Libyen

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Geschrieben von tron 19/04/2009 @ 21:11

Tags : libyen, afrika, ausland

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Libyen

Der See Umm al-Maʾ in Libyen

Libyen (, arabisch ‏ليبيا‎ Lībiyā, amtlich Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija, in der amtlichen Kurzform Libysch-Arabische Dschamahirija), ist ein Staat im Norden Afrikas. Er liegt am Mittelmeer und grenzt im Osten an Ägypten und Sudan, im Süden an Niger und Tschad und im Westen an die Maghreb-Staaten Tunesien und Algerien.

Den Nordwesten Libyens, das sogenannte Tripolitanien, nehmen die Küstenebene Al-Jifarah, das gebirgige Schichtstufenland Jabal Nafusah (bis 968 m) und die anschließende Steinwüste Al-Hamadah al-hamrah ein. Eine Steilstufe nach Süden leitet zu den Sand-, Kies- und Geröllwüsten des Fessan über. Der mittlere Abschnitt umfasst das küstennahe, an Erdöl- und Erdgasvorkommen reiche Syrtebecken.

In seinem Hinterland erhebt sich das vulkanische Gebirgsmassiv Al- Haruj al-aswad (1.200 m) mit dem Charudsch. Im Nordosten liegt die Cyrenaika mit dem steil zum Meer abfallenden Karstgebirge des Al-Jabal al-akhdar (878 m). Über das Mittelmeer im Norden ist Libyen Nachbar von Italien (Sizilien und Pantelleria), Malta und Griechenland (Kreta). Die Bucht der Großen Syrte wird von Libyen als Hoheitsgewässer beansprucht. Das Karstgebirge geht nach Osten in die Steppe der Marmarika über, nach Süden in das Sanddünenmeer der Libyschen Wüste. Im Grenzgebiet zum Tschad greifen die nördlichen Ausläufer des Tibesti mit dem höchsten Berg des Landes (Bette 2.286 m) auf Libyen über.

Insgesamt werden gut 85 % der Landesfläche von der Sahara eingenommen. Nur rund zwei Prozent der Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Libyen ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen es keinen einzigen ständigen Fluss gibt. Es verfügt lediglich über so genannte Wadis, die aber nur nach starken Regenfällen vorübergehend Wasser führen.

Libyen ist nach dem Sudan, nach Algerien und der Demokratischen Republik Kongo das viertgrößte Land des afrikanischen Kontinents.

Im mediterran geprägten winterfeuchten Küstenbereich liegen die mittleren Temperaturen im Januar bei 12 °C, im August bei 26 °C; der mittlere Jahresniederschlag beträgt hier 300 mm. Im Frühjahr und Herbst weht häufig ein trockenheißer staubiger Wüstenwind, der Gibli. Das Landesinnere hat Wüstenklima mit beträchtlichen Temperaturschwankungen (im Winter bei unter 0 °C, im Sommer über 50 °C) bei fast völliger Regenlosigkeit.

Trotz der Größe des Landes kennt Libyens Klima nur zwei wesentliche Ausprägungen: eine subtropisch warme Klimazone entlang der Küste und eine heiße, trockene Wüstenklimazone im Landesinneren (der bei weitem überwiegende Teil).

Am schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer herrschen milde Winter vor, in denen etwas Regen fällt. Durchschnittlich hält man hier bei 250 bis 400 mm Niederschlag im Jahr, was in etwa 30–50 Regentagen entspricht, die sich fast ausschließlich von November bis Februar einstellen. Die Temperaturen betragen in dieser Zeit 8–12 °C in der Nacht und ca. 16–20 °C am Tag. Das Frühjahr ist warm, mit Werten zwischen 12 und 16 °C bzw. 20–28 °C, fast ohne Niederschlag. Nun ist auch die Zeit heißer Sandstürme (genannt Ghibli) aus dem Süden, die selbst im April Spitzentemperaturen von bis zu 43 °C mit sich bringen können. Die Sommer sind lang, sehr trocken und heiß bei durchschnittlichen Tageswerten von 30–33 °C. In den Nächten sinken die Temperaturen gewöhnlich auf etwa 20–22 °C ab. Der Herbst zeigt sich warm und gegen Ende hin wieder etwas feuchter mit Tages- und Nachtwerten von 13–16 bzw. 22–27 °C. Zu dieser Zeit können abermals Ghibli auftreten, die dann wiederum Hitzewellen von 40 °C verursachen. Die Luftfeuchtigkeit ist mit 60–75 % ganzjährig hoch. Das soeben beschriebene Klima trifft auf Städte wie Tripolis (die Hauptstadt), Misratah, Surt und Benghazi zu.

Die Steppen- und Wüstengebiete die bereits knapp nach der Küste beginnen, sind geprägt von milden Wintern und sehr heißen Sommern. Niederschlag gibt es das ganze Jahr über so gut wie keinen (0–5 Niederschlagstage bzw. 1-35 mm). Im Winter bewegen sich die Temperaturen bei warmen 18–24 °C am Tag, während sie in der Nacht auf kühle Werte von 3–8 °C fallen. In manchen Gegenden ist leichter Frost durchaus möglich. Die Luftfeuchte ist bei 35–55 % mittel. Frühjahr und Herbst sind tagsüber sehr warm (24–35 °C, wobei es aber auch heißer werden kann), in den Nächten weiterhin kühl (10–18 °C). Des Öfteren gibt es Sandstürme (Ghibli), die manchmal auch die Küste erreichen. Die Luftfeuchte nimmt im Frühjahr ab, im Herbst wieder zu. Die Sommer sind sehr heiß mit trockener Luft (20–30 % Luftfeuchte). Die Tagesdurchschnittstemperaturen betragen 38–42 °C, in den Nächten zwischen 20 und 26 °C. Die libyschen Wüstengebiete gelten mit bis zu 58 °C als der Ort mit den weltweit höchsten je gemessenen Temperaturen. In der Stadt Ghadamis an der tunesischen Grenze betragen die Höchstwerte ganzer fünf Monate (Mai bis September) 50 °C und darüber. Das Wüstenklima trifft auf Städte wie Ghat, Ghadames, Kufra und Sabha zu, die trotz ihrer verstreuten Lage sehr ähnliche klimatische Verhältnisse aufweisen.

Die küstennahen Gebirge tragen Mittelmeerflora, in den Küstentiefländern gibt es Steppenvegetation. Die Tierwelt umfasst die typischen Arten der Trockengebiete, wie Dünengazellen, Hyänen, Schakale, Wüstenspringmäuse und Wüstenfüchse (Feneks), weiterhin leben hier Anubispaviane, Wildesel, Hasen und Falbkatzen sowie verschiedene Greifvögel, Schlangen und Skorpione. Zwischen 1990 und 2000 hat der Waldbestand um 1,4 % zugenommen.

Die Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Arabern (90 %) und Berbern (4 %), daneben gibt es Italiener, Ägypter, Schwarzafrikaner und andere ethnische Gruppen. Seit 1975 stieg die Bevölkerung von 2,5 Millionen auf 5,7 Millionen Menschen. Aufgrund der Bevölkerungszunahme von 2 % im Jahr 2005 waren damals 30 % der Bevölkerung unter 15 Jahre alt. Rund 90 % der Bevölkerung leben in den Küstengegenden von Tripolitanien und der Cyrenaika. 85 % lebten 2005 in Städten. Es leben knapp eine Million Gastarbeiter im Land. Nur noch 5 % der Bevölkerung sind Vollnomaden. Die Lebenserwartung betrug 2005 74 Jahre.

Der Islam ist Staatsreligion. Die Senussi-Bruderschaft stellte bis zur Revolution von 1969 den König. In den letzten Jahren ist eine verstärkte Hinwendung zum orthodoxen Islam zu verzeichnen; die Verschleierung der Frau nimmt zu. Das Abfallen vom Islam wird mit dem sofortigen Verlust der Staatsbürgerschaft geahndet. 97 % der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, vorwiegend malikitischer Richtung. Es gibt rund 74.000 Katholiken, einige Kopten und einige Ibaditen. Die meisten christlichen Kirchen wurden nach der Revolution von 1969 geschlossen. Die jüdischen Libyer mussten nach schweren Pogromen aus dem Land fliehen.

Libyen hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen des afrikanischen Kontinents. Die Sozialversicherung der Einwohner umfasst die kostenlose medizinische Versorgung, sowie Witwen-, Waisen- und Altersrenten. Allgemeine Schulpflicht bei kostenlosem Unterricht besteht für 6- bis 12-jährige. Die Analphabetenrate liegt trotzdem bei Frauen noch bei 29 % und bei Männern bei 8 %. Universitäten gibt es in Tripolis, Bengasi und Sabha.

Bereits in ägyptischen Hieroglyphentexten taucht der Name des westlich benachbarten Stammes der Libyer auf. Die Griechen benannten nach ihnen das Land beiderseits der Großen Syrte. Vom 7. Jahrhundert v. Chr. an gründeten sie an der Küste Kolonien, darunter die Stadt Kyrene. Dieser Teil des Landes, die Kyrenaika, stand in den folgenden Jahrhunderten unter der Herrschaft Ägyptens. In dem sich westlich daran anschließenden Gebiet hatten die Phönizier etwa um 700 v. Chr. die drei Städte Sabratha, Oea und Leptis Magna gegründet - der Name Tripolitanien (Drei-Städte-Land) hat hier seinen Ursprung. Nach der Zerstörung Karthagos 146 v. Chr., das das Gebiet in Besitz gehabt hatte, geriet Tripolitanien unter römische Herrschaft, 96 v. Chr. wurde auch die Kyrenaika Teil des Römischen Reiches. Bei der römischen Reichsteilung 395 n. Chr. verblieb Tripolitanien bei Westrom, während die Kyrenaika Ostrom zugeschlagen wurde. Mitte des 5. Jahrhundert fielen die Vandalen in Libyen ein; die Rückeroberung gelang Byzanz ab 533 unter Führung des Generals Belisar.

1934 erklärte Italien seine libyschen Besitzungen zur Kolonie Italienisch-Libyen. Von 1940 bis 1943 kämpften italienische Truppen im Verbund mit dem nach Libyen entsandten deutschen „Afrikakorps“ unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel gegen alliierte Verbände, die von Ägypten aus vormarschierten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land von den Vereinten Nationen (UN) verwaltet.

1951 wurde Libyen in die Unabhängigkeit entlassen mit dem Oberhaupt der Senussi, Idris I. als König der konstitutionellen Monarchie. Die Entdeckung reicher Erdölvorkommen 1959 machte Libyen in der Folgezeit zu einem der bedeutendsten erdölexportierenden Länder der Welt. Auf der anderen Seite verstärkten sich jedoch die sozialen Spannungen im Innern, was neben anwachsenden nationalistischen Stimmungen schließlich am 1. September 1969 (Nationalfeiertag) zum Sturz der Monarchie durch das Militär und zur Ausrufung der Arabischen Republik Libyen führte.

In den folgenden Jahren wurden alle Erdölgesellschaften verstaatlicht. 1975 schloss Libyen ein Abkommen über wirtschaftlich-technische und militärische Zusammenarbeit mit der UdSSR. Das militärische Engagement des Landes zugunsten der Regierungsgegner im benachbarten Tschad 1983 blieb erfolglos: Französische Legionäre vertrieben die libyschen Truppen aus fast allen besetzten Gebieten.

Wegen Gaddafis Unterstützung antiisraelischer und antiamerikanischer Terrorgruppen verschlechterte sich in der Folgezeit das Verhältnis zu den USA: Im April 1986 bombardierte die US-amerikanische Luftwaffe Tripolis und Bengasi. Im Zweiten Golfkrieg 1990 stellte sich Libyen auf die Seite des Irak. 1993 verhängte der UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Libyen wegen der verweigerten Auslieferung zweier libyscher Agenten, denen ein Flugzeugattentat zur Last gelegt wird.

Die UN-Sanktionen wurden 1999 nach einem Einlenken Gaddafis in der Terrorismusfrage und Überstellung der beiden Tatverdächtigen an ein internationales Gericht in den Niederlanden wieder ausgesetzt. Nachdem Libyen das Lockerbie-Attentat von 1988 eingestanden hatte und Entschädigungen für die Angehörigen dieser Opfer sowie eines Bombenanschlags auf ein französisches Verkehrsflugzeug 1989 (170 Tote) geleistet hatte, wurden die Embargomaßnahmen im September 2003 vollständig aufgehoben. Im September 2000 gab es Pogrome libyscher Arbeitsloser gegen afrikanische Gastarbeiter; 331 mutmaßliche Täter wurden im Januar 2001 angeklagt. Punkte bei westlichen Staaten machte Libyen ferner dadurch gut, dass es erfolgreiche Vermittlungsbemühungen im August 2000 bei islamischen Terroristen auf den Philippinen ableistete, welche zur Freilassung gefangener westlicher Geiseln führten. Außerdem erklärte sich die libysche Regierung zu Entschädigungszahlungen für die Opfer des Bombenanschlags auf die Berliner Diskothek La Belle 1986 bereit.

Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 verurteilte Gaddafi die Gewaltakte und akzeptierte ausdrücklich ein US-amerikanisches Recht auf Selbstverteidigung. Im Dezember 2003 erklärte er den Verzicht Libyens auf Massenvernichtungswaffen und ließ Anfang 2004 zahlreiche Komponenten für chemische Waffen vernichten. Am 10. März 2004 hat Libyen in Wien das so genannte Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Damit gestattet die Regierung in Tripolis der Internationalen Atomenergie-Organisation umfassende Kontrollmöglichkeiten der nuklearen Anlagen des Landes. Frankreich, das Vereinigte Königreich, sowie im Mai 2006 folgend die Vereinigten Staaten haben wieder diplomatische Beziehungen zu Libyen aufgenommen und ordnen Libyen nicht mehr in die Gruppe der Staaten ein, die den internationalen Terrorismus unterstützen. Vielmehr ist Libyen aktuell ein begehrter Partner für die Eindämmung illegaler Einwanderung vor allem nach Italien, was auch ein Drängen der europäischen Staaten auf eine Aufhebung des Waffenembargos gegen Libyen nach sich zog.

Am 17. Juli 2007 endete der international kritisierte, teilweise als politisch angesehene HIV-Prozess in Libyen, gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt nach sieben Jahren mit der Ausreise der Angeklagten in ihre Heimatländer.

Gemäß der Verfassung von 1977 ist Libyen ein basisdemokratischer Staat auf der Grundlage des Islam. Dem Generalsekretär des Allgemeinen Volkskongresses, Muftah Muhammad Kaiba, steht als Staatsoberhaupt ein siebenköpfiges Generalsekretariat zur Seite. Faktisches Staatsoberhaupt ist jedoch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Oberst Muammar al-Gaddafi. Der Allgemeine Volkskongress, dessen ca. 2.700 Delegierte von lokalen Volkskongressen (rund 15.000), Gewerkschaften, Streitkräften und anderen Massenorganisationen entsandt werden, ist die höchste politische Institution und besitzt sowohl legislative als auch exekutive Funktionen. Im Jahr 2000 löste dieses Parlament aber auf Vorschlag Gaddafis die Zentralverwaltung des Landes weitgehend auf und übergab sowohl Gesetzgebung als auch Regierungsgewalt an regionale Parlamente und Ausschüsse. Die Rechtsprechung orientiert sich weitgehend am Koran; 2005 wurde aber das berüchtigte Volksgericht abgeschafft. In Libyen existiert die Wehrpflicht. Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren können eingezogen werden. Ebenso sind alle Libyer ab 18 Jahren zur politischen Partizipation verpflichtet.

Das Land ist Mitglied der Vereinten Nationen (UN), der Afrikanischen Union (AU), der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), der Organisation arabischer Erdöl exportierender Länder (OAPEC), der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) und der Arabischen Liga sowie der Gemeinschaft der Sahel-Saharanischen Staaten SAD-CEN.

Zur Zeit gibt es in Libyen 32 Munizipien. Der arabische Begriff für eine libysche Verwaltungseinheit ist Sha'biyah (Plural Sha'biyat). Bis Mitte der 1980er Jahre wurde Libyen in Gouvernements eingeteilt.

Die libysche Wirtschaft ist bis heute stark geprägt von Kommandowirtschaft mit Importverboten, Preiskontrollen und staatlich kontrollierter Verteilung. Seit 2002 verfolgt die libysche Regierung jedoch einen vorsichtigen Kurs der Liberalisierung, der sich in einem deutlich steigenden Wachstum bemerkbar macht. So liegt das reale Wirtschaftswachstum seit 2003 regelmäßig über 5 %. 2005 betrug das reale Wachstum 6,3 %, das vorläufige Wachstum 2006 wird mit 5,6 % angegeben für 2007 werden 9,2 % geschätzt und für 2008 werden 8,8 % erwartet. Nicht zuletzt die deutliche Zunahme des Ölpreises erlaubt es der Regierung die Reformen zu beschleunigen. Da das Land über reiche Erdölvorkommen verfügt, erfolgten 70 % der BIP Entstehung 2005 im Bereich Erdöl und Erdgas. Alle anderen Wirtschaftszweige spielen dementsprechend nur eine untergeordnete Rolle: Landwirtschaft 2,9 %, Bergbau 0,8 %, verarbeitendes Gewerbe 1,4 %, Elektrizität, Gas, Wasser 0,7 %, Bau 3,3 %, Handel, Hotellerie und Gaststättengewerbe 5,3 %, Transport, Lagerhaltung und Kommunikation 3,7 %, öffentliche Dienstleistungen 8,6 %.

Die Arbeitslosenquote wurde im Juli 2006 mit 25% angegeben. Die Inflationsrate 2006 bei 3,4 %.

2004 wurden 2,8 % des BIP für Gesundheitsaufgaben und 2004/2005 2 % für das Militär aufgewendet. Ende März 2007 wurde in Bengasi die erste Börse Libyens eröffnet. Die Regierung privatisierte die staatliche Sahara-Bank und beschloss weitere Privatisierungsmaßnahmen im Wirtschaftsbereich.

Libyen gehörte 2007 zu den korruptesten Ländern der Erde (Rang 131 von 180) auf einem Niveau mit Burundi, Honduras, Iran, Nepal, und Yemen.

In den wenigen landwirtschaftlich nutzbaren Gegenden an der Küste werden vor allem Weizen, Gerste, Gemüse, Oliven, Mandeln, Zitrusfrüchte und Datteln angebaut. Trotz der geringen landwirtschaftlichen Nutzfläche hat Libyens Dattelanbau an der Weltproduktion einen Anteil von 2-5%. Auch der Olivenanbau hat an der Weltproduktion einen Anteil von 1-3% (Stand 2006).

Die größten Zementfabriken Libyens sind die Werke von LCC und ACC. Nach Beendigung des US-Embargos im Jahre 2004 wurden in Libyen Niederlassungen von ABB, Siemens und von anderen internationalen Firmen wieder geöffnet. Im Juli 2007 unterzeichneten der Staatspräsident von Frankreich Nicolas Sarkozy und der libysche Staatschef Gaddafi eine Absichtserklärung über den Bau eines Kernkraftwerks. Durch die Erdölförderung befinden sich außerdem vor allem an den Küstengebieten zahlreiche Raffinerien, sowie Textil- und Nahrungsmittelindustrie. In den 1970er Jahren wollte Libyen einen Reaktor von der Sowjetunion kaufen und das Kernkraftwerk Sirt bauen lassen. Die Planungen wurden jedoch gestoppt.

Die weitgehend verstaatlichte Wirtschaft Libyens basiert auf den reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen, durch die 2005 97 % der Exporterlöse (nach Italien 38 %, Deutschland 15 %, Spanien 9 %, Türkei 6 %, Frankreich 6 % und USA 5 %) in Höhe von 35,9 Mrd. US-$ erzielt wurden. Die weitere Industrie ist auf den Chemie-, Textil-, Möbel- und Baustoffsektor beschränkt. Eingeführt (aus Italien 21 %, Deutschland 10 %, Tunesien 6 %, Vereinigtes Königreich 5 %, Türkei 5 %, Frankreich 5 %, Republik Korea 5 % und Volksrepublik China 5 %) wurden zu 18 % Maschinen, 14 % Nahrungsmittel, 11 % Eisen und Stahl und zu 10 % Kraftfahrzeuge im Gesamtwert von 14,5 Mrd. US-$. Wegen seiner politischen Stabilität im Gegensatz zu anderen Staaten im Nahen Osten ist Libyen in letzter Zeit ein attraktiver Geschäftspartner für westliche Ölkonzerne geworden.

Aufgrund der politischen Isolation in der Vergangenheit ist der Tourismus unbedeutend, aber im Aufwind begriffen. Libyen verfügt über Häfen in Tobruk (Naturhafen), Tripolis, Benghazi, Misurata, Mersa Brega sowie über mehrere Erdölverschiffungshäfen. Internationale Flughäfen gibt es in Tripolis und Bengasi. Das Land hat etwa 47.600 km asphaltierte Straßen und etwa 35.600 km Pisten. Zwei existierende Schmalspurstrecken in Tripolis und Benghazi wurden 1965 eingestellt. Aktuell wird in Libyen ein völlig neues Schienennetz als Normalspurgleis errichtet, das langfristig die Lücke im Schienennetz Nordafrikas zwischen Tunesien und Ägypten schließen soll.

1984 begann Libyen mit der systematischen Förderung der eiszeitlichen Süßwasservorkommen in der Sahara. Mit dem Great-Man-Made-River-Projekt startete das bisher größte Süßwasserprojekt der Welt. Damit möchte sich das Land nicht nur von Lebensmittelimporten unabhängig machen, sondern auch zu einem Agrarexportstaat werden. Laut Gaddafi gibt es zum GMMR-Projekt für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung keine Alternative. Fraglich ist jedoch die mittelfristige Kostenentwicklung angesichts der enormen Bau- und Wartungskosten. Unstrittig ist, dass das GMMR-Projekt eine gewaltige Bildungs- und Infrastrukturmaßnahme darstellt und Libyens ökonomische Stabilität nach Versiegen der Ölquellen gewährleistet, wobei bis heute ungewiss ist, wie groß die unterirdischen Süßwasservorkommen sind und somit die Dauer und das Funktionieren des Projekts.

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Idris (Libyen)

Idris I. (arabisch ‏إدريس السنوسي‎, DMG Idrīs as-Sanūsī; * 12. März 1890; † 25. Mai 1983 in Kairo) ist der Amtsname des von 1951 bis 1969 regierenden Königs von Libyen.

Sidi Muhammad Idris al-Mahdi al-Senussi wurde 1916 Oberhaupt der Senussi-Orden, die in Libyen eine große Anhängerschaft hatten. Zwar wurde er 1921 zum Emir von ganz Libyen gewählt, doch zog er sich wegen der italienischen Kolonialpolitik unter Mussolini nach Ägypten zurück. Der Widerstand der Senussi-Bruderschaft unter Umar Mukhtar konnte von Italien erst 1932 gebrochen werden. Im 2. Weltkrieg unterstützte Idris mit seiner Bruderschaft die Alliierten bei den Kämpfen gegen die Achsenmächte in Afrika.

1949 wurde er Emir der Kyrenaika und 1951 König des unabhängigen Libyen. Problematisch war zunächst die Zusammenführung der autonomen Landesteile Tripolitanien, Kyrenaika und Fessan. Als die Misswirtschaft in der öffentlichen Verwaltung zunahm und ein Attentat auf Idris scheiterte, übernahm dieser persönlich die Regierung. Nun gelang Idris die Stärkung der Zentralregierung durch die Auflösung der historischen Großprovinzen Tripolitanien, Kyrenaika und Fessan sowie eine administrative Vereinheitlichung der Landesteile (1963).

Die nach den Erdölfunden seit 1962 fließenden Einnahmen wurden in den Ausbau der Infrastruktur und des Bildungswesens investiert. Da viele Studenten ins Ausland geschickt wurden, kamen zunehmend neue Ideen wie der Panarabismus in das Land. So brachen nach dem Sechstagekrieg 1967 heftige panarabische Proteste aus, die zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit führten. Diese verließ darauf das Land.

Idris wurde am 1. September 1969 während eines Kuraufenthaltes im türkischen Bursa durch Muammar al-Ghaddafi gestürzt. Zunächst wollte er Großbritannien zu einer Intervention in Libyen bewegen, verzichtete jedoch darauf, als Thronprinz al-Hasan Rida al-Mahdi den Putschisten seine Loyalität versicherte. Idris lebte seitdem, bis zu seinem Tod, im Exil in Kairo.

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Christentum in Libyen

Das Christentum ist in Libyen eine Minderheit. Laut der World Christian Encyclopedia ist die größte christliche Gruppe der römische Katholizismus, gefolgt von den russisch-orthodoxen und den serbisch-orthodoxen. In Tripoli ist eine anglikanische Gemeinde, die zur anglikanischen ägyptischen Diözese in Kairo gehört. Es gibt koptisch-orthodoxe und griechisch-orthodoxe Priester in Libyen. Die Mehrheit der Christen in Libyen besteht aus Kopten aus Ägypten. Die Beziehungen von Christen und Muslimen in Libyen sind friedlich. Es ist verboten, Muslime zu missionieren. Ein Christlicher Mann muss Muslim werden, wenn er eine islamische Frau heiraten möchte. Christliche Literatur wird beschränkt.

Etwa 40 000 römisch-katholische Menschen leben in Libyen. Es gibt zwei Bischöfe in Libyen, einen in Tripolis für die Italiener und einen in Banghazi für die Malteser. Es gibt römisch-katholische Apostolische Vikariate in Banghazi, Derna und Tripolis. Es gibt eine Apostolische Präfektur in Misurata. In Libyen befinden sich zwei katholische Kirchen, eine in Tripolis und eine in Banghazi.

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HIV-Prozess in Libyen

Auf Verschwörung und Mord steht in Libyen die Todesstrafe.

Die Krankenschwestern Kristijana Waltschewa, Nasja Nenowa, Walentina Siropulo, Walja Tscherwenjaschka und Sneschana Dimitrowa sowie der Arzt Aschraf al-Hajuj kamen 1998 nach Libyen, um in der Kinderklinik in Benghazi zu arbeiten und vor allem, um dem wirtschaftlichen Zusammenbruchs Bulgariens zu entgehen.

In der Abteilung gab es eine regelrechte HIV-Epidemie, in der nach libyschen Angaben 393 Kinder infiziert wurden, etwa 40 seien schon an den Folgen von Aids gestorben. Die Ursachen dafür sollten in dem Prozess geklärt werden: Während einerseits der Verdacht geäußert wurde, dies sei mit Absicht geschehen, verwiesen andere auf die hygienischen Verhältnisse des Krankenhauses.

Als Motiv für die Täter galten den Vertretern der Theorie einer absichtlichen Infektion Rachegelüste des palästinensischen Arztes gegenüber den Libyern. Die Bulgarinnen seien schlicht bestochen worden. Die Vertreter der Verteidigung verwiesen darauf, dass die Epidemie schon vor Eintreffen der Verdächtigten begonnen habe.

Im Prozess wurde zudem der bulgarische Arzt Dr. Zdrawko Georgiew des illegalen Devisenhandels angeklagt. Die Anklage gegen ihn wurde erhoben, nachdem er wegen der Verhaftung seiner Frau – Kristijana Waltschewa – nach Libyen gereist war. Zdrawko Georgiew wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Prozess begann ohne Konsultation der bulgarischen Botschaft. Aus Mangel an Beweisen, die für eine Verschwörung gegen den Staat sprachen, wurde der Prozess eingestellt.

Der Prozess begann mit einem Geständnis einiger Angeklagter (al-Hajuj, Waltschewa und Siropulo - angeblich unter Folter - Elektroschocks und Schlägen). Die Anklage stützte sich auf die These des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi, derzufolge eine Verschwörung vorliege, die von der CIA und dem israelischen Geheimdienst Mossad gesteuert wurde. Während des Prozesses gaben die Mediziner an, dass sie durch Folterungen und Demütigungen zu Geständnissen gezwungen worden seien. Die These von Muammar al-Gaddafi wurde von der internationalen Presse für absurd erklärt.

Im Vorfeld des neuen Verfahrens reiste am 2. Februar 2003 der bulgarische Außenminister Solomon Pasi nach Tripolis und führte Gespräche mit dem libyschen Außenminister Abdel Rahman Shalgham und dem Minister für Justiz und Sicherheit, Muhammad Ali al-Musrati. Bei den Gesprächen ging es neben den bilateralen Beziehungen auch in erster Linie um das schleppende Gerichtsverfahren gegen die Angeklagten.

Am 2. Juni 2003 verlangte der bulgarische Justizminister Anton Stankov von der libyschen Regierung eine Beschleunigung des Gerichtsverfahrens und eine Verlegung des Prozesses von Benghazi nach Tripolis, um unbefangener die Beschuldigungen vor Gericht zu verhandeln.

Am 8. Juni 2003 gab der bulgarische Außenminister Solomon Isaak Pasi die Ausreise der seit zwei Jahren in Libyen festgehaltenen Maria Zasheva bekannt. Die Krankenschwester wurde in Verbindung mit dem HIV-Infektionsausbruch in der Kinderklinik von Benghazi gebracht, konnte aber entgegen ihrer Kollegen in die bulgarische Botschaft in Tripolis flüchten, um sich einer Verhaftung zu entziehen. Ausreisen konnte Maria Zasheva nicht, da die libyschen Behörden ihren Reisepass einzogen, der erst im Juni wieder freigegeben wurde, so dass die Krankenschwester in ihre Heimat fliegen konnte.

Libyen zieht die Anklage, dass die Mediziner im Auftrag des CIA und des israelischen Geheimdienstes gehandelt haben, zurück und erhebt eine neue Anklage: Die Angeklagten sollen Kinder mit Mutationen des HI-Virus infiziert und illegal Medikamente ausprobiert haben.

Bulgarien beschuldigte indes Libyen, es würde sich um einen politischen Schauprozess handeln und verlangte wiederholt, ein unabhängiges Experten-Team (Schweizer und Franzosen) mit der Untersuchung des Falls zu betrauen. Das libysche Gericht wies den Antrag zunächst zurück. Der Verteidiger Othman el-Bezanti wies das Gericht darauf hin, dass der Grund für die Infektionen die schlechte Hygiene in dem Krankenhaus in Benghazi gewesen sei, zumal einige Infektionen durch die Wiederverwendung von Spritzen stammten.

Am 15. Oktober 2003 wurde der Mitarbeiterin der bulgarischen Botschaft in Tripolis, Eleonora Dimitrova, untersagt, weiterhin am Gerichtsverfahren teilzunehmen. Bei den Anhörungen im Gerichtssaal am 13. Oktober soll es zu einem Streit gekommen sein, nachdem die Botschaftsangestellte den Berichten von Misshandlungen der Angeklagten Glauben schenkte.

Am 19. Dezember 2003 reiste der bulgarische Außenminister Pasi zu seinem 4. Besuch innerhalb von zwei Jahren nach Libyen und besuchte die in Haft sitzenden bulgarischen Ärzte und Krankenschwestern.

Der Direktor des libyschen Anti-AIDS-Programms Ahmad Mahmoud erklärte am 28. Dezember 2003 gegenüber der libyschen Tageszeitung Al-Shams, dass im Land 975 Personen an der Immunschwächekrankheit AIDS infiziert sind. 175 davon seien Ausländer. Mamoud erklärte auch, dass alle infizierten Ausländer das Land verlassen müssen. Das nationale Zentrum für Krankheiten (National Center for Diseases) gab in der Vergangenheit bereits bekannt, dass im Jahr 2000 rund 1852 Fälle registriert wurden und im Jahr 2001 rund 319 neue Fälle hinzugekommen sind.

Abseits des Prozesses wurde bekannt, dass am 25. September 2003 die 47-jährige bulgarische Krankenschwester Diana G. V. in ihrer Wohnung in Benghazi tot aufgefunden wurde. Die libysche Polizei ist von einem Selbstmord ausgegangen. Sie arbeitete bereits 3-4 Jahre in der Rehabilitationsklinik von Benghazi (El Fateh Association Rehabilitation Center). Der bulgarische Konsul vor Ort, Emil Manolov erklärte, dass die Frau unter einer psychischen Krankheit litt und bereits in Behandlung war.

Nach Angaben der bulgarischen Zeitung Standart gab es im Jahr 2001 ebenfalls einen Zwischenfall. Eine andere bulgarische Krankenschwester (Erna K.) hatte ihre Familie von der beabsichtigten Rückreise in ihr Heimatland informiert. Sie arbeitete in Tripolis und hatte offenbar ein Verhältnis mit einem Vorgesetzten der Klinik. Der Mann soll die Krankenschwester geschlagen haben, bis sie in ein Koma fiel. Ihrer Familie in Bulgarien hatte sie von Drohungen durch den Mann berichtet. Libysche Quellen behaupten hingegen, die Bulgarin hätte ein psychisches Problem gehabt, das in ein Selbstmorddrama mündete.

Die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensische Arzt werden vom Strafgericht am 6. Mai 2004 der vorsätzlichen Infizierung von 369 Kindern mit HIV schuldig gesprochen und zum Tod durch Erschießen verurteilt. Neun ebenfalls angeklagte Libyer wurden freigesprochen. Dr. Zdrawko Georgiew wird zu vier Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe wegen illegalem Devisenhandel verurteilt. Das Gericht verpflichtet Aschraf al-Hajuj, Kristijana Waltschewa und Nasja Nenowa, den Eltern der libyschen Kinder Schmerzensgeld von über 4 Milliarden US-Dollar zu zahlen. Die Verteidigung argumentierte dagegen anders. "Es ist ein schockierendes Urteil. Meine Mandanten hatten erwartet, wegen Pflichtverletzung verurteilt zu werden, und waren von Haftstrafen statt der Todesstrafe ausgegangen", sagte der Verteidiger Othmane Bizanti der Nachrichtenagentur Reuters.

Im Januar 2004 empfiehlt die Europäische Union Libyen in einem Brief, der von den Botschaftern der Niederlande und Großbritanniens in Libyen eingereicht wurde, die Anklagen gegen die Mediziner zurückzuziehen. Amnesty International, das amerikanische Außenministerium und andere internationale Organisationen drückten ihre tiefe Besorgnis über das Gerichtsverfahren aus. Die bulgarische Regierung erklärt dieses Urteil als absurd und setzt sich für eine Befreiung der Mediziner ein.

Am 4. August 2004 besucht eine Delegation der Europäischen Union unter der Leitung des EU-Beauftragten für AIDS-Angelegenheiten, Dr. Lieve Fransen, die Stadt Benghazi, um medizinische Hilfe für die infizierten Kinder zu leisten. Unterdessen protestierten HIV-infizierte Kinder in Benghazi öffentlich und hielten Protestplakate in bulgarischer Sprache hoch.

Am 2. November 2004 sprach sich Revolutionsführer Muammar al Gaddafi für die Abschaffung der Todesstrafe in Libyen aus. In einer im Staatsfernsehen übertragenen Rede vor Richtern und Studenten sagte er: "Wir werden uns für die Abschaffung der Todesstrafe stark machen, innerhalb und außerhalb der Gerichte".

Libyen hat am 5. Dezember 2004 die Aufhebung der Todesstrafe in Aussicht gestellt. Voraussetzung sei, dass Bulgarien Schadenersatz leiste, sagte Außenminister Mohammed Abdel-Rahman Shalgam der Nachrichtenagentur Reuters in Tripolis. Shalgam sagte: "Wir haben drei Probleme: Die infizierten Kinder, die verstorbenen Kinder und die verurteilten Bulgaren. Wir müssen daher alle drei Probleme zusammen lösen." Libyen wolle, dass Bulgarien direkten Kontakt mit den betroffenen Familien aufnehme und einen finanziellen Schadenersatz leiste. Außerdem sollte Bulgarien den Bau einer Klinik für Aids-Opfer finanzieren. "Wenn diese beiden Schritte gegangen sind, können wir über den dritten sprechen, bei dem es um eine Aufhebung der Todesurteile geht", sagte der Minister. Shalgam hatte sich zuvor in den Niederlanden mit dem bulgarischen Außenminister Solomon Pasi getroffen.

Im Vorfeld des Berufungsverfahrens vor dem Obersten Gericht plante Libyen die Auferlegung eines Handels- und Investitionsembargos gegen Bulgarien, das damit gezwungen werden soll, Verantwortung für die Infektion von 426 libyschen Kindern zu nehmen, die durch fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt in der Kinderklinik in Benghazi mit HIV infiziert worden seien. "Libyen boykottiert bulgarische Firmen und schließt die Türen für alle Investitions- und Handelsgelegenheiten, die bulgarische Firmen betreffen, weil die bulgarische Regierung alle Entschädigungsforderungen ignoriert hat, um Verantwortung für die Tätigkeit seiner Bürger in dem HIV-Fall zu übernehmen," sagt ein Regierungsbeamter der Nachrichtenagentur Reuters. Unter der Vermittlung der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten haben sich Bulgarien und Libyen im Dezember 2005 darauf geeinigt, einen Fonds für AIDS-infizierte Kinder einzurichten. Die bulgarische Regierung weigerte sich, auf Gespräche zu Entschädigungszahlungen einzugehen, da die verurteilten Mediziner unschuldig seien.

Nach Abschluss des Verfahrens vor dem Obersten Gericht in Tripolis wurde am 25. Dezember 2005 das Todesurteil aufgehoben und das Verfahren wurde neu aufgerollt.

Am 11. Mai 2006 begann in Tripolis ein neues Verfahren. Es endete am 19. Dezember 2006 mit einem erneuten Todesurteil, das im Juli 2007 vom Obersten Justizrat (Supreme Judiciary Council) bestätigt wurde. Im Anschluss wurde bekannt, dass alle Eltern der verstorbenen Kinder sich bereit erklärt hatten, Schadenersatzzahlungen anzunehmen. Insgesamt sollten in 458 Fällen solche Zahlungen geleistet werden, an Eltern von gestorbenen beziehungsweise erkrankten Kindern sowie an infizierte Mütter. Am 17. Juli 2007 wurde das Todesurteil vom libyschen Justizrat auf dieser Grundlage in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt.

Bulgarien hatte direkt nach der Umwandlung der Strafe die Auslieferung der Verurteilten beantragt. Durch Vermittlung der Europäischen Union und Katars konnten die fünf Krankenschwestern und der Mediziner am 24. Juli 2007 Libyen mit einem französischen Regierungsflugzeug und in Begleitung von Cécilia Sarkozy, der Ehefrau des französischen Staatspräsidenten, und EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner verlassen und nach Sofia zurückkehren. Dort wurden sie am Tag ihrer Ankunft vom bulgarischen Staatspräsidenten Georgi Parwanow begnadigt und sind somit nach acht Haftjahren wieder frei.

Nach der Begnadigung der Verurteilten hat Libyen dagegen bereits einen Tag später protestiert und den Ersten Sekretär der bulgarischen Botschaft einbestellt. Die Familien der infizierten Kinder haben zudem den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Bulgarien und die Abschiebung aller Bulgaren verlangt. Libyen hat zudem am 26. Juli 2007 eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga gefordert, um diplomatische und wirtschaftliche Sanktionen gegen Bulgarien durchzusetzen.

Die internationale Presse widmete mit einzelnen Ausnahmen den Prozessen keine große Aufmerksamkeit. Zumeist wurde die Meinung vertreten, die Angeklagten hätten als Sündenbock für die HIV-Epidemie dienen sollen. Die libysche und ein Teil der arabischen Presse gingen hingegen von einem fairen Prozess aus. In der gesamten bulgarischen Presse wurden die Prozesse ohne Ausnahmen als absurd bezeichnet.

Eine internationale Initiative namens Ne ste sami (Не сте сами, deutsch „Ihr seid nicht allein“) soll zur Rettung der bulgarischen Krankenschwestern sowie des palästinensischen Arztes beitragen. Das Symbol der Initiative ist eine Schleife in den Farben der bulgarischen Fahne mit der Aufschrift Ihr seid nicht allein auf bulgarisch und englisch. Die Initiative wird von fast allen bulgarischen Fernseh-, Radio-, Print- und Internetmedien getragen.

Die geschilderte Sachlage würde ein Motiv darstellen, die Schuld Ausländern zuzuschieben, um selbst keine innenpolitische Unruhe bewältigen zu müssen.

Erstmals wird im August 2007 von einer prominenten Person in Libyen, Saif al-Islam al-Gaddafi, ein Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi, öffentlich die Einschätzung der internationalen Beobachter im Wesentlichen geteilt, dass die kürzlich freigekommenen bulgarischen Krankenschwestern misshandelt und politisch missbraucht wurden.

Gegenüber der internationalen Presse haben die aus libyscher Haft freigelassenen fünf bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensische Arzt bekanntgegeben, während der achtjährigen Gefangenschaft mehrfach misshandelt worden zu sein. Sneschana Dimitrowa aus Litakowo berichtete von Folter und Demütigungen während der Isolationshaft. Auch der gebürtige palästenensische Arzt Aschraf al-Hajuj gab in einem Interview gegenüber dem niederländischen Fernsehen an, während der Haft von libyscher Seite unter Drogen gesetzt und mit Elektroschocks an Füßen und den Genitalien gefoltert worden zu sein.

Libyen hat nach der Auslieferung der ehemals zum Tode Verurteilten bekanntgegeben, dass sowohl aus Tschechien, der Slowakei, Katar und Bulgarien und 26 weiteren Quellen in den Fonds Benghasi International eingezahlt wurde, aus dem rund 460 Millionen US-Dollar an die Familien der HIV-infizierten Kinder gezahlt werden sollen. Nachdem Frankreich überraschend in Libyen auch eine Absichtserklärung zum Bau eines Kernkraftwerks unterzeichnet hat, wurde dem Land auch finanzielle Hilfe zur Modernisierung des Zentralkrankenhauses in Benghazi zugesagt.

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Source : Wikipedia