Islam

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Geschrieben von bishop 06/04/2009 @ 23:09

Tags : islam, religion, gesellschaft

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Islam

Staaten mit einem islamischen Bevölkerungsanteil von mehr als 10%Grün: sunnitische Gebiete, Rot: schiitische Gebiete, Blau: Ibaditen (Oman)

Der Islam (arabisch ‏إسلام‎ islām, „Unterwerfung (unter Gott) / völlige Hingabe (an Gott)“; ‏الإسلام‎ al-islām, „der Islam“) ist mit rund 1,4 Milliarden Anhängern nach dem Christentum (ca. 2,2 Milliarden Anhänger) die zweitgrößte Religion der Welt. Seine Anhänger bezeichnen sich im deutschsprachigen Raum als Muslime oder Moslems. Der Islam ist eine monotheistische abrahamitische Religion, die sich streng vom Polytheismus und auch von christlichen Vorstellungen wie Menschwerdung Gottes und Dreifaltigkeit abgrenzt. Bestimmendes Element ist die Lehre vom tauhid, der Einheit Gottes.

Das arabische Wort für „Gottheit“ ist ilah ‏إله‎ / ilāh. Die Pluralform ist: Aliha ‏آلهة‎ / āliha /„Gottheiten, Götter“ bekannt aus der Schahada (siehe unten): Lā ilāha illa ʾllāh(u): „Es gibt keinen Gott außer (dem einzigen, allmächtigen) Gott“. Allah / ‏الله ‎ / Allāh /„der (einzige) Gott; Gott“. Das Wort Allah gilt in den arabischsprachigen Ländern sowohl den Christen als auch den Muslimen als das Wort für "Gott". In anderen Sprachräumen wird "Allah" teilweise als "Gott der Muslime" betrachtet - eine Ansicht, die von den Muslimen selbst nicht geteilt wird, da für sie Gott jeglicher "Sache" des Universums übergeordnet ist und somit auch von jeglicher religiösen oder sonstigen menschlichen Gruppierung unabhängig bzw. für alle Menschen der Gleiche ist.

Der Islam ist nicht allein eine Religion, sondern zugleich ein in sich geschlossenes rechtlich-politisches Wertesystem; eine Trennung von Religion und Staat ist deshalb nach islamischem Verständnis nicht vorgesehen. Er gründet auf dem Koran, der für die Gläubigen das unverfälschte Wort Gottes ist und als Primärquelle dieser Religion gilt.

Zweite Erkenntnisquelle neben dem Koran sind die Worte und Handlungen (Sunna) des Propheten Mohammed, dem „Gesandte Gottes und d Siegel der Propheten“ (Sure 33:40).

Der Islam ist über Religion und rechtlich-politisches Wertesystem hinaus auch Träger einer Kultur (Kulturkreis) mit einer wissenschaftlichen und künstlerischen Blütezeit die traditionell zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert datiert wird. Heute wird die Datierung oft bis ins 15. oder 16. Jahrhundert ausgeweitet.

Mohammed (‏محمد‎, „der Hochgelobte, Vielgepriesene“) wurde um 570 nach Chr. als Sohn eines Händlers aus dem Stamme der Quraisch in Mekka im heutigen Saudi-Arabien geboren. Nach islamischer Überlieferung erschien ihm im Alter von etwa 40 Jahren erstmals der Erzengel Gabriel, der ihm im Verlauf seines weiteren Lebens über Jahre hinweg die Verse der göttlichen Offenbarung, des Korans diktierte. Mohammeds Offenbarungen wurden bereits zu Lebzeiten laufend gesammelt und kontrolliert, und schließlich unter der Regierung Uthman ibn Affans, des dritten der so genannten rechtschaffenen Kalifen, gesammelt und kanonisiert. Die von Mohammed verkündete Botschaft eines kompromisslosen Monotheismus fand im polytheistischen Mekka jener Zeit wenige Anhänger, und die junge muslimische Gemeinde sah sich unter dem Druck ihrer Gegner gezwungen, Mekka zu verlassen und in das nördlich gelegene Yathrib auszuwandern. Dieses Ereignis ging als Hidschra in die Geschichte ein und wurde durch Beschluss des zweiten Kalifen Umar ibn al-Chattab als erstes Jahr der islamischen Zeitrechnung festgelegt.

In Yathrib begann zugleich die politische und militärische Karriere des Propheten. Bald nach seiner Ankunft in der Oase schloss Mohammed einen Bündnisvertrag mit der dortigen Bewohnerschaft, die sog. "Verfassung von Medina". Des Weiteren kam es zur militärischen Konfrontation mit den heidnischen Quraisch: Die vom Propheten organisierten Karawanenüberfälle führten zur Schlacht von Badr, auf die die Schlacht von Uhud folgte. Als letzter großer Angriff der Quraisch auf Medina galt die sog. Grabenschlacht. Währenddessen kam es zur Auseinandersetzung mit den drei wichtigsten jüdischen Stämmen Yathribs: Die Banu Qainuqa und die Banu Nadir wurden aus der Oase vertrieben, während die Männer der Banu Quraiza exekutiert, ihr Besitz unter den Muslimen verteilt und ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft wurden. Der Krieg Mohammeds und seiner Anhänger gegen die Quraisch und ihre Verbündeten führte zu einem Friedensvertrag 628 n.Chr.; zwei Jahre später erfolgte die Eroberung Mekkas. Als der Prophet 632 n.Chr. starb, erstreckte sich der islamische Machtbereich über die gesamte arabische Halbinsel.

Mit dieser, aus zwei Teilen bestehenden, Formel bekennt sich der Muslim eindeutig zum strengen Monotheismus, zu Mohammeds prophetischer Sendung und zu dessen Offenbarung, dem Koran, und somit zum Islam selbst. Wer das Glaubensbekenntnis bei vollem Bewusstsein vor zwei Zeugen spricht, gilt als Muslim.

Diese Formel wird ebenfalls fünf mal am Tag vom Muezzin (arabisch ‏مؤذّن‎ mu'adhdhin) beim Adhan (arabisch ‏أذان‎ adhān) vom Minarett (arabisch ‏مناره‎ manara) gerufen, um die Muslime zum rituellen Pflichtgebet (arabisch ‏صلاة‎ ṣalāt) zu rufen, in welchem die Formel ebenfalls vorkommt.

Das Gebet (Salāt, ‏صلاة‎) wird zu festgelegten Zeiten verrichtet, zu denen der Muezzin ruft: während der Morgendämmerung, mittags, nachmittags, während der Abenddämmerung und nach Einbruch der Nacht.

Zuvor erfolgt die rituelle Reinigung (arabisch: wudu'; persisch: âbdast) mit reinem Wasser. Sollte dieses nicht in ausreichender Menge zu Verfügung stehen oder als Trinkreserve benötigt werden, wird symbolisch Sand verwendet (tayammum). Das Verkürzen, Zusammenlegen, Vorziehen oder Nachholen von Gebeten ist unter bestimmten Bedingungen gestattet, etwa auf Reisen oder bei Krankheit. Am Freitag wird das Mittagsgebet (Freitagsgebet) in der Gemeinschaft, meist in der Hauptmoschee der Stadt oder des Viertels, verrichtet. Es wird von der Predigt (chutba) begleitet, deren Grundlagen der Koran und die Aussprüche des Propheten sind und die oft auch tagesaktuelle Fragen behandelt.

Die Almosensteuer (Zakāt, ‏زكاة‎) ist die verpflichtende, von jedem psychisch gesunden, freien, erwachsenen und finanziell dazu fähigen Muslim zur finanziellen Beihilfe von Armen, Sklaven, Schuldnern und Reisenden sowie für die Anstrengung oder den Kampf auf dem Wege Gottes zu zahlende Steuer. Die Höhe variiert je nach Einkunftsart (Handel, Viehzucht, Anbau) zwischen 2,5  und 10 Prozent ebenso wie die Besteuerungsgrundlage (Einkommen oder Gesamtvermögen).

Die Zakat ist eine fromme Handlung und religiöse Pflicht des Muslims und kann somit nur Muslimen zugute kommen.

Das Fasten findet alljährlich im islamischen Monat Ramadan statt. Der islamische Kalender verschiebt sich jedes Jahr im Vergleich zum gregorianischen Kalender um 11 Tage. Gefastet wird von Beginn der Morgendämmerung – wenn man einen „weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden“ kann (Sure 2, Vers 187) – bis zum vollendeten Sonnenuntergang; es wird nichts gegessen, nichts getrunken, nicht geraucht, kein ehelicher Verkehr und Enthaltsamkeit im Verhalten geübt.

Muslime brechen das Fasten gerne mit einer Dattel und einem Glas Milch, wie dies der Prophet getan haben soll. Der Fastenmonat wird mit dem Fest des Fastenbrechens ('Īd al-fitr) beendet.

Der Islam ist eine ausgeprägt monotheistische Religion. Die christliche Vorstellung der Dreifaltigkeit wird ausdrücklich abgelehnt, ebenso jede Personifizierung oder gar bildliche Darstellung Gottes. Gott wird durch seine „99 schönsten Namen“ (al-asmāʾu ʾl-ḥusnā) beschrieben, die nur ihm alleine zustehen. Die Menschen können über Gott nur wissen, was er ihnen selbst in seiner Gnade offenbart hat. Die Definition der Attribute Gottes anhand der Koranauslegung führte im sunnitischen Islam zur Zeit der Abbasiden vor allem in den Lehren der Mu'tazila und ihrer Gegner zu heftigen Auseinandersetzungen.

Neben der Eigenverantwortung steht die Verantwortung für andere: Jeder Muslim ist verpflichtet, zu „gebieten, was recht ist“ und zu „verbieten, was verwerflich ist: Al-amr bi'l ma'ruf wa n-nahy 'an al-munkar ‏الأمر بالمعروف والنهي عن المنكر‎) (mehrfach im Koran, z. B. in Sure 7, Vers 157).

Die Scharia (‏الشريعة‎, DMG Šarīʿa) ist das islamische Recht, das alle Bereiche des Lebens umfasst und nach göttlichen, unveränderbaren Regeln ordnet. Diese Regeln wurden vor allem in der frühen Abbasidenzeit schriftlich fixiert und bilden auch heute noch die Grundlage des islamischen Rechts. Die konkrete Anwendung geschieht durch Fatwas, religiöse Gutachten oder Lehrentscheidung, die von Religionsgelehrten (Muftis) aufgrund der Interpretation von Koran und Sunna nach traditionellen Regeln (usul al-fiqh) getroffen werden.

Die Scharia ist nach ihrem Selbstverständnis universal gültig und muss nach islamischem Verständnis weltweit durchgesetzt werden (siehe auch Karikaturenstreit). Bestimmte Regeln zur Glaubensausübung, wie Gebet und Wallfahrt, sind jedoch nur für Muslime gültig. Nur im Ehe- und Privatrecht sind Ausnahmen vorgesehen. Dafür hat die islamische Rechtsprechung ein besonderes Fremdenrecht und Recht für Minderheiten wie das osmanische Millet-System entwickelt.

Ein Großteil der Scharia muss nach den Grundsatz al-amr bi'l ma'ruf wa n-nahy 'an al-munkar von allen Muslimen, auch mit Gewalt, durchgesetzt werden. Die klassische Scharia unterteilt sich in eine schiitische und vier sunnitische Rechtsschulen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie im Umfeld von mehrheitlich islamischen Gesellschaften entstanden. Die Diasporasituation von Muslimen fehlt in den klassischen Rechtsschulen und wird erst durch neuere Fatwas zunehmend berücksichtigt. Da es unter islamischen Rechtsgelehrten keinen allgemeinen Konsens gibt, ist es nicht möglich von „der Scharia“ zu sprechen, da es keine einheitliche Scharia gibt. Kritik muss deshalb immer an konkreten Fatwas geübt werden.

Im Sufismus (islamische Mystik) hat die Scharia den Stellenwert der Basis für den Weg des Gottessuchenden. Weitere Stationen sind in der Reihenfolge: Tariqa („der mystische Weg“), Haqiqa („Wahrheit“) und Ma'rifa („Erkenntnis“).

Der Islam ist in mehrere Richtungen gespalten. Die Sunniten bilden mit etwa 90 Prozent die zahlenmäßig größte Gruppierung. Sie unterteilen sich wiederum in die sunnitischen Rechtsschulen der Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten und Schafiiten. Die Wahhabiten genannte Richtung des Sunnitischen Islam ist keine Rechtsschule, aber stark an die der Hanbaliten angelehnt.

Die Rechtsschulen sind häufig geographisch verteilt; so leben z. B. Hanafiten in der Türkei, Malikiten in Nordafrika.

Die Unterschiede zur zweitgrößten Glaubensrichtung, deren Anhänger als Schiiten bezeichnet werden, liegen in der Überzeugung, auf welche Grundlage sich die Herrschaft des obersten Führers (Kalif bei den Sunniten, Imam bei den Schiiten) gründet. Für die Sunniten ist der Kalif ein Führer, der von seinen Anhängern aufgrund seiner weltlichen, administrativen Fähigkeiten gewählt wird. Für die Schiiten kann der Imam hingegen nur ein rechtmäßiger Nachfolger Mohammeds sein und gleichzeitig auch Nachfolger Alis (des Schwiegersohns Mohammeds). Während der Kalif also nur ein weltlicher Verteidiger der Religionsgemeinschaft ist, stellt der Imam im Glauben der Schiiten ein unfehlbares und vollkommenes geistliches und mit diviner Macht ausgestattetes Oberhaupt dar. Es wird ihm auch die Sündenlosigkeit zugesprochen. Aus diesen Tatsachen ergibt sich, dass innerhalb der schiitischen Gruppierungen dem religiösen Oberhaupt der Gemeinde eine vielfach größere Autorität zukommt.

Die Schiiten sind die zweite große Richtung. Deren Hauptrichtung sind die Imamiten oder Zwölferschia, die vor allem im Iran, Irak, Aserbaidschan, Bahrain und dem Libanon weit verbreitet sind. Weiter gibt es die Anhänger der Siebenerschia (Ismailiten), die überwiegend auf dem indischen Subkontinent (Mumbai, Karatschi und Nordpakistan) sowie in Afghanistan und Tadschikistan leben. Die Zaiditen oder Fünferschia finden sich heute nur noch im Jemen.

Die Charidschiten, die sogenannten „Auszügler“, die die Partei des vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib verlassen haben sind die Anhänger der ältesten religiösen Sekte im Islam des 7. Jahrhunderts. Sie lehnten sowohl die Legitimation von Ali als auch von Uthman ibn Affan als Kalifen ab. Ihre Bewegung ist unter den ersten Kalifen der Abbasiden bereits erloschen. Ihr Hauptzweig ist heute die kleinste Richtung des Islams, die Ibaditen. Sie leben vor allem in Südalgerien (Mzab), auf der tunesischen Insel Djerba und in Oman.

Wie fast alle Religionen bzw. religiöse Richtungen besitzt auch der Islam einen inneren (esoterischen) und einen äußeren (exoterischen) Aspekt. Die mystische innere Dimension des Islam ist der Sufismus (‏تصوف‎ tasawwuf). Der innere Aspekt wird auch Tariqa, der äußere Schari'a genannt. Nach Auffassung der Sufis gehören diese beiden Aspekte untrennbar zusammen, als Beispiel dient das Symbol einer Öllampe: Die Flamme der Lampe steht für Tariqa, also für die Essenz der Religion, die ohne das schützende Glas beim ersten Windhauch erlöschen würde. Das Glas, also die Hülle, steht für Schari’a, aber ohne eine Flamme hätte das Glas alleine als Lampe keinen Sinn.

Von puritanischen Gruppen wie den Wahhabiten werden die Sufis oft als Ketzer bezeichnet und deswegen abgelehnt oder sogar verfolgt. Kritisiert werden u. a. religiöse Praktiken wie der Dhikr - der oft mit Musik und Körperbewegungen, die nicht als Tanz anzusehen sind - einhergeht, der Wunsch der Sufis, bereits im Diesseits eine Vereinigung mit Gott zu erfahren, und die Tatsache, dass man zum Beschreiten des Sufi-Pfades unbedingt einen lebenden spirituellen Meister benötigt: einen Scheich oder Wali, in Westafrika auch Marabout. Diese Glaubensführer werden von orthodoxer Seite her abgelehnt, weil im Islam kein Mittler zwischen dem Menschen und Gott stehen kann und darf. Die Sufis selbst sehen den Scheich jedoch nicht als Mittler, sondern als jemanden, der die Schwierigkeiten auf dem Weg zu Gott bereits kennt und sein Wissen an andere weitergeben kann.

Heute ist der Islam in vielen Ländern des Nahen Ostens, Nordafrikas, Zentral- und Südostasiens verbreitet. Hauptverbreitungsgebiet ist dabei der Trockengürtel, der sich von der Sahara im Westen über den Nahen Osten und den Kaukasus bis nach Zentralasien im Osten zieht. Das bevölkerungsreichste muslimische Land ist Indonesien. Muslimisch geprägte Länder in Europa sind Bosnien und Herzegowina, die Türkei und Albanien. Viele weitere Länder haben muslimische Minderheiten. Die Anhängerzahl des Islam wird auf 1,4 Milliarden geschätzt.

Die islamischen Länder sind in der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) organisiert, der auch einige Staaten mit größeren muslimischen Minderheiten angehören.

Seit der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam 1990 soll die Scharia wieder Basis der Gesetzgebung in allen islamischen Ländern sein. Die praktische Umsetzung ist jedoch sehr unterschiedlich. In Tunesien beschränkt sich die Umsetzung nur auf das Zivilrecht, in Saudi-Arabien und Sudan hingegen kommt sie vollständig zur Geltung. Die Scharia kennt prinzipiell keine Gleichheit zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

In Saudi-Arabien, im Sudan, im Iran, in Somalia und Teilen Pakistans (Stammesgebiete unter Bundesverwaltung) gilt die Scharia so gut wie uneingeschränkt. In Ägypten, Jordanien, Indonesien, Marokko und vielen weiteren Staaten wird die Scharia teilweise praktiziert, etwa das Verbot der Heirat einer Muslimin mit einem Nichtmuslim oder die Erlaubnis zur Polygynie nach islamischen Regeln. Allerdings sieht in vielen Staaten die soziale Realität in Teilen der Gesellschaft so aus, dass die Scharia weiterhin in den meisten Bereichen Geltung hat. So existiert z. B. die offiziell nicht anerkannte Polygynie in der Türkei in ländlichen Gebieten und wird regelmäßig amnestiert. In manchen Staaten gibt es neben einer auf der Scharia basierten Rechtsprechung für Muslime auch eine säkulare Rechtsprechung für Nichtmuslime (z. B. in Nigeria).

In einigen islamischen Ländern (z.B. Saudi-Arabien, Sudan, Iran, Nigeria) kommen besonders drakonische Strafen zur Anwendung, wie z.B. das öffentliche Abtrennen von Gliedmaßen oder öffentliche Steinigung, z.B. für Diebstahl oder Ehebruch. Diese äußerst zweifelhaften Methoden werden international heftig kritisiert. Auch innerhalb der Islamischen Gemeinschaft wird Kritik daran geäußert, allerdings nicht, weil die Strafen an sich gegen die Menschenrechte verstoßen, sondern weil bei der Verurteilung der Angeklagten meist die in der Scharia vorgeschriebenen Schutzbedingungen für Angeklagte außer Acht gelassen werden. In diesem Kontext muss beachtet werden, dass die heutige islamische Rechtsausübung in manchen Ländern den Angeklagten oftmals nur sehr geringen Schutz bietet: Oft kommt es vor, dass die Angeklagten Analphabeten sind und in der Regel keinen Rechtsbeistand erhalten. Die Richter selbst sind oftmals nur dürftig ausgebildet, Urteile werden nicht selten willkürlich ausgesprochen.

Ein Bereich der Scharia, der noch in Sudan und in Mauretanien existiert, ist die Sklaverei (siehe Sklaverei in Sudan und Sklaverei in Mauretanien).

Als Beginn eines „neuen Zeitalters der Aufklärung für den Islam“ verstand sich am 4. und 5. März 2007 in St. Petersburg (Florida) eine Konferenz säkularer Muslime aus verschiedenen islamischen und westlichen Ländern, die sich mit den säkularen Interpretationen des Islam, der Notwendigkeit einer innerkoranischen Kritik, mit dem Stand der Meinungsfreiheit in muslimischen Gesellschaften und mit Fragen der Erziehungsreform beschäftigte. Initiatoren waren u. a. dissidente Muslime wie Ayaan Hirsi Ali, Irshad Manji und Ibn Warraq. Zum Abschluss der Konferenz wurde die sog. „St. Petersburg Declaration“ verabschiedet, in der u. a. die Trennung von Staat und Religion, die Einhaltung der universellen Menschenrechte, die Abschaffung der Scharia und aller islamischer Tötungsstrafen und körperlicher Verstümmelungspraktiken sowie die völlige Gleichberechtigung der Frau im Islam und in den islamischen Ländern gefordert werden.

Im Islam gilt eine Vielzahl von Städten als heilig, wobei dreien eine besondere Bedeutung zukommt: Die Stadt Mekka gilt als heiligster Ort für die Muslime. Sie ist Geburtsort des Propheten Mohammed und mit der Kaaba als zentralem Heiligtum des Islam, das die Gebetsrichtung (Qibla) bestimmt.

Darauf folgt mit Medina, nördlich von Mekka gelegen, der Ort, an dem der Islam erste politische Wirkungskraft entfaltete.

Der drittheiligste Ort ist für Muslime Jerusalem, das nach muslimischer Überlieferung die erste Qibla-Richtung vorgab und der Ort ist, den die Muslime als geographische Position der im Koran (Sure 17, „Die nächtliche Reise“) erwähnten al-Aqsa-Moschee definiert haben.

Daneben gibt es eine große Zahl an Wallfahrtsorten unterschiedlicher Bedeutung. Meist handelt es sich dabei um Grabstätten, etwa von Gefährten Mohammeds, der Imame der Schia oder von Sufi-Heiligen. Führend in der Zahl heiliger Orte sind der pakistanische Sufismus und der nordafrikanische Volksislam (vgl. Islam in Afrika) mit unzähligen verehrten Grabstätten. Abgesehen von den ersten drei heiligen Stätten ist der Status der „heiligen“ Städte – wie die Heiligenverehrung selbst – im Islam ein äußerst kontroverses Thema.

Für Schiiten und Aleviten stellen außerdem die Städte Kerbela und Kufa heilige Orte dar, zu denen jedes Jahr gepilgert wird.

Jerusalem stellt in der Liste der heiligen Städte insofern einen Sonderfall dar, als sich der aus dem Koran hergeleitete Anspruch historisch nicht belegen lässt. Trotzdem ist er für Muslime einhellig eine Glaubenswahrheit, was ihn in der praktischen Auswirkung einer „historischen Wahrheit“ gleichstellt.

Kritik am Islam auf politischer, ethischer, philosophischer, wissenschaftlicher oder theologischer Grundlage hat es seit seiner Gründungszeit gegeben. Es gibt Kritik sowohl an den Grundlagen des Islam als auch an seinen kulturellen Traditionen und sozialen Normen.

Die Bezeugung der Einheit Gottes und die damit einhergehende Ablehnung des Götzenkults ist der wichtigste Glaubensgrundsatz der islamischen Religion. Polytheismus steht im absoluten Widerspruch zur streng monotheistischen Lehre des Islam, der zufolge es nur einen einzigen Gott gibt und die Vielgötterei die größtmögliche Sünde darstellt. Der koranischen Offenbarung zufolge ist die Verehrung anderer Gottheiten neben Gott die einzige Sünde, die unter keinen Umständen vergeben wird.

Der Koran kritisiert an zahlreichen weiteren Stellen vehement die Verehrung anderer Wesen an Gottes Statt. Im Jenseits werden Götzendiener nach islamischer Glaubenslehre mit dem Eintritt in die Hölle bestraft.

Die arabische Halbinsel fand durch den Islam in Abkehr vom bisherigen Steingötzenkult in Mekka Anschluss an die religionsgeschichtlich entwickelteren Glaubensformen im Umfeld von Palästina. Der Islam beruft sich in seiner Herkunft auf Abraham, zählt also mit dem Judentum und dem Christentum zu den abrahamitischen Religionen. Alle drei sind monotheistische Religionen. Da sie auf den Offenbarungen von Propheten (Moses, Jesus Christus und Mohammed) beruhen, sind sie Offenbarungsreligionen und, weil diese Offenbarungen schriftlich fixiert wurden, auch Buchreligionen.

Dieser gemeinsame Bezug auf Abraham ist am Anfang seiner Prophetie von Mohammed betont worden. Im Verlauf seines Lebens vollzog sich aufgrund der praktischen Erfahrungen des Propheten mit den jüdischen und christlichen Religionsgemeinschaften eine Änderung in seiner Haltung ihnen gegenüber. Die sich ändernde Einstellung Mohammeds zu den Schriftbesitzern ist in der Islamwissenschaft mehrmals behandelt worden. Ursprünglich erwartete er, dass die Schriftbesitzer seine Prophetie anerkennen und seiner Religion beitreten würden; als dies nicht geschah begann sich Mohammeds Haltung zu den Anhängern der Buchreligionen nach und nach ins Negative zu ändern. Diese Änderung in der Gesinnung des Propheten hat auch seine Spuren im Koran hinterlassen, wo ursprünglich ihre religiösen und moralischen Tugenden hochgeachtet wurden und Mohammed dazu aufgefordert wurde mit ihnen in guter Beziehung zu stehen. Nach dem Bruch mit diesen Religionsgemeinschaften änderte sich die koranische Haltung dahingehend, dass ihre vorgeworfene Heuchelei und ihre Weigerung den Islam anzunehmen betont wurde; aufgrund dessen seien sie nicht als Verbündete anzusehen, sondern zu bekämpfen. In den Augen Mohammeds waren das Judentum und das Christentum fehlerhafte Weiterentwicklungen der gemeinsamen Urreligion.

Während der Islam mit dem Judentum und dem Christentum den Glauben an einen einzigen Gott sowie den Bezug auf Abraham und zahlreiche weitere biblische Propheten grundsätzlich teilt, unterscheidet er sich in seinen Grundlagen vom Christentum durch seine strikte Ablehnung der Trinitätslehre und der christlichen Vorstellung der Erbsünde, vom Judentum durch seine Anerkennung Jesu als Prophet und der Ablehnung der Idee der jüdischen Glaubensgemeinschaft als ein von Gott erwähltes Volk, von den abrahamischen Religionen allgemein durch die Anerkennung Mohammeds als Gottes Gesandter und Siegel der Propheten sowie der Lehre vom Koran als den Menschen überbrachtes Wort Gottes.

Das innerhalb der dem Tod des arabischen Religionsstifters folgenden Jahrhunderte elaborierte klassische islamische Völkerrecht unterschied bei seiner Betrachtung Andersgläubiger zwischen monotheistischen Schriftbesitzern und Anhängern einer polytheistischen Religion, die de iure bis zur Annahme des Islam zu bekämpfen waren. Erstere hatten eine Sonderstellung im islamischen Gemeinwesen als Schutzbefohlene. Dieser Status ging mit der Zahlung einer besonderen Steuer, der Dschizya einher; dafür erhielten sie im Gegenzug Schutz ihres Lebens und ihres Eigentums, sowie die Erlaubnis, ihre Religion - unter bestimmten Einschränkungen - frei auszuüben. Dieses Schutzbündnis galt ursprünglich nur Juden und Christen, wurde allerdings auf alle Nicht-Muslime schlechthin ausgeweitet, als die muslimischen Eroberer auf andere Glaubensgemeinschaften, wie zum Beispiel die Hindus, stießen. Andersgläubige in nicht-islamischen Gebieten, im sog. Haus des Krieges, konnten als musta'min temporär auf islamischem Gebiet verweilen. Als Bewohner des Dar al-Harb galten sie ansonsten als Feinde (harbi), die bei der Eroberung ihres Gebiets im Laufe der islamischen Expansion zuerst zur Annahme des Islams aufgerufen, bei einer Weigerung den Dhimmi-Status - unter Voraussetzung einer Angehörigkeit zu einer Buchreligion - angeboten bekommen und bei einer Weigerung dessen bekämpft werden sollten.

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Die vergleichsweise junge Religion der Bahai erfüllt zwar die Bedingungen einer Buchreligion (Abrahamitischer Monotheismus, Prophet, schriftlich fixierte Offenbarung) – anerkennt sogar Mohammeds Offenbarungsanspruch und achtet den Koran – wird aber in der islamischen Welt nicht als ahl al-kitab anerkannt. Die Lehre der Bahai, welche die eschatologischen Beschreibungen des Koran nicht auf einen materiellen Untergang der Welt, sondern auf die nachislamischen Offenbarungen des Bab und Baha’u’llahs bezieht, wird von vielen muslimischen Gelehrten als Apostasie bezeichnet. Neben diversen anderen Vorwürfen bezeichnen sunnitische Fatwas die Bahai-Religion als eine von Nichtmuslimen gestiftete Bewegung von Ungläubigen (kuffār) zur Zersetzung des Islams.

Besonders stark ist die Verfolgung im schiitischen Iran. Großajatollah Naser Makarem Shirazi stigmatisierte die Bahai als „kriegerische Ungläubige“ (Kofare Harbi), welche getötet werden dürfen. Der iranische Parlamentsabgeordnete Mehdi Kuchaksadeh behauptet, dass Bahai „zwar wie Menschen aussehen, aber keine Menschen seien“. Dementsprechend werden die Bahai im Iran verfolgt und auch in Deutschland versuchen Schiiten, Bahai auszugrenzen.

Andererseits gibt es ein internationales muslimisches Netzwerk, welches sich für die Rechte der Bahai einsetzt. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland und DITIB begrüßen und fördern den interreligiösen Dialog zwischen Muslimen und Bahai.

Übersetzungen und Literatur zum Koran und den Hadithen finden sich in den entsprechenden Artikeln und werden deshalb hier nicht aufgeführt.

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Geschichte des Islam

Grab von Mohammed in Medina

Die Geschichte des Islams heißt auf arabisch ‏تاريخ الاسلام‎ tārīch al-Islām. In diesem Artikel wird die politische Geschichte des (frühen) Islams behandelt, seine Kultur und Gesellschaft.

Muslime bezeichnen die Zeit vor dem Islam als muhdschahiliyya, Epoche der „Unwissenheit“. Der Islam hat seinen Ursprung auf der Arabischen Halbinsel (arab. dschasirat al-`arab, „Insel der Araber“), einem hauptsächlich von Beduinen bewohnten Steppen- und Wüstengebiet. Arabien war zur damaligen Zeit kein vereinigtes Reich, sondern lag am Rande des Einflussgebiets des Byzantinischen Reichs auf der einen und des Perserreichs auf der anderen Seite, sowie deren Vasallenstaaten, der den Byzantinern angeschlossenen Ghassaniden und der den Persern verbündeten Lachmiden. Arabien bildete in dieser Zeit eine reine Stammesgesellschaft, die von dem Gegensatz zwischen Sesshaften (hadar) und Nomaden (badu) geprägt war.Letztere, die Beduinen, bestritten ihren Lebensunterhalt mit Viehzucht und Beutezügen (arab. gazw oder gazu) untereinander. Die sesshaften Bauern betrieben in den Oasen Landwirtschaft.

Mekka, die Heimat Mohammeds, hatte sich aufgrund seiner günstigen Lage an der Weihrauchstraße, die von Südarabien nach Syrien verlief, zu einer blühenden Handelsmetropole entwickelt, die von den Koreischiten, einem arabischen Stamm von Kaufleuten dominiert wurde. Mohammeds Sippe, die Haschemiten, gehören auch diesem Stamm an, waren aber vergleichsweise arm.

Obwohl auch zahlreiche Juden (vor allem in Mekka, Yathrib (Medina), Wadi l-Qura, Chaibar, Fadak, Taima und dem nahe bei Mekka gelegenen at-Ta'if) und Christen auf der arabischen Halbinsel lebten, bekannte sich nach islamischer Überlieferung die Mehrheit der Bewohner zu einer Vielzahl heidnischer Stammesgötter, wie z. B. den drei Göttinnen al-Lat, Manat und al-Uzza bzw. der insbesondere in Mekka verehrten Lokalgottheit Hubal. Die Kaaba – arab. auch baytu'llah, d. h. „Haus Gottes“ – in Mekka war bereits in vorislamischer Zeit ein bedeutender Wallfahrtsort und stellte eine wichtige Quelle wirtschaftlichen, religiösen und politischen Einflusses für die Koreischiten dar.

Um das Jahr 571 wurde der spätere Prophet Mohammed in Mekka geboren. Wir wissen von einer Handelsreise nach Syrien, die der 25-jährige Mohammed im Auftrag von Chadidscha unternahm, einer reichen Kaufmannswitwe, die er 595 heiratete.

Im Alter von vierzig Jahren (611), einer traditionell symbolbehafteten Zahl, hatte Mohammed schließlich Visionen, die er als Wort Gottes (Allahs) zunächst nur seinem unmittelbaren Umfeld verkündete; später bildeten diese Eingebungen, in Suren gestaltet, den Koran. Als die Anhänger der neuen Religion die alten Götter zu bekämpfen begannen, kam es zum Bruch zwischen Mohammed und den Koreischiten. Mohammed unterstellte sich 620 mit seinen Anhängern dem Schutz der beiden medinensischen Stämme der Aus und Hasradsch (Chazradsch), die einen Schlichter (arab. hakam) für ihre Zwistigkeiten suchten. Ibn Ishaq, einer der wichtigsten Biographen Mohammeds, berichtet von mehreren Treffen auf dem 'Aqaba, einem Hügel in der Nähe Mekkas, auf denen Mohammed mit den Medinensern (die daraufhin Ansar „Helfer“ genannt wurden) ein Bündnis schließt. Im September 622 zieht Mohammed mit seinen Anhängern von Mekka nach Yathrib (Medina), ein Ereignis, das als Hedschra den Beginn der islamischen Zeitrechnung markiert.

Die Übersiedlung nach Medina markiert zugleich auch den Beginn der politischen Tätigkeit Mohammeds. Der islamische Staat entsteht. Mohammed hatte in der medinensischen Gesellschaft die angesehene Stellung eines Schlichters und wurde zugleich als Oberhaupt der islamischen Gemeinde, der Umma angesehen.

Der Islam erfuhr in Medina seine gesellschaftliche Ausformung. Die medinensischen Suren des Korans nehmen immer stärker Bezug auf konkrete Regelungen des Lebens und der Organisation der islamischen Gemeinschaft; die Unterschiede zu den Juden und Christen werden betont und von den Un- und Nichtgläubigen geschieht eine stärkere Abgrenzung.

Gleichzeitig kommt es zur militärischen Konfrontation mit Mekka, in der Mohammed als militärischer Führer der Muslime auftritt. Mohammed führt seit 623 mehrere Feldzüge (majazi) gegen Mekka (Sieg der Moslems in der Schlacht von Badr (624), die Schlacht am Berge Uhud (625) und die Grabenschlacht (627)) bis im März 628 ein Waffenstillstand geschlossen wurde.

629 traten die Muslime zum ersten Mal die Pilgerreise nach Mekka (Hadsch) an, und 630 übergaben die Führer von Mekka die Stadt an Mohammed, nachdem ihnen versichert worden war, dass die Stadt ihren Charakter als Wallfahrtsstätte behalten werde. Mohammed ließ die heidnischen Symbole entfernen.

In den Jahren vor dem Tode Mohammeds 632 weitete sich der Einfluss des Islams auf die ganze arabische Halbinsel aus. Mit den Stammesführern wurden Verträge geschlossen, die teils eine Tributpflicht, teils die Anerkennung Mohammeds als Propheten enthielten. Eine der Hauptursachen für die rasend schnelle Ausbreitung des Islams lag in der inneren Struktur der Gesellschaftsordnung. Die von Ibn Hisham überlieferte Verfassung von Medina legte eine Beistandspflicht der Moslems untereinander sowie das Verbot, andere Moslems anzugreifen fest. Die in der vorislamischen Zeit so beliebten Beutezüge der Stämme richten sich nun ausschließlich gegen Nichtmuslime, da nur gegen diese Krieg geführt werden durfte, während der Islam das „Haus des Friedens“ (Dar ul-Islam) war.

Als Mohammed am 8. Juni 632 in Medina starb, hinterließ er keinen männlichen Erben. Seine einzige Tochter war Fatima. Neben dem Koran wurden auch die Überlieferungen (Hadith, z. B. von Al-Buchari) seines normativen Redens und Handelns (Sunna) für die Nachwelt bedeutend.

Als Mohammed 632 starb, stellte sich für die Moslems die Frage seines Nachfolgers. Schon damals trat der Gegensatz zwischen den einzelnen Gruppen, den frühesten Gefährten Mohammeds, den zum Islam konvertierten Medinensern und den erst vor kurzem konvertierten einflussreichen Mekkanern zu Tage. Man einigte sich schließlich auf Abdallah Abu Bakr (ca. 573–634), einen Mann der ersten Stunde, dessen Tochter Aischa Mohammeds Frau gewesen war und der auch schon zu Lebzeiten Mohammed als Leiter des öffentlichen Gebets vertreten hatte. Seine kurze Herrschaft zeichnete sich im wesentlichen durch eine Konsolidierung des jungen Islam aus. Viele der Stämme der arabischen Halbinsel wollten eine Nachfolge für den Propheten nicht akzeptieren und erhoben sich, Abu Bakr unterwarf sie jedoch und band sie so dauerhaft. Bereits 634 starb er.

Zu Details und Literatur siehe den Artikel Islamische Expansion.

Auf Abu Bakr folgte Umar ibn al-Chattab. Es sollte an ihm sein, den islamischen Herrschaftsbereich mit militärischen Mitteln auszuweiten und somit das Islamische Weltreich zu begründen.

634 fielen fast zeitgleich arabische Armeen sowohl in das byzantinische (oströmische) Palästina und Syrien als auch in das sassanidische (persische) Mesopotamien (heute Irak) ein, die beide noch von den langen, gegeneinander geführten Kriegen erschöpft waren.

Nach einigen kleineren Gefechten entschied sich 636 das Schicksal des christlichen Vorderen Orients in der Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien. Jerusalem fiel 638 an die Muslime. Die Truppen des Kaisers Herakleios wurden geschlagen und die Byzantiner räumten Syrien. Statt dessen konzentrierten sie ihre Kräfte auf die Verteidigung Ägyptens, welches jedoch 639/40 ebenfalls überrannt wurde. 642 fiel Alexandria, in den 70er Jahren wurde die nordafrikanische Küste erobert, wobei sich Karthago allerdings bis 697/98 halten konnte. Damit war Byzanz auf Kleinasien, die Stadt Konstantinopel und einige Inseln und Küstenbereiche in Griechenland beschränkt. Im Zusammenhang mit der Eroberung Ägyptens und Syriens wurde in der älteren Forschung öfters unterstellt, dass die Araber von den Monophysiten und der Assyrischen Kirche des Ostens begeistert empfangen worden seien. Die neuere Forschung stellt dies allgemein eher in Frage, da die Quellen belegen, dass auch hier (wenigstens zeitweise) starker Widerstand geleistet wurde, wenngleich in diesen Regionen wohl doch eine gewisse Entfremdung zur Reichskirche spürbar war.

Das Sassanidenreich ging sogar vollständig im Islamischen Reich auf. Im Südirak kam es (wahrscheinlich 636) bei Kadesia zur Schlacht. Nach der dortigen Niederlage zogen sich die sassanidischen Truppen ins persische Herzland zurück. Sogar die Hauptstadt Ktesiphon musste aufgegeben werden. Doch ist der persische Widerstand damit noch nicht gebrochen. 642 kam es bei Nehawend zum „Sieg aller Siege“: das persische Heer wurde vernichtet. Der letzte sassanidische Großkönig Yazdegerd III. wurde im Zuge interner Machtkämpfe unter den Sassaniden im Jahre 651 in Merw ermordet, sodass die Araber fast unbehindert den Iran besetzen konnten, auch wenn sich die Bevölkerung dem mit unterschiedlicher Heftigkeit und Stärke widersetzte. Tatsächlich wurde hier teilweise spürbarer Widerstand geleistet; erst nach und nach erlischt der Widerstand im Iran, und damit ist das Ende der letzten altorientalischen Staatsgründung besiegelt.

Umar setzte auch Amr ibn al-As als seinen Statthalter für Palästina und Ägypten ein, der die Herrschaft in der Region langfristig zuverlässig aufrecht erhielt und noch mehrfach wertvolle Unterstützung für die späteren Schlachten der Kalifen und speziell für Ali leisten sollte. Im Jahre 644 wurde Umar von einem christlichen persischen Sklaven ermordet.

Die Bevölkerung in den eroberten Gebieten arrangierte sich schließlich (und auch eher notgedrungen) mit den Eroberern, wenngleich in den Quellen die Eroberung der christlichen Gebiete teilweise mit der nahen Apokalypse in Verbindung gebracht wurde und wenngleich weite Teile der eroberten Gebiete noch längere Zeit christlich bzw. zoroastrisch blieben. In diesem Kontext ist auch die weitgehende Toleranz der Eroberer gegenüber religiösen Minderheiten zu erwähnen. Ein Zeitzeugnis dafür stellt der Brief eines nestorianischen Bischofs dar (wobei jedoch zu berücksichtigen ist, dass die Nestorianer im Byzantinischen Reich von der Reichskirche als Häretiker angesehen wurden): „Diese Araber, denen Gott in unseren Tagen die Herrschaft gegeben hat, sind auch unsere Herren geworden; sie bekämpfen jedoch nicht die christliche Religion. Vielmehr schützen sie unseren Glauben, achten unsere Priester und Heiligen und machen Zuwendungen an unsere Kirchen und unsere Klöster.“ In der Folgezeit kam es jedoch durchaus zu Ausschreitungen gegenüber Andersgläubigen, über die etwa die Chronik des Pseudo-Dionysius von Tell Mahre berichtet. Ebenso nahm schließlich der Steuerdruck auf Nicht-Moslems zu.

Ausschlaggebend für die schnelle Eroberung der ehemals byzantinischen und persischen Gebiete war letztendlich wohl vor allem die hohe Motivation und Beweglichkeit der arabischen Truppen sowie die Tatsache, dass Byzanz und Persien von dem erst 628/29 beendeten blutigen Krieg gegeneinander erschöpft waren (siehe Römisch-Persische Kriege) – was die arabische Expansion erheblich erleichterte und wohl sogar erst ermöglichte.

Mit der Herrschaft von Uthman ibn Affan begann eine Zeit innerer Auseinandersetzungen im Islam, die letzten Endes zur Spaltung der Gemeinde führen sollte. Er war wie Mohammed ein Angehöriger des Stammes der Quraisch, aber gehörte zur reichen Sippe der Umayyaden und setzte deren Interessen durch.

Seine bedeutendste Tat war die abschließende und bis heute maßgebliche Redaktion des Koran, etwa zwanzig Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed. Um 651 kam die erste islamische Expansion gen Westen in der Cyrenaica (Libyen) und gen Osten am Oxus (Nordpersien, Turkmenistan, Afghanistan) zum Erliegen. Kleinasien (die heutige Türkei) blieb (bis ins 11./13. Jahrhundert) byzantinisch.

Nepotismus und Misstrauen gegenüber den weitgehend unabhängig agierenden Statthaltern in den Provinzen des neuen Großreichs führten zu deren Ersetzung durch enge Verwandte, der Wichtigste unter ihnen war Mu'awiya in Syrien (später Muawiya I.). 656 wird Uthman im Gebet in Medina von Aufständischen ermordet. Ob der gedemütigte 'Amr ibn al-'As hinter dem Anschlag stand, Uthmans Nachfolger auf dem Kalifenthron Ali ibn Abi Talib oder gar Aischa, die Witwe des Propheten, bleibt im Dunkeln.

Aufgrund der Unruhen in Medina kamen einige Sahabas zusammen und baten Ali, als neuer Kalif auf Uthman zu folgen. Ali nahm dieses Angebot jedoch nicht an, sondern bestand auf eine rechtmäßige Wahl, die ihn zum Kalifen machen sollte, so wie sie auch bei den vorigen Kalifen üblich war. Am 17. Juni 656 wurde Ali von den Sahabas in der Moschee von Medina zum vierten Kalifen gewählt. Die Einsetzung Alis als Kalif, Vetter und Schwiegersohn des Propheten, empfanden nicht alle Seiten als akzeptabel. 'A'ischa, Mohammeds Witwe und Mu'awiya suchten zunächst nach der Bestrafung der Mörder Uthmans. 656 kam es so zur Kamelschlacht zwischen Ali und Mu'awiya, bei der auch Aischa mitzog. Diese Schlacht kam jedoch nur deshalb zustande, weil einige Aufrührer die Friedensgespräche zwischen den beiden Parteien mit einer List störten. Technisch gesehen gewann zwar Ali den Kampf, aber eine Entscheidung war diese Schlacht noch nicht. 657 kommt es dann zu einer zweiten Schlacht, der Schlacht von Siffin am mittleren Euphrat, ein Schiedsgericht im Anschluss daran sollte die Frage, wem das Kalifat nun zustehe, endgültig beantworten. Nachdem Ali sich dazu bereit erklärte, kündigte ihm ein Teil seiner Anhänger, die so genannten Charidschiten, die Gefolgschaft. Sie warfen Ali Schwäche vor. Das Urteil klärte die Situation nicht eindeutig, was Alis Position weiter schwächte. Ali und Mu'awiya wurden formal abgesetzt. Alis Herrschaftsbereich beschränkte sich nun auf den Südirak. Er wurde 661 von einem Charidschiten ermordet.

Bereits 660 errichtete Mu'awiya in Damaskus ein Gegen-Kalifat. Die als Besudelung des Islams empfundene Auseinandersetzung zwischen den beiden führte zu einer Verschwörung von Charidschiten, die sich in Mekka gesammelt hatten, 661 fanden gleichzeitig Anschläge auf Ali und Mu'awiya statt, nur Mu'awiya überlebte. Damit wurde dieser Kalif.

Aber die Parteigänger Alis akzeptierten ihn nicht als Kalifen. So kam es zum Schisma zwischen den Sunniten und der Schi'at 'Ali. Die Partei Alis zog sich in den Süden des Iraks zurück, und es begann mit Mu'awiya die Dynastie der Umayyaden.

Das Umayyaden-Kalifat dauerte von 661 bis 750. Die Umayyaden waren eine Sippe aus dem arabischen Stamm der Koreischiten, dem auch die Sippe der Haschemiten des Propheten Mohammed angehörten. Sie regierten von Damaskus aus, dem neuen Machtzentrum des Reichs.

Der erste Umayyaden-Kalif war Mu'awiya I. (reg. 661–680), der die Nachfolge des letzten rechtgeleiteten Kalifen Ali antrat. Mu'awiya regierte autoritär, war aber kein Alleinherrscher, sondern hatte Stammesälteste (Scheiche) und andere Persönlichkeiten zur Seite. Das Großreich erlebte eine Phase der Konsolidierung und des inneren Friedens.

674 bis 678 wurden fast jährlich Vorstöße nach Kleinasien unternommen und Konstantinopel belagert. 679 kam es dann zum Friedensschluss mit dem oströmischen Reich (Byzanz), das tributpflichtig wurde.

Die Schlacht von Kerbela am 10. Oktober 680 manifestierte die Spaltung der Muslime, als der Enkel Muhammads und Sohn von Ali, Hussein, getötet wurde. Hussein beanspruchte die Herrschaft über die Muslime, verlor aber die Schlacht. In der Folge (bis 692) kommt es zu Bürgerkriegen.

Danach folgte wieder eine Periode des inneren Friedens. Der Irak gewann an Bedeutung, und die Städte Basra und Kufa entwickelten sich zu kulturellen Zentren. Ab 696 setzte eine Arabisierung in den ehemals oströmischen und persischen Provinzen ein. Die arabische Sprache löste Griechisch und Persisch als Verwaltungssprache ab.

Bereits 693 fiel Armenien an das Islamische Reich (bis 885). Karthago wurde schließlich 697 erobert.

Unter al-Walid I. (reg. 705-715) kam es zur Zweiten Expansionswelle des Islamischen Reichs. Die Muslime stießen bis nach Spanien vor und schlugen dort das Reich der Westgoten. Die neue Provinz hieß Al-Andalus (Andalusien). Im Osten wurde im gleichen Jahr der Indus (Pakistan) erreicht. Weiter ging es in der Folge nach Usbekistan (damals Transoxanien mit den Städten Buchara und Samarkand und die Landschaft Choresmien südlich des Aralsees).

Der Belagerungsversuch Konstantinopels scheiterte 717/718. Einzelne Expeditionen stießen 726 bis 740 nach Kleinasien vor.

Die Schlacht von Tours und Poitiers 732 beendete eine arabische Razzien gegen Eudo von Aquitanien nach Frankreich. Die Festungen Narbonne, Carcassonne und Nîmes und Teile der Provence blieben aber vorerst muslimisch. (siehe auch: Islam in Frankreich).

Der persische Rebell Abu Muslim konnte schließlich den religiösen Widerstand aus Mekka und Medina einerseits und der Schiiten andererseits bündeln und trug dazu bei, dass 750 die Herrschaft der Umayyaden endete.

Die Umayyaden wurden verfolgt, aber konnten 756 unter Abd ar-Rahman I. das Emirat von Córdoba (Spanien) vom Großreich abspalten und die Dynastie dort weiter führen (bis 1031 zum letzten Kalifen von Córdoba).

Die Dynastie der Abbasiden regierte von 749 bis 1258. Sie stammt von Abbas ibn Abdulmuttalib, einem Onkel von Mohammed, ab und gehört also zur Sippe der Haschemiten.

Abu l-Abbas as-Saffah war der erste abbasidische Herrscher. Er war ein Ururenkel des o.g. Abbas. Damit war wieder ein Verwandter des Propheten an der Macht. Er starb schon 754.

Sein Nachfolger Al-Mansur (reg. 754-775) gründet die Stadt Bagdad und macht sie zum neuen Zentrum des Islamischen Reichs. Die Blütezeit des Islams beginnt. Durch die geografische Nähe der neuen Hauptstadt zu Persien, waren viele Perser Träger dieser Hochkultur der islamischen Philosophie, Kunst, Literatur, Forschung und Technik.

Mansurs Enkel Harun ar-Raschid (reg. 786-809) ist der wohl bekannteste islamische Herrscher, verewigt in den Märchen von Tausendundeine Nacht. Das Kalifenreich war nun auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Blüte. Namen von Intellektuellen wie Al-Kindi (800–873), Ar-Razi (864–930), Al-Farabi (870–950), Avicenna (980–1037) künden von diesem Zeitalter islamischen Geisteslebens.

Die Grenzen des Reiches blieben dabei stabil, es kam jedoch immer wieder zu Konflikten mit Byzanz, so 910 um Zypern, 911 um Samos und 932 um Lemnos.

Die Seldschuken waren Türken aus deren ursprünglichen Siedlungsgebieten nördlich des Oxus in Transoxanien (v. a. Turkmenistan, Usbekistan). Im Gegensatz zu den Persern im Süden waren sie Sunniten.

Um 1025 bis 1030 stießen sie in das Kalifenreich vor. 1055 eroberten sie die Hauptstadt Bagdad, 1071 Jerusalem und 1076 Damaskus.

In Kleinasien (heutige Türkei) etablierte sich 1097/98 das Sultanat der Rum-Seldschuken.

1067 gründeten die Seldschuken die Nizamiyya in Bagdad als Gegenpol zur damals ismailitischen Azhar in Kairo. Der bedeutendste Lehrer sollte bald der Theologe Al-Ghazali (1058–1111) werden, der den Sufismus mit dem sunnitischen orthodoxen Islam zu vereinen suchte. Mit der Wiederbelebung der Theologie leitete er aber auch den Niedergang der lebendigen Philosophie im Osten des Islamischen Reichs ein.

1194 wurde der letzte Seldschuken-Sultan in Persien von den sunnitischen Choresm-Schahs abgesetzt.

Die schiitischen Fatimiden gehörten zum konfessionellen Zweig der Ismailiten (Schia) und nannten sich nach Mohammeds Tochter Fatima bint Muhammad. Sie herrschten von 909/969 bis 1171 im Maghreb, Ägypten und Syrien. Die Fatimiden standen in Konkurrenz zum Kalifenreich der Abbasiden und nannten sich selber Kalifen mit Sitz in Kairo.

Sie setzten sich 909 gegen die Aghlabiden in Tunesien und Algerien durch. 969 eroberten sie Ägypten von den Ichschididen. 973 wurde Kairo die neue Hauptstadt des Fatimidenreichs. Sie gründeten die al-Azhar-Universität.

Der erste Fatimiden-Herrscher Ägyptens war Al-Muizz (reg. 953-975) unter ihm und seinem Sohn Al-Aziz (reg. 975-996) erlebte das Land eine gewisse Blüte, die aber nicht an die des Abbasiden-Kalifats heran reichte.

Al-Hakim (reg. 996-1021) versuchte eine Islamisierung der christlichen Kopten (die Träger der ägyptischen Verwaltung), was zu inneren Unruhen führte. Die neu entstandene Glaubensrichtung der Drusen in Syrien verehrte ihn als Inkarnation Gottes.

Unter Al-Mustansir (reg. 1036-1094) ging der Niedergang des Fatimidenreiches unvermindert weiter. Die Seldschuken rangen ihnen 1076 Syrien und Palästina ab (was zu den Kreuzzügen führte). Nach Al-Mustalis (reg. 1095-1101) Tod spalteten sich die Ismailiten aufgrund der Nachfolgefrage. Es entstanden die verfeindeten Assassinen.

Schon Anfang des 11. Jahrhunderts spalteten sich in Ifriqiya (Algerien, Tunesien, Tripolitanien) die Ziriden ab, den zum sunnitischen Islam zurück kehrten und den abbasidischen Kalifen in Bagdad anerkannten. Die Fatimiden setzten gegen sie die Beduinen der Banu Hilal und Sulaim ein, die den Maghreb verwüsteten. Die Ziriden könnten sich nur noch an der Küste halten (bis 1152).

1171 schließlich stürzte der große kurdische Feldherr Saladin die Fatimidenherrschaft.

Die Almoraviden vertraten einen puristischen orthodoxen Islam und lösten die Ziriden endgültig in Nordafrika ab. 1086 greifen sie in Spanien ein und helfen mit, die islamische Herrschaft dort zu sichern. Doch bald wurden sie bedeutungslos und 1147 von den noch orthodoxeren Almohaden abgelöst, die sich in Spanien bis 1235 und im Maghreb bis 1269 halten konnten.

1220 starb der Choresm-Schah Ala ad-Din Mohammed auf der Flucht vor den nichtmuslimischen Mongolen, gegen die er zuvor zu Felde zog. Choresmien wurde dadurch mongolisch. Das Kalifat blieb vorläufig noch verschont. 1255–1258 eroberte Dschingis Khans Enkel Chülegü endgültig Persien. Dabei vernichtete er die Assassinen, während lokale Herrscher an der Macht blieben.

Das Abbasiden-Kalifat endete im Februar 1258 mit der Eroberung Bagdads und der Hinrichtung des Kalifen Al-Mustasim. Es gab zwar 1261–1517 ein abbasidisches Ersatz-Kalifat in Ägypten (die Mamluken), das aber außer in Nordindien kaum Anerkennung fand. Die äußere Einheit des Islamischen Reichs war damit beendet.

Die Ayyubiden waren eine Islamisch-Kurdische Dynastie, unter Saladin kämpfte sie gegen christliche Kreuzzüge. Die Ayyubiden beherrschten Ägypten bis c.a 1250. Sie konnten Tripolis (1172), Damaskus (1174), Aleppo (1183), Mosul (1185/86) und Jerusalem (1187) von den Kreuzrittern zurück erobern.

Mamluken, auch Ghulām, waren ursprünglich Militärsklaven türkischer Herkunft in einigen islamischen Herrschaftsgebieten. Den Mamluken gelang es unter anderem im Jahre 1250 in Ägypten die Herrschaft zu erringen und sie zehn Jahre später auch auf die Levante auszudehnen. Seit 1260 traten den Mongolen mit den Mamluken in Ägypten eine Kraft entgegen, die sich behaupten konnte. Danach wurde das Wort für mehrere Herrscherdynastien verwendet, die von Mamluken abstammten, aber meist selbst keine Sklaven gewesen waren. 1517 wurden die türkischen Mamluken von den ebenfalls türkischen Osmanen unterworfen, beherrschten Ägypten aber faktisch, im Auftrag der Osmanen weiter bis zur Schlacht bei den Pyramiden.

Die Überlieferungen über die Anfangszeit der Osmanen (Osmanlı, Osmanisches Reich = Devlet-i Âliye, Osmanlı Devleti) sind nur spärlich, wohl weil es sich um ein kleines unter vielen Fürstentümern handelte, die es nach der Zerschlagung des Seldschuken-Reiches in Kleinasien gab. Der Namensgeber Osman I. war zu Anfang des 14. Jahrhunderts der Herrscher über einen nomadischen Stamm, den Klan der Kynyk vom Stamm der Kayi bei Söğüt im nordwestlichen Anatolien, der turkmenischer Herkunft und islamischen Glaubens war. Um 1299 erklärte Osman die Unabhängigkeit seines Beyliks vom Reich der Rum-Seldschuken. Dieses Jahr wird daher traditionell als das Gründungsjahr des Osmanischen Reiches angesehen. In den folgenden Jahren übernahmen die Osmanen immer mehr die militärische Übermacht in der islamischen Welt und stiegen zur letzten islamischen Welt- bzw. Großmacht auf.

Das Osmanische Reich war von Beginn an ein vornehmlich militärisch geprägtes Staatswesen mit der Ausrichtung, das „Reich des Islam“ (Dar al-Islam) durch Eroberung im Dschihad von Territorien abweichenden Glaubens (Dār al-Harb) zu erweitern. Die gefallenen osmanischen Soldaten galten daher allgemein als Schahid. Eine friedliche Koexistenz war bis zum Tanzimat nur durch eine Hudna, die meist mit Tribut an die Osmanen verknüpft war, möglich. Die Ulama (türk. Ulema) spielten hierbei eine große Rolle: Die führenden Gelehrten der islamischen Jurisprudenz (fiqh) aus dem engeren Kreis der Ilmiye mit dem Obermufti oder „Scheichulislam“ (türk. Şeyhülislâm) als obersten Sprecher dienten ihm als wichtige Ratgeber bei der Auslegung des islamischen Gesetzes, der Scharia (türk. Şeriat). Im Namen der Scharia erlassene Verfügungen auf Grundlage der Rechtsgutachten (Fatwa, türk. Fetva) der Ulama – meist im Namen des Obermufti – waren unangreifbar und konsolidierten die Regentschaft des Sultans beträchtlich. Den osmanischen Beinamen „Gesetzgeber“ (Kanuni) erhielt Süleyman I., als er unter dem Obermufti Abu ssund Efendi Richtlinien erstellen ließ, wie die Scharia und das Prinzip des Al-amr bi'l ma'ruf wa n-nahy 'an al-munkar in die Praxis der staatlichen Realität umgesetzt werden soll. Im Osmanischen Reich setzte die Regierung für jede Provinz (Eyalet) einen Mufti ein.

1453 eroberten die Osmanen unter Mehmed dem Eroberer Konstantinopel. Selim I., unterwarf die Mamluken, eroberte Mekka, Medina und übernahm 1517 das Kalifat der Muslime, das osmanische Kalifat war das letzte anerkannte Kalifat. Die Osmanen führten basierend auf der Sure 8, Vers 41 aus dem Koran die Knabenlese ein.

Das Millet-System regelte im Osmanischen Reich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert den Minderheitenstatus der Nichtmuslime und die Autonomie von Religionsgemeinschaften. Das System sicherte den im Reich lebenden Ahl al-kitab (Christen und Juden) bestimmte Rechte zu; im Gegenzug wurde den Angehörigen dieser Religionsgemeinschaften - den Dhimma - das Tragen von Waffen untersagt und sie wurden zur so genannten Dschizya herangezogen. Dafür waren sie von den muslimischen Steuern, der Zakat, der Sadaqa und ebenso von der Wehrpflicht befreit.

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Islam in Afrika

Hassan-II.-Moschee in Casablanca, Marokko

Islam in Afrika gibt es seit dem 7. Jahrhundert in den Ländern entlang der Mittelmeerküste durch die Ausbreitung der Umayyaden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erst brachten Händler und Missionare den Islam nach Uganda. Genauso unterschiedlich wie die zeitliche Ausbreitung sind die Formen des Islam auf dem Kontinent. Muslims in Afrika sind mehrheitlich Sunniten, zu ihnen gehören auch Anhänger des Sufismus, die seit der frühen Ausbreitung in hohem Maß zum Bewusstsein und zur Kultpraxis des Islam beitragen. Einflüsse aus afrikanischen Glaubensvorstellungen prägten eigene Orthodoxien, welche die Vielfalt der Religion vergrößerten und eine kulturelle Tradition konstituierten.

Den Wahhabiten nahestehende Organisationen versuchen, den afrikanischen Islam durch eine Re-Islamisierung auf eine puritanische Richtung einzuengen.

In Afrika leben etwa so viele Christen wie Muslims. Die Hälfte dieser Muslims spricht nicht arabisch, sondern eine der vielen afrikanischen Sprachen. Der Islam wurde Teil der afrikanischen Kultur. Weltweit knapp ein Viertel aller Muslims stammen aus Afrika.

Missionskriege waren nie islamische Strategie. Der militärische Einfall in Nordafrika hatte die Ausbreitung der Herrschaft und nicht die Bekehrung mit „Feuer und Schwert“ zum Ziel. 639 fiel Amr ibn al-As mit einem Heer von 4000 Muslims in Ägypten ein, innerhalb von drei Jahren war die reichste byzantinische Provinz erobert. In den folgenden Jahren eroberte die Streitmacht die gesamte afrikanische Mittelmeerküste. Gegen wenig Widerstand erreichten sie 647 das fruchtbare Ackerbauland des heutigen Tunesien und gründeten dort 670 Kairouan als Hauptstadt der neuen Provinz Ifriqiya. Die Jahre dazwischen dienten dem Nachfolgestreit um das Kalifat. Am Atlantik war kurz darauf das vermeintliche Ende der Welt erreicht. Einziger, aber erbitterter Widerstand kam von den Berbern, die dafür bei der Eroberung Spaniens ab 711 die größte Gruppe im Heer der Muslims ausmachten.

Für die unterworfenen, bereits christianisierten Völker bestand die Möglichkeit, den neuen Glauben anzunehmen oder als Dhimmi Tributpflichtige zu werden. Den Eroberern folgten bald Zuwanderer nach. Anfang des 8. Jahrhunderts gab es bereits so viele Araber in Ägypten, dass die Kopten von der Verwaltung ausgeschlossen werden konnten und Arabisch Amtssprache wurde.

Auf eine Ausweitung der Herrschaft nach Süden in den Sudan wurde aus Respekt vor den Bogenschützen der christlichen Nubier verzichtet. Die 652 geschlossene Waffenruhe war für die nächsten 500 Jahre zum Vorteil für die Beteiligten. Araber siedelten in den christlichen Königreichen als Händler und ab dem 10. Jahrhundert auch als Viehzüchter. Hauptexportgut aus Nubien waren Sklaven. Um 1317 erst wurde die Kathedrale von Dongola in eine Moschee umgewandelt.

Das arabische Kalifat der Umayyaden, dessen Herrscherfamilien aus Mekka stammten, wurde 750 durch konservativere, persische Abbasiden abgelöst. Zum Sturz der Umayyaden trug 740 ein Aufstand in Tanger bei, der von Charidschiten unter einst christlichen Berbern angezettelt wurde. Charidschiten gehörten zu den ersten radikalen Bewegungen des Islam. Sie mussten 714 aus Arabien fliehen und bildeten während der Abbasidenherrschaft fanatische Gemeinschaften im Bergland von Algerien und Marokko, nach 761 sogar mit eigenem Staat.

Die schiitische-ismailitische Dynastie der Fatimiden, die durch einen Berber-Aufstand im Kairouan 910 an die Macht kam, war die Antwort der Berber auf die arabische Eroberung. Ihr Glaube war weniger radikal. Das blühenden Reich mit der Hauptstadt Kairo wurde nach Schwächung durch die Kreuzfahrer 1171 von Saladin gestürzt. Damit waren die friedlichen Handelsbeziehungen mit Nubien beendet.

Im Westen kamen derweil berberische Nomadenstämme an die Macht. Um eine Gruppe Glaubenseiferer der malikitischen Rechtsschule, die sich mit ihrem Anführer Ibn Yasin († 1059) am Senegalfluss zurückgezogen hatten, sammelten sich nomadisierende Sanhaja-Berber. Es waren missionierende, strenggläubige Muslims, die sich Murabitun nannten und im 11. Jahrhundert Marokko und Südspanien als Almoravidenreich vereinten. Deren Reich ging Ende desselben Jahrhunderts unter, Murabitun (Einzahl: Murabit, „Leute der Festung“) sind als islamische Frontkämpfer, sprich als Wanderprediger noch immer unterwegs.

Die Gegenbewegung entstand unter den berberischen Ackerbauern und brachte die Mystik des Sufismus ins Atlasgebirge. Die Almohaden („Bekenner der Einheit Gottes“) führten von 1147 bis 1269 mit einem puritanischen Glauben eine strenge islamische Herrschaft, unter der das Christentum im Maghreb nahezu ausgerottet wurde. Es blieben die ab Ende des 12. Jahrhunderts geförderten Sufi-Bruderschaften.

Das schwarzafrikanische Reich von Ghana bot sich im 11. Jahrhundert gastfreundlich den Almoraviden an. Den Nomaden wurde gestattet, in der Hauptstadt Aoudaghast eigene Stadtviertel anzulegen. Da sie nicht unter der Herrschaft eines Ungläubigen leben wollten, stürmten und verwüsteten die Almoraviden 1076 die Stadt. Die Bevölkerung trat später zum Islam über, aber das Reich erholte sich nicht mehr.

Damit ist eine Ausnahme geschildert, Westafrika wurde überwiegend nicht durch Eroberung, sondern durch Handel islamisiert. Im 10. Jahrhundert waren die meisten Händler Muslims. Berber- und Tuareg-Händler brachten den Islam aus dem Maghreb über die Trans-Sahara Handelsrouten. Vom alten Ghana-Reich im Westen waren muslimische Händler der Soninke und Diola unterwegs nach Süden in die großen Handelszentren des mittleren Niger Djenné, Timbuktu und Gao. Anfang des 14. Jahrhunderts war das Malireich offiziell ein islamischer Staat, was die Pilgerfahrt der Herrschers nach Mekka einschloss. Der heldenhafte Gründer von Mali, Sundiata Keita, (um 1180–1255/60) war nominell Muslim, sein Sohn Mansa Ulli machte die erste königliche Pilgerreise. Die pilgernden Könige stärkten durch den Islam ihre Macht, dennoch wurden Rituale des traditionellen Glaubens weiterhin praktiziert, der Islam blieb fremd. Mansa Musa (regierte 1312–1332) wandte für seine Zwecke die Schari'a an, beschäftigte einen ägyptischen Imam für die Freitagspredigt und liess weiterhin die alten animistischen Zeremonien an seinem Hof veranstalten.

Ibn Battuta bewunderte 1352/53 den „Gebetseifer“ der Bevölkerung und erstaunte sich zugleich über gewisse heidnische Praktiken wie Maskentänze, Selbsterniedrigung vor dem König, Essen unreiner Speisen und die dürftige Bekleidung der Frauen. Ein Rückschlag für den Islam war der erste Herrscher des Songhaireiches Sonni Ali (regierte 1465–1492), der sich von der Mali-Herrschaft lossagte. Er war zwar nominell Muslim, betrieb aber einen ausgeprägten Ahnenkult, verfolgte die Religionsgelehrten (Ulama) und warf sie außer Landes. Simplifizierend wurde er als „magischer König“ dem „Pilgerkönig“ von Mali gegenübergestellt. Sein Nachfolger, der Militär Askiya Muhammad, unternahm bald eine Pilgerreise.

Allgemein schützten die Könige, um ihre Macht zu wahren, alle Religionen ihrer Untertanen. Im 11. Jahrhundert waren die Herrscher der Reiche von Gao, Mali, Ghana, Takrur (vgl. Tukulor) und Kanem zum Islam übergetreten. Im 17. Jahrhundert war der Islam in jedem westafrikanischen Staat angekommen.

Im Gegensatz zum Malireich, dessen König Mansa Musa auf seiner Pilgerreise in Ägypten Unmengen von Gold verschwendete, beruhte die wirtschaftliche Macht des seit dem 6. Jahrhundert nördlich des Tschadsee bestehenden Kanem-Reichs nicht auf Gold, sondern auf Sklaven, die gegen Salz und Pferde nach dem Norden gehandelt wurden. Trotz der langen Handelskontakte begann sich der Islam erst im 11. Jahrhundert auszubreiten. Anfangs ein Hirtenstaat wurde die Hauptstadt im 14. Jahrhundert nach Bornu in die für Ackerbau geeigneteren Ebenen südwestlich des Tschadsees verlagert. Das Reich wurde von berittenen Kriegern beherrscht, die den Bauerndörfern Tribut abverlangten. Auf dem Höhepunkt der Macht führte der Kriegerkönig Idris Aluma (1571–1603) permanent Eroberungsfeldzüge gegen seine Nachbarn. Zu seinen Verwaltungsreformen gehörte die Einführung der Scharia. Er war bekannt für seine Frömmigkeit, ließ Moscheen bauen und pilgerte nach Mekka. Dank für den Ackerbau ausreichender Niederschläge, leicht zu erbeutender Sklaven im Süden und dem Bewusstsein, durch seine Religion kulturell überlegen zu sein, bestand eine 1000-jährige Dynastie bis zum Beginn der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert.

Die äthiopischen Muslims nehmen für sich die Nachfolge der ältesten islamischen Gemeinde Afrikas in Anspruch. In den ersten sechs nachchristlichen Jahrhunderten bestand ein Königreich im Norden Äthiopiens mit der Hauptstadt Aksum und der Hafenstadt Adulis. Durch Handelsbeziehungen war das Reich dem arabischen Stamm der Koreischiten auf der gegenüber liegenden Seite des Roten Meeres bekannt. Zu diesem Stamm gehörte auch Mohammed. Der Prophet hatte einen dreifachen Bezug zum Land der Äthiopier: zu seinen Vorfahren gehörte eine Äthiopierin, seine Amme war eine befreite äthiopische Sklavin und es gab das äthiopische Hausmädchen Baraka (Umm Ayman).

Nach islamischer Tradition segelten 615 Mitglieder von Mohammeds Familie und einige Konvertiten mit Booten nach Adulis, fanden in Aksum Zuflucht vor Verfolgung und erhielten vom christlichen Herrscher die Erlaubnis, sich niederzulassen. Diese Auswanderung ging der eigentlichen Hidschra 622 nach Medina voraus, fand also vor Beginn der islamischen Zeitrechnung statt.

In den folgenden Jahrhunderten nach der Gründung von Handelsniederlassungen entlang der Küste wurden Siedlungen von Somalis und anderer kuschitischer Völker bis zum Rand des äthiopischen Hochlands islamisiert. Vom christlichen Hochland wurden Sklaven, Gold und Elfenbein bezogen und gegen Salz aus der Tiefebene und Luxusgüter getauscht. Im 12. Jahrhundert entstanden kleine islamische Fürstentümer. Sultanate der Harari vereinten sich ab dem 13. Jahrhundert zu einem islamischen Reich im östlichen Äthiopien. Die Hauptstadt Harar mit unzähligen Moscheen und Sufischreinen gilt äthiopischen Muslims als viertheiligste islamische Stadt.

In Äthiopien ist aus frühislamischer Zeit nichts erhalten, Handelskontakte aus der Anfangszeit zu Siedlungen an der ostafrikanischen Küste gelten als wahrscheinlich. Die frühesten Reste einer islamischen Siedlung südlich der Sahara wurden im Ort Shanga auf der kenianischen Inselgruppe Lamu gefunden. Dort wurden die Pfostenlöcher einer hölzernen Moschee ausgegraben, die ins 8. Jahrhundert datiert wird. Da die Moschee keinen Mihrab besaß und noch in Richtung Jerusalem orientiert war, wird sogar eine Datierung zu Lebzeiten Mohammeds erwogen.

Ab dem 8. Jahrhundert wurden entlang der Küste zunächst temporäre Stationen angelegt, um für die Rückfahrt der Segelboote günstige Winde abzuwarten. Daraus entstanden zwischen Lamu, Sansibar und der Insel Kilwa die ersten arabischen Siedlungen. Aus wohlhabenden arabischen Ländern kamen Zuwendungen, womit bis zum 11. Jahrhundert Moscheen als Steingebäude in mindestens acht Küstensiedlungen gebaut wurden.

Der Handel mit China brachte die Dynastie von Kilwa im 14. Jahrhundert zu ihrer Blüte. Kilwas Herrscher ließen die Große Moschee erweitern und unternahmen eine Pilgerfahrt nach Mekka. Diese Stadtstaaten beschränkten sich auf einen schmalen Küstensaum und versuchten nicht, im Landesinnern politische Macht zu gewinnen. Der Islam und die Swahili-Kultur der Küstenbevölkerung wurden nur entlang der Handelsrouten verbreitet. Um 1500 tauchten erstmals Portugiesen an der ostafrikanischen Küste auf, Ende des 17. Jahrhunderts verloren sie allmählich ihre Handelszentren Mombasa und Kilwa und den Glaubensstreit gegen die muslimischen Araber und Swahili. Das Sultanat Oman breitete sich wirtschaftlich und ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch mit politischem Dominanzanspruch an der ostafrikanischen Küste aus. 1840 wurde die Hauptstadt des Sultanats nach Sansibar verlegt. Die Rechtsprechung erfolgte während ihrer Herrschaft konfliktvermeidend zu gleichen Teilen durch einen ibaditischen (die vorherrschende Glaubensschule im Oman) und sunnitischen Kadi. Sunniten der schafiitischen Rechtsschule aus dem Hadramaut hatten sich bereits ab dem 12./13. Jahrhundert an der Küste niedergelassen.

Paradoxerweise trugen die Ibaditen-Sultane von Sansibar besonders zur Ausbreitung des sunnitischen Islam bei. Anfang des 19. Jahrhunderts nahm das Sultanat von Sansibar benachbarte Inseln wie Lamu und Pate, sowie Mombasa ein. Viele Swahili-Moslems wurden dadurch vertrieben und gründeten an der Küste und im Inland neue Siedlungen, wodurch sie stärker in Kontakt zu Nichtmuslims gerieten. In den 1870er Jahren begann die Islamisierung auf dem Land, zuerst um von Arabern angelegten landwirtschaftlichen Gehöften (wie der mit Sklavenarbeitern betriebenen Zuckerrohrplantage am Pangani-Fluss). Da die Karawanenrouten, entlang denen sich der Islam bis zum Tanganyika- und Victoriasee ausbreitete, in der Ebene verliefen und das Bergland mieden, begannen die ersten christlichen Missionare mit ihrer Tätigkeit in den Bergen. An der so entstandenen Verteilung der beiden Religionen hat sich in Tansania nichts geändert.

Ab den 1890er Jahren brachten Händler und einige verehrte Islamgelehrte (Sheikhs) den Islam nach Mosambik und von der Ostküste aus ins Landesinnere nach Malawi (→ Islam in Malawi). Für die Muslims beider Länder repräsentierte der Sultan von Sansibar das Zentrum der islamischen Gelehrsamkeit. Muslims in Mosambik riefen den Namen von Sultan Bargash ibn Said (1870–1888) beim Freitagsgebet. Die katholischen Portugiesen verhielten sich in ihrer Kolonie den Muslims gegenüber sehr restriktiv und verweigerten jede Unterstützung, im Gegensatz zur toleranten Religionspolitik der Briten in Malawi.

1504 war in Sudan das schwarzafrikanische Sultanat der Funj entstanden, dessen Zentrum in Gezira lag und das im Norden bis Obernubien anerkannt wurde. Das Christentum war in Nubien bereits zwei Jahrhunderte zuvor durch Arabisierung verschwunden. Unter der islamischen Funj-Herrschaft wurden Rechtsgelehrte (Ulama) und Marabouts aus dem Hedschas ins Land geholt, deren Rivalität bis heute in Sudan besonders deutlich wird.

Nach den im 19. Jahrhundert vorherrschenden Sufi-Bruderschaften der Qadiriyya und Schadhiliyya und nach der Eroberung des Funj-Reichs 1821 durch Türkisch-Ägypten begannen reformistische Heilslehren ihren Einfluss auszubreiten. Um 1818 bis 1820 wurde die Khatmiyya-Tariqa durch ihren Begründer Mohammed 'Uthman al-Mirghani (Al Khatim) eingeführt, die sich unter seinen Nachfolgern im Norden und Osten des Landes verbreitete und bis heute über beträchtlichen politischen Einfluss verfügt.

Im Zentrum einer anderen neuen Doktrin stand der zu erwartende endzeitliche Mahdi, der das Böse bekämpfen und eine gereinigte Welt schaffen würde. 1881 erschien der Mahdi in Gestalt von Muhammad Ahmad (1843–1885), ein Schüler der Sammaniyya-Tariqa, der den Dschihad gegen die Ungläubigen (er meinte die türkisch-ägyptische Besatzung) ausrief und dessen theokratischer Staat 1898 von anglo-ägyptischen Truppen besiegt wurde. Eine neuerstandene Nachfolgeorganisation des Mahdi (Ansar, „Helfer“) gewann ab den 1930er Jahren großen wirtschaftlichen Einfluss und wurde von einer fanatischen Bewegung zu einer noch heute bedeutenden Kraft in Sudan.

In den 1950er Jahren trat außerdem eine von Ägypten unabhängige sudanesische Muslimbruderschaft (Kurzbezeichnung Ikhwan, „Bruderschaft“) auf. Ab 1977 begann Numairi, der 1969 als Präsident einer Linksregierung an die Macht gekommen war, eine ideologische Hinwendung zum Islam. 1983 führte Numairi die Schari'a-Gesetze ein. Ab 1985 begann eine strenge Islamisierung durch den Anführer der Muslimbrüder Hasan at-Turabi, einschließlich der Trennung von Männern und Frauen im öffentlichen Leben, Einführung islamischer Kleiderordnung und Staatsdoktrin, was nicht nur die Auseinandersetzungen mit dem christlichen Südteil des Sudan befeuerte, sondern auch Widerspruch in republikanisch-islamischen Kreisen hervorrief. Die Organisation der Republikanischen Brüder versuchte sich der Einführung der Schari'a zu widersetzen. Ihr Gründer Mahmud Muhammad Taha sprach von einer Entwicklungsfähigkeit koranischer Glaubensinhalte, betonte deren Historizität und die Auslegbarkeit der Schari’a. 1985 wurde er wegen Volksverhetzung und Apostasie hingerichtet.

In Südafrika leben 2008 knapp zwei Prozent Muslims, im Jahr 1840 stellten 6400 Muslims ein Drittel der Einwohner von Kapstadt. Als Gründer der islamischen Gemeinschaft gilt Sheikh Yusuf al-Taj al-Khalwati al-Maqasari, genannt nach seiner Heimat Sheikh Yusuf von Makassar, ein 1694 aus Indonesien vor der holländischen Kolonialherrschaft geflohener oder von ebendieser deportierter Sufi-Anhänger, der heute als Heiliger verehrt wird. Die ersten indonesischen Muslims wurden bereits 1658 von der Insel Ambon hierher gebracht, um die holländischen Siedlungen vor den Khoi Khoi zu verteidigen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Islam in Südafrika durch Arbeiter, (politische) Sträflinge und Sklaven der Niederländisch-Ostindischen Kompanie (VOC) verbreitet. 1667 kamen drei Sufi-Sheikhs in einer Gruppe von über eintausend politischen Gefangenen der VOC aus Indonesien. Private Religionsausübung war den Sklaven erlaubt. Die Sheikhs verbreiteten heimlich ihre (vermutlich) Qadiriyya-Doktrin in Privathäusern, 1793 wurde eine Medrese eröffnet und um 1800 die erste Moschee.

Über bestimmte rituelle Praktiken wie das Freitagsgebet, die Pflege islamischer Feiertage oder die jährliche Wallfahrt zu einem Heiligengrab können unterschiedliche Glaubensformen eine Gemeinschaft konstruieren. Eine Unterscheidung zwischen städtischer orthodoxer Tradition der Eliten und einer lokalen Praxis der Landbevölkerung mit Heiligenverehrung gilt als überholt. Stattdessen sollte von verschiedenen gleichwertigen Lehren des Islam gesprochen werden.

Von den vier Rechtsschulen (Madhahib) des sunnitischen Islam hatte sich die konservative, aus Medina stammende Schule der Malikiten in Sudan, den meisten Ländern Nordafrikas und weiter in westafrikanischen Ländern wie Mauretanien und Ghana als erste durchgesetzt.

In Ägypten, Sudan, Äthiopien und Somalia sind Schafiiten am weitesten verbreitet. Auch an der ostafrikanischen Küste konnten die aus den Ländern Südarabiens stammenden Schafiiten aufgrund ihrer Handelsverbindungen eine Mehrheit bilden. Sie stehen in Opposition zur konservativsten Schule der Hanbaliten, die fast nur in Saudi-Arabien angewandt wird.

Am Horn von Afrika haben sich die Rechtsschulen kleinräumig ausgebreitet: Einige Hanafiten gibt es in Eritrea und Teilen Äthiopiens, dazu gehört ein Stadtviertel von Harar (osmanischer Einfluss. Die restliche Stadt ist schafiitisch). Ibaditen gibt es nur in kleinen Gruppen in Algerien (dort die berberischen Mozabiten) und durch die früheren omanischen Herrscher auf Sansibar.

In Ostafrika gibt es, vor allem unter der indischen Bevölkerungsgruppe einige Ismailiten, in deren esoterischem Glauben der siebte Imam Ismail verehrt wird. Nach der iranischen Revolution 1979 bewirkte eine Flut von Missionierungsbroschüren aus dem Iran eine Politisierung des Islam und eine geringfügig zunehmende Anzahl schiitischer Glaubensanhänger.

Religiöse Praktiken werden danach beurteilt, ob sie wirksam sind. Glaube basiert auf kollektiver Erfahrung. Gemäß islamischer Tradition gab es diese mystische Strömung bereits zu Zeiten Mohammeds. Zeitgleich und im Verein mit den arabischen Eroberern und Händlern gelangten Islam und Sufi-Glauben in die Länder Afrikas. Bald wurden Waren und Religion von afrikanischen Händlern übernommen und weiter transportiert. Viele der Händler waren Mitglieder von Sufi-Bruderschaften (Tariqa, Mehrzahl: Turuq), die ihre besondere Segenskraft (Baraka) bis auf die Familie des Propheten zurück führen konnten. Als Wahrsager, Traumdeuter und Wunderheiler wurden die Glaubenslehrer auch in entlegenen Gebieten angenommen. In der Sudanregion waren nach Reisebeschreibungen des 17. Jahrhunderts mit Ziegenfell bekleidete, allein reisende Bettelmönche unterwegs, die von kriegerischen Auseinandersetzungen unbehelligt durch alle Herrschaftsgebiete ziehen konnten. Im Maghreb traten sie organisiert als Marabout auf: Glaubenskämpfer und Missionare, die in Klosterfestungen (Ribāṭ ) lebten und einen volksnahen Sufismus bei den nur oberflächlich islamisierten Berbern verbreiteten. Im kulturell arabisch dominierten Nordafrika gelangte durch den Sufismus die Heiligenverehrung ins Zentrum der Glaubenspraxis. Je mehr Heilige, umso weniger ist der Glaube an Engel verbreitet. Dagegen kennt der Sufismus in Schwarzafrika, wo im Volk islamische Magie gepflegt wird, den nordafrikanischen Gräberkult praktisch nicht.

Schriftkundige Vermittler des auf Arabisch zu lesenden Koran – Vermittler zwischen Gläubigen und Gott – ersetzten oder ergänzten die traditionellen Heiler. Der Glaube, den diese Islamgelehrten predigen, muss damit nicht weniger rigoros sein. Im Fall von Usman Dan Fodio und anderen Reformern trat Sufismus militant in Erscheinung.

Wichtige Turuq sind die im 11. Jahrhundert gegründete Qadiriyya und die Tijaniyya, das letztere ist eine islamische Reformbewegung, die sich ab Ende des 18. Jahrhunderts von Marokko aus in Westafrika verbreitete. Einige Turuq wurden nicht aus der Idee zu einer Glaubensreform neu gegründet, sondern haben sich wegen eines Nachfolgestreits nach dem Tod des Sheikhs unter dessen Schülern abgespalten. Die unzähligen Bruderschaften, viele mit nur lokalem Einfluss, lassen sich auf eng verzweigten Stammbaumdarstellungen orten. Beispielhaft sei die Salihiyya erwähnt, die sich aus dem libyschen Sanussiya-Orden des 19. Jahrhunderts über die Idrissiya eines marokkanischen und die Rashidiyya eines sudanesischen Sheikhs im Norden Somalias entwickelte.

Zu den Mausoleen der Sheikhs werden jährliche Wallfahrten veranstaltet. Unter Sheikh wird ein Heiliger, ein verehrter alter Mann und meist zugleich ein politischer Führer verstanden, der die Lehren seiner Tariqa verbreitet . Wali ist ein anderer Begriff, der einen Heiligen bezeichnet, der einen Ruf als Wohltäter, Helfer oder Freund genießt. Islamische Heilige werden im Unterschied zum christlichen Verständnis nicht von einer Instanz heilig gesprochen, sondern entwickeln sich durch Verehrung ihrer Person in einem lokalen Rahmen zu solchen, manche gewinnen später darüber hinaus an Bedeutung. Nach dem Tod wird ihre Grabstätte zum Ort der Heiligenverehrung, da ihr Baraka am Grab weiterwirken soll. Ihr segensreicher Einfluss beruht auf einer besonderen Kraft, die jedem Schüler eines Ordens von seinem Lehrmeister übertragen wird, eben jener bis zum Propheten selbst zurückgeführten Initiationskette (Silsila). Das namentliche Erlernen dieser Abfolge ist ein wichtiger Teil der Schulung. Die Körper der verstorbenen Heiligen sollen nicht verwesen und zu bestimmten Zeiten einen Geruch von Moschus oder ein Licht aussenden. Ist das Grab durch eine mit Tüchern behängte Holzkonstruktion dargestellt, so kann auch die feuchte Erde darunter ein besonderes Zeichen sein.

Sufi-Bruderschaften sind über ihre religiöse Bedeutung hinaus soziale Netzwerke, Vertrauensbündnisse für wirtschaftliche Beziehungen und können – ganz ohne Trance – beträchtliche politische Macht ausüben. Die Einstufung als Volksislam ist daher unzutreffend. Im Maghreb werden die Turuq als Gegenpol zum radikalen Wahhabismus eingeschätzt und staatlich gefördert.

Im Senegal galt der Islam – von neueren islamistischen Tendenzen angesehen – bisher als liberal. Der erste Präsident nach der Unabhängigkeit, Léopold Sédar Senghor, regierte 20 Jahre lang als Christ ein Land mit 95 Prozent Muslims. Die vier oder fünf wichtigsten Bruderschaften sind im Senegal mächtiger als in jedem anderen Land südlich der Sahara. Besonderen Einfluss haben die Marabouts der Muridiyya, einer Reformbewegung, die um 1900 von Amadou Bamba M'Backé (1850–1927) gegründet wurde und besonders städtische Jugendliche anspricht.

Im 12. Jahrhundert erlebte der mystische Sufismus in Nordwestafrika seine Blütezeit. Im Zentrum stand Abu Madyan (1126–1198), der Islamgelehrte, Dichter und heutige Patron der algerischen Stadt Tlemcen, in dessen Nähe sich der in Sevilla Geborene nach langen Lehr- und Wanderjahren niederließ. In Bagdad soll er Rifa’i getroffen und indische Atemtechniken erlernt haben. Von seinen Ehrentiteln – einer ist „Sheikh des Westens“ - verweist Qutb (eine zentrale „Achse“, um die sich die Erde dreht) am deutlichsten auf die Bedeutung dieses Heiligen, dessen Gedichte im Maghreb beim Dhikr rezitiert werden. Über einen der Lieblingsschüler Abu Madyans lernte Ibn Arabi (1165–1240) – „der größte Sheikh“ - seine Lehren kennen. Im Gegensatz zu Abu Madyan, dessen Wundertaten erzählt werden, erzielte Ibn Arabi keine Wirkung beim Volk, der Einfluss von Ibn Arabi entwickelte sich aus seiner umfangreichen Literatur auf die islamische Philosophie und christliche Mystik.

Eine puritanische Gegenbewegung, die primär auf das Selbstverständnis, mit dem die Sufi-Mystiker den Koran auslegten, zielte und die Freiheit kritisierte, mit der sie sich Gott näherten, brachte den Sufismus insgesamt in die Defensive. Geistiger Führer gegen die Dekadenz von Heiligenkulten und für die religiöse Erneuerung war Ibn Tumart (1077–1130), der den kämpferischen Berbern der Almohaden-Dynastie ihre moralische Grundlage gab. Als die Almohaden den gesamten Westen erobert hatten, kam es zu Hinrichtungen wegen Gotteslästerung. Eines der ersten Opfer war Abu Madyan. Es begann die Flucht vieler Sufis, ihre Schriften wurden verbrannt. Der Sufismus als geistige Kraft war im 14. Jahrhundert kaum mehr existent.

Im Volk lebte der Sufismus mit Heiligenverehrung und Wallfahrten weiter, besonders durch die Lehren von Abu-l-Hasan asch-Schadhili (1196/1197–1258). Im westlichen Rifgebirge liegt neben einer Höhle das Grab des Heiligen und Schutzherren des Gebietes, Abdeslam ibn Mchich Alami (1140–1227). Der Besuch seines Grabes und der Höhle, von deren Decke Wasser tropft, das Baraka enthält, gilt als „kleine Pilgerfahrt“ und als gleichwertiger Ersatz für die Hadsch nach Mekka. Abdeslam war einer der größten Sufi-Lehrer des Maghreb, obwohl über ihn selbst wenig bekannt ist. Seine Lehre wurde durch seinen Schüler Abu-l-Hasan asch-Schadhili über ganz Nordafrika verbreitet und wird nach diesem Schadhiliyya genannt. Er floh vor der Verfolgung nach Andalusien und lehrte später in Ägypten, wo er 1258 starb. Die Ausbreitung der Schadhiliyya-Tariqa wurde durch feste Ordensregeln erleichtert, die im gesamten Nordafrika in klosterähnlichen Zentren den Tagesablauf regelten. Im Westen wurden daraus befestigte Siedlungen (Ribāṭ ) für Glaubenskämpfer an der Grenze zum Feindesland, im Osten konnten aus den Ordensschulen (Khānqāh) ganze Dörfer entstehen. Eigenes Ackerland wurde an Bauern verpachtet, die Erträge abliefern mussten. Die Zentren hatten teilweise eine eigene Steuerhoheit. Daneben erhielten sie Geld aus frommen Stiftungen. Im 15. Jahrhundert wurde die Tariqa der Schadhiliyya durch Muhammad ibn Sulayman al-Jazuli († 1464) aus der Meriniden-Dynastie der Berber wiederbelebt. Da er in Marrakesch patriotische Reden hielt und zum Kampf gegen die Portugiesen aufrief, war es ihm erlaubt, zugleich die Mystik seiner Dschazuli-Lehre zu verbreiten. Nachfolger im Heimatgebiet der Schadhiliyya war Ende des 15. Jahrhunderts die Aissaoua- und im 17. Jahrhundert die Nasiriyya-Bruderschaft. Viele der reformerischen Ordensneugründungen im 19. Jahrhundert in Ost- und Westafrika sind feine Verästelungen aus dem Stamm der Schadhiliyya.

Seit den 1990er Jahren werden im Senegal vorwiegend in den Städten die strenggläubigen Wahhabiten stärker. Sie kritisieren, was Sufis schon immer vorgeworfen wurde: Heiligenverehrung und unislamische Rituale, also Synkretismus. Nachdem sich die Wahhabiten sozialen Fragen zuwandten und politische Forderungen stellten, erhielten sie Zulauf. Ihr Ziel ist die langsame Islamisierung der Gesellschaft von unten und die Eroberung der politischen Macht. Einige der in den 1970er Jahren gegründeten islamistischen Organisationen halten sich mittlerweile mit Kritik an den Sufis zurück, lassen sogar ein wenig Heiligenverehrung zu und respektieren die Marabouts, um vom Ansehen, das diese bei den Massen genießen, einen Abglanz zu erhalten. Die Annäherung dient dem Zweck.

Dasselbe Ziel der Islamisierung hatte ab Ende des 18. Jahrhunderts Usman Dan Fodio (1754–1817), ein religiöser Führer des Qadiriyya-Ordens, mit militärischen Mitteln erreicht. Zunächst gewann er Einfluss am Hof des Sultans von Gobir, aber um 1790 wurde seine Gemeinschaft zur Bedrohung der herrschenden Interessen. 1804 griff eine Gobi-Armee Usman an. Er musste fliehen, seine Fulbe-Reiterarmee führte einen heiligen Krieg (Fulbe-Dschihad von 1804) gegen die Hausa-Königreiche des heutigen Nigeria. Er eroberte die Hauptstadt des Sultans von Gobir, wo er 1809 die neue Stadt Sokoto gründete. Die wirtschaftliche Blüte des neuen Kalifats wurde zum „Sokoto-Modell des Dschihad“.

Die religiösen Eiferer betrieben in den eroberten Gebieten keine aktive Missionierung, im Gegenteil, sie verhinderten oft den Übertritt der Einheimischen zum Islam. Fulbe fühlten sich rassisch und durch ihre Religion überlegen, die sie quasi als Schlüssel zum Erfolg monopolisierten. Die Exklusivität des Islam wurde erst in den 1950er Jahren aufgegeben.

Die von den meisten Muslimen abgelehnten Ahmadiyya missionieren mittels umstrittener Koranübersetzungen in Landessprachen. Ihr Einsatz wird von mildtätigen und entwicklungsorientierten Leistungen begleitet. Die einzige der Reformbewegungen außerhalb Afrikas, die nicht im arabischen Raum, sondern in Indien entstand, versucht von ihrem Zentrum in London aus, ihre geringe Anhängerschaft in Afrika durch Agitation gegen den Wahhabitismus, die als „De-Arabisierung“ des Islam angekündigt wird, zu erhöhen. Ein gewisser Erfolg wird bei Jugendlichen und westlich orientierten Intellektuellen erzielt. Ab den 1920er Jahren sind Ahmadiyya in bestimmten Gebieten Westafrikas, wie der Gegend um Lagos, im Süden der Elfenbeinküste und im Norden Ghanas (dort um Wa) vertreten.

Der Islam hat sich im zeitlichen Verlauf der Ausbreitung in Afrika in seiner Glaubenspraxis stark verändert. Bei der Frage, wie sich ein afrikanischer Islam gebildet hat, gibt es zwei Blickrichtungen: eine Islamisierung Afrikas, dann eine Afrikanisierung des Islam. Aus deren regional eigenem Wechselverhältnis ergibt sich eine jeweils spezifische Volksfrömmigkeit, zu der im Grundsatz die Beachtung der vereinigenden Elemente des Islam gehören: Die Anerkennung des universalen Gesetzes (Schari'a), das in der Praxis durch einen Geistlichen repräsentiert wird; das Glaubensbekenntnis (Schahāda); die Übernahme der Riten gemäß dem islamischen Mondkalender; die Beachtung der Kategorien haram und halal. Hierzu gehören Vorschriften zur Tierschlachtung und das Verbot von Verstümmelungen, Hautritzungen und Tätowierungen.

Mit Bilal, einem äthiopischen Sklaven und frühen Getreuen Mohammeds, wird der afrikanische Einfluss auf den Islam verehrt. Er hatte die Aufgabe, die Gläubigen im Umkreis des Propheten zum Gebet zu rufen, also gilt er als der erste Muezzin. Bilal wurde in der Überlieferung zum Vorfahr afrikanischer Muslims. Der Älteste seiner sieben Söhne siedelte in Mali, die Chronik führt seine Nachkommen bis zu den Herrschern des Mali-Reichs.

Das Verhältnis vom „offiziellen“ Islam zu bestimmten religiösen Praktiken und Glaubensinhalten, die als Volksislam bezeichnet werden, ist eines der Tolerierung oder Ablehnung. Einflüsse von traditionellen afrikanischen Glaubensvorstellungen werden entweder als Adat (Tradition) akzeptiert oder als Bidʿa (Ketzerei) verurteilt. Entfernt von der islamischen Lehre der Rechtsgelehrten (Ulama) bewegen sich Mitglieder von bestimmten Sufi-Orden, deren Gründer als Heilige bekannt wurden und die teilweise ein asketisches Leben führen. Von beiden Gruppen weiter abgestuft und als Aberglaube und Häresie verurteilt werden Auswüchse im Volksglauben, die durch Predigten von einzelnen Amulett-Händlern, Wunderheilern und Weissagern verbreitet wurden. Besonders im Maghreb wurde der Islam weder von Rechtsgelehrten, noch von Sufi-Mystikern, sondern erst durch den emotionalen Heiligenkult im Volk verbreitet. Die zahlreichen Sufi-Bruderschaften pflegen in sehr unterschiedlichem Maß eine puritanisch strenge oder eine mystische Religion, oder einen abergläubigen Kult. Reformbewegungen gegen „heidnische“ Bräuche und Gräberkult (Ziyara) wurden sowohl von der islamischen Orthodoxie, als auch von Sufi-Sheikhs ins Leben gerufen. In Westafrika wandte sich Ahmad al-Tidschani, Gründer der Tijaniyya, gegen Heiligenverehrung und zugleich gegen den politischen Kampf (also gegen die Marabout). Im Osten errichtete der sudanesische Mahdi, ein Sheikh des Sammaniya-Ordens, eine Herrschaft der religiösen Intoleranz.

Was gegenüber dem Allgemeinbegriff „Islam“ als Volksislam bezeichnet werden soll, kann nur innerhalb des jeweiligen kulturellen Rahmens geklärt werden. Der Islam kam in erster Linie ohne die arabische Kultur als Rechtslehre nach Schwarzafrika und bildete einen, der lokalen Gemeinschaft übergeordneten, gesetzlichen Rahmen. Die afrikanische Kultur wurde in diesem Prozess als passiver Faktor mit dem Islam verbunden. So ist für die muslimische Heirat die Zahlung eines Brautpreises (Sadaq oder Mahr) erforderlich. Diese Regel wurde in den als Übergangsritual verstandenen afrikanischen Hochzeitsbrauch eingebaut und hatte auf diesen insgesamt wenig Einfluss. Inwieweit Praktiken und Glaubensinhalte dem Islam oder einer früheren Tradition zuzuordnen sind, wird innerhalb einzelner Kulturen unterschiedlich wahrgenommen. Zwei benachbarte Volksgruppen in Darfur sollen als Beispiel dienen: Die islamisierten Berti unterscheiden sprachlich zwischen āda, „Gewohnheit“ und dīn, „Religion“; sie treffen also im Einzelfall Zuordnungen, können aber beides im Alltag konfliktfrei verbinden. Auf den Genuss von Hirsebier wird nicht verzichtet, dafür auf die täglichen Gebete. Die unter dem Einfluss des Tijaniyya-Ordens stehenden Zaghawa sind ebenfalls praktisch zu 100 Prozent Muslims, beurteilen ihre Opferkulte und Regenmacherzeremonien jedoch nicht als „vorislamische Bräuche“, sondern als integralen Teil ihrer religiösen Tradition.

Die Annahme des sich unter den ersten arabischen Dynastien in Nordafrika ausbreitenden Islam war wohl zumeist eine Vermeidungsstrategie. Bereits das Abbasiden-Kalifat (750-847) betrieb regen Handel mit Elfenbein, Edelhölzern, Fellen und Sklaven. Die Scharia verbot die Versklavung von Muslimen. Die Bezahlung von Steuern und der Abtransport in die Sklaverei konnte durch den Übertritt zum Islam verhindert werden. Der politisch-kulturelle Dominanzanspruch der islamischen Kernländer war dem der späteren europäischen Kolonisten nicht unähnlich. Die Verachtung der schwarzen Bevölkerung durch die Araber belastete als Hypothek das Verhältnis zwischen beiden. Zusammen mit den Sklavenhändlern wurde der Islam als feindlich empfunden und verbreitete sich in den Binnenländern entlang der Handelsrouten eher zögerlich. Es ergab sich im Norden ein Konversionsdruck in den Städten und allgemein in arabisch dominierten Gebieten und eine eher ablehnende Haltung gegenüber dem Islam auf dem Land. Weiter südlich lebende Völker, die unter der Geißel der Sklavenjäger litten, konnten wenig Verständnis für die Religion der neuen Herren entwickeln.

In Ostafrika war der Islam eingebunden im Netz der Handelsbeziehungen zwischen den Swahili-Küstenstädten untereinander und dem Inland. Händler und Auswanderer aus dem arabischen Raum brachten ab dem 13. Jahrhundert neben ihrer Sprache den zum jeweiligen Zeitpunkt in ihren Herkunftsländern praktizierten Glauben mit, so dass es zu einem fortwährenden Prozess der Angleichung und Erneuerung des Islam kam. Regelmäßig diffamierten neu eingewanderte Araber den vorgefundenen Glauben als unorthodox. Entsprechend den Abstammungslinien in Arabien bildeten sich innerhalb der Swahili-Gesellschaft soziale Schichten.

Die afrikanische Bevölkerung strebte durch Konversion zum Islam die Teilhabe am Erfolg arabischer Händler an, damit verbunden sollte eine Abgrenzung von der untersten Schicht der Ungläubigen sein. Das erstrebte Statusideal war indes nicht erreichbar.

Es gab weitere Gründe, die bewogen, zum Islam überzutreten: Nachdem in den Städten im 19. Jahrhundert bereits eine größere islamische Bevölkerungsgruppe lebte, traten auch Träger von Handelskarawanen zum Islam über. Bei tödlichen Unfällen fern von Heimat und Familie war dann ein Glaubensbruder zur Seite, der für ein würdevolles Begräbnis sorgen könnte. Mehr am Diesseits orientiert: die an einen afrikanischen Initiationsritus erinnernde Beschneidung erleichterte den Kontakt zu den städtischen Swahili-Frauen, da Mann nun derselben Kultur angehörte.

In Südafrika wurde mit den muslimischen Sklaven von den indonesischen Inseln das Heilungsritual Ratiep importiert. Dieser Sufi-Kult stellte eine Verbindung zu Gott her, damit die Seele Kraft erhalte im Ausgleich für die Sklavenarbeit des Körpers. Ratiep ist eine synkretistische Praxis, die sich von einem alten Hindu-Tanz der Insel Bali herleiten lässt. Mit einem monotonen Gesang im Hintergrund wurde ein halbhypnotischer Schwerttanz aufgeführt, wobei es zu Hautverletzungen kommen konnte. Im Kapstadt des 18. und 19. Jahrhunderts war das Ritual hauptsächlicher Anlass für Übertritte zum Islam. Was als Zugeständnis für einfache Sklaven begann, geriet Ende des 19. Jahrhundert als reiner Unterhaltungswert in Verruf.

Größtes zu überwindendes Hindernis vor der Annahme des Islam ist die kosmogonische Ordnung afrikanisch traditioneller Glaubensvorstellungen, unterhalb welcher der Mensch im Alltag streng in eine Sozialstruktur eingebunden ist. Diese umfasst als Gesamtheit über die Gegenwart hinaus gehend die Totenseelen der Verstorbenen bis zu fünf Generationen zurück. Hier nimmt der Einzelne seinen Platz innerhalb der Schöpfungsordnung ein, im Islam ist er allein gegenüber Gott. Ahnenverehrung ist fundamental in Afrika und völlig fremd im Islam. Die Vergangenheit, aufgefasst als wirkliche (beeinflussende) Zeit, gelangt als afrikanisches Substrat in den Islam, dessen Gläubige ihre Pflichten im Heute und aus Koran und Sunna beziehen.

Praktisch wurden das Dogma des einen Gottes und die fünf Glaubensgebote übernommen und streng befolgt, ohne etwa Clanstrukturen und Heiratsregeln aufzugeben. Ebenso werden Besessenheitskulte (vgl. Bori) weiterhin von Priestern durchgeführt. Die Kraft der Magie wird vom Islam genauso wenig wie vom Christentum angezweifelt. Als Synkretismus gleichwertig werden traditioneller Glaube und Islam, wenn bei den muslimischen Songhai im Niger Besessenheitskulte, in denen Hauka-Geister angerufen werden, dieselbe Wirkung entfalten als alternativ die Rezitation islamischer Verse. In Nord-Nigeria wurden unter dem – bis vor kurzem noch gemäßigten – Islam bei Songhai und Hausa Bedeutung und Wirksamkeit von Maskenkulten und figürlichen Schreinen nicht geringer. – Dennoch erklärten die meisten Muslims in Nigeria, sie hätten ein Recht, Heiden zu bekehren und ihre kollektivverpflichtende Bereitschaft zum Dschihad.

In der Sahelzone werden Amulette in Form von Ledertäschchen mit eingenähten Koransprüchen um den Hals oder am Arm getragen. Sie sollen die eigene Person, die Familie oder den Besitz gegen Hexerei und sämtliche Krankheiten schützen. Zu ihrer Herstellung wird ein Gelehrter gebraucht, der arabisch schreiben kann, und ein Handwerker, der das Papier in Leder einbindet. Vor dem bösen Blick schützt im weit verbreiteten Volksglauben vor allem die Hand der Fatima. Häufig wird Neid als Ursache für solcherart Schadenszauber angesehen. Als vorbeugende Maßnahme gilt Bescheidenheit: Kinder von Wohlhabenden werden in armselige Kleider gesteckt oder durch einen entsprechend niedrigen Namen herabgestuft (wie in Sudan Oschi, „Sklave“).

Für Besessenheitskulte und Heilungen ist in Ostafrika der Mganga zuständig. Er versteht seine Praktiken durchaus als mit dem Islam vereinbar und spricht zu Beginn die islamische Eröffnungsformel Bismillah. Bei teilweiser Überschneidung der Aufgaben ist doch der Mwalimu („Lehrer“) sein Gegenspieler. Er ist als Islamgelehrter eine Autorität, die religiöses Wissen vermitteln und vor allem die Gemeinschaft vor Bedrohungen durch unislamische Abweichungen schützen soll. Hierzu verfügt er über Baraka.

Ein weiteres Zeichen für die Assimilationskraft des Islam sind die ab dem 16. Jahrhundert aus dem Sahel nach Norden verschleppten Gnawa. Schwarzafrikanische Heilkünste sind durch die einstigen Sklaven in Marokko angekommen. Vieles aus der mit Hilfe von Dämonenmaskentänzen hervorgerufenen Geisteswelt vertrug sich mit dem arabischen Volksislam und ergab in seiner Grundstruktur zeitlosen Mythos.

Gegenüber einer zunehmenden politischen Radikalisierung des sunnitischen Islam hat sich in Sudan ein ausgeprägter Volksislam erhalten, in dem mit der Vorstellung von Heiligen und Geistern auch Marienverehrung vorhanden ist. Traditionelle Heiler, deren Rezepte auf Glaubensinhalten des Sufismus beruhen, werden in weiten Teilen der islamischen Bevölkerung akzeptiert. Sie sind als Nachkommen heiliger Männer (Walis) glaubwürdig, die von diesen erworbene Segenskraft (Baraka) zeigt, da sie nicht durch eigenes Handeln erworben werden kann, Allahs Wirken auf Erden und wird von den Heilern an ihre Nachkommen vererbt. Viele Heiler sind Sheikhs, wodurch sie außer ihrer spirituellen über soziale und politische Macht verfügen. Sufi-Heiler lehnen normalerweise nicht die Schari'a ab. Obwohl Heiligenverehrung dem orthodoxen Islam widerspricht, gab es unter geistlichen Führern kaum Angriffe gegen Heiler, deren Autorität in weiten Bevölkerungskreisen anerkannt wurde. Von fundamentalistischen Gruppen werden sie gegenwärtig bedrängt.

Es gibt zwei Gruppen von Heilern in Sudan: Der Faki (oder Feki) ist ein Wanderer, der von Dorf zu Dorf reist und seine religiösen Angebote verkauft. Er wird gefürchtet, weil er schwarze Magie (Schadenszauber) praktizieren kann. Frauen kommen zu ihm mit der Bitte, er möge ihren ausschweifenden Mann oder die rivalisierende Zweitfrau bearbeiten. Seine Heilerfähigkeiten sind geringer als die des Faqir. Er ist ein Gelehrter zweiter Ordnung, lebt von Almosen und verkauft Talismane. Als Exorzist wird er zum Bett des Kranken gerufen. Seine Illusionsmedizin wird gelegentlich durch das Verabreichen von Pflanzenwirkstoffen ergänzt. Viele Faki haben die Haddsch vollzogen, alle können den Koran lesen. Sie erteilen Unterricht für Kinder und werden bei Hochzeiten und Begräbnissen tätig.

Der Faqir organisiert Aktivitäten in Moscheen und Koranschulen und verhandelt Streitfälle als untere Instanz. Auch seine Heilmethoden basieren auf animistischen Bräuchen, Magie und dem islamischen Glauben. Die meisten Faqire wirken auf den nur von einem kleinen Zuschauerkreis umgebenen Patienten, dagegen konnte ein angesehener Heiler Anfang des 20. Jahrhunderts sein Baraka durch Winken der offenen Hände auf in der Menge sitzende Kranke übertragen.

Ein besonderer Geist wurde Ende des 19. Jahrhunderts vermutlich aus Äthiopien eingeführt. Der von Menschen besitzergreifende Geist erscheint in Gestalt eines Ausländers: eines Äthiopiers, eines christlichen Schwarzafrikaners oder eines Europäers. In einem oft mehrere Tage dauernden Zar-Kult werden die Wünsche des Geistes erfüllt. Als Gegenleistung für eine offizielle Anerkennung wurde eine Form des Rituals in Port Sudan in den 1980er Jahren durch das Verbot von Alkoholkonsum (siehe: Merisa) und Trinken des Opfertierblutes geglättet und die lautstarke Begleitmusik durch die Hinzunahme von Blechbläsern modernisiert.

Die meisten Zar-Praktiken werden von Frauen und nur wenigen daran teilnehmenden Männern durchgeführt. Frauen leben nicht unter dem Islam der Männer, in konservativ-traditionellen Gesellschaften pflegen sie, bedingt durch die Geschlechtertrennung, eine parallele islamische Kultur, deren Auslegung der Glaubensvorschriften dieselbe wie die ihrer Männer ist oder sich erheblich unterscheiden kann. Für den Sudan trifft Letzteres zu. Es ergeben sich Konflikte zwischen der äußeren, männlichen Welt des orthodoxen Islam, die gerade noch Sufi-Heilungen toleriert, und den volkstümlichen Ritualen der Zar-Praktikerinnen, den Shaikhas, deren sozialer Status gering ist. Es sind meist ältere Frauen, die geschieden oder verwitwet sind; Abkömmlinge von Sklavenmüttern, die wegen ihrer dunkleren Hautfarbe ethnisch diskriminiert werden. Patienten sind ausschließlich Frauen, deren Besessenheit sich in psychosomatischen Beschwerden äußert und sich als Versuch der zeitweiligen Entgrenzung erklären lässt. Durch den offiziellen Islam marginalisierte Glaubensinhalte äußern sich im Kult unterprivilegierter Frauen in städtischen Randbereichen. Die Shaikas treten als Priesterinnen in einem Tanzritual auf, bei dessen Teilnahme, durch Opfergaben und nach einem Schuldeingeständnis die Patientinnen Heilung erwarten dürfen. Es bildet sich zwischen der Shaikha und ihren Patientinnen ein geschlossener Zirkel mit einer lebenslangen Mitgliedschaft. Frauen höherer Schichten, die in städtischen Zentren in Sudan und in Ägypten Partys mit Zar-Tänzen veranstalten, ebnen den Weg für eine allgemeine gesellschaftliche Anerkennung. Als öffentliche Tanz- und Musikveranstaltung durchgeführt, werden Anklänge an Zar-Rituale einem internationalen Publikum bekannt.

Anfang der 1930er Jahren beobachtete der Ethnologe Michel Leiris den Zar-Kult in Äthiopien. Das dargebotene Ritual begriff er als Schauspiel im Sinne einer Inszenierung, die allerdings weniger einer rationalen Kontrolle unterliegt (keine Simulation ist), sondern in dem der vorgestellte Zar-Geist tatsächlich erlitten wird. Leiris erkannte eine Verbindung von Theater und Ritual, die nicht ganz in die andere Welt des Heiligen führt, aber immerhin in eine Zwischenwelt, die die geistige Grundlage jedes Rituals beinhaltet: die religiöse Erfahrung.

Religionswechsel kann zu Identitätskonflikten führen. Erste Swahili-Händler kamen in den 1840er Jahren von der ostafrikanischen Küste in das Königreich Buganda, dessen Herrscher Mutesa nicht nur die Waren der weit gereisten Muslims, sondern auch ihren Glauben annahm. Mutesa ließ eine große Moschee bauen und ermutigte die ansässig gewordenen Muslims zur Verbreitung des Islam. Ende der 1860er Jahre bezeichnete er sich selbst als Muslim. Er befolgte das Freitagsgebet, den Fastenmonat Ramadan und sorgte für eine islamische (Neu-)Bestattung seiner Vorfahren. Zum Streit mit seinen Clan-Ältesten kam es, weil er sich weigerte, sich beschneiden zu lassen und den Verzehr von Schweinefleisch aufzugeben.

Dem gegenüber war Osei Bonsu, Herrscher des Königreichs der Ashanti Anfang des 18. Jahrhunderts kein Muslim, trug aber einen islamischen Talisman, Umhänge mit arabischen Inschriften und den Koran bei sich. Einige Muslims an seinem Hof nahmen dafür an seinen Trinkgelagen und den jährlichen Opferritualen teil.

Ein neuer Kulturkonflikt entstand ab den 1930er Jahren aus der Negritude, einer Bewegung vom europäischen Kolonialismus weg und hin zu den panafrikanischen Wurzeln, und einem sich ausbreitenden, intoleranten, saudi-arabischen Islam. Der Konflikt zwischen der schwarzafrikanischen Tradition und der saudi-arabischen Form des Islam ist eine der Ursachen für Bürgerkriege im Sahel und Sudan. Dieser Islam, der in einen völlig neuen Lebensrahmen zwingt, ersetzt letztlich die traditionelle afrikanische Gesellschaft.

Angezettelt und gewonnen wird solch ein Streit in aller Regel von Vertretern des Dogmatismus. Voraussetzung ist ein bereits länger islamisiertes Gebiet. Der Kampf (Dschihad) wird verbal eingeleitet, indem einem Gebiet der Status eines Dar al-Islam abgesprochen wird.

Usman dan Fodio ging Ende des 18. Jahrhunderts gegen Hausastaaten ins Feld, in denen der Islam zusammen mit dem traditionellen Bori-Kult praktiziert wurde. Bori-Religionspraktiken zeigen (im Verborgenen noch) eine enge Verbindung mit dem Islam, genauer, sie zeigen, wie tief der Islam in der Gesellschaft angekommen war. Einige der Geister lebten unter neuen Namen im Islam weiter, Muslims bezeichneten Bori-Anhänger positiv wertend als „Magier“. Die erste Niederlage erfuhr dieser Volksislam durch Usman mit der Gründung seines Kalifats von Sokoto 1809, die bisher letzte durch die Einführung der Scharia im Jahr 2000 in Nordnigeria.

Nach Benin gelangte der Islam im Norden im 14.–15. Jahrhundert, im Süden im 18. Jahrhundert. Eingeführt wurde er durch Marabout-Händler aus Mali und Nigeria. Seither waren die islamischen Führer zugleich spirituelle Mittler. In Sufi-Orden wurden Schüler innerhalb von fünf bis zehn Jahren in den Koran eingewiesen und zum Marabout ausgebildet. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts breitet sich im Norden Benins, einem generellen Trend in Westafrika entsprechend, der streng reglementierte Tijaniyya-Orden in einer Variante aus, die Rezitationen und mystische Elemente betont, und gründen Zentren der Lehre (Zawiya).

1961 gründete König Saud von Saudi-Arabien eine islamische Universität in Medina. Ziel dieser „Zitadelle des Wahhabitismus“ ist es, dass im „rechten“ Glauben unterrichtete Absolventen aus aller Welt als Missionare in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. Die ersten Studenten aus Benin hatten in den 1980er Jahren ihren Abschluss erlangt. Seither versuchen sie, die traditionellen Koranschulen in Benin gegen fundamentalistisch ausgerichtete Medresen zu ersetzen. Die neue islamische Elite ist durch fehlende Berufsaussichten marginalisiert. Die Auseinandersetzungen zwischen beiden gegensätzlichen Lagern dauern an.

Wie wurde der Islam in Nordnigeria intolerant? Wegen der harten Kolonisierung und dem Sklavenhandel, den Fulbe im 19. Jahrhundert in Hausa-Gebieten betrieben, wurden die europäischen Kolonialmächte als Befreier und christliche Missionare als Advokaten der versklavten Bevölkerung gesehen. (Erstere bestätigten die Fulbe-Herrschaft zur Festigung der eigenen Macht und letztere bekämpften die Fulbe als Konkurrenten.) Der Islam präsentierte sich in totaler Opposition zu lokalen Riten und zur Abstammungsidentität, in christlichen Dörfern konnten die Rituale weiterhin praktiziert werden. Auf dem Land blieb der von Usman Dan Fodio eingeführte puritanische Islam die Religion der Herrscher. Dem widersprechen auch nicht die Versuche der Hausa, aus sozialen Gründen in genau diese Religionsgemeinschaft aufsteigen zu wollen.

Gegen die beiden Sufi-Orden der Qadiriyya und Tijaniyya in Nigeria begründete in den 1950er bis 1970er Jahren Abubakar Gumi (1924–1992, Hausa: Yan Izala) eine neue Dogmatik: der Anspruch auf Rechtleitung (Irshad) wurde von Detailvorschriften der praktischen Lebensführung auf alle gesellschaftlichen Fragen erweitert. Islam galt nach der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren als Teil der Modernität, zugleich wurde ein staatliches Islamisierungsprogramm von Fulbe-Politikern inszeniert, um sich Unterstützung durch eine eigene Anhängerschaft zu sichern. Der Islam bringt eine moderne nationale Identität, erwartet wird der Zugang zu Macht und Status. Für Jugendliche erleichtern seit den 1980er Jahren von den Islamisten angebotene Fußballspiele eine Entscheidung für die Anhängerschaft, diese sind attraktiver als die Dhikr-Zeremonien der Sufi-Gelehrten. Januar 2000 wurde die Sharia in einem Bundesstaat eingeführt, 2002 in allen zwölf Nordstaaten.

Die Muslims in Südafrika setzen sich zusammen aus Nachfahren indischer Plantagenarbeiter, die im 19. Jahrhundert ins Land kamen, zugewanderten Afrikanern aus Malawi und Sansibar und seit den 1950er Jahren Konvertiten unter der Township-Bevölkerung. Als progressiver Gegenpart zur traditionellen Gemeinde wurden ab den 1970er Jahren einige islamische Jugendorganisationen gegründet. Saudi-Arabien gibt Geld und nimmt Einfluss. Eine der Organisationen erklärt den Staat für illegitim und ruft zum Wahlboykott auf. Der gemeinsame Kampf der Muslims gegen die Apartheid prägte eine spezifisch südafrikanische Form des Islam. Während des Befreiungskampfes waren viele Führer des ANC zum Islam konvertiert, seit der Unabhängigkeit ist die Muslimgemeinde gespalten zwischen ethnischen Abstammungen und durch fundamentalistische Ideologien.

Es gibt keine weibliche islamische Lehre, dafür kulturell bedingte Unterschiede in der Glaubenspraxis.

Die nach außen sichtbare Segregation der Geschlechter hat in bestimmten afrikanischen Gesellschaften eine vorislamische Tradition. Sie verweist nicht auf einen islamischen Einfluss, sondern ist allgemeines Kennzeichen für hierarchische Klassengesellschaften, in denen der soziale Status und das Prestige durch Meidungsgebote, räumliche oder symbolische Trennung und ein besonderes Ehrgefühl definiert wird. Die physische Trennung der Frauen beruht in diesen Fällen auf nicht-islamischen Faktoren, wird jedoch von islamischen Geistlichen mit dem Gebot zu einer rituellen Segregation gerechtfertigt. Die räumliche Beschränkung der Frauen auf den häuslichen Bereich mit dem Zwang zur Verhüllung, wenn sie das Haus verlassen, besteht in Afrika teilweise in Ländern nördlich der Sahara und innerhalb den schwarzafrikanischen Ländern vor allem im Norden Nigerias und auf Sansibar. Für Nordnigeria wurde die ab dem 15. Jahrhundert eingeführte und im 19. Jahrhundert zunehmende Abschottung der Frauen teilweise als antikolonialer Widerstand gedeutet, weil so den Steuern eintreibenden Kolonialverwaltern der Zugang zu den Gehöften verwehrt werden konnte. Die strikteste Form von Seklusion betreiben Frauen aus wohlhabenden Oberschichtsfamilien.

Die wenigen Frauen in Afrika, die einen Niqab tragen, sind fast nur in arabischen Kulturen anzutreffen. Eine häufig geäußerte Vorstellung der Trägerinnen einer den ganzen Körper und das Gesicht bedeckenden Umhüllung ist, dass sie damit über einen individuellen Raum verfügen, quasi vom häuslichen Frauenbereich auch auf der Straße umgeben sind und so ihren Aktionsradius erweitern können. Die äußere Umgebung wird zu einem unreinen und gefährlichen Raum erklärt, in dem die vorislamische Zeit der Dschāhiliyya noch besteht. Die eigene Position kann durch Abgrenzung moralisch erhöht werden.

Demgegenüber konnte sich in der patriarchalen und praktisch zu 100 Prozent islamisierten Gesellschaft der Afar, die im Nordosten Äthiopiens überwiegend nomadische Weidewirtschaft betreiben, keine islamische Kleiderordnung durchsetzen. Afar-Frauen tragen lange braune Röcke und bedecken die Brust mit einem bunten T-Shirt oder gelegentlich nur mit Perlenketten.

Es gab Zeiten, als Frauen selbstverständlich ebenso wie Männer islamische Bildung genossen. Der Sufi-Gelehrte (und Stadtpatron von Algier) Sidi Abdarrahman (um 1384–1469) soll 1000 Schüler vormittags und 1000 Schülerinnen nachmittags in islamischem Recht und in Mystik unterrichtet haben. Abgesehen von der zu Ehren des Heiligen übertriebenen Zahl entspricht das in der Praxis der von Mohammed überlieferten Einstellung zur Bildung von Frauen und verallgemeinert das Beispiel der reichen Kaufmannstochter Fatima Al-Fihri, die ihr Geld gab, um 859 die Universität Al-Qarawiyyin in Fès zu gründen.

Im Mittelalter wurden Frauen und Männer in viele Sufi-Orden unterschiedslos aufgenommen. Nur beim von Sidi Muhammad ibn Isa (1465–1523) gegründeten Iswaiyya-Orden kann als Besonderheit erwähnt werden, dass dieser heute in Marokko Frauen in dieselben Grade initiiert wie Männer. Wobei sich dieser Orden mit seiner Ritualpraxis weit vom orthodoxen Islam entfernt hat: Der durch diverse übermenschliche Fähigkeiten bekannt gewordene Gründer rief einen Orden ins Leben, dessen Anhänger als Fakire und Feuerschlucker auftreten.

Frauen verfügen allgemein über weniger Entfaltungsmöglichkeiten bei der Teilnahme am islamischen Ritus. Für Ägypten traf Trimingham daher die pauschale Feststellung, dass die Männer freitags in der Moschee, die Frauen hingegen bei den Heiligengräbern zu finden seien. Wenn auch diese Aufteilung nur teilweise zutrifft, so gibt es doch neben der angesprochenen Heiligenverehrung des Sufismus bestimmte, aus der animistischen Tradition stammende Kulte innerhalb des Volksislam, die sich zu Rückzugsräumen speziell für Frauen entwickelt haben. Hierzu zählen die Besessenheitskulte Zar in Sudan (oben erwähnt), Bori in Nigeria, Pepo in Tansania oder die Hauka-Geister der Songhai. Heilerinnen, die diese Rituale praktizieren, sind in der Regel weiblich, ebenso die vom Geist Besessenen und das Publikum bei den Veranstaltungen. Bei allen Kulten geht es nicht darum, den Geist auszutreiben, sondern lediglich die Kontrolle über ihn zu erlangen, damit er zur Heilung von psychischen Problemen eingesetzt werden kann. Die Betroffenen entstammen zumeist einer sozial benachteiligten Schicht. Damit sind Frauen gemeint, die von der Teilnahme an den orthodox-islamischen Riten ausgeschlossen sind, ebenso wie Schwarzafrikaner, die es in den Maghreb-Ländern als Bürger zweiter Klasse mit einem Dīwān-Geist zu tun haben. Geisterbesitz ist kein Symptom einer ganzen Gesellschaft, sondern nur von einem begrenzten Kreis, ist aber ein Faktor im allgemeinen religiösen Bewußtsein.

Der Missions-Dschihad von Usman dan Fodio führte Anfang des 19. Jahrhunderts zur Gründung des Sokoto-Kalifats. Zweiter Sultan des Kalifats wurde nach Niederschlagung einiger Aufstände der Sohn Usmans, Muhammad Bello (regierte 1815–1837). Die Schari’a-Gesetze wurden streng überwacht, der Bori-Kult städtischer Frauen gerade noch geduldet, die alte Hausa-Kultur wurde ansonsten, so gut es ging, zerstört. Usmans Tochter Nana Asma’u (1793–1864) wird wegen ihrer Rolle beim Aufbau von Bildungseinrichtungen erwähnt. Sie entwickelte eine Pädagogik für Frauen, trug zur Verbreitung der religiösen Reformen ihres Vaters bei, hielt daneben aber Bori-Praktiken zur Lösung von Alltagsproblemen für geeignet. Auf Asma’u berufen sich ab der Mitte des 20. Jahrhunderts gegründete islamischen Frauenorganisationen in Nigeria: Die erste Frauengruppe war der in den 1950er Jahren gebildete National Council of Women’s Societies, 1965 folgte die Muslim Sisters Organization und als wichtigste die beiden Organisationen Women in Nigeria (1982) und Federation of Muslim Women’s Association (FOMWAN). In ihrer ersten Erklärung rief FOMWAN 1985 zur Einführung von Schari’a-Gerichten auf, verlangte Frauenrechte am Arbeitsplatz und die Zurückweisung von IMF-Krediten.

Es lassen sich zahlreiche Beispiele einflussreicher Frauen im Islam in Afrika aufführen, die wenig miteinander zu tun haben. Ibn Arabi wurde von zwei Frauen unterrichtet, von der alten Asketin Schams Umm al-Fuqara und mehrere Jahre von der über 90-jährigen Munah Fatima bint Ibn al-Muthanna. In Sudan verkündete 1951 Mahmud Muhammad Taha ein politisch-religiöses Reformkonzept, das neben den Republikanischen Brüdern auch von der Parallelorganisation, den Republikanischen Schwestern machtvoll verbreitet wurde. In den 1980er Jahren waren daraus in Sudan sozialistische Feministinnen entstanden. Religiöse Frauen waren als einzige Gemeinsamkeit allgemein angesehen und wurden posthum verehrt; in vielen Fällen wurde aber deutlich, dass sie sich in einer Männerdomäne bewegten und entsprechend angleichen mussten.

Frauen übernahmen häufig informelle Rollen, eher selten übten sie als weibliche Sheikhs Führungsaufgaben aus. Eine bekannte Ausnahme ist die frühere Sklavin Mtumwa bint Ali († 1958), die ihre Jugend auf Sansibar verbrachte, dort in den Quadiriyya-Orden aufgenommen wurde und später in der |Zentralregion von Malawi die führende Gelehrte wurde. Sie initiierte Männer und Frauen in den Orden. In Senegal erbte Sokhna Magat Diop die Führung eines Zweigs der Muridiyya von ihrem Vater, der 1943 starb. Obwohl sie als Autorität anerkannt war und den Orden auf dem traditionellen Weg weiterführte, trat sie selten in Erscheinung. Öffentliche Reden überließ sie meist ihrem Sohn.

In Legenden des islamischen Volksglaubens besteht ein natürliches Verhältnis zu heiligen Frauen. Im marokkanischen Ort Taghia (Region Tadla-Azilal) wird der mit etwa 130 Jahren um 1177 verstorbene Heilige Mulay Bu 'Azza verehrt. Er war ein einfacher Hirte aus den Bergen, hatte nie lesen und schreiben gelernt, reiste als Derwisch umher und vermochte gefürchtete Löwen zu zähmen. In der Legende wurde Lalla Mimuna, ebenfalls eine Heilige, seine Frau. Sie war des Arabischen nicht mächtig und konnte sich nicht einmal einfachste Gebetsformeln merken. Als Rest eines vor-islamischen Brauchtums wird sie zusammen mit Bu 'Azza, einem Esel, einer Schlange und einem Löwen verehrt. An das Grab des Sufi-Heiligen Sidi Abu l-'Abbas es Sabti (1130–1205) in Marrakesch, Patron der Armen und Blinden, kommen täglich viele Pilger. Schwarz verhüllte Frauen sagen durch Bleigießen und mit von dem Heiligen verfassten magischen Tafeln die Zukunft voraus.

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Source : Wikipedia