Frank-Walter Steinmeier

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Geschrieben von daneel 19/03/2009 @ 01:14

Tags : frank-walter steinmeier, auswärtiges amt, bundesregierung, politik

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Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier (2008)

Frank-Walter Steinmeier (* 5. Januar 1956 in Detmold) ist ein deutscher Politiker (SPD) und seit 2005 Bundesminister des Auswärtigen im Kabinett Merkel sowie seit 2007 auch Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Von 1999 bis 2005 war er Chef des Bundeskanzleramtes unter Gerhard Schröder.

Seit Oktober 2007 ist Steinmeier einer der drei stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD. Im Oktober 2008 wurde Steinmeier zum SPD-Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gewählt.

Steinmeier wurde 1956 als Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin geboren und wuchs in der heute zur Stadt Schieder-Schwalenberg gehörenden lippischen Gemeinde Brakelsiek auf. Nach dem Abitur 1974 in Blomberg leistete er zunächst den Wehrdienst ab und begann 1976 ein Studium der Rechtswissenschaft und ab 1980 der Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Während seiner Studienzeit gehörte er gemeinsam mit Brigitte Zypries zur Redaktion der linken Quartalszeitschrift „Demokratie und Recht“ (DuR) des von der DDR unterstützten Pahl-Rugenstein-Verlags, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

1982 bestand Steinmeier das erste juristische, 1986 das zweite juristische Staatsexamen. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Universität Gießen tätig. 1991 wurde er zum Dr. jur. mit der Arbeit „Bürger ohne Obdach – zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ promoviert.

1991 trat er als Referent für Medienrecht und Medienpolitik in die niedersächsische Staatskanzlei ein. 1993 übernahm er hier die Leitung des persönlichen Büros von Ministerpräsident Gerhard Schröder, wurde dann 1994 Leiter der Abteilung für Richtlinien der Politik, Ressortkoordinierung und -planung.

Steinmeier ist seit 1995 mit einer Verwaltungsrichterin, die er seit dem gemeinsamen Jurastudium kennt, verheiratet und hat eine Tochter. Er gehört der evangelischen Kirche an und wohnt in Berlin-Zehlendorf.

Von 1993 bis 1994 war Steinmeier Leiter des persönlichen Büros des niedersächsischen Ministerpräsidenten, danach Ressortkoordinator. 1996 wurde er zum Staatssekretär und Leiter der niedersächsischen Staatskanzlei ernannt.

Im Anschluss an die Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler im Jahr 1998 folgte ihm Steinmeier nach Bonn und wurde im November 1998 zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Beauftragten für die Nachrichtendienste berufen.

Er gehörte dem Steuerungskreis zur Umsetzung der Hartz-Reformen an und war an der Vorziehung der Steuerreform 2003 beteiligt.

In seiner Funktion als Kanzleramtschef saß Steinmeier dem sogenannten "Steinmeier-Kreis" vor, dem außerdem Schröders Büroleiterin Sigrid Krampitz, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Regierungssprecher Bela Anda, Thomas Steg, der Planungschef Henry Cordes sowie der Kommunikationsberater des Kanzlers Reinhard Hesse angehörten. Hier wurden unter Steinmeiers maßgeblicher Mitwirkung politische Lagebeurteilungen erstellt sowie politische Reaktionsmuster und Strategieentwürfe für die Regierung Schröder erarbeitet.

Steinmeier gilt als durchsetzungsfähiger Pragmatiker. Bereits in den sechs Jahren als Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator sammelte er außenpolitische Erfahrungen, da er hier über die politische Weltlage unterrichtet wurde. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 war er im Krisenstab mit Kanzler, Außen-, Innen- und Verteidigungsminister eingebunden. Steinmeier leitete lange Jahre die sogenannte Staatssekretärsrunde, in der die Themen des Bundeskabinetts besprochen wurden, zum Beispiel die Auslandseinsätze der Bundeswehr. In der Staatssekretärsrunde für Europafragen gab er als Kanzleramtschef oft den entscheidenden Ausschlag in der Abstimmung zwischen konkurrierenden Ressorts.

Am 22. November 2005 wurde Steinmeier als Bundesminister des Auswärtigen in die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geführte Bundesregierung berufen. Für die Öffentlichkeit kam Steinmeiers Ernennung überraschend, da er bis dahin vorwiegend als Vertrauter Schröders bekannt war. Seine Ernennung zum Außenminister löste in Fachkreisen großteils positive Reaktionen aus, so auch seitens Hans-Dietrich Genschers. Steinmeier war im ersten Halbjahr 2007 Präsident des Rats der Europäischen Union.

Nach dem Rücktritt Franz Münteferings vom Posten des Vizekanzlers und Arbeitsministers wurde Steinmeier am 21. November 2007 zu dessen Nachfolger als Vizekanzler ernannt.

Schon als Schüler wurde Steinmeier Mitglied der Jungsozialisten, im November 1975 trat er in die SPD ein. Er übernahm jedoch in seiner Zeit als Referent und auch als Chef des Bundeskanzleramts weder Parteifunktionen noch Parlamentsmandate. Auf dem SPD-Parteitag Ende Oktober 2007 in Hamburg wurde er mit 85,5 Prozent Befürwortung unter den Stimmen auf den Posten eines der drei stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. In dieser Funktion führte er im September und Oktober 2008 das Amt des Vorsitzenden nach dem Rücktritt von Kurt Beck bis zum Sonderparteitag zur Neuwahl des neuen Vorsitzenden Franz Müntefering kommissarisch aus.

Für die Bundestagswahl 2009 strebt Steinmeier ein eigenes Bundestagsmandat an. Er wird hierzu im Bundestagswahlkreis Brandenburg an der Havel - Potsdam-Mittelmark I - Havelland III - Teltow-Fläming I antreten, dazu trat er dem SPD Ortsverein Kirchmöser bei. Dieser Wahlkreis gilt als relativ sicher für die SPD. Am 7. September 2008 beschloss das SPD-Präsidium, Steinmeier als Kanzlerkandidaten vorzuschlagen. Am 18. Oktober 2008 wurde Frank-Walter Steinmeier auf einem SPD-Sonderparteitag in Berlin mit 95,13 Prozent der gültigen Stimmen offiziell zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gewählt.

In der SPD gilt Steinmeier als Verteidiger der Agenda 2010-Gesetze des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder und damit wie etwa auch Franz Müntefering und Peer Steinbrück als Vertreter des konservativeren Seeheimer Kreises.

Im Sommer 2007 befürwortete Steinmeier eine Kanzlerkandidatur von Kurt Beck, den er als Wunschkandidat bezeichnete. Zu Becks Rücktritt im September 2008 erklärte Steinmeier hingegen, dass die SPD einen „Neuanfang“ benötige. Steinmeier schlug Franz Müntefering als neuen Parteivorsitzenden vor und erklärte, Beck habe Steinmeier als neuen geeigneten Kanzlerkandidaten vorgeschlagen.

Nach Auffassung von Steinmeier sei aufgrund der Reformpolitik der SPD die „Wirtschaft in Deutschland so wettbewerbsfähig wie nie zuvor. Darum steigen jetzt auch wieder Löhne und Renten.“, hingegen sei das Programm der Linkspartei ein „sicherer Weg in die Armut“. Steinmeier lehnt einen frühen Bundeswehrabzug aus Afghanistan ab, spricht sich jedoch gegen eine Stationierung von Bundeswehr-Soldaten im Süden Afghanistans aus. Als Hauptverbündete sieht Steinmeier die USA und Frankreich und betont die Rolle der NATO. Innenpolitisch erklärt Steinmeier er befürworte aktuelle SPD-Positionen wie zum Beispiel „Rente mit 67“ und die Ausweitung des Leistungsumfanges der Pflegeversicherung.

Im Fall Murat Kurnaz wird Steinmeier und weiteren Politikern der rot-grünen Bundesregierung (1998 bis 2005) vorgeworfen, eine von US-amerikanischen Stellen angeblich angebotene Überstellung des in Deutschland geborenen und aufgewachsenen türkischen Staatsbürgers Kurnaz aus der Haft auf dem US-amerikanischen Militär-Stützpunktes Guantanamo Bay Naval Base auf Kuba nicht angenommen zu haben, weswegen sich der sogenannte BND-Untersuchungsausschuss einschaltete.

Der Untersuchungsausschuss geht auch der Frage nach, ob die Regierung Schröder 2003 trotz ihrer Ablehnung des Irak-Kriegs diesen durch eine Kooperation des Bundesnachrichtendiensts (BND) mit amerikanischen Stellen unterstützt hat. Der damalige Geheimdienstkoordinator Steinmeier wurde auch wegen dieses Themas bereits mehrfach als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss geladen. Einige führende US-Generäle sagten im Dezember 2008, dass BND-Informationen entscheidend für den Kriegsverlauf gewesen seien. Oppositions- und auch Unionspolitiker im Untersuchungsausschuss sehen den Verdacht der wesentlichen Kooperation des BND als erhärtet an, Steinmeier hingegen sieht dies als Fehlinformation an.

Am 12. November 2007 nahm Steinmeier gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Bernard Kouchner und dem türkischen Sänger Muhabbet einen Song auf, mit dem für Integration und gegen Gewalt geworben werden sollte. Bald darauf wurde in den Medien berichtet, daß Muhabbet in seinen frühen Texten nicht nur Kriminalität und Gewalt verherrlicht habe, sondern auch ein Islamist sei, der den Mord an Theo van Gogh - gegenüber der TV-Journalistin Esther Schapira - verteidigt habe.

Da sowohl Frank-Walter Steinmeier als auch Gerhard Schröder gebürtig aus dem Lipperland stammen, kommt bei der Bundestagswahl 2009 der SPD-Kanzlerkandidat zum vierten Mal nacheinander aus Lippe.

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Auswärtiges Amt

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Das Auswärtige Amt (abgekürzt AA) ist der traditionelle und amtliche Name für das deutsche Außenministerium. Es ist zuständig für die Außenpolitik sowie die deutsche EU-Politik. Leiter des Auswärtigen Amtes ist heute der Bundesminister des Auswärtigen.

Das Auswärtige Amt bildet gemeinsam mit den Auslandsvertretungen des Bundes den sogenannten Auswärtigen Dienst (§ 2 des Gesetzes über den Auswärtigen Dienst); er nimmt die auswärtigen Angelegenheiten des Bundes wahr, indem er die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu auswärtigen Staaten sowie zwischenstaatlichen und überstaatlichen Einrichtungen, den Internationalen Organisationen, pflegt. Zu den sichtbaren Ansätzen der „Pflege der auswärtigen Beziehungen“ in den vergangenen Jahren zählt die Bewerbung Deutschlands um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Zuge eines globalen VN-Reformpaketes des Jahres 2005, dem die erforderliche qualifizierte Mehrheit in der Generalversammlung der Vereinten Nationen bis dato versagt geblieben ist.

Das Auswärtige Amt veröffentlicht auf seiner offiziellen Website Informationen über die Außenpolitik Deutschlands, sowie umfangreiche Informationen zu allen Staaten der Welt. Es arbeitet damit als Behörde, die dem Bürger direkt zugänglich ist. Seinen ersten Dienstsitz hat es im historischen Zentrum Berlins, am Werderschen Markt, unweit des abgerissenen früheren DDR-Außenministeriums. Der große Altbau war seit 1940 Sitz der Reichsbank, ab 1959 des Zentralkomitees der SED. Der Zweitsitz ist in der Adenauerallee der Bundesstadt Bonn.

Amtsinhaber und damit Bundesaußenminister ist seit 2005 Frank-Walter Steinmeier (SPD) (siehe auch Bundesregierung).

Neben der Zentrale des Auswärtigen Amts in Berlin und Bonn gibt es deutsche Auslandsvertretungen in den meisten Hauptstädten der Welt sowie in größeren Städten der Länder. Aufgabe der Zentrale ist es, als „zentrale Schaltstelle der deutschen Diplomatie, in der außenpolitische Analysen und Konzeptionen sowie konkrete Handlungsanweisungen für die deutschen Auslandsvertretungen erarbeitet werden“, zu fungieren. Die Auslandsvertretungen – also Botschaften, Ständige Vertretungen und Konsulate – werden dort als „Augen, Ohren und Stimme“ der Bundesregierung bezeichnet.

Heute unterhält das Auswärtige Amt 226 Auslandsvertretungen, darunter 145 Botschaften, 59 Generalkonsulate, zwölf Ständige Vertretungen (bei Internationalen Organisationen) und zehn sonstige Auslandsvertretungen (acht Außenstellen und zwei Vertretungsbüros). Des Weiteren werden drei Informationszentren unter der Bezeichnung „German Information Center (GIC)“ mit der Aufgabe, sprach- und regionalspezifische Informationen über Deutschland zu vermitteln, unterhalten. Das größte GIC befindet sich seit 2003 in Washington (vorher in New York). Im arabisch-sprachigen Raum ist ein GIC in Kairo tätig und für die französisch-sprachigen Gebiete wurde das GIC/CIDAL in Paris errichtet. Zusätzlich sind 356 Honorarkonsuln ehrenamtlich im Auftrag des Auswärtigen Amts tätig.

Die Berufung in die Spitzenpositionen an den Auslandsvertretungen geriet seit Ende der neunziger Jahre mehrfach in die Kritik. Die Vorwürfe richten sich gegen angebliche Parteibuchwirtschaft und Günstlingswirtschaft. Das Auswärtige Amt hält sich unter Verweis auf die Persönlichkeitsrechte seiner Bediensteten mit Stellungnahmen zu solchen Behauptungen zurück.

Die in Bonn untergebrachten Arbeitseinheiten haben weniger Aufgaben im diplomatischen Bereich, sondern sind insbesondere für den geregelten Betrieb der Informationstechnik zuständig. Das Netz streckt sich von der Strecke Bonn–Berlin zu jeder einzelnen Auslandsvertretung (AV) durch ein VPN.

Die Personalpolitik des Auswärtigen Amtes wird als zu wenig transparent kritisiert, insbesondere nachdem das Auswärtige Amt nach dem Überfall auf die Deutsche Botschaft Stockholm im Jahre 1975 und die Ermordung des AA-Diplomaten Gerold von Braunmühl 1986 durch Terror-Kommandos der RAF die Veröffentlichung der Besetzung seiner Auslandsvertretungen und Führungspositionen in der Zentrale zum Schutze der Amtsträger einstellte. Die in anderen Staaten gepflegte, jährliche Veröffentlichung eines „Annuaire Diplomatique“ (Diplomatischen Jahrbuchs) mit den Stationen der Karriere jedes einzelnen Diplomaten des betreffenden Landes bietet dagegen ein höheres Maß an öffentlicher Kontrolle über die mögliche Entstehung von Seilschaften in der Personalverwaltung.

Bei der Bekämpfung der Korruption ist das Auswärtige Amt führend unter den obersten Bundesbehörden.

Der Auswärtige Dienst wird seit 2006 von einer hohen Zahl von Konkurrentenklagen erschüttert, die zu einer Modifikation des beamtenrechtlichen Beurteilungsverfahrens geführt hat. Seit dem Jahr 2008 werden die Leistungen nicht mehr in den Fachabteilungen und an den Auslandsvertretungen, sondern zentral von den personalführenden Verwaltungsreferaten benotet. Das Verfahren wurde eingeführt, um die Entscheidungen der Personalverwaltung der gerichtlichen Kontrolle nunmehr zu entziehen.

Die Entstehung des Auswärtigen Amtes ist auf das 1807 errichtete „Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten“ Preußens zurückzuführen, das 1871 zum „Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches“ umbenannt wurde. Der neue Gründungsprozess des Auswärtigen Amtes als Behörde des Norddeutschen Bunds vollzog sich bereits 1870. Die Behörde wurde von einem Staatssekretär geleitet, ebenso wie später das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches. Minister gab es im Reich erst seit 1919. Bis heute hat sich die Bezeichnung erhalten, obgleich das „Auswärtige Amt“ ein Bundesministerium wie die anderen darstellt. Die Bezeichnung wird aus Tradition weitergeführt.

Im Kaiserreich war das Auswärtige Amt ein Reichsamt, das sich federführend um die Außenpolitik kümmerte. Es entstand 1871 nach der Gründung des Kaiserreiches und hatte seinen Sitz in der Berliner Wilhelmstraße 76.

Das Reich übernahm das Auswärtige Amt vom Norddeutschen Bund in unveränderter Form als Reichsbehörde, die von einem Staatssekretär geleitet wurde. Obwohl das Auswärtige Amt nun als Behörde einer gesamtdeutschen Außenpolitik fungierte, behielten die deutschen Bundesstaaten ein beachtliches Maß an Eigenständigkeit in ihrer jeweils eigenen Außenpolitik. Otto von Bismarck prägte mit seiner Außenpolitik den weltweit guten Ruf dieses Amtes, durch seine Bündnispolitik wurde das Auswärtige Amt zu einer der meistbeachteten Behörden Deutschlands. Obwohl nach Bismarcks Entlassung unter Wilhelm II. die meisten außenpolitischen Entscheidungen vom Kaiser selbst getroffen wurden, behielt das Auswärtige Amt die Schlüsselfunktion in der Deutschen Diplomatie und stellte sogar eine gewisse Opposition gegen Wilhelms Zickzackkurs in der Außenpolitik dar.

Im Auswärtigen Amt gab es zunächst zwei Abteilungen, welche den beiden streng getrennten Laufbahnen Diplomat und Konsul entsprachen.

Die erste Abteilung war die politische, die sich mit den Angelegenheiten der höheren Politik, Personalien, Generalia, Zeremonien, Ordenssachen, Etats, Kassensachen, Angelegenheiten der Schulen und Kirchen etc. beschäftigte. Leiter dieser Abteilung war ein Staatssekretär, der zugleich als ständiger Vertreter des Reichskanzlers im Auswärtigen Amt fungierte. Der Reichskanzler besaß die oberste Verantwortlichkeit in außenpolitischen Belangen, weswegen der Staatssekretär ihm gegenüber weisungsgebunden war. Stellvertreter des Staatssekretärs war wiederum ein Unterstaatssekretär.

Die zweite Abteilung war für die Bearbeitung der Angelegenheiten des Handels, Verkehrs, Konsulatswesens, Staatsrechts, Zivilrechts, der Kunst und Wissenschaft, der Privatangelegenheiten Deutscher im Ausland und der Gegenstände, die das Justiz-, Polizei- und Postwesen, die Auswanderung, die Schiffsangelegenheiten, die Grenzsachen und Ausgleichungen mit fremden Staaten etc. betrafen, zuständig. Sie war dem Direktor des Auswärtigen Amtes unterstellt.

1885 verlor die zweite Abteilung die Zuständigkeit für Rechtssachen, da eine neue Abteilung III als Rechtsabteilung aus der Taufe gehoben wurde. Fünf Jahre später folgte eine eigene Kolonialabteilung, die 1907 zum Reichskolonialamt wurde. Des Weiteren schuf man 1915 im Ersten Weltkrieg eine Abteilung IV, welche die Funktion einer Nachrichtenabteilung übernahm.

In der Weimarer Republik hatte das Auswärtige Amt den Status eines Reichsministeriums. Ihm stand ein Reichsminister vor. Es ging 1919 aus dem Auswärtigen Amt des Kaiserreichs hervor, das lediglich eine Reichsbehörde war, deren Staatssekretär gegenüber dem Reichskanzler weisungsgebunden war. Zudem besaß das Reich nun die Alleinverantwortlichkeit für die Außenpolitik. Der Name der Behörde („Amt“) wurde jedoch aus positiver Tradition beibehalten. Besonders Gustav Stresemann prägte den Charakter der deutschen Außenpolitik in der Weimarer Republik und setzte Bismarcks Tradition in großen Teilen fort.

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten war das Auswärtige Amt der Gleichschaltungspolitik der NSDAP ausgesetzt, ebenso wie alle anderen Reichsministerien.

Es gingen aber auch aus dem Auswärtigen Dienst Widerstandskämpfer hervor, wie Rudolf von Scheliha, Ilse Stöbe, Adam von Trott zu Solz und Ulrich von Hassell.

Am 31. März 1933 wurde offiziell das von Alfred Rosenberg geleitete Außenpolitische Amt der NSDAP (APA) in Konkurrenz zum Auswärtigen Amt gegründet, um das vorhandene „traditionell-konservative Instrumentarium“ der Außenpolitik durch ein „revolutionäres“ zu ersetzen. Das APA diente mit Blick auf das AA vor allem dem Zweck, die offiziellen diplomatischen Stellen zu umgehen. Nach Rosenbergs Wunsch, sollte das AA vom APA aus gleichgeschaltet und reorganisiert werden. Da gerade das AA als ein Zentrum des konservativen Widerstandes gegen die neuen Machthaber galt, wurde es dementsprechend bespitzelt. Am 15. Mai 1934 schrieb Rosenberg in sein Tagebuch, dass Adolf Hitler ihm gesagt habe, dass er das AA als „eine Verschwörergesellschaft“ betrachte, die erst nach dem Tod von Paul von Hindenburg unter seine Kontrolle gebracht werden könne.

In der Nachfolgezeit wurde in der Reichsleitung der NSDAP eine „Ortsgruppe Auswärtiges Amt“ gebildet. Ab etwa Herbst 1935 bestand die Aufgabe dieser Ortsgruppe darin, „Einfluss auf Ernennungen zu nehmen“ sowie „eine geheime Kontrolle über die Angehörigen von Botschaften und Konsulaten auszuüben“.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden eine Reihe von führenden Mitgliedern des Auswärtigen Amts im so genannten Wilhelmstraßen-Prozess angeklagt.

In der DDR vertrat von 1949 bis 1990 das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Ost-Berlin die Außenpolitik der dortigen Regierung.

In Westdeutschland verging nach dem Zweiten Weltkrieg einige Zeit, bis 1951 in der Bundesrepublik Deutschland die Wiedereinrichtung des Auswärtigen Amtes erfolgte, zumal ihr von 1949 bis 1955 zwar ein „größtmögliches Maß an Selbstregierung“ zugesprochen wurde, aber sie immer noch unter dem alliierten Besatzungsstatut stand und erst 1955 ihre innerstaatliche Souveränität wiedererlangte. Zuvor lag eine Notwendigkeit eines solchen Amtes nicht vor.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und der Zurückerlangung der außenpolitischen Souveränität 1951 wurde das Amt am 15. März 1951 in der neuen Bundeshauptstadt Bonn wieder eingerichtet und behielt den Namen. Damit bekannte sich die Behörde in der Bundesrepublik – als mit dem Deutschen Reich identischer Staat – eindeutig zu ihrer Tradition und Kontinuität bis hin zu Bismarck. 1955 zog das Auswärtige Amt in einen architektonisch schlichten Neubau am Rande des künftigen Regierungsviertels. Das Gebäude war eines der ersten Ministeriumsneubauten in Bonn und zum Eröffnungszeitpunkt der größte Verwaltungskomplex in Deutschland.

Federführend beim Wiederaufbau des Auswärtigen Dienstes agierten Beamte, die bereits in der Zeit des Nationalsozialismus im Außenministerium beschäftigt waren. Der Umfang des Einflusses ehemaliger NSDAP-Mitglieder und in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickte Diplomaten ist Gegenstand der Untersuchung durch eine im Jahre 2005 eingesetzte internationale Historikerkommission; vorläufigen Schätzungen zufolge sollen im Jahr 1952 zwei Drittel der leitenden Beamten und vier Fünftel der Referatsleiter ehemalige Mitglieder der NSDAP gewesen sein. Gegebenenfalls beschäftigte damit das AA während der 1950er-Jahre mehr frühere NSDAP-Mitglieder als zu Zeiten des „Dritten Reichs“ selbst. So wurde z. B. 1953 der Jurist und Diplomat Otto Bräutigam als Leiter der Ostabteilung im AA wiedereingestellt. Bräutigam, der zwischen 1941 und 1945 „Abteilungsleiter Allgemeine Politik im Ostministerium“ von Alfred Rosenberg gewesen ist, schrieb am 18. Dezember 1941 zustimmend: „In der Judenfrage dürfte inzwischen durch mündliche Besprechung Klarheit geschaffen sein“, womit der Gesamtplan zur Judenvernichtung in Europa gemeint war.

Bei den Koalitionsregierungen der Bundesrepublik Deutschland seit 1966 wurde der Außenminister vom jeweils kleineren Koalitionspartner gestellt und bekleidete dabei gleichzeitig das Amt des Vizekanzlers, mit der Ausnahme der Vizekanzlerschaften von Jürgen Möllemann und Franz Müntefering.

Im Jahre 1991 erhielt die deutsche Diplomatie mit dem Gesetz für den Auswärtigen Dienst eine eigene rechtliche Grundlage.

In den Jahren 1992 und 1993 hatte der Auswärtige Dienst etwa 8000 bis 9000 Angehörige, wobei rund 1600 dem höheren Dienst angehörten. Etwa ein Drittel davon arbeitete im Auswärtigen Amt, der Rest an den zu diesem Zeitpunkt vorhandenen 237 diplomatischen und konsularischen Vertretungen im Ausland.

1999 verlegte das Auswärtige Amt seinen ersten Dienstsitz nach Berlin, wo es die Räume des ehemaligen Zentralkomitees der SED im Haus am Werderschen Markt, dem früheren Erweiterungsbau der Reichsbank (die unmittelbar danebengelegene Reichsbank wurde bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg restlos zerstört), bezog sowie einen Neubau errichten ließ. Im Bonner Gebäude wurde ein Zweitsitz behalten, in dem nach wie vor über 450 Mitarbeiter beschäftigt sind.

2 Die Ausübung des Amtes erfolgte bis zum 17. Mai 1886 kommissarisch.

2 Lothar de Maizière übte das Amt nach dem Rückzug der SPD (und mit ihr Markus Meckels) aus der Regierung kommissarisch und in Personalunion mit dem Ministerpräsidenten der DDR aus.

Zwei Bundeskanzler übten das Amt in Personalunion aus, Konrad Adenauer als erster Außenminister der Bundesrepublik Deutschland und Helmut Schmidt, nachdem sich die FDP aus Koalition und Kabinett zurückgezogen hatte. Hans-Dietrich Genscher bekleidete es sowohl unter einer SPD- als auch unter einer CDU-Kanzlerschaft.

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Angela Merkel

Angela Merkel (2008)

Angela Dorothea Merkel (geborene Kasner; * 17. Juli 1954 in Hamburg) ist eine deutsche Politikerin. Seit dem 22. November 2005 ist sie deutsche Bundeskanzlerin und seit April 2000 Bundesvorsitzende der CDU.

Von 1990 bis 1994 war Merkel Bundesministerin für Frauen und Jugend und von 1994 bis 1998 als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett Kohl. Von 1998 bis 2000 amtierte sie als Generalsekretärin der CDU.

Angela Merkel wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg als erstes Kind von Horst Kasner (* 6. August 1926 in Berlin-Pankow) und Herlind, geb. Jentzsch (* 8. Juli 1928 in Danzig) geboren. Horst Kasner hatte zunächst in Heidelberg und anschließend in Hamburg Theologie studiert, seine Frau war Lehrerin für Latein und Englisch.

Noch 1954, einige Wochen nach der Geburt der Tochter, siedelte die Familie Kasner von Hamburg in die DDR über. Für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg trat Kasner eine Pfarrerstelle im Dorf Quitzow (heute zirka 350 Einwohner), einem heutigen Ortsteil von Perleberg, an. Die Familie wohnte im dortigen Pfarrhaus.

Drei Jahre später, 1957, wechselte Horst Kasner dauerhaft in die uckermärkische Kreisstadt Templin. Dort beteiligte er sich am Aufbau einer innerkirchlichen Weiterbildungsstelle. Am 7. Juli 1957 wurde Angelas Bruder Marcus Kasner geboren, am 19. August 1964 ihre Schwester Irene.

Horst Kasner arbeitete in Templin nicht mehr als Gemeindepfarrer, sondern als langjähriger Leiter des Pastoralkollegs – eine wichtige Position innerhalb der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Kasner galt als ein Kirchenmann, der nicht in Opposition zur DDR-Regierung und zur Kirchenpolitik der SED stand. Er war Mitglied im Weißenseer Arbeitskreis und galt aus Sicht der Staatsführung als eine der „progressiven“ Kräfte innerhalb der Kirche. Die Kasners hatten gewisse Privilegien, wie Westreisen, allerdings wurde Herlind Kasner die Tätigkeit im DDR-Schuldienst verwehrt. Die Lehrerin nutzte ihre Zeit für die Betreuung der eigenen Kinder, daher besuchte Angela Kasner weder Kinderkrippe noch Hort.

1961 wurde Angela Kasner an der Polytechnischen Oberschule (POS) in Templin eingeschult.

Als Schulkind und Jugendliche wird sie von Lehrern und Mitschülern als eher unauffällig, jedoch sozial gut integriert beschrieben. Auffallend waren ihre herausragenden schulischen Leistungen, insbesondere in Russisch und Mathematik. Angela Kasner nahm nicht an der Jugendweihe ihres Jahrgangs teil, stattdessen wurde sie am 3. Mai 1970 in der St.-Maria-Magdalenen-Kirche in Templin konfirmiert. Sie legte 1973 ihr Abitur (Notendurchschnitt: 1,0) an der Erweiterten Oberschule (EOS) in Templin ab.

Angela Kasner war Mitglied der Pionierorganisation Ernst Thälmann und der Freien Deutschen Jugend (FDJ).

Angela Kasner hatte sich bereits während ihrer Schulzeit für das Studium der Physik an der damaligen Karl-Marx-Universität entschieden und zog 1973 nach Leipzig. Sie gehörte nicht zu den opponierenden Kräften innerhalb der DDR, berichtet aber, in diesen Jahren den Autor Reiner Kunze getroffen zu haben, den sie als ihren Lieblingsschriftsteller bezeichnet.

Während ihres Physikstudiums in Leipzig lernte Angela Kasner 1974 bei einem Jugendaustausch mit Physikstudenten in Moskau und Leningrad ihren ersten Mann, den aus dem Vogtland stammenden Physikstudenten Ulrich Merkel, kennen. Am 3. September 1977 wurden die beiden kirchlich in Templin getraut.

Angela Merkels Diplomarbeit aus dem Juni 1978 mit dem Titel Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien wurde mit „sehr gut“ bewertet. Die Arbeit war gleichzeitig auch ein Beitrag zum Forschungsthema Statistische und Chemische Physik von Systemen der Isotopen- und Strahlenforschung im Bereich Statistische und Chemische Physik am Zentralinstitut der Isotopen- und Strahlungsforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW).

Angela Merkel war während ihres Studiums weiterhin in der FDJ aktiv.

Nachdem 1978 eine Bewerbung an der Technischen Hochschule Ilmenau gescheitert war, ging Angela Merkel mit ihrem Mann nach Ost-Berlin. Hier nahm die Diplom-Physikerin eine Stelle am Zentralinstitut für Physikalische Chemie (ZIPC) der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof an. Angela Merkel trennte sich 1981 von ihrem Mann Ulrich Merkel. Die kinderlose Ehe wurde 1982 in Ost-Berlin geschieden. An der Akademie lernte sie 1984 den Chemiker Joachim Sauer kennen, ihren jetzigen Ehemann, den sie 1998 heiratete. Im Jahr 1986 konnte Angela Merkel für mehrere Tage in die Bundesrepublik reisen; für DDR-Bürger war dies in der Regel nur bei vorheriger Prüfung auf prinzipielle Staatstreue möglich.

Am Zentralinstitut arbeiteten rund 650 Personen, davon etwa 350 Wissenschaftler; das Institut war der Akademie der Wissenschaften zugeordnet. Innerhalb des Zentralinstituts für Physikalische Chemie arbeitete Angela Merkel im Bereich Theoretische Chemie. Am 8. Januar 1986 reichte Angela Merkel schließlich ihre Dissertation ein: Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden. Doktorvater war Lutz Zülicke, Leiter der Theoretischen Chemie am ZIPC. Nach der Promotion zum Dr. rer. nat. wechselte Angela Merkel innerhalb des Instituts an den Bereich Analytische Chemie, ihr Abteilungsleiter wurde Klaus Ulbricht.

Merkel war während ihrer Zeit an der Akademie in der FDJ als Kreisleitungsmitglied und Sekretärin für Agitation und Propaganda tätig – sie selbst bezeichnet diese Tätigkeit als „Kulturarbeit“, die ihr laut einem Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1992 Spaß gemacht habe. Darüber hinaus war sie politisch nicht aktiv, weder in der SED oder einer der Blockparteien noch in der sich bildenden DDR-Opposition.

Während der Wende in der DDR im Herbst 1989 zeichnete sich ab, dass sich einerseits im Osten Deutschlands neue, demokratische Parteistrukturen herausbilden würden und dass andererseits die Institute der Akademie der Wissenschaften in ihrer bisherigen Form nicht weiter bestehen würden (tatsächlich wurden sie später zum 31. Dezember 1991 aufgelöst). Zu dieser Zeit begann Merkel beim neu gegründeten Demokratischen Aufbruch (DA) zu arbeiten, zunächst im Dezember 1989 unentgeltlich als provisorische EDV-Administratorin, ab Februar 1990 dann hauptberuflich als Sachbearbeiterin in der persönlichen Arbeitsumgebung des Vorsitzenden Wolfgang Schnur in der Ost-Berliner Geschäftsstelle. Später entwarf sie Flugblätter und rückte schließlich in die Position einer Quasi-Pressesprecherin auf.

Der Merkel-Biograph Gerd Langguth (Lit.) berichtet von zahlreichen Freunden und Bekannten Merkels aus den 1970er und 1980er-Jahren, die sich irritiert darüber äußern, dass sie letztendlich CDU-Politikerin wurde, da einige eine weltanschauliche Nähe zu den Grünen erwarteten. Merkels Mutter war nach der Wiedervereinigung in der SPD aktiv und ihrem Vater wird ebenfalls keine Nähe zur CDU nachgesagt.

Die politische Ausrichtung des Demokratischen Aufbruchs war in seiner Anfangszeit noch starken Veränderungen unterworfen. Zunächst wurde dem DA wie auch den anderen Gruppen der Bürgerbewegungen (Neues Forum, Demokratie Jetzt) eine prinzipiell linke Ausrichtung nachgesagt, bald jedoch wurde eine grundsätzlich ablehnende Haltung zum Sozialismus deutlich. Dies wurde verstärkt, als Anfang 1990 westdeutsche konservative Politiker auf die erste demokratische Volkskammerwahl am 18. März 1990 hinarbeiteten und Volker Rühe als Generalsekretär der westdeutschen CDU am 5. Februar 1990 das Wahlbündnis Allianz für Deutschland konzipierte. Der Demokratische Aufbruch (DA) hatte dort als neu gegründete Bürgerbewegung eine Schlüsselposition inne: Helmut Kohl, damaliger CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler, wollte nicht allein auf die als Blockpartei vorbelastete Ost-CDU oder die der CSU nahestehende Deutsche Soziale Union (DSU) setzen.

Das Ansehen des DA wurde erheblich geschwächt, als wenige Tage vor der Wahl die Tätigkeit des DA-Vorsitzenden Wolfgang Schnur für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) öffentlich bekannt wurde. Es war Merkels Aufgabe, die Pressekonferenz zu leiten, auf welcher der DA-Vorstand seine Betroffenheit über die MfS-Kontakte Schnurs äußerte.

Die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 endete für Angela Merkels Demokratischen Aufbruch (DA) mit einem 0,9-Prozent-Desaster. Dank der unerwarteten 41 Prozent für den Bündnispartner Ost-CDU wurde die gemeinsame Allianz für Deutschland jedoch faktischer Wahlsieger. Unter dem CDU-Spitzenkandidaten Lothar de Maizière entstand innerhalb der folgenden Wochen eine Koalition, bestehend aus der Allianz, den Sozialdemokraten und den Liberalen. Am 12. April wählten die Volkskammerabgeordneten dieser Koalitionspartner Lothar de Maizière zum neuen Ministerpräsidenten der DDR. Im Kabinett de Maizières erhielt Rainer Eppelmann für den DA ein Ministeramt, das Ressort Abrüstung und Verteidigung. Im Zusammenhang mit der „Koalitionsarithmetik“ bei der Verteilung weiterer Posten wurde Angela Merkel stellvertretende Regierungssprecherin der ersten und gleichzeitig letzten frei gewählten Regierung der DDR.

In den Wochen nach der Volkskammerwahl rückte überraschend schnell die Frage der Deutschen Wiedervereinigung in den politischen Mittelpunkt. Angela Merkel begleitete in ihrer neuen Position viele vorbereitende Gespräche, wie die zum Staatsvertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, der am 18. Mai 1990 in Bonn unterzeichnet wurde. Maßgeblicher Verhandlungsleiter auf DDR-Seite war der parlamentarische Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR, Günther Krause, der in den nächsten Monaten ein wichtiger Förderer von Merkel wurde. Am 31. August 1990 wurde schließlich in Bonn durch Krause und den Innenminister der Bundesrepublik, Wolfgang Schäuble, der Einigungsvertrag unterschrieben. Angela Merkel begleitete als stellvertretende Regierungssprecherin Delegationen um Lothar de Maizière auf Auslandsreisen und war auch beim Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages am 12. September 1990 in Moskau anwesend. Zu diesem Zeitpunkt war das nächste wichtige politische Datum bereits festgelegt: Der erste gesamtdeutsche Bundestag sollte am 2. Dezember 1990 gewählt werden.

Das schlechte Abschneiden des Demokratischen Aufbruchs (DA) bei der Volkskammerwahl im März 1990 und die Entwicklung der nächsten Monate führten zu einer Anlehnung des DA an die CDU, die von Angela Merkel mitgetragen wurde. Am 4. August 1990 votierte auf einem Sonderparteitag des DA eine Mehrheit für einen Beitritt zur westdeutschen CDU – nach vorhergehender Fusion mit der Ost-CDU. Merkel war eine der drei Delegierten des DA zum „Vereinigungsparteitag“ der CDU in Hamburg am 1. und 2. Oktober 1990. In einer Rede stellte sie sich dort als ehemalige „Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs“ und als Mitarbeiterin von de Maizière vor. Am Vorabend dieses 38. CDU-Bundesparteitages kam es zu einem ersten von Merkel initiierten persönlichen Gespräch mit Helmut Kohl, dem CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler.

Mit dem 3. Oktober 1990, dem Datum der Wiedervereinigung, endete Angela Merkels Tätigkeit als stellvertretende Regierungssprecherin der DDR. Merkel bekam die Planstelle einer Ministerialrätin (A 16) im Bundespresse- und Informationsamt (BPA). Eine Rückkehr an das Institut, an dem sie zwölf Jahre lang gearbeitet hatte, wäre kaum opportun gewesen, denn die „Abwicklung“ der Akademie der Wissenschaften (AdW) war im Einigungsvertrag festgeschrieben worden. Mit der gesicherten beruflichen Position im BPA im Rücken bewarb sich Angela Merkel um ein Bundestagsmandat. Durch Vermittlung von Günther Krause, dem CDU-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern, kandidierte Merkel als Direktkandidatin im Bundestagswahlkreis Stralsund-Rügen-Grimmen. Gleichzeitig wurde sie als Listenkandidatin auf Platz 6 der Landesliste abgesichert.

Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 gewann Angela Merkel ihren neuen Wahlkreis mit 48,5 Prozent der abgegebenen Erststimmen. Mit der konstituierenden Sitzung am 20. Dezember 1990 wurde sie Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Vom Wahlsieger Helmut Kohl, der sie im November 1990 nochmals zu einem Gespräch in das Kanzleramt nach Bonn eingeladen hatte, wurde sie überraschend für ein Ministeramt in seinem Kabinett nominiert. Das alte Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit wurde dreigeteilt in: das Bundesministerium für Gesundheit (Gerda Hasselfeldt), das Bundesministerium für Familie und Senioren (Hannelore Rönsch) und das Bundesministerium für Frauen und Jugend. Kohls personalpolitische Überlegungen für dieses kleine und kompetenzarme Rest-Ministerium mündeten in eine Entscheidung für Angela Merkel, die am 18. Januar 1991 als Ministerin vereidigt wurde. Als parlamentarischen Staatssekretär wählte sie Peter Hintze. Als beamteter Staatssekretär folgte später noch Willi Hausmann.

Angela Merkel hatte aufgrund ihrer DDR-Biografie nicht die für viele hohe westdeutsche CDU-Mandatsträger übliche Sozialisation, beispielsweise in der Jungen Union, hinter sich. Merkels schneller Quereinstieg innerhalb der Partei war ausschließlich auf die Gunst des Bundeskanzlers gebaut, aus dieser Zeit ist auch die Bezeichnung „Kohls Mädchen“ bekannt. Während ihre späteren innerparteilichen Konkurrenten in Karriere-Netzwerken wie dem „Andenpakt“ organisiert waren, besaß sie zunächst keine eigene Hausmacht in der Partei.

Angela Merkel bemühte sich daher im November 1991 um den CDU-Landesvorsitz in Brandenburg, kassierte jedoch eine Abstimmungsniederlage gegen Ulf Fink. Im Dezember 1991 wurde sie schließlich auf dem CDU-Bundesparteitag in Dresden zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt, in das Amt, das vor ihr Lothar de Maizière innehatte. Nach de Maizières Rückzug und nachdem Günther Krause als Bundesverkehrsminister durch umstrittene Vergaben von Lizenzen für Autobahnraststätten in die Medien gekommen war, besaß Merkel eine der wenigen unbelasteten Ost-Biographien innerhalb der CDU. Nach dem Vorsitz des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) von 1992 bis 1993 bot Krauses Rücktritt, im Mai 1993, für Angela Merkel die Chance, ihre innerparteiliche Position mit einem Landesvorsitz zu stärken. Sie wurde im Juni 1993 CDU-Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern.

Nach der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 wurde Angela Merkel überraschend zur Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl. In ihrem eigenen Wahlkreis erreichte sie 48,6 Prozent der Erststimmen.

Merkels Amtsvorgänger war Klaus Töpfer, der auch außerhalb der CDU anerkannt wurde. Töpfers umweltpolitische Positionen und Forderungen trafen innerhalb des Wirtschaftsflügels der CDU und insbesondere beim Koalitionspartner FDP jedoch auf zunehmenden Widerstand. So kann die Vereidigung Merkels am 17. November 1994 und der Ressortwechsel Töpfers zum Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau parteipolitisch als dessen Entmachtung betrachtet werden. Drei Monate nach Amtsantritt entließ Angela Merkel den langjährigen beamteten Staatssekretär Töpfers, Clemens Stroetmann, und ersetzte ihn durch Erhard Jauck.

Die Bundestagswahl am 27. September 1998 endete für die CDU/CSU und deren Kanzlerkandidaten Helmut Kohl mit einem Debakel. Die Union erzielte mit 35,2 Prozent das schlechteste Ergebnis seit 1949 – erstmals wurde eine amtierende Bundesregierung abgewählt. Angela Merkels Erststimmenanteil sank um 11 Prozentpunkte auf 37,3 Prozent.

Wolfgang Schäuble, Kohls „ewiger Kronprinz“, hatte seit den Jahren 1996/97 immer wieder die „Kandidatenfrage“ thematisiert: Die Frage, welcher CDU-Spitzenpolitiker als Kanzlerkandidat zur Bundestagswahl antreten solle. Er hatte sich gegen Helmut Kohl, den „ewigen Kanzler“, aber nicht durchsetzen können. Bereits vor der Kandidatenwahl hatte Schäuble in Interviews Kritik an der Kohl-Kandidatur erkennen lassen. Auf dem der Wahlniederlage folgenden CDU-Bundesparteitag in Bonn, am 7. November 1998, wurde er schließlich zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt. Auf Vorschlag Schäubles erhielt Angela Merkel das Amt der Generalsekretärin der CDU – eine der wichtigsten Positionen innerhalb der Bundes-CDU in ihrer neuen Rolle als Oppositionspartei ohne Ministerämter. Helmut Kohl wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt, mit Sitz im Präsidium und im Bundesvorstand der Partei.

Die nächsten Monate brachten der CDU einige gute Landtagswahlergebnisse und im Juni 1999, bei der Europawahl, überragende 48,7 Prozent (1994: 38,8 Prozent) für CDU/CSU. Die Neigung der deutschen Wähler, die auf Bundesebene amtierenden Parteien in anderen Wahlen „abzustrafen“, war bereits in der Ära Kohl – unter umgekehrten Vorzeichen – bekannt. Nichtsdestoweniger stützten die guten Wahlergebnisse die öffentliche und innerparteiliche Position der CDU-Generalsekretärin Angela Merkel.

Am 18. Januar 2000 wurde Helmut Kohl vom CDU-Präsidium und Bundesvorstand aufgefordert, seinen Ehrenvorsitz bis zur Nennung der Spender ruhen zu lassen. Kohl reagierte mit seinem Rücktritt vom Ehrenvorsitz. Inzwischen hatte er mit dem amtierenden CDU-Bundesvorsitzenden, Wolfgang Schäuble, eine teilweise öffentlich geführte Auseinandersetzung begonnen. Schäuble selbst war inzwischen durch die Parteispendenaffäre angeschlagen: Er gab am 10. Januar 2000 in einem ARD-Interview zu, Spenden des Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber entgegengenommen zu haben, obwohl er dies noch am 2. Dezember 1999 im Deutschen Bundestag bestritten hatte. Nachdem die damalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister widersprechende Aussagen zu den Details der Geldübergabe abgegeben hatte, war Wolfgang Schäuble als CDU-Bundesvorsitzender nicht mehr zu halten.

Am 16. Februar 2000 erklärte Wolfgang Schäuble vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion seinen Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzender. In den darauf folgenden Wochen war die Partei führungslos und Angela Merkel befand sich als Generalsekretärin in einer Schlüsselposition. In dieser Zeit fanden neun so genannte „Regionalkonferenzen“ statt. Sie waren ursprünglich angesetzt worden, um die CDU-Spendenaffäre mit der Parteibasis zu diskutieren und aufzuarbeiten. Auf diesen lokalen Parteiversammlungen kristallisierte sich eine Unterstützung für Angela Merkel als Schäuble-Nachfolgerin heraus. Merkels später Quereinstieg kam ihr nun zugute: Sie galt in der Öffentlichkeit und bei der Basis als Parteispenden-unbelastet. Frühzeitig sprach sich der niedersächsische Oppositionsführer Christian Wulff für Merkel aus. Volker Rühe, Friedrich Merz und Edmund Stoiber dagegen sollen ihrer Kandidatur kritisch gegenübergestanden haben.

Am 10. April 2000 wurde Angela Merkel auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen mit 897 von 935 gültigen Stimmen zur neuen CDU-Bundesvorsitzenden gewählt. Neuer CDU-Generalsekretär wurde, auf Merkels Vorschlag, Ruprecht Polenz. Den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion übernahm Friedrich Merz. Das neue Führungstrio erlebte am 14. Juli eine erste herbe politische Niederlage: Obwohl die rot-grüne Bundesregierung nicht über die notwendige Mehrheit im Bundesrat verfügte, war es ihr gelungen, in der Abstimmung über die geplante Steuerreform einige Bundesländer mit CDU-Regierungsbeteiligung auf ihre Seite zu ziehen. Bereits im November 2000 trennte sich Angela Merkel von dem in den Medien als moderat beurteilten Generalsekretär Ruprecht Polenz. Als seinen Nachfolger wählte sie Laurenz Meyer, der aggressiver auftrat und die Öffentlichkeit am 23. November mit dem Fauxpas: „Einen zweiten Missgriff kann sie sich nicht leisten“ überraschte. Gemeint war Merkels ursprüngliche Personalentscheidung Ruprecht Polenz.

Die Jahre 2000 und 2001 bescherten der CDU unter Merkel – auch als Folge der Spendenaffäre – keine großen Landtagswahlerfolge. Die rot-grüne Bundesregierung schien dagegen Tritt gefasst zu haben und bot der Opposition wenig Blößen. Die Positionierung für die Bundestagswahl im September 2002 begann: Friedrich Merz hatte sich selbst bereits im Februar 2001 als Kandidat für das Amt des Bundeskanzlers ins Gespräch gebracht. Damit war die Diskussion um die Kandidatenfrage – in den Medien häufig als „K-Frage“ bezeichnet – eingeläutet. Angela Merkels Bereitschaft zur Kandidatur war bekannt. Sie verfügte in den Spitzen der Partei jedoch über wenig Rückhalt, da viele CDU-Ministerpräsidenten und Landesvorsitzende den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber favorisierten. Im Dezember 2001 war auf dem Bundesparteitag in Dresden eine Entscheidung vermieden worden, diese sollte am 11. Januar 2002 auf einer Sitzung von CDU-Präsidium und Bundesvorstand in Magdeburg fallen. Merkel ging der unmittelbaren Konfrontation mit Stoiber jedoch aus dem Weg: Im Vorfeld hatte sie ihn zum „Wolfratshausener Frühstück“ besucht und ihren Verzicht, zu seinen Gunsten, mitgeteilt. Angela Merkels Rückzug diente dabei auch dem eigenen Machterhalt, eine deutliche Abstimmungsniederlage gegen Stoiber wäre als Misstrauensvotum gegen ihre Person aufgefasst worden und hätte nicht nur die „K-Frage“ entschieden, sondern auch eine neue Diskussion um den Parteivorsitz aufkommen lassen.

Bei der ersten Wiederwahl am 11. November 2002 in Hannover wurde Merkel mit 93,6 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Jedoch hatten nur 160 der insgesamt 978 gemeldeten Delegierten für Merkel votiert. 2004 erreichte sie 88,4 Prozent. Bei der vierten Wiederwahl am 1. Dezember 2008 in Stuttgart wurde Merkel mit 94,83 Prozent für zwei weitere Jahre im Amt bestätigt. 2006 hatte sie auf dem Bundesparteitag in Dresden 93,06 Prozent der Stimmen erhalten.

Die Bundestagswahl am 22. September 2002 endete mit einer knappen Wiederwahl der rot-grünen Regierungskoalition unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Angela Merkel hatte die erfolglose Stoiber-Kandidatur loyal mitgetragen. Zu Schröders Wahlsieg hatte auch dessen schnelle Reaktion auf das damalige Elbehochwasser beigetragen, als noch wichtiger wird indes seine ablehnende Haltung zum Irak-Krieg betrachtet. Dem klaren „Nein“ der amtierenden Bundesregierung stand ein Bekenntnis Merkels zu George W. Bushs Konfrontationskurs – von ihr damals als „Drohkulisse“ bezeichnet – gegenüber.

Unmittelbar nach der verlorenen Bundestagswahl beanspruchte Angela Merkel den CDU/CSU-Fraktionsvorsitz im Bundestag, das bisherige Amt von Friedrich Merz. Sie wollte der Regierung Schröder im Parlament als Oppositionsführerin gegenübertreten. Merz war nicht bereit, seine Position aufzugeben und äußerte seinerseits Kritik an Merkel. Auf der entscheidenden CDU-Präsidiumssitzung soll das Votum Stoibers zugunsten Merkels den Ausschlag gegeben haben. Das Verhältnis zwischen Merkel und Merz galt bereits vorher als konfliktbelastete Konkurrenzsituation. Am 11. und 12. November 2002, auf dem CDU-Bundesparteitag in Hannover, wurde Angela Merkel mit 746 von 796 abgegebenen Stimmen (bei insgesamt 978 Delegierten) als Vorsitzende wiedergewählt.

Das Jahr 2003 brachte der CDU und ihrer Vorsitzenden Erfolge bei den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen. Die stärker werdende Präsenz der CDU im Bundesrat ermöglichte Angela Merkel schließlich ein Mitregieren aus der Opposition heraus. Die CDU trug die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung mit und stimmte, nachdem sie im Vermittlungsausschuss noch weitergehende Forderungen durchgesetzt hatte, den Gesetzesänderungen in Bundestag und Bundesrat zu. So war sie vor allem bei der Formulierung der zum 1. Januar 2004 wirksam werdenden Gesundheitsreform und des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz IV) eingebunden. Im Fall des Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann und dessen scharf kritisierten Thesen zum „jüdischen Tätervolk“ zeigte sich Merkel jedoch wenig entschlussfreudig. Der erste Fraktionsausschluss eines Unions-Abgeordneten in der Geschichte des Deutschen Bundestages, im November 2003, erfolgte erst nach längerer Bedenkzeit und unter öffentlichem Druck.

Am 6. Februar 2004 trat der politisch angeschlagene Bundeskanzler Gerhard Schröder als SPD-Vorsitzender zurück, sein Nachfolger wurde Franz Müntefering. Im gleichen Monat gelang der CDU ein deutlicher Sieg bei der Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft. Angela Merkel bereiste im Februar drei Tage lang die Türkei. Dort setzte sie sich für das Modell der „privilegierten Partnerschaft“ ein, als Alternative zu der von der Bundesregierung angestrebten Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union.

In einer Rede vom 20. November 2004 äußerte sich Angela Merkel mit den Worten „Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert“ zur innenpolitischen Lage Deutschlands im Hinblick auf die Integrationsproblematik der muslimischen (vorwiegend türkischen) Bevölkerung. Dabei brachte Angela Merkel erneut den Begriff der deutschen Leitkultur in die Diskussion und kritisierte vor allem die mangelhafte Integrationsfähigkeit der Muslime.

Das Ende der Amtszeit von Bundespräsident Johannes Rau bedeutete die Neubesetzung des formal wichtigsten politischen Amtes in der Bundesrepublik Deutschland. Wolfgang Schäuble hatte sich früh als Kandidat ins Gespräch gebracht und konnte auf Unterstützung innerhalb von CDU und CSU hoffen. Innerparteiliche Gegenspieler Angela Merkels wie Roland Koch und Friedrich Merz favorisierten Schäuble, ebenso wie Edmund Stoiber (CSU). Horst Köhler galt als Merkels Kandidat, und sein Wahlerfolg in der Bundesversammlung am 23. Mai 2004 wurde allgemein als ein weiterer Ausbau ihrer Machtposition gewertet.

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai 2005 brachte der SPD eine schwere Wahlniederlage, die eine Serie von Landtagswahlniederlagen der Jahre 2003 und 2004 fortsetzte. Als politisch-medialen Befreiungsschlag kündigten eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale zuerst SPD-Parteichef Franz Müntefering und kurze Zeit darauf Bundeskanzler Gerhard Schröder an, eine vorgezogene Neuwahl des Bundestages für den Herbst 2005 anzustreben.

Am 30. Mai bestimmten die Parteipräsidien von CDU und CSU in einer gemeinsamen Sitzung Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin der Unionsparteien. Ihre Rolle war unumstritten, die innerparteilichen Gegenspieler marginalisiert. Merkels Schattenkabinett wurde angesichts der angestrebten Koalition mit der FDP als „Kompetenzteam“ vorgestellt. Insbesondere Paul Kirchhof und sein „Kirchhof-Modell“, sowie die CDU-Vorstellungen zur Krankenversicherung („Kopfpauschale“) galten später als „schwer vermittelbar“ und mitverantwortlich für ein unbefriedigendes Wahlergebnis.

Bei der Bundestagswahl am 18. September 2005 erreichten CDU/CSU mit der Spitzenkandidatin Angela Merkel 35,2 Prozent (2002: 38,5) vor der SPD mit 34,2 Prozent. Damit blieb die Union deutlich hinter ihren Prognosen zurück und konnte ihr Wahlziel, die absolute Mehrheit der Bundestagsmandate für CDU/CSU und FDP, nicht erreichen. Ihren eigenen Wahlkreis 15 (Stralsund, Landkreis Nordvorpommern und Landkreis Rügen) gewann Angela Merkel mit 41,3 Prozent der Erststimmen. Neben der Union mussten auch die Sozialdemokraten deutliche Stimmeneinbußen hinnehmen, so dass die bisherige Regierungskoalition aus SPD und Grünen ihre Parlamentsmehrheit verlor.

In einer Fernsehdiskussion am Wahlabend, der so genannten „Elefantenrunde“, beanspruchte Gerhard Schröder trotz der eingebüßten Mehrheit von Rot-Grün überraschend die Regierungsbildung für sich – in einer Form, die heftige Diskussionen auslöste und die er selbst später als „suboptimal“ bezeichnete. Die nächsten Tage waren im politischen Berlin von der Frage bestimmt, ob der SPD, als im Bundestag größte Einzelfraktion einer Partei, oder der CDU/CSU, als größte Fraktionsgemeinschaft, das Amt des Bundeskanzlers – in einer wie auch immer gearteten Koalitionsregierung – gebühre.

Am 20. September wurde Angela Merkel von der erstmalig nach der Wahl zusammengetretenen Unions-Bundestagsfraktion in geheimer Wahl mit 219 von 222 Stimmen zur Fraktionsvorsitzenden wiedergewählt. Nach dem enttäuschenden Bundestagswahlergebnis war dies ein wichtiges Vertrauensvotum und Rückhalt für bevorstehende Koalitionsgespräche. Die Öffentlichkeit erlebte in den 14 Tagen bis zu einer notwendigen Nachwahl im Wahlkreis 160 (Dresden I) Gespräche Angela Merkels und Edmund Stoibers mit Bündnis 90/Die Grünen zwecks Sondierung einer möglichen schwarz-gelb-grünen „Jamaika-Koalition“ zusammen mit der FDP. Erst nach der Entscheidung in Dresden begannen die Gespräche mit der SPD zur Bildung einer Großen Koalition. Am 10. Oktober veröffentlichten SPD, CDU und CSU eine gemeinsame Vereinbarung, die die geplante Wahl von Angela Merkel zur Bundeskanzlerin durch den 16. Deutschen Bundestag beinhaltete. Am 12. November stellte sie nach fünfwöchigen Verhandlungen der CDU/CSU mit der SPD den Koalitionsvertrag vor.

Am 22. November 2005 wurde Angela Merkel mit 397 der 611 gültigen Stimmen (Gegenstimmen: 202; Enthaltungen: 12) der Abgeordneten des 16. Deutschen Bundestages zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Dies waren 51 Stimmen weniger, als die Koalitionsparteien Mandate besitzen. Nach sieben männlichen Amtsvorgängern ist Angela Merkel die erste Frau im Amt des deutschen Bundeskanzlers, die erste „Bundeskanzlerin“. Gleichzeitig ist sie mit 51 Jahren die jüngste Amtsinhaberin. Ebenfalls ist sie die erste Person aus den neuen Bundesländern und die erste Naturwissenschaftlerin die dieses Amt bekleidet.

Noch vor Beginn der Legislaturperiode verzichtete Merkels langjähriger Konkurrent Edmund Stoiber überraschend auf das für ihn vorgesehene Amt des Wirtschaftsministers, nach eigenem Bekunden wegen Franz Münteferings Rückzug vom Parteivorsitz der SPD.

In eine Vertrauens- und Schlüsselstellung, zum Leiter ihres Bundeskanzleramtes, wählte Angela Merkel Thomas de Maizière, Cousin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière.

Zu Beginn der Legislaturperiode traten Merkel und ihr Kabinett weder außen- noch innenpolitisch in besonderem Maße in Erscheinung. Lediglich Merkels Minister sorgten für einige Schlagzeilen, die sich aber mehr auf Kompetenzfragen oder die langfristige Ausrichtung der Regierungsarbeit als auf konkrete Sachfragen bezogen.

Ende März 2006 legte Merkel ein Acht-Punkte-Programm für die zweite „Etappe“ der Legislaturperiode vor. Darin werden geplante Anstrengungen in den Bereichen Föderalismusreform, Bürokratieabbau, Forschung und Innovation, Energiepolitik, Haushalts- und Finanzpolitik, Familienpolitik, Arbeitsmarktpolitik und insbesondere Gesundheitsreform skizziert.

Ungeachtet des Fehlens einschneidender Maßnahmen stieß Merkels eher sachlicher Regierungsstil anfangs in der Bevölkerung, unter den Führungskräften der Wirtschaft und im Ausland überwiegend auf Zustimmung. Das Forbes Magazine stellte sie 2006, 2007 und erneut 2008 im Rahmen einer Liste als mächtigste Frau der Welt dar, und auch für die Time gehörte sie 2006 und 2007 zu den 100 Personen, die unsere Welt am meisten prägten.

Am 27. November 2006 wurde sie auf dem Bundesparteitag der CDU mit 93 Prozent der Stimmen erneut zur Bundesvorsitzenden der Partei gewählt.

Merkel sorgte für einen kleineren außenpolitischen Eklat, als sie am 23. September 2007 den Dalai Lama Tenzin Gyatso im Berliner Bundeskanzleramt empfing. Das Treffen mit dem geistlichen Oberhaupt Tibets war von ihr als „privater Gedankenaustausch“ mit einem religiösen Führer bezeichnet worden und sollte nicht als politische Stellungnahme zu den Autonomiebestrebungen Tibets verstanden werden. Trotzdem zeigte sich die Volksrepublik China verstimmt und sagte mit dem Hinweis auf „technische Probleme“ mehrere offizielle Termine auf ministerieller Ebene ab. Merkels außenpolitischer Berater Christoph Heusgen konnte die Wogen wieder glätten, indem er dem chinesischen Botschafter Ma Canrong versicherte, dass Deutschland seine China-Politik nicht ändern werde und die territoriale Integrität Chinas außer Frage stehe.

Vertreten durch Angela Merkel und den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte die Bundesrepublik Deutschland vom 1. Januar bis 30. Juni 2007 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union inne. Der Vorsitz wurde turnusmäßig im Rahmen der Dreier-Präsidentschaft mit Portugal und Slowenien wahrgenommen.

Als wesentliche Bestandteile der politischen Agenda nannte Merkel unter anderem den Europäischen Verfassungsvertrag, die „Klima- und Energiepolitik“, die „Vertiefung der transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft“ und eine „Nachbarschaftspolitik für die Schwarzmeerregion und Zentralasien“.

Merkel drängte darauf, dass der Bezug auf Gott und den christlichen Glauben in der EU-Verfassung verankert wird. Letztlich konnte sich diese Forderung, die unter anderem auch aus Polen, Irland und Italien erhoben wurde, nicht durchsetzen – im Vertrag von Lissabon wird nur auf das kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas Bezug genommen.

Im Herbst 2008 wurde – u.a. durch die Insolvenz zahlreicher großer Finanzinstitute – das historische Ausmaß der sich ab 2007 abzeichnenden Finanzkrise deutlich. Die IKB, einige deutsche Landesbanken und auch private Institute mussten Abschreibungen in erheblicher Höhe vornehmen. Der Deutsche Bundestag reagierte im August zunächst mit dem Risikobegrenzungsgesetz, die BaFin untersagte bestimmte Leerverkäufe.

Am 8. Oktober 2008 gab die Regierung Merkel eine Garantieerklärung für die Spareinlagen in Deutschland ab. Diese Garantie gilt für jedes Institut und für jeden Sparer eines Institutes, das Teil der deutschen Einlagensicherung ist. Zuvor hatte Merkel noch die irische Regierung wegen einer eigenen Staatsgarantie scharf kritisiert, die sich allerdings allein auf einheimische Banken bezog. Merkels Vorgehen wurde von anderen europäischen Finanzministern als nationaler Alleingang kritisiert, von der EU-Kommission jedoch als nicht wettbewerbsverzerrend und damit unproblematisch eingestuft.

Im Vorfeld des Irakkriegs bekundete Angela Merkel ihre Sympathien gegenüber der Irak-Politik der USA und der „Koalition der Willigen“. Sie kritisierte als deutsche Oppositionsführerin vom Boden der USA aus die Außenpolitik der Bundesregierung, was ihr scharfen Widerspruch aus Berlin einbrachte. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering beurteilte Merkels Äußerung als „Bückling gegenüber der US-Administration“.

In einer Rede im Deutschen Bundestag am 19. März 2003 erklärte Merkel die Unterstützung der Union für das Ultimatum an Saddam Hussein als „letzte Chance des Friedens“ und forderte die Bundesregierung auf, dies ebenso zu tun, um „den Krieg im Irak wirklich zu verhindern“.

In der Vor-Wahl-Zeit 2005 äußerte Merkel des Öfteren – unter anderem auch bei einem Besuch in Istanbul – ihre Auffassung, dass die Türkei nicht als Voll-Mitglied in die EU aufgenommen werden könne. Sie favorisiere stattdessen eine „privilegierte Partnerschaft“. Während ihrer Amtszeit als Kanzlerin und als EU-Ratspräsidenten schwieg sie zu diesem Thema. Nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan bei einem Deutschland-Besuch im Februar 2008 die Türken in Deutschland vor einer Assimilation gewarnt hatte, kritisierte sie dessen „Integrationsverständnis“.

Merkel hat sich bisher zurückhaltend zu einer deutschen Beteiligung an einer Friedenstruppe der Vereinten Nationen im Südlibanon zur Befriedung des Israel-Libanon-Konflikts geäußert. Israels Premier Olmert plädierte für die Beteiligung deutscher Soldaten. „Ich habe Kanzlerin Angela Merkel mitgeteilt, dass wir absolut kein Problem haben mit deutschen Soldaten im Südlibanon“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Zurzeit gebe es keine Nation, die sich Israel gegenüber freundschaftlicher verhalte als Deutschland.

Am 18. März 2008 hielt Merkel in Israel vor der Knesset eine Rede, die sie auf Hebräisch begann. Sie betonte die historische Verantwortung Deutschlands für Israel; die Sicherheit des jüdischen Staates sei Teil der deutschen Staatsräson und niemals verhandelbar. Merkel war die erste ausländische Regierungschefin, die von der Knesset zu einer Rede eingeladen worden war.

Merkel versuchte sich Ende 2000 mit der Formulierung einer „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ zu profilieren. Der Titel greift den etablierten Begriff der Sozialen Marktwirtschaft auf. Unter den unscharfen Thesen, deren konkrete Umsetzung im Vagen bleibt, finden sich auch Positionen, die bereits im Schröder-Blair-Papier aus dem Jahr 1999 auftauchten. Eine CDU-Präsidiumskommission unter Merkels Vorsitz erarbeitete bis zum 27. August 2001 ein Diskussionspapier, das im Dezember 2001 auf dem Bundesparteitag der CDU in Dresden verabschiedet und somit Teil der CDU-Programmatik wurde.

Als Bundesministerin für Frauen und Jugend sah sich Angela Merkel in den neuen Bundesländern mit einer dramatisch gesunkenen Frauenerwerbsquote und, damit einhergehend, mit einem Einbruch der Geburtenrate konfrontiert. Hinzu kam die unterschiedliche Rechtslage zum Schwangerschaftsabbruch in Ost und West, die laut Einigungsvertrag von einer späteren gemeinsamen Regelung abgelöst werden sollte. Einen politischen Schwerpunkt während ihrer Amtszeit bildete daher die Neuregelung des § 218 und die Einführung einer faktischen Fristenlösung mit Beratungspflicht im gesamten Bundesgebiet. Der Verbesserung der beruflichen Situation von Frauen sollte das Gleichberechtigungsgesetz (1993/94) dienen. Als im Rückblick größten Erfolg ihrer Amtszeit bewertet Merkel die von ihr betriebene Änderung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Diese Novellierung brachte den formellen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Kinder ab 3 Jahren.

Im April 1995 war Angela Merkel als deutsche Umweltministerin Gastgeberin der ersten UN-Klimakonferenz (COP-1) in Berlin. Mit dem Berliner Mandat kam es zu einem Abschluss, der einen Einstieg in die internationale Reduzierung von Treibhausgasen bilden sollte. 1997 bei den nachfolgenden Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll setzte sich Merkel für vergleichsweise hohe Reduktionsziele ein. Eine Initiative zur Eindämmung des Sommersmogs in Deutschland scheiterte im Mai 1995 innerhalb des Kabinetts und wurde später nur in sehr abgeschwächter Form umgesetzt. Angela Merkel galt und gilt als Befürworterin der zivilen Nutzung von Kernenergie, der Stromgewinnung in Kernkraftwerken. In ihrem Amt war sie auch für die Abwicklung von Atommülltransporten zuständig. Im Mai 1998 wurden Überschreitungen der Grenzwerte bei Castor-Transporten nach Frankreich bekannt. Aus der Opposition wurde Merkels Rücktritt wegen der Verletzung der ministeriellen Aufsichtspflicht gefordert. Die Ministerin konnte jedoch darauf verweisen, dass wichtige Kompetenzen und Verantwortlichkeiten auch bei den Bundesländern und der Atomwirtschaft lagen. In Merkels Amtszeit fällt das Kreislaufwirtschaftsgesetz zur Vermeidung und Verwertung von Abfällen. In öffentlichen Äußerungen des Jahres 1997 findet sich auch die Forderung nach einer jährlich steigenden Abgabe auf Energieträger wie Öl, Gas und Strom (Ökosteuer).

Seit dem 8. Juni 2006 wendet sich Merkel als erstes Regierungsoberhaupt weltweit per Video-Podcast an die Öffentlichkeit. Sie nutzt dieses moderne Medium wöchentlich (samstags), um den Bürgern die Politik der Großen Koalition zu vermitteln.

Zunächst wurde der Podcast für etwa 6.500 Euro pro Episode vom Merkel-Biographen Wolfgang Stock produziert. Nach Kritik am Stil der Videobotschaft wurde die Produktion neu ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt die Evisco AG aus München. Da mit Jürgen Hausmann einer der Vorstände der Evisco AG ein Schwiegersohn des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ist, wurden in den Medien Zweifel am ordnungsgemäßen Ablauf des Ausschreibungsverfahrens laut. Das ausschreibende Bundespresseamt wies die Vorwürfe zurück.

Angela Merkel spricht als Fremdsprachen Russisch und Englisch.

Angela Merkel ist seit dem 30. Dezember 1998 in zweiter Ehe mit Joachim Sauer verheiratet. Sie hat keine leiblichen Kinder, aber zwei Stiefsöhne aus erster Ehe ihres Mannes.

Angela Merkel ist Ehrenmitglied im Rotary Club Stralsund.

Am 21. März 2006 wurde ihr das Großkreuz des Verdienstordens der Republik Italien verliehen.

Das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes verzeichnete Angela Merkel in den Jahren 2006, 2007 und 2008 in einer Rangliste der 100 mächtigsten Frauen der Welt auf dem ersten Platz.

Im Jahr 2007 erhielt Angela Merkel den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland, und die Hebräische Universität Jerusalem verlieh ihr die Ehrendoktorwürde in Philosophie. Weitere Ehrungen waren der World Statesman Award der Appeal of Conscience Foundation für ihr bisheriges Lebenswerk. und der König-Abdulaziz-Orden, der höchste Orden Saudi-Arabiens für ausländische Regierungschefs.

Am 11. Januar 2008 erhielt Angela Merkel von Bundespräsident Horst Köhler das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 16. Februar 2008 wurde sie im Rahmen des Bundesligaspiels gegen Borussia Dortmund zum Ehrenmitglied von Energie Cottbus ernannt.

Am 1. Mai 2008 erhielt Merkel den Karlspreis 2008 „für ihre Verdienste um die Weiterentwicklung der Europäischen Union“. Die Laudatio hielt der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Am 17. Mai 2008 wurde ihr von Präsident Alan García der Orden El Sol del Perú verliehen.

Am 3. Juni 2008 verlieh ihr die Fakultät für Physik und Geowissenschaften der Universität Leipzig die Ehrendoktorwürde „für ihre Verdienste um das Fachgebiet Physik und seine Reputation bei ihrem Einsatz für den Schutz der Umwelt, der Demokratie und der Menschenrechte“. Die Laudatio hielt Javier Solana.

Am 24. September 2008 verlieh ihr die Polytechnische Universität Breslau den Titel eines Doktors ehrenhalber für ihre Verdienste um die Annäherung zwischen Deutschland und Polen.

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Türkei

Flagge der Türkei

Die Türkei (amtlich Türkiye Cumhuriyeti, dt. Republik Türkei, Abkürzung T.C.) ist eine demokratische Republik in Asien und Europa. Der Einheitsstaat ist laizistisch geprägt; er wurde nach dem Ersten Weltkrieg der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches. Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk war bestrebt, die Türkei durch viele gesellschaftliche Reformen nach dem Vorbild verschiedener europäischer Nationalstaaten zu modernisieren. Seit dem 3. Oktober 2005 steht die Türkei in Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.

Die Türkei erstreckt sich geografisch über zwei Kontinente. Anatolien, der asiatische Teil des türkischen Staatsgebiets, nimmt etwa 97 % der Fläche ein. Den europäischen Teil bildet das östliche Thrakien, er umfasst etwa 3 % der Landesfläche (23.623 km²).

Die Landesgrenzen der Türkei haben eine Gesamtlänge von ca. 9.850 km, davon sind 7.200 km vom Meer umgrenzt. Im Westen der Türkei liegt das Ägäische Meer, im Süden das Mittelmeer und im Norden das Schwarze Meer. Daneben teilt die Türkei mit acht Nachbarländern eine Grenze mit einer Gesamtlänge von 2.648 km. Im Nordwesten grenzt sie an Griechenland (206 km Grenze) und Bulgarien (240 km), im Nordosten an Georgien (252 km), Armenien (268 km), Aserbaidschan (Exklave und autonome Republik Nachitschevan, 9 km), im Osten an den Iran (499 km) und im Süden an den Irak (352 km) und Syrien (822 km). Die politisch geteilte Insel Zypern mit der Republik Zypern und der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern befinden sich ebenfalls nicht weit von der türkischen Küste entfernt.

Vor allem der Norden der Türkei gehört zu den am stärksten erdbebengefährdeten Regionen der Welt und wurde in den letzten Jahren immer wieder von Erdbeben erschüttert. Da eine gewisse chronologische Ost-West-Abfolge der Erdbeben in der Nordtürkei festzustellen ist, gehen Experten davon aus, dass in absehbarer Zeit auch İstanbul von einem großen Beben erschüttert werden könnte. Die letzten großen Beben in der Provinz Kocaeli waren weniger als 100 km von İstanbul entfernt.

Die Türkei wird in sieben geographische Gebiete oder Regionen unterteilt: Marmararegion, Ägäisregion, Schwarzmeerregion, Zentralanatolien, Mittelmeerregion, Ost- und Südostanatolien. Diese Regionen unterscheiden sich stark bezüglich Vegetation und Wetterbedingungen.

Thrakien liegt westlich vom Bosporus auf der europäischen Seite. Auf der thrakischen Hochebene bildet der Fluss Meriç die Grenze zu Griechenland. Östlich vom Bosporus liegt die Marmara-Region. Das Marmarameer trennt Europa von Asien und das Ägäische Meer vom Schwarzen Meer. Zum Mittelmeer hin erstrecken sich die Dardanellen auf einer Länge von 60 km. Die beiden Landzungen sind bei Çanakkale mit bis zu 4 km am breitesten. Am Bosporus liegt die Millionen-Metropole İstanbul. Die Landschaft in dieser Region ist hügelig und von Büschen und Wäldern bedeckt. Der fruchtbare Ackerboden weicht im Osten einer Steppenlandschaft. Die Region bildet das wirtschaftliche Zentrum der Türkei. Die Millionenstadt Bursa ist Kurort und berühmt für ihre Schwefel- und Thermalquellen. Sie liegt zu Füßen des Uludağ-Gebirges. Der Berg ist ganzjährig ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Ägäis-Region wird ebenfalls landwirtschaftlich intensiv genutzt. Die stark hügelige Landschaft erstreckt sich entlang der Westküste zwischen Çanakkale und Bodrum. Die Küstenregion gehört zu den am besten touristisch erschlossenen Regionen der Türkei. Neben Zypressen und Ölbäumen prägen Weinreben die Landschaft. In dieser Region finden sich viele antike Bauten aus der Zeit der griechischen Besiedlung, z. B. Troja, Assos (Behramkale), Pergamon (Bergama), Ephesus (Efes), Priene, Milet, Didyma und Euromos.

Die Schwarzmeer-Region umfasst den nördlichen Küstenstreifen der Türkei. Sie ist geprägt durch ein mildes, feuchtes Klima, und auf ihrer bergigen Landschaft erstrecken sich große Wälder. Auf dem sehr fruchtbaren Boden werden Tee, Tabak, Mais und Haselnüsse angebaut.

Die zentralanatolische Region umfasst die inneranatolischen Hochebenen. Hier liegen der Salzsee Tuz Gölü und Gebirgsketten, die stellenweise bis zu 3.900 m hochragen. Im Osten liegt Kappadokien, das wegen seiner in Tuffstein getriebenen Wohnhöhlen und Felsenkirchen in bis zu 2.000 m hohen Bergkegeln berühmt ist. Inneranatolien ist überwiegend durch eine Steppenlandschaft geprägt und gehört zu den trockensten Gebieten Anatoliens; in der Region um den Tuz Gölü nimmt die Landschaft wüstenähnliche Gestalt an. Deshalb ist die landwirtschaftliche Nutzung in dieser Region nicht so stark ausgebildet wie in den zuvor genannten Regionen. Vor allem Weizen, Gerste und Obst werden hier angebaut. Das Klima dieser Region ist geprägt durch heiße, trockene Sommer mit kalten Abenden. Die Winter sind mit Temperaturen bis unter −20 Grad Celsius sehr kalt.

Die Mittelmeerregion wird im Norden vom Taurus- und im Osten vom Amanosgebirge begrenzt. In dieser Region werden überwiegend Zitrusfrüchte, Bananen, Tomaten, Erdnüsse und Baumwolle angebaut.

Südostanatolien ist die älteste Kulturregion der Türkei. Sie wird vom Taurus-Gebirge umschlossen. Hier verlaufen die beiden Flüsse Euphrat und Tigris. Landwirtschaftlich wird diese Region durch Weizen-, Gersten-, Wein-, Oliven- und Pistazienanbau genutzt. Neben Gebirgsverläufen ist die Region östlich des Euphrat durch ein Hochplateau geprägt. Zur weiteren landwirtschaftlichen Kultivierung werden im Rahmen des Südostanatolien-Projekts entlang des Euphrat und Tigris über 22 Staudämme errichtet.

Die Fläche der Türkei wird zu 26,2 % von Wald eingenommen, landwirtschaftlich werden 36,3 % der Gesamtfläche genutzt.

Die Flora der Türkei gilt als die vielfältigste und abwechslungsreichste im Nahen Osten. Es finden sich rund 9.000 Pflanzenarten mit 850 Gattungen; im Süden vor allem Pflanzen, die sich an die trockenen Sommer angepasst haben, z. B. immergrüne Hecken und Sträucher, Eichenbäume, Oliven- und Johannisbrotbäume. In den Hochebenen sind wilde Blumen und Bodendecker heimisch.

Die Steppen werden von Sträuchern, Nadelwäldern und Schwarzkiefern beherrscht, die trockenen Gebiete auch von Disteln und Kakteengewächsen (Dornpolster). Im Norden, vor allem an der Schwarzmeerküste, finden sich ausgedehnte Haselnuss-, Mais- und Teeplantagen, im Süden eher Obst- und Baumwollplantagen.

Auch sind viele Niederwildarten und Wildschweine heimisch, wobei sich ihr Bestand durch die Jagd beständig dezimiert. An Nutztieren finden sich vorrangig Rinder, Pferde, Büffel, Schafe und Ziegen. Der Kamelbestand ging in den letzten Jahrzehnten beständig zurück; sie werden heute vorrangig für sportliche Wettkämpfe und nicht mehr als Lastenträger gezüchtet.

Die größten Raubtiere, die heute noch in der Türkei leben, sind unter anderem Braunbär, Wolf, Goldschakal und Eurasischer Luchs. Der letzte türkische Leopard soll 1979 in Hakkari von einem Bauern erlegt worden sein.

Die Türkei ist Brut- und Überwinterungsplatz für zahlreiche Vogelarten. Südlich von Bandırma – im Kuşcenneti-Nationalpark – liegt ein bekanntes Vogelparadies, wo Pelikane, Wildenten, Störche, Kormorane, Nachtigallen und Fasane ihre Heimat gefunden haben.

Die Verstädterung ist in der Türkei weit vorangeschritten, 74 % der Gesamtbevölkerung leben in einer Stadt. Der Südosten und Nordosten des Landes sind sehr dünn besiedelt, der Großteil lebt und arbeitet in den großen Ballungszentren an der Westküste und die Region um das Viereck Ankara, Sivas, Kayseri und Konya in der Zentral-Türkei.

Hauptstadt und Regierungssitz ist das in Zentralanatolien gelegene Ankara mit 4.466.756 Einwohnern. Hier hat zudem die Große Nationalversammlung ihren Sitz, sowie die Führungskommandos aller Teilstreitkräfte. Ankara ist eines der großen Industrie- und Dienstleistungsballungszentren der Türkei und Universitätsstadt, u.a. sitzt hier die von Mustafa Kemal 1936 gegründete Ankara Üniversitesi, die älteste Universität Ankaras.

Mega-Metropole, größte Stadt des Landes und zugleich wichtigstes wirtschaftliches und kulturelles Ballungszentrum des Landes ist das am Bosporus gelegene Istanbul (früher Konstantinopel), das von der Meerenge geteilt wird und sich so auf zwei Kontinenten über eine Fläche von ca. 1.269 km² erstreckt. Die eigentliche Stadt hat 11.174.257 Einwohner; in der gesamten Metropolregion, die sich vollständig auf die Bodenfläche der Provinz Istanbul erstreckt, leben auf einer Fläche von ca. 5.220 km² ca. 12.573.836 Menschen. Damit ist Istanbul eine der größten Städte der Welt.

İzmir ist mit 3.739.353 Einwohnern die drittgrößte türkische Stadt und verfügt nach Istanbul über den zweitgrößten Handelshafen. Bursa (2.439.876 Einwohner), die ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches, ist heute ein wichtiger Wirtschaftsstandort für die Automobil- und Textilindustrie. Die wichtigste Stadt im Südosten der Türkei ist Diyarbakir. Diyarbakir (1.460.714 Einwohner) besitzt nach der Chinesischen Mauer die größte und besterhaltene Befestigungsanlage der Welt. Sie besteht zum größten Teil aus Basalt. Die Anlage wird in einen inneren und einen äußeren Abschnitt unterteilt. Weitere wichtige Städte sind Adana (2.006.650 Einwohner), Gaziantep (1.560.023 Einwohner), Konya und die Touristenhochburg Antalya (Stand 2007).

Die genaue ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in der Türkei ist nicht exakt feststellbar. Bei offiziellen Volkszählungen wird die ethnische Zugehörigkeit nicht erfasst. Ermittelt wird hingegen Muttersprache und Zweitsprache, wobei die Zahlen bei vielen Minderheiten aufgrund der türkischen Assimilationspolitik stark rückläufig sind. Hinzu kommt, dass sich in der Türkei seit Jahrhunderten die verschiedensten Volksgruppen mischen, so dass die Zurechnung eines Menschen zu einer Volksgruppe vielfach schwerfällt.

Besonders umstritten ist die genaue Zahl der Kurden und Zaza, der größten und sich der Assimilation am stärksten entziehenden Volksgruppen. Die Angaben zu den Ethnien differieren je nachdem, welche Quellen herangezogen werden, stark. Demnach leben in der Türkei folgende Ethnien: 77 bis 81 % Türken, ca. 15 bis 20 % Kurden, 2 bis 3 % Zaza, 2 % Araber, 1 % Albaner, 1 % Tscherkessen, 0,5 % Georgier sowie diverse andere ethnische Gruppen und Nationalitäten wie Abchasen, Aramäer, Armenier, Bosniaken, Bulgaren, Griechen, Lasen, Tschetschenen.

Die Bevölkerungsgruppe der Türken wird unterschiedlich definiert. Die türkische Regierung zählt seit 1965 Bevölkerungsgruppen dazu, die von anderen Quellen zum Teil als Angehörige anderer Turkvölker angesehen werden. Dies betrifft etwa 2 bis 5 Millionen Krimtataren und Tataren, etwa 0,5 bis 2 Millionen Aserbaidschaner, bis zu 200.000 Mescheten, etwa 100.000 Tahtacı, etwa 60.000 Terekeme, etwa 14.000 bis 20.000 Gagausen, etwa 2.000 Usbeken sowie jeweils etwa 1.000 Kasachen, Kirgisen, Kumyken, Turkmenen und 500 Uiguren.

Die National- und Amtssprache der Türkei ist die Turksprache Türkisch, die in der Türkei von über 80% der Bevölkerung als Muttersprache und von weiteren 10–15 % als Zweitsprache gesprochen wird. Damit ist das Türkische die mit Abstand wichtigste Sprache in der heutigen Türkei.

Im Jahre 1914 gab es im Osmanischen Reich etwa 1,3 Millionen Armenier mit der Muttersprache Armenisch. Ihre Zahl ist durch den Genozid von 1915-17 und die Vertreibungen auf etwa 40.000 zurückgegangen. Hinzukommen etwa 70.000 armenische illegale Einwanderer.. Griechisch wurde um 1914 noch von 1,73 Millionen Menschen im Osmanischen Reich gesprochen, davon sind heute noch 4.000 Sprecher in Istanbul geblieben. Von den einst weit verbreiteten aramäischen Sprachen - den Dialekten der aramäischen Christen - ist heute außer dem Turoyo (3.000 Sprecher) nur noch die kleine Hertevin-Sprache (1.000 Sprecher) in der Türkei vertreten. Die früheren aramäischen Sprachen Nestorianisch-Neuaramäisch („Assyrisch“), Chaldäisch-Neuaramäisch (Kaldoyo) und Jüdisch-Neuaramäisch (Lishana Deni) werden heute in der Türkei nicht mehr gesprochen.

Andere Minderheitensprachen sind die indogermanischen Sprachen Albanisch (15.000 Sprecher in der Türkei), Romani (25.000) und Domari (30.000). Zur kartwelischen Gruppe der kaukasischen Sprachen gehören in der Türkei Georgisch (40.000 Sprecher) und Lasisch (30.000). Außer den schon erwähnten Sprachen Kabardinisch und Adygeisch werden die westkaukasischen Sprachen Abchasisch (5.000) und Abasinisch (10.000) in der Türkei gesprochen.

Durch aktuelle Flüchtlingsbewegungen gibt es über die etwa zwanzig genannten Landessprachen hinaus heute kleinere Gruppen von Sprechern der Turksprachen Turkmenisch, Kasachisch, Kirgisisch, Usbekisch, Uigurisch, Kumykisch und Krim-Tatarisch; außerdem einige Hundert Sprecher der kaukasischen Sprachen Tschetschenisch, Lakisch und Lesgisch sowie der iranischen Sprachen Ossetisch und Persisch (Farsi). Da es sich hierbei um Flüchtlingsgruppen handelt, werden diese Sprachen in der Regel nicht zu den „Sprachen der Türkei“ gezählt. Die türkische Gebärdensprache wurde im Juli 2005 gesetzlich anerkannt.

Auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei wurden im Laufe der Geschichte viele bedeutende Sprachen gesprochen, die heute ausgestorben sind. Zu den wichtigsten zählen Hethitisch, Luwisch, Lykisch, Lydisch, Phrygisch, Akkadisch (in der Form des Assyrischen), Urartäisch, Altgriechisch, Byzantinisch, Altarmenisch, Lateinisch und das klassische Syrisch, die Religionssprache der aramäischen Christen.

Der Artikel Sprachen der Türkei gibt eine Gesamtübersicht über die Vielfalt der aktuellen und historischen Sprachen im Gebiet der heutigen Türkei und ihre genetische Zuordnung zu den einzelnen Sprachfamilien. Quelle der genannten Sprecherzahlen sind Ethnologue 2005 und mehrere statistische Übersichtswerke. Die genetische Einordnung der Sprachen stammt aus dem unten angegebenen Weblink „Die Sprachen der Türkei“.

Das Prinzip der in der Türkei praktizierten Version des Laizismus (eines der sechs Grundprinzipien des Kemalismus) schreibt eine strenge Trennung von Religion und Staat vor, in der Realität ist die Religion dem Staat aber untergeordnet. Artikel 24 der Verfassung von 1982 beschränkt die Glaubensfreiheit auf das Individuum. Religionsgemeinschaften können aus dem Verfassungsabschnitt keine Rechte geltend machen.

Die sunnitisch-islamischen Einrichtungen werden vom staatlichen Diyanet İşleri Başkanlığı, dem Präsidium für Religionsangelegenheiten, verwaltet. Im Jahr 2007 beschäftigte das DİB 84.195 Menschen, darunter waren 60.641 Imame. Es ist für 79.096 (2007) Moscheen im Lande verantwortlich und für diejenigen Moscheen im Ausland, die zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) gehören. Außerhalb der Türkei ist das DİB für 1805 Moscheen zuständig. Es regelt die Ausbildung der Imame und Muezzine, bezahlt und erhält die Moscheen und gibt landesweit den Inhalt der zu haltenden Predigten vor. Das Diyanet ist auch für die Ausrichtung der Koran-Kurse zuständig. Es entsendet Prediger, Imame und Muezzine an die Moscheen und unterhält die Gotteshäuser. Das Amt entsendet ebenfalls Räte (müşavir) und Attachés an Botschaften und Konsulate, insbesondere in der Bundesrepublik.

Nach offiziellen Statistiken sind beinahe 99 % der türkischen Bevölkerung Muslime. Davon sind etwa 80 bis 85 % Sunniten, die restlichen 15 bis 20 % Aleviten. Außerdem leben in der Türkei 0,2 % Christen (125.000) und 0,04 % Juden (23.000). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten jedoch noch etwa 20 % Christen (insbesondere christliche Armenier und Griechen) auf dem Gebiet der heutigen Türkei und 1923 wurden 100.000 Juden in der Türkei gezählt. Zu erwähnen ist, dass auch eine kleine Anzahl von Jesiden in der Türkei lebt.

Die offiziellen Zahlen sind jedoch irreführend, weil jeder Einwohner der Türkei, wenn er nicht explizit als einer anderen Religion zugehörig erklärt wird, automatisch als Muslim erfasst wird. Ein Gegenstück zum Kirchenaustritt gibt es nicht, so dass auch Atheisten und Agnostiker offiziell als Muslime geführt werden. Die Zahl der nicht religiösen Einwohner der Türkei ist daher nicht bekannt.

Seit der Republikgründung im Jahre 1923 wuchs die Bevölkerung der Türkei schnell an. 1927 lebten in der Türkei knapp 14 Millionen Menschen, 2003 waren es knapp 70 Millionen (siehe Grafik). In den letzten Jahren hat sich das Bevölkerungswachstum sehr verlangsamt. Während es 2000 noch 1,7 % betrug, wird für 2004 von einem Bevölkerungswachstum von 1,13 % ausgegangen.

Die Türkei ist gleichzeitig ein Auswanderungs- und Einwanderungsland. Aus dem Balkan, Nahen Osten, Griechenland, Iran, Zentralasien, Krim usw. kamen nach dem Fall der eisernen Mauer Aussiedler in die Republik. Auf der anderen Seite verließen viele Minderheiten die Türkei, etwa Kurden, Assyrer, Griechen, Juden, Jesiden, Zaza usw. sowie Millionen von eigentlichen Türken.

Die Türkei verfügt über eine sehr junge Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt der türkischen Bevölkerung liegt bei etwa 27,3 Jahren (Stand 2004). Die Altersstruktur setzte sich 2004 folgendermaßen zusammen: 26,6 % der Staatsbürger sind zwischen 0 und 14 Jahre alt, 66,8 % zwischen 15 und 64 Jahre und nur 6,6 % über 65 Jahre alt.

Der Staat stellt für alle Bürger eine medizinische Grundversorgung zur Verfügung. 1999 kam im Durchschnitt ein Arzt auf 859 Einwohner. Die Lebenserwartung beträgt in der Türkei bei den Männern 66,6 Jahre und bei den Frauen 71,2 Jahre. Beim Lebensstandard, der durch den Human Development Index repräsentiert wird, liegt die Türkei weltweit auf dem 84. Platz (Stand 2005). Damit gehört sie zu den Ländern mit einem mittleren Entwicklungsstand (zum Vergleich: Deutschland belegt den 22. Platz).

Seit der Gründung der Republik wird versucht, die Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft zu verbessern. Die Türkei gehörte zu den ersten Staaten, die das Frauenwahlrecht einführten. Seit 1930 dürfen Frauen in der Türkei wählen und seit 1934 können sie sich selbst zur Wahl stellen. Erst 2004 wurde ein Gesetz durch das Parlament beschlossen, das so genannte „Ehrenmorde“ an Mädchen und Frauen wie vorsätzlichen Mord mit lebenslanger Haftstrafe ahndet. Davor wurden bei solchen Morden unter dem Motiv der Familienehre vor den Gerichten mit Erfolg mildernde Umstände geltend gemacht. Diese mildernden Umstände wurden mit dieser Strafrechtsreform nichtig. Siehe dazu auch den Artikel Frauenrechte in der Türkei.

Das Gebiet der heutigen Türkei ist seit der Altsteinzeit besiedelt. Sehr früh begann in der Osttürkei das Neolithikum. Zeugnisse davon sind in Göbekli Tepe, Nevali Cori und Çatalhöyük zu sehen. Im dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. waren in Anatolien die Hattier (auch Protohattier) ansässig, in Nordmesopotamien die Hurriter. Von ihnen gibt es fast keine archäologischen Relikte.

In der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends wanderten neben den Luwiern die ebenfalls indogermanischen Hethiter ein, ihre Herkunft ist noch ungeklärt. Etwa zu dieser Zeit entstand ein Netz assyrischer Handelskolonien (karum) in Kleinasien. Nach einer Zeit lokaler Fürstentümer gründeten die Hethiter um 1600 v. Chr. ihr Großreich mit der Hauptstadt Hattuša. Ihr Reich endete aus unbekannten Gründen um 1200 v. Chr., das Volk existierte jedoch in Kleinkönigreichen bis etwa 600 v. Chr. weiter. Ein möglicher Anlass für das Ende des Hethiterreiches waren die nach Homer aus Thrakien stammenden Phryger. Über ihre Frühzeit auf türkischem Gebiet gibt es wenig Zeugnisse, inzwischen zeichnet sich ab, dass sie ihre Hauptstadt Gordion bereits im 12. Jahrhundert v. Chr. besiedelten. Um 750 v. Chr. ist ein phrygisches Großreich um Gordion und Midasstadt nachweisbar, es endete 696 v. Chr. mit dem Einfall der wahrscheinlich aus Südrussland kommenden Kimmerier. Etwa gleichzeitig entstand mit der Hauptstadt Sardes im westlichen Kleinasien das Reich der Lyder, während im Südosten vom neunten bis siebten Jahrhundert v. Chr. das Reich von Urartu existierte, das im mehr oder weniger ständigen Kampf mit den Assyrern lag.

Die Westküste Anatoliens (unter anderem Milet) wurde bereits seit Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends von ionischen und aiolischen und teilweise auch dorischen Griechen besiedelt, die von dort aus auch an die Südküste und die Schwarzmeerküste weiter vordrangen. Auch Relikte der mykenischen Kultur sind an der West- und Südküste gefunden worden, inzwischen sogar in Kuşaklı im zentralanatolischen Hochland. Ab 700 v. Chr. drangen von Osten Meder und Perser ein und eroberten nacheinander das Reich der Kimmerier, Lydien und Teile der griechischen Siedlungen. Ab 334 v. Chr. erfolgte die Eroberung ganz Kleinasiens durch Alexander den Großen. Nach dessen Tod und dem Zerfall seines Großreichs begann die Hochzeit des Hellenismus im Gebiet der Türkei. Die griechische Vorherrschaft wurde gegen Ende des dritten Jahrhunderts von der Expansion des Römischen Reichs beendet, das nach und nach die Macht im ganzen Kleinasien übernahm und auch bis zur Reichsteilung in West- und Ostrom (Byzanz) im vierten nachchristlichen Jahrhundert behielt. Danach gehörte das Land bis zum Eindringen der Osmanen zu Byzanz.

Die endgültige türkische Besiedlung Anatoliens begann mit dem Eintreffen der Seldschuken im 11. Jahrhundert n. Chr. Die ursprüngliche Heimat der Türken lag in Zentralasien und Westchina.

Die Seldschuken schlugen die byzantinische Armee in der Schlacht von Mantzikert im Jahre 1071 vernichtend. 1077 wurde das Sultanat der Rum-Seldschuken gegründet und daraufhin eroberten die Türken große Gebiete Ost- und Mittelanatoliens. Nach dem Überfall der Mongolen wurde das seldschukische Reich geschwächt, so dass sich viele türkische Stämme verselbständigten. Aus einem dieser türkischen Fürstentümern (Beyliken) erwuchs das spätere Osmanische Reich. Seit dem zwölften Jahrhundert ist in westlichen Quellen die Bezeichnung des Landes als Turchia belegt.

Um 1299 begründete Osman I. (* 1259; †1326) das nach ihm benannte Osmanische Reich und die Osmanen-Dynastie. Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 herrschten die Osmanen über große Teile des Nahen Ostens, Nordafrikas, der Krim, des Kaukasus und des Balkans.

Nachdem die Expansion des Osmanischen Reiches nach Europa hinein vor Wien zum Stillstand gebracht, das osmanische Heer dort am Kahlenberg 1683 geschlagen worden war, wurde das Reich immer weiter aus seinen europäischen Gebieten bis auf den Zipfel westlich des Marmarameeres, zwischen Istanbul und Edirne, zurückgedrängt. Die ab dem 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalbewegungen führten zu einer allmählichen Zersplitterung des Reichs, die Besetzung Nordafrikas durch europäische Mächte und schließlich die Niederlage im Ersten Weltkrieg bewirkten seinen endgültigen Verfall.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte. Nachdem Frankreich und Großbritannien den Armeniern einen selbständigen Staat in Ostanatolien versprochen hatten, befürchtete die osmanische Regierung eine Schwächung ihrer territorialen Integrität. Unter dem Vorwand einer Umsiedlungsaktion wurde ein großer Teil der im Reichsgebiet lebenden Armenier ermordet oder starb während der Vertreibung in die syrische Wüste. Insgesamt wurden 1915–17 ca. 1,5 Millionen Armenier getötet. Dennoch wird dieser Völkermord an den Armeniern nach wie vor von offizieller Seite bestritten.

Nach der Niederlage der Mittelmächte verlor das Osmanische Reich infolge des Friedensvertrages von Sèvres seine verbliebenen Gebiete außerhalb von Anatolien und Thrakien. Darüber hinaus sollte das Gebiet der heutigen Türkei weitgehend zerstückelt werden. Griechenland wurden die Stadt Smyrna (türkisch İzmir) und Teile von Westanatolien zugesprochen, die Region um Adana sollte an die Italiener gehen und der französische Besitz sollte neben Syrien auch Kilikien umfassen. In den östlichen Landesteilen der heutigen Türkei mit den Städten Kars, Ardahan und Erzurum sollte ein armenischer Staat entstehen. Südlich davon und östlich des Euphrat wurde den Kurden eine autonome Region zugesprochen. Diese Pläne wurden allerdings nicht umgesetzt.

Mustafa Kemal Paşa organisierte ab dem 19. Mai 1919 den politischen und militärischen Widerstand gegen diese Pläne. Besonders heftig waren ab 1920 die Kämpfe mit Griechenland. Der Krieg endete am 9. September 1922 mit der Einnahme des damals mehrheitlich griechisch bewohnten Smyrna (İzmir). Der Sieg der Türkei gipfelte in der Kleinasiatischen Katastrophe, in deren Folge viele Griechen und Türken aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Nach dem Sieg der Türkei wurden am 24. Juli 1923 mit dem Vertrag von Lausanne die Bestimmungen aus dem Vertrag von Sèvres revidiert. Mit dem Vertrag wurden die bis heute gültigen Grenzen des neuen Staates völkerrechtlich anerkannt. Gleichzeitig wurde der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in geregelte Bahnen gelenkt. Nachdem alle ausländischen Kräfte aus Anatolien vertrieben wurden, rief Mustafa Kemal am 29. Oktober 1923 die Republik aus.

Im Laufe seiner Amtszeit führte Mustafa Kemal tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch, die die Türkei in einen modernen, säkularen und europäisch orientierten Staat verwandelten. Die Leitlinien seiner Politik werden heute unter dem Begriff Kemalismus zusammengefasst.

Unter anderem wurde im Jahre 1922 das Sultanat abgeschafft und am 3. März 1924 folgte die Abschaffung des Kalifats. Im selben Jahr schaffte die Türkei die Scharia ab, 1925 wurden im Zuge einer umfassenden Kleiderreform Fez (traditionelle türkische Kopfbedeckung der Männer) und Schleier für die Frau verboten und die Koedukation eingeführt. 1926 wurde die islamische Zeitrechnung durch den Gregorianischen Kalender ersetzt sowie das metrische System eingeführt. Letzteres galt für staatliche Einrichtungen schon seit 1871.

In den folgenden Jahren wurden ganze Rechtssysteme aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst. 1926 wurde zunächst das Schweizer Zivilrecht – und damit die Einehe mit einer Gleichstellung von Mann und Frau – übernommen (Die Gleichstellung der Geschlechter gelang im täglichen Leben allerdings nur teilweise). Es folgten das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht. 1928 wurde die Säkularisierung ausgerufen und im selben Jahr die Arabische Schrift durch die Lateinische ersetzt (siehe Neues türkisches Alphabet). Im Zuge weiterer Reformen wurde in der Türkei 1930 das aktive Frauenwahlrecht eingeführt, und seit 1934 dürfen sich Frauen auch selbst zur Wahl stellen (passives Frauenwahlrecht). Außerdem führte er den verbindlichen Nachnamen ein, wobei er für sich selbst den Namen Atatürk (Vater der Türken) wählte. Nur wenige der Reformen – etwa Atatürks Idee, in den Moscheen statt auf Arabisch nur noch auf Türkisch zu beten – wurden (nach seinem Tode) zurückgenommen, da man es nicht ganz durchführen und kontrollieren konnte.

Nachdem Atatürk am 10. November 1938 starb, wurde sein enger Weggefährte Ismet Inönü zweiter türkischer Staatspräsident. Inönü war bestrebt, die Modernisierung der Türkei fortzuführen und die außenpolitische Neutralität beizubehalten. 1939 schloss sich der Staat Hatay der Türkei an und ging in der gleichnamigen Provinz mit der Hauptstadt Iskenderun auf.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bewahrte die Türkei zunächst ihre außenpolitische Neutralität. Erst am 23. Februar 1945 erklärte sie Deutschland und Japan symbolisch den Krieg, um anschließend die Charta der Vereinten Nationen mit zu unterschreiben.

1946 wurde in der Türkei erstmalig eine weitere politische Partei zugelassen. Die DP (Demokratische Partei) errang bei den Wahlen am 14. Mai 1950, unter der Führung von Adnan Menderes, die Mehrheit der Sitze im Parlament. Damit endete die seit Republikgründung herrschende Einparteienherrschaft der CHP.

Der sich abzeichnende Ost-West-Konflikt und die Versuche der Sowjetunion, Einfluss auf die Türkei auszuüben, führten zur endgültigen Aufgabe der außenpolitischen Neutralität der Türkei. 1950 nahm die Türkei als Teil eines UNO-Kontingents am Korea-Krieg teil und trat 1952 in die NATO ein.

1960 proklamierte der regierende Ministerpräsident Adnan Menderes ein Ermächtigungsgesetz, um die politische Opposition auszuschalten. Gegen diese Maßnahmen putschte 1960 das Militär. Menderes und andere Politiker wurden zum Tode verurteilt und am 17. September 1961 auf Imrali gehängt. Nachdem das Militär 1961 eine neue Verfassung eingeführt hatte, gab es die Macht an eine Zivilregierung ab.

Inönü wurde Ministerpräsident und regierte von 1961 bis 1965. 1963 schloss die Türkei mit der damaligen EWG ein Assoziierungsabkommen ab. Aber auch die Folgeregierung konnte die Probleme nicht in den Griff bekommen. Linke und rechte Terror-Aktivitäten nahmen zu und die Wirtschaftslage verschlechterte sich rapide. 1971 griff die Armee, ohne zu putschen, erneut in die Politik ein. Unter dem militärischen Einfluss wurden repressive Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung durchgesetzt.

1974 stürzte die damalige griechische Militärdiktatur den zypriotischen Präsidenten Makarios. Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit entsandte daraufhin Truppenverbände nach Zypern, um einerseits die türkische Minderheit auf der Insel zu schützen, und andererseits einen Zusammenschluss zwischen dem damals faschistisch orientiertem Griechenland und Zypern zu verhindern. Diese Militäroperation trug den Namen Friedensoperation Zypern (Kıbrıs barış harekatı). Nach schweren Kämpfen wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der zur bis heute andauernden Teilung der Insel in zwei selbständige Teile führte. Am 15. November 1983 wurde die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) unter Rauf Denktaş proklamiert, die allerdings bis heute völkerrechtlich nicht anerkannt wird.

Das Militär putschte sich am 12. September 1980 zum dritten Mal an die Macht. Auslöser war die sehr instabile Phase in den 70er-Jahren, die durch wechselnde politische Koalitionen, politische und wirtschaftliche Instabilität und Terrorakte durch das extrem rechte und linke politische Spektrum geprägt war. Das Militär unter General Kenan Evren verhängte über das Land das Kriegsrecht und verbot alle politischen Parteien. Die Junta ging heftig gegen die kurdischen Separatisten und linke Oppositionelle vor. Am 7. November 1982 wurde die von den Militärs vorgelegte neue Verfassung in einem Volksentscheid angenommen.

Ab Mitte der 1980er bestimmte der Kurdenkonflikt die innenpolitische Debatte in der Türkei. Die Kurdenproblematik wurde bis dahin von der Politik tot geschwiegen und war nicht im Bewusstsein der türkischen Gesellschaft. Die Assimilierungspolitik der Türkei führte zur Unterdrückung der kurdischen Kultur und Identität. Als Reaktion darauf entstand im Jahre 1978 die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mit Abdullah Öcalan an ihrer Spitze. Sie nahm 1984 im Südosten den bewaffneten Kampf für einen unabhängigen sozialistischen Staat Kurdistan auf. Bis 2007 sind bei den Anschlägen und Kämpfen zwischen dem türkischen Militär und der PKK 40.000 Menschen ums Leben gekommen.

Am 16. Februar 1998 nahm der türkische Geheimdienst Abdullah Öcalan, den Führer der PKK, in Kenia gefangen und brachte ihn in die Türkei. Daraufhin erklärte die PKK einen einseitigen Waffenstillstand, der erst wieder 2004 gebrochen wurde.

Unter der Regierung Ecevits (1999–2002) begannen umfassende Reformen im Zivilrecht, die die Menschen- und Freiheitsrechte stärkten (z. B. Versammlungs- und Demonstrationsrecht). Diese Reformen wurden unter der AKP (seit 2001) fortgesetzt. Unter anderem wurde die Todesstrafe abgeschafft, Folter verboten und die kulturellen Freiheiten der kurdischen Bevölkerung gestärkt. So sind der Gebrauch der kurdischen Dialekte, Kurdischunterricht und kurdische Radio- und Fernsehkanäle nun erlaubt. Auch der staatliche Sender TRT 3 strahlt Sendungen in Arabisch, Zazaki, Kumanci, Bosnisch usw. aus.

Am 15. November 2003 und 20. November 2003 verübte eine Zelle der Al-Qaida mehrere Bombenanschläge in Istanbul. Ziele der Anschläge, bei denen 60 Menschen starben, waren zwei Synagogen, das britische Konsulat und die Filiale der britischen HSBC-Bank.

Seit 2004 sind die Kämpfe zwischen den türkischen Streitkräften und der Untergrundorganisation PKK wieder aufgeflammt und 2005 und 2007 nahmen sie nochmals an Intensität zu.

Bei einem Besuch in Diyarbakır bezeichnete der jetzige Premier Erdoğan am 12. August 2005 die Probleme im Osten als ein spezifisch kurdisches Problem (kürt sorunu). Zum ersten Mal in der türkischen Geschichte wurde der spezifisch kurdische Charakter des Konfliktes im Osten der Türkei anerkannt.

Nach 40-jähriger Bemühung erreichte die Türkei am 3. Oktober 2005 die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.

In der Türkei herrscht eine Gewaltenteilung zwischen der Legislative, Exekutive und der Judikative. Nach der Verfassung aus dem Jahr 1982 ist die Türkei eine parlamentarische Demokratie mit einem relativ mächtigen Präsidenten und einer unabhängigen Justiz. Diese Verfassung wurde zuletzt 2002 verändert.

Gesetzgebendes Organ (Legislative) ist in der Türkei die Große Nationalversammlung der Türkei (Türkiye Büyük Millet Meclisi). Sie besteht aus 550 Parlamentariern, die vom Volk direkt für vier Jahre gewählt werden. Ab dem 18. Lebensjahr ist jeder Staatsbürger in der Türkei wahlberechtigt und auch wahlpflichtig. Eine Stimmabgabe an türkischen Grenzübergängen ist möglich.

Staatsoberhaupt ist der vom Volk für fünf Jahre gewählte Staatspräsident. Eine Wiederwahl des Staatspräsidenten ist für eine weitere Amtszeit möglich (5+5). Der Staatspräsident beauftragt den Parteivorsitzenden der Mehrheitspartei mit der Bildung der Regierung. Regierungschef ist der Ministerpräsident, der die Mehrheitspartei oder die Regierungskoalition repräsentiert. Der Staatspräsident segnet die Minister der Regierung ab.

Das Verfassungsgericht ist einer der obersten Gerichtshöfe der Türkei. Es entscheidet über die Verfassungsmäßigkeit der vom Parlament verabschiedeten Gesetze. Erstmals wurde 2005 mit Tülay Tuğcu eine Frau zur Vorsitzenden des Verfassungsgerichts gewählt, die das Amt bis zum 12. Juni 2007 bekleidete.

Der Inlandsnachrichtendienst Millî İstihbarat Teşkilâtı wacht mittels umfangreicher Ermächtigungen u.a. über die innere Ordnung, Verfassung und Sicherheit des Landes.

Am 22. Juli 2007 fanden vorgezogene Neuwahlen zum Parlament statt. Drei Parteien schafften es in das Parlament einzuziehen, die Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP), die Cumhuriyet Halk Partisi (CHP) und die Milliyetçi Hareket Partisi (MHP).

1. Mehmet Cihat Özönder starb am 27. Juli 2007 bei einem Autounfall. 2. Erdoğan Yetenç trat am 10. August 2007 aus der CHP aus. 3. Abdullah Gül wurde am 28. August 2007 zum Präsidenten der Republik Türkei gewählt. 4. Hamit Geylanis politisches Betätigungsverbot ist am 21. Juli 2008 ausgelaufen. 5. Osman Yağmurdereli starb am 2. August 2008 aufgrund seiner Krebserkrankung.

Gewerkschaftsbünde Türk-İş (gemäßigt, ca. 2,13 Mio. Mitglieder), DİSK (links-orientiert, ca. 0,35 Mio. Mitglieder) Hak-İş (islamisch-konservativ, ca. 0,36 Mio. Mitglieder).

Zu den außenpolitischen Konstanten gehören für die Türkei der Wunsch nach einem Beitritt zur Europäischen Union, die Westbindung und das Verhindern eines eigenständigen kurdischen Staates. Die Türkei betrachtet sich auch als Schutzmacht der Turkmenen auf dem Balkan und im Nord-Irak. Darüber hinaus versucht die Türkei eine Führungsrolle bei den Turkstaaten (Türkische Republik Nordzypern, Aserbaidschan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Kasachstan) Zentralasiens einzunehmen und ihre Beziehungen zu den autonomen türkischen Republiken und Regionen zu verbessern. Ungewöhnlich für einen mehrheitlich von Muslimen bewohnten Staat sind die guten Beziehungen der Türkei zu Israel; es werden u. a. regelmäßig gemeinsame Militärmanöver durchgeführt.

Die Türkei ist seit 1952 Mitglied der NATO und seit 1963 assoziiertes Mitglied in den Vorläuferorganisationen der EU und strebte seit über vier Jahrzehnten Verhandlungen über eine Vollmitgliedschaft zuerst in der EWG, später der EG und zuletzt in der Europäischen Union an. Am 16./17. Dezember 2004 beschloss der Europäische Rat die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zum 3. Oktober 2005. Zuvor hatten dies sowohl die Europäische Kommission als auch das Europäische Parlament befürwortet. Obwohl die Verhandlungen pünktlich begonnen haben, machen sich Beitrittsgegner weiterhin für eine Privilegierte Partnerschaft stark – diese wird jedoch von türkischer Seite und den meisten EU-Mitgliedstaaten abgelehnt.

Die Kommunalverwaltung ist in der Türkei in 81 Provinzen (il oder valilik) unterteilt, die durch einen Gouverneur (Vali) verwaltet werden. Die einzelnen Provinzen sind weiter in einzelne Landkreise und Gemeinden unterteilt. Die Landkreise (ilçe oder kaymakamlık) werden von einem Kaymakam geleitet, der vom Innenminister ernannt wird. Die Bürgermeister (Belediye Başkanı) und Dorfvorsteher (Muhtar) werden vom Volk gewählt. Die Autonomie der unteren Ebenen wird unter anderem durch das Fehlen eigener Geldquellen eingeschränkt.

Aufgrund seiner Lage als Knotenpunkt zwischen Asien und Europa ist der Verkehrssektor eine wichtige Einnahmequelle der Türkei. Die Transportdienstleistungen umfassen neben den Straßen- auch See-, Luft-, Schienenverkehr und Transporte über Rohrleitungen. Mit internationalem Personen- und Güterverkehr auf Straßen erwirtschaftete die Türkei 1999 1,2 Milliarden Euro.

Der inländische Gütertransport und Personenverkehr erfolgt fast ausschließlich auf der Straße. Der Güterverkehr mit dem Ausland erfolgt überwiegend über den Wasserweg und der Personenverkehr über den Luftweg.

2000 machte der Verkehrs- und Kommunikationssektor rund 14 % des Bruttoinlandsprodukts aus. 27,3 % aller öffentlichen Investitionen werden in diesem Bereich getätigt. Damit zeigt sich eindrucksvoll die Bedeutung dieses Sektors für die Türkei.

Die Straßen in der Türkei haben eine Länge von insgesamt 413.724 km. Davon sind 62.000 km Landstraßen, 350.000 km sog. Dorfstraßen und 1.800 km Autobahn. Das Autobahnnetz soll in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. Die wichtigste Autobahnstrecke ist die von İstanbul nach Ankara (O-4), auch die O-52 von Adana nach Gaziantep ist wichtig für Verkehr und Transport. Weitere Autobahnen existieren um İzmir (O-31 und O-32) und im südlichen Teil des Landes (Mersin, İskenderun, Pozantı). Eine Autobahn von İzmir nach Manisa ist im Bau, die Autobahnen Adana-Ankara und Gaziantep-Şanlıurfa sind ebenfalls im Bau.

Auf den Straßen werden 89,2 % (Stand 2000) aller inländischen Güter transportiert. Der Anteil des Personenverkehrs ist mit 95 % sogar noch höher. Bei Überlandfahrten sind Reisebusse sehr beliebt. Hier konkurrieren viele Unternehmen um die Gunst der Fahrgäste, daher ist der Service bei den Busgesellschaften sehr hoch, so wird bei den Überfahrten den Reisenden Kaffee, Tee, Wasser und Gebäck gereicht.

Die Verkehrssicherheit erreicht derzeit noch nicht das Niveau der meisten europäischen Staaten. Jährlich sind ca. 3.400 Todesopfer im Straßenverkehr zu beklagen. Gegenwärtig wird ein neues System der Hauptuntersuchungen durch den TÜV SÜD in der Türkei eingeführt (vgl. ). Angebote im Bereich der Verkehrspsychologie sind in Vorbereitung.

Die Einnahmen durch Mautgebühren betrugen im laufenden Jahr 2005 231 Millionen YTL und sollen am Ende des Jahres nach staatlichen Schätzungen bei 357 Millionen YTL liegen. Mautpflichtig sind die zwei Brücken über den Bosporus in Istanbul und 6 Autobahnstrecken. Die (Bosporus-Brücke und die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke) benutzten über 136 Millionen Fahrzeuge und die mautpflichtigen Straßen über 120 Millionen Fahrzeuge.

Der Nahverkehr wird in den Städten durch öffentliche Busse organisiert. Da aber der öffentliche Nahverkehr ungenügend ausgebaut ist, dominieren Sammeltaxis (Dolmuş). Der türkische Name Dolmuş (türkisch für soll voll sein) rührt daher, dass diese Taxis nicht zu einer festen Abfahrtszeit losfahren, sondern erst, wenn der Kleinbus hinreichend voll ist. Diese Kleinbusse gehören Privatpersonen und fahren bestimmte Linien ab, ähnlich wie öffentliche Busse. Unterwegs darf jeder Passagier an einem beliebigen Ort ein- und aussteigen (ähnlich wie bei einem Taxi). Die Fahrtkosten sind abhängig von der gefahrenen Strecke und werden bar beim Fahrer oder seinem Gehilfen bezahlt. Daneben gibt es reguläre Taxis, die mit einem Taxameter arbeiten.

Der Schienenverkehr in der Türkei ist seit Jahrzehnten dem Ausbau des Straßennetz nachgestellt worden. Die Trassierungen des Eisenbahnnetzes stammen weitestgehend noch aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Länge beträgt 10.500 km, davon sind ca. 20 % elektrisch betrieben. Am Gesamtverkehr macht der Anteil der Eisenbahn 10 % aus (Stand 1999).

Außer auf der Strecke zwischen Istanbul und Ankara verkehren in der Regel nur ein oder zwei Personenzüge täglich. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit liegt unter der, die mit dem recht dichten Netz des öffentlichen Busverkehrs erreicht wird. Jedoch ist der Komfort in den Zügen weit höher. Es gibt nur noch eine Wagenklasse, Pullman genannt. Darüber hinaus werden in den Nachtverbindungen Schlafwagen (Zweibettabteile) oder Liegewagen (Vierbettabteile) angeboten. Die Bahn ist für Nichtanlieger nur schwer zu nutzen.

Zwischen Istanbul und Ankara wird eine Hochgeschwindigkeitstrasse errichtet, deren Fertigstellung für 2008 geplant ist. Darauf sollen Züge mit bis zu 250 km/h verkehren. Von Ankara nach Konya ist ebenfalls eine Hochgeschwindigkeitsstrecke im Bau. Im Rahmen des europäischen Verkehrskonzeptes Wider Europe for Transport soll die Schnellzugverbindung bis zum Jahre 2010 bis an die bulgarische Grenze verlängert werden. Zwischen Ankara und Izmir, Ankara und Konya, Eskisehir und Konya, Ankara und Afyonkarahisar, Ankara und Sivas sowie Sivas und Kars sind Hochgeschwindigkeitsstrecken in Planung. Wegen der nicht abgeschlossenen Finanzierung des Projekts kann mit dem Bau noch nicht begonnen werden. Bis 2023 sollen alle geplanten Hochgeschwindigkeitsstrecken im Betrieb sein. In Istanbul wird an einer Unterquerung des Bosporus (Marmaray) gearbeitet. Mit der Fertigstellung des Marmarays können Züge theoretisch von London bis nach Ankara ununterbrochen verkehren.

In Istanbul (U-Bahn Istanbul), Ankara, İzmir (Metro İzmir), Adana und Bursa existieren auch U-Bahnen. Sie sind sehr beliebt und fahren etwa 80 km/h schnell. Die Türkische Staatsbahn (TCDD) betreibt entlang ihrer Linien in Ankara und Istanbul einen S-Bahn-Verkehr. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist der schienengebundene Personennahverkehr in diesen Städten allerdings stark unterentwickelt: In Ankara bestehen – bei 4,5 Mio. Einwohnern – zwei (technisch miteinander nicht kompatible) U-Bahn-Linien. In Istanbul bestehen – bei einer zwischen 13 Mio. und 17 Mio. geschätzten Einwohnerzahl – auf der europäischen Seite sechs unterschiedliche, miteinander nicht kompatible schienengebundene Nahverkehrs-Systeme, die aber jeweils nur eine Strecke bedienen; auf asiatischer Seite zwei. Dies ist eine nur sehr begrenzte Alternative zu dem meist genutzten Busnetz. Straßenbahnlinien gibt es in Izmir, Ankara, Kayseri, Adana, Antalya (5,1 km), Bursa (14 km), Eskisehir (14,5 km), Istanbul (Tramvay 14,3 km u.a.) und Konya (18 km). In der Provinzstadt Denizli ist ein S-Bahn-Netz in Planung. Dafür sollen S-Bahnen und Spezialzüge, die für die WM 2006 in Deutschland angefertigt wurden, erworben werden.

Die staatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines (Türk Hava Yolları THY) wurde 1933 gegründet und hatte bis in die 1990er ein Monopol in der türkischen Luftfahrt. Mittlerweile bieten zahlreiche private Fluggesellschaften (zum Beispiel Atlasjet, Fly Air, MNG Air, Onur Air, SunExpress) ihre Dienste an und kommen auf einen Marktanteil von 33 %.

Insgesamt verfügt die Türkei über 117 Flughäfen, wovon 15 internationale Flughäfen sind; der bedeutendste Flughafen ist mit 23 Millionen Passagieren (Stand 2007) der Atatürk-Flughafen im europäischen Teil Istanbuls. Auf der asiatischen Seite der Stadt befindet sich der kleinere, erst vor wenigen Jahren eröffnete moderne Flughafen Sabiha Gökçen, der jetzt verstärkt frequentiert wird. Für den Tourismus ist der Flughafen Antalya mit fast 17 Millionen Passagieren (Stand 2007) sehr wichtig. Weitere wichtige Flughäfen sind diejenigen von Izmir (Adnan Menderes Havalimanı) und Ankara (Esenboğa).

Mit einer Küstenlänge von 8.333 km und 156 Häfen ist das Potential des Schiffsverkehrs groß. Die Tonnage der gesamten türkischen Handelsflotte beträgt fast 10.444.163 DWT. Der Handelsflotte gehören 888 Frachter mit über 300 Bruttotonnen an.

In Istanbul ist der Fährverkehr ein wichtiges Nahverkehrsinstrument. Die Fahrtdauer zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil beträgt je nach Route zwischen 20 und 40 Minuten.

Die erste Pipeline zum Transport von Rohöl und Ölprodukten wurde 1966 zwischen Batman und Dörtyol (am Golf von İskenderun) in Betrieb genommen. 1977 wurde die wichtige Ölleitung zwischen dem Irak und der Türkei mit einer Gesamtlänge von 981 km (davon liegen 641 km auf türkischem Boden) eingeweiht. Die Leitung wurde wegen des Golfkrieges und des anschließenden Embargos zwischen 1990 und 1997 außer Betrieb gesetzt.

Seit 2002 führt eine Erdgasleitung mit dem Namen Blue Stream durch das Schwarze Meer von Noworossijsk nach Samsun und weiter nach Ankara. Die Leitung hat eine jährliche Kapazität von 14 Milliarden Kubikmetern.

Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline liefert Erdöl aus Mittelasien und Kaukasien über die Türkei nach Westeuropa. Die Ölleitung verläuft über Aserbaidschan (Baku), Georgien (Tiflis) und die Türkei (Ceyhan), ist 1760 km lang und hat eine Kapazität von etwa 1 Million Barrel pro Jahr. Die BTC-Pipeline gilt weltweit als eines der teuersten und technisch aufwändigsten Pipeline-Projekte. Seit Mai 2005 fließt über diese Leitung Rohöl zum Mittelmeer.

Parallel zur Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline verläuft die Südkaukasus-Pipeline von Baku über Tiflis nach Erzurum. Sie ist 690 km lang und soll ab Ende 2005 Naturgas vom Kaspischen Meer in das türkische Gastransportsystem pumpen. Die Kapazität ist auf sieben Milliarden Kubikmeter Gas ausgelegt.

Zwischen Ceyhan (Türkei) und Haifa (Israel) ist der Med Stream, eine Pipeline für den Transport von Elektrizität, Erdgas, Rohöl und Wasser geplant.

Der einzige Festnetzanbieter in der Türkei ist die Türk-Telekom. 2005 wurden 55 % der Türk-Telekom für 6,55 Mrd. $ an ein Firmenkonsortium (Oger Telecom Ortak Girişim Grubu) verkauft. Während die Zahl der Festnetzanschlüsse stagniert, verzeichnet der Mobilfunkbereich sehr hohe Wachstumsraten. Waren 2001 noch 19,5 Millionen Festnetzanschlüsse registriert, sank die Zahl der Anschlüsse 2005 geringfügig auf 19 Millionen. Die Zahl der Mobilfunknutzer stieg hingegen von 17,1 Millionen 2001 auf 43,6 Millionen im Jahr 2005.

Die internationale Anbindung der Kommunikation wird u. a. durch drei im Mittelmeer und Schwarzen Meer verlegte Faseroptik-Kabel gewährleistet. Hierdurch ist die Türkei mit Italien, Griechenland, Israel, Bulgarien, Rumänien, Russland und den USA verbunden. Darüber hinaus sind 12 Intelsat-Stationen und 328 mobile Satelliten-Terminale hierfür im Einsatz.

Der internationale Internetcode ist die Endung .tr. Die meisten türkischen Websites nutzen jedoch die TLD .com oder .com.tr, da die. tr-TLD nicht vergeben wird. Für die Vergabe von IPs und Namen ist die Technische Universität des Nahen Ostens (ODTÜ) zuständig.

Derzeit baut die Türk-Telekom ein flächendeckendes DSL-Netz. Laut der neuesten Erhebung des türkischen Statistikinstituts vom 16. November 2005 besitzen 12,75 % der Bevölkerung einen PC oder einen Laptop und 8,66 % der Haushalte besitzen einen Internetanschluss (2004 waren es 7,02 %).

Die wirtschaftliche Situation der Türkei ist immer noch sehr widersprüchlich. Es besteht eine sehr große Kluft zwischen dem industrialisierten Westen und seiner modernen Industrie (insbesondere in den großen Metropolen) einerseits und dem agrarisch strukturierten und wenig entwickelten Osten andererseits.

Der Großraum Istanbul erreicht beispielsweise 41 % des durchschnittlichen Einkommens der 15 alten EU-Staaten, der Osten hingegen nur 7 %. Diverse Projekte, u. a. die großen Staudamm-Projekte (Südostanatolien-Projekt (GAP)) sollen dem Osten helfen, sich besser zu entwickeln. Zudem gibt es innerhalb der türkischen Volkswirtschaft erhebliche strukturelle Probleme. So trägt die Landwirtschaft zum BSP lediglich 11,9 % bei, beschäftigt aber 30,6 % der Arbeitskräfte. Die Industrie trägt 29,6 % zum BSP bei und der Dienstleistungssektor 58,5 %. In der Industrie arbeiten 19,3 % aller Erwerbstätigen und in der Dienstleistung 44,5 %. Seit 1996 besteht zwischen der Türkei und der EU eine Zollunion (51,6 % der Exporte gehen in die EU, 46 % der Importe stammen aus der EU).

Die Türkei scheint ihre chronische Inflation mittlerweile in den Griff bekommen zu haben. Die Inflation erreichte zeitweise dreistellige, beinahe hyperinflationäre Zahlen (1994/1995 betrug sie in einigen Quartalen 150 %), 2003 sank sie auf 18,4 %, nach Schätzungen betrug sie 2004 ca. 9,4 %. Am 1. Januar 2005 wurde die alte Türkische Lira durch die Neue Türkische Lira (Yeni Türk Lirası) ersetzt. Damit verlor die Türkische Lira 6 Nullen. Außerdem wurde die Untereinheit der Lira, der Kuruş, wieder eingeführt.

Eine weitere wirtschaftliche Herausforderung für die Türkei stellt die hohe Staatsverschuldung dar. Bezogen auf das BSP beträgt sie 63,9 % (Stand 2006). Die Nettoneuverschuldung wurde in den letzten Jahren jedoch stark reduziert und im Jahr 2006 fast auf null gedrückt. Der Haushaltssaldo war (in % des BSP) in den letzten Jahren folgendermaßen: 2003: -11,3; 2004: -7,1; 2005: −2,0; 2006: um −1 (Schätzung).

Die wichtigsten Wirtschaftssektoren sind die Textilindustrie, Tourismus, Automobilindustrie und die Elektronikbranche. Die Investitionen von ausländischen Unternehmen in der Türkei liegen bei ca. 4,6 Mrd. Euro (2002), davon alleine 3,3 Milliarden aus Deutschland. 2002 gab es 5.129 ausländische Kapitalgesellschaften, die in der Türkei aktiv waren, die meisten davon aus EU-Staaten. 2005 erzielte der Staat durch Privatisierungen von Staatsunternehmen 20 Mrd. $. Die folgenden Tabellen zeigen den sich lebhaft entwickelnden Außenhandel der Türkei der letzten Jahre und die Haupthandelspartner.

In der letzten Erziehungsreform von 1997 wurde die gesetzliche Schulpflicht von 5 Jahren auf 8 Jahre erhöht. Danach findet der Übergang in die vierjährige Sekundarstufe II statt, in der alle Schüler seit 2004/05 eine zweite Fremdsprache wählen müssen.

Derzeit bemüht sich die AKP-Regierung intensiv um den erleichterten Hochschulzugang der Berufsschulabgänger. Ziel der Bemühungen ist es vor allem, den Abgängern der Imam-Hatip-Schulen den Zugang zu nicht-theologischen Studienfächern zu erleichtern. Die Imam-Hatip-Schulen gelten seit der Erziehungsreform von 1997 als Berufsschulen der Sekundarstufe II, in der Vorbeter (Imame) und Prediger ausgebildet werden. Im Februar 2006 wurde nun dieses Vorhaben der AKP-Regierung durch das Urteil des ersten Verwaltungsgerichts gestoppt. Es urteilte, dass ein Abschluss auf einer religiösen Imam-Hatip-Schule nicht zu einem Studium an einer Universität berechtigt.

Im Schulwesen der Türkei bestehen aufgrund mangelnder Finanzierung und der hohen Zahl schulpflichtiger Kinder erhebliche Defizite. Ca. 25 % der türkischen Bevölkerung sind im schulpflichtigen Alter. Die wirtschaftliche Kluft zwischen dem Osten und dem entwickelteren Westen der Türkei wirkt sich auch auf das Schulsystem aus. So besteht im Osten eine große Zahl von einzügigen Schulen mit mehr als 50 Schülern pro Klasse. Dazu gibt es Probleme, die die Türkei als Ganzes betreffen. Beispielsweise sind die Eltern aufgrund von fehlenden Betriebsmitteln in den Schulen gezwungen, erhebliche finanzielle Mittel zur Unterstützung der Schulen aufzubringen. Daher ist die türkische Bildungspolitik im Moment noch weit von ihrem Ziel der 100%-Einschulungsquote entfernt. Lediglich 93 % aller schulpflichtigen Kinder gehen zur Schule; benachteiligt sind überwiegend Mädchen, von denen laut einer Weltbank-Studie ca. 600.000 nicht eingeschult sind. Im Jahre 2000 waren ungefähr 6 % der Männer und 18 % der Frauen in der Türkei Analphabeten.

An den türkischen Schulen und Hochschulen herrscht Kopftuchverbot, sowohl für die Schüler und Studenten als auch für die Lehrkräfte. Dieses Verbot wurde mit Polizeigewalt durchgesetzt und war in den letzten Jahren immer wieder Thema hitziger Debatten. 2006 wurde das Verbot durch das erste Verwaltungsgericht in einem Urteil bestätigt und sogar noch weiter ausgedehnt. Die Türkei sieht sich als laizistischen Staat an, der keine religiösen Präferenzen hat. Im Januar 2008 stellte Ministerpräsident Erdoğan eine Initiative zur Aufhebung des Kopftuchverbotes an Hochschulen vor. Am 6. Februar 2008 stimmte das türkische Parlament mit einer Zweidrittelmehrheit der dafür notwendigen Verfassungsänderung in erster Lesung zu. Diese wurde am 5. Juni 2008 vom Verfassungsgericht für nichtig erklärt.

Die Türkei besitzt 85 staatliche Hochschulen, 31 staatlich anerkannte private Stiftungsuniversitäten, 4 Militärakademien und 1 Polizeiakademie. An den Universitäten des Landes studieren 1,95 Mio. Studenten und damit 28 % aller Schulabgänger eines Jahrganges. Diese werden von 89.329. Lehrkräften (2007) unterrichtet und betreut. Kontrolliert werden die Hochschulen durch den türkischen Hochschulrat (YÖK), dem seit 6. November 1981 alle Hochschulen unterstellt sind. 2007 studierten 2.294.707 Studenten an staatlichen Universitäten und 124.507 Studenten an privaten Universitäten.

Der Hochschulrat koordiniert neben den Finanzen und dem Personalplan auch die Lehrinhalte, erarbeitet Pläne zur Eröffnung neuer Hochschulen und regelt den Zugang zu den Hochschulen. Jährlich wird durch die Türkische Zentralstelle für Studentenvermittlung, die dem YÖK unterstellt ist, eine Aufnahmeprüfung durchgeführt. Das Ergebnis dieser Prüfung ist für die Wahl der Hochschule und Studienfach entscheidend.

Die staatlichen Hochschulen sind schlecht finanziert, da lediglich 0,5 % des BSP für Forschung und Entwicklung ausgegeben wird. Für das Studium an den privaten Universitäten sind Gebühren zwischen 4.100 und 10.000 Euro pro Jahr erforderlich. Bei den staatlichen Universitäten liegen die Gebühren zwischen 300 und 1000 Euro.

Nach zwei Jahren Studium wird der akademische Grad Önlisans vergeben. Dieser berechtigt die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit. Nach vier Jahren Studium erhält der Student den Grad Yüksek Lisans. Nach der Yüksek Lisans ist das Promovieren möglich.

Die meisten der 16.328 ausländischen Studenten kommen vor allem aus den zentralasiatischen Turk-Staaten. Ein Teil der Studenten erhält zur Finanzierung des Studiums Studienkredite von der Anstalt für Kredite und Heime für Jugendliche in der Hochschulausbildung (Yurt-Kur). 2004 waren es 220.614 Studenten, 174.374 Studenten haben eine Wohnung in Studentenwohnheimen.

Eine Deutsch-Türkische Universität in Istanbul ist geplant. Am 6. Dezember 2007 wurde ein Regierungsabkommen zwischen den beiden Ländern unterzeichnet. Geplant sind vier Fakultäten: Rechtswissenschaften, Wirtschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften. Die Unterrichtssprachen werden Türkisch und Deutsch sein und der Universitätsabschluss soll in beiden Ländern anerkannt werden. Am 30. Mai 2008 unterzeichneten der türkische Außenminister Ali Babacan und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Vereinbarung über die Gründung der Deutsch-Türkischen Universität.

Die Kultur der heutigen Türkei ist eine Verschmelzung verschiedener Kulturen. Dazu können u. a. die alttürkische Nomadenkultur Zentralasiens und Sibiriens, die Kultur im osmanischen Reich mit ihren byzantinischen, persischen, arabischen, kaukasischen und kurdischen Einflüssen sowie die starke europäische Richtung seit Gründung der Republik durch Atatürk gezählt werden. Kulturelles Zentrum des Landes bildet die Millionenmetropole Istanbul.

Bedeutende Künstler aus der Türkei sind u. a. der Filmregisseur Yılmaz Güney (Goldene Palme in Cannes für Yol – Der Weg (1982)), die Dichter Orhan Veli und Nâzım Hikmet, die Schriftsteller Yaşar Kemal, Orhan Pamuk (erhielt am 23. Oktober 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Literatur-Nobelpreis) oder Aziz Nesin.

Türkische Popsänger wie Sezen Aksu, Tarkan und Mustafa Sandal waren in letzter Zeit auch im Ausland recht erfolgreich. 2003 siegte die Türkei beim Eurovision Song Contest mit dem Titel Everyway That I Can von Sertab Erener.

Die Wurzeln der türkischen Literatur reichen weit zurück in die Vergangenheit. Vor der Annahme des Islams war die schriftliche und mündliche türkische Literatur von der Nomadenkultur und dem Schamanismus geprägt. In der Frühzeit bestand die Literatur aus mündlich überlieferten Geschichten, Sagen, Klageliedern, Liebes- und Naturgedichten und Sprichwörtern. Die Orhon-Inschriften aus dem 6. und 7. Jahrhundert bilden die ersten schriftlichen literarischen Werke der Türken.

Die Türken traten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zum Islam über. Mit dem Islam stieg auch der Einfluss der arabischen und persischen Sprache auf die türkische Literatur. Ab dem 11. Jahrhundert bildete sich bei den Türken, die sich in Anatolien niederließen, das Türkei-Türkische heraus. Der islamische Einfluss hielt vom 11. Jahrhundert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts an. In dieser Zeit kann die Entwicklung der türkischen Literatur in zwei Hauptgruppen unterschieden werden: Zum einen in die Divan-Literatur und zum anderen in die Volksliteratur.

In der Tanzimat-Periode im 19. Jahrhundert wurde der westliche Einfluss stärker. Zunächst wurde westliche Literatur ins Türkische übersetzt und in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen die ersten türkischen Romane. Eine besondere Rolle nahm in dieser Entwicklungsphase die Zeitung „Servet-i fünûn“ („Schatz des Wissens“) mit dem Dichter Tevfik Fikret und dem Romancier Halit Ziya Uşaklıgil ein. Zugleich kommt auch eine nationalistische und patriotische Dichtung auf.

In der Zeit der Republikgründung kommt es zu großen Veränderungen in der türkischen Literatur. Prägend sind insbesondere zwei Ereignisse: 1. die Einführung der lateinischen Schrift 1928 und 2. die großen Sprachreformen ab 1932. Die neuen Schriftsteller wenden sich von der herkömmlichen festgefügten Stilistik und Sprache ab. Dieses wird besonders von den Garip-Dichtern um Orhan Veli propagiert.

Mit der Form verändern sich auch die Inhalte der türkischen Literatur zunehmend. Frühe Vertreter sind Fakir Baykurt, Sabahattin Ali, Sait Faik Abasıyanık und Yaşar Kemal, die den einfachen Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Mit der Hinwendung zur Schilderung der Lebensumstände bleibt soziale und politische Kritik am Staat nicht aus. Der Staat reagiert mit Zensur und politischer Gewalt. Autoren wie Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal oder Aziz Nesin verbringen wegen der Verfolgung ihrer Publikationen viele Jahre in türkischen Gefängnissen. Kemal bezeichnete das Gefängnis deshalb als „Schule der türkischen Literatur“.

Mit den Arbeitsmigranten kommen in den 1960er Jahren türkische Literatur und türkischstämmige Schriftsteller auch nach Westeuropa. Bücher werden verstärkt übersetzt. Aras Ören, Yüksel Pazarkaya oder Emine Sevgi Özdamar befassen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in Deutschland. Teilweise wird diese Literatur auch wieder in die Türkei zurückgetragen.

Während die Zensur und die drei Militärputsche (1960, 1971 und 1980) die Entwicklung der türkischen Literatur hemmen, tragen Schriftsteller auf dem Umweg dieser Migrantenliteratur mit dazu bei, dass es heute eine sehr vielfältige und eigenständige türkische Literatur gibt. Der sicherlich bekannteste Vertreter der aktuellen türkischen Literatur ist Orhan Pamuk, der neben vielen anderen Literaturpreisen 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Die Fernseh- und Radiolandschaft ist in der Türkei als duales System organisiert. Die meisten Verlage und Fernsehsender sind in der Hand einiger weniger Medienkonzerne. Daneben unterhält die staatliche Sendergruppe TRT mehrere Fernsehsender.

Die Regulierung der privaten Fernseh- und Radiosender obliegt der Regulationsbehörde RTÜK, die sowohl Lizenzen erteilt und entzieht als auch zeitlich begrenzte Sendeverbote erteilen kann. Das Pressewesen ist staatlich nicht (mehr) reguliert, die meisten Printmedien unterliegen jedoch der freiwilligen Selbstkontrolle des türkischen Presserates, der auch Beschwerden zu elektronischen Medien bearbeitet.

Heikle Themen für Journalisten bilden Berichte über das türkische Militär, die Kurden, den politischen Islam und den Völkermord an den Armeniern. Für das Aufgreifen solcher Themen wurden bis in die späten 1990er Jahre hinein zahlreiche Journalisten inhaftiert und angeklagt und Zeitungen reihenweise geschlossen. Üblich ist es auch, dass Fernsehsendern zeitlich beschränkte Sendeverbote erteilt werden. Im Rahmen der Beitrittsbemühungen in die Europäische Union wurde die Verfassung und das Pressegesetz reformiert, wodurch sich die Lage der Meinungsfreiheit in den letzten Jahren deutlich entspannt hat. Dennoch gibt es nach wie vor internationale Kritik an der Situation der Medienfreiheit. Die Organisation Reporter ohne Grenzen attestiert einen Unterschied zwischen den beschlossenen Gesetzen und dem Vorgehen von Teilen des Justiz- und Beamtenapparats in der Türkei.

Die öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehanstalt TRT betreibt vier nationale Fernseh- und fünf Radiosender. Geleitet werden die Fernseh- und Rundfunkanstalten durch eine Direktion. Diese ist zwar formal unabhängig, ihre Mitglieder werden jedoch von der Regierung ernannt. Erst seit 1990 sind private Fernseh- und Rundfunkanstalten zugelassen. Seitdem hat die TRT relativ schnell ihre frühere Bedeutung verloren. Ihr Marktanteil bleibt inzwischen deutlich unter dem der wichtigsten privaten Konkurrenz.

16 nationale, 15 regionale und 229 lokale Fernsehstationen (Stand: Mai 2005) konkurrieren auf dem nationalen Fernsehmarkt. Die beliebtesten Fernsehsender ATV, Show-TV, Star, Fox TV TÜRKIYE, STV, Kanal 7 und Kanal D sind Vollprogramme, mit Unterhaltungsshows, Filmen, Serien, Nachrichten und Informationssendungen. NTV, Habertürk, S HABER, Haber 7, TRT 2, TV NET und CNN-Türk bringen Nachrichten nonstop. Die Hörfunklandschaft ist ähnlich vielfältig, es existieren über 1000 Sender.

Nach der schweren Wirtschaftskrise 2001 erfasste eine schnelle Konzentrationsbewegung die türkische Medienlandschaft. Viele Medienunternehmen wurden, um ihren Erhalt zu sichern, vom Staat aufgekauft und kurz später wieder privatisiert. Seitdem prägen einige wenige Medienkonzerne die türkische Medienlandschaft.

Die wichtigsten Medienkonzerne sind die Aydın-Doğan-Gruppe (Tageszeitung Hürriyet, Milliyet, Radikal, Kanal D, CNN-Türk), Worldmediagroup (Die meist verkaufte Tageszeitung Zaman, die meist verkaufte Zeitung in englischer Sprache Today's Zaman, die meist verkaufte Nachrichtenzeitschrift Aksiyon, S HABER TV, Yumurcak TV, Samanyolu TV, Mehtap TV, Ebru TV, Cihan, Sızıntı, Burc FM), Calik-Gruppe (Sabah, ATV, u. a.), Ihlas-Gruppe (Türkiye, FOX TV TÜRKIYE, u. a.), Çukurova-Gruppe (Show-TV, Akşam); Doğuş-Gruppe (NTV). Einflussstärkste und zugleich auflagenstärkste Zeitungen sind Sabah, Hürriyet, Milliyet, Zaman, Türkiye und Posta die innerhalb weniger Jahre zur auflagenstärksten Tageszeitung avancierte. Es erscheinen zahlreiche Wochen- und Monatszeitschriften, die sich in der Regel auf ein bestimmtes Thema spezialisieren (Frauen-, Motor-, Sportmagazine etc.).

In der Türkei leben mehrere zehntausend deutschsprachige Europäer, die sich dort ständig oder überwiegend aufhalten. Für diese Zielgruppe gibt es einige deutschsprachige Zeitungen einschließlich einer Internetzeitung.

Weitere Herausforderungen für die türkische Medienlandschaft bilden der hohe Konzentrationsgrad, die harte Konkurrenz um den (relativ) kleinen türkischen Werbekuchen, das Nicht-Vorhandensein einer Berufsvertretung für Journalisten.

Das Massenkino wird durch triviale und leichte Komödien und Action-Filme beherrscht. Sämtliche Komödien von Kemal Sunal sind in der Türkei sehr berühmt. Kemal Sunals Paraderolle ist der sympathische Verlierer aus der Unterschicht, der trotz aller Widrigkeiten sein Herz am rechten Fleck hat. Cüneyt Arkin ist ein weiterer Vertreter, der das Historien- und Action-Genre geprägt hat. Als Kara Murat kämpft er in tendenziösen Historienfilmen gegen Christen. Als Action-Held tritt er vor allem als Polizist gegen Gangster an.

Daneben brachte das türkische Kino auch Filme mit ernsthafteren Themen hervor. In Vizontele aus dem Jahr 2001 werden die Auswirkungen des ersten Fernsehers in einem abgelegenen Dorf geschildert. Der kurdische Film behandelt die politische und soziale Situation der Kurden in der Türkei, exemplarisch kann der Film Günese Yolculuk (1999) genannt werden.

Einer der wichtigsten türkischen Regisseure, Drehbuchautoren und Darsteller ist Yılmaz Güney (1937–1984). Als Schauspieler hat der kurdischstämmige Güney es zum Volkshelden in der Türkei geschafft. Yılmaz Güney erhielt als erster türkischer Regisseur mit seinem Film Yol – Der Weg 1982 die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes. Den Film stellte Güney im Exil fertig und er war somit nicht der türkischen Zensur unterworfen.

Der Film Uzak – Weit von Nuri Bilge Ceylan (Produzent, Regisseur, Kameramann und Autor) erhielt 2003 den großen Jury-Preis in Cannes. Die beiden Hauptdarsteller, Muzaffer Özdemir und Mehmet Emin Toprak, wurden zudem als beste Schauspieler ausgezeichnet. Uzak handelt von der Situation des modernen türkischen Mannes, der in der Großstadt lebt und sich in das Private zurückzieht.

Der Film Kurtlar Vadisi – Irak (deutsch Tal der Wölfe – Irak), vom Regisseur Serdar Akar, gilt mit 10 Millionen Dollar (8,4 Millionen Euro) als die teuerste türkische Kinoproduktion aller Zeiten. Er basiert auf der sehr populären Serie Kurtlar Vadisi. Der Gute ist im Film der türkische Geheimagent Polat Alemdar und die Bösen die US-Amerikaner im Irak. Die USA kritisieren den Film wegen des Antiamerikanismus.

Entgegen geläufiger Meinung war die osmanische Musik im Gegensatz zur Literatur kaum von arabischen Elementen geprägt. Nach der Republikgründung betrieb die Regierung eine stärkere Förderung türkischer Musik. Unter den Oberbegriffen klassische Musik und Halk Müziği wurde ab 1924 Volksmusik aus Anatolien gesammelt und archiviert. 1953 umfasste das Archiv 10.000 Volkslieder. Seit den 1990ern dominieren moderne Musikrichtungen wie Pop und Rock neben den klassischen Richtungen wie Türk Halk Müziği und Türk Sanat Müziği.

Der größte Teil türkischer Volksmusik basiert auf der Saz, einer Art langhalsiger Laute. Zurna und Davul sind in ländlichen Gebieten beliebt und werden sehr oft auf Hochzeiten und anderen Feiern gespielt. Des Weiteren sind die Hirtenflöte Kaval und die Ney verbreitet. Auch Elektrosaz und Darbuka, die häufig von elektrischen Keyboards begleitet werden, sind populär.

Zahlreiche europäische klassische Komponisten im 18. Jahrhundert waren von der türkischen Musik, insbesondere den starken Rollen der Blechbläser und Schlaginstrumente in den Janitscharenkapellen fasziniert. Joseph Haydn schrieb seine Militärsinfonie und einige seiner Opern, um türkische Instrumente einfließen lassen zu können. Türkische Instrumente wurden auch in Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie einbezogen. Mozart schrieb sein Rondo alla turca in seiner Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331 und benutzte auch türkische Motive in einigen seiner Opern. Obwohl dieser türkische Einfluss nur eine Modeerscheinung war, führte er Becken, Basstrommel und Glocke in das Symphonieorchester ein.

Die Türkei brachte auch bedeutende und bekannte Interpreten der europäischen Klassischen Musik hervor: die Opernsängerin Leyla Gencer, Komponist Cemâl Reşit Rey, Pianist und Komponist Fazıl Say sowie die Pianisten Güher und Süher Pekinel.

Die Opera Sahnesi (Deutsch: Opernbühne) ist das größte der insgesamt drei Opernhäuser in Ankara. Es gehört zu den Türkischen Staatstheatern (Devlet Tiyatroları). Das Gebäude dient ebenfalls als Theaterbühne unter dem Namen Großes Theater (Büyük Tiyatro).

40 Prozent der Neuerscheinungen sind übersetzte Bücher; nach englischsprachigen Titeln besonders Belletristik, Sachbücher und Ratgeber aus Deutschland (wo etwa Übersetzungen nur knapp 8 Prozent der Neuerscheinungen bilden).

Die gegenwärtige türkische Küche ist das Resultat einer Vermischung der ursprünglichen einfachen nomadischen Kochtradition der türkischen Stämme mit der indischen, persischen, kurdischen und arabischen Küche. Sie bezieht seit ihrer Völkerwanderschaft darüber hinaus Einflüsse aus dem Mittelmeerraum ein. Diese Vielfalt der Einflüsse entwickelte sich durch die Jahrhunderte besonders unter der Prägung der osmanischen Kultur und Lebensweise zur heutigen charakteristischen türkischen Küche.

Die türkische Küche hat auch die griechische und die Balkanküche geprägt. So stammt zum Beispiel der Zaziki aus dem türkischen Cacık und Cevapcici kommt von Kebap Şişi (Kebap-Spieß; Spießbraten). Auch der Joghurt kommt vom türkischen Yoğurt. Döner Kebap wird aus Rind-, Kalb- oder Geflügelfleisch hergestellt. In der Türkei, aber auch in anderen (europäischen) Ländern, wird der Döner auch auf dem Teller serviert.

Die beliebteste und bedeutendste Sportart in der Türkei ist der Fußball. Die höchste Spielklasse im türkischen Fußball ist die Turkcell Süper Lig. Die wichtigsten Fußballvereine kommen neben Trabzonspor aus der Metropole Istanbul (Galatasaray Istanbul, Beşiktaş Istanbul und Fenerbahçe Istanbul). Trabzonspor ist auch der einzige Nicht-Istanbuler Klub, der türkischer Fußballmeister werden konnte. In den letzten Jahren feiert auch die türkische Fußballnationalmannschaft wieder kleinere Erfolge. 2002 kehrte das Land nach 47 Jahren zur Fußball-Weltmeisterschaft zurück. In der Geschichte der Weltmeisterschaften war die Türkei erst das zweite Mal dabei. Trotzdem schaffte die türkische Mannschaft nach einem Sieg gegen Südkorea im kleinen Finale den dritten Platz der Weltmeisterschaften im Jahre 2002. Für die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 konnte sich die türkische Mannschaft jedoch nicht qualifizieren. Bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz erreichte die türkische Nationalmannschaft dagegen das Halbfinale, wo sie mit 2:3 an Deutschland scheiterte. Dieses Turnier ist neben der WM 2002 das erfolgreichste in der Geschichte des türkischen Fußballs.

Die Türkei hat sich seit dem Jahre 2000 für alle Olympischen Sommerspiele beworben. So auch für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 unter dem Konzept „Die Spiele in Europa und Asien“. Doch die türkische Metropole verpasste jeweils die Endausscheidung, obwohl für die Olympia-Bewerbung das Atatürk Olympiastadion für über 100 Mio. Euro gebaut wurde. Auf die Kritik an den Anfahrtswegen und der Stadiontechnik wurde reagiert, und kleinere Mängel wurden bereits behoben. Das türkische Bewerbungskomitee kündigte an, dass sich die Türkei auch um die Spiele 2016 und 2020 bewerben werde. Das Zentrum der Spiele sowie ein Großteil der Sportstätten befinden sich im europäischen Teil der Stadt Istanbul.

Die religiösen Feiertage richten sich nach dem islamischen Mondkalender, daher finden sie jedes Jahr ca. 11 Tage früher statt und haben nach dem Gregorianischen Kalender kein festes Datum. Dadurch kommt es bisweilen dazu, dass eines der Feste in einem Kalenderjahr zweimal stattfindet, einmal Anfang Januar und noch einmal Ende Dezember.

Der wöchentliche Ruhetag ist der Sonntag.

Der Wehretat lag 2009 bei 14,532 Mrd. US-Dollar, dazu kommen noch Aufwendungen, die nicht im Etat aufgeführt werden. Die Türkei ist seit 1952 Mitglied der NATO und stellt innerhalb des Bündnisses mit ca. 500.000 Soldaten nach den USA das zweitgrößte Heer. Das türkische Militär wird auch im Landesinneren beim Katastrophenschutz eingesetzt. Aufgrund vieler strategisch wichtiger Stützpunkte dient die Türkei als Drehscheibe für die Militärinterventionen im Nahen Osten.

Die Dauer der Wehrpflicht ist 2005 von 18 Monaten auf 15 Monate reduziert worden. Damit sinkt auch die Zahl der Wehrpflichtigen um etwa 85.000. In der Türkei besteht für jeden Mann ab dem 20. Lebensjahr die allgemeine Wehrpflicht. Ein Ersatzdienst für Wehrdienstverweigerer besteht nicht. Für Staatsangehörige, die im Ausland leben, besteht die Möglichkeit, den Wehrdienst durch Geldzahlung (umgerechnet 5.000 €) auf einen Monat zu verkürzen. Ein in der Türkei abgeschlossenes Hochschulstudium verkürzt die Wehrpflicht auf 5,5 Monate als einfacher Soldat oder auf 12 Monate als Unterleutnant.

Die türkischen Streitkräfte sehen sich als Hüter der Demokratie und des Kemalismus und haben sich schon zweimal, um politische Krisen zu beenden, an die Macht geputscht, und zwar 1960 und 1980 (1971 wurde außerdem die Regierung Demirel zum Rücktritt gezwungen). Der Ablauf beider Putsche ist relativ identisch, das Militär blieb wenige Jahre an der Macht und gab sie, nach einer Verfassungsreform, wieder an eine Zivilregierung ab. Die Zielrichtung des Militärs war jedoch bei den zwei Putschen unterschiedlich. Der Staatsstreich vom Mai 1960 wurde von eher links orientierten Offizieren mittleren Ranges getragen und führte zu einer demokratischeren Verfassung. Der Putsch von September 1980 kam aus der Generalität und dem rechten Lager und führte zu einer repressiveren Verfassung. Das letzte Mal führte die Intervention des Militärs 1997 zum Rücktritt der Regierung von Necmettin Erbakan und seiner Refah Partisi. Allerdings lief dieser letzte Umsturz immerhin völlig ohne Waffengewalt ab.

Im Rahmen der EU-Beitrittsbemühungen begrenzte das Parlament 2003 die politische Macht der Militärs. Im Nationalen Sicherheitsrat hatte das Militär vor den Reformen die entscheidende Macht. Der Rat tagte monatlich unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten und behandelte alle aktuellen innen- und außenpolitischen Themen. Offiziell hatte der Rat nur beratende Funktion. Inoffiziell kam das aber einer Weisungsbefugnis des Militärs gegenüber der Politik gleich. Nach der Reform wird die Funktion des Rates auf die Politikberatung reduziert und zudem die Zahl der Militärs im Rat auf einen einzigen Generalstabschef gesenkt. Auch steht dem Rat nun ein Zivilist als Generalsekretär vor, der dem stellvertretenden Ministerpräsidenten untergeordnet ist. Zudem wird ab 2003 der gesamte militärische Etat der parlamentarischen Kontrolle unterstellt, was vor der Reform nicht der Fall war. Das Militär konnte die Ausgaben für das Militär selbst bestimmen und unterhielt versteckte Posten für Militärausgaben im Gesamthaushalt.

Der Topkapı Sarayı in Istanbul war jahrhundertelang der Wohn- und Regierungssitz der Sultane sowie das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches. Heute beherbergt er als Museum Sammlungen von Porzellan, Handschriften, Porträts, Gewändern, Juwelen und Waffen aus dem Osmanischen Reich. Ferner diverse islamische Reliquien, wie Waffen Mohammeds und der ersten Kalifen, eines der ältesten Koranexemplare oder auch angebliche Barthaare des Propheten Mohammed. Konservative Muslime fordern deswegen eine Schließung des Palastes für den Tourismus. Das Museum bildete 1964 die Kulisse zu dem gleichnamigen Film „Topkapi“ mit Peter Ustinov.

Gleich gegenüber befindet sich die Hagia Sophia, ehemals Hauptkirche des byzantinischen Reiches und religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie. Nach der osmanischen Eroberung wurde die Hagia Sophia Hauptmoschee der Osmanen. Heute ist der sakrale Bau für die Öffentlichkeit als Museum zugänglich.

Auf dem dritten Rang der meist besuchten Kulturstätten der Türkei liegt mit etwa 2 Millionen Besuchern im Jahr die antike Metropole Ephesos, die seit 1895 von österreichischen Archäologen erforscht wird und mit der wieder aufgerichteten Fassade der Celsus-Bibliothek und den Ruinen der Hanghäuser die Touristen beeindruckt.

Auch die bekannteste Stadt des Altertums, Troja, befindet sich in der Türkei. Sie liegt in der Landschaft Troas am Hellespont im Nordwesten des Landes.

Zu den europaweit bedeutendsten archäologischen Museen gehören das Archäologische Museum in Istanbul und das Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara.

Der İshak Paşa Sarayı ist ein zwischen 1685 und 1784 erbauter und heute in Ruinen liegender burgähnlicher Palast des kurdischen Emirs von Doğubeyazıt, Çolak Abdi Paşa, und seines Sohnes İshak Paşa II. Er liegt im äußersten Osten der Türkei, etwa 6 km von der Stadt Doğubeyazıt entfernt an einem Berghang. Der Gebäudekomplex vereint armenische, georgische, persische, seldschukische und osmanische Architekturstile.

Insgesamt sind 235 (Stand 2007) Strände in der Türkei mit der blauen Flagge ausgezeichnet, welches jedes Jahr an Strände und Marinas vergeben wird, an denen in der vorangegangenen Saison ein konstant hoher Standard hinsichtlich der Badewasserqualität eingehalten wurde.

Die Südküste zwischen Antalya im Westen und dem Kap Anamur im Osten der Türkei, auch als Türkische Riviera bekannt, ist eines der touristischen Zentren des Landes. Neben Antalya ist Alanya die wichtigste Stadt. Daneben ist für Badeurlauber auch die südliche Ägäisküste sehr beliebt.

Ein weiterer sehr beliebter Badeort ist Bodrum. Neben dem ausschweifenden Nachtleben ist Bodrum für seine mittelalterliche Kreuzritterburg (Bodrum Kalesi) bekannt.

Fethiye ist für seine Buchten, Inseln und Strände bekannt. In der Nähe befindet sich Myra, wo sich neben lykischen Felsengräber auch die Kirche des Nikolaus befindet.

Kappadokien ist eine Landschaft in Zentralanatolien. Einer der bekanntesten Orte ist Göreme mit seinen aus dem weichen Tuff herausgehauenen Höhlenkirchen. Die Gegend besteht aus Tuff, welcher wegen der geringen Niederschlagsmengen und dem Wind nur langsam verwittert. Härteres Gestein bleibt stehen, so dass die so genannten Feenkamine entstehen.

Mit dem Tempel der Artemis (Artemision) in Ephesos und dem Mausoleum von Halikarnassos in Bodrum liegen zwei der sieben antiken Weltwunder in Anatolien.

1,3 % der Fläche der Türkei stehen unter Naturschutz. Dazu gehören zehn Küstenschutzgebiete, 18 Naturschutzgebiete und 19 Nationalparks, wovon zwei von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurden. Die geringe finanzielle Ausstattung des Umweltministeriums verhindert derzeit allerdings einen ausreichenden Schutz der Gebiete.

1 Liegt größtenteils in Afrika.  2 Liegt zum Teil auch in Ozeanien.  3 Liegt zum Teil auch in Europa.

1 Liegt größtenteils in Asien.  2 Hat zusätzliche Gebiete außerhalb Europas.

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Detmold

Wappen der Stadt Detmold

Detmold ist eine Stadt in Ostwestfalen-Lippe, Nordrhein-Westfalen. Sie liegt etwa 100 Kilometer südwestlich von Hannover und ca. 30 Kilometer östlich von Bielefeld. Mit ungefähr 74.000 Einwohnern ist Detmold eine große kreisangehörige Stadt und gleichzeitig die größte Stadt im Kreis Lippe.

Von 1468 bis 1918 war sie die Residenzstadt der Fürsten zu Lippe, danach von 1918 bis 1947 Hauptstadt des Freistaats Lippe, welcher 1947/48 dem Land NRW beitrat. Seit 1947 ist Detmold Sitz der Bezirksregierung Detmold. Von 1932 bis 1973 war Detmold Sitz des Kreises Detmold. Danach wurde es Sitz des Kreises Lippe, der aus der Zusammenlegung des Kreises Detmold mit dem Kreis Lemgo hervorgegangen ist.

Das Freilichtmuseum, das Landestheater, sowie das Hermannsdenkmal haben die Stadt überregional bekannt gemacht.

Detmold liegt in der Region Ostwestfalen-Lippe im Osten Nordrhein-Westfalens am Rande des Naturparks Teutoburger Wald / Eggegebirge. Der Süden des Stadtgebiets wird vom Teutoburger Wald bedeckt, die eigentliche Stadt liegt aber nördlich davon, circa 30 Kilometer östlich von Bielefeld und circa 100 Kilometer südwestlich von Hannover.

Entwässert wird das Stadtgebiet von der Werre, in die in der Stadt der Knochenbach und der Heidenbach münden. Der Knochenbach entsteht aus der Vereinigung der Wiembecke und der Berlebecke im Ortsteil Heiligenkirchen. Größere Stehgewässer sind der Meschesee in Heidenoldendorf und der Donoperteich in Hiddesen.

Das Stadtgebiet weist wie der gesamte lippische Raum eine große geologische Vielfalt auf. Südlich der Detmolder Innenstadt verläuft der Osningkamm, der zusammen mit dem Eggegebirge den Teutoburger Wald bildet. Dieser schmale Gebirgszug wird aus Kalksandsteinen des Trias gebildet und weist viele Brüche und Falten auf. Diese Zerklüftung ist der Grund dafür, dass es in der Umgebung so viele Kurorte und Mineralwasserquellen gibt. Der Ortsteil Hiddesen ist ein solcher Kurort mit Schonklima.

Die Böden weisen eine mittlere bis sehr gute Qualität auf. Zum Ende der letzten Kaltzeit hin lagerte sich entlang des nördlichen Hangs des Teutoburger Waldes Mergelstaub ab und bildete Lösserden. Bis dorthin waren die Gletscher vorgedrungen. Vorherrschender Untergrund sind Sand- und Tonsteine aus dem Mesozoikum. Darauf befinden sich überwiegend Podsol-Braunerden und Pseudogley-Braunerden. Im nordwestlichen Stadtgebiet dominieren die Keuperhügel des Lipperlandes. Entlang der Werre durchziehen von Südosten nach Nordwesten Auenböden das Stadtgebiet. In den höheren Lagen des Osningkamms besteht die Oberschicht aus dem Muschelkalk, in dem vielfach Fossilien zu finden sind.

Ein bekannter Geologe, der die Sandsteine des Teutoburger Waldes erforscht hat, war der Gymnasialprofessor Otto Weerth.

Exponate zur Detmolder Geologie sind im Lippischen Landesmuseum ausgestellt oder befinden sich im dortigen Fundus.

Die Eignung des Stadtgebiets von Detmold zur Nutzung von geothermischen Wärmequellen mittels Erdwärmesonde und Wärmegewinnung durch Wärmepumpe ist standortabhängig sehr unterschiedlich. Es gibt Standorte mit geringer, aber auch solche mit sehr guter Eignung. (vgl. dazu die nebenstehende Karte).

Die als „Große Mittelstadt“ klassifizierte Stadt erstreckt sich über eine Fläche von 129,39 km². Das Gemeindegebiet hat eine maximale Ausdehnung sowohl in Ost-West Richtung als auch in Nord-Süd Richtung von etwa 15,5 km.

Detmold ist nur von Städten und Gemeinden des Kreises Lippe umgeben, diese sind (im Uhrzeigersinn beginnend im Norden) Lemgo, Blomberg, Horn-Bad Meinberg, Schlangen, Augustdorf und Lage.

Das Detmolder Stadtgebiet gehört zum maritimen Klimabereich Nordwestdeutschlands. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt etwa 9 °C, der südliche Stadtrand ist kälter, während die nördlichere Peripherie wärmer als das Mittel ist. Die Monatsmittel schwanken regionaltypisch von etwa 0 °C im Januar bis 17 °C im Juli/August. Die Jahresniederschlagsmenge beträgt etwa 900 Millimeter Wassersäule, zum Teutoburger Wald hin zunehmend. Die durchschnittliche jährliche Sonneneinstrahlung beträgt 955 Kilowattstunden pro Quadratmeter.

Detmold wurde 783 als Theotmalli erstmals erwähnt, nach Einhard und anderen leitet sich der Name von der Bezeichnung einer Volkgerichtsstätte (Thing) ab. In diesem Jahre soll hier Karl der Große in den Sachsenkriegen von den Sachsen geschlagen worden sein. Ab 1005 wurde es in Altsachsen Tietmelli- oder Theotmalli-Gau genannt. Aus dem Jahre 1023 wird überliefert, dass es seinen 799 geweihten Altarstein an das Kloster Abdinghof in Paderborn abgab. Der Ort Detmelle am Werreübergang an der alten Handelsstraße von Paderborn nach Lemgo, wo es seit den Franken eine Siedlung mit Taufkirche und einigen bäuerlichen Anwesen gab, erhielt 1263 vom Edlen Herrn Bernhard III. zur Lippe das Lippstädter Stadtrecht. Im Zuge der Stadtgründung bekam Detmelle eine bescheidene Gemarkung von 971 Hektar und einen Diakon. Die früheste noch erhaltene und mit dem Stadtsiegel versehene Urkunde stammt aus dem Jahr 1305 und befindet sich im Stadtarchiv Paderborn. 1265 trug das Marktprivileg zur Weiterentwicklung Detmolds bei und führte zur Gründung eines Jahrmarkts. Um 1300 wurde ein zweiter Jahrmarkt am Sonntag vor Martini (11. November) eingeführt.

Ein Stadtplan aus dem Mittelalter zeigt ein Straßenkreuz, das innerhalb eines nahezu kreisrunden Rings von etwa 500 Meter Durchmesser liegt. Die beiden Hauptstraßen teilen den Ort in vier verschieden große Stadtviertel, wobei das nach Nordwesten ausgerichtete Quartier die Burg des Landesherrn enthielt. Um 1305 war die gesamte Stadt durch Graben, Wall und Mauer gesichert und innerhalb der Stadtmauer verlief eine schmale Gasse, die, wie auch einige Überreste der Mauer, zum Teil noch heute erhalten ist (Bruchmauer-, August-, Adolf- und Karlstraße). Die Nord-Süd-Achse bildete die Lange Straße mit je einem festen Doppeltor, dem Lemgoischen Tor an der Nordseite und dem Hornschen Tor an der Südseite. Die Ost-Westachse wurde durch die heutige Schülerstraße und die Bruchstraße gebildet. Am Ostende befand sich der Bürgerturm, wo sich jenseits der Mauer das Sumpfgebiet der Werreniederung ausdehnte, und im Westen öffnete sich die Bruchpforte zur Stadthude für das Vieh der Detmolder Ackerbürger.

Die Burg wurde im 14. Jahrhundert von einem landesherrlichen Vogt verwaltet. Die Hofhaltung und der Lebensaufwand der Burgmannengeschlechter, wie der von dem Busche, von der Borch, von Exterde und Schwartz, mussten von den Bürgern erwirtschaftet werden und hielten eine selbständige Entfaltung des kommunalen Lebens in Grenzen. Um 1450 besaß die Stadt erst 350 Einwohner und blieb bis in das 17. Jahrhundert die kleinste unter den lippischen Städten. Weitere Gründe für eine zögerliche Stadtentwicklung waren Plünderungen, Zerstörungen und Brände, so insbesondere durch die Soester Fehde 1447, als Detmold von kölnischen Truppen und böhmischen Hilfsvölkern erobert wurde. Danach baute man die Stadt zu einer starken Festung aus und 1468 wählte Graf Bernhard VII. zu Lippe Detmold zu seiner ständigen Residenz. Um 1590 hatte Detmold etwa 700 Einwohner.

Im Jahre 1547 suchte ein Großbrand die Stadt heim, der über 70 Häuser zerstörte. 1557 wurde das Schloss als Weserrenaissancebau mit reichem Giebelschmuck fertiggestellt.

Detmold wurde Sitz der Lippischen Landeskirche. Die Reformation in Lippe nahm 1538 unter Graf Bernhard VIII. ihren Anfang in Lemgo, wo ab 1522 lutherisch gepredigt wurde. Vor der Reformation gehörte Detmold zum Bistum Paderborn. 1536 war Simon von Exter der letzte katholische und erste lutherische Pfarrer von Detmold. 1605 führte der calvinistisch geprägte Graf Simon VI. das reformierte Bekenntnis ein und besetzte freiwerdende Pfarrstellen nur noch mit reformierten Pfarrern. Seit dieser Zeit ist die zentral zwischen Schloss und Marktplatz gelegene Erlöserkirche das Gotteshaus der reformierten Gemeinde. Im ausgehenden Mittelalter veröffentlichten die Dominikaner Heinrich Institoris und Jakob Sprenger den Hexenhammer, ein Kompendium des weit verbreiteten Hexenglaubens. Im Schutz der Kirche breitete sich auch der Hexenwahn in Detmold aus, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie im Hexennest Lemgo. In den Jahren zwischen 1653 und 1670 wurden in Detmold 19 Hexen und Zauberer vom landesherrlichen Gericht zum Tode durch Feuer und Schwert verurteilt.

Im Jahre 1604 wurde der im Juni stattgefundene erste Jahrmarkt abgeschafft, der zweite auf den 30. November, dem Festtag des Apostels Andreas, verlegt und auf drei Tage verlängert. Seitdem wird dieser Markt Andreasmesse genannt. 1616 richtete die Thurn und Taxissche Post in Detmold eine Station der kaiserlichen Reitpost zwischen Köln und Hamburg ein. Damit ist die Stadt der älteste Postort im Bezirk der Oberpostdirektion Münster.

Zwischen 1625 und 1637 wüteten in der Stadt mehrere Pestepidemien, die 900 Todesopfer forderten. Mit Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs verpflichtete sich Lippe zur Neutralität und Detmold besaß als Residenzstadt Sonderrechte. Dennoch litt die Stadt mehrfach unter Truppendurchzügen, Plünderungen und Raubzügen. Die Besetzung des Detmolder Schlosses 1640 durch den kaiserlichen General von der Wahl war eine Folge des Lippischen Prinzenraubs. So wird eine Affäre innerhalb der gräflichen Familie genannt, bei der Gräfin Katharina das Schloss gewaltsam in Besitz nahm, nachdem sie ihre Kinder in Sicherheit gebracht hatte. 1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, lebten nur noch knapp 900 Menschen innerhalb der Stadtmauern.

Nach dem wirtschaftlichen Niedergang während des langen Kriegs konnte sich Detmold in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erholen und es entstand auch die heute noch gut erhaltene Adolfstraße mit kleinen, unregelmäßigen Fachwerkhäusern, die an die Innenseite der Stadtmauer angebaut wurden. Um 1663/1665 stachen Elias und Heinrich van Lennep Ansichten von Schloss und Stadt Detmold in Kupfer. In der Detailtreue gehen diese Stadtansichten weit über den Merian-Stich hinaus.

Graf Friedrich Adolf legte ab 1701 planmäßig die Neustadt im Süden an, nachdem der Mauerring erstmals durchbrochen worden war. Er ließ auf Kosten der Staatskasse das Palais und das Lustschloss Friedrichstal erbauen und dazu einen Kanal, über den diese Orte vom Schloss aus auf dem Wasserweg mittels Gondeln und Schleusen zu erreichen waren. 1720 wurde die Erlaubnis erteilt, Wälle und Gräben zu beseitigen, doch erst ab 1780 durften Stadttore und Mauertürme abgetragen werden. Das Weichbild der Stadt wurde im neuen Jahrhundert besonders im Süden für den Wohnungsbau erschlossen, aber auch innerhalb des ehemaligen Mauerrings veränderte sich das Stadtbild. Die in den vergangenen Jahrhunderten errichteten Fachwerk-Giebelhäuser blieben zwar erhalten, aber viele Neubauten im zeitgemäßen klassizistischen Stil kamen hinzu. Das eindrucksvollste Bauwerk dieser Zeit ist das Rathaus am Marktplatz, dem der alte Bau aus dem 16. Jahrhundert weichen musste.

Die lippische Schulreform im Zeitalter der Aufklärung machte das lippische Elementarschulwesen weithin als beispielhaft bekannt. Fürstin Pauline zur Lippe kümmerte sich unter Mithilfe ausgezeichneter Mitarbeiter um die Hebung der allgemeinen Volksbildung und die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen, Kranken, Waisen und alten Menschen. Auf ihre Initiative hin entstanden in Detmold eine Reihe von vorbildlichen sozialen Einrichtungen, wie eine Pflegeanstalt, ein Waisenhaus, eine Krankenstube und ein Arbeitshaus für Arbeitslose. 1802 wurde in Detmold der erste Kindergarten Deutschlands eröffnet, der 1856 den Namen Paulinenanstalt erhielt und bis heute existiert. 1809 führte Fürstin Pauline die Straßenbeleuchtung in Detmold mit 26 Öllaternen ein.

1818 wurden die Leopold- und die Hornsche Straße angelegt; 1825 wurde das Landestheater erbaut. Im Jahre 1835 war die Stadt mit 4137 Einwohnern die volkreichste Stadt in Lippe. Das kulturelle Leben blieb allerdings provinziell, trotz so hervorragender Vertreter geistigen Lebens wie Christian Dietrich Grabbe und Albert Lortzing. Die Standesunterschiede und das Bildungsgefälle waren hoch – mit dem fürstlichen Hof, der Hofgesellschaft und dem Beamtentum an der Spitze der Gesellschaft. Die Revolution von 1848 brachte auch in Detmold Bewegung in die Bürgerschaft, die sich in Demonstrationen vor dem Schloss und in den Straßen äußerte. Die Regierung gab den Wünschen des Volkes nach und holte den Oppositionsführer Moritz Petri, einen Freund Grabbes, ins Kabinett. Dies und die nach 1850 einsetzende Reaktion dämpften alsbald die Unruhe des Volkes.

Der Musik und Theater liebende Fürst Leopold III. regierte von 1851 bis 1875 und förderte das Theater- und Konzertleben in der Stadt. Er holte Clara Schumann und den jungen Johannes Brahms als Klavierlehrer der fürstlichen Familie und als Solisten für öffentliche Konzerte nach Detmold. Damit begann Detmolds Entwicklung als Stadt der Musen. Der Nachfolger, Fürst Woldemar war der krasse Gegensatz und strich kurze Zeit nach Amtsantritt 1875 die Ausgaben für die Kultur radikal. Er löste 1875 die Hofkapelle auf, begründete dies mit Sparmaßnahmen, erhöhte aber gleichzeitig die Ausgaben für Repräsentation erheblich.

Detmold ist vielen Menschen durch das Lied „Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt…“ bekannt. Der Komponist dieses Volksliedes ist unbekannt, es wird jedoch mit der Schlacht bei Preußisch Eylau im Jahr 1807 in Verbindung gebracht. Das Lied wurde zunächst nicht auf Detmold bezogen, sondern von etwa 25 Orten in Anspruch genommen, auf die das Versmaß passte. Seit etwa 1880 ist es als Studenten-, Wander- und Soldatenlied in der jetzigen Fassung nur noch mit Lippe-Detmold verbunden.

Mit den Gründerjahren kamen die Bürger zu steigendem Wohlstand, der sich auch im Stadtbild bemerkbar machte. Die Einwohnerzahl stieg nun schnell: 1880 hatte Detmold 8.053 und 1910 schon 14.294 Einwohner. Detmold entwickelte sich in dieser Zeit von einer Handwerker- und Ackerbürgerstadt zu einer modernen Landeshauptstadt.

1898 schenkte Grafregent Ernst zur Lippe der Stadt Detmold die ewigen Nutzungsrechte an den Berlebecker Quellen. Ein Wasserleitungsnetz wurde verlegt für 909 Häusern mit 4.000 Wasserhähnen.Zur Erinnerung wurde auf dem Schlossplatz 1907 ein Denkmal des Grafregenten vom Bildhauer Heinrich Wefing eingeweiht.

Am 17. Mai 1907 wurde in Detmold die neue Synagoge eingeweiht. Zur Einweihung kamen neben anderen politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Vertretern Fürstin Bertha und Fürst Leopold IV. 1912 entschied man sich aufgrund von Beschwerden aus Detmold und Umgebung, die Andreasmesse aufzuheben und stattdessen während dieser Tage einen Vergnügungspark einzurichten. Jedoch führte auch dies nicht zu einer befriedigenden Lösung, so dass der Vergnügungspark bereits ein Jahr später aufgelöst und die Andreasmesse wieder eingeführt wurde. Sie lockt vom letzten Mittwoch im November bis zum darauffolgenden Sonntag jedes Jahr viele Besucher an.

Im Ersten Weltkrieg starben über 4000 Angehörige des Infanterieregiments 55, dessen III. Bataillon in Detmold stationiert war. Bei der Explosion einer Munitionsfabrik am 31. Mai 1917 in Detmold verloren 72 Menschen, zumeist junge Mädchen, ihr Leben.

Bis 1918 blieb Detmold Sitz des Fürstenhauses und wurde dann nach Abdankung des Fürsten Hauptstadt des Freistaates Lippe.

In der Zeit zwischen dem 12. November 1918, als Fürst Leopold IV. auf den Thron verzichtete, und der nationalsozialistischen Machtergreifung am 7. Februar 1933 war die SPD die führende politische Kraft und stellte mit Heinrich Drake den Regierungschef der Landesregierung in Detmold über vier Legislaturperioden.

Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme in der Weimarer Republik erhielten die rechts- und linksradikalen Parteien erhebliche Stimmenzuwächse und die SPD verlor ihre absolute Mehrheit im Landtag. 1923 wurde die erste Ortsgruppe der NSDAP in Lippe gegründet. Im Januar 1933 mobilisierten die Nazis für den Landtagswahlkampf alle Kräfte und Adolf Hitler sprach sechzehnmal auf Kundgebungen. Die Nazis knüpften große Hoffnungen an einen Wahlsieg am 15. Januar 1933 in Lippe. Diese Wahlen stießen auf internationales Interesse, da die Nationalsozialisten hier erstmals mit allen ihren Spitzenleuten einschließlich Hitler demonstrierten, wie sie sich die Machtergreifung vorstellten.

Die NSDAP bekam 39,5 %, die SPD 30,2 % und die KPD 11,2 % der Stimmen. Eine Koalition aus NSDAP, DNVP und DVP konnte eine Minderheitsregierung im Lippischen Landtag bilden. Bereits im Jahr 1933 wurden die Gemeinden gleichgeschaltet, Kommunisten und Gewerkschaftsfunktionäre verhaftet und zum Teil ermordet. Wie im übrigen Reich zerschlugen die Nazis auch in Lippe die Organisationen der Arbeiterbewegung und überzogen das Land mit Terror.

Der bekannteste Detmolder Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime war Felix Fechenbach. 1928 wurde er Redakteur des SPD-Organs Volksblatt in Detmold und schrieb Artikel gegen die Nazis. Diese unter dem Pseudonym Nazi-Jüsken verfassten Glossen führten zu starken Anfeindungen. Am 11. März 1933 wurde er festgenommen und am 7. August 1933 auf dem Transport in das KZ Dachau im Kleinenberger Wald zwischen Detmold und Warburg „auf der Flucht erschossen“. Das Grab von Felix Fechenbach befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Rimbeck.

Am 10. November 1938 brannte die Synagoge in der Reichspogromnacht völlig aus und im Verlauf der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verloren 162 jüdische Bürger aus Detmold ihr Leben. Die meisten der etwa 600 Juden in Lippe wurden in die Massenvernichtungslager deportiert. Nur 52 von ihnen konnten vorher Deutschland verlassen. Die Deportation begann am 13. Dezember 1941 und die ersten 25 wurden nach Riga gebracht. Die zweite Deportationswelle mit 34 Juden führte am 31. März 1942 ins Warschauer Ghetto, während am 11. Juli 1942 sieben Personen direkt ins Vernichtungslager Auschwitz kamen. Der letzte Transport aus Lippe mit 79 Juden ging nach Theresienstadt.

Alfred Meyer war Gauleiter Westfalen-Nord, Reichsstatthalter in Lippe und wesentlich verantwortlich am planmäßigem Völkermord an den Juden. Der oberste Naziführer in Lippe war Adolf Wedderwille, der als Kreisleiter der NSDAP und stellvertretender Staatsminister in Lippe herrschte. Das meiste Blut an seinen Händen hatte aber ohne Zweifel Jürgen Stroop, geboren 1895 als Sohn eines Polizeiwachtmeisters in Detmold. Stroop trat 1932 in die NSDAP ein und machte schnell Karriere. Inzwischen zum SS-Brigadeführer aufgestiegen, erhielt er am 19. April 1943 den Auftrag, den Aufstand im Warschauer Ghetto niederzuschlagen. Hierbei wurden nach Stroops eigenen Angaben über 56.000 Juden ermordet.

Detmold war im Zweiten Weltkrieg nur selten das Ziel von Bombenangriffen. Am 1. April 1945 erreichten die Amerikaner den Teutoburger Wald und beschossen ab Ostermontag, dem 2. April 1945 vornehmlich die Straßenkreuzungen und benachbarte Häuser in Detmold mit Granaten. Am 4. April gegen 19 Uhr drangen die Amerikaner über die Bandelstraße, Hans-Hinrich-Straße und Schillerstraße mit Panzern in die Stadt ein und hatten bis zum späten Abend alle Ortsteile besetzt. Nachdem die nationalsozialistischen Führer geflohen waren, richteten sich Offiziere der Besatzungsmacht im Regierungsgebäude und im Detmolder Rathaus ein und setzten schon am 5. April den Fabrikanten Alex Hofmann, Inhaber der Firma Gebrüder Klingenberg, als ersten Detmolder Bürgermeister der Nachkriegszeit ein. Seine Hauptaufgabe bestand anfangs darin, die Befehle der Besatzungsmacht auszuführen. Bereits nach wenigen Tagen zogen sich die Amerikaner zurück, und die Briten übernahmen das Kommando. In der Zwischenzeit war der Detmolder Flugplatz zur Nachschubbasis ausgebaut worden. Dazu waren die Start- und Landebahnen mit Eisenplatten befestigt und verlängert worden. Die schweren Frachtflugzeuge landeten und starteten im Minutentakt. Während des Kalten Krieges war die Stadt Garnison der 20. britischen Panzerbrigade (Armoured Brigade) der Britischen Rheinarmee, die auch den nun Hobart Barracks genannten Flugplatz als Hubschrauberlandeplatz, später auch für den Senkrechtstarter Hawker Siddeley Harrier nutzte. Im Juli 1995 verließen die Briten ihre Garnison in Detmold und den Flugplatz.

Die Regierung in Düsseldorf, der Hauptstadt des neu gebildeten Nordrhein-Westfalens legte fest, dass Detmold vorläufiger Sitz des gleichnamigen Regierungsbezirks wurde. Seit 1972 ist Detmold auch Sitz der Kreisverwaltung Lippe.

Dem lippischen Volk blieben das Landesvermögen, wie Forsten, Domänen, Staatsbäder, sowie soziale und kulturelle Einrichtungen erhalten und der neu gegründete Landesverband Lippe wurde mit deren Pflege und Erhaltung beauftragt. Große Verdienste bei diesem Umwandlungsprozess hat sich Heinrich Drake erworben. Bis 1950 hatten Vertriebene und Evakuierte die Einwohnerzahl Detmolds von 23.000 im Jahr 1938 auf etwa 30.000 ansteigen lassen. Einen hohen Anteil bildeten dabei Vertriebene aus Schlesien, so dass Detmold 1954 die Patenschaft für die niederschlesische Stadt Sagan und den Kreis Sprottau übernahm. 1967 kam im Zuge des sich vereinigenden Europas die nordfranzösische Stadt Saint-Omer als Partnerstadt hinzu.

Auf dem Fliegerhorst, der nun Hobart Barracks hieß, hatten sich während des Kalten Krieges die Briten eingerichtet und in der benachbarten Gemeinde Herberhausen wurden in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts Wohnungen und Versorgungseinrichtungen für britische Soldaten und ihre Familien erbaut. Mit dem Abzug der britischen Soldaten im Juli 1995 war leerstehender kostengünstiger Wohnraum vorhanden, der in den folgenden Jahren überwiegend von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen Migranten bezogen wurde. Heute sind etwa 90 % der Bewohner Migranten aus mehr als 20 verschiedenen Staaten. Zur Zeit gibt es hier etwa 62 % Aussiedler, 20 % Kurden, 10 % andere Nationalitäten und 7 % Deutsche. Herberhausen ist heute ein sozialer Brennpunkt. Mehr als 40 % der Bewohner sind Kinder und Jugendliche, von denen viele ungewollt mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen sind. Sie haben durch sprachliche Schwierigkeiten bedingte Probleme in der Schule, daraus resultieren Lehrstellenmangel, eine hohe Arbeitslosenquote, sowie Alkoholismus und Drogenkonsum. Die Integration dieser Jugendlichen stellt die Stadt vor erhebliche Probleme.

Am 31. Dezember 1880 wurde die Bahnstrecke von Herford über Lage nach Detmold eröffnet, damit hatte Detmold einen Anschluss an das Eisenbahnnetz; allerdings fast 40 Jahre später als zum Beispiel Bielefeld und Herford. Diese Bahnstrecke wurde am 11. Juni 1895 nach Altenbeken verlängert, es entstand eine Verbindung in Richtung Paderborn und Kassel. Einige Jahre später konnte man per Bahn auch über Oerlinghausen nach Bielefeld reisen. Zwischen 1900 und 1954 verfügte Detmold über ein Straßenbahnnetz, das in seiner Blütezeit weit über die Stadtgrenzen hinausreichte. Die Straßenbahn der PESAG, führte mit Überlandlinien über Horn nach Bad Meinberg, Blomberg, Bad Lippspringe und Paderborn. Weitere Linien führten über Heidenoldendorf in den Ortsteil Pivitsheide V. L. und über Heiligenkirchen nach Berlebeck und Hiddesen. Bis 1954 wurden alle Linien nach und nach eingestellt und durch einen Busverkehr ersetzt.

Im Rahmen der nordrhein-westfälischen Gebietsreform wurden zum 1. Januar 1970 die Stadt Detmold sowie die 25 Gemeinden Barkhausen, Bentrup, Berlebeck, Brokhausen, Dehlentrup, Hakedahl, Heidenoldendorf, Heiligenkirchen, Hiddesen, Hornoldendorf, Jerxen-Orbke, Leistrup-Meiersfeld, Loßbruch, Mosebeck, Niederschönhagen, Nienhagen, Niewald, Oberschönhagen, Oettern-Bremke, Pivitsheide (Vogtei Heiden), Pivitsheide (Vogtei Lage), Remmighausen, Schönemark, Spork-Eichholz und Vahlhausen zur neuen Stadt Detmold zusammengeschlossen.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte Detmold nur einige hundert Einwohner. Die Bevölkerungszahl wuchs langsam und ging durch die zahlreichen Kriege, Seuchen und Hungersnöte immer wieder zurück. So wurde die Stadt 1447 während der Soester Fehde verwüstet und hatte viele Tote zu beklagen. 1625 bis 1637 forderten mehrere Pestepidemien über 900 Todesopfer. Auch während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) gab es Einwohnerverluste. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert setzte in der Stadt Detmold ein stärkeres Bevölkerungswachstum ein.

Lebten 1835 erst rund 4.000 Menschen in der Stadt, so waren es 1900 bereits fast 12.000. Bis 1939 verdoppelte sich diese Zahl nahezu auf rund 23.000. Auch danach stieg die Einwohnerzahl weiter. Durch zahlreiche Eingemeindungen am 1. Januar 1970 wuchs die Bevölkerungszahl von 29.552 im Jahre 1969 auf über 63.000 im Jahre 1970 an. Am 30. Juni 2007 betrug die amtliche Einwohnerzahl für Detmold nach Fortschreibung des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen 73.714 (nur Hauptwohnsitze und nach Abgleich mit den anderen Landesämtern).

Von diesen waren 52,6 % weiblich und 47,4 % männlich. Der Ausländeranteil beträgt 6,0 % und liegt damit unter dem Bundesdurchschnitt. Die Anzahl der Personen mit Migrationshintergrund beträgt 21,2 % und liegt damit leicht über dem Bundesdurchschnitt, wie aus dem aktuellen Demografiebericht hervorgeht.

In Detmold gibt es 8562 Haushalte, in denen Kinder unter 18 Jahren leben. Dabei sind die Haushalte mit einem Kind am stärksten vertreten (49 % aller Haushalte mit Kindern). Die Arbeitslosenquote lag im Januar 2008 bei ca. 9–10 %.

Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand, bei einigen Zahlen zusätzlich nach heutigem Gebietsstand. Bei den Zahlen handelt es sich vor 1818 um Schätzungen (¹), danach um Volkszählungsergebnisse (²) oder amtliche Fortschreibungen (³) des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik. Die Angaben beziehen sich ab 1871 sowie für 1946 auf die Ortsanwesende Bevölkerung, ab 1925 auf die Wohnbevölkerung und seit 1987 auf die Bevölkerung am Ort der Hauptwohnung. Vor 1871 wurden die Einwohnerzahlen nach uneinheitlichen Erhebungsverfahren ermittelt.

Die Christianisierung begann bereits zur Zeit der Sachsenherrschaft im 8. Jahrhundert n. Chr. und Lippe gehörte im Mittelalter zum Erzbistum Paderborn und Bistum Minden. Im 16. Jahrhundert breitete sich die Reformation unter Herrschaft von Bernhard VIII. Graf zur Lippe (1536–1563) in Detmold und im gesamten Umkreis aus und das lutherische Bekenntnis wurde eingeführt. Im Jahr 1684 wurde in der ersten reformierten Kirchenordnung festgelegt, dass der Landesherr die Konfession seiner Untertanen bestimmen konnte. Diese Regelung galt bis 1918 in Lippe. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hat das reformierte Bekenntnis zunehmend an Einfluss gewonnen, als der Landesherr zu diesem Glauben übertrat. Oberhaupt der Kirche war damals der jeweilige Regent des Fürstentums Lippe als höchster Bischof (summus episcopus), und der geistliche Leiter war ein Generalsuperintendent. Nach Ende des Ersten Weltkriegs trat an die Stelle des landesherrlichen Kirchenregiments der neu geschaffene Landeskirchenrat mit dem Generalsuperintendenten (später Landessuperintendenten) an der Spitze. 1931 gab sich die Kirche eine neue Verfassung. Die heutige Lippische Landeskirche mit Sitz in Detmold hat ihre Wurzeln in der Reformation. Sie umfasst die evangelisch-reformierten und evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden. Zwischen ihnen besteht Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Es dauerte bis 1854, dass durch ein fürstliches Edikt auf Initiative von Laurenz Hannibal Fischer die katholische Kirche der evangelischen Landeskirche gleichgestellt wurde. 1892 wurde in Detmold durch Bischof Hubertus Simar von Paderborn das erste katholische Dekanat gegründet wurde. Erster Dechant war Karl Lillotte von 1892 bis 1897. Im Jahr 1897 wurde durch Maximilian Freiherr zu Laßberg wieder eine katholische Kirchengemeinde gegründet, die bereits vier Jahre später eine eigene Kirchensteuer erhob. 1946 lebten bereits 6500 Katholiken in Detmold, von denen viele Kriegsflüchtlinge aus den Ostgebieten waren. 1953 wurde ein katholisches Altenheim namens Bonifatius gegründet. 1973 betrug die Zahl der in Detmold lebenden Katholiken knapp 11.000. Im Jahre 2002 feierten die katholischen Gemeinden ihr 150-jähriges Bestehen.

Um sich niederzulassen, mussten Juden im Mittelalter Schutz- oder Geleitbriefe von den lippischen Landesherren kaufen. Der älteste lippische Judenschutzbrief wurde im Jahr 1500 ausgestellt. Offenbar aus finanziellen Gründen nahm Simon VI. etwa 30 jüdische Familien in Lippe auf und genehmigte 1603 sogar den Bau einer Synagoge. Nach seinem Tod kam es in Lippe zu einer großangelegten Judenvertreibung, nachdem sie angeblich Gesetzesverstöße begangen hatten. Erst 1647 kehrten die ersten Juden zurück. Um 1780 lebten über 900 Juden in Lippe. Für die Rechte der Juden setzte sich Leopold Zunz (1794–1886) aus Detmold nachdrücklich ein und 1858 erhielt die Vorlage zur Emanzipation Gesetzeskraft. Dennoch wurden die Juden in der Folgezeit auch in Lippe regelmäßig als Sündenböcke für Straftaten beschuldigt, die sie nicht begangen hatten. Am 10. November 1938 kam es zur Reichspogromnacht, als die Nazis in ganz Deutschland jüdische Synagogen, Friedhöfe und Geschäfte zerstörten. In Detmold brannte die 1907 erbaute Synagoge in der Lortzingstraße völlig aus und fünf jüdische Geschäfte wurden zerstört. 162 jüdische Bürger aus Detmold wurden, soweit heute bekannt ist, während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft umgebracht.

Im Detmolder Stadtrat gibt es zurzeit keine feste Koalition.

Blasonierung: In Rot eine silberne fünfzinnige durchgehende Stadtmauer, an beiden Enden mit zwei freistehenden lateinischen Kreuzen besteckt, hinter der ersten und letzten Scharte je ein dreistöckiger dreizinniger Turm mit je einer schwarzen Fensteröffnung pro Etage, dazwischen ein großer Torbogen, überragt von einem Mittelturm mit spitzem Dach, mit einem Tatzenkreuz auf der Spitze und je einer Kugel an den beiden Dachenden besteckt, bedeckt mit einer großen lippischen Rose (rote Blätter mit gelbem Butzen) ohne Kelchblätter auf silbernem Rundschild, darunter vor den mittleren beiden Zinnenöffnungen zwei Schildchen, darin in Silber eine lippische Rose ohne Kelchblätter.

Die 1970 neu gebildete Stadt Detmold hat mit Genehmigung vom 23. Februar 1970 das der ehemaligen Stadt Detmold am 24. November 1955 verliehene Wappen übernommen, das aufgrund des ältesten in drei Abdrücken von 1305, 1350 und 1428 erhaltenen Stadtsiegels 1954 vom Rat festgelegt wurde. Das Gebäude ist Symbol der Stadt, die Rose stammt aus dem Schild der Landesherren.

Detmold hat vier Partnerstädte und ist mit zwei weiteren Städten befreundet. Alle sechs Städte bis auf Verona haben ungefähr so viele Einwohner wie Detmold und haben etwa das gleiche Alter. Die älteste Partnerschaft besteht mit Saint-Omer (Pas-de-Calais) in Frankreich seit dem 29. Juni 1969 und wurde auf der Grundlage des Élysée-Vertrags vom 22. Januar 1963 geschlossen. Am 6. Mai 1976 wurde die Partnerschaft mit der belgischen Stadt Hasselt geschlossen. Die jüngste Partnerstadt ist seit dem 11. Juni 2004 Savonlinna in Finnland. Mit allen drei Städten finden Schüleraustausche sowie Begegnungen zwischen Kultur- und Sportvereinen statt. Eine innerdeutsche Partnerschaft besteht mit Zeitz seit dem 18. August 1990, die mit der Zusammenarbeit von Stadträten und Verwaltungen begann und heute mit dem Austausch von Vereinen eine weitere Facette erhält.

Mit Verona in Italien gibt es seit dem 20. Mai 2006 eine Städtefreundschaft infolge eines langjährigen Schulprojektes zur gemeinsamen Aufarbeitung der deutsch-italienischen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus und des Faschismus. Seit dem 16. Juni 2006 besteht eine weitere Städtefreundschaft mit der griechischen Stadt Kallithea, die auf eine Jugendbegegnung mit Teilnehmern aus acht europäischen Staaten im Rahmen des Programms Europäisches Jahr der Erziehung durch Sport im Jahre 2004 zurückgeht.

Am 11. Juni 2006 fand über den Bau eines Einkaufszentrums am „Lustgarten“ der erste Bürgerentscheid der Stadt Detmold statt. Zur Abstimmung stand die Forderung eines Bürgerbegehrens an den Stadtrat, die Verhandlungen mit dem Projektentwickler abzubrechen. Obwohl die Mehrheit (der angetretenen Wähler) für das Bürgerbegehren stimmte, scheiterte es, da das Zustimmungsquorum von 20 % der Stimmberechtigten nicht erreicht wurde.

Das Westfälische Freilichtmuseum ist mit etwa 100 historischen Gebäuden auf 90 Hektar das größte seiner Art in Deutschland. Es wurde 1966 auf dem Gelände des ehemaligen fürstlichen Tiergartens eröffnet und zieht jährlich zwischen dem 1. April und 31. Oktober durchschnittlich 250.000 Besucher an. Das Lippische Landesmuseum zeigt Exponate zur Landes- und Kulturgeschichte, Naturkunde und Prähistorie. Das Museum feierte 1985 sein 150-jähriges Bestehen. Jüngstes Museum Detmolds war das Art Kite Museum für Flugdrachenkunst, das im Jahre 2000 eröffnet, aber schon fünf Jahre später wieder geschlossen wurde. Weniger bekannt, aber von überregionaler Bedeutung, ist das Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte. Es ist das erste und einzige Museum dieser Art in Deutschland und befindet sich noch im Aufbau.

Das Landestheater Detmold besitzt an seinem Stammsitz Detmold vier Spielstätten: das Landestheater selbst mit 650 Plätzen, die Kleine Bühne im Grabbe-Haus mit 80 Plätzen, das Hoftheater im Innenhof, das alljährlich zu jeder Vorstellung unter freiem Himmel 250 Besucher anlockt, sowie das Detmolder Sommertheater. Das Landestheater Detmold gilt als größte Reisebühne Europas, denn etwa die Hälfte der fast 600 Vorstellungen jeder Spielzeit finden außerhalb Detmolds statt. Das Spielgebiet umfasst das gesamte Land Nordrhein-Westfalen und geht sogar weit über die Landesgrenzen hinaus bis nach Belgien, Luxemburg und in die Schweiz. Das Landestheater Detmold entstand im Jahr 1825 auf Veranlassung Fürst Leopolds II. Er ließ es im Rosental unweit von Marktplatz und Schloss errichten. Nach nur siebenmonatiger Bauzeit konnte im November 1825 bereits der Vorhang aufgehen. Am 5. Februar 1912 brannte das Theater bis auf die Grundmauern nieder, wurde aber schon während des Ersten Weltkrieges 1914–1915 nach Plänen des Berliner Architekten Bodo Ebhardt im klassizistischem Stil neu errichtet. Die Finanzierung des Neubaus erfolgte mit Spenden der Detmolder Bürger und Geldern des Fürstenhauses. Wie alle deutschen Bühnen musste das Theater im Zweiten Weltkrieg am 1. September 1944 seine Pforten schließen. Nach Kriegsende richtete die englische Besatzungsmacht hier ihr Casino ein. Der Spielbetrieb wurde ins Detmolder Sommertheater verlegt. Am 5. Juli 1952 erfolgte die Freigabe und die Situation normalisierte sich. Im Lippischen Landestheater finden 650 Zuschauer Platz.

Besonders der Hochschule für Musik ist es zu verdanken, dass in Detmold ein reiches musikalisches Angebot gibt. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind die Meisterchöre Camerata Vocale und der Philharmonische Chor Lippe, sowie die Detmolder Schlossspatzen. Der Philharmonische Chor Lippe organisiert seit 1990 internationale Chorfestivals. In Detmold gibt es eine ausgeprägte Singkultur, die sich in elf Mitgliedschören des Sängerbunds NRW ausdrückt. Chorwerke des Komponisten Albert Lortzing, der in Detmold gewirkt hat, werden von Detmolder Chören gesungen.

Die Bigband der Musikhochschule und die Orchestergesellschaft Detmold sind wichtige Instrumentalgruppen der Stadt. Außerdem gibt es in vielen Kirchengemeinden Kirchenchöre und Posaunenchöre. Schließlich ist Detmold die Heimat der Band Duivelspack.

Mit über 400.000 Bänden ist die Lippische Landesbibliothek Detmold eine der bedeutenden hochschulfreien Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen. Ein Schwerpunkt der Bibliothek liegt in der Sammlung und Bereitstellung von Literatur, Urkunden und Dokumenten über Lippe und Ostwestfalen im benachbarten Staatsarchiv Detmold. Untergebracht ist die Bibliothek in einem klassizistischen Palais, das als Privathaus vom Detmolder Kaufmann und Bauunternehmer Wilhelm Ebert in den Jahren 1842 bis 1843 erbaut wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Bibliothek in den Besitz des neu gegründeten Landesverbandes Lippe über.

Die historische Altstadt bildet einen Kreis von etwa 500 Metern Durchmesser, dessen Mittelpunkt der Marktplatz ist. Die Altstadt wird im Süden und Osten von der Bruchmauer-, August-, Adolf- und Karlstraße begrenzt, an denen noch Fragmente der ehemaligen Stadtmauer zu sehen sind, während der Stadtkern im Norden und Westen durch das Rosental und die Ameide seinen Abschluss findet. Innerhalb der Altstadt sind etwa 350 teilweise gut erhaltene historische Gebäude zu besichtigen, besonders in der Langen Straße, der Krummen Straße und der Meierstraße. Diese Häuser stammen aus drei Epochen, dem späten Mittelalter nach dem großen Stadtbrand von 1547 mit bürgerlichen Fachwerkbauten, der Biedermeierzeit (1830-1860) mit seinem spätklassizistischem Stil und der Gründerzeit (nach 1875) mit historisierenden, dekorierten Fassaden. In der Straße Unter der Wehme liegt das Geburtshaus Ferdinand Freiligraths und das Sterbehaus Christian Dietrich Grabbes, dessen Geburtshaus ebenfalls erhalten und in der Bruchstraße zu finden ist.

Das Detmolder Schloss, auch als Fürstliches Residenzschloss Detmold bezeichnet, liegt im Nordwesten der historischen Altstadt und umfasst mit dem Schlossplatz und Burggraben etwa ein Viertel des Stadtkerns. Das Fürstliche Residenzschloss bildet das bedeutendste historische Bauwerk der Stadt und stellt eine hervorragende architektonische Schöpfung der Weserrenaissance dar. Beherrscht wird das Schloss vom mittelalterlichen Turm und einem vierflügeligen Anbau mit reicher Renaissance-Fassade, der in den Jahren 1550-57 entstand. Im Schlosshof befinden sich vier Treppentürme und eine klassische Bogengalerie mit Wappensteinen. Im 17. Jahrhundert entstand der Westflügel mit den Königszimmern, die acht große Wandteppiche, venezianische Kronleuchter und eine Sammlung von Jagdwaffen enthalten. Der Schlossplatz wird von langgestreckten Flügelbauten mit Eckpavillons umgeben, die den Schlossbewohnern als Wagenremise, Marstall und Reitbahn dienten. Die ehemalige Reitbahn wurde in den 1950er Jahren zur Stadthalle umgebaut. Der Brunnen vor dem Schloss mit seiner Fontäne wurde 1898 erbaut und 1957 mit Scheinwerfern ausgestattet.

Die evangelisch-reformierte Erlöserkirche (Marktkirche) ist ein spätgotischer Kirchenbau. Sie wurde nach dem großen Brand im Jahre 1547 zerstört und danach in der Mitte der Stadt wieder aufgebaut. Einige Jahre später sah sich die Stadt in der Lage, die Errichtung eines mächtigen Turms in Angriff zu nehmen. Über dem Eingang kann man die Jahreszahl 1564 erkennen. Dieses Datum weist auf das Jahr der Fertigstellung des Turmes hin. In der Zeit um 1596 wurden zwei Turmwächter angestellt, die als Brandwächter in dem Turm wohnten. Die alte Feuerglocke aus dem 16. Jh. (Schlagton: es1) konnte sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg gerettet werden, sie ist die älteste Bronzeglocke in Detmold. Im Jahre 2005 goss die Glockengießerei Rincker die 1.200 kg schwere Friedensglocke (Schlagton: f1) hinzu, die die verlorene Glocke ersetzen soll. Bereits im Jahr 1555 wurde das Gotteshaus mit einer Orgel ausgestattet. Die heutige Barockorgel von Johann Markus Oestreich wurde 1795 fertiggestellt, 1962 erneuert und erweitert. In dem schlichten Innenraum beeindrucken die spitzbogigen, gotischen Fenster und ein Taufbecken aus Sandstein, das mit Blattranken verziert ist. Die fünfseitige Kanzel steht auf einer einfachen Rundsäule und darüber befindet sich ein sechseckiger Schalldeckel.

Das Rathaus wurde im klassizistischen Baustil in den Jahren von 1828 bis 1830 an der Nordseite des Marktplatzes errichtet. Auffällig ist die doppelläufige Freitreppe mit dem dorischen Säulenportikus aus Sandstein vor dem Gebäude. Im Rathaus befindet sich der Saal des Rats der Stadt sowie die Amtsräume des Bürgermeisters und des Stadtdirektors. 1902 wurde das Rathaus durch einen Anbau an der Rückseite erweitert. Der malerische Donopbrunnen vor dem Rathaus wurde 1902 errichtet und stellt die Berlebecke als Nymphe dar.

Das Palais (auch Neues Palais) wurde zwischen 1706 und 1708 von Graf Friedrich Adolph erbaut. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Hauptbau mit flügelartigen Pavillons. Ursprünglich diente das Palais als Witwensitz der lippischen Fürstinnen. Von 1849 bis 1864 wurde es umgebaut. Vor der südlichen Seitenfront befindet sich ein Springbrunnen aus dem Jahre 1857 mit Delphinen und Tritonen. Heute ist es Sitz der Hochschule für Musik. An das Palais schließt sich der Palaisgarten an.

Die evangelisch-reformierte Christuskirche am Kaiser-Wilhelm-Platz mit der Gruft der Fürstenfamilie zur Lippe ist ein im neugotischen Stil errichteter Kirchenbau aus dem frühen 20. Jahrhundert nach Entwürfen des Architekten Otto Kuhlmann. Bedingt durch Kriegseinwirkung war zu Anfang der 1960er Jahre eine größere Renovierung erforderlich, in den 80er Jahren erfolgte eine umfangreiche Erneuerung der Außenhaut und kürzlich wurde eine Innenraumrenovierung vorgenommen. In den warmen Monaten des Jahres ist die Kirche tagsüber für Besucher geöffnet. Die Christuskirche ist Heimat der evangelisch-reformierten Christen im Detmolder Westen. Im Januar 2008 besteht sie hundert Jahre.

Die evangelisch-lutherische Martin-Luther-Kirche in der Schülerstraße wurde in den Jahren 1897 bis 1898 in neugotischem Stil zum großen Teil von Spendengeldern an der Stelle der alten Barockkirche erbaut. Bis 1721 war es im reformierten Detmold verboten, eine lutherische Kirche zu errichten. Erst die lutherische Fürstin Wilhelmine von Nassau-Idenstein setzte den Bau der ersten Kirche durch. Das Modell dieser Kirche ist im Gemeindehaus nebenan zu besichtigen.

Der Friedrichstaler Kanal ist ein technisches Baudenkmal und ein bis heute in Teilen erhaltenes Wasserbauwerk, das von 1701 bis 1704 auf Anweisung des damaligen Grafen Friedrich Adolf erbaut wurde. Der Friedrichstaler Kanal verband den heute nicht mehr existierenden Landsitz aus Lustschloss, Orangerie und Barockgarten mit dem Residenzschloss. Der Kanal wird mit Wasser aus dem Knochenbach gespeist und mündet in den Wallgraben, der um den südlichen und westlichen Teil der Stadtmauer fließt und schließlich den Schlossteich füllt. Verantwortlicher Bauherr war Hindrick Kock. Der Kanal wurde nicht für wirtschaftliche Zwecke genutzt, sondern ausschließlich mit Gondeln für Lustfahrten befahren. 1748 wurde die Schifffahrt wieder eingestellt. Eine Weiternutzung erfolgte durch den Bau von Mühlen an den Schleusen. Die 1752/1753 errichtete Obere Mühle war bis 1958 in Betrieb und wird seitdem von der Gastronomie genutzt. Die drei Schleusen, die zur Überwindung des Gefälles gebaut wurden, sind heute noch als Wasserfälle zu sehen. Der Bau des Kanals erfolgte im Zusammenhang mit dem Bau des Palais und der östlichen Häuserzeile an der Neustadt entlang des Kanals, der ersten Erweiterung der Stadt über die mittelalterlichen Grenzen hinaus. Die Kanalanlage gilt als bedeutendes und einmaliges Denkmal der barocken Wasserbaukunst.

Der Schlosspark, auch Schlossplatz genannt, wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegt. Man kann den Platz von vier Seiten betreten, durch das Hauptportal von der Langen Straße, vom Theatervorplatz, vom Marktplatz durch den Kirchbogen und schließlich über eine breite Treppe vom Rosental aus. Der große Springbrunnen vor dem Schloss mit beleuchteter Fontäne wurde um 1900 angelegt. Der kleine, achteckige Brunnen im östlichen Teil des Parks stammt wahrscheinlich aus dem Park Friedrichstal. Eine Porträtbüste von Johannes Brahms steht nahe am Hauptportal. Der Schlossplatz wird von langgestreckten Flügelbauten mit Eckpavillons umgeben, die den Schlossbewohnern als Wagenremise, Marstall und Reitbahn dienten. Die ehemalige Reitbahn wurde in den 1950er Jahren zur Stadthalle umgebaut.

Der Palaisgarten wurde im frühen 18. Jahrhundert als Parterregarten im französischen Stil angelegt, Mitte des 19. Jahrhunderts vergrößert und in einen englischen Landschaftsgarten umgestaltet. Der Palaisgarten ist als Baudenkmal geschützt und enthält einen alten Baumbestand aus Mammutbäumen und anderen exotischen Bäumen, sowie mehrere Brunnen und Kaskaden. In der Nähe steht ein kleiner achteckiger Bau, der eine Turbine für den Betrieb der Wasserspiele enthält und 1855 errichtet wurde. Gleich dahinter am Hang des Büchenbergs befindet sich ein vergittertes Sandsteinportal, das in einen Bergkeller führt und einer Brauerei zur Lagerung von Eis diente.

Das Hermannsdenkmal wurde auf der 386 Meter hohen Grotenburg errichtet und soll an die Schlacht im Teutoburger Wald und den Cheruskerfürsten Arminius erinnern. Das 54 Meter hohe Denkmal wurde zwischen 1838 und 1875 von Ernst von Bandel errichtet und am 16. August 1875 von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht. Seitdem ist es eines der meist besuchten Denkmäler Deutschlands mit annähernd einer Million Besucher jährlich.

Das Westfälische Freilichtmuseum ist mit etwa 100 historischen Gebäuden auf 90 Hektar das größte seiner Art in Deutschland. Das Freilichtmuseum wurde 1966 auf dem Gelände des ehemaligen fürstlichen Tiergartens eröffnet und zieht jährlich zwischen dem 1. April und 31. Oktober durchschnittlich 250.000 Besucher an. Die Gebäude bestehen aus originalgetreu wieder aufgebauten historischen Häusern, wie Bauernhöfen, Handwerkerhäusern, Gaststätten und Dorfschulen mit kompletter zeitgenössischer Inneneinrichtung und typischen Gartenanlagen.

Die Externsteine bei Horn sind eine Gruppe von dreizehn, zum Teil freistehenden, bis zu 38 Meter hohen Sandsteinfelsen, die von der Wiembecke in Jahrmillionen ausgewaschen wurden. Ein Gebiet von etwa 140 Hektar im Umkreis der Externsteine ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Im frühen 12. Jahrhundert war hier eine christliche Wallfahrtsstätte entstanden. In die Wand des Hauptfelsens wurde ein 3,6 Meter breites und 5 Meter hohes Relief gemeißelt, das die Kreuzabnahme Christi darstellt. Am Fuße der Felsen ist die Wiembecke zu einem kleinen See aufgestaut.

Der Donoperteich ist ein 132 Hektar großes Naturschutzgebiet und beliebtes Ausflugsziel in der Nähe des Ortsteils Hiddesen. Der malerisch gelegene Donoperteich wurde von Graf Simon Heinrich 1683 für die Fischzucht angelegt und nach dem gräflichen Kammerherrn von Donop benannt. In unmittelbarer Nähe liegt das Hiddeser Bent, ein Hochmoor mit charakteristischer Fauna, wie Wollgras, Pfeifengras, Torfmoos, Sonnentau und Moosbeere. Das Hiddeser Bent wurde schon 1950 als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Mit einem Fußmarsch von etwa einer Stunde ist über das Heidental der Bielstein zu erreichen, der mit 393 Metern die höchste Erhebung im Detmolder Stadtgebiet darstellt. Auf seiner Kuppe befindet sich der Sender Bielstein des Westdeutschen Rundfunks mit seinem 300 Meter hohen Sendemast.

Die Adlerwarte Berlebeck befindet sich auf dem Berg Kelle in Berlebeck und wurde vom Falkner Adolf Deppe Ende der 1930er Jahre mit fünf Tieren gegründet. Die Adlerwarte gilt heute als die größte und älteste Greifvogelwarte Europas und beherbergt derzeit etwa 180 Greifvögel. Sie ist vom 16. Februar bis 15. November täglich geöffnet und bietet Freiflugvorführungen mit Adlern, Geiern und Falken.

Der Vogelpark Heiligenkirchen, auch als Vogel- und Blumenpark bezeichnet, beherbergt in mehr als 120 Volieren über 2000 Vögel aus der ganzen Welt. Die größten Attraktionen sind die Streichelwiese für Papageien und die kleinsten Hühner der Welt, die nur hummelgroße Küken aufziehen. Der Vogelpark ist vom 11. März bis 4. November täglich geöffnet.

Die Ruine Falkenburg steht im Ortsteil Berlebeck auf einer der mit 373 Metern höchsten Erhebungen des Teutoburger Waldes. Die Falkenburg wurde um 1190 als erste Burg der Edelherrschaft Lippe von Bernhard II. errichtet und hielt mehreren Belagerungen stand. 1453 brannte die Burg völlig ab, wurde später neu aufgebaut, erhielt aber nie die frühere Bedeutung zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, inzwischen zur Ruine verfallen, benutzte man ihre Steine zum Bau der Gauseköte benannten nahegelegenen Passstraße über den Teutoburger Wald.

Das Silberbachtal ist ein landschaftlich reizvolles Bachtal bei Leopoldstal südöstlich von Detmold mit der Silbermühle und der Kattenmühle. Der Name Silberbach stammt von geringen Silberfunden in den Jahren 1711 bis 1712. Ein beliebtes Wanderziel ist die benachbarte Lippische Velmerstot am Übergang vom Teutoburger Wald zum Eggegebirge, mit 441 Metern der höchste Berg im Teutoburger Wald, während die etwa 1000 Meter entfernte Preußische Velmerstot noch 27 Meter höher ist. Der Gipfel des Berges besteht aus einer bizarren Sandsteinformation und bietet einen eindrucksvollen Fernblick.

Die Opfersteine im Leistruper Wald liegen am Ostrand des Leistruper Waldes im Ortsteil Diestelbruch. Die Opfersteine bestehen aus Steingruppen oder -reihen, die in unbekannter Zeit von Menschen bearbeitet und aufgestellt wurden. Auch der Sinn und Zweck dieser vermutlichen Kultstätten ist unbekannt. Unweit von den Opfersteinen liegt ein archäologisch erschlossenes bronzezeitliches Hügelgrab. Von der Höhe (288 m) des mit Buchen, Eichen und Nadelholz bestandenen Leistruper Waldes hat man eine gute Fernsicht in das gesamte Lipperland. Sehenswert ist der 1962 angelegte Waldlehrpfad und ein Lehrbienenstand.

Jedes Jahr im Frühjahr finden in der Fußgängerzone der Innenstadt sowie im Kaiserkeller und in der Stadthalle die Internationalen Detmolder Jazznächte statt. Gäste sind zum Beispiel Robin Eubanks und regelmäßig die Bigband der Detmolder Musikhochschule.

Im Sommer werden regelmäßig die Detmolder Sommerbühne und Lippe Kulinarisch veranstaltet. Die Sommerbühne ist eine mehrtägige kostenlose Open-Air-Veranstaltung in der Innenstadt mit einer Hauptbühne auf dem Marktplatz. Lippe Kulinarisch bietet im Schlossgarten im Juli/August an einem Wochenende regionale und internationale Spezialitäten, die von der heimischen Gastronomie präsentiert werden, an.

Im Herbst findet jedes Jahr von Mittwoch nach dem Buß- und Bettag bis zum darauffolgenden Sonntag die Andreasmesse mit etwa 250 Ausstellern statt. Karussells und Verkaufsstände bieten ein buntes Programm auf dem seit 1604 urkundlich bezeugten Jahrmarkt. Veranstaltungsort sind die Fußgängerzone und der Kronenplatz. Ebenfalls in der Fußgängerzone findet jedes Jahr der Weihnachtsmarkt statt. Früher war diese Veranstaltung nur ein kleiner Bauernmarkt.

Die bekannteste Spezialität in Detmold ist der Lippische Pickert, eine Art Kartoffelreibekuchen aus Mehl, geriebenen Kartoffeln, Eiern, Rosinen, Hefe, Milch und Wasser. Er wird traditionell mit Rübenkraut oder Lippischer Leberwurst, einer weiteren lippischen Spezialität, gegessen. Der lippische Pickert findet auch Erwähnung in dem regional bekannten Volkslied Die Lippischen Schützen, in dem es heißt: „Und als sie dann kamen durch die qualmige Stadt Essen, da ham se ihren mitjebrachten Pickert aufjejessen“.

Detmold ist über die Bundesstraßen 238 und 239 sowie über Landstraßen an das Bundesautobahnnetz (A 2, Dortmund-Hannover und A 33, Bielefeld-Paderborn) angeschlossen. Bemerkenswert für eine Stadt dieser Größe ist es, dass es im Stadtgebiet keine vierspurig geführte Straße gibt.

Der Bahnhof Detmold liegt an der Bahnstrecke Herford–Altenbeken. Er wird jeweils im Stundentakt von Regionalzügen der Linien Herford–Lage–Detmold–Altenbeken–Paderborn (Ostwestfalen-Bahn) sowie (Altenbeken–) Detmold–Lage–Oerlinghausen–Bielefeld und weiter bis Münster (Der Leineweber, sonntags nur alle zwei Stunden) bedient.

Im Straßenpersonennahverkehr ist Detmold über ein Regionalbusnetz mit der Region verbunden. Der innerstädtische Verkehr wird durch das 1994 von der Stadtverkehr Detmold GmbH aufgebaute Stadtbusnetz geleistet, das mit seinen sieben Linien teilweise dem bis 1954 bestehenden Straßenbahnnetz entspricht. Detmold gehört zum Verkehrsverbund OstWestfalenLippe.

Der ehemalige Fliegerhorst der Britischen Rheinarmee wurde am 31. Juli 1995 aufgelöst und an die Stadt Detmold übergeben. Die Stadt veräußert Grundstücke und Gebäude des Geländes, um sie einer neuen Nutzung zuzuführen. Der heutige Flugplatz ist ein ziviler Sonderlandeplatz und wird vom Luftsportverein Detmold e. V. genutzt.

Der nächstgelegene internationale Flughafen ist der Flughafen Paderborn/Lippstadt (ca. 60 km südwestlich von Detmold), der über die A 33 zu erreichen ist.

Die Radfernwege Römerroute und Wellness-Radroute sowie die BahnRadRoute Weser-Lippe führen durch das Stadtgebiet. Außerdem verläuft der Europaradwanderweg R1 auf seinem Weg von Calais (Frankreich) nach Tallinn (Estland) im Süden (Externsteine) nahe an der Stadt vorbei.

Durch das historische Zentrum von Detmold zieht sich eine Fußgängerzone, deren Hauptstraßen Lange Straße, Bruchstraße und Schülerstraße sich kreuzförmig im Marktplatz treffen. Von der Fußgängerzone sind der Schlosspark und die Umsteigehaltestelle Rosengarten zu erreichen. Fußwege verbinden weitere Teile der Stadt mit dem Zentrum. Über den Rad- und Fußweg entlang des Friedrichstaler Kanals ist die Innenstadt an das Wanderwegnetz angeschlossen. Markante Wanderwege sind der Europäische Fernwanderweg E1, der von Schweden über Lemgo durch Detmold und über die Externsteine weiter nach Sizilien führt, der Hermannsweg, der über den Kamm des Teutoburger Waldes verläuft, und der Residenzweg.

Radio Lippe sendet aus dem Funkhaus in Detmold lokale Nachrichten für den ganzen Kreis Lippe. Die Lippische Landes-Zeitung hat ihren Sitz in Detmold und ist die Tageszeitung für den gesamten Kreis.

Detmold gilt im Volksmund als Stadt der Behörden und Beamten. Neben der Stadtverwaltung sind dort auch die Kreisverwaltung für den Kreis Lippe mit etwa 400 Beamten und Angestellten sowie die Regierung des Regierungsbezirks Detmold mit etwa 600 Mitarbeitern ansässig. Als Kreis- und Regierungsbezirksstadt beheimatet Detmold weitere Behörden, wie zum Beispiel das Veterinäramt des Kreises Lippe in Jerxen-Orbke. Weitere wichtige Behörden sind die Agentur für Arbeit der Bundesanstalt für Arbeit und das Finanzamt Detmold.

In Detmold sind vier Gerichte ansässig, nämlich das Landgericht am Kaiser-Wilhelm-Platz, das Arbeitsgericht, das Sozialgericht und das Amtsgericht. Die Zuständigkeit des Sozialgerichts Detmold umfasst den gesamten Regierungsbezirk, während das Landgericht und das Arbeitsgericht für das Kreisgebiet zuständig sind. Der Bereich des Amtsgerichts in Detmold umfasst hingegen die Städte und Gemeinden Detmold, Lage, Oerlinghausen, Augustdorf, Schlangen und Horn-Bad Meinberg.

Detmold ist Sitz der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lippe zu Detmold. IHK-Bezirk ist der Kreis Lippe. Die Stadt ist auch Sitz des Deutschen Jugendherbergswerks. Die Stadtbücherei Detmold befindet sich in der Nähe des Hornschen Tors. Der Kreis Lippe ist Träger des örtlichen Klinikums Lippe-Detmold, eines für die Stadt wichtigen Arbeitgebers mit 755 Planbetten im Verband der Klinikum Lippe GmbH.

Um 1850 lag Lippe in der industriellen Entwicklung im Vergleich zu Bielefeld um mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts begann eine zaghafte Entwicklung, die man als industriellen Ausbau des Handwerks bezeichnen könnte. Als Hauptursachen sind die restriktive Politik der lippischen Landesherren, das Festhalten an traditionellen Wirtschaftsformen und die verspätete Anbindung an das Eisenbahnnetz auszumachen.

Industrielle Betriebe entstanden in Lippe zunächst in den Wirtschaftsbereichen Stärkeverarbeitung, Seidenspinnerei, Brauereiwesen, Zigarrenproduktion und Druckerei. Der größte Betrieb in Detmold war die 1865 gegründete Druckerei Gebrüder Klingenberg, die mit ihren im Steindruck gefertigten Zigarrendeckelbildern Weltruf erlangte. Kinderarbeit war die Regel; im Jahr 1878 wurden in Lippe 431 Kinder und Jugendliche in 54 Fabriken gezählt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Möbelindustrie, bedingt durch große Holzvorkommen in Lippe. Zu nennen sind die Firmen Hilker, Brand und Temde. Die erste deutsche Tischlerfachschule wurde in Detmold gegründet. Auch die Nahrungsmittelindustrie eröffnete zwei Betriebe, die Detmolder Kekswerke August Fricke und die Keksfabrik Pecher. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zunehmend zur Gründung von metallverarbeitenden Betrieben, wie der Firma Weidmüller, während Ende des 20. Jahrhunderts die Möbelindustrie ihren Niedergang erlebte.

Einer der größten Arbeitgeber ist die Firma Weidmüller, ein Hersteller von Komponenten für die elektrische Verbindungstechnik zur Übertragung von Energie, Signalen und Daten. Am Stammsitz in Detmold arbeiten etwa 1400 der weltweit 2600 Mitarbeiter. Das Unternehmen erzielte nach eigenen Angaben im Geschäftsjahr 2007 502 Millionen Euro Umsatz.

Die Wortmann Schuh-Holding KG gehört zu den führenden Schuhproduktions- und -vertriebsunternehmen in Europa. Im Geschäftsjahr 2005/2006 hat die Unternehmensgruppe einen konsolidierten Gesamtumsatz von 625,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Produkte der Wortmann-Gruppe werden weltweit in über 70 Ländern verkauft. Die Unternehmensgruppe ist mit eigenen Gesellschaften an zehn Standorten in Europa und weiteren zwölf in Asien vertreten. International werden über 680 Mitarbeiter beschäftigt. Hinzu kommen mehr als 27.000 Arbeitskräfte, die weltweit für die Wortmann-Gruppe produzieren. Bekanntestes Produkt der Wortmann Schuh-Holding KG ist die Schuhmarke Tamaris.

Die Jowat AG, gegründet 1919 in Detmold, stellt Klebstoffe für Anwendungen im Bereich der Holz- und Möbelindustrie, Papier- und Verpackungsindustrie, Grafischen Industrie und Buchbinderei, des Fahrzeugbaus, der Automobil- u. Automobilzulieferindustrie und der Technischen Textilien und Textilindustrie her. Das Unternehmen hat Tochterfirmen für die Produktion und den Vertrieb in 14 Ländern weltweit und beschäftigt über 600 Mitarbeiter.

Im Dienstleistungssektor ist die Versicherungsbranche wichtig für die Stadt Detmold, die Stammsitz dreier Versicherungsunternehmen ist, namentlich der Lippischen Landes-Brandversicherungsanstalt mit etwa 480 Mitarbeitern, sowie zweier hier ansässiger Tochterunternehmen aus dem Verbund der Versicherer im Raum der Kirchen, der Familienfürsorge Lebensversicherung und der Pax-Familienfürsorge Krankenversicherung mit zusammen etwa 340 Mitarbeitern. Ebenfalls dem Versicherungssektor zuzuordnen ist das Versicherungsmaklerunternehmen Ecclesia Versicherungsdienst GmbH mit etwa 500 Mitarbeitern in Detmold.

Weitere große Unternehmen sind die Stadtwerke Detmold GmbH mit einem jährlichen Umsatz von etwa 70 Millionen Euro, die etwa 80.000 Menschen (Stand 2005) versorgen und das Spaßbad Aqualip betreiben sowie die Sparkasse Detmold, die 2006 mit 796 Mitarbeitern eine Bilanzsumme von 2,905 Milliarden Euro erwirtschafteten. Im Lippischen Zeitungsverlag Giesdorf GmbH & Co. KG erscheint die regionale Tageszeitung Lippische Landes-Zeitung. Mit der 1863 gegründeten, inzwischen in der fünften Generation als Familienunternehmen geführte Brauerei Strate verfügt Detmold über eine traditionsreiche Biermarke. Seit 2005 gibt es in Detmold noch eine weitere Brauerei: Liebharts Privatbrauerei GmbH & Co. KG, die zur Unternehmensgruppe der Familie Liebhart rund um die Fruchtwerk Dr. Balke GmbH in Detmold gehört.

Ein bekanntes ehemals in Detmold ansässiges Unternehmen war die 1907 als Franz Hartmann Sinalco Aktiengesellschaft gegründete Gesellschaft, die unter wechselnden Inhabern und Namen bis 1987 in Detmold einen Betrieb unterhielt und noch heute innerhalb der Hövelmann-Getränkegruppe die Limonade Sinalco vertreibt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann die Stadt Detmold mit den Planungen für ein modernes Einkaufszentrum in Detmolds Innenstadt. Dies stieß bei den Bürgern und in der kommunalen Politik auf gespaltene Meinungen. Am 11. Juni 2006 kam es zu einem Bürgerentscheid, welcher aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung und der geringen Anzahl an Gegenstimmen scheiterte.

Der traditionelle Wochenmarkt findet dreimal wöchentlich (dienstags, donnerstags und samstags) am Markt- und Rathausplatz beim Donop-Brunnen statt. Aufgrund der Umgestaltung des Marktplatzes findet der Wochenmarkt zur Zeit im Rosental gegenüber dem Lippischen Landestheater statt.

Im Jahr 2007 gab es in Detmold über 69 Sportvereine, in denen 80 verschiedene Sportarten angeboten wurden. Die bekanntesten Vereine sind der TSV Detmold von 1911 und der Detmolder Turnverein von 1860.

Die große Zeit des TSV Detmold, der 1911 als FC Teutonia Detmold gegründet wurde, begann 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Höhepunkt war die Erringung der Westdeutschen Fußballmeisterschaft am 10. Juni 1950. Vor 14.000 Zuschauern gewann damals der TSV gegen Wuppertal-Kronenberg mit 5:1 auf dem Sportplatz unter den Pinneichen. In der Folgezeit konnte der TSV finanziell nicht mehr mit den größeren Vereinen mithalten und immer mehr Spieler wanderten ab, so dass er bis in die Landesliga und Bezirksliga abstieg. Heute spielt die 1. Fußballmannschaft in der Kreisliga B.

Außer dem TSV Detmold gibt es auch noch den Post SV Detmold.Dieser Verein nutzt den Werresportplatz in der Stadtmitte.Wenn Post SV Detmold und er TSV Detmold gegeneinander spielen spricht man oft vom Lokalderby.

Der Detmolder Turnverein von 1860 ist mit etwa 1000 Mitgliedern der größte Verein in Detmold und bietet unter anderem Kunstturnen, Basketball, Handball und Fechten an.

Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die in Detmold geboren wurden, zählen die Dichter und Schriftsteller Ferdinand Freiligrath (1810–1876) und Georg Weerth (1822-1856). Ebenfalls aus Detmold stammt Christian Dietrich Grabbe (1801–1836), der neben Georg Büchner der bedeutendste Erneuerer des deutschsprachigen Dramas seiner Zeit war. Joseph Plaut (1879–1966) war Schauspieler, Vortragskünstler, Sänger und Heimatdichter. Gebürtige Detmolder sind auch die Schauspielerin Iris Berben (* 1950) und der derzeitige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland und Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier (* 1956) sowie der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle (* 1963).

Wichtige Persönlichkeiten, die längere Zeit in Detmold lebten und arbeiteten, waren die Komponisten Albert Lortzing (1801–1851) und Johannes Brahms (1833–1897), der Politiker und Regierungspräsident Heinrich Drake (1881–1970), der Widerstandskämpfer Felix Fechenbach (1894–1933) und der Bass-Bariton Thomas Quasthoff (*1959).

Zu den Ehrenbürgern der Stadt zählen neben Politikern auch Wissenschaftler und Künstler, die in Detmold wirkten. Die bekanntesten davon sind der Erbauer des Hermannsdenkmals, Ernst von Bandel (1871), der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck (1895) und der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg (1917).

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Vizekanzler (Deutschland)

Der Begriff des deutschen Vizekanzlers bezeichnet einerseits den Stellvertreter des Reichskanzlers während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs sowie der Weimarer Republik, andererseits den Stellvertreter des Bundeskanzlers in der Bundesrepublik Deutschland.

Mit dem Stellvertretungsgesetz vom 17. März 1878 wurde der Reichskanzler ermächtigt, die Einsetzung eines Stellvertreters, der ihn im Falle einer Verhinderung vertritt bzw. seine Aufgaben wahrnimmt, beim Kaiser zu beantragen. Neben einem allgemeinen Stellvertreter, der für den gesamten Umfang der Geschäfte des Reichskanzlers ernannt wurde, konnten auch für einzelne Amtszweige, die der eigenen und unmittelbaren Verwaltung des Reiches unterstehen, die Vorstände der obersten Reichsbehörden als Vertreter des Kanzlers im ganzen Umfang oder in einzelnen Teilen ihres Geschäftskreises berufen werden. Die Rechte des Reichskanzlers blieben jedoch unangetastet, er konnte auch während einer Stellvertretung alle Amtshandlungen selbst vornehmen. Durch ein Änderungsgesetz vom 28. Oktober 1918 wurde das Stellvertretergesetz an die neuen politischen Gegebenheiten angepasst, u. a. wurde dem Vizekanzler jederzeit Gehör im Reichstag zugesichert und die Vertretung für einzelne Amtszweige gestrichen.

In der Regel oblag die allgemeine Vertretung des Reichskanzlers dem Staatssekretär des Reichsamtes des Innern, lediglich Stolberg-Wernigerode, Helfferich und von Payer bildeten hier eine Ausnahme. Gleichzeitig war die Hälfte der Vizekanzler auch Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums.

In der Weimarer Republik war der Stellvertreter des Reichskanzlers meist der Reichsinnen- oder der Reichsjustizminister. In der Weimarer Verfassung wird er nicht erwähnt.

Nach dem Rücktritt Papens blieb das Vizekanzleramt während der Zeit des Nationalsozialismus unbesetzt.

Der Vizekanzler, offiziell als Stellvertreter des Bundeskanzlers bezeichnet, hat nach Art. 69 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) die Aufgabe, die Befugnisse des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland für den Fall seiner Verhinderung wahrzunehmen. Er rekrutiert sich aus dem Kreis der Bundesminister und wird vom Bundeskanzler ernannt, an dessen Weisungen er gebunden ist. Die Vertretungsvollmacht des Vizekanzlers erstreckt sich grundsätzlich auf alle Aufgaben bzw. Rechte des Kanzlers. Umstritten ist jedoch, ob dies auch für die Vertrauensfrage gilt.

In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es bisher nur einen Fall, bei dem der Vizekanzler kommissarisch das Amt des Bundeskanzlers ausübte: Walter Scheel war vom 7. bis zum 16. Mai 1974 amtierender Bundeskanzler, nachdem Willy Brandt zurückgetreten war und den Bundespräsidenten gebeten hatte, ihn von der Weiterführung seiner Aufgaben nach Art. 69 Abs. 2 GG sofort zu entbinden. Diese Regelung war nahe liegend, aber nicht zwangsläufig: Gemäß Art. 69 Abs. 3 GG kann jeder Bundesminister „auf Ersuchen des Bundeskanzlers oder des Bundespräsidenten“ verpflichtet werden, die Geschäfte bis zur Ernennung eines neuen Bundeskanzlers kommissarisch weiterzuführen. Dies gilt sowohl nach Rücktritt oder Tod des Bundeskanzlers als auch nach Neuwahl des Bundestages.

Mit kurzen Unterbrechungen (1982, 1992–1993, 2005–2007) ist seit 1966 stets der Bundesaußenminister auch Vizekanzler. Dies hat den diplomatischen Vorteil, dass der deutsche Bundesaußenminister als stellvertretender Regierungschef in der Regel das höchstrangige Mitglied auf Außenministerkonferenzen war. Da Deutschland aufgrund der Sondersituation der beschränkten Souveränität und staatlichen Teilung in zahlreiche internationale Organisationen vergleichsweise spät eintrat, konnte dadurch der deutsche Vertreter in der Rangliste mit den Vertretern der Gründungsstaaten der jeweiligen Organisation gleichziehen. Ein Nachteil der Verbindung ist, dass der Bundesaußenminister derjenige Minister ist, der am wahrscheinlichsten auf einer Auslandsreise ist, wenn das Bundeskabinett tagt. Praktisch aber muss sich ein Bundeskanzler eher selten vertreten lassen.

Da in einer Koalition meist die zweitstärkste Regierungspartei den Vizekanzler stellt (die stärkste stellt den Bundeskanzler), wird dieses Amt nur selten von einem Mitglied von CDU/CSU oder SPD besetzt. Von dieser Regel gab es bisher nur sechs Ausnahmen, von denen zwei zudem nur für einen kurzen Zeitraum galten: Nach der Bundestagswahl 1957, bei der die Unionsparteien die absolute Mehrheit errangen, stellte die CDU mit Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sowohl den Kanzler als auch dessen Stellvertreter. Im November 1966 amtierte der CDU-Politiker Hans-Christoph Seebohm kurzzeitig als Vizekanzler. Mit Willy Brandt (1966 bis 1969), Franz Müntefering (2005 bis 2007) und Frank-Walter Steinmeier (seit 2007) wurden dreimal Sozialdemokraten zum regulären Vizekanzler ernannt, jeweils im Rahmen einer Großen Koalition unter Führung eines CDU-Bundeskanzlers. Der Sozialdemokrat Egon Franke war 1982 für zwei Wochen Stellvertreter des SPD-Bundeskanzlers Helmut Schmidt, nachdem die FDP-Minister von ihren Ämtern zurückgetreten waren, womit auch das Amt des Vizekanzlers vakant geworden war, das bis dahin der Liberale Hans-Dietrich Genscher inne hatte.

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Source : Wikipedia