dem öffentlichen Leben der Popularität der Monarchie fast ebenso großen Schaden zugefügt, wie der unwürdigste ihrer Vorgänger es durch seine Lasterhaftigkeit und Leichtfertigkeit getan hat“. Ihren ältesten Sohn Albert Edward, Prince of Wales, zu ihrer männlichen Stütze zu machen und ihn damit in die Rolle seines Vaters hineinwachsen zu lassen, lehnte Victoria jedoch ab. Nach der Lehrzeit bei Lord Melbourne, den Gesellenjahren bei Prinz Albert und einer mehrjährigen Übergangsphase, hatte sie nun die Selbstsicherheit, als selbständige konstitutionelle Monarchin zu regieren.

Wann immer sie in den folgenden Jahrzehnten ihren Willen politisch gegen den jeweiligen Premierminister durchsetzen wollte, drohte sie unverblümt mit ihrer Abdankung, nicht ohne den Hinweis, dass ihr dies leichtfalle, weil diese Krone eine „Dornenkrone“ für sie sei. So setzte sie sich fast immer durch. In den vier Jahrzehnten ihrer Witwenschaft konnte sie politisch damit stets einen emotionalen Vorteil verbuchen und wurde für viele Engländer zu einer etwas wunderlichen Einsiedlerin im Witwenkleid; eine entrückte Gestalt, ehrfurchtgebietend und über ein Imperium von weltumspannenden Dimensionen herrschend.

Einen wesentlichen Anteil an der seelischen Entspannung der Witwe Victoria hatte John Brown (1826–1883), der zunächst als schottischer Jagdgehilfe des Prinzgemahls in Balmoral beschäftigt war. Er wurde ab 1865 bekannt als „der Hochlanddiener der Königin“. Er war ein rauer, gewitzter Schotte, der gern Whisky trank und zu schlichten offenen Bemerkungen ohne Rücksicht auf Rang und Status neigte. Als zuverlässiger, diskreter Diener wurde er zu einem ständigen Begleiter der Königin.

Browns Stellung war zu seinen Lebzeiten sehr umstritten. Es gab Gerüchte, dass Brown Victorias Geliebter oder sogar heimlich mit ihr verheiratet gewesen sei. Victoria selbst hatte immer wieder ihre Zuneigung zu Brown beteuert. Nach seinem Tod 1883 erklärt Victoria ihrer ältesten Tochter, Brown habe sie „18 ½ Jahre nicht einen Tag verlassen“. Victoria widmete ihm den zweiten Band ihrer Tagebuchaufzeichnungen. Victorias Familie und der Hof sahen den Einfluss Browns sehr ungern.

Zehn Premierminister leiteten unter Victorias Regentschaft das Kabinett. Ihr Verhältnis zu diesen Staatsmännern war sehr unterschiedlich. Bekannt wurde vor allem ihre Zuneigung zu dem konservativen Benjamin Disraeli, dem späteren Earl of Beaconsfield, und ihre Abneigung gegenüber dessen politischem Widersacher, dem liberalen William Gladstone. Beide waren auf ihre Art prägend für die britische Politik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Gladstone innenpolitisch und Disraeli vor allem außenpolitisch. Sie waren von 1868 bis zu Disraelis Tod 1881 abwechselnd an der Regierungsspitze. Zu Victorias Leidwesen regierte Gladstone insgesamt doppelt solange wie Disraeli und überlebte diesen um 17 Jahre. Disraeli gelang es bereits während seiner ersten Amtsperiode, die „Feenkönigin“, wie er Victoria nannte, fest an sich zu binden und wurde zu ihrem „Melbourne des Alters“. Er nutzte geschickt ihre Schwächen, schuf eine Atmosphäre der Vertrautheit, zeigte übertriebenem Respekt und gab der Königin damit ein Gefühl der Selbstbestätigung. Victoria sah sich endlich von einem Politiker verstanden, und sie war begeistert von seiner imperialen Politik. Diese und das zu diesem Zeitpunkt vorherrschende imperiale Selbstbewusstsein in Großbritannien machte es Disraeli möglich, den persönlichen Wunsch der Königin nach einem weiteren Titel parlamentarisch durchzusetzen. Nach der Proklamation des Deutschen Reiches 1871 war ihre Tochter Vicky zur zukünftigen Kaiserin geworden, die Frau ihres Sohnes Alfred war die Tochter der Zaren, damit hatten beide Vorrang vor den anderen Kindern der Königin. Nach Vickys Thronbesteigung hätte diese sogar Vorrang gegenüber ihrer Mutter gehabt. Kaum jemand in England betrachtete die Titel als nicht gleichwertig, doch die Königin fürchtete um ihren Rang. Eine Änderung der britischen Titulatur wäre nicht durchsetzbar gewesen, aber da Victoria in Indien als Kaiserin betrachtet wurde, wollte sie zumindest diesen Titel auch offiziell. Diese Idee war nicht neu: Disraeli hatte bereits beim indischen Aufstand von 1857 darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, alle Schichten des indischen Volkes enger an die Krone zu binden. Am 1. Mai 1876 wurde sie, mit Hilfe Disraelis, im Parlament zur Kaiserin von Indien ernannt. Victoria unterschrieb ab diesem Zeitpunkt mit „V.R. & I.“ (Victoria Regina et Imperatrix), was zum Symbol für die Hochzeit des britischen Imperialismus wurde. Die Ernennung zur Kaiserin war auch der entscheidende Auslöser für Victorias Rückkehr ins öffentliche Leben. Für Indien, dass sie nie persönlich kennenlernte, entwickelte die Königin eine besondere Vorliebe: Sie versuchte Hindustani zu lernen, beschäftigte indische Diener, ließ in Osborne einen Durbar-Flügel anbauen und die Nachfolge von John Brown trat ein indischer Munshi als Privatsekretär an. Die zahlreichen Kriege – beispielsweise der Zulukrieg 1879 – die in ihrem rasant wachsenden Empire geführt wurden, legitimierte Victoria nun, anders als früher, wenn es um britische Belange ging, mit zivilisatorischem Sendungsbewusstsein, und hielt sie zwar für bedauerlich, aber notwendig, während sie Kriege in Europa aus zivilisatorischen Gründen auch weiterhin als verwerflich empfand.

Ganz im Gegensatz zu Disraeli war Gladstone, der „Volks-William“, nüchtern-sachlich, pedantisch, und er zeigte kein Interesse daran, der Königin zu schmeicheln. Gladstone ertrug die offensichtliche Abneigung der Königin und war ihr gleichzeitig dahingehend treu ergeben – ohne jemals Anerkennung dafür zu erhalten –, dass er sie vor Monarchiegegnern engagiert in Schutz nahm oder umstrittene Apanageforderungen für ihre Kinder parlamentarisch durchsetzte. Besonders unbeliebt machte er sich bei Victoria dadurch, dass er den kolonialen Imperialismus kaum unterstützte und ihn sogar aus sittlichen Wertvorstellungen ablehnte. Seine Prioritäten lagen in der Innenpolitik, insbesondere in der Entschärfung des Irland-Konflikts: er löste die anglikanischen Staatskirche in Irland auf, verbesserte die Stellung der irischen Pächter und sah vor allem die irische Selbstverwaltung als unvermeidbar an. Für Victoria, die in Irland wie die die meisten Engländer eigentlich nur eine Kolonie sah, war dieses Vorgehen schockierend, und sie beklagte sich darüber, dass ihre Regierung nicht die Macht besäße, das Land zu unterwerfen. Die Königin zeigte gegenüber dem Regierungschef Gladstone ein Verhalten, das sie sich als konstitutionelle Monarchin nicht hätte erlauben dürfen. So hielt sie untergeordnete Beamten dazu an, ihr loyales Verhalten gegenüber der Regierung aufzugeben und konspirierte gegen Gladstone zusammen mit der Opposition und dessen eigenen Kollegen. Als Gladstone 1894 im Alter von 85 Jahren seinen Abschied als Premierminister nahm, war Victorias Ablehnung ihm gegenüber immer noch so groß, dass sie ihm nicht einmal für seine Verdienste um das Land dankte.

Im Frühjahr 1887 begannen die Feierlichkeiten zu Victorias goldenem Thronjubiläum. Die Menschen sahen in ihr jetzt nicht mehr die trauernde, zurückgezogen lebende Witwe, die ihre öffentlichen Pflichten als Monarchin vernachlässigte, sondern für sie war Victoria die Mutter des Landes, der sie ihre Achtung und Zuneigung zeigten. Sie verkörperte ein ganzes Land mit seinen Errungenschaften. Victoria symbolisierte das Empire. Zu den Hauptfestlichkeiten, die für Mai und Juni angesetzt waren, wurden fast alle Fürsten Europas, mit Ausnahme des russischen Zaren, und zahlreiche Delegationen aus Übersee erwartet. Es fanden viele Familiendinners, offizielle Bankette und Festumzüge statt, den Höhepunkt stellte ein Gala-Gottesdienst in Westminster Abbey am 20. Juli dar. Für Victoria selbst waren die Feierlichkeiten überschattet durch die Sorgen, die sie sich um ihren tödlich erkrankten Schwiegersohn, den deutschen Kronprinzen Friedrich, Mann ihrer Tochter Vicky, machte. Mit der Ehe der beiden hatten Victoria und Albert sich einst erhofft, den englischen Konstitutionalismus nach Preußen zu exportieren und eine englisch-preußische Allianz herbeizuführen. Besonders bedrückte Victoria die Aussicht, dass Vickys ältester Sohn Prinz Wilhelm (der zukünftige Wilhelm II.), der ihrer Meinung nach alle bedauerlichen Züge der Hohenzollern geerbt hatte, ein früher Amtsantritt und eine lange Regierungszeit offenbar sicher waren. Sie zweifelte an Wilhelms Reife und ausreichender Erfahrung für das Amt des Kaisers. Auch der Gedanke, dass dieser durch den verhassten Bismarck, den sie bei einem privaten Familienbesuch im April 1888 persönlich kennenlernen sollte, unterstützt werden würde, beruhigte sie in keiner Weise.

Im Jahr 1897 feierte Königin Victoria ihr diamantenes Thronjubiläum. Wie 1887 war eine konservative Regierung unter Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury, an der Macht, die entschlossen war, das Jubiläum zu nutzen, um die Größe des Empires zu demonstrieren. Zu diesem Zeitpunkt gab es im gesamten Empire keinen Menschen, der es mit Victorias Beliebtheit hätte aufnehmen können. Sie befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Auf der ganzen Welt fanden Feiern zu ihrem sechzigsten Thronjubiläum statt. Wochenlang gab es zahllose Feuerwerke, Festveranstaltungen, Paraden und Gottesdienste. Sie war eine Überfigur, der das gesamte Empire huldigte. Am 22. Juni fuhr sie, bejubelt von ihren Untertanen, in der Kutsche durch London. Der Weg führte von Westminster zur Saint Paul’s Cathedral und von dort zu den ärmeren Bezirken südlich der Themse. Zu diesem Zeitpunkt war das britische Empire das größte Reich, das es auf der Welt jemals gegeben hatte, das noch immer expandierte und das als unangreifbar galt. Aber die Feierlichkeiten konnten nicht über die sozialen Probleme hinwegtäuschen: Allein in London lebten zwei Millionen Menschen in bitterster Armut.

Victoria starb in den Armen ihres Enkels Wilhelm II., des deutschen Kaisers, am 22. Januar 1901 in Osborne House auf der Isle of Wight. Alle noch lebenden Kinder, außer Tochter Viktoria, die selbst im Sterben lag, waren anwesend. Victorias Leibarzt sorgte dafür, dass eine Sammlung von Lieblingsstücken in den Sarg gelegt wurde, wie sie es in einer geheimen Anweisung befohlen hatte. Dazu gehörten unter anderem ein Alabasterabdruck von Alberts Hand, Fotos und eine Locke von John Browns Haaren. Auch ihr Wunsch, in ihrem Brautschleier bestattet zu werden, wurde erfüllt.

Die Beerdigung zwei Wochen später wurde, wie Victoria es verfügt hatte, ganz in weiß gehalten. Sie wurde nicht wie andere englische Monarchen in der Sankt-Georgs-Kapelle auf Schloss Windsor, sondern im Mausoleum von Frogmore bei Windsor beigesetzt, das sie für sich und ihren 1861 verstorbenen Gatten im Stil der italienischen Romanik hatte errichten lassen.

Als 16-jährige Prinzessin trug Victoria in ihr Tagebuch ein „Ich liebe es, mich mit irgendwelchen Dingen zu beschäftigen. Ich hasse Nichtstun“. Diese Worte waren typisch für ihre spätere Lebensführung. Sie eilte von Verpflichtung zu Verpflichtung, ihre Freizeit war genau programmiert. Gesprächig, lebhaft und vergnügt war Victoria nur im engsten Familienkreis, was dazu beitrug, dass sie vor allem mit zunehmendem Alter ehrfurchtsgebietend erschien. Ihre zahlreichen Briefe attestieren ihr aber auch durchaus Sinn für Humor. So amüsierte sie sich darüber, dass Disraeli sie mit „mistress“ ansprach, was sowohl „Herrscherin“, als auch „Geliebte“ bedeutet.

Die Königin ließ sich ihr Leben lang von Stimmungen und Gefühlen leiten, gab sich rückhaltlos der augenblicklichen Stimmung hin. Sie galt als aufrichtig bis zur Taktlosigkeit. Je älter sie wurde, je mehr Ansehen sie genoss, desto mehr erhielt diese Ehrlichkeit und Offenheit einen Anstrich von Nonchalance und Unberechenbarkeit, was sicherlich auch damit zusammenhing, dass nach Alberts Tod niemand mehr Kritik an ihr übte. Im Laufe der Jahre steigerte sich ihre Starrköpfigkeit, die Abneigung, ihre Pläne zu ändern, ihr Unvermögen, Widerspruch oder Misserfolg zu ertragen. Dies zeigte sich sowohl im Umgang mit Politikern als auch im Privaten. In vielen Situationen erschien sie unausstehlich, weil ihr jedes Verständnis, jeder Weitblick fehlte, sie war nicht in der Lage, sich in die Gefühle anderer zu versetzen. Zu ihren Charakterzügen gehörte eine zunehmende Selbstgefälligkeit, besonders in politischen Fragen. Aber auch wenn ihre geschichtlichen Kenntnisse nur lückenhaft waren, verfolgte sie alle neuen Meldungen sehr gewissenhaft und konnte die meisten Situationen genauso scharfsinnig beurteilen, wie ihre Minister.

Fremde Nationen beurteilte sie oft so stereotyp wie Einzelpersonen, die Russen waren in ihren Augen Barbaren, und das französische Volk war solange verderbt, bis der Charme Napoleon III die schlechte Meinung über dessen Land aufwog. Preußen und Deutschland gegenüber war sie lange Zeit positiv eingestellt, später – auch durch den Einfluss ihrer ältesten Tochter Vicky – begann sie Bismarck zu hassen und kritisierte scharf ihren Enkel Kaiser Wilhelm II..

Als Königin Victoria starb, traf diese Nachricht die Bevölkerung zwar nicht unvorbereitet, aber nachdem sie über drei Generationen die Krone getragen hatte, war für viele ihrer Untertanen England ohne sie nur schwer vorstellbar. „Viktorianisch“ war ein Gütesiegel für eine „gute, alte Zeit“. Das Bild der alten Victoria überlagerte ihre frühen und mittleren Herrschaftsjahre, in denen die Königin teilweise bedrohlich unpopulär gewesen war und die Kontinuität der Monarchie gefährdet schien.

Das europäische 19. Jahrhundert war durch Nationalstaatsgedanken, demokratische Emanzipation und Kolonialisierung eine Zeit des Umbruchs. Die industrielle Revolution führte zu radikalen Veränderungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Großbritannien überstand diese Veränderungsprozesse glücklicher als die meisten europäischen Staaten, weil die englische Aristokratie begriffen hatte, dass eine Revolution nur durch grundsätzliche Reformbereitschaft vermeidbar war. So bekam beispielsweise die Stellung des Premierministers eine neue Qualität. Aus dem ersten Diener der Krone, den der Herrscher nach belieben entlassen konnte, wurde zunächst ein Führer der Parlamentsmehrheit und schließlich, spätestens seit den 1870er Jahren, war er nur noch vom Vertrauen des Unterhauses abhängig. Durch die Wahlrechtsreformen von 1832, 1867 und 1884 veränderte sich das Wählerpotential und damit auch das Parteienspektrum. Es setzte ein Prozess ein, durch den das Unterhaus sich zu einem Abbild des gesamten Volkswillen entwickelte, und die Monarchie musste sich dieser Entwicklung anpassen. Großbritannien wurde zu einer konstitutionellen Parteiendemokratie, was Königin Victoria zwar nicht wahr haben wollte, sie stand dieser Entwicklung aber auch nicht im Weg.

Den Rahmen für diese politischen Veränderungen waren im viktorianischen Zeitalter Traditionen. Diese Traditionen, in Form der Monarchie, gaben den Menschen Halt in einer zunehmend komplizierter werdenden Welt. Zu diesem Zweck und zur Selbstdarstellung des Empire wurden die höfischen Rituale immer pompöser aufgeputzt, ohne dass dies Einfluss auf das bescheidene Leben der Königin gehabt hätte. Die politische Macht der Krone wurde unter Victorias Regentschaft zwar erheblich eingeschrumpft, ihr Prestige war aber erheblich gewachsen. Dieses Prestige der Monarchie war an Victoria persönlich gebunden und sie strahlte wiederum eine politische Wirkungskraft aus, die nicht zu unterschätzen war. Ihr Leben lang versuchte sie durch familiäre Verbindungen zu den Höfen Europas Konflikte zwischen den Staaten in Grenzen zu halten, nach ihrem Tod fehlte diese regulierende Autorität. Ihr Nachfolger König Eduard VII. sorgte für eine radikale Abkehr von der viktorianischen Splendid isolation, die Bündnisverweigerung um der politischen Handlungsfreiheit willen und es kam zur Entente cordiale zwischen Großbritannien, Frankreich und Russland 1907.

So ausdauernd Königin Victoria auf die Politik ihres Landes, insbesondere auf die Außenpolitik, Einfluss zu vernehmen versuchte, der gesellschaftliche Wandel ließ sie weitgehend unberührt. Ob Großbritannien in diesen sechs Jahrzehnten ohne dieses Königtum eine grundsätzlich andere Verlaufsform gefunden hätte, darf bezweifelt werden. Victoria hat ihrer Epoche den Namen gegeben, aber sie hat sie nicht entscheidend geprägt.

Bei der Geburt ihrer beiden jüngsten Kinder erlaubte Victoria dem Arzt John Snow, sie mit dem damals noch sehr umstrittenen Chloroform zu betäuben, um die Wehen nicht zu spüren. Durch ihr Vorbild verbreitete sich die Anästhesie in der Geburtshilfe.

Victoria war so eng mit ihrem Mann verbunden, dass ihr die Kinder zu seinen Lebzeiten ziemlich gleichgültig waren. Nach Alberts Tod bedeuteten die Kinder sicherlich mehr für sie, aber von einer Innigkeit im täglichen Umgang mit ihnen war nichts zu spüren. Ihr Verhältnis zu Thronfolger Prinz Albert Eduard war zeitlebens schwierig und eine andauernde Enttäuschung. Sie warf ihm sogar sein Aussehen (ihrem nicht unähnlich) vor. Viele Quellen behaupten, dass die strenge Erziehung des Thronerben dessen Entwicklung stark behindert und viele seine späteren Verhaltensweisen verursacht habe.Das Verhältnis zu den Töchtern war, vor allem in den späteren Jahren, um einiges besser. Victoria sorgte dafür, dass stets eine Tochter als Sekretärin und Gesellschafterin in ihrer Nähe war. Helena, Louise und Beatrice übernahmen diese Aufgabe nacheinander. Der Ehe Beatrice stimmte sie nur unter der Bedingung zu, dass diese auch nach der Hochzeit weiterhin bei ihr leben solle.

Ihren Enkeln und Urenkeln gegenüber verhielt sie sich wesentlich liebevoller und nachsichtiger, so kümmerte sie sich beispielsweise intensiv um die Kinder ihrer früh verstorbenen Tochter Alice. Allerdings fühlte sie sich oft durch die große Anzahl ihrer Nachkommen und die persönliche finanzielle Last, die viele von ihnen darstellten, überwältigt, da das Parlament keinen Anlass sah, Nachkommen, die der Thronfolge fernstanden, durch die öffentliche Hand zu unterhalten.

Victoria hatte 40 Enkel und 88 Urenkel. Sie bestimmte, dass alle ihre Enkel ihren Namen oder den Alberts tragen sollten. Durch deren Ehen hat sie Nachkommen in fast allen europäischen Monarchien, weshalb sie auch den Beinamen „Großmutter Europas“ erhielt. Es war für sie ein Instrument der Friedenssicherung, den europäischen Kontinent mit einem dichten Netz von Verwandten auf den Fürstenthronen zu überziehen. Wie wirkungslos diese Form der Friedenssicherung war, zeigte sich sowohl im Deutsch-Dänischen Krieg (1848–1851) als auch im Deutschen Krieg (1866), wo die Fronten jeweils quer durch die Verwandtschaft verliefen.

2008 gehören folgende europäische Monarchen und ehemalige Monarchen zu Victorias Nachkommen: Königin Elisabeth II. von Großbritannien, König Harald V. von Norwegen, König Karl XVI. Gustav von Schweden, Königin Sophia von Spanien, Juan Carlos von Spanien, Margarete II. von Dänemark, der ehemalige König von Griechenland Konstantin II. und der ehemalige König von Rumänien. Zu ihren Nachfahren gehören auch die Oberhäupter der ehemaligen Herrscherhäuser von Serbien, Russland, Preußen (Deutschland), Sachsen-Coburg-Gotha, Hannover, Hessen, Baden und Frankreich sowie der britische Prinzgemahl Philip Mountbatten, Herzog von Edinburgh.

Victoria war die erste bekannte Überträgerin (Konduktorin) der Erbkrankheit Hämophilie (Bluterkrankheit) in der englischen Königsfamilie. Durch sie sollte sich die Krankheit an zahlreiche ihrer Nachkommen weitervererben. Unter anderem litt ihr Urenkel Alexei Nikolajewitsch Romanow, der letzte Zarewitsch, Sohn ihrer Enkelin Zarin Alexandra Fjodorowna (geb. Prinzessin Alix von Hessen) und deren Gemahl Zar Nikolaus II. von Russland, an dieser Krankheit.

Queen Victoria führte seit ihrer frühesten Jugend Tagebuch, das Briefeschreiben wurde später ihre wichtigste Beschäftigung. Das kam daher, dass sie überall im Ausland Verwandte und Freunde besaß, und dass sie oft über längere Zeiträume außerhalb Londons, meist in Osborne und Balmoral, wohnte. Verhältnismäßig wenig Briefe hat Victoria an Prinz Albert geschrieben, da sie immer nur kurze Zeit voneinander getrennt waren. Größeren Umfang hatte die Korrespondenz mit ihrem Onkel Leopold und vor allem die mit ihrer ältesten Tochter Vicky. Der Briefwechsel mit ihr begann mit deren Hochzeit mit Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen im Jahre 1858, die Königin schrieb ihr mindestens zweimal in der Woche. 3.777 Briefe der Queen an ihre Tochter und ungefähr 4.000 Briefe der Tochter an ihre Mutter sind erhalten und katalogisiert. Zahlreiche Briefe an Verwandte und führende Politiker liegen vor und wurden nach ihrem Tod teilweise auch veröffentlicht. Die Königin selbst hat zwei Serien von Tagebuchaufzeichnungen, aus dem schottischen Hochlandaufenthalt stammend, herausgegeben (1865 und 1884). Die Originale der Tagebücher – es sollen 121 Bücher gewesen sein – sind nicht mehr vorhanden. Sie wurden nach dem Tod Victorias von ihrer Tochter Beatrice teilweise abgeschrieben und anschließend verbrannt.

Als Enkelin des Königs von Hannover war Victoria eine Prinzessin von Hannover und Herzogin von Braunschweig-Lüneburg. Als Ehefrau von Prinz Albert hatte sie außerdem Anrecht auf den Titel einer Prinzessin von Sachsen-Coburg und war Herzogin von Sachsen. Mit ihrer Eheschließung änderte sich Victorias Familiennamen formal in Wettin. Die geschichtliche Praxis aber berechtigt eine regierende Königin ihren Familiennamen zu behalten, eine Tradition, der auch Victoria folgte.Einen Titel, welchen Victoria nie trug, war derjenige einer Fürstin von Wales ("Princess of Wales"), welcher der Ehefrau eines männlichen Thronfolgers vorbehalten ist.

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Victoria Eugénie von Battenberg

Philip Alexius de László: Königin Victoria Eugénie von Spanien, um 1920

Prinzessin Victoria Eugénie Julia Ena von Battenberg , genannt Ena (* 24. Oktober 1887 auf Balmoral Castle, England; † 15. April 1969 in Lausanne, Schweiz) war eine deutsch-englische Prinzessin und durch Heirat Königin von Spanien (1906–1931). Sie ist die Großmutter des jetzigen spanischen Königs Juan Carlos I.

Victoria Eugénie war die einzige Tochter von Prinz Heinrich Moritz von Battenberg (1858–1896), Gouverneur und Kapitän der Isle of Wight, und seiner Ehefrau Prinzessin Beatrice von Großbritannien und Irland (1857–1944), der jüngsten Tochter der britischen Königin Victoria I. und des Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Ihre Großeltern väterlicherseits waren der deutsche Prinz Alexander von Hessen-Darmstadt und Gräfin Julia von Hauke.

Die Erziehung der Prinzessin und ihrer Brüder wurde von ihren Eltern streng überwacht. Victoria Eugénie galt als frühreif und ausgesprochen intelligent. Ihre Gouvernante lehrte sie lesen und schreiben, bevor sie fünf Jahre alt war, und mit ihrem französischen Kindermädchen sprach sie nur französisch. Die Prinzessin lernte neben englisch auch die deutsche Sprache von verschiedenen Gouvernanten und Kindermädchen sowie Naturwissenschaften, Literatur, Latein und Geschichte. Ihr Vater, Prinz Heinrich, unterrichtete sie in Politik und Philosophie. Prinzessin Victoria Eugénie galt als eine der schönsten Prinzessinnen Europas.

Am 17. Mai 1906 heiratete Prinzessin Victoria Eugénie in Madrid den spanischen König Alfons XIII. (1886–1941), den einzigen Sohn von König Alfons XII. und seiner zweiten Frau Erzherzogin Maria Christina von Österreich. Der Hochzeitstag wurde durch ein anarchistisches Attentat auf das Brautpaar in der Madrider Calle Mayor gestört. Es war nicht der erste und auch nicht der letzte Anschlag auf ihren Mann; drei seiner Minister: Antonio Cánovas del Castillo (1897), José Canalejas Méndez (1912) und Eduardo Dato (1921), wurden Opfer anarchistischer Mordanschläge.

Im internationalen Kontext fiel die Regierungszeit Alfons XIII. in ein Europa, das von Arbeiterbewegungen aufgerüttelt und vom Ersten Weltkrieg verwüstet war. Die innere Situation erlebte in der Ära Alfons XIII. den Niedergang des politischen Systems, das ein Werk Cánovas gewesen war. Dieser Niedergang spiegelte sich in einer raschen Aufsplitterung der großen Parteien, die abwechselnd an der Macht waren, während das Land einen bemerkenswerten demographischen und sozialen Wandel erlebte. Spanien wurde unter General Miguel Primo de Rivera de facto eine Militärdiktatur, in welcher der König im Schatten des Militärdiktators stand. Bei den Wahlen von 1931 gingen die Republikaner als Sieger hervor, am 14. April wurde in Madrid die Republik ausgerufen. Alfons ging am selben Tag ohne formelle Abdankung ins Exil.

Danach zog die spanische Königsfamilie zehn Jahre lang durch Europa - die Stationen waren Frankreich, die Schweiz und Italien. In dieser Zeit verlor Ex-Königin Victoria Eugénie ihren jüngsten Sohn Gonzalo bei einem Unfall, ihr erstgeborener Sohn Alfons starb 1938 in Miami und zweiter Sohn Jaime war nach einer Operation taubstumm. Ihr Mann starb am 28. Februar 1941 im Grand Hôtel in Rom. Ex-Königin Victoria Eugénie lebte später zurückgezogen in Lausanne, wo sie am 15. April 1969 starb.

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Maria von Teck

Hochzeitsbild: stehend von links nach rechts: Alexandra von Sachsen-Coburg und Gotha (Sandra), Helena Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha, Prinz Georg (Bräutigam), Viktoria Alexandra, Maud (spätere Königin von Norwegen); sitzend: Alice von Battenberg, Margaret von Connaught (spätere Kronprinzessin von Schweden), Maria von Teck (Braut); vordere Reihe: Beatrice von Sachsen-Coburg und Gotha, Victoria Eugénie von Battenberg (spätere Königin von Spanien) und Patricia von Connaught

Prinzessin Victoria Mary Augusta Louise Olga Pauline Claudine Agnes von Teck, VA, (* 26. Mai 1867 im Kensington Palace, London; † 24. März 1953 in London) wurde als Gemahlin von König Georg V. im Jahr 1910 zur Königsgemahlin von Großbritannien und Irland (später: Nordirland) sowie Kaiserin von Indien. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1936 wurde sie offiziell zur Königinmutter. Da ihre berühmte Vorgängerin und Patentante Victoria gewünscht hatte, dass nach ihr keine Königin mehr Victoria heißen solle, wählte sie Mary als ihren königlichen Namen.

Mary wurde im Kensington Palace geboren. In ihrer Kindheit wurde sie aufgrund ihres Geburtsmonats Princess May gerufen. Sie verbrachte ihre Kindheit in London, von 1883 bis 1885 hielt sie sich mit ihrer Familie in Italien auf, wo sie ihre Kenntnisse in Geschichte, Kunst und Sprachen vervollständigen konnte. Ihr Vater war Herzog Franz von Teck, Sohn von Herzog Alexander von Württemberg aus seiner morganatischen Ehe mit Gräfin Claudine Rhédey von Kis-Rhéde, der durch die Ehe seiner Eltern keine Titel oder Ämter innehatte. Durch das Haus Württemberg stammte sie auch vom Haus Habsburg und Haus Wittelsbach ab. Ihre Mutter Mary Adelaide war eine Prinzessin von Großbritannien, Irland und Hannover und Enkelin Georgs III. Da kein Elternteil über eine nennenswerte Erbschaft verfügen konnte und nur eine relativ geringe Zuwendung des Parlaments zur Verfügung stand, steckten die Tecks stets in finanziellen Schwierigkeiten und mussten gar 1883 vor ihren Gläubigern fliehen. Die Familie besuchte in Europa ihre diversen Verwandten und ließ sich schließlich in Florenz nieder, wo Mary die Kultur sehr genoss. 1885 kehrten sie jedoch nach London zurück.

Aufgrund ihrer morganatischen Abstammung war eine hochrangige Hochzeit für sie eigentlich ausgeschlossen, jedoch unterstützte und wünschte ihre Patin Königin Victoria, die sie als künftige Königin Englands sehen wollte, ihre Verlobung mit ihrem Enkel, dem präsumtiven Thronfolger Prinz Albert Victor, Herzog von Clarence und Avondale. Nach dessen plötzlichem Tod im Januar 1892 durch Lungenentzündung nur sechs Wochen später heiratete sie am 6. Juli 1893 dessen jüngeren Bruder Georg, Herzog von York. Obwohl es eine arrangierte Hochzeit war, verliebten sich die beiden ineinander. Ihr Mann hatte nie Geliebte und schrieb ihr täglich. Nach der Hochzeit wurde sie Ihre Königliche Hoheit die Herzogin von York und zog mit ihrem Mann in den St. James's Palace.

Als die Königin starb, wurde sie als Gemahlin des Thronfolgers zur Fürstin (oft falsch übersetzt "Prinzessin") von Wales. Das Paar besuchte die Länder des British Empire und eröffnete unter anderem die erste Sitzung des australischen Parlaments. Mary unterstützte ihren nicht sonderlich intelligenten Mann bei dessen Vorbereitungen auf das Amt des Königs.

Über ihre Mutterliebe zu ihren sechs Kindern, darunter gleich zwei späteren Königen, herrschte geteilte Meinung. Einerseits trennte sie ihren jüngsten Sohn Johann von seinen Geschwistern und versteckte ihn vor der Öffentlichkeit, weil sie sich seiner Epilepsie schämte – er wurde als "Monsterkind" bezeichnet, unter Hausarrest gehalten und starb früh –, andererseits unterrichtete sie ihre Kinder in Geschichte und Musik.

Ihr ältester Sohn Eduard berichtet von ihr als liebender Mutter – allerdings war er masochistisch veranlagt, wie sein Biograf schrieb. Sie versuchte vergeblich, ihn von der Abdankung abzubringen. Ihr zweiter Sohn, der spätere König Georg VI., entwickelte sich jedoch zu einem scheuen und stotternden Mann.

Am 6. Mai 1910 trat ihr Mann als Georg V. die Thronfolge an und am 22. Juni 1911 wurde das Paar gekrönt. Ihre erste Reise ging als kaiserliches Paar nach Indien. Mit ihrer Vorgängerin, Königin Alexandra, gab es einige Auseinandersetzungen. Diese wollte beim Begräbnis Eduard VII. den Vortritt haben, verließ den Buckingham Palast nur zögerlich und behielt zudem einige Kronjuwelen, die sie der neuen Königin hätte abtreten müssen.

Am 6. Mai 1935 feierte das Königspaar sein Silbernes Thronjubiläum. Zu dieser Zeit war der König, ein extrem starker Raucher, allerdings schon sehr krank. Er starb am 20. Januar 1936, vermutlich beschleunigt durch die Schmerzmittel, die ihm wahrscheinlich auf Veranlassung seiner Gattin verabreicht wurden.

Sie war nun offiziell Queen Mother (Königinmutter im Sinne von Ex-Königin und Mutter des regierenden Königs), nahm diesen Titel jedoch nie an, sondern nannte sich Her Majesty Queen Mary.

Eduard, als bisheriger Kronprinz nun Nachfolger seines Vaters und von seiner Mutter vorerst unterstützt, schockierte das Königreich jedoch mit seinem Wunsch, Wallis Simpson zu heiraten. Mary lehnte es ab, die bürgerliche Schwiegertochter in spe jemals zu treffen. Edward dankte ab, und ihr zweitältester Sohn wurde stattdessen gekrönt als Georg VI. Dabei stand sie ihm mit moralischer Unterstützung zur Seite und organisierte zudem nicht nur die Krönung des königlichen Paares, sondern nahm auch, als erste Witwe eines Königs überhaupt, daran teil.

Im 2. Weltkrieg ließ der König seine Mutter evakuieren, sie tat dies widerstrebend und zog zu ihrer Nichte Mary, Herzogin von Beaufort, der Tochter ihres Bruders Adolphus. Dieser fiel sie jedoch ziemlich zur Last, unter anderem ließ sie von deren Wohnsitz Badminton House den Efeu entfernen, weil sie ihn als hässlich und als Gefahr für die Gesundheit empfand. Auch wurde ihr eine gewisse kleptomanische Ader nachgesagt, denn wenn ihr ein Gegenstand gefiel, lobte sie ihn vor dessen Besitzer nachdrücklich so lange, bis er ihr zum Geschenk gemacht wurde.

1952 starb Georg VI., und ihre Enkelin wurde Königin Elisabeth II. Da der Titel Queen Mother nun an deren Mutter bzw. Marys Schwiegertochter Elizabeth Bowes-Lyon überging, die sich gleich doppelt Queen Elizabeth the Queen Mother nannte, erhielt Mary zur Unterscheidung der drei lebenden Königinnen den Titel Dowager Queen Mother (Witwe Königin Mutter), den sie aber nicht annahm. Mary starb jedoch noch vor der Krönung ihrer Enkelin im Alter von 85 Jahren an Lungenkrebs bzw. offiziell an Magenproblemen. Ihr letzter Wunsch war, dass ihr Tod die Festlichkeiten nicht stören solle.

1934 sollte ein neuer Passagierdampfer der Cunard Line auf den Namen Victoria getauft werden. Auf die Bitte an den König, das bis dahin nur als Nr. 534 bezeichnete Schiff nach „Britanniens größter Königin“ zu taufen, soll die Königin nonchalant geantwortet haben daß sie sich geehrt fühle. Der Reederei blieb nichts anderes übrig, als dies stillschweigend zu akzeptieren und so wurde von der gleichnamigen Monarchin nun die RMS Queen Mary getauft. Die aktuelle Queen Mary 2 wiederum knüpft an den Namen dieses Schiffes an.

Bereits 1913 war nach ihr der Schlachtkreuzer HMS Queen Mary benannt worden, das jedoch 1916 von der Kaiserlichen Marine in der Seeschlacht im Skagerrak versenkt wurde.

Von Sir Edwin Lutyens wurde Queen Mary's Dolls House für sie ins Leben gerufen.

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Victoria von Großbritannien und Irland (1840–1901)

Königin Victoria, Prinz Albert und die fünf ältesten Kinder – Prinzessin Victoria befindet sich am rechten Bildrand. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter, 1846

Victoria Adelaide Mary Louisa von Großbritannien und Irland VA (* 21. November 1840 im Buckingham Palace, London; † 5. August 1901 in Schloss Friedrichshof, Kronberg im Taunus), nach dem Tod ihres Mannes auch Kaiserin Friedrich genannt, war das erste Kind von Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und Königin Victoria von Großbritannien und als Gemahlin Friedrichs III. Königin von Preußen und Deutsche Kaiserin.

Die britische Princess Royal wurde von ihrem Vater in einer politisch liberalen Haltung erzogen und nach ihrer Verlobung sorgfältig auf die Rolle einer preußischen Prinzessin vorbereitet. Ähnlich wie ihr Mann Friedrich III. war Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha der Auffassung, dass sich Preußen beziehungsweise das Deutsche Kaiserreich zu einer konstitutionellen Monarchie nach englischem Muster entwickeln müsse. Diese politische Haltung und ihre englische Abstammung isolierten sie über lange Zeit am preußischen Hof, an dem unter anderem Otto von Bismarck zu ihren entschiedenen politischen Gegnern zählte. Friedrich III. und Kaiserin Victoria hatten letztlich nur für wenige Wochen die Möglichkeit, die Politik des Deutschen Kaiserreiches zu beeinflussen: Friedrich III. starb 99 Tage nach seiner Thronbesteigung an Kehlkopfkrebs. Ihm folgte Wilhelm II. auf den deutschen Kaiserthron, der eine deutlich konservativere Politik als seine Eltern vertrat. Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha verbrachte ihr letztes Lebensjahrzehnt weitab vom preußischen Hof in Kronberg im Taunus.

Die Korrespondenz zwischen Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha und ihren Eltern ist nahezu lückenlos erhalten geblieben: Allein 3.777 Briefe der Queen Victoria an ihre älteste Tochter und ungefähr 4.000 Briefe der Tochter an ihre Mutter sind erhalten und katalogisiert. Diese geben einen detaillierten Einblick in die Lebensweise des preußischen Hofes zwischen 1858 und 1900.

Prinzessin Victoria war das erste Kind der britischen Königin Victoria und ihres deutschen Ehemanns Albert. Beide waren entschlossen, sowohl ihrer ersten Tochter als auch den nachfolgenden Kindern eine möglichst umfassende Erziehung angedeihen zu lassen. Königin Victoria selbst, die mit 18 Jahren ihrem kinderlos gebliebenen Onkel Wilhelm IV. auf dem englischen Thron folgte, war auf ihre Aufgabe nur unzureichend vorbereitet worden. Prinz Albert, der zweite Sohn des Herzogs Ernst von Coburg, dessen Herzogtum knapp 2.000 Quadratkilometer und 140.000 Einwohner umfasste, hatte nicht zuletzt dank seines Onkels König Leopold von Belgien eine weit umfangreichere Ausbildung erhalten.

Prinz Albert legte in einem ausführlichen und von Königin Victoria unterschriebenen Memorandum die Aufgaben und Pflichten aller Personen fest, die in irgendeiner Weise mit der Erziehung der königlichen Kinder zu tun hatten. Diesem Memorandum folgte anderthalb Jahre später eine weitere, 48-seitige Denkschrift, in der Baron Christian Friedrich von Stockmar, der Vertraute des königlichen Ehepaares, detailliert die Erziehungsgrundsätze für die königlichen Kinder niederschrieb. Beide Elternteile hatten allerdings wenig Kenntnisse über den normalen Verlauf einer kindlichen Entwicklung. Königin Victoria hielt es beispielsweise für mangelnde Erziehung, wenn ihre einjährige Tochter noch an Armbändern lutschte. Nach Ansicht von Hanna Pakula, der Biografin von Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha, waren deshalb insbesondere die ersten zwei Erzieherinnen der Prinzessin Victoria sehr glücklich gewählt. Die verwitwete und im Umgang mit Kindern erfahrene Lady Littleton leitete ab Prinzessin Victorias zweitem Lebensjahr die „Nursery“, in der die Kinder des Königspaares jeweils ihre ersten Lebensjahre verbrachten. Sie war diplomatisch geschickt genug, die teilweise unrealistischen Anforderungen der Eltern an ihre Kinder zu mildern. Prinzessin Victorias zweite Gouvernante Sarah Anne Hildyard war eine engagierte und geschickte Lehrerin, die eine enge Beziehung zu ihrer Schülerin entwickelte. Bereits ab dem 18. Lebensmonat wurde Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha in Französisch und noch vor Vollendung ihres vierten Lebensjahres auch in Deutsch unterrichtet. Für die sechsjährige Prinzessin begann der nur von drei Spielstunden unterbrochene Unterricht in Fächern wie Arithmetik, Geografie und Geschichte morgens um 8 Uhr 20 und endete abends um 18 Uhr. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Eduard, der als Thronfolger einem noch rigoroseren Erziehungsprogramm unterworfen war, war die frühreife Victoria ausgesprochen lernbegierig, allerdings auch aufbrausend und eigensinnig.

Sowohl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha als auch Königin Victoria lag daran, ihre Kinder möglichst lange vom Hofleben fern zu halten. Deswegen erwarb das Ehepaar Osborne House auf der Isle of Wight, das nach den Entwürfen von Prinz Albert in eine neapolitanische Villa umgebaut wurde. Auf dem großen Gelände ließ Prinz Albert in einiger Entfernung vom Haupthaus für die Kinder ein Schweizer Chalet errichten, zu dem unter anderem eine kleine Küche und eine Schreinerwerkstatt gehörten. Die Kinder sollten dort praktische Fähigkeiten erlernen. Prinz Albert spielte eine große und direkte Rolle in der Erziehung seiner Kinder: Er nahm großen Anteil an ihren Unterrichtsfortschritten, unterrichtete sie teilweise auch selbst und verbrachte viel Zeit mit seinen Kindern, um mit ihnen zu spielen.

Der preußische Thronfolger Prinz Wilhelm von Preußen und seine Frau, Prinzessin Augusta, zählten zu den Mitgliedern europäischer Fürstenhäuser, mit denen Königin Victoria und Prinz Albert befreundet waren. Mit der politisch liberalen Prinzessin Augusta stand Königin Victoria seit dem Jahre 1846 in ständigem Briefkontakt. Prinz Wilhelm von Preußen, der im Gegensatz zu seiner Frau fester dem preußischen Konservatismus verhaftet war, fand während des Revolutionsjahres 1848 drei Monate lang am britischen Hof Asyl. Als 1851 in London die erste Weltausstellung stattfand, zählten Prinz Wilhelm von Preußen und Prinzessin Augusta sowie ihre beiden Kinder daher zu den von Königin Victoria und Prinz Albert eingeladenen Gästen. Dieser Besuch war gleichzeitig das erste Mal, dass Prinzessin Victoria und Prinz Friedrich Wilhelm einander begegneten. Trotz des großen Altersunterschiedes – Prinzessin Victoria war zum Zeitpunkt des Besuches elf Jahre alt, Prinz Friedrich Wilhelm dagegen 19 – verstanden sich die beiden gut. Der jungen Prinzessin war die Aufgabe übertragen worden, den Prinzen durch die Ausstellung zu führen – auf sein zögerndes Englisch antwortete sie in fließendem Deutsch. Noch Jahre später betonte Prinz Friedrich Wilhelm, wie sehr ihn die Mischung aus Kindlichkeit, intellektueller Neugier und natürlicher Würde beeindruckt habe, die sie während der Führung gezeigt hätte. In Prinz Albert fand der präsumtive Thronfolger einen Gesprächspartner, der seine liberalen politischen Ansichten teilte und stärkte. Prinz Friedrich Wilhelm, der insgesamt vier Wochen in England verbrachte, war zudem von der Umgangsweise innerhalb der englischen Königsfamilie angetan. Anders als seine Eltern waren Königin Victoria und Prinz Albert einander herzlich zugetan und führten ein Familienleben, das weit entfernt von der Strenge und Förmlichkeit des preußischen Hofes war. Nach der Rückkehr des Prinzen nach Deutschland begannen Prinzessin Victoria und Prinz Friedrich Wilhelm, einander regelmäßig zu schreiben. In einem Brief an ihren Onkel, König Leopold I. von Belgien, gab Königin Victoria der Hoffnung Ausdruck, dass sich aus dieser Begegnung mittelfristig eine engere Bindung ergeben werde.

Vier Jahre nach der Londoner Weltausstellung reiste Prinz Friedrich Wilhelm nach Schottland, um die britische Königsfamilie in ihrem Schloss Balmoral zu besuchen und sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob Prinzessin Victoria für ihn eine geeignete Ehepartnerin sei. Ähnlich wie Prinzessin Victoria war Prinz Friedrich Wilhelm ungewöhnlich gut gebildet. Als erster preußischer Thronfolger hatte er studiert und dabei unter anderem Vorlesungen von Ernst Moritz Arndt und Friedrich Christoph Dahlmann gehört. Entsprechend der Tradition des preußischen Königshauses nahm er seit Studienabschluss Aufgaben innerhalb der preußischen Armee wahr. Seine Reise nach Großbritannien fand in preußischen Hofkreisen nicht nur Unterstützung: viele am Hofe hielten eine eheliche Verbindung mit dem russischen Zarenhaus für politisch wünschenswerter. König Friedrich Wilhelm IV. hatte seine Einwilligung zu einer möglichen Ehe zwischen seinem Neffen und der englischen Prinzessin nur widerwillig gegeben und seine Zustimmung zunächst sogar vor seiner eigenen, anglophoben Frau geheim gehalten.

Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha war zum Zeitpunkt des zweiten Besuchs von Prinz Friedrich Wilhelm knapp 15 Jahre alt. Sie war zwar größer als ihre Mutter, aber mit einer Körperlänge von 157 Zentimeter immer noch verhältnismäßig klein und entsprach nur wenig dem Schönheitsideal ihrer Zeit. Königin Victoria war deswegen besorgt, dass der als stattlich geltende Prinz Friedrich Wilhelm Prinzessin Victoria nicht hinreichend attraktiv finden würde. Bereits während des ersten gemeinsamen Abendessens war für Königin Victoria und Prinz Albert jedoch deutlich zu erkennen, dass die beiden einander nach wie vor sympathisch fanden, und am dritten Tag seines Aufenthalts bat Prinz Friedrich Wilhelm bei ihnen um die Erlaubnis, um die Hand ihrer Tochter anhalten zu dürfen. Die Zustimmung von Königin Victoria und Prinz Albert war unter anderem an die Bedingung geknüpft, dass die Hochzeit nicht stattfinden solle, bevor Victoria 17 Jahre alt sei.

Die Verlobung zwischen Prinzessin Victoria und Prinz Friedrich Wilhelm, die erst am 17. Mai 1856 bekannt gegeben wurde, stieß in der britischen Öffentlichkeit auf viel Kritik: Diese lastete Preußen seine neutrale Haltung während des Krimkriegs nach wie vor an. In einem Artikel kritisierte die britische Zeitung Times das Haus Hohenzollern als eine armselige Dynastie, die eine unbeständige und unglaubwürdige Außenpolitik verfolge und deren Fortbestand von Russland abhängig sei. Der Artikel bemängelte auch, dass die preußische Königsfamilie die Zusicherungen, die sie während der Revolution 1848 dem Volk gegeben habe, nicht eingehalten habe. In Deutschland war die Reaktion auf die Verlobung geteilter. Liberale Kreise begrüßten die Verbindung mit dem englischen Königshaus, während die meisten Mitglieder des preußischen Königshauses und der politisch konservativen Kreise die geplante Verbindung ablehnten.

Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha zählte zu den Liberalen des Vormärzes und war ein Anhänger des sogenannten Coburger Plans. Bereits während des unfreiwilligen Aufenthalts des preußischen Thronfolgers Prinz Wilhelm von Preußen in London im Jahre 1848 hatte Prinz Albert versucht, diesen von seiner Vision eines unter der Vorherrschaft eines liberalen Preußens vereinigten Deutschlands zu überzeugen. Nach Prinz Alberts Auffassung war dieses Ziel nur zu erreichen, wenn sich Preußen ähnlich wie das Vereinigte Königreich zu einer konstitutionellen Monarchie entwickeln würde. Die knapp zwei Jahre zwischen Verlobung und Hochzeit nutzte Prinz Albert, um seine Tochter in diesem Sinne weiterzubilden. Er unterrichtete sie persönlich in Politik und neuzeitlicher europäischer Geschichte und ließ seine Tochter Aufsätze über Ereignisse in Preußen schreiben. Prinz Albert überschätzte bei seinen politischen Instruktionen allerdings die Stärke der liberalen Bewegung in Preußen, deren Unterstützer im Wesentlichen auf eine im Vergleich zu Großbritannien kleine Mittelschicht und wenige Intellektuelle begrenzt war. Allen Beteiligten wurde jedoch zunehmend klar, welche schwierige Rolle auf die junge Prinzessin Victoria an dem gegenüber England überwiegend kritischen preußischen Hof zukommen würde. Feodora zu Leiningen, die deutsche Halbschwester von Königin Victoria, bezeichnete in einem Brief an das Königspaar den preußischen Hof als eine Brutstätte von Neid, Eifersucht, Intrige und bösartiger Gaunereien.

Das britische Parlament genehmigte Königin Victoria, ihrer Tochter als Mitgift 40.000 Britische Pfund zu zahlen und legte die jährliche Apanage der Prinzessin auf 8.000 Pfund fest. König Friedrich Wilhelm IV. gewährte seinem Neffen ein jährliches Einkommen von 9.000 Talern. Das Einkommen des Prinzen war damit nicht ausreichend, um die Kosten eines standesgemäßen Haushaltes zu decken und ein Teil der Haushaltskosten würde zukünftig Prinzessin Victoria aus ihrem Vermögen tragen müssen. Der zukünftige Hofstaat des jungen Paares wurde von der preußischen Königin und der zukünftigen Schwiegermutter Prinzessin Auguste ausgewählt. Die beiden Frauen entschieden sich überwiegend für Personen, die bereits länger im Hofdienst standen und damit deutlich älter als das prinzliche Paar waren. Prinz Alberts Bitte, seiner Tochter doch wenigstens zwei gleichaltrige und englische Hofdamen zu gewähren, wurde nicht entsprochen. Als Kompromiss wurden mit den Komtessen Walpurga von Hohenthal und Marie zu Lynar zwei Hofdamen gewählt, die Prinzessin Victoria wenigstens altersmäßig entsprachen. Immerhin konnte Prinz Albert Ernst von Stockmar, den Sohn seines jahrelangen Beraters Christian Friedrich von Stockmar, als persönlichen Sekretär der Prinzessin durchsetzen. Prinz Albert, der überzeugt davon war, dass der preußische Hof die Einheirat einer englischen Prinzessin als Bereicherung und Ehre ansähe, bestand außerdem darauf, dass Prinzessin Victoria den Titel einer Princess Royal of the United Kingdom of Great Britain and Ireland beibehielt. An dem überwiegend antienglisch und prorussisch eingestellten preußischen Hof löste dieser Schritt allerdings nur Verärgerung aus.

Der Hochzeitsort war Anlass für weitere Meinungsverschiedenheiten. Für das preußische Königshaus war es selbstverständlich, dass ein Prinz, der als zweiter in der Thronfolge stand, in Berlin heirate. Letztlich konnte sich aber Königin Victoria durchsetzen, die als regierende Monarchin für sich in Anspruch nahm, ihre älteste Tochter in ihrem Land zu vermählen. Das Paar trat schließlich am 25. Januar 1858 in der Kapelle des St. James’ Palace in London vor den Traualtar.

Mit dem Umzug von Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha nach Berlin begann ein umfangreicher Briefverkehr zwischen ihr und ihren Eltern. Mit ihrem Vater tauschte sie wöchentlich einen Brief aus, der häufig Kommentare zu politischen Ereignissen enthielt. Ihre Mutter erwartete täglich eine detaillierte Berichterstattung über alles, was sich im Leben ihrer Tochter ereignete. Die Mehrzahl dieser Briefe, die meistens von Privatkurieren überbracht wurden, ist erhalten geblieben und stellt ein ausführliches Dokument des Lebens am preußischen Hof dar. Die Briefe belegen auch, dass Königin Victoria zunächst versuchte, jede Einzelheit im Leben ihrer Tochter zu kontrollieren, und dass sie von ihr verlangte, sich gleichzeitig ihrem Geburts- als auch ihrem neuen Heimatland gegenüber loyal zu verhalten – eine Anforderung, der die Prinzessin zwar zu entsprechen versuchte, an der sie aber zwangsläufig scheitern musste. Bereits verhältnismäßig geringfügige Ereignisse stellten die Prinzessin vor nicht lösbare Konflikte. Der Tod einer entfernten Verwandten beider Königshäuser wurde beispielsweise am englischen Hof einen Monat lang betrauert, am preußischen dagegen nur eine Woche. Prinzessin Victoria hielt sich an die am preußischen Hof übliche Trauerzeit, wofür Königin Victoria sie scharf tadelte und sie darauf hinwies, dass sie sowohl als ihre Tochter als auch als Princess Royal verpflichtet sei, die am englischen Hof übliche Trauerzeit einzuhalten. Baron Stockmar war zunehmend über die Auswirkung der ständigen Vorwürfe Königin Victorias auf das seelische Gleichgewicht von Prinzessin Victoria besorgt. Über Prinz Albert erreichte er letztlich, dass Königin Victoria in ihren Anforderungen an ihre Tochter etwas gemäßigter wurde. Die Ablehnung, die Prinzessin Victoria durch die prorussische Fraktion am preußischen Hof erfuhr, konnte Baron Stockmar dagegen nicht mildern.

Am 27. Januar 1859, ein gutes Jahr nach der Hochzeit, kam der erste Sohn des Prinzenpaares zur Welt. Das zögerliche Handeln der anwesenden Hofärzte, die es nicht wagten, die in einen Flanellrock gekleidete Prinzessin gynäkologisch zu untersuchen, die Steißlage des Kindes sowie die durch Gedankenlosigkeit eines Dienstboten verspätete Unterrichtung des Geburtsspezialisten sorgten für einen dramatischen und langwierigen Geburtsverlauf, in dessen Verlauf das Überleben von Mutter und Kind zeitweilig fraglich schien. Der linke Arm des Kleinkindes sollte sich als verkümmert erweisen – durch ein Abreißen der Muskeln während des Geburtsvorganges kam es zu einer dauernden Innervation der Muskeln des linken Armes. Er blieb in seinem späteren Wachstum so weit zurück, dass er etwa 15 Zentimeter kürzer als der rechte Arm blieb. Sehr wahrscheinlich ist außerdem, dass der zukünftige Kaiser Wilhelm II. während der Geburt für einen Zeitraum von acht bis zehn Minuten mit Sauerstoff unterversorgt war und an den neurobiologischen Folgen zu leiden hatte. Die behandelnden Ärzte hatten zunächst eine schnelle Besserung des verletzten Armes in Aussicht gestellt, so dass das Prinzenpaar während der ersten vier Monate davon absah, die englischen Großeltern des jungen Prinzen über dessen Behinderung zu informieren. Es wurde jedoch zunehmend deutlich, dass die Schädigung des linken Armes dauerhaft war. Die Geburt des zweiten Kindes am 24. Juli 1860 verlief dagegen deutlich komplikationsloser.

Von Mitgliedern des preußischen Hofes wurde jetzt außerdem erwartet, dass sie zunächst die Erlaubnis des Königs einholten, bevor sie ins Ausland reisten – laut Hoftratsch eine Maßnahme, um ein zu häufiges Reisen der Kronprinzessin in das politisch liberalere Vereinigte Königreich zu verhindern. Ein langer Brief, in dem Prinz Albert ungefragt Wilhelm I. ermahnte, der preußischen Verfassung treu und damit den anderen deutschen Staaten ein Vorbild zu sein, sorgte bei Wilhelm I. nur für Verärgerung und nahm ihn gleichzeitig gegen das Kronprinzenpaar ein, von dem er wusste, dass es Prinz Alberts politische Ansichten teilten.

Kronprinz Friedrich Wilhelm versuchte dagegen, seinen Vater zum Einlenken gegenüber dem Abgeordnetenhaus zu bewegen – ein Monarch, der wegen einer Entscheidung eines Parlaments abdanke, würde einen bisher einmaligen Präzedenzfall schaffen und die Herrschaft der nachfolgenden Monarchen erheblich erschweren. Seine Weigerung, die Abdankung seines Vaters zu seinen Gunsten anzunehmen, entsprach außerdem seinem Verständnis, seinen Pflichten als Sohn und Angehöriger des Hauses Hohenzollern nachkommen zu müssen. Am 22. September berief Wilhelm I. Otto von Bismarck zum neuen Ministerpräsidenten. Bismarck war bereit, das Amt anzutreten, ohne über eine Mehrheit im Parlament oder einen genehmigten Haushalt zu verfügen und stellte aus Sicht von Wilhelm I. die beste Lösung in dieser Krisensituation dar. Die Berufung des als erzkonservativ bekannten ostelbischen Junkers stieß sowohl bei Königin Augusta als auch beim Kronprinzenpaar auf Ablehnung. Otto von Bismarck sollte über die nächsten Jahrzehnte das Amt des Ministerpräsidenten inne haben und maßgeblich zur politischen Isolation des Kronprinzenpaares beitragen.

In den Wochen und Monaten nach der Ernennung Bismarcks zum preußischen Ministerpräsidenten ließ jedes Ereignis und jede Handlung das Kronprinzenpaar zur Zielscheibe der Kritik werden.

Als es sich Anfang Oktober 1862 auf Italienreise begab und dabei unter anderem die Jacht der Königin Victoria nutzte, sahen sich liberale Kreise vom Kronprinzenpaar in dem noch schwelenden Preußischen Verfassungskonflikt im Stich gelassen, während Konservative kritisierten, dass die beiden sich während einer schweren politischen Krise im Mittelmeer auf einem englischen und von englischer Kriegsmarine begleiteten Schiff aufhielten. Die geplante Heirat zwischen Prinzessin Victorias ältestem Bruder Eduard und Prinzessin Alexandra von Dänemark, der Tochter des dänischen Königs Christians IX., schwächte Prinzessin Victorias Position am preußischen Hof und im Ansehen der Öffentlichkeit ebenfalls erheblich. Man warf ihr vor, sie habe mit dieser Verbindung eine Allianz zwischen Dänemark und Großbritannien gefördert, die nicht in preußischem Interesse läge. Zum offenen Konflikt zwischen Wilhelm I. und dem Kronprinzenpaar kam es wegen der von Bismarck veranlassten Preßordonnanz vom 1. Juni 1863, die die Verwaltungsbehörden ermächtigte, das Erscheinen von Zeitungen und Zeitschriften wegen der „Gesamthaltung des Blattes“ zu verbieten. Kronprinz Friedrich Wilhelm kritisierte während einer Reise nach Danzig öffentlich mit wenigen und sehr zurückhaltenden Worten diese weitreichenden Einschränkungen der Pressefreiheit. Die Reaktion auf diese vorsichtige Kritik war heftig: König Wilhelm I. beschuldigte seinen Sohn des Ungehorsams und drohte, ihn von seinen Funktionen innerhalb der preußischen Armee zu entbinden und vom Kronrat auszuschließen. Der reaktionäre jüngere Bruder Wilhelms I., Prinz Carl von Preußen, sowie General Manteuffel sprachen sich sogar dafür aus, den Kronprinzen vor ein Kriegsgericht zu stellen. Viele vermuteten als Antriebskraft für das Verhalten von Kronprinz Friedrich Wilhelm die Kronprinzessin.

Die Times spielte in dem Artikel auf einen Briefwechsel zwischen dem Kronprinzen und dem preußischen König an, in dem dieser eine andere politische Linie als sein Vater vertreten hatte. Unklar war, über wen die Information über die Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn an die Presse gelangt war. Verdächtigt wurde Kronprinzessin Victoria und in einem Brief an ihre Mutter schrieb sie, es habe deswegen am preußischen Hofe eine regelrechte Inquisition gegeben. Unter dem Druck der Verdächtigungen gab schließlich Ernst von Stockmar sein Amt als Privatsekretär der Kronprinzessin auf.

Otto von Bismarck verfolgte als langfristiges Ziel, den Deutschen Bund zu beenden und Österreichs Einfluss in Deutschland zugunsten Preußens zu beschneiden. Die erste kriegerische Auseinandersetzung auf dem Weg dahin war der Deutsch-Dänische Krieg um Schleswig und Holstein im Jahre 1864, in dem Österreich allerdings noch als Allianzpartner auf Seiten Preußens stand. Im Frieden von Wien, mit dem am 30. Oktober 1864 dieser Konflikt beendet wurde, musste Dänemark die beiden Herzogtümer Schleswig, Holstein sowie Lauenburg an Österreich und Preußen abtreten. Der Friedensschluss, der eine gemeinsame preußische und österreichische Verwaltung für die eroberten Herzogtümer vorsah, barg jedoch hinreichend Konfliktstoff für weiterreichende Auseinandersetzungen mit Österreich.

Kronprinzessin Victoria hatte als junges Mädchen Florence Nightingale kennen gelernt, die die medizinische Versorgung verwundeter Soldaten während des Krimkrieges entscheidend verbessert hatte. Mittlerweile das vierte Mal schwanger, begann sie sich jetzt gleichfalls für eine bessere medizinische Versorgung verwundeter Soldaten zu engagieren. Anlässlich des Geburtstages von Wilhelm I. startete das Kronprinzenpaar einen Hilfsfonds zugunsten der Familien gefallener oder schwer verletzter Soldaten.

Der Sieg über Dänemark hatte nur einen kurzen Frieden zur Folge: Der Gasteiner Vertrag vom 14. August 1865 löste die gemeinsame preußisch-österreichische Administration der Herzogtümer Schleswig und Holstein zunächst wieder auf, konnte jedoch den unterschiedlichen Interessen der beiden Länder nicht gerecht werden. Nachdem Preußen am 9. Juni 1866 in das von Österreich verwaltete Holstein einmarschierte, beantragte Österreich in Frankfurt die Mobilisierung des nichtpreußischen Bundesheeres, dem am 14. Juni stattgegeben wurde. Preußen reagierte darauf mit dem Einmarsch in Sachsen, Hannover und Kurhessen. Zur entscheidenden Schlacht kam es bei Königgrätz, die Österreich letztlich zur Kapitulation zwang und in der dem Kronprinz eine schlachtentscheidende Rolle zufiel. Im Friedensschluss vom 23. August in Prag schied Österreich aus dem Deutschen Bund aus. Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt wurden von Preußen annektiert.

Dem militärischen Erfolg des Kronprinzen stand eine familiäre Tragödie gegenüber. Sigismund, das vierte Kind des Kronprinzenpaares, war kurz vor der Schlacht im Alter von 21 Monaten an Meningitis gestorben. Die Kronprinzessin reagierte darauf mit tiefer Trauer, für die sie weder bei ihren Schwiegereltern noch ihrer Mutter Verständnis fand. Königin Auguste verlangte von ihrer Schwiegertochter sehr bald die Wiederaufnahme ihrer repräsentativen Verpflichtungen, und Königin Victoria ermahnte sie, dass der Verlust eines kleinen Kindes nichts gegen den eines Ehemannes sei.

In den Jahren bis zum Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 vertrat Kronprinz Friedrich Wilhelm mehrfach den preußischen Hof auf Auslandsreisen. Nicht auf allen begleitete ihn Kronprinzessin Victoria. Teils lag das daran, dass eine Begleitung durch die Prinzessin weitere Repräsentationskosten zur Folge gehabt hätte, die das Einkommen des Kronprinzenpaares zu sehr belastet hätten, teils daran, dass die Kronprinzessin ihre Kinder nicht zu lange allein lassen wollte. 1866, noch vor dem Tod von Sigismund, kam Viktoria zur Welt. 1868 folgte ein weiterer Sohn, den das Kronprinzenpaar Waldemar nannte, 1870 wurde Sophie geboren und als letztes Kind sollte 1872 Margarethe folgen. Während die älteren Kinder Wilhelm, Charlotte und Heinrich noch von Ammen genährt worden waren, stillte die Kronprinzessin beginnend mit Sigmund alle ihre Kinder selbst, was sowohl bei ihrer Mutter wie ihrer Schwiegermutter auf heftige Ablehnung stieß. Nach wie vor war die Position der Kronprinzessin am preußischen Hof schwierig und das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter angespannt. Letzteres äußerte sich auch in aus heutiger Sicht trivialen Nebensächlichkeiten. Königin Augustas Empörung darüber, dass ihre Schwiegertochter statt der üblichen vierspännigen Anspannung Kutschen nutzte, die nur von zwei Pferden gezogen wurden, machte es notwendig, dass Königin Victoria zugunsten ihrer Tochter beim preußischen König intervenieren musste.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wiederholten sich die militärischen Erfolge des Kronprinzen. Zwei der fünf entscheidenden Schlachten dieses Krieges, die Schlacht bei Weißenburg und die bei Wörth, wurden von der von ihm geführten 3. Armee gewonnen. Bei Sedan fiel seinem Truppenteil wiederum die schlachtentscheidende Rolle zu. Als sich die Beschießung der eingekesselten Stadt Paris durch die von ihm geführte Truppen verzögerte, war das für Otto von Bismarck der Anlass, erneut gegen Kronprinzessin und Königin zu intrigieren, die beide gleichermaßen seine politischen Gegnerinnen waren. Auf einem Abendessen vertrat er laut die Auffassung, dass der Kronprinz die Beschießung nur verzögere, weil seine Ehefrau und seine frankophile Mutter dagegen seien. Diese Auffassung fand sich kurz darauf in der Presse wieder. Weniger Resonanz fand das Engagement der Kronprinzessin in der Fürsorge für verwundete Soldaten. Sie reiste nach Homburg, um dort auf eigene Kosten ein modellhaftes Lazarett einrichten zu lassen und besuchte anschließend Lazarette in Wiesbaden, Biberach, Bingen, Bingerbrück, Rüdesheim und Mainz. Traditionell fielen solche sozialen Aufgaben jedoch der Königin zu. Wilhelm I. befand schließlich, sie habe sich „großartiger Wohltätigkeit“ zu enthalten und beorderte sie nach Berlin zurück, um dort die Königsfamilie zu präsentieren.

Frankreich kapitulierte im Januar 1871. Am 18. Januar 1871 riefen die siegreichen Fürsten des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Verbündeten König Wilhelm I. von Preußen zum Deutschen Kaiser aus. Friedrich und Viktoria waren somit Kronprinz und Kronprinzessin des Deutschen Kaiserreichs.

Bei der Wahl des Erziehers für die Prinzen Wilhelm und Heinrich zeigte das Kronprinzenpaar allerdings wenig Einfühlungsvermögen. Der intellektuell hochbegabte, aber calvinistisch strenge Philologe Georg Ernst Hinzpeter unterzog die Prinzen einer puritanischen und harten Erziehung, bei der es an Lob und Ermutigung fehlte. Auch der Besuch eines bürgerlichen Gymnasiums in Kassel, den das Kronprinzenpaar gegen den Widerstand des preußischen Hofes durchsetzen konnte, und später das Studium in Bonn sorgten nicht dafür, dass Prinz Wilhelm sich zu der weltoffenen und umfassend gebildeten Persönlichkeit mit liberalen Ansichten entwickelte, wie es das Ziel seiner Eltern war. Prinz Heinrich zeigte wenig intellektuelle Neigungen und begann mit 16 Jahren eine Laufbahn bei der Marine. Waldemar, der dritte überlebende Sohn, verstarb 1879 an Diphtherie.

Von den Töchtern war es vor allem Charlotte, die ihren Eltern Sorgen machte. Im Wachstum zurückgeblieben und schwerfällig im Lernen, neigte sie als kleines Kind zu Tobsuchtsanfällen und erwies sich als Heranwachsende als krankheitsanfällig, launisch und kapriziös. Medizinhistoriker gehen heute davon aus, dass Prinzessin Charlotte sehr stark an Porphyrie erkrankt war. Diese erbliche Stoffwechselstörung, die häufig mit Magen-Darm-Erkrankungen, Kopfschmerzen, Nervenlähmungen und im Extremfall Psychosen einher geht, war bereits bei Georg III., einem der Vorfahren der Prinzessin, aufgetreten. Wegen der immer wieder kehrenden Neuralgien, starken Kopfschmerzen und Hautausschlägen, an denen Kronprinzessin Victoria während ihres gesamten Lebens litt und die mitunter so schmerzhaft waren, dass die Kronprinzessin zu Morphium griff, ist es wahrscheinlich, dass auch sie von einer milderen Form dieser Krankheit betroffen war.

Der Kronprinz wurde stattdessen zum Kurator der königlichen Museen ernannt – eine Aufgabe, die bei seiner Ehefrau möglicherweise auf mehr Enthusiasmus stieß. Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha hatte auf Anregung ihres Vaters ihre Ausbildung von Beginn der Ehe an fortgesetzt. Sie las Goethe, Lessing, Heine und John Stuart Mill. Gustav Freytag zählte zu den Bekannten des Ehepaares, der Schriftsteller Gustav von Putlitz war zeitweilig ihr Hofmarschall. Trotz Empörung ihrer Mutter beschäftigte sie sich mit Darwins Evolutionslehre und diskutierte sie mit dem englischen Geologen Lyell. Die von Zeitgenossen als fortschrittlich und kultiviert eingeschätzte Kronprinzessin las auch die Schriften von Karl Marx, um die Ziele der Sozialisten zu verstehen, und verkehrte mit ihrem Mann im liberalen Salon der Gräfin Schleinitz, der als "Treffpunkt der zahlreichen Bismarckfronde" galt. Richard Wagners Pamphlet „Über den Einfluss der Juden auf die Musik“ nannte sie in einem Brief an ihre Mutter verrückt – sie hätte bislang nichts so „heftiges, eingebildetes und ungerechtes“ gelesen. Weit mehr als am Hof ihrer Schwiegereltern zählten Bürgerliche zu den Gästen und Bekannten des Kronprinzenpaares, darunter unter anderem der Physiker Hermann von Helmholtz, der Pathologe Rudolf Virchow, der Philosoph Eduard Zeller und der Historiker Hans Delbrück. Die Kronprinzessin war außerdem eine begabte Hobbymalerin und nahm bei Anton von Werner und Heinrich von Angeli Unterricht. Seit 1866 hatte Kronprinzessin Victoria das Protektorat des von Wilhelm Adolf Lette gegründeten Lette-Vereins inne, der sich für eine verbesserte Ausbildung von Frauen einsetzte. 1877 veranlasste sie die Gründung des Lyzeums „Victoriaschule für Mädchen“, das unter englischer Leitung stand und in dem Schülerinnen das erste Mal in Preußen Turnunterricht erhielten. Im „Victoriahaus zur Krankenpflege“ wurden Krankenschwestern nach englischem Vorbild ausgebildet.

Im Herbst 1878 starb Kronprinzessin Victorias Schwester und enge Vertraute Alice von Hessen-Darmstadt sowie deren kleine Tochter an Diphtherie. Wenige Wochen später erlag auch Waldemar, der dritte noch lebende Sohn des Kronprinzenpaares, dieser Krankheit. Sowohl bei der Kronprinzessin als auch dem Kronprinzen lösten die Todesfälle einen lang anhaltenden Zustand von Schock und Depressionen aus. Der Tod von Waldemar fiel in eine Zeit, in der deutlich wurde, dass Victoria und ihr ältester Sohn Wilhelm sich zunehmend entfremdet hatten, Prinz Heinrich seinen Dienst bei der Marine begann und die mittlerweile verheiratete Prinzessin Charlotte ihr erstes Kind erwartete. Obwohl das hohe Lebensalter von Wilhelm I. es zunehmend wahrscheinlich machte, dass ihm bald Kronprinz Friedrich Wilhelm auf dem Thron nachfolgen würde, hatte das Kronprinzenpaar nach wie vor keinerlei Einfluss auf die Politik des Reiches. Ihre Ohnmacht machte ihnen Otto von Bismarck deutlich, indem er über Monate die Zustimmung des Hofes zu der Verbindung Prinz Wilhelms mit Prinzessin Auguste Viktoria verweigerte und am Hof des Kronprinzenpaares liberale Hofangehörige gegen ultrakonservative Kräfte austauschte. Besonders bitter war für das Kronprinzenpaar der Verlust des Hofmarschalls und Privatsekretärs Karl von Normann, der dem Kronprinzen 20 Jahre lang gedient hatte. Häufig konnte das Kronprinzenpaar nur durch symbolische Gesten ihre politische Überzeugung zeigen. Während antisemitischer Unruhen zu Beginn der 1880er Jahre besuchte das Kronprinzenpaar demonstrativ ein Konzert in einer Wiesbadener Synagoge und der Kronprinz nahm in Berlin an einem jüdischen Gottesdienst teil.

Zwischen Kronprinzessin Victoria und Otto von Bismarck kam es wegen der Heiratspläne für Prinzessin Viktoria zu ihrer vermutlich größten Auseinandersetzung. Der Streit ist als so genannte Battenberg-Affäre in die Geschichte eingegangen. Alexander von Battenberg war der zweitälteste Sohn aus der morganatischen Ehe von Alexander von Hessen-Darmstadt mit Julia von Hauke. Als ein Kandidat für den bulgarischen Thron gesucht wurde, wurde er auf Vorschlag seines Onkels, dem Zaren Alexander II., als Fürst von Bulgarien eingesetzt. Alexander II. erwartete von seinem Neffen eine entschieden prorussische Politik. Als er diese Erwartung nicht erfüllte, wurde Fürst Alexander 1886 vom Zar zur Abdankung gezwungen. Prinzessin Viktoria war in den gut aussehenden Fürsten Alexander seit Beginn der 1880er Jahre verliebt; Kronprinzessin Victoria sowie Königin Victoria hielten beide eine Verbindung mit diesem Fürstenhaus für wünschenswert. Otto von Bismarck sah dagegen in dieser geplanten Verbindung eine Gefährdung seiner pro-russischen Politik und setzte letztlich bei Wilhelm I. ein Verbot der Verbindung durch. Der Streit mit dem Kronprinzenpaar um die Verheiratung von Prinzessin Viktoria führte letztlich dazu, dass Wilhelm I. seinen Sohn und Thronfolger überging und seinen Enkel Wilhelm damit betraute, den preußischen Hof auf Staatsreisen zu vertreten. Großvater und Enkel hatten ein enges Verhältnis zueinander; die beiden speisten häufig zusammen in den Privaträumen des Kaisers und politisch stand der Enkel seinem Großvater sehr nahe. Prinz Wilhelm hatte zwar wie sein Vater zunächst die Bonner Universität besucht, das Studium aber nach vier Semestern abgebrochen, um seine militärische Ausbildung fortzusetzen. Wie Prinz Wilhelm hatten sich auch Prinzessin Charlotte und Prinz Heinrich weitgehend von den Eltern ab- und den Großeltern zugewandt. Die Hoffnung Kronprinzessin Victorias, dass sich Prinz Wilhelm durch die Heirat mit Prinzessin Auguste Victoria zu einer politisch liberalen Haltung bekehren würde, trog ebenfalls: Die Prinzessin vertrat politisch eine vollkommen andere Haltung als ihre Herkunft aus der als liberal geltenden Familie der Augustenburger vermuten ließ.

Der Gesundheitszustand des mittlerweile 90-jährigen Kaisers Wilhelm I. hatte sich mittlerweile so verschlechtert, dass ein baldiger Thronwechsel wahrscheinlich schien. Kronprinz Friedrich Wilhelm erkrankte jedoch im selben Jahr selber schwer. Die Ärzte fanden bei dem zunehmend heiseren Kronprinzen Knötchen am linken Stimmband, die als Krebs diagnostiziert wurden. Die Gewebeprobe, die der englische Laryngologe Morell Mackenzie Kronprinz Friedrich Wilhelm entnahm, wies jedoch auf keine Krebserkrankung hin. Das Kronprinzenpaar reiste nach England, wo mit Einverständnis des deutschen Ärztekollegiums Morell Mackenzie seine Behandlung fortsetzte. Im Reisegepäck hatte das Kronprinzenpaar drei große Kisten mit ihren privaten Papieren, die mit Zustimmung von Königin Victoria in Windsor Castle deponiert wurden. Angesichts des prekären Gesundheitszustands sowohl von Wilhelm I. als auch des Kronprinzen war dies eine Vorsichtsmaßnahme, die das Kronprinzenpaar für notwendig hielt. Otto von Bismarck versuchte nach wie vor, Stellung und Einfluss der Kronprinzessin zu untergraben. Als eine der letzten Intrigen hatte der von Bismarck eingesetzte Hofmarschall Hugo von Radolinski versucht, der Kronprinzessin ein Verhältnis mit Götz von Seckendorff zu unterstellen.

Die Behandlung von Morell Mackenzie schlug zunächst an. Das Kronprinzenpaar reiste im September 1887 zur Kur nach Italien, während man sich in Berlin darüber empörte, dass das Kronprinzenpaar trotz des sich stetig verschlechternden Gesundheitszustands des Kaisers nicht in die Reichshauptstadt zurückkehrte. Anfang November 1887 versagte die Stimme des Kronprinzen völlig. Das nach San Remo herbeigerufene Ärztekollegium stellte eine neue Geschwulst mit bösartigem Charakter fest und empfahl eine Entfernung des Kehlkopfes, die der Kronprinz aber nicht durchführen ließ. Kronprinzessin Victoria unterstützte ihren Mann in dieser Entscheidung, was zu einem heftigen Streit zwischen ihr und dem plötzlich in San Remo auftauchenden Prinz Wilhelm führte.

Friedrich III. beschränkte seine politischen Maßnahmen auf wenige, zum Teil nur symbolische Handlungen. Es gab eine Amnestie für politische Häftlinge und der reaktionäre Innenminister Robert von Puttkamer wurde entlassen. Justizminister Heinrich Friedberg, der das Kronprinzenpaar während der letzten 25 Jahre immer wieder beraten hatte, wurde ebenso wie Eduard Simson mit dem Schwarzen Adlerorden ausgezeichnet. Kaiserin Victoria versuchte ihre neu gewonnene Entscheidungsfreiheit zu nutzen, um die Heirat zwischen Alexander von Battenberg und ihrer Tochter Viktoria wieder voranzutreiben; sie musste jedoch letztlich davon Abstand nehmen, nachdem selbst ihre eigene Mutter davon abriet.

Kaiser Friedrich III. verstarb am 15. Juni 1888 gegen 11 Uhr morgens. Die ersten Handlungen, die sein Sohn veranlasste, zeigten, dass das Kronprinzenpaar zu Recht seine Privatpapiere nach Windsor gebracht hatte. Noch in der Nacht vor dem Tod seines Vaters ließ Kronprinz Wilhelm das Neue Palais von Gardehusaren, Gardeinfanteristen und Gardeulanen umstellen und unmittelbar nach dem Tod seines Vaters ließ der nunmehrige Kaiser Wilhelm II. das Schloss von Soldaten besetzen. Sämtliche Räume des vorherigen Kaiserpaares wurden durchsucht, um ihre Korrespondenz zu finden. Auf Grund der zuvor ergriffenen Vorsichtsmaßnahmen fanden die Suchenden allerdings nichts – Jahre später behauptete Wilhelm II., er hätte nach Staatspapieren gesucht. Viele Historiker neigen eher zu der Ansicht, er wollte die Briefe seiner Eltern beschlagnahmen, durch die er sich in seiner Reputation bedroht sah. Das Leichenbegängnis für Kaiser Friedrich III. fand in Potsdam weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Kaiserin Friedrich, wie sich Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha zum Angedenken ihres Mannes fortan nannte, nahm an der offiziellen Beisetzung des Sarges in der Friedenskirche nicht teil, sondern wohnte dem Trauergottesdienst auf Krongut Bornstedt bei.

Kaiser Wilhelm II. beanspruchte den Wohnsitz des Kaiserpaars, das Neue Palais für sich. Sanssouci wurde der Kaiserin Friedrich als Witwensitz verwehrt. Nach längerem Suchen fand sie in Kronberg im Taunus ein Grundstück, auf dem sie ihren Witwensitz Schloss Friedrichshof errichten ließ. Zustatten kam ihr dabei, dass sie kurz zuvor die Erbschaft der Maria Brignole, Herzogin von Galliera (1811-1888) in Höhe von einigen Millionen Mark angetreten hatte, die sie für den Bau und Ausbau des Schlosses aufwandte. Auf Friedrichshof verbrachte sie den größten Teil des Jahres, den Rest der Zeit unternahm sie Reisen. Ihre politischen Ansichten blieben liberal, was das angespannte Verhältnis zum Kaiser Wilhelm II. fortbestehen ließ.

Nach wie vor widmete sie sich der Malerei. Sie hielt Kontakt mit der Kronberger Malerkolonie und tauschte sich besonders mit Norbert Schröder regelmäßig aus. Fester Bestandteile ihres Tagesablaufes auf Schloss Friedrichshof war daneben der morgendliche Ausritt, Lesen in der Bibliothek und Erledigen der Korrespondenz – nach wie vor schrieb sie regelmäßig ihrer Mutter. Gegen Ende des Jahres 1898 stellte man bei ihr Brustkrebs fest, der sie in den kommenden Jahren zunehmend ans Bett fesselte. Kaiserin Friedrich starb im August 1901 auf Schloss Friedrichshof – nur wenige Monate nach ihrer Mutter. Sie wurde neben ihrem Gemahl im Mausoleum der Friedenskirche im Park von Sanssouci in Potsdam beigesetzt. Schloss Friedrichshof und dessen Kunstsammlung vererbte sie an ihre Tochter Margarete, wodurch es in den Besitz des Hauses Hessen überging und heute zum Vermögen der Hessischen Hausstiftung gehört, die hier ihren Verwaltungssitz hat. Das Haus selbst wird als Fünf-Sterne-Hotel geführt.

Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha ist Namensgeberin des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums (KFG) in Bad Homburg vor der Höhe.

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Albert von Sachsen-Coburg und Gotha

Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha

Prinz Franz August Carl Albert Emmanuel von Sachsen-Coburg und Gotha, Herzog zu Sachsen, genannt Albert, (* 26. August 1819 auf Schloss Rosenau bei Coburg, Deutschland; † 14. Dezember 1861 auf Schloss Windsor, Berkshire, England) war der Ehemann Königin Victorias von Großbritannien und Irland und seit 1857 britischer Prinzgemahl (engl. Prince Consort).

Sein älterer Bruder war Ernst II., regierender Herzog im deutschen Doppelherzogtum Sachsen-Coburg und Gotha.

Albert von Sachsen-Coburg und Gotha war der zweite Sohn des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg, dessen Herzogtum knapp 2.000 Quadratkilometer und 140.000 Einwohner umfasste. Herzog Ernst hatte die Herrschaft über diesen deutschen Kleinstaat in politisch schwierigen Zeiten angetreten. 1803 war er frühzeitig für volljährig erklärt worden, nachdem sein Vater, Herzog Franz, schwer erkrankte und er sich an der Regierungsarbeit beteiligen musste. Als Erbprinz von Sachsen-Coburg-Saalfeld kämpfte Herzog Ernst in der preußischen Armee gegen die Truppen Napoleons. Als der Vater 1806 starb, war Sachsen-Coburg-Saalfeld von napoleonischen Truppen besetzt und stand unter französischer Verwaltung. Nur russischem Einfluss verdankte der Herzog, dass Sachsen-Coburg-Saalfeld nicht aufgelöst wurde und er nach dem Frieden von Tilsit im Jahre 1807 in seine landesherrlichen Rechte eingesetzt wurde. Der Zarenbruder Großfürst Konstantin Pawlowitsch war mit Julia von Sachsen-Coburg-Saalfeld, einer Schwester des Herzogs verheiratet und stellte sicher, dass sein Schwager sein herzogliches Erbe antreten konnte. Die Verlobung des Herzogs mit der russischen Großfürstin Anna Paulowna wurde allerdings gelöst. Auch zur geplanten Heirat mit Hermine von Anhalt-Schaumburg kam es nicht. Der Herzog konnte aber letztlich erfolgreich um Louise von Sachsen-Gotha-Altenburg werben, die die letzte legitime Nachkommin des Hauses Gotha war. Der Altersunterschied zwischen den beiden Ehepartnern war erheblich. Zum Zeitpunkt der Eheschließung am 31. Juli 1817 war die Braut 16 Jahre alt, der Bräutigam 33. Sie trennte außerdem viel an Lebenserfahrung. Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg war behütet aufgewachsen, während Ernst von Sachsen-Coburg wesentlich von den schwierigen Jahren der Koalitions- und Befreiungskriegen geprägt war.

Aus der Ehe zwischen Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld mit Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg gingen sehr schnell zwei Kinder hervor. Am 21. Juni 1818 kam der älteste Sohn zur Welt, der auf den Namen seines Vaters getauft wurde. Am 26. August 1819 folgte Franz August Carl Albrecht Emanuel, der von Beginn an Albert gerufen wurde. Herzogin Luise lebte mit ihren zwei Kindern im kleinen Schlösschen Rosenau, weil es mehr Annehmlichkeiten bot als die Ehrenburg in der Hauptstadt Coburg. Nach der Geburt der zwei Söhne, mit denen die Erbfolge gesichert schien, hielt sich Herzog Ernst dort nur selten auf. Das Anrecht auf außereheliche Beziehungen, das der Herzog für sich in Anspruch nahm, ließ er allerdings nicht in gleichem Maße für seine junge Ehefrau gelten. Bereits die vermutlich noch platonisch gebliebenen Flirtereien seiner Frau führten zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Ehepartnern. Die vermutlich erste ernsthaftere Affäre der Herzogin mit dem Kammerjunker Gottfried von Bülow endete vor einer Untersuchungskommission, vor der der Kammerjunker eingestand, es wäre zu „Vertraulichkeiten gekommen, zu denen nur die Ehe berechtigt“. Die zweite Affäre der Herzogin mit dem Offizier Alexander von Hanstein führte zur Trennung des Ehepaars. Die Scheidung wurde von Herzog Ernst allerdings bis zum Tode von Louises Vater und der Neuaufteilung der Herzogtümer unter dem Vorsitz des Königs von Sachsen im Jahre 1826 hinausgezögert. Im Rahmen dieser Neuaufteilung fiel Saalfeld an den Herzog von Sachsen-Meiningen; Coburg erhielt dafür Gotha, das Herzog Ernst nun als Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha in Personalunion, aber territorial und verwaltungsmäßig getrennt regierte. Louise von Sachsen-Coburg-Altenberg heiratete nach der Scheidung den mittlerweile zum Grafen von Poelzig erhobenen Alexander von Hanstein. Sie starb 30. August 1831 in Paris an Gebärmutterkrebs. Zu ihren Kindern hatte sie keinen Kontakt, seit sie 1824 das Herzogtum verlassen musste.

Die zwei Söhne des Herzogpaares wurden sehr früh in die Obhut eines Erziehers gegeben. Als Christoph Florschütz am 4. Mai 1823 zum „Herzoglichen Rat und Prinzen-Instructor“ ernannt wurde, war Prinz Albert noch nicht vier Jahre alt. Christoph Florschütz war der Sohn eines Coburger Gymnasiallehrers, hatte in Jena Theologie und Philosophie studiert und die anspruchsvolle Priesterkandidatsprüfung abgelegt. Er betreute die Herzogsöhne über die nächsten fünfzehn Jahre und war über lange Jahre ihre wichtigste Bezugsperson. Das Erziehungsprogramm, das die beiden Herzogssöhne bei Christoph Florschütz durchliefen, entsprach dem ihrer fürstlichen Zeitgenossen. Der Unterricht umfasste Deutsch, Geschichte, Naturwissenschaften, Philosophie und Geographie. Die Kinder mussten neben Latein auch Englisch und Französisch lernen. Herzog Ernst frühstückte zwar häufig mit seinen Söhnen und nahm sie gelegentlich zur Jagd mit, spielte aber in ihrer Erziehung nur eine nachrangige Rolle.

Über die Empfindungen Prinz Alberts nach der plötzlichen Trennung von seiner Mutter ist wenig bekannt. Weder seine Tagebücher sind in diesem Punkt aussagekräftig noch nimmt er in späteren Briefen dazu Stellung, obwohl die Scheidung der Eltern und die Erpressungsversuche der früheren Herzogsgeliebten Pauline Panam Gesprächsstoff an den europäischen Fürstenhof waren. Lediglich seine Tochter Victoria berichtet später, dass ihr Vater ihr häufig erzählt habe, dass er seine Kindheit als unglücklich und elend empfunden und er sich oft aus dieser Welt fortgewünscht habe. Seine Zeitgenossen aus diesen Jahren schilderten Prinz Albert später als umsichtig, willensstark und wissensdurstig, begabt mit Pflichtgefühl, schneller Auffassungsgabe und gesundem Menschenverstand.

Zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im Leben des jungen Prinz Alberts zählte sein Onkel Leopold, der jüngste Bruder seines Vaters. Dieser hatte, obwohl nur an dritter Stelle in der Erbfolge eines unbedeutenden deutschen Kleinstaates, eine der wechselvolleren Karrieren eines europäischen Fürstensohnes im 19. Jahrhunderts aufzuweisen. Während der Zeiten der französischen Verwaltung von Sachsen-Coburg-Saalfeld, als Herzog Ernst als rechtmäßiger Thronfolger das Herzogtum nicht betreten konnte, hatte Prinz Leopold zunächst seiner verwitweten Mutter, der Herzogin Auguste beigestanden. Nach dem Scheitern von Napoleons Russland-Feldzug und der Gründung der preußisch-russischen Allianz, trat er in russische Militär-Dienste und zeichnete sich als Kavalleriekorps-Kommandeur in der Schlacht bei Kulm und der Leipziger Völkerschlacht durch persönliche Tapferkeit aus. Als der Zar 1814 den englischen Königshof besuchte, gehörte der jüngste Bruder der Zarenschwägerin zum russischen Gefolge und vieles wies darauf hin, dass er Karriere am Zarenhof machen würde. Die präsumtive englische Thronfolgerin Charlotte Augusta, für die man bereits den Ehevertrag mit dem Prinzen von Oranien aushandelte, verliebte sich in den gut aussehenden und wegen seiner militärischen Heldentaten berühmten Prinzen Leopold. Gegen den Widerstand ihres Vaters, Prinzregent Georg, löste die willensstarke Prinzessin von Wales ihre Verlobung mit dem Prinzen von Oranien und heiratete am 2. Mai 1816 Prinz Leopold. Die Rolle des Prinzgemahls der englischen Königin blieb Prinz Leopold allerdings verwehrt: Prinzessin Charlotte starb 1817 an den Folgen einer Totgeburt. Das englische Königshaus war damit ohne legitime Nachkommen. Da es unwahrscheinlich war, dass Georg IV., dessen Ehe mit Caroline von Braunschweig vollständig zerrüttet war, noch thronfolgeberechtigte Nachkommen haben würde, begannen die jüngeren Brüder des englischen Regenten unter den protestantischen Prinzessinnen Europas nach geeigneten Ehepartnerinnen zu suchen. Eduard August, Herzog von Kent und Strathearn hielt schließlich um die Hand von Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld an, der zweitjüngsten Schwester von Prinz Leopold und Herzog Ernst, mittlerweile eine verwitwete Fürstin von Leiningen und Mutter von zwei Kindern. Der verwitwete Prinz Leopold blieb über das nächste Jahrzehnt am britischen Hof, wo er seiner bald erneut verwitweten Schwester beistand, deren kleine Tochter Victoria aus der Ehe mit dem Herzog von Kent möglicherweise eines Tages den englischen Thron besteigen würde. Im Juni 1831 wählte der Brüsseler Nationalkongress Prinz Leopold zum belgischen König und er residierte ab diesem Zeitpunkt in Brüssel.

Im Sommer 1836 traf Herzog Ernst mit seinen beiden Söhnen in London ein, um seiner Schwester und ihrer Tochter Victoria die Aufwartung zu machen. König Wilhelm war über den Besuch wenig angetan, weil er eigene Heiratspläne für seine Thronfolgerin verfolgte. Erst wenige Tage vor dem Besuch der Coburger Herzogsfamilie war Alexander von Oranien der Prinzessin Victoria vorgestellt worden, den der britische König für einen geeigneten Ehekandidaten hielt. Prinzessin Victoria fand den niederländischen Prinzen jedoch wenig ansprechend. Für die beiden Coburger Prinzen konnte sie sich mehr erwärmen, nach ihrer Abreise schrieb sie an ihren Onkel König Leopold, dass Albert alle Eigenschaften besäße, die sie sich wünsche. Zum ersten Mal habe sie Aussicht „auf ein große Glück“. Der Brief an ihren Onkel in Belgien ist ein Beleg dafür, dass Prinzessin Victoria wusste, dass König Leopold in Prinz Albert den richtigen Ehekandidaten für sie sah. Prinz Albert erfuhr dagegen nach den wenigen vorhandenen Dokumenten wahrscheinlich erst im März 1838 von diesem Vorhaben, obwohl Christian Stockmar dem belgischen König nahe gelegt hatte, den Prinzen frühzeitig einzuweihen.

Nach dem Londoner Aufenthalt und einer Stippvisite in Paris verbrachten die beiden Herzogssöhne die nächsten 10 Monate in Brüssel. Gemeinsam mit ihrem Erzieher Christoph Florschütz hatten sie ein kleines Häuschen in der belgischen Hauptstadt bezogen. König Leopold hatte für die beiden Prinzen eine Reihe vorzüglicher Lehrer engagiert, darunter den Mathematiker, Physiker und Meteorologen Lambert Quetelet, mit dem Albert bis an sein Lebensende korrespondierte. Die Erfahrungen in Belgien, das ähnlich wie in England eine konstitutionelle Monarchie hatte, waren für Prinz Albert prägend. Unter dem Einfluss seines welterfahrenen Onkels scheint Prinz Albert erstmals erfasst zu haben, dass sich Mitteleuropa in einem Prozess wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs befand. Sowohl Prinz Albert wie Prinz Ernst sei in Brüssel „der Glaube an Liberalität und Humanismus, an Recht und Pflicht und an die Verfassung eingeimpft“ worden, schreibt Prinz Alberts Biograph Hans Joachim Netzer über diesen Aufenthalt.

Nach dem Aufenthalt in Brüssel studierten die beiden Herzogsöhne für anderthalb Jahre an der Universität Bonn, wobei sie erneut Christoph Florschütz begleitete. Es war nicht geplant, dass sie das Studium mit einem akademischen Grad beenden sollten. Die Prinzen, die sich beide in der juristischen Fakultät immatrikulierten, sollten sich lediglich einen Einblick in Fächer verschaffen, die ihnen in ihrer späteren Karriere nützlich sein könnten: Staatsrecht, Finanzwissenschaft, Nationalökonomie. Sie hörten auch Vorlesungen in Philosophie und Naturwissenschaften. 1838 trennte sich der Lebensweg der beiden Brüder. Auch Christoph Florschütz konnte sein Amt als Prinzenerzieher aufgeben. Erbprinz Ernst ging an den Hof von Dresden, um in der dortigen Armee eine militärische Ausbildung zu erhalten. Prinz Albert bereiste ab Dezember 1838 für ein halbes Jahr Italien. In seiner Begleitung war Christian Stockmar, der langjährige Berater von König Leopold.

Das Heiratsprojekt mit Victoria, seit einigen Monaten Königin des Vereinigten Königreiches, schien dagegen zu verblassen. Auf den Brief, in dem ihr Prinz Albert zur Thronbesteigung gratulierte, antwortete Königin Victoria nur kühl. Auch das Verhältnis mit dem von ihr früher verehrten König Leopold war nicht mehr frei von Spannungen. Er hatte versucht, sich die Beziehungen zu ihr zu Nutze zu machen und sie für belgische Gebietsforderungen einzuspannen, was sowohl die Königin als auch ihren Premierminister Lord Melbourne gegen ihn einnahm. Ein von König Leopold intensiv gefördertes Eheprojekt konnte am britischen Hof als der Versuch des belgischen Königs verstanden werden, seinen Einfluss auf die englische Königin weiter zu stärken. König Leopold hatte daher auf Rat von Christian Stockmar davon abgesehen, in den Briefen an seine Nichte Prinz Albert weiterhin zu erwähnen. Königin Victoria, die ihre Thronbesteigung genutzt hat, um sich von dem einengenden Einfluss ihrer Mutter frei zu machen, hatte gegenüber Premierminister Lord Melbourne angedeutet, dass sie für die nächsten Jahre nicht zu heiraten gedenke. Im März 1838 war es außerdem zur Aussprache zwischen König Leopold und Prinz Albert wegen des Heiratsprojekts gekommen, wie Briefe von König Leopold an Christian Stockmar belegen. In diesem Gespräch hatte Prinz Albert darauf hingewiesen, dass er durchaus zu warten bereit wäre – aber nur wenn er eine hinreichende Sicherheit habe, dass die Ehe zu Stande käme. „Muß er noch drei, vier Jahre warten, so wird es ihm unmöglich, eine neue Karriere zu anzufangen, und sein ganzes Leben ist ihm verdorben, wenn die Königin ihren Sinn ändert. “, schrieb König Leopold an seinen langjährigen Vertrauten Christian Stockmar.

Zum Zeitpunkt ihrer Geburt war Königin Victoria die fünfte in der britischen Thronfolge gewesen und fast nichts hatte vermuten lassen, dass sie achtzehn Jahre später den englischen Thron besteigen würde. Vor ihr in der Thronfolge standen der Prinzregent Georg und seine jüngeren Brüder. Königin Victorias Vater Eduard August, Herzog von Kent und Strathearn war lediglich der viertgeborene Sohn Georg III. und es schien wahrscheinlich, dass aus den Ehen seiner älteren Brüder noch Kinder hervorgehen würden, die in der Thronfolge vor der Tochter des Herzogs von Kent stehen würden. Der Herzog von Kent starb acht Monate nach der Geburt seiner Tochter und hinterließ so hohe Schulden, dass die Herzogin gezwungen war, das Erbe auszuschlagen. Von ihrem Schwager, Georg IV., der wenige Tage nach dem Tod des Herzogs Georg III. auf dem britischen Thron nachfolgte, hatte sie keine Hilfe zu erwarten. Er war gegen die Ehe seines Bruders mit Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld gewesen und hätte es jetzt am liebsten gesehen, wenn die Herzogin von Kent mit ihrer Tochter nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Die Apanage, die der Herzogin zugebilligt wurde, war winzig. Ohne die finanzielle Unterstützung ihres Bruders Leopold, der ihr dringend anriet, in London zu bleiben, wäre die Herzogin nicht in der Lage gewesen, in London zu leben oder im Kensington Palace ein einigermaßen standesgemäßes Leben zu führen. Am Hofleben war sie nicht beteiligt. Der spätere belgische König Leopold war die engste Kontaktperson der Familie und wurde von Victoria später wiederholt als ihr zweiter Vater bezeichnet. Der ab 1830 in Brüssel lebende Leopold konnte allerdings nicht verhindern, dass seine Schwester zunehmend unter den Einfluss von John Conroy geriet, den der Herzog von Kent als Nachlassverwalter eingesetzt hatte. John Conroy setzte darauf, dass die Ehen der älteren Königsbrüder kinderlos blieben und Prinzessin Victoria in noch unmündigem Alter gekrönt würde. In diesem Fall würde die Herzogin von Kent als Regentin herrschen – für John Conroy die Möglichkeit, über sie die britische Regierungspolitik zu bestimmen. In John Conroys Interesse lag es daher, dass die Herzogin und ihre Tochter möglichst wenig Kontakte zu englischen Hofkreisen hatten. Die später als Kensington-System bezeichnete gezielte Isolation der Thronfolgerin sorgte dafür, dass die Prinzessin ohne gleichaltrige Spielgefährtinnen aufwuchs und nur unzureichend auf ihre künftige Rolle als Monarchin vorbereitet wurde. Selbst die Thronbesteigung von Wilhelm IV., der seine Nichte gerne häufiger am Hofe gesehen hätte, änderte dieser Situation nicht. Die heranwachsende Prinzessin widersetzte sich allerdings zunehmend den Versuchen von John Conroy und ihrer Mutter, Macht und Einfluss über sie zu erlangen. 1835 kam es deshalb zum Bruch zwischen der Mutter und ihrer zu diesem Zeitpunkt erst 17-jährigen Tochter. Unterstützung fand die Prinzessin bei ihrem Onkel Leopold. König Leopold hatte anders als bei seinem Neffen Prinz Albert nicht direkt in die Erziehung der Prinzessin eingreifen können. Er hatte jedoch wenige Jahre nach seiner Besteigung des belgischen Thrones begonnen, ihr regelmäßig zu schreiben und ihr Bücher und Manuskripte zuzusenden, die sie auf ihre zukünftige Rolle vorbereiten sollten. Als 1836 der sich zunehmend verschlechternde Gesundheitszustand von Wilhelm IV. deutlich machte, dass die Thronbesteigung Victorias unmittelbar bevorstand, stellte König Leopold ihr außerdem Christian von Stockmar als Berater zur Seite. Mit Stockmars Hilfe gelang es der Prinzessin, sich den letzten Versuchen von John Conroy zu entziehen, sich eine Machtposition am englischen Königshof zu sichern.

Unter dem Einfluss von Premierminister Melbourne verlief das erste Regierungsjahr von Königin Victoria erfolgreich. Danach sorgte eine Reihe von Skandalen dafür, dass die junge Königin das öffentliche Wohlwollen verlor, das sie am Beginn ihrer Regentschaft genossen hatte. Aus Angst, den ihr vertrauten Premierminister zu verlieren, verhinderte sie einen Machtwechsel von den Whigs zu den Tories, was eine Verfassungskrise auslöste. Ihr scheinbar herzloses und unkluges Verhalten in der Flora-Hastings-Affäre kostete sie zusätzlich öffentliche Sympathien. In der britischen Öffentlichkeit forderte man zunehmend, dass sich die Königin verheiraten sollte. Sie selber hatte Angst vor Schwangerschaft und Sorge, dass ein Ehemann sie zu beherrschen versuche, wie dies zuvor ihre Mutter und John Conroy versucht hatten.. König Leopold hatte sie daher in der ersten Monaten des Jahres 1839 mitgeteilt, dass sie sich nicht mit Prinz Albert als verlobt betrachte. Der König konnte jedoch für den Herbst des Jahres einen Besuch von Prinz Albert und seinem Bruder Ernst durchsetzen.

Prinz Albert und Prinz Ernst trafen am 10. Oktober 1839 am britischen Königshof ein. In ihrem Tagebuch hielt die Königin fest: Ich erblickte Albert mit einiger Bewegung, er ist schön Bereits am 14. Oktober besprach sie mit Premierminister Melbourne den möglichen Hochzeitstermin; am 15. Oktober hielt sie – wie es das Protokoll von ihr verlangte - um Prinz Alberts Hand an. Ich bin der glücklichste Mensch, hielt die Königin unmittelbar nach der Verlobung in ihrem Tagebuch fest.

Erst im November 1839 informierte Königin Victoria den Kronrat von ihrer bereits für den 10. Februar 1840 geplanten Hochzeit. Die Reaktionen der britischen Öffentlichkeit auf die geplante Hochzeit waren überwiegend ablehnend. Der Prinz aus dem kleinen Coburg galt als der Königin nicht ebenbürtig; in Großbritannien erschienen Spottverse, dass die Königin eine halbe Krone hergegeben habe, um einen Ring zu erhalten. Andere Spottverse spielten auf die zunehmend rundlicheren Formen Königin Victorias an und unterstellten Prinz Albert, dass er Englands dicke Königin nur wegen ihres noch dickeren Geldsackes nähme. Gerüchte zirkulierten, die Prinz Albert die eheliche Abstammung absprachen und in ihm das Produkt einer der Seitensprünge Louise von Sachsen-Gotha-Altenburgs sehen wollten. Der Herzog von Wellington als Anführer der politischen Opposition verlangte Gewissheit, dass Albert tatsächlich protestantischen Glaubens sei, worauf Prinz Albert in einem Brief darauf hinwies, dass ohne das Haus Sachsen der Protestantismus gar nicht existieren würde. Es fehlte an vergleichbaren Präzedenzfällen in der britischen Geschichte, welchen Rang der Gemahl einer regierenden Königin einnehmen solle und Premierminister Melbourne nahm hin, dass diese Fragen zu Ungunsten Prinz Alberts gelöst wurden. So blieb Albert mit der Hochzeit ein einfacher Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha und wurde nicht zum Prince Consort erhoben. Das britische Parlament, das 23 Jahre zuvor Prinz Leopold als Gemahl der präsumtiven englischen Thronfolgerin Charlotte noch eine jährliche Apanage von 50.000 Pfund gewährt hatte, billigte Prinz Albert als Gemahl der Königin nur noch 30.000 Pfund zu. Den Affront nahm Königin Victoria so persönlich, dass sie erwog, den Herzog von Wellington nicht zur Hochzeit einzuladen.

Die Hochzeitsvorbereitungen führten auch zu ersten Spannungen zwischen den Brautleuten. Prinz Albert wollte sein persönliches Hofpersonal wenigstens teilweise zusammenstellen und – vom Beispiel König Leopolds geschult – einen Stab haben, der entweder gleichermaßen aus Anhängern von Tories und Whigs bestand oder politisch neutral war. Königin Victoria bestimmte ohne Berücksichtigung der Wünsche ihres zukünftigen Ehemannes alle Mitglieder seines Haushaltes und wählte beeinflusst von Premierminister Melbourne ausschließlich Anhänger der Whigs. Zum Privatsekretär – dem wichtigsten Amt im prinzlichen Haushalt – ernannte sie George Anson, der in gleicher Funktion Premierminister Melbourne diente. In einem Brief an seine Verlobte fragte Prinz Albert, was eigentlich im Falle eines Regierungswechsel passieren solle: Ein vollständige Auswechselung des Haushalts oder müsse sein Stab dann konvertieren und zu Tories werden?. Prinz Albert konnte immerhin erreichen, dass George Anson sein Amt beim Premierminister niederlegte. Die Bevorzugung der Königin für die Partei der Whigs setzte sich auch bei der Trauung fort. Nur fünf Tories wurden eingeladen, um am 10. Februar 1840 in der kleinen Kapelle des St. James’ Palace der Hochzeitszeremonie beizuwohnen.

An der isolierten Position von Prinz Albert war auch die Baronin Lehzen nicht unbeteiligt. Sie war ab 1824 Königin Victorias Erzieherin gewesen und hatte ihr in der schwierigen Zeit beigestanden, als diese sich gegen die Beeinflussung von John Conroy und der Herzogin von Kent wehrte. Das Vertrauensverhältnis zwischen Baronin Lehzen und der Königin war dementsprechend groß. Die Baronin begleitete keine offizielle Position, agierte aber als eine Art inoffizielle Privatsekretärin, die alle Rechnungen des Hofes gegenzeichnete und an die sich Königin Victoria als erstes wand, wenn sie Rat suchte. Prinz Albert war sich der einflussreichen Rolle der Baronin bewusst und sah in ihr die Ursache für alles, was aus seiner Sicht am englischen Königshof verkehrt lief. In für ihn ungewohnter Schärfe nannte er sie einen „feuerspeienden Hausdrachen“.

Der bislang ohne politischen Einfluss gebliebene Prinz Albert hatte seine Studientätigkeit wieder aufgenommen. Er wurde Mitglied der Royal Society, studierte gemeinsam mit einem Londoner Anwalt englisches Recht, übernahm das Präsidentschaftsamt der Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei, beschäftigte sich mit den umfangreichen Archiven in Windsor und ließ die Gärten und Parks dieses königlichen Schlosses neu umgestalten. Er begann mit dem Aufbau eines landwirtschaftlichen Mustergutes und bildete aus den Arabern des königlichen Reitstalls ein kleines Gestüt. Die weitgehend einflusslose Rolle des Prinzen änderte sich mit der Geburt der ersten Kinder. Königin Victoria war unmittelbar nach der Hochzeit schwanger geworden. Am 21. November 1840 erblickte die nach ihr benannte Princess Royal Victoria das Licht der Welt und Prinz Albert nahm auf Premierminister Melbournes Einladung erstmals am Kronrat teil. Kurz danach war die Königin erneut schwanger. Während dieser zweiten Schwangerschaft wurde Prinz Albert erstmals ohne Wissen und Zustimmung der Königin politisch aktiv. Es war absehbar, dass angesichts der politischen und finanziellen Lage des Landes ein Wechsel der Regierung anstand. 1839 zuvor hatte die sogenannte Hofdamen-Affäre der jungen Königin viele Sympathien in ihrer Bevölkerung gekostet. Sie hatte dem Tory Robert Peel die Ernennung zum Premierminister verweigert, weil mit dem Regierungswechsel auch alle ihre Hofdamen, die sämtlich der Partei der Whigs zuzurechnen war, ausgetauscht werden sollten. Prinz Albert begann mit Robert Peel zu verhandeln, um eine ähnliche Situation zu vermeiden und einigte sich mit ihm, dass im Falle eines Regierungswechsels nur drei der Hofdamen seiner Frau den Hof verlassen mussten und gegen Anhängerinnen der Torys ausgetauscht werden sollten. Königin Victoria war über diese Einigung wütend, fand sich aber dann mit ihr ab. Es war gleichzeitig der erste Schritt, der den englischen Königshof politisch neutralisierte. Geschult durch König Leopold und Christian von Stockmar war Albert der Überzeugung, dass in einer konstitutionellen Monarchie, in der der Premierminister in erster Linie dem Parlament verpflichtet war, das Königshaus über den tagespolitischen Ereignissen und parteipolitischen Entscheidungen stehen solle.

Ähnlich diskret wie die Lösung der Hofdamen-Frage leitete Prinz Albert auch den Abschied der Baronin Lehzen ein, die sich mit einer angemessenen Pension versehen im deutschen Bückeburg zur Ruhe setzte. Königin Victoria reagierte zwar gereizt, als ihr Mann ihr mitteilte, dass die Baronin sich in zwei Monaten aus gesundheitlichen Gründen vom Hofe zurückziehen werde, nahm es aber dann hin.

Königin Victoria, die ihre ersten fünf Kinder in sechs Jahren zur Welt brachte und innerhalb von 17 Jahren 9-fache Mutter wurde, empfand jede ihrer Schwangerschaft als Qual und Zumutung. Mit Neugeborenen konnte sie nichts anfangen; ihre ungerichteten Bewegungen empfand sie als froschartig und wenig anziehend. Prinz Albert dagegen war ein begeisterter Vater, der die Geduld fand, den Kleinen bei ihren ersten Versuchen behilflich zu sein, sich selbst anzuziehen, der später mit seinen Kindern Schmetterling jagte, Drachen steigen ließ, Schneemänner baute, mit ihnen Schlittschuh lief und rodeln ging.

Weder Königin Victoria noch Prinz Albert hatten anfangs Erfahrung mit dem Heranwachsen von Kleinkindern. In der für ihn charakteristisch pedantischen Art hatte Prinz Albert nach der Geburt seiner ersten Tochter eine Reihe von Memoranden verfasst, die detailliert festhielt, wie ihre Erziehung verlaufen sollte. Anlässlich der Geburt von Prinz Edward, der wegen seines Geschlechts in der Thronfolge vor seiner älteren Schwester rangierte, verfasste Christian von Stockmar zusätzlich eine 48-seitige Denkschrift, die die Grundprinzipien der Erziehung der königlichen Kinder festhielt. Als mahnendes Beispiel stand sowohl dem königlichen Ehepaar als auch Christian von Stockmar das Leben von Königin Victorias Vater und seinen Brüdern vor Augen. Ihr hemmungsloses, verschwendungssüchtiges Leben hatte der britischen Monarchie viel Ansehen gekostet. Der Ehekonflikt zwischen Georg IV. und Caroline von Braunschweig hatte das Vereinigte Königreich gar an den Rand einer Revolution geführt. Der Ehrgeiz beider Elternteile war es, ihre Kinder nicht nur zu moralisch gefestigten Persönlichkeiten heranwachsen, sondern sie sollten auch glänzend auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet sein. Prinzessin Victoria erhielt bereits mit anderthalb Jahren eine Lehrerin, die sie in Französisch unterrichtete. Mit drei Jahren kam zusätzlich deutscher Sprachunterricht hinzu. Die intelligente und lernbegierige Prinzessin Victoria wurde den hohen Anforderungen ihrer Eltern gerecht; ihr jüngerer Bruder Edward tat sich dagegen deutlich schwerer im Lernen.

Die Kinder sollten möglichst lange von dem potentiell korrumpierenden Einfluss des Hofes ferngehalten werden. Nachdem sich der Royal Pavilion in Brighton als ungeeignet für Familienurlaube erwies, weil die Kinder nicht nach draußen konnten, ohne ständig den Blicken von Neugierigen ausgesetzt zu sein, erwarben Königin Victoria und Prinz Albert Osborne House auf der Isle of Wight.

Albert übernahm zahlreiche soziale Aufgaben. 1851 setzte er seine Idee, die erste Weltausstellung in London in die Tat um. Er organisierte sie nicht nur, sondern fertigte die Pläne für den Ausstellungsort, den Crystal Palace an. Albert war Präsident der Royal Agricultural Society. 1847 wählte ihn die Universität Cambridge zum Kanzler. Englands erste Entwürfe für Arbeiterwohnungen gingen auf Albert zurück. Die Häuser sollten feuerfest sein, über Wasserleitungen und Toiletten mit Wasserspülung verfügen.

Seine Leidenschaften waren Komponieren, Landwirtschaft und Gartenarchitektur. Als Komponist hat er zahlreiche Vokal-Werke hinterlassen. Auch eine Oper gehörte zu seinem Schaffen.

Prinz Albert starb im Alter von 42 Jahren - offiziell an Typhus, was auch den schlechten sanitären Verhältnissen auf Windsor-Castle zugeschrieben wurde. Neuere Mutmaßungen gehen hingegen von Magenkrebs (Krebsleiden) aus. Als Albert starb, hinterließ er Victoria in völliger Verzweiflung, die sie deutlich in etlichen Briefen an ihre Verwandten zum Ausdruck brachte.

Ihre Trauer nahm seltsame Formen an - so blieb sein Schlafzimmer unverändert über die Jahrzehnte und jeden Abend wurde warmes Wasser in sein Zimmer gestellt und auch das Bettzeug wurde regelmäßig gewechselt. Victoria soll Gewissensbisse gehabt haben, dass ihre Trauer mit der Zeit nachließe. Die Schuld an Alberts Tod gab sie ihrem ältesten Sohn und Thronfolger Albert Eduard, der aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils an seinem Studienort Cambridge vom bereits fiebernden Vater drei Wochen vor dessen Tod besucht worden war, um ihn zur Ordnung zu rufen. Albert wurde nicht in der Sankt Georgs Kapelle von Schloss Windsor, sondern im Mausoleum von Frogmore bei Schloss Windsor beerdigt, das Queen Victoria eigens für sie beide in Auftrag gegeben hatte und in dem sie 40 Jahre später neben ihm zur Ruhe gebettet wurde.

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Beatrice von Sachsen-Coburg und Gotha

Prinzessin Beatrice von Sachsen-Coburg und Gotha um 1904

Prinzessin Beatrice Leopoldine Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha, sowie Prinzessin von Großbritannien und Irland VA (* 20. April 1884 in Eastwell Park, Kent; † 13. Juli 1966 in Sanlúcar de Barrameda, Spanien) war ein Mitglied der britischen Königsfamilie und durch Heirat Prinzessin d’Orléans-Bourbon.

Prinzessin Beatrice war die jüngste Tochter von Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, dem zweitältesten Sohn Königin Victorias, und seiner Ehefrau Großfürstin Maria Alexandrowna Romanowa, Tochter von Zar Alexander II. von Russland. Somit war sie sowohl Mitglied des britischen Königshauses, als auch des deutschen Hauses Sachsen-Coburg und Gotha, und heiratete schließlich in das spanische Königshaus ein. Beatrice verbrachte einen Großteil ihrer Jugend auf Malta, wo ihr Vater als Marineoffizier stationiert war. Nach dem Tod ihres kinderlosen Großonkels, Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha am 22. August 1893, fiel der Titel an Beatrices Vater. Daraufhin zog die Familie in ihr neues Heim nach Coburg.

Im Jahre 1902 hatte Beatrice eine Beziehung mit dem Großfürsten Michail Alexandrowitsch Romanow, jüngerer Bruder des russischen Zaren Nikolaus II. und zu dem Zeitpunkt an erster Stelle der russischen Thronfolge. Eine Ehe kam jedoch nicht zustande, da die orthodoxe Kirche eine Ehe zwischen Cousins ersten Grades verbot. Später hieß es, Beatrice werde König Alfons XIII. von Spanien heiraten – als dieser jedoch 1906 ihre Cousine Prinzessin Victoria Eugénie von Battenberg heiratete – stellte sich dieses als Gerücht heraus. Auf der Hochzeit sollte Beatrice jedoch ihren zukünftigen Mann, Prinz Alfonso d’Orléans-Bourbon, einen Cousin König Alfonsos, kennenlernen. Das spanische Königshaus war über diese Verbindung jedoch alles andere als erfreut und machte früh klar, dass, wenn es zu einer Ehe kommen sollte, das Paar ins Exil gehen müsse. Die Hochzeit fand am 15. Juli 1909 in Coburg, nach katholischem und protestantischem Ritus statt. Bis das Paar 1912 nach Spanien zurückkehren durfte, lebten Alfonso und Beatrice in Coburg. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Alvaro (1910–1997), Alfonso (1912–1936) und Ataulfo (1913–1974).

Die Ehe König Alfons XIII. war sehr unglücklich, er hatte daraufhin Affären mit anderen Frauen und auch mehrere außereheliche Kinder. So kam es dazu, dass auch Beatrice vorgeworfen wurde, eine Affäre mit dem König zu haben. Obwohl dies nie nachgewiesen wurde, bestand die Mutter des Königs, Königinmutter Maria Christina darauf, Beatrice erneut ins Exil zu schicken. Daraufhin lebte die Familie in England. Das spanische Königshaus lenkte schließlich ein und ihnen wurde gestattet nach Spanien zurückzukehren, wo sie sich in Sanlúcar de Barrameda niederließen.

Die Reaktion der Spanischen Bevölkerung auf die, durch den König Alfons XIII. geleistete aktive Unterstützung der Militärdiktatur Primo de Riveras führte 1931 zum Zusammenbruch der spanischen Monarchie und den Verlust eines großen Teils der Besitztümer des spanischen Königshauses. Beatrice und Alfonso verloren ihren Wohnsitz, und ihr Sohn Alfonso fiel im Kampf für die Einführung des Franquismus.

Beatrice verstarb am 13. Juli 1966 in Sanlúcar de Barrameda: Alfonso überlebte sie um neun Jahre.

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Kensington System

Prinzessin Victoria im Alter von vier Jahren

Als Kensington System wird das Vorgehen bezeichnet, mit dem sich in den Jahren zwischen 1820 und 1837 John Conroy sich über eine mögliche englische Regentschaft der Herzogin von Kent Einfluss auf die britische Politik sichern wollte.

Die Herzogin war aus der Ehe mit Eduard August, Herzog von Kent und Strathearn Mutter der Prinzessin Victoria. Diese war zum Zeitpunkt ihrer Geburt die fünfte in der englischen Thronfolge. Vor ihr in der Thronfolge standen ihr Vater und seine älteren Brüder Georg, Friedrich August und Wilhelm . Die Ehe des englischen Prinzregenten Georg mit Caroline von Braunschweig war vollständig zerrüttet, es war unwahrscheinlich, dass aus dieser Ehe noch legitime englisch Thronnachfolger hervorgehen würde. Prinz Friedrich August verstarb kinderlos 1827. Prinz Wilhelm hatte zwar nicht weniger als zehn illegitime Kinder, seine Ehe mit Adelheid von Sachsen-Meiningen allerdings blieb kinderlos.

Der Herzog von Kent, der 1820, knapp acht Monate nach der Geburt seiner Tochter verstarb, hatte John Conroy zu seinem Nachlassverwalter ernannt. Dieser nutzte seine Rolle aus, um zunehmend auf den Haushalt der Herzogin von Kent Einfluss zu gewinnen. Er setzte darauf, dass die Ehen der älteren Herzogsbrüder sämtlich kinderlos bleiben und damit Prinzessin Victoria auf dem englischen Thron nachfolgen würde. Angesichts des hohen Alters der Herzogsbrüder würde dies vermutlich zu einem Zeitpunkt erfolgen, zu dem die Prinzessin noch unmündig war. In diesem Falle würde vermutlich die Herzogin von Kent zur englischen Regentin ernannt werden, die an Stelle ihrer noch nicht volljährigen Tochter die Herrschaft ausüben würde. Dies würde ihm dann Einfluss und Macht sichern.

Um sich den Einfluss auf die Herzogin und ihre Familie zu sichern, war es notwendig, dass diese möglichst wenig Kontakt zum englischen Königshof hatte. Unter Georg IV. war dies einfach: Der König, der wenige Tage nach dem Tod seines Bruders, dem Herzog von Kent den englischen Thron bestiegen hatte, hatte der Ehe mit Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld kritisch gegenüber gestanden und es am liebsten gesehen, wäre die Herzogin mit ihrer Tochter nach Deutschland zurückgekehrt. Als Wilhelm IV. 1830 den Thron bestieg, änderte sich dies. Er hätte seine Nichte gerne häufiger am englischen Thron gesehen. John Conroy verhinderte dies jedoch. Zu den wenigen Spielgefährtinnen der englischen Thronfolgerin gehörte John Conroys Tochter: Erzieherin der Princes of Wales blieb Louise Lehzen, die wenig dazu in der Lage, die Thronfolgerin auf ihre Rolle als zukünftige Monarchin vorzubereiten. Für die Prinzessin Victoria bedeutete John Conroys Versuch, sich über eine Einflussnahme auf sie und ihre Mutter Macht und Einfluss zu sichern, eine unglückliche und isolierte Kindheit. 1835 kam es wegen John Conroy außerdem zum Bruch mit ihrer Mutter.

Als Prinzessin Victoria 1837 als Königin Victoria den englischen Thron bestieg, erhielt John Conroy keinen offiziellen Posten am Hofe. Er blieb allerdings Mitglied des Haushalts der Herzogin von Kent.

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Source : Wikipedia