Philip Roth

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Geschrieben von goldorak 31/03/2009 @ 12:18

Tags : philip roth, schriftsteller, literatur, kultur

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Philip Roth

Philip Milton Roth (* 19. März 1933 in Newark, New Jersey) ist ein US-amerikanischer Romancier und gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Er lebt auf einer Farm in Connecticut.

Roth stammt aus einer jüdischen Familie. Seine Großeltern, die aus Osteuropa emigrierten, sprachen Jiddisch. Roth selbst besuchte die jüdische Weequahic High School und studierte 1950-51 an der Rutgers University. 1954 erwarb er an der Bucknell University in Lewisburg/Pennsylvania den B.A. in Englisch, graduierte ein Jahr darauf in Chicago zum M.A. und erhielt die Lehrerlaubnis. 1955-56 diente er in der Armee, anschließend war er von 1956-58 Dozent für Englische Literatur an der University von Chicago. 1959/60 war er Guggenheim-Stipendiat, danach lehrte er bis 1962 an der University of Iowa Creative Writing. Als Writer-in-Residence verbrachte er die Jahre 1962 bis 1980 erst in Princeton, dann an der University of Pennsylvania. Ab 1989 nahm Roth eine Dozententätigkeit für Creative Writing am Hunter College in New York wahr.

Roths Ehe mit Margaret Martinson hielt von 1959–63; 1968 starb Martinson bei einem Autounfall. (Biographische Details aus dieser von Anfang an unglücklichen Ehe flossen später in den Roman Mein Leben als Mann ein.) Von 1975 an lebte er mit Claire Bloom, einer britischen Schauspielerin, die vor allem durch ihre Rolle in Charlie Chaplin's Limelight bekannt wurde. 1990 heirateten Roth und Bloom, 1994 wurde diese Ehe geschieden.

Seit Ende der 1950er Jahre ist Roth schriftstellerisch tätig und publizierte mit großem Erfolg Romane, Erzählungen und Essays. Sowohl sein jüdischer Familienhintergrund als auch seine Eheerfahrungen fließen in seine Werke ein, ohne dass Roth ein spezifisch jüdischer Autor wäre. Sein Thema ist die gesamte amerikanische Gesellschaft. So ist Mein Mann, der Kommunist eine literarische Antwort auf ein autobiographisches Buch, das Claire Bloom nach der Scheidung publizierte (Leaving a Doll's House), zugleich eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Hang der USA zur Diskriminierung Andersdenkender, wozu er auch die Behandlung der Kommunisten in der McCarthy-Ära zählt.

Portnoy's Complaint (deutsch: Portnoys Beschwerden) beschreibt u.a. neurotisierende Strukturen in jüdischen Familien der 50er Jahre in Amerika: Alexander Portnoy sitzt im Alter von 33 Jahren bei seinem Psychiater, um ihm zu beschreiben, warum er sich einerseits immer noch als braver Sohn seiner Eltern (mit all den dazugehörigen Einschränkungen) fühlen muss und andererseits – bereits seit seiner Pubertät – genau dagegen immer wieder revoltiert. Seine Art der Revolte ist die über die Sexualität, die er zuerst in wilden Phantasien, später auch real umsetzt, um endlich „erwachsen zu werden“ und sich aus der gefühlten Umklammerung seiner Eltern zu befreien. Mit der für damalige Verhältnisse unerhört klaren, vulgären Sprache bezüglich des Themas Sex löste Roth 1969 einen Skandal aus, erlangte aber auch Spitzenplätze in den Bestsellerlisten und internationalen Ruhm.

Der Stoff wurde 1971 unter der Regie von Ernest Lehman mit Richard Benjamin als Alexander Portnoy und Karen Black als „das Äffchen“ verfilmt.

Eine tragende Figur in Roths Werk ist der fiktive jüdische Schriftsteller Nathan Zuckerman. Er tritt zum ersten mal 1974 im Roman My Life As a Man (dt. Mein Leben als Mann) in Erscheinung als Alter Ego des von Roth erdachten Autors Peter Tarnopol. Ab 1979 tritt er als Protagonist und Erzähler der sogenannten Zuckerman-Trilogie auf, die aus den Romanen The Ghostwriter (dt. Der Ghostwriter), Zuckerman Unbound (dt. Zuckermans Befreiung) und The Anatomy Lesson (dt. Die Anatomiestunde) besteht und durch die Erzählung The Prague Orgy (dt. Die Prager Orgie) als Epilog ergänzt wird. Diese vier Bücher sind als Sammelausgabe unter dem Titel Zuckerman Bound (dt. Der gefesselte Zuckerman) veröffentlicht. Der Roman The Counterlife (dt. Gegenleben) wird zur einen Hälfte von Nathan Zuckerman erzählt, zur anderen von seinem Bruder Henry. Als Alter Ego Roths erlebt Zuckerman Erfolge, Schreibkrisen, neue Lebenswege und Altersmiseren. Die autobiografische Beziehung zwischen Schriftsteller und Erzähler nimmt in diesen Büchern einen gewissen Stellenwert ein. Als noch stärker selbstreferentiell erweisen sich jedoch einige von Roths Romanen der 80er und 90er Jahre, die von einer Figur namens Philip Roth erzählt werden. Erst Ende der 90er Jahre setzt Roth wieder Nathan Zuckerman als Erzähler ein, der diesmal jedoch nur in den Rahmenhandlungen als Protagonist auftritt. Nur in dem Maße, wie er selbst die Wahrheit über die Hauptfigur entdeckt, erfährt auch der Leser die Wahrheit – oder was Zuckerman dafür hält. In diesen drei späten Zuckerman-Romanen, der sogenannten amerikanischen Trilogie (American Pastoral; dt. Amerikanisches Idyll), I Married A Communist (dt. Mein Mann der Kommunist) und The Human Stain (dt. Der menschliche Makel)), setzt sich Philip Roth mit verschiedenen Episoden der amerikanischen Geschichte auseinander. In seinem 2007 erschienenen Roman Exit Ghost lässt Roth Zuckerman (der noch einmal eine Rückschau auf seine letztes Lebensjahrzehnt hält und beschreibt, wie er immer gebrechlicher wird und sich seine früher gelebten Eskapaden nur noch in seiner Phantasie abspielen können), mittlerweile über 70-jährig, sterben.

Patrimony (dt. Mein Leben als Sohn) ist ein autobiographischer Roman. Philip Roth erzählt die letzten Jahre seines Vaters, die von Krankheiten, Ängsten und dem Nichtwahrhabenwollen des Alters gekennzeichnet sind. Gleichzeitig begegnet auch der Sohn den ersten Vorboten seines Todes. Dies alles wird schonungslos, offen, detailliert und mit großer Sinnlichkeit beschrieben.

In American Pastoral - zu deutsch Amerikanisches Idyll - begegnet Zuckerman seinem Jugendidol, dem Helden der Schul-Football-Mannschaft Seymour Irving Levov, der ein erfolgreicher Geschäftsmann mit glücklichen Familienverhältnissen zu sein scheint. Nach Levovs unvermutet plötzlichem Tod stößt Zuckerman auf dessen früheres Leben, in dem die Ehe auseinanderbrach, nachdem die Tochter Merry als Terroristin mehrere Menschen umgebracht hatte. Deutsche Kritiker urteilten, wenn Roth allein diesen Roman geschrieben hätte, wäre sein Platz in der Hall of Fame gesichert. Für diesen Roman erhielt Roth 1998 den renommierten Pulitzer-Preis, die wichtigste US-amerikanische Literaturauszeichnung.

Mit The Human Stain - zu deutsch Der menschliche Makel - gelang Roth 1998 ein unumstrittenes Meisterwerk, für das ihn Kritiker neben Dostojewski stellten. Das englische Wort stain kann unterschiedlich übersetzt werden, z. B. als Makel, aber auch als (Schand-)Fleck. Der „Fleck“ im Titel des Romans ist eine Anspielung auf die Lewinsky-Affäre, die in der deutschen Übersetzung verloren geht.

Der Altphilologe Prof. Coleman Silk, ein Herr um die 70, wendet sich an den Schriftsteller Zuckerman, damit dieser ein Buch über ihn schreibe: Er sei fälschlich des Rassismus bezichtigt worden, seine Frau sei vor Kummer darüber gestorben. Zuckerman lehnt ab, schließt aber Freundschaft mit Silk, der ihm seine Geliebte Faunia Farley vorstellt, eine 34-jährige Putzfrau und Farmarbeiterin. Bald darauf verunglückt das ungleiche Paar. Zuckerman, der nicht an einen Unfall glaubt, recherchiert zum Leben der beiden. Er erfährt, dass Silk aus einer afroamerikanischen Familie stammt, bei der Armee als Weißer durchging, und sich für seine Ehe mit einer Jüdin von seiner Familie lossagte, um unabhängig von allen Klassifikationen und Rollenzwängen als weißer Jude zu leben. Der Preis dieser Freiheit ist hoch: Familie Silk wie Coleman Silk leiden an der Lebenslüge. Mit Faunias früherem Ehemann kommt schließlich die Problematik des Ex-Vietnamkämpfers ins Spiel, der nicht mehr in das normale Leben hineinfindet und zur Gefahr wird.

Der Roman hat unter anderem Bezüge zu dem Roman Passing der afroamerikanischen Autorin Nella Larsen, der ebenfalls das „Durchgehen“ als Weißer zum Thema hat.

Der menschliche Makel wurde 2003 von Regisseur Robert Benton mit Anthony Hopkins, Nicole Kidman und Ed Harris in den Hauptrollen verfilmt.

The Dying Animal - deutsch Das sterbende Tier - schildert das komplizierte Verhältnis eines alt gewordenen Universitätsprofessors zu einer viel jüngeren exilkubanischen Studentin. Der Erotomane durchlebt einen Schauder an zerfleischenden Gefühlen - Verfallenheit, Erniedrigung, Eifersucht und Angst vor dem eigenen Altern. Meisterhaft zieht Roth von dieser Ausgangskonstellation einer Liebesaffäre den Bogen zur Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der „sexuellen Revolution“, der menschlichen Vereinsamung in der modernen Single-Gesellschaft und der Frage nach der Kraft des Todes. "Das sterbende Tier" wurde 2008 von der spanischen Regisseurin Isabel Coixet unter dem deutschen Titel Elegy oder die Kunst zu lieben verfilmt; die Hauptrollen spielten Penélope Cruz und Ben Kingsley.

Im Original The Plot against America, siehe den Hauptartikel Verschwörung gegen Amerika.

Everyman (dt. Jedermann) beginnt mit der Beerdigung des namenlosen Protagonisten. Es folgt die (nicht streng chronologisch aufgebaute) Rückblende seines Lebens: die Kindheit in Elizabeth, wo er als zweiter Sohn eines Juweliers aufwächst; die erfolgreiche Karriere als Art-Director; seine drei Ehen mit zwei Söhnen aus der ersten, die ihn bis zu seinem Tod ablehnen, und einer Tochter aus der zweiten Ehe, die ihn liebt und bewundert; sein Widerstand gegen das Älterwerden und die Einsamkeit der letzten Jahre. Wie in Mein Leben als Sohn steht im Mittelpunkt ein Mensch, der nach einem dynamischen und erfolgreichen Leben sein Älterwerden nur schwer akzeptieren kann.

Die ISBN beziehen sich, sofern erschienen, auf die deutschsprachige gebundene Ausgabe.

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Verschwörung gegen Amerika

Poster zu einer Bühnenadaption von Sinclair Lewis' It Can't Happen Here (um 1936)

Verschwörung gegen Amerika (englischer Originaltitel The Plot Against America) ist ein 2004 erschienener Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Die deutsche Übersetzung von Werner Schmitz erschien im August 2005 im Münchener Hanser Verlag.

Der Roman ist dem Genre der Alternativweltgeschichte zuzurechnen. Der fiktionale Ich-Erzähler Philip Roth erinnert sich darin an seine Kindheit, in der er und seine jüdische Familie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zu Opfern einer faschistischen Machtübernahme in den USA wurden.

Der Roman zeichnet den Weg der Familie Roth in den Jahren 1940-42 nach. Die Familie lebt zunächst in einem vorwiegend jüdischen Stadtteil von Newark vor den Toren New Yorks ein recht beschauliches Leben. Vater Herman Roth hat als Versicherungsvertreter ein kommodes Auskommen, die Mutter sorgt sich als Hausfrau um den siebenjährigen Philip, den zwölfjährigen Sandy und den gerade volljährig gewordenen verwaisten Neffen Alvin.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 gerät die Familie Roth in die politischen Wirren des Landes. Alvin meldet sich bei der kanadischen Armee freiwillig zum Kriegseinsatz, verliert im Feldkampf ein Bein und kehrt so auf Krücken und lebensmüde nach Newark zurück. Die Republikanische Partei wirft derweil Präsident Franklin D. Roosevelt vor, eine pro-interventionistische Politik zu betreiben, also den Eintritt der USA in den europäischen Krieg an der Seite Englands in die Wege zu leiten. Der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh, der in den 1930er Jahren in Deutschland von Hitler und Göring hofiert worden war und sich in der Folge durchaus wohlgefällig über den deutschen Nationalsozialismus geäußert hatte, schwingt sich zum Präsidentschaftskandidaten der Partei auf.

Mit der berühmten Spirit of St. Louis, dem Flugzeug, mit dem ihm 1927 die erste Atlantiküberquerung der Luftfahrtgeschichte gelang, tourt Lindbergh nun durch alle 48 Bundesstaaten und wirbt mit dem Slogan Vote for Lindbergh or vote for war („Wählt Lindbergh oder wählt den Krieg!“) für seine Kandidatur. Unter den Juden Newarks breitet sich Angst aus, doch ausgerechnet einer der angesehensten Rabbiner der Stadt macht sich bei Lindberghs Visite in Newark zu seinem Fürsprecher. Für die Familie Roth ist dieser Umstand auch bedeutend, da dieser Rabbi Bengelsdorf kurz darauf Evelyn, die Tante Philip Roths, heiratet – die Roths bleiben der Hochzeit fern.

Lindbergh gewinnt die Wahl in einem Erdrutschsieg und zieht als 33. Präsident der USA in das Weiße Haus ein, und die antisemitische Stimmung im Land verstärkt sich. Die Familie Roth muss dies bei einem Ausflug in die Bundeshauptstadt Washington am eigenen Leibe erfahren: das Hotel, in dem sie ihr Zimmer gebucht hatten, wird ihnen ohne weitere Gründe verweigert, und auch andernorts muss sich Vater Herman als „vorlauter Jude“ beschimpfen lassen. Um Lindbergh entwickelt sich zwar kein staatlich verordneter, aber dennoch merklicher Personenkult, dem auch Philips älterer Bruder Sandy verfällt. In Sandys Highschool wirbt die Jugendorganisation Just Folks dafür, die Schollenverbundenheit der amerikanischen Jugend zu stärken, und so wird Sandy über den Sommer auf eine Tabakfarm in Kentucky geschickt. Nach seiner Rückkehr hat er die quasi-völkische Ideologie des Programms verinnerlicht und entfremdet sich zunehmend seiner Familie.

Einen Höhepunkt erreicht dieser familiäre Konflikt, als Sandy von Rabbi Bengelsdorf und seiner Frau Evelyn als Repräsentant von Just Folks ins Weiße Haus eingeladen wird, wo Präsident Lindbergh ein Festessen für den deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop veranstaltet. Vater Roth verbietet Sandys Teilnahme, und Mutter Roth verweist ihre Schwester Evelyn des Hauses.

Ribbentrops Besuch wird von vielen amerikanischen Juden als Vorbereitung zum Kriegseintritt der USA an Seiten der Achsenmächte gedeutet, und eine mit den Roths befreundete Familie wandert aus Furcht nach Kanada aus. Ihre Befürchtungen sehen sie bestätigt, als mit einem Gesetz namens Homestead 42 die Umsiedlung jüdischer Familien aus den jüdischen Siedlungszentren der Ostküste ins amerikanische Hinterland in die Wege geleitet wird. Für diesen Zweck wird eigens eine eigene Bundesbehörde gegründet, das Office of American Absorption („Amt für amerikanische Absorption“), bei dem auch Philips Tante Evelyn arbeitet. Vorgebliches Ziel dieser an die Erfolge des Homestead Act von 1862 rührenden Umsiedlung ist es, die Isolation der Juden innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu beenden und eine harmonische Assimilation herbeizuführen, doch tatsächlich geht es den Machthabern darum, den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft und so auch ihren Einfluss bei lokalen Wahlen zu brechen. Die Roths sollen nach Kentucky umgesiedelt werden, doch Vater Herman widersetzt sich. Er kündigt bei seinem Arbeitgeber und arbeitet fortan als Lagergehilfe für seinen Bruder, Philips Onkel Monty.

Die politische Opposition, also die Demokratische Partei, verhält sich bis zu diesem Zeitpunkt recht ruhig, doch nach dem Erlass des Umsiedlungsgesetzes setzt sich der scharfzüngige jüdische Zeitungs- und Rundfunkkommentator Walter Winchell an die Spitze einer Gegenbewegung. Nachdem er in seiner von Millionen Amerikanern gehörten Radiosendung Lindbergh und seine Gefolgschaft als Fünfte Kolonne Hitlers verfemt hatte, wird er von seinem Brotgeber Randolph Hearst entlassen, erklärt aber daraufhin seine Absicht, bei der nächsten Präsidentschaftswahl antreten zu wollen. Winchell beginnt sodann seine Wahlkampftour. Bei einem seiner Auftritte entgeht er einem Attentat, und in den Städten, in denen er gastiert, kommt es zu Pogromen gegen jüdische Amerikaner. Die jüdische Gemeinde Newarks rüstet sich gegen ein Pogrom in ihrer eigenen Stadt, doch tatsächlich brechen die Feindseligkeiten dort erst aus, nachdem Winchell bei einer Rede erschossen wurde und Lindbergh kurz darauf spurlos mit seinem Flugzeug verschwand.

Die Meldungen und Gerüchte über das Schicksal Lindberghs überschlagen sich, und nun kommt es wie in ganz Amerika auch in Newark zu blutigen Pogromen. Vizepräsident Burton K. Wheeler übernimmt die Amtsführung, was einem faschistischen Putsch gleichkommt. Regimegegner wie der New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia, aber auch Rabbi Bengelsdorf wird als Rabbi Rasputin verhaftet; seine Frau sucht Zuflucht bei den Roths. In einer Radioansprache fordert dann aber Lindberghs Frau die Amerikaner auf, Wheeler die Gefolgschaft zu verweigern und setzt der Anarchie so ein Ende.

Lindberghs und Wheelers Herrschaft werden als mutmaßliche Verschwörung Nazideutschlands enttarnt, und bei der nächsten Präsidentschaftswahl gewinnt Roosevelt. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor treten die USA in den Krieg ein – die Weltgeschichte verläuft wieder in den „tatsächlichen“ Bahnen.

Der Roman vermischt historische Fakten und literarische Fiktion. Besonders in der Literatur der amerikanischen Postmoderne (etwa bei Thomas Pynchon oder Robert Coover) ist die Kontrafaktizität ein häufiger Modus. In dieser Grauzone bewegt sich auch Roths Darstellung seiner eigenen Familie und seiner selbst. Die Fiktionalisierung der eigenen Person hat in der amerikanischen Literatur Tradition. Ein berühmtes Beispiel ist Norman Mailers The Armies of the Night. Mailer machte sich darin zum Protagonisten des Romans; der Untertitel des Werkes lautet „Geschichte als Roman; der Roman als Geschichte“. Für diese Art der Literatur schlug Mailer den Gattungsbegriff faction vor, eine Wortschöpfung aus fact (Fakt) und fiction (Fiktion), und so wäre nach Mailer auch Roths Roman dieser Gattung zuzurechnen. Tatsächlich hat Roth sich schon in anderen Romanen mehr oder minder fiktionalisiert in die Rolle des Ich-Erzählers versetzt.

Das Szenario einer faschistischen Machtübernahme in den USA wurde schon in den 1930er Jahren von mehreren Schriftstellern ausgemalt. Am bekanntesten ist der Roman It can't happen here („Es kann hier nicht geschehen“) des Nobelpreisträgers Sinclair Lewis, der allerdings schon im Titel die Überzeugung erkennen lässt, dass ein faschistisches Regime in den USA keinen Rückhalt finden könnte, da die Amerikaner die Ideale der Freiheit und Demokratie in Mark und Bein verinnerlicht hätten. In Nathanael Wests The Cool Million (1934) gelingt die faschistische Machtübernahme in den USA durchaus. West, wie Roth ein jüdischer Amerikaner, ist Roths Vision wohl näher. West und Roth eint die Erfahrung, auch in Amerika Antisemitismus ausgesetzt zu sein, und daher hegen sie Misstrauen gegenüber der vorgeblichen Toleranz und Demokratiebegeisterung der Amerikaner.

Viele Zitate insbesondere Lindberghs sind durchaus faktisch; um dem interessierten Leser die Grenze zwischen Fakt und Fiktion zu verdeutlichen, hat Roth einen Anhang zum Roman erstellt, in dem er die tatsächlichen Biografien einiger historischer Personen darlegt, die er fiktionalisiert hat, zudem einige Auszüge aus Reden Lindberghs. Lindbergh war Sprecher des isolationistischen America First Committee und wurde von Göring mit einem Orden ausgezeichnet. Roth gab in einem Interview an, dass ihm die Idee zu seinem Roman kam, als er in der Autobiografie Arthur M. Schlesingers die Bemerkung las, dass konservative Senatoren um 1940 tatsächlich erwogen, Lindbergh als Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu nominieren.

Auch gab es in den 1940er durchaus antisemitische Ausschreitungen. Insbesondere in den Industriestädten des Nordens (vor allem Detroit) wuchsen sie sich zu Pogromen aus; hier war der Antisemitismus Henry Fords und des katholischen Priesters Charles Coughlin auf fruchtbaren Boden gefallen.

Verschwörung gegen Amerika wurde von den Literaturkritikern in den USA wenn nicht euphorisch, so doch überwiegend wohlwollend aufgenommen. Häufig bemängelten die Kritiker jedoch das Ende des Buches – Roths Entscheidung, Lindbergh spurlos verschwinden zu lassen, erschien ihnen ein deus ex machina.

Selbst die New York Times, mit der Roth seit Jahren eine innige Hassliebe verbindet – und die auch im Roman selbst einen Seitenhieb einstecken muss –, gewann dem Roman rührende Momente ab. Michiko Kakutani bemängelte zwar die Ausarbeitung des politisch-historischen Tableaus des Romans als comicartig überzeichnet und die Auflösung des Plots als grotesk, lobte aber die sorgfältige „mikroskopisch“-psychologische Darstellung der Familie Roth und ihrer Mitglieder. Insgesamt fügten sich die Stücke aber nicht zu einem ganzen - der Roman scheitere letztlich an dem Versuch, zwei inkompatible Genres − politischer Thriller und Entwicklungsroman − zu verbinden. Joan Acocella stellte dem Roman im New Yorker ein makelloses Zeugnis aus und betonte dabei die komischen Elemente des Romans. Die Leichtigkeit, mit der Roth einen glaubwürdigen Realismus mit einer alptraumartigen Dystopie verbindet, stelle ihn und seinen Roman in die Tradition der großen Satiriker der Weltliteratur – Swift, Gogol und Kafka.

Roths Roman wurde von verschiedenen Kritikern und Lesern als Allegorie auf die Bush-Regierung gelesen. So schrieb etwa Kakutani, dass der Roman als Warnung vor der Einschränkung der Bürgerrechte im Rahmen des USA PATRIOT Act, aber auch als Warnung vor außenpolitischem Isolationismus gelesen werden könne. Roth, ein bekennender Bush-Gegner, wies derartige Interpretation aber wiederholt zurück.

Für Verschwörung gegen Amerika wurde Roth mit dem Preis der amerikanischen Historikervereinigung für den besten historischen Roman mit amerikanischer Thematik geehrt, zudem gewann er den Sidewise Award for Alternate History 2005.

In Großbritannien gewann der Roman den renommierten W. H. Smith Award. Roth wurde somit zum ersten Schriftsteller seit 64 Jahren, der zum zweiten Mal diese Auszeichnung errang.

Das Hakenkreuz über der Briefmarke des Yosemite-Nationalpark wurde auf dem Cover der deutschen Ausgabe und auch auf dem britischen Druck aus dem Jahre 2005 (Vintage-Verlag) durch ein einfaches Kreuz ersetzt.

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Montauk (Erzählung)

Brandung des Atlantiks bei Montauk

Montauk ist eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Sie erschien erstmals im Jahr 1975 und nimmt in Frischs Werk eine Sonderstellung ein. Während Frisch zuvor fiktive Geschichten dazu dienten, die Verhaltensmöglichkeiten seiner Protagonisten auszuloten, erzählt er in Montauk ein authentisches Erlebnis: ein Wochenende, das er mit einer jungen Frau an der amerikanischen Ostküste verbrachte.

Die befristete Liebesaffäre nimmt Frisch zum Anlass für eine Rückschau auf die eigene Biografie. In Anlehnung an Philip Roth erzählt er sein „Leben als Mann“, berichtet über die Frauen, mit denen er verbunden war, und das Scheitern ihrer Beziehungen. Weitere Reflexionen des Autors gelten dem Alter und seinem nahen Tod sowie der gegenseitigen Beeinflussung von Leben und Werk. Auch die Entstehung Montauks wird zum Thema der Erzählung: als Gegenentwurf zu seinem bisherigen Werk beschreibt Frisch seinen Entschluss, das Wochenende zu dokumentieren, ohne dem direkten Erleben etwas hinzuzufügen.

Montauk fand eine stark polarisierte Aufnahme. Die ehemaligen Partnerinnen Frischs sahen sich durch die offenen Schilderungen ihrer Vergangenheit düpiert. Manche Leser fühlten sich durch die Selbstentblößung Frischs peinlich berührt. Andere Kritiker feierten die Erzählung als Frischs bedeutendstes Werk und lobten die Leistung, aus dem eigenen Leben ein literarisches Kunstwerk herzustellen. Marcel Reich-Ranicki nahm Montauk in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.

Die Rahmenhandlung der Erzählung Montauk beschreibt das Wochenende des 11. und 12. Mai 1974, das eine Lesereise des Erzählers, der das literarische Ebenbild seines Autors Max Frisch ist, durch die Vereinigten Staaten beschließt. Zwei Tage später, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, ist Frischs Rückflug nach Europa geplant. An seiner Seite befindet sich Lynn, eine 30-jährige Verlagsangestellte, die ihn während der Reise betreuen soll, vom Werk des Autors aber keine Zeile gelesen hat. An ihrem letzten Wochenende kommen Lynn und Frisch einander näher und unternehmen einen Ausflug nach Long Island zum Dorf Montauk an der Atlantikküste.

Für den Autor erwächst an diesem Wochenende das Verlangen, die gemeinsamen Tage zu beschreiben, ohne etwas zu den Geschehnissen hinzuzufügen. Dabei löst Lynns Gegenwart in Frisch Reflexionen und Erinnerungen aus. Er sinniert über das Alter und sein zunehmendes Gefühl, eine Zumutung für andere zu sein, seinen Erfolg und dessen Wirkung auf Neider, Verehrer und Frauen. Frisch gibt intime Details aus seinem Leben preis, das Sterben seiner Mutter, seine Impotenz und vier Schwangerschaftsabbrüche bei drei Frauen.

Auch über sein Werk reflektiert der Autor, angefangen von der parallelen Arbeit des jungen Architekten auf der Baustelle und als Verfasser erster Theaterstücke bis zu den immergleichen Fragen, die seine späteren Romane auf Presseterminen auslösen. Frisch zeigt sich unzufrieden mit seinen Geschichten, mit denen er lediglich das Publikum bedient habe, aber weite Teile seines eigenen Lebens vor sich verschwiegen, sich regelrecht verraten habe.

In einer längeren Episode erinnert sich Frisch an seinen Jugendfreund und Mäzen W., der ihn während ihrer Freundschaft dominierte. Mit Frischs Erfolgen und der Unfähigkeit seines Freundes, ihn als Schriftsteller zu akzeptieren, endete ihre Freundschaft, die Frisch im Nachhinein als unheilvoll begreift. Eine andere Episode enthüllt Frischs Unvermögen in der Zeit seiner ersten Ehe mit einer gelähmten Nachbarin umzugehen, die sich als seine erste Liebe entpuppt.

Vor allem Frischs ehemalige Gefährtinnen stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Lynn löst Erinnerungen an ihre Vorgängerinnen aus, angefangen von der Jüdin Käte, dem realen Vorbild der Hanna aus Homo faber, Frischs Ehefrauen, der getrennt von ihm lebenden Marianne, die er noch immer liebt, bis zur von Hörigkeit und Eifersucht geprägten Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Angesichts des nicht mehr fernen Todes möchte Frisch keine Frau an seine Zukunftslosigkeit binden. Er wünscht sich, Lynn sei die letzte Frau in seinem Leben. Gleichzeitig ist beiden klar, dass ihre Beziehung auf dieses eine Wochenende beschränkt bleiben wird, und sie danach nicht wieder in Kontakt treten wollen. Frisch hofft, dass Lynn nicht, wie die Frauen zuvor, der Name für eine Schuld werden wird.

Am Ende der Erzählung gehen Lynn und Frisch in New York mit einem „Bye“ auseinander. An der Kreuzung von First Avenue und 46th Street sieht Frisch der davongehenden Lynn nach, die sich nicht noch einmal nach ihm umdreht.

Max Frisch selbst bezeichnete Montauk im Untertitel als Eine Erzählung. Damit hob er die literarische Form des Textes hervor, der trotz seines autobiografischen Inhalts weder Autobiografie noch Bericht oder Tagebuch ist. Zum Teil wird das Buch auch als Roman klassifiziert. Marcel Reich-Ranicki sah die Prosa in ihrem „Reichtum an Figuren und Episoden romanhaft“, obwohl ihr Umfang der klassischen Romandefinition von E. M. Forster kaum genüge.

Der Erzählstil wird am Anfang der Erzählung ironisch gespiegelt: ein Schild mit der Aufschrift „overlook“ verspricht eine Aussicht über die Insel, die nicht eingehalten wird. Statt dessen gibt es „einen Pfad, der durch das Gestrüpp führt Es ist eine Art von Pfad, nicht immer deutlich, ein verwilderter Pfad.“ In der gleichen Weise wird auch der Leser, dem ein Überblick über Frischs Leben versprochen worden ist, auf einen Pfad geschickt, der durch seine „assoziative Erzählweise geeignet , den Leser zu verwirren“. Nicht immer ist klar, „von welcher Frau gerade gesprochen wird.“ Der Stil ist sprunghaft, „es ist nicht leicht, sich einzulesen“. Details werden oft nur angedeutet, so dass sie einem Leser ohne Kenntnis von Frischs Biografie nicht auf Anhieb verständlich sind. Schon der Titel der Erzählung Montauk ist doppeldeutig, meint den tatsächlichen Ort genauso wie das aus Ort und Zeit gefallene Fremde, richtet den Blick des Lesers eher auf die Peripherie des Geschehens als auf ihr Zentrum.

Das Programm für die Erzählperspektive in Montauk gibt Frisch in der Erzählung selbst vor: „Ich möchte diesen Tag beschreiben, nichts als diesen Tag, unser Wochenende und wie’s dazu gekommen ist, wie es weiter verläuft. Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.“ Die direkte Wiedergabe der Ereignisse fordert einen Erzähler, der eine Beobachterrolle einnimmt. Die eher äußerliche Beziehung von Lynn und Frisch erhält ihren adäquaten Ausdruck in der Er-Form der Erzählung.

Bereits das vorangestellte Motto der Erzählung von Montaigne gibt Montauk sein nicht-fiktionales Programm: „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, so weit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaube.“ Der Autor Frisch selbst nannte die Vorrede „naiv, wie wir es kaum sein können.“ Sein Protagonist gleichen Namens will die „Umweltverschmutzung durch Gefühle, die nicht mehr zu brauchen sind“ bereinigen, indem er sie beschreibt und dadurch „mit Bewußtsein verabschiedet.“ Über seine bisherigen Versuche, sein Leben in Kunst zu verarbeiten, urteilt er vernichtend: „Ich habe mir mein Leben verschwiegen. Ich habe irgendeine Öffentlichkeit bedient mit Geschichten. Ich habe mich in diesen Geschichten entblößt, ich weiß, bis zur Unkenntlichkeit. Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.“ Als Gegenentwurf beschließt Frisch, „dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit . Er möchte bloß erzählen : sein Leben.“ Doch Frisch plant keine reine Autobiografie. Er stellt sich die Aufgabe: „Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.“ Er schreibt eine Erzählung über seine persönliche, unverschlüsselte Wirklichkeit mit den Mitteln der Literatur.

Im April 1974 reiste Frisch in die Vereinigten Staaten, um die Ehrenmitgliedschaft der Academy of Arts and Letters und des National Institute of Arts and Letters anzunehmen. Aus diesem Anlass organisierte seine amerikanische Verlegerin Helen Wolff eine Lesetournee für Frisch. Sie stellte ihm die junge Alice Locke-Carey an die Seite, die in Montauk den Namen Lynn erhielt. Bis auf die Veränderung dieses Namens stimmen die in Montauk erzählten Fakten von Frischs Amerikaaufenthalt mit der Realität überein. Verkürzt angegeben ist lediglich der Name des Jugendfreundes W., des Kunstsammlers Werner Coninx, dessen Sammlung im Coninx-Museum ausgestellt ist. Obwohl die Erzählung ihren autobiografischen Hintergrund somit weitgehend unverschlüsselt offenlegt und auch keine Fiktion sondern Authentizität behauptet, wurde sie verschiedentlich als Schlüsselroman klassifiziert. Gerhard vom Hofe betonte allerdings: „Es wäre ein Mißverständnis, Montauk als eine Art ‚Schlüsselerzählung‘ zu verstehen“, deren Absicht es sei, „autobiographische Aufschlüsselungen und Enträtselungen“ von Frischs früherem Werk oder „lebensgeschichtliche Quellen und Hintergründe“ zu präsentieren.

Die Frage, wie direkt von der Erzählung auf Frischs Leben geschlossen werden dürfe, beantwortete Jürgen H. Petersen damit, dass dies von der Frisch-Forschung bei Montauk im Gegensatz zu anderen Werken kaum untersucht worden sei: „die Übereinstimmung von Lebensfakten und Textaussagen dürfte unbezweifelbar sein.“ Hans Mayer sah den Max Frisch aus Montauk hingegen als „Kunstfigur“, dessen Sehnsüchte nach aufrichtigem Erzählen „schließlich keine Aufrichtigkeit produzieren, sondern eine schöne Geschichte.“ Er zog das Fazit: „Von seinen Geheimnissen hat Frisch auch hier nichts preisgegeben.“ Auch Gerhard P. Knapp schloss sich dieser Deutung an und unterschied in seiner Analyse strikt zwischen dem „diarischen Ich“ und der „Kunstfigur Max Frisch“ als Er-Erzähler. Damit widersprach er der Lesart Montauks als chronique scandaleuse. Konstanze Fliedl beschäftigte sich mit Frischs Urteil über seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann: „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“ Der Satz sei zwar „subjektiv gewiß aufrichtig“, sei aber Interpretation und werde durch die Sprache „eine Geschichte – ein gedeutetes Faktum.“ Sie kam zum Schluss: „ein ‚wahres‘ Ich gibt es nicht, kann es gar nicht geben. ‚Ich‘ ist immer ein ‚Ich‘ in Texten.“ In einem Interview, das im Dezember 1980 im Playboy erschien, urteilte Friedrich Dürrenmatt über seinen Schweizer Kollegen: „Was mich an Frisch so stört, sind diese Unwahrheiten, auch in den Romanen, zum Beispiel Montauk. Das hat er als autobiographisches Werk ausgegeben. Aber wenn Sie ihn persönlich kennen, dann schütteln Sie nur den Kopf. Da stimmt einfach gar nichts.“ Allerdings distanzierte sich Dürrenmatt später vom Inhalt dieses Interviews. Die Frage nach Wehrheit und Lüge thematisierte Frisch in Montauk selbst, als die Erzählung unvermittelt von der Er- in die Ich-Form springt: „Er schaut, um zu prüfen, ob seine Zärtlichkeit sich wirklich auf Lynn bezieht … Oder belüge ich uns?“ An einer anderen Stelle läßt Frisch Lynn ausrufen: „max, you are a liar“. Damit konterkarierte er selbst das Motto Montaignes vom aufrichtigen Buch.

Im Gegensatz zum in Montauk avisierten Ende hatte die wirkliche Affäre zwischen Frisch und Locke-Carey ein Nachspiel. Nachdem Frisch auf einer erneuten USA-Reise vergeblich nach der jungen Frau geforscht hatte, meldete sie sich nach Erscheinen der amerikanischen Übersetzung von Montauk im Sommer 1976 selbst beim Autor. Nach der Scheidung von Frischs zweiter Ehe 1979 traf er im Mai 1980 Locke-Carey wieder. Von diesem Zeitpunkt an lebten Frisch und Locke-Carey einige Jahre gemeinsam abwechselnd in New York und Berzona.

Im März 1975 schickte Frisch eine überarbeitete Fassung an Uwe Johnson, zu der er begleitend schrieb: „Es hat sich gezeigt: viel mehr Memoiren sind auf dem fragilen Wochenende nicht zu verstauen“. Die Episode über Frischs Jugendfreund W. erschien im Mai 1975 als Vorabdruck unter dem Titel Autobiographisches in der Neuen Rundschau. Der Text hatte seinen Vorläufer in einem Eintrag unter dem Titel Dankbarkeiten im Tagebuch 1966–1971. Im Herbst 1975 erschien die Erzählung Montauk bei Suhrkamp.

Montauk steht in starker Verbindung zu Frischs vorangegangener Prosa, auf die sowohl in der Handlung als auch in expliziten Zitaten ständig verwiesen wird. In seiner Form verbindet Montauk „das Tagebuchschreiben mit den Verschachtelungs- und Collagetechniken der Romane Stiller und Gantenbein“. Frischs Poetik ging in den vorausgegangenen Werken immer vom in Stiller geäußerten Prinzip aus: „Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben“. Im ersten veröffentlichten Tagebuch 1946–1949 leitete Frisch daraus die Konsequenzen für sein schriftstellerisches Werk ab. In Montauk brach Frisch erstmals mit diesem Prinzip. Er erzählte genau das: sein wirkliches Leben, und führte damit gleichzeitig den Gedanken aus Stiller, der in Homo faber und Mein Name sei Gantenbein ausgearbeitet wurde, zu Ende: auch im aufrichtigen Versuch der autobiografischen Erzählung Montauk lässt sich das Selbst nicht ausdrücken.

Nachdem Frisch in seinem gesamten Werk sich selbst „immer wieder zum Fall seiner Schriftstellerei gemacht“ habe, war für Heinz Ludwig Arnold Montauk „der Schlußpunkt, der das eigene ICH: Max Frisch enthüllt und als literarische Figur offen in die Erzählung einführt.“ An die Stelle der in Frischs vorigen Prosatexten stets gescheiterten idealistischen Versuche, Selbstverwirklichung und Dialog mit der Umwelt zu vereinen, trete die Realität und das Anerkennen des Scheiterns. Arnold kam zum Schluss: „Indem Max Frisch schließlich bei sich selbst als Figur angekommen ist und deren Scheitern gezeigt hat, hat er sich endlich als Schriftsteller und als Mensch angenommen.“ Die Erzählung werde „eine Flucht nach vorn, gleichzeitig eine Flucht ganz zurück zu sich selbst“. Frisch leiste in Montauk „Bewältigungsarbeit“ und bestätige, „daß auch dieser Weg der Literarisierung trotz aller Risiken sinnvoll ist – und für ihn der einzig mögliche Weg“.

Frisch hatte Montauk ursprünglich als Abschluss seines Werkes geplant, wie er 1982 in einem Gespräch mit Volker Hage bekannte: „Ich dachte, das sei das letzte Buch. Ich wollte alles noch einmal überschauen.“ Er wollte mit der Erzählung auch künstlerische Brücken abbrechen und war sich bewusst, dass er anschließend keinen unterschwellig autobiografischen Roman mehr hätte schreiben können. Allerdings ging Frisch im Nachhinein die Offenheit von Montauk nicht weit genug. Er fand das Buch „unnötig verschleiert – es ist viel zu wenig direkt.“ In einem Brief an Uwe Johnson erklärte er: „mein Buch kommt mit plötzlich etwas feige vor, etwas verschüchtert, zu zaghaft und zwar in der Behandlung andrer Personen“.

Johnson urteilte, Frisch habe sich mit Montauk ästhetisch „in eine Ecke geschrieben“, von der aus eine Rückkehr zur Form des Tagebuchs oder zu späteren Memoiren kaum mehr möglich sei. Frisch werde es „hübsch schwer haben“, die Erzählung mit künftigen Arbeiten zu übertreffen. Frisch bestätigte diese Einschätzung in einem Fernsehgespräch mit Philippe Pilliod: „Was bleibt nach diesem Buch noch übrig? Schweigen, Philosophieren oder Fiktion.“ Er beschritt in seinen folgenden Werken den Weg der Fiktion, wenn auch weiter autobiografische Einflüsse erkennbar blieben. Der Autor wehrte sich allerdings heftig dagegen, die Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän als Fortsetzung seiner Autobiografie zu lesen, bloß weil dessen Protagonist alt sei und im Tessin lebe. Mit seinem Spätwerk wandte sich Frisch stärker noch als in Montauk den existenziellen Problemen von Alter und Tod zu, die Texte wurden pessimistischer und resignativer, stärker verdichtet in der Form bis zur gezügelten Phantasie und den lakonischen Dialogen von Blaubart.

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Don DeLillo

Don DeLillo (* 20. November 1936 in der Bronx, New York City) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er gilt neben Thomas Pynchon als einer der wichtigsten Postmodernisten und wurde von Harold Bloom neben Cormac McCarthy, Thomas Pynchon und Philip Roth als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Amerikas gelobt.

Das englische Original des Romans erschien 1988 unter dem Titel Libra (dt.: Waage). Der Roman erzählt das Leben von Lee Harvey Oswald und spinnt eine Verschwörungstheorie zur Erklärung des Attentats auf Präsident Kennedy. In zwei unterschiedlich nummerierten, alternierenden Kapitelfolgen, die am Ende des Buches konvergieren, werden Oswalds Leben und die Planungen einiger CIA-Agenten und ihrer Verschwörung erzählt, mit der sie Oswald zur Teilnahme am Attentat manipulieren. Originell ist dabei, dass in DeLillos Version der Ereignisse, die geschickt historische Fakten mit literarischer Fiktion vermengen, die Verschwörer ursprünglich nur eine Art Warnschuss beabsichtigt und geplant hätten, das Attentat scheitern zu lassen, ein ehemaliger Agent es aber doch habe durchführen lassen, weil er es für die einzige Möglichkeit gehalten habe, die US-Regierung in einen Krieg gegen Kuba zu treiben. DeLillo entwirft ein differenziertes Charakterbild von Oswald: Der zwar eigenbrötlerische, aber geistig gesunde und durchaus belesene Außenseiter aus der Bronx habe sich mit seinen Sympathien für den Sowjetkommunismus außerhalb der amerikanischen Gesellschaft gestellt. Damit sei er ein geeigneter Sündenbock für den Mord an Kennedy geworden, den er aber gar nicht begangen habe - die sieben Sekunden des deutschen Titels sind die Zeit, die der angeblich untrainierte Schütze Oswald zur Abgabe der drei Schüsse auf den Präsidenten gehabt haben soll, was seine Täterschaft unwahrscheinlich mache.

DeLillo greift hier, wie es im postmodernen Roman häufig geschieht, ausgiebig auf die Verschwörungstheorien zurück, die er als Metapher der Fremdbestimmung und Manipulation des Menschen durch überindividuelle Mächte und als Beispiel für den Charakter sämtlicher Geschichtserzählung als Konstrukt und letztlich als Fiktion benutzt.

Die Handlung dieses prämierten Romans, der 1991 erschien, dreht sich um den berühmten Schriftsteller Bill Gray, der zurückgezogen, nur durch Assistenten mit der Außenwelt verbunden, lebt. In dieser Figur verschmolz DeLillo Züge sowohl von Thomas Pynchon als auch von J.D. Salinger. Im Verlauf der Handlung bricht Gray, angetrieben durch den Besuch einer Fotografin, zu einer Reise in den Libanon auf, wo er dann als Geisel festgehalten wird. Der Roman schildert den Unterschied der Masse zum Individuum und dadurch auch das Leben in der modernen Gesellschaft. DeLillo gelingen dabei eindringliche Bilder, wobei auf der einen Seite der Autor als Verkörperung des Individuums steht und auf der anderen Seite Szenen von Khomeinis Beerdigung und einer Massenhochzeit der Vereinigungskirche.

Eines seiner meistbeachteten Werke ist der Roman „Unterwelt“ von 1997 (übersetzt von Frank Heibert), der es in seiner deutschen Übersetzung auf 964 Seiten bringt. Es ist ein postmodernes Panorama der amerikanischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, das von einem berühmten Baseball-Spiel zwischen den Brooklyn Dodgers und den New York Giants am 3. Oktober 1951 ausgeht, bei dem der Schläger der Giants den Ball mit einem gewaltigen Schlag in die Zuschauerränge und seine Mannschaft damit zur Meisterschaft beförderte - dem „Schuss, der um die ganze Welt zu hören war“.

Um den entscheidenden Ball, der auf Irrwegen irgendwann zu Nick Shay kommt, einer der Hauptfiguren des Romans, spinnt DeLillo ein beeindruckendes Breitwandgemälde der amerikanischen Gesellschaft. Um die gesellschaftlichen Beziehungen der Personen, die den Baseball hatten oder haben, kristallisieren sich zahlreiche Episoden heraus. Dabei treten auf: ein alter Sammler von Baseballsachen, Nicks ehemaliger Geliebte, die Künstlerin Klara Sachs, eine Nonne, ein junges Schachgenie (Nicks Bruder Matty) oder auch ein Graffitisprayer, die fast alle wie DeLillo selbst aus der Bronx stammt. Aber auch Prominente und historische Persönlichkeiten wie J. Edgar Hoover, Frank Sinatra und Lenny Bruce sind Figuren des Romans. Diese Episoden spielen zwischen Herbst 1951 und Sommer 1992 und werden in sechs Großkapiteln geboten, die rückwärts angeordnet sind, eine Chronologie, die durchbrochen wird von vier vorwärts erzählten Abschnitten über das Baseballspiel und die ersten Besitzerwechsel des Balles.

Es wird in dem Roman immer wieder das Motiv des Mülls wiederholt: So ist beispielsweise die Hauptfigur Angestellter einer Müllfirma, die Künstlerin nutzt ausrangierte Flugzeuge als Leinwand und eine andere Person baut ein Haus aus Abfall. Dies deutet auf das Leben in der modernen Wegwerfgesellschaft ebenso hin wie auf die menschliche Vergänglichkeit: „Alles fällt unauslöschlich der Vergangenheit anheim“, lautet der letzte Satz des furiosen Eingangskapitels. Doch trotzdem lässt sich dieses verzweigte Buch nicht darauf reduzieren, da Don DeLillo gleichzeitig einen Rückblick auf den Kalten Krieg wirft, beispielsweise wenn er schildert, dass gleichzeitig, mit dem entscheidenden Schlag des Baseballspiels die Sowjetunion einen Atombombentest durchführte, wenn er einen masturbierenden Jungen beim Anblick seiner Erektion an eine Atomrakete denken lässt oder wenn die Kuba-Krise durch die verzweifelt-zynischen Kommentare des Komikers Lenny Bruce geschildert wird. Der Zusammenhang zwischen Müll, Geschichte und Atombombe ergibt auch insofern Sinn, als zum einen der Sprengsatz der Bombe aus einem Abfallprodukt von Kernkraftwerken besteht, und zum anderen, wie mehrfach im Roman erwähnt wird, der von 1951 bis 1990 immer drohende Atomkrieg ausgeblieben ist: „Die Flugzeuge sind nicht gestartet“. Nicht zufällig ist daher auch das letzte Wort des Romans „Frieden“.

Ein weiteres zentrales Motiv ist die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen: Der Baseball wird zum Beispiel dem schwarzen Jungen, der ihn bei dem Spiel ergatterte, von dessen Vater gestohlen und an einen weißen Werbefachmann verkauft, der damit erfolglos seinen eigenen Sohn zu beeindrucken und für den Sport zu begeistern versucht; Nick Shay, der letzte Besitzer des Balles, leidet Zeit seines Lebens darunter, dass sein eigener Vater einfach verschwand, als er elf war, und DeLillo widmet den ganzen Roman der Erinnerung an seine Eltern.

Sein umfangreiches Werk wurde vielfach prämiert. Er erhielt im Jahr 1985 für seinen Roman Weißes Rauschen (im Englischen White Noise) den National Book Award und 1992 für seinen Roman „Mao II“ den PEN/Faulkner Award. 1999 erhielt er den Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft.

Nicht auf Deutsch erschienen sind die Romane End Zone (1972), Great Jones Street (1973) und Ratner's Star (1976), die Novelle Pafko at the Wall (1992), das (1980) unter dem Pseudonym Cleo Birdwell veröffentlichte Theaterstück Amazons und The Day Room (1987) sowie eine Anzahl von Essays.

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Das sterbende Tier

Le grand nu, von Amedeo Modigliani

Das sterbende Tier (2001) ist ein Kurzroman des US-Autors Philip Roth (* 1933). Er erzählt die Geschichte eines älteren Literaturprofessors namens David Kepesh, welcher für eine Literaturkritik-Radiosendung bekannt ist - und, trotz seiner riesigen wissenschaftlichen und kulturellen Reife, schließlich seiner unterentwickelten Emotionalität zum Opfer fällt. Das sterbende Tier ist der dritte Roman über den fiktiven Professor - der erste "Die Brust", 1972, und der zweite war "Der Professor der Begierde" von 1977.

Kepesh nutzt seine Position als Literaturprofessor und bekannter Kritiker im Fernsehen, um Studentinnen zu verführen. Die Schilderung seiner Sexualität und seines Willens zur Sexualität nimmt einen breiten Raum des Romans ein.

Als Studentin begegnet ihm auch Consuela Castillo, Tochter kubanischer Exilanten, wohlbehütet und, wie es im Roman beschrieben wird, von makelloser Schönheit. Von ihrer Schönheit fasziniert und von seinen eigenen Ängsten und Nöten des Alterns getrieben, entwickelt Kepesh eine ihm bisher unbekannte Obsession für die junge Frau, ohne dabei jedoch eine Beziehung mit Treue und Emotionalität entwickeln zu können. Ein für den Erzähler belangloser Anlass führt zum Bruch des Paares, das sich der gesellschaftlichen Nichtakzeptanz und Unmöglichkeit einer Beziehung zwischen älterem Professor und junger Studentin immer bewusst war. Kepesh bleibt von Sehnsucht und Depressivität gezeichnet zurück.

Zum Erzählzeitpunkt liegt die Affäre acht Jahre zurück. Der Erzähler berichtet von seinem Leben nach Consuelas Verlust und von einer erneuten Wende - Consuela ruft acht Jahre nach Abbruch der Beziehung erneut bei Kepesh an. Die nun 32-jährige hat die Diagnose Brustkrebs bekommen, in panischer Angst vor ihrem Tod und dem sicheren Wissen um die Zerstörung ihres Körpers, also einer Teilentfernung der Brust, wendet sie sich an den einzigen Mann, der sie ihre Schönheit und die Besonderheit ihres Körpers spüren ließ.

Kepesh wünscht sich ein Treffen mit ihr, ängstigt sich aber auch davor. Trotz des plötzlich auftretenden Gefühls der Überlegenheit - Consuela hat den Tod vor Augen, er als alter Mann kann von einem längeren Leben ausgehen - fürchtet der Erzähler durch eine erneute Beziehung mit Consuela unentrinnbar in einem Strudel der Leidenschaft zu versinken. Trotzdem kommt es zu einem Treffen der beiden.

Der Roman ist nicht nur eine Geschichte über sexuelle Leidenschaft, sondern er hinterfragt auch zentrale Grundsätze menschlicher Beziehung, der sozialen Kultur und schließlich der amerikanischen Ideologie, des evangelischen Puritanismus. Kepesh kritisiert und überprüft auch seine Einstellung zur Erziehung und seiner Männlichkeit. Nicht zuletzt beleuchtet der Roman die Ängste und Schwierigkeiten der Kinder von Exilanten.

Die meisten Ausgaben zeigen als Titelbild "Le grand nu" (1919) des Malers Amedeo Modigliani. Das Bild wird im Roman als ein Abbild Consuelas beschrieben und ist auf einer Postkarte abgebildet, die sie Kepesh sendet.

Der Roman bildete die Vorlage für Nicholas Meyers Drehbuch zu dem Film Elegy oder die Kunst zu lieben.

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Source : Wikipedia